Wahrnehmungsverzerrung
Prof. Dr. Melanie Misamer
veröffentlicht am 26.03.2026
Eine Wahrnehmungsverzerrung ist ein systematischer Fehler der subjektiven Wahrnehmung, also des Erkennens und Beurteilens der äußeren Welt.
Überblick
- 1 Zusammenfassung
- 2 Begriffserklärung
- 3 Zwei-Systeme-Modell
- 4 Mechanismen von Wahrnehmungsverzerrungen
- 5 Auswirkungen von Wahrnehmungsverzerrungen
- 6 Bedeutung für die Praxis von Sozial‑ und Gesundheitsberufen
- 7 Strategien zum Umgang
- 8 Quellenangaben
- 9 Literaturhinweise
1 Zusammenfassung
Wahrnehmungsverzerrungen als systematische Fehler der Wahrnehmung sind allgemein verbreitet und treten in jeglichen sozialen Kontexten auf, beruflich wie auch privat. Zum einen, weil Menschen nicht immer präzise wahrnehmen, denn eigene Erfahrungen, Denkmuster und Vorstellungen (zusammenfassbar unter kognitive Schemata) werden Teil eigener Einstellungen und können die Wahrnehmung beeinflussen (Werth und Mayer 2008). Und zum anderen, weil Menschen (im Sinne des naiven Realismus) oft davon ausgehen, dass andere ihre Sicht auf die Wirklichkeit teilen und diese Annahme gleichzeitig selten infrage stellen (Kahneman et al. 2021). Das erschwert das Erkennen von eigenen Wahrnehmungsverzerrungen, während sie bei anderen leichter erkannt werden. Entsprechend kann es deutlich schwerfallen, die eigenen Überzeugungen, Wünsche und Urteile zu hinterfragen (Kahneman 2012). Wissen um und ein Austausch über Wahrnehmungsverzerrungen und daraus resultierende mögliche Urteilsfehler können zur Selbstreflexion und Qualitätsentwicklung in sozialen und gesundheitlichen Berufen beitragen. Nach Kahneman (2012) kann dies das Bewusstsein für eigene Verzerrungen schärfen und somit die professionelle Praxis verbessern. Schlussendlich ist die Auseinandersetzung mit Wahrnehmungsverzerrungen ein wichtiger Bestandteil der akademischen Ausbildung und der professionellen Praxis.
2 Begriffserklärung
Wahrnehmung ist „der Prozess der Reizaufnahme und ‑verarbeitung durch die Sinnesorgane. Sie dient der Orientierung in der Umwelt, der Informationsgewinnung und dem Erkennen der äußeren Welt“ (Balz 2024). Der Begriff umfasst kognitive und soziale Prozesse, die zu fehlerhaften oder einseitigen Urteilen führen (Kahneman 2012; Kahneman et al. 2021). Der systematische Fehler wird auch Bias genannt und ist sich wiederholend und damit in gewisser Weise vorhersehbar. Beispiele hierfür sind unter anderem der Bestätigungsfehler, der Attributionsfehler und der Halo-Effekt.
Ergänzende Begriffe und Synonyme:
- Kognitive Schemata: Kognitive Schemata sind mentale Wissensstrukturen wie Erfahrungen, Denkmuster und Vorstellungen, die Ergebnis wiederholter Erfahrungen oder immer wiederkehrender Abläufe sind. Sie helfen, die Wahrnehmungen zu ordnen, fehlende Informationen zu ergänzen und Erwartungen über zukünftige Ereignisse zu entwickeln (Misamer 2019, S. 19 f.)
- Bias: Bias sind systematische Fehler bzw. Verzerrungen bei der Informationsverarbeitung durch Rückgriff auf Heuristiken (Urteilsfehler, Lexikon der Psychologie o.J.)
- Heuristik: Heuristiken sind verkürzte Schlussfolgerungen. Der Vorteil einer Heuristik ist, dass sie ressourcensparend zu Schlussfolgerungen mit hinreichender Güte führen kann. Allerdings besteht auch die Gefahr, gerade in komplexeren Situationen systematisch verzerrte und voreilig falsche Schlüsse zu ziehen (Lexikon der Psychologie o.J.)
- Noise: Noise liegt vor, wenn ein Urteilsfehler nicht auf eine systematische Verzerrung zurückzuführen ist, sondern sich zufällig ergibt. Es ist das zufällige „Rauschen“, das neben kognitiven Verzerrungen, Bias und fehlerhaften verkürzten Schlussfolgerungen zu Fehleinschätzungen führt (Kahneman et al. 2021).
3 Zwei-Systeme-Modell
Aus sozialpsychologischer Perspektive läuft die Urteilsbildung überwiegend (zu 65 %) automatisch ab; das zeigt die Studie von Rebar et al. (2025, S. 9). Es gibt verschiedene Versuche, die Wahrnehmung des Menschen als Modell abzubilden (z.B. Evans und Frankish 2009; Stanovich und West 2000; Kahneman 2012). Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat mit seinem Zwei-System-Modell eines der anschaulichsten Modelle vorgeschlagen, das sich begrifflich an Stanovich orientiert. Es wurde zwischenzeitlich durch verschiedenste Studien empirisch untermauert. In dem Modell werden zwei Denkmodi unterschieden:
System 1 – Schnelles Denken: repräsentiert das schnelle, automatische, intuitive Denken, das mit gelernten Mustern arbeitet, unbewusst und mühelos abläuft.
System 2 – Langsames Denken: repräsentiert das bewusste, langsame, anstrengende und analytische Denken, das sich bei komplexen Herausforderungen „einschaltet“ (s. Abb. 1).
Das Schnelle Denken (System 1) produziert größtenteils Zutreffendes, jedoch manchmal auch schwerwiegende und insbesondere systematische Fehler in Form von Wahrnehmungsverzerrungen. Die meisten Urteile und Entscheidungen, so Kahneman, basieren auf System 1. Erst wenn Unsicherheit oder kognitive Dissonanz (ein unangenehmes Gefühl, ausgelöst durch widersprüchliche Gedanken, Gefühle, Überzeugungen oder Verhaltensweisen) entstehen, schaltet sich System 2 zur genaueren Prüfung ein. Dabei ist es nicht möglich, System 1 zu umgehen oder zu deaktivieren. Seine Vorschläge (z.B. schnelle Urteile und Heuristiken) werden meist von System 2 übernommen, ohne geprüft zu werden. Eine Prüfung findet erst statt, wenn ein Grund besteht, wie eine Unsicherheit bezüglich einer Einschätzung oder ein dissonantes Gefühl (ebd.).
Dementsprechend können Wahrnehmungsverzerrungen als Folge der Arbeitsteilung zwischen beiden Systemen – zwischen Effizienz versus Genauigkeit – entstehen, weil System 1 heuristisch und intuitiv agiert. Das lässt sich an bekannten visuellen Illusionen wie der Müller-Lyer-Illusion illustrieren, bei der intuitive Einschätzungen dem objektiven Wissen widersprechen. Die Müller-Lyer-Illusion besteht aus zwei gleich langen Linien, wobei die eine Linie an den Enden durch Pfeile nach innen und die andere Linie an den Enden durch Pfeile nach außen versehen ist, wodurch die Linien optisch ungleich lang wirken und unterschiedlich wahrgenommen werden. Insofern ist der eigenen intuitiven Wahrnehmung nicht immer zu trauen (Kahneman 2012). Solche intuitiven Fehleinschätzungen finden sich in vielen Praxisfeldern wie u.a. dem Rechtswesen, in der Medizin, in der Politik und in Organisationen, wo sie für Fehlentscheidungen verantwortlich sind. Sie führen zu den systematischen und domänenübergreifenden Verzerrungen (Bias) wie z.B.:
- dem Bestätigungsfehler, der die Tendenz beschreibt, Informationen zu suchen, zu interpretieren und zu erinnern, die die eigenen bereits bestehenden Überzeugungen oder Erwartungen bestätigen (z.B. ein Adressierter der Wohngruppe hat früher einmal etwas gestohlen und wenn heute etwas fehlt, wird vermutet, dass diese Person es entwendet haben wird).
- dem Attributionsfehler wie dem fundamentalen Attributionsfehler, der die menschliche Neigung beschreibt, das Verhalten anderer Menschen primär durch ihre Persönlichkeit zu erklären (z.B. die Person kam zu spät, weil sie ein unpünktlicher Mensch ist), dabei jedoch situative Einflüsse nicht genügend zu beachten (z.B. die Person kam zu spät, weil der Bus verspätet an der Haltestelle eintraf).
- dem Halo-Effekt, der die Tendenz beschreibt, von einer bekannten Eigenschaft eines Menschen auf unbekannte weitere Eigenschaften zu schließen (z.B. eine Person trägt eine Brille, also muss sie intelligent sein).
Das Langsame Denken (System 2) kann solche Fehler zwar erkennen und korrigieren, sofern sie auffallen, aber dieser Prozess ist langsam, ressourcenaufwändig und wird im Alltag nur aktiviert, wenn in einer Form Unsicherheit oder Dissonanz bemerkt werden. Dabei beeinflussen Wahrnehmungsverzerrungen durchaus den alltäglichen professionellen Umgang mit Adressierten, sie reduzieren die eigene Reflexionsfähigkeit (weil Reflexion auf Basis von verzerrten Einschätzungen nicht richtig funktionieren kann) und damit schlussendlich auch die Qualität der Entscheidungen in der Sozialen Arbeit. Wird sich jedoch die Mühe gemacht und verstärkt geübt, systematische Fehler über die Aktivierung des Langsamen Denkens zu erkennen, zu benennen und zu reflektieren, kann erlernt werden, diese im besten Fall zu reduzieren oder zu kompensieren.
4 Mechanismen von Wahrnehmungsverzerrungen
System 1 arbeitet schnell, automatisch, intuitiv, mit gelernten Mustern und mühelos. Es ist im Alltag in der Regel hilfreich und erstellt zwar kohärente, aber nicht immer korrekte Deutungen (Kahneman 2012). So werden z.B. auch fehlende Informationen ergänzt (vgl. Misamer 2019, S. 19 f. zu kognitiven Repräsentationen). Dass hierdurch Wahrnehmungsverzerrungen entstehen können, hat mehrere Gründe, wie zum Beispiel:
- Es wird nicht erkannt, dass Informationen fehlen: Das WYSIATI-Prinzip (What you see is all there is) führt dazu, dass Einschätzungen und Urteile auf Basis der unmittelbar verfügbaren Informationen getroffen werden. Das heißt, nur diese Informationen werden herangezogen, aber eventuell fehlende Informationen werden übersehen oder nicht hiernach recherchiert. Dementsprechend werden alternative Deutungen selten reflektiert oder für eine Einschätzung herangezogen. Dass Informationen fehlen, wird in diesem Prozess in der Regel nicht bemerkt. Eine getroffene Einschätzung auf Basis fehlender Informationen, kann zu Wahrnehmungsverzerrungen und infolgedessen zu Fehlurteilen führen (Kahneman 2012).
- Soziale Faktoren: Bestätigung durch das Kollegium, als soziale peer group mit gemeinsam geteilten institutionellen sozialen Normen können eine Übereinstimmung verstärken und damit eigene Überzeugungen an die der peer Group angleichen. Eventuell wäre die eigene Einschätzung ursprünglich anders ausgefallen. Das Phänomen wird als ‚illusion of agreement‘ bezeichnet (Kahneman 2012).
- Die Stimmungslage beeinflusst die Einschätzung: Eine gute Stimmung wird oft mit positiven Aspekten assoziiert und eine negative Stimmung mit negativen Aspekten. Beim Denken zeigt sich jedoch ein kontraintuitives Bild: Eine positive Stimmung macht unkritischer und lässt das System 1 verstärkt auftreten. Eine negative Stimmung lässt mehr analytisches Denken des Systems 2 auftreten, wodurch Informationen kritischer geprüft werden (Kahneman 2012). Dementsprechend sollte bei Einschätzungen die aktuelle Stimmungslage berücksichtigt werden. Andersherum kann eine negativere Stimmung, z.B. ausgelöst durch Hunger, auch negativere oder strengere Einschätzungen verstärken, das hat sich in einer Studie mit 167 Richter:innen gezeigt (Danziger et al. 2011).
- Komplexitätsreduktion und mentale Erleichterung durch Heuristiken: In einer schnell ablaufenden und immer komplexer werdenden Welt, in der im Alltag schnell reagiert werden muss, erleichtern schnelle Urteile das soziale Funktionieren. Heuristiken können jedoch auch zu stereotypen Einschätzungen führen, die in sozialen Kontexten Benachteiligung begünstigen können (Kahneman 2012).
5 Auswirkungen von Wahrnehmungsverzerrungen
Für Individuen und Gruppen wie auch gesamtgesellschaftlich sind die Auswirkungen von Wahrnehmungsverzerrungen von großer Bedeutung. Erforscht wurden Wahrnehmungsverzerrungen und ihre Auswirkungen bisher in der Psychologie, in der Politikwissenschaft, in der Rechtswissenschaft, in der Ökonomie (Roberto und Grechenig 2011) und in der Forensik (Weber et al. 2024). Insbesondere für vulnerable Personen(gruppen), die sich oftmals in asymmetrischen Beziehungsstrukturen befinden, wie Adressierte Sozialer Arbeit oder Patient:innen in der Pflege oder Medizin, können sich diese besonders negativ auf ihre Teilhabe‑ und Partizipationsmöglichkeiten auswirken (Misamer 2025). Asymmetrische Machtverhältnisse – sofern sie destruktiv und nicht konstruktiv sind – ziehen oftmals Benachteiligungen für die jeweils schwächeren Akteure nach sich (Misamer 2023). Nach dem multidisziplinären dimensionalen Machtkonzept lässt sich Macht in einem Spektrum zwischen konstruktiver und destruktiver Machtanwendung unterscheiden (zu konstruktiver und destruktiver Machanwendung in Verbindung mit Wahrnehmungsverzerrungen und Machtanwendung, siehe Materialienbeitrag zur Machtsensibilität). In der folgenden Tabelle sind einige machtspezifische Aspekte im Hinblick auf Wahrnehmungsverzerrungen dargestellt:
| Individuelle Ebene | Gruppenebene | Gesellschaftliche Ebene | |
|---|---|---|---|
| Entstehung | Verzerrungen können durch individuelle Wahrnehmungen und Deutungen z.B. im Rahmen asymmetrischer (Macht- )Beziehungen entstehen | Verzerrungen können durch Gruppenprozesse wie z.B. durch Konformitätsdruck entstehen | Verzerrungen entstehen und wirken strukturell und institutionell, z.B. durch gesetzliche und organisationale Regelungen oder unterschiedliche Ressourcenzugänge |
| Asymmetrische Machtbeziehung | Fachkräfte nehmen aufgrund ihrer Fach‑ und Entscheidungsmacht sowie Deutungshoheit oft eine statushöhere, teilweise kontrollierende Rolle gegenüber Adressierten/​Patient:innen ein | Gruppen tendieren dazu, abweichende Individuen (z.B. bestimmte Adressierten-/​Patient:innengruppen) auszuschließen und eigene Sichtweisen zu bestätigen | Gesellschaftliche und institutionelle Machtausübung kann zu systematischer Benachteiligung bestimmter Adressierten-/​Patient:innengruppen führen |
| Mögliche Folgen |
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(Tabelle auf Basis des Abschnitts „Probleme für die Teilhabe durch Machtdynamiken“ aus Misamer 2025)
Wahrnehmungsverzerrungen können unwillentlich und unwissentlich die professionelle Wahrnehmung und Entscheidungsfindung beeinflussen, z.B. in der (sozialen) Diagnostik, der Beratung oder der Intervention. Eine Reflexion und Sensibilisierung für Wahrnehmungsverzerrungen ist demnach ein zentraler Aspekt für die weitere Qualitätsentwicklung der Profession, für den fairen Umgang mit Adressierten und Patient:innen und die Professionalität in sozialen und gesundheitsbezogenen Berufen.
6 Bedeutung für die Praxis von Sozial‑ und Gesundheitsberufen
Im Folgenden werden Beispiele für verschiedene Sozial‑ und Gesundheitsberufen gegeben, wie sich Wahrnehmungsverzerrungen, wie der Bestätigungsfehler, der Attributionsfehler oder der Halo-Effekt, in der Arbeitspraxis darstellen und auswirken können.
Der Bestätigungsfehler im Fallmanagement der Sozialen Arbeit
Die Sozialarbeiterin, Frau Hill, betreut einen Klienten, Herrn Norden, der beim ersten Beratungstermin der Allgemeinen Sozialberatung Anträge erst nach mehrmaligem Bitten ausfüllt. Frau Hill könnte jetzt dazu neigen, diese erste Einschätzung „Herr Norden ist nicht motiviert“ immer wieder bestätigt zu sehen und keine andere Deutung mehr zuzulassen, obwohl ihr Adressierter regelmäßig telefonischen Kontakt sucht und sich nach anderen Hilfsangeboten erkundigt. Hierdurch könnte ein negativer, sich selbst verstärkender Kreislauf entstehen, der dazu führen würde, dass Herr Norden von Frau Hill anders wahrgenommen wird, was ein gemeinsames konstruktives Arbeiten erschweren würde.
Der fundamentale Attributionsfehler im interprofessionellen Team
Ein interprofessionelles Behandlungsteam im Krankenhaus, das sich u.a. aus Ärzt:innen, Pflegefachpersonen und Physiotherapeut:innen zusammensetzt, bespricht bei einer Visite die Versorgungssituation von Herrn Klein. Herr Klein hat sich nach einer Hüftoperation langsamer erholt als erwartet. Die Physiotherapeutin, Frau Müller, teilt mit, dass Herr Klein häufig unpünktlich zu verabredeten Therapiezeiten in den Räumen der Physiotherapie erscheint. Einige Teammitglieder reagieren verärgert und vermuten, Herr Klein sei unmotiviert und desinteressiert an seiner Genesung. Insbesondere ein Arzt führt die mangelnde Bereitschaft, mitzuarbeiten, vorrangig auf die Persönlichkeit von Herrn Klein zurück und meint, er nehme die Therapie wegen seiner Unzuverlässigkeit nicht ernst. Erst als eine Pflegekraft während der Visite dazukommt, wird deutlich, dass Herr Klein insbesondere morgens auf Hilfe bei der Körperpflege angewiesen ist, was zu Überschneidungen mit den Therapiezeiten führt. Durch diesen Hinweis wird deutlich, dass das Verhalten von Herrn Klein nicht allein durch seine Persönlichkeit, sondern wesentlich durch situative Faktoren beeinflusst wurde. Der Attributionsfehler bestand darin, die Ursache seines Verhaltens vorschnell im Charakter zu sehen und die situativen Einflüsse zu vernachlässigen.
Der Halo-Effekt bei der Pflegeplanung im Krankenhaus
Frau Imbs ist 84 Jahre alt und wird nach einem Sturz ins Krankenhaus aufgenommen. Sie ist adrett gekleidet, ihr Haar ist ordentlich frisiert, ihre Kleidung ist sauber und ihre Fingernägel sind gepflegt. Der diensthabende Pflegefachmann, Herr Christ, lernt Frau Imbs erstmals während der morgendlichen Pflegevisite kennen. Aufgrund ihres gepflegten Äußeren und ihrer höflichen Umgangsformen schließt Herr Christ, dass Frau Imbs selbstständig agieren kann und orientiert ist. Entsprechend diesem Eindruck dokumentiert Herr Christ im Aufnahmebogen zur Pflegeplanung zunächst keine besonderen Unterstützungsbedarfe, sondern lediglich standardisierte Hilfen wie die Unterstützung beim Gehen. Erst im weiteren Verlauf fällt dem Pflegeteam auf, dass Frau Imbs wiederholt Gegenstände verlegt, Termine vergisst und sich auf der Station nur schwer zurechtfindet. Bei einer ausführlicheren Anamnese stellt sich heraus, dass Frau Imbs unter einer beginnenden Demenz leidet und deutlich mehr Unterstützung benötigt, als Herr Christ zunächst angenommen hatte. Infolge des Halo-Effekts, bei dem von einer Eigenschaft auf weitere unbekannte Eigenschaften geschlossen wird, können so wichtige Bedarfe übersehen werden, wodurch die Pflegeplanung unzureichend bleibt.
Die o.g. Beispiele durchliefen eine Mehr-Augen-Prüfung: Nach Rücksprache mit Prof. Dr. Sinje Gehr (Fachbereich Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit) und Prof. Dr. Shiney Franz (Fachbereich Pflege) wurden die genannten Beispiele als realistische Praxisbeispiele eingeschätzt.
7 Strategien zum Umgang
Ein Ziel für die Arbeitspraxis ist das Erkennen und Reduzieren von Wahrnehmungsverzerrungen. Denn diese Verzerrungen beeinträchtigen die Entscheidungsfindung, schränken die Reflexionsfähigkeit ein oder führen dazu, dass relevante Aspekte übersehen werden, was letztlich die Qualität der Arbeit reduziert. In diesem letzten Abschnitt soll daher eine Kombination aus individuellen und organisationsstrukturellen Strategien in Form von Stichpunkten vorgestellt werden, durch die Wahrnehmungsverzerrungen in der Arbeitspraxis erkannt und reduziert werden können. Der Fokus liegt hierbei auf dem Wissenserwerb zum Thema, der Bewusstmachung eigener Denkweisen, der aktiven Perspektivenübernahme, der strukturierten Entscheidungsfindung und ‑überprüfung und der Förderung einer lernenden Organisation. Wichtig zu erwähnen bleibt, dass das Bemühen um eine Reduzierung von Wahrnehmungsverzerrungen ein kontinuierlicher Prozess ist, der zwar Aufwand erfordert, aber lohnenswert ist.
- System 2 bewusst aktivieren
- Eine Sensibilität für Situationen kultivieren, in denen Unsicherheiten und Dissonanzen wahrgenommen werden
- Die bewusste Aktivierung von Langsamen Denken fördern
- Komplexe Situationen bewusst analysieren
- Mehr Zeit für Entscheidungen einplanen
- Förderung einer offenen Fehlerkultur und Bereitschaft zur Selbstkritik
- Fehler als Lernchance begreifen
- Klare Kommunikation von Fehlern und deren Ursachen; Sachverhalte benennen, nicht auf persönlicher Ebene kritisieren
- Vermeidung von Schuldzuweisungen
- Mit anschließendem Fokus auf konstruktiver (ggf. gemeinsamer) Lösungssuche
- Eine offene Fehlerkultur kann sowohl in hochschulischen Lehrveranstaltungen als auch in der Arbeitspraxis im Rahmen von Teambesprechungen gefördert werden
- Bewusstmachung eigener Denkmuster und Verzerrungen (z.B. durch Feedback, Selbstreflexion oder das Einnehmen einer Metaperspektive)
- Regelmäßig Selbstreflexionstagebücher führen
- Supervision und Coaching nutzen, um unbekannte Flecken zu erkennen
- Denkeinsicht durch das Erkennen von Unsicherheiten und kognitiven Dissonanzen fördern
- Einsatz von Bias-Tests, um eigene Neigungen zu erkennen
- Bias-Spiele im Team spielen
- Perspektivwechsel (z.B. durch die Anwendung der Methode „Johari-Fenster“)
- Aktives Einholen anderer Sichtweisen
- Abgleich zwischen Selbst‑ und Fremdwahrnehmung
- Erkennen von eigenen blinden Flecken
- Berücksichtigung von Diversität und kulturellen Hintergründen
- Schulung von Empathie und Perspektivenübernahme
- Fachlicher Austausch im Team und kollegialer Diskurs als Korrektiv
- Fallbesprechungen mit Fokus auf mögliche Verzerrungen durchführen
- Interdisziplinäre Teams nutzen, um verschiedene Perspektiven einzubeziehen
- Nutzung der „Devil's Advocate“-Technik: Eine Person nimmt bewusst eine kritische Position ein
- Einsatz von Methoden zur Entscheidungsüberprüfung
- Nutzung von Checklisten, Entscheidungsbäumen, strukturierter Falldokumentation
- Protokollierung von Begründungen für Entscheidungen
- Nutzung von evidenzbasierten Methoden, Instrumenten und Leitlinien
- Durchführung einer Post-hoc-Analyse von getroffenen Entscheidungen im Sinne von „Was wurde richtig gemacht?“ und „Was kann verbessert werden?“
- Kritisches Hinterfragen von Stereotypen und Routinen in der Fallarbeit
- Hinterfragen von Annahmen und Vorurteilen
- Bewusstes Aufbrechen von Routinen
- Schulungen zu Wahrnehmungsverzerrungen und ihren möglichen Auswirkungen
- Machtsensibilität
- Analyse von Machtdynamiken im Arbeitskontext
- Reflexion der eigenen Position, eigener stereotyper Vorstellungen und eigener Entscheidungsfindungsprozesse
- Bewusste Förderung konstruktiver Machtanwendung (wie z.B. Partizipations‑ und Selbstbestimmungsförderung bei Adressierten)
- Implementierung von Richtlinien und Prozessen zur Reduktion von Wahrnehmungsverzerrungen
- Standardisierte Vorgehensweisen, die helfen, systematische Fehler zu vermeiden
- Einführungen von Weiterbildungen zum Thema „Wissen über“ sowie „Umgang mit“
- Etablierung von Qualitätskontrollmechanismen
8 Quellenangaben
Danziger, Shai, Jonathan Levav und Liora Avnaim-Pesso, 2011. Extraneous factors in judicial decisions. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 108(17), S. 6889–6892. ISSN 1091-6490 DOI: https://doi.org/10.1073/pnas.1018033108
Evans, Jonathan St. B. T. und Keith Frankish, Hrsg., 2009. In two minds: Dual processes and beyond. New York: Oxford University Press. ISBN 978-0-1916-9644-2 DOI: https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780199230167.001.0001
Fatfouta, Ramzi und Vanessa Wälzer, 2024. Unconscious Bias: 50 Impulse für die diversitätssensible Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa. ISBN 978-3-7799-7885-5
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Kahneman, Daniel, Oliver Sibony und Cass R. Sunstein, 2021. Noise: Einflüsse von Zufall und Verzerrungen im Entscheidungsprozess. München: Siedler Verlag. ISBN 978-3-8275-0123-3 [Rezension bei socialnet]
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Misamer, Melanie, 2019. Macht und Machtmittel in der Schule: Eine empirische Untersuchung. Lage: Jacobs Verlag. ISBN 978-3-89918-266-8
Misamer, Melanie, 2023. Machtsensibilität [online]. socialnet Materialien. Bonn: socialnet [Zugriff am: 19.03.2026]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/materialien/​29731.php
Misamer, Melanie, 2025. Teilhabe und Macht: Wie durch Machtsensibilität Teilhabe gefördert und Ausgrenzung verringert werden kann. In: EthikJournal. 2025(2), S. 31–53. ISSN 2196-2480
Misamer, Melanie und Marcel Hackbart, 2021. Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit mit Bezügen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. In: Marcel Hackbart, Hrsg. Gesunde Vielfalt pflegen: Ansätze zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Prävention, Intervention und Rehabilitation. Göttingen: Waldschlösschen Verlag, S. 97–111. ISBN 978-3-937977-22-5
Rebar, Amanda L., Grace Vincent, Katya Kovac Le Cornu und Benjamin Gardner, 2025. How habitual is everyday life? An ecological momentary assessment study. In: Psychology & Health. 2025, S. 1–26. ISSN 0887-0446 DOI: https://doi.org/10.1080/08870446.2025.2561149
Roberto, Vito und Kristoffel Grechenig, 2011. Rückschaufehler («Hindsight Bias») bei Sorgfaltspflichtverletzungen. In: Zeitschrift für Schweizerisches Recht: ZSR. 130(1), S. 5–26. ISSN 2674-0206. Verfügbar unter: https://ssrn.com/abstract=2403468
Stanovich, Keith E. und Richard F. West, 2000. Individual differences in reasoning: Implications for the rationality debate. In: Behavioral and Brain Sciences. 23(5), S. 645–665. ISSN 1469-1825 DOI: https://doi.org/10.1017/s0140525x00003435
Weber, Michael A., Jana N. Albrecht, Jiri Endrass, Dominique Humbel, Damaris R. Meier, Jay P. Singh und Jana Gerth, 2024. Hindsight Bias in Forensic Mental Health Novices and Experts: An Exploratory Study. In: Journal of Forensic Psychology Research and Practice. 2024, S. 1–17. ISSN 2473-2842 DOI: https://doi.org/10.1080/24732850.2024.2396991
Werth, Lioba und Jennifer Mayer, 2008. Sozialpsychologie. Heidelberg: Spektrum. ISBN 978-3-8274-1547-9
9 Literaturhinweise
- Fatfouta, Ramzi und Vanessa Wälzer, 2024. Unconscious Bias: 50 Impulse für die diversitätssensible Arbeit. Beltz Verlag. ISBN 401-9-1724-0022-4
Verfasst von
Prof. Dr. Melanie Misamer
Professorin für Methoden und Konzepte Sozialer Arbeit in der Gesundheitsförderung
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ORCID: https://orcid.org/0000-0002-8811-7451
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