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Waldkindergarten

Prof. Dr. Rolf Schwarz

veröffentlicht am 18.09.2020

Ein Waldkindergarten ist eine Form von Kindertagesstätte, deren tages- wie jahreszeitlich häufigster Aufenthaltsraum der Wald ist.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Typen von Waldkindergärten
  3. 3 „Den“ Waldkindergarten gibt es nicht
  4. 4 Funktionen und Effekte des Waldes
  5. 5 Pädagogische Begründungen für den Waldkindergarten – geschichtlicher Überblick
  6. 6 Typische Erziehungsziele von Waldkindergärten
  7. 7 Waldpädagogische Inhalte, Methoden und Räume
    1. 7.1 Inhalte
    2. 7.2 Methoden
    3. 7.3 Räume
  8. 8 Welche speziellen Anforderungen muss der Betrieb eines Waldkindergartens erfüllen?
  9. 9 Anforderungen an die waldpädagogische Fachkraft
  10. 10 Qualitätsmerkmale und Standards im Waldkindergarten
  11. 11 Quellenangaben
  12. 12 Literaturhinweise
  13. 13 Informationen im Internet

1 Zusammenfassung

Mit dem Draußenraum Wald einher geht einerseits die rechtliche Sonderstellung, z.B. mit Blick auf Naturschutz, Unfallrecht oder Hygienemaßnahmen. Andererseits leiten sich aus den Besonderheiten des Ökosystems Wald die für Waldkindergärten spezifischen Ziele, Inhalte, Methoden und verwendeten Materialien ab, die deshalb besondere Anforderungen an die FrühpädagogInnen stellen. Die erhöhten Qualitätsansprüche werden bisweilen durch verschiedene Zertifikate überprüft und gesichert.

2 Typen von Waldkindergärten

In Deutschland gibt es, bis ins Jahr 2020 auf Basis einer systematischen Erhebung hochgerechnet, mittlerweile über 800 Waldkindergärten (ohne Naturkindergärten), zertifizierte wie nicht zertifizierte (Schwarz 2017). Diese sind zu unterscheiden von den Waldkrippen, die Kinder bereits ab einem Alter zwischen 18 und 36 Monaten aufnehmen. Aufgrund der geringeren Belastbarkeit der Krippenkinder werden sie meist nur bis zur Mittagszeit betreut. Mittlerweile gibt es bundesweit eine zunehmende Zahl von Waldkrippen (n > 60). Bei einer Einrichtung, die beide Betreuungsformen (Krippe und Kindergarten) verbindet, ist deshalb korrekter Weise von Waldkindertagesstätte zu sprechen.

Kindergärten werden in den jeweiligen Landesgesetzen ebenfalls durch das Alter eingegrenzt und umspannen den Zeitraum von meist 3 bis 6 Jahren. Innerhalb des Hauptkriteriums Alter unterscheidet das zweite Begriffskriterium, die Aufenthaltsdauer im Wald selbst, über die beiden Untertypen des Waldkindergartens (Miklitz 2007, 2011; Del Rosso 2010):

  1. Klassischer oder reiner Waldkindergarten
    • Rund 75 % bis (theoretisch) 100 % findet der Aufenthalt im Draußenraum Wald statt;
    • Damit einher geht eine größtmögliche Wetterresistenz;
    • Der Kindergarten ist auf einem Basislager organisiert (nicht überdachter oder eingefriedeter Platz), das in Abstimmung mit dem örtlichen Forstamt und/oder privaten Waldbesitzer ausgesucht wird;
    • Bei nicht mehr gesundheitszuträglichem Wetter wird eine gesetzlich vorgeschriebene Schutz- und Notunterkunft aufgesucht (z.B. Bauwagen, Holzhütte, Jägerhaus, Waldarbeiterstation). Ein massivwandiges, feststehendes und überdachtes Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsgebäude als zeitlicher Regelfall ist nicht vorgesehen.
  2. Integrierter Waldkindergarten
    • Rund 25 % bis 75 % der draußenräumlichen, weder überdachten noch eingefriedeten Aufenthaltszeit findet im Wald in Form von regelmäßigen bis gelegentlichen Einzelexkursionen, Waldtagen, -wochen oder -projekten statt;
    • Damit einher geht eine mittlere Wetterresistenz;
    • Nutzung eines meist massivwandigen, feststehenden und überdachten Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsgebäudes als zeitlicher Regelfall und Basisstation; die Nutzung des Waldes wird in den innerhäuslichen Regelbetrieb integriert;
    • Laut Gugerli (2004) soll dieser Typ überwiegend in der Schweiz und in Dänemark vorkommen, findet sich aber auch häufig in Norwegen.

Das neben dem Alter und der Aufenthaltszeit dritte und entscheidende Kriterium zur Definition einer Waldkindertagesstätte (-kindergarten, -krippe) ist die Definition des Waldes selbst. Hier gibt es je nach Fachdisziplin die unterschiedlichsten Begriffsbestimmungen. Eine einfache, weil für Deutschland und die hiesigen Waldverhältnisse brauchbare Definition findet sich beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das sich insbesondere z.B. auf das Bundeswaldgesetz (§ 2 BWaldG [Bundeswaldgesetz]) beruft, jedoch selber ergänzende Erläuterungen liefert:

  • Botanisch betrachtet ist Wald eine von Bäumen geprägte Vegetation, deren Fläche so groß ist, dass sich ein Waldklima entwickeln kann. Das unterscheidet den Wald zum Beispiel von Baumalleen, Parkanlagen oder Baumschulen.
  • Rechtlich betrachtet ist Wald jede mit Forstpflanzen bestockte Grundfläche (§ 2 BWaldG). Förster bezeichnen diese Fläche traditionell als „Holzboden“. Hierzu zählen auch Waldflächen, auf denen vorübergehend keine Bäume stehen (Lücken und Blößen).
  • Hierzu zählen baumfreie Flächen wie Waldwege, Holzlagerplätze, Waldeinteilungs- und Sicherungsstreifen sowie weitere mit dem Wald verbundene und ihm dienende Flächen (Nichtholzboden).
  • Eine Fläche wird erst als Wald erfasst, wenn sie mindestens 0,1 Hektar groß und zehn Meter breit ist.

Aus diesem letzten Kriterium heraus sind Waldkindergärten zwar immer auch Naturkindergärten, aber ein Naturkindergarten muss nicht immer ein Waldkindergarten sein. Stattdessen können auch Natur- oder Erlebnisräume wie Strand, Bach, Wiesen, Heide oder Bauernhöfe das räumliche Charakteristikum eines Naturkindergartens sein; es wird jedoch nicht der Wald als überwiegender Aufenthaltsort genutzt.

3 „Den“ Waldkindergarten gibt es nicht

Weder organisatorisch (Alterseinteilung, Aufenthaltsdauer im Wald) noch gegenständlich (Wald als Ökosystem) kann es „den“ Waldkindergarten geben. Insbesondere der Wald als solcher zeigt eine kaum fassbare Vielfalt, global betrachtet von den eher artenarmen Nadelwäldern Sibiriens bis hin zu sehr artenreichen Regenwäldern in den Tropen. Selbst innerhalb eines Bundeslandes wie Baden-Württemberg unterscheidet sich biosystemisch z.B. der dunkle, nadelreiche Schwarzwald erheblich von den Hangbuchenwäldern der Schwäbischen Alb. Relief und Bewirtschaftungsgrad tun ihr übriges für den jeweils regions- oder gar ortsspezifischen Charakter des Waldgebietes. Mit der Art des Waldes ergibt sich ein großer Unterschied in der Biodiversität und damit auch eine große Spannbreite beim möglichen Erlebnischarakter für die Kinder: Die Art des Waldes bedingt folglich die Erziehungs- und Bildungsmöglichkeiten in starkem Maße. Deshalb ist es wesentlich, dass die Auswahl des Basislagers gründlich vorgenommen und durch die Beratung eines Försters sowie eines/​einer erfahrenen Natur- bzw. WaldpädagogIn unterstützt wird.

4 Funktionen und Effekte des Waldes

Aufgrund seiner großen Diversität ist das Ökosystem Wald ein Garant für vielfältige Funktionen und Effekte, die grundsätzlich auch pädagogisch genutzt werden können:

  • Wirtschaftlich ist der Wald heutzutage betrachtet ein Holzlieferant (z.B. Möbel, Werkzeug, Papier, Bauindustrie, Energiewirtschaft) und touristischer Aufenthaltsraum;
  • Ökologisch ist er Süßwasserspeicher, Artenvielfaltsraum (pflanzlich und tierisch), CO2-Speicher und Sauerstoffspender;
  • Kulturhistorisch ist er der Ort von Mythen, Sagen und Bräuchen;
  • Gesundheitlich spielt er sowohl psychisch („Waldbaden“; jap.: shinrin yoku) als auch physisch eine herausragende Rolle. Regelmäßiger (mind. 3x pro Woche) und längerfristiger (mind. 30 Min. pro Besuch) Aufenthalt im Wald tragen zu einer deutlichen Zunahme des Stoffwechsels, einer höheren Lungenkapazität, Senkung des Risikos für Herzinfarkt, Schlaganfall und Arterienverkalkung, Senkung des Stresshormonspiegels, Zunahme an Krebs-Killerzellen, verbesserte Schlafqualität sowie ein gesteigertes Selbstwertgefühl bei. Insbesondere der deutlich geringere Anteil von Stresshormonen im Vergleich zu anderen Kitatypen (auch Bewegungskitas) wurde in der größten Waldkindergartenstudie Deutschlands belegt (zusammenfassend siehe Schwarz 2017).

5 Pädagogische Begründungen für den Waldkindergarten – geschichtlicher Überblick

Interessanterweise spielten diese Funktionen und Effekte des Waldes bei der ersten dokumentierten Gründung eines Waldkindergartens in Deutschland 1968 durch die Schauspielerin und Bewegungstherapeutin Ursula Sube kaum eine Rolle. Aus der Not einer alleinerziehenden und anstellungslosen Mutter und Privatperson heraus war ein Waldgrundstück im Wiesbadener Bahnholz damals die praktische und günstige Lösung für die Unterbringung der Kinder der Kirchengemeinde. Die erste Gründung mit einem ausgewiesenen, systematischen waldpädagogischen Konzept fand erst 1993 in Flensburg statt und war das Ergebnis eines zwei Jahrzehnte dauernden massiven gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik, hervorgerufen durch einschneidende a) ökologische und b) soziale Ereignisse. Ökologisch (eine Auswahl) betraf dies

  • die Ölkrise 1973: Deutschland erkennt, dass Ressourcen erschöpflich sind und besinnt sich langsam der Grenzen des Wachstums;
  • das Waldsterben ab Mitte der 1970er: Existenzängste führen zu hitzigen Diskussionen um die zukünftige Lebensgrundlage Wald;
  • die Gründung der Partei „Die Grünen“ 1979/1980 sowie erste öffentliche Aktion von Greenpeace Deutschland 1980;
  • das Ozonloch 1985: Der Mensch zerstört die von UV-Licht schützende Hülle der Erde;
  • Tschernobyl 1986: eine atomare Katastrophe sensibilisiert für alternative Formen der Energieerzeugung.

Sozial betraf dies die Friedensbewegung und ihren politischen Protest insbesondere gegen den Vietnamkrieg (bis 1975) sowie die Aufstellung von Atomraketen (Pershing 2) in Deutschland über den Nato-Doppelbeschuss von 1979.

Aus diesen umwälzenden Ereignissen heraus bildeten sich vielfältige Initiativen, Organisationen und Bürgerbewegungen, welche die Rückkehr zur Natur und alternativen Lebensformen als Antwort auf die zunehmende Bedrohung der Menschheit sah. Der reformerische Umgang mit dem Wald galt als eine kompensatorische Lösung für die aus den Fugen geratene Welt. Die neue, d.h. friedliche und ökologisch gerechte Gesellschaft sollte sich aus einer neuen Erziehung speisen, in der die Befriedigung elementarer menschlicher Bedürfnisse im Rahmen sensiblen, zurückhaltenden und sozial ausgewogenen Verhaltens (Nachhaltigkeit) im Vordergrund stand. Die gesellschaftspolitische Grundlage für die Gründung von Waldkindergärten war damit geschaffen.

6 Typische Erziehungsziele von Waldkindergärten

Abgeleitet von den nachweisbaren, sehr häufig aber auch nur vermuteten Effekten des Waldes sowie seinen zweckdienlichen Funktionen für den Menschen werden dem Wald eine große Bandbreite an Zielen auferlegt, die er in der Lage sein soll zu erreichen (Gorges 2000). Dabei ist zu unterscheiden zwischen einer Erziehung für den Wald, d.h. seinen Schutz und der Bewahrung durch verändertes menschliches Verhalten einerseits. Anderseits gibt es eine Vielzahl an Erziehungszielen, die im und durch den Wald erreicht werden sollen, wie z.B. bessere motorische Fähigkeiten durch ein herausforderndes Relief. Der valide wissenschaftliche Beleg fehlt jedoch schlicht in den meisten Fällen. Häufig wird zudem übersehen, dass der Wald als solches gar nicht erziehen kann; das können nur Menschen mit ihren Werten und ihrer daraus abgeleiteten gesellschaftspolitischen Motivation in direkter Interaktion. Der Wald kann also keine (dritte) Erzieherfachkraft sein, wohl aber wirksam. Wissenschaftliche Befunde führen seine Wirksamkeit bspw. zurück auf die besonderen Lichtverhältnisse, die Ruhe und Akustik, den hohen Sauerstoffgehalt, das Geborgenheits- und Schutzgefühl sowie den waldspezifischen Inhaltsstoffen der Atemluft (z.B. ätherische Öle). Die Frage bleibt, ob der Wald nicht pädagogisch überfordert und verklärt wird und als idealisierter Heilraum nicht halten kann, was für ihn stellvertretend versprochen wird. Versteht man jedoch die Wirkungen des Waldes als pädagogische Chancen, die man aktiv ergreifen und konzeptionell ausarbeiten muss, bergen folgende Eigenheiten und Phänomene des Waldes ein großes Erziehungs- und Bildungspotenzial:

  • Wald ist voller Leben – ein Lebensraum: Rund 90 Baumarten, 1215 Pflanzenarten insgesamt und etwa 6700 Tierarten sind in Deutschlands Wäldern bekannt. Diese Vielfalt durch ein angepasstes Mitleben zu ergreifen und dadurch zu begreifen, muss von den pädagogischen Fachkräften systematisch aufgearbeitet und dargeboten werden, bestenfalls durch Selbsterprobung und begleitete Exploration;
  • Größe und Relief als Bewegungschance: Kein Kindergartentyp besitzt derart große Bewegungsflächen und kaum einer bietet derart unterschiedliche Flächengestaltungen (Relief). Wichtig ist allerdings, dass insbesondere motorisch schwächere Kinder eine passgenaue Förderung erhalten, da der Wald motorisch nicht unterstützt, sondern permanent fordert. Ohne ein geübtes diagnostisches Auge bleiben motorische Überforderungen der Großmotorik und Fortbewegung unerkannt. Gleiches gilt für die Handmotorik, die gezielt mit den Kleingegenständen des Waldes erprobt werden müssen;
  • Wald ist ein permanenter Überraschungsraum: Als lebendiges Ökosystem verändert sich der Wald ständig. Deshalb ist er als Bildungsraum so interessant für Kinder, deren Hirnentwicklung durch eine starke Neugier befördert wird. Neurobiologisch sind Kinderhirne genau für diesen Lebensraum gebaut, der ihnen über stetige Neuerungen, Änderungen und Überraschungen bietet, was den Forscherdrang sowie eine geistige Fähigkeit unterstützt, die insbesondere aktuell durch die Nutzung digitaler Medien verloren zu gehen scheint: das selbstständige Denken;
  • Wald als Sinnesraum: Nicht das Übermaß an Umweltsignalen definiert den Wald, sondern die Ausgewogenheit an Wahrnehmungsinhalten. Biologisch über Millionen Jahre angepasst bietet der Wald in Art und Anzahl jene Wahrnehmungsinhalte, die von Kindern optimal verarbeitet werden können in Form ganzheitlicher, d.h. allseitiger Nutzung der Körpersinne;
  • Zeitlichkeit: Rückzug, Alleinsein, Entschleunigung; der Wald bietet Kindern die heutzutage seltene Möglichkeit, die Aufmerksamkeit nicht hektisch nach außen und somit von sich wegzulenken; er bietet die Chance, sich mit sich selbst zu beschäftigen, die Aufmerksamkeit auf die eigenen Bedürfnisse und Prozesse des Körpers hinzulenken. Die lange Weile kann als fruchtbare Muse verstanden werden;
  • Freiheit durch Risiko und Grenzen: Der Wald bietet risikoreiche Momente. Das sind Situationen, in denen die Entscheidung getroffen werden muss, ob die eigene Kompetenz ausreicht, die Aufgabe zu lösen. Die Freiheit dieser Entscheidung liegt beim Kind &ndahs; wenn man es zulässt. Dies ist eine erzieherische Maßnahme, die der Wald nicht pädagogisch abschätzen kann, wohl aber die Diagnostik der Fachkraft. Sie erlaubt nach gemeinsamer Abwägung mit dem Kind so viel Selbstbestimmung wie möglich, aber so viel Grenzen wie nötig, damit die Sicherheit des Kindes gewährleistet bleibt;
  • Materielle Bescheidenheit: Wie viel Spielzeug braucht ein Kind? Kinder brauchen kein aufwendig hergestelltes, teures Spielzeug. Sie brauchen sozialemotionale Sicherheit sowie Zeit und Raum zum Spielen. Man muss ihnen nicht sagen, dass sie spielen sollen; man muss ihnen lediglich die Gelegenheit geben, es zu dürfen. Waldkindergärten sind der optimale Raum hierfür, da sie – je nach pädagogischem Konzept – nur wenig vorgefertigtes Material anbieten. Falsch jedoch ist die Annahme, Waldkindergärten seien spielzeugfrei. Denn Kinder suchen sich ihr Spielzeug selbst. Aus einem Stock lassen sich dutzende Nutzenmöglichkeiten ableiten, je nach Kreativität des Kindes, weshalb der Wald aus Sicht der Kinder voller Spielsachen ist.

7 Waldpädagogische Inhalte, Methoden und Räume

Von diesen waldpädagogischen Chancen lassen sich nun die möglichen Inhalte, Methoden, verwendeten Gegenständlichkeiten und genutzten Räume ableiten, die das konkrete und alltägliche Handeln eines Waldkindergartens füllen:

7.1 Inhalte

  • Tiere: Welche gibt es? Sind die gefährlich? Wer frisst wen, was und warum? Wie schützen wir sie? Tierkinder aufwachsen sehen; koexistentes Verhältnis zwischen Mensch-Tier; Tiere nutzbar machen (Tiere essen oder nicht?);
  • Pflanzen: Welche gibt es? Welche sind giftig? Welche darf ich pflücken? Wie schützen wir sie? Die Früchte der Pflanzen, sie zubereiten und essen; bauen und basteln mit Pflanzen, sie anderweitig nutzbar machen (z.B. Medizin); Waldschichten;
  • Menschen im Wald: FörsterInnen und JägerInnen; ImkerInnen (Zeidler); WaldarbeiterInnen; Wald als Wirtschaftsraum (Baumaterial, Energielieferant, etc.); Regeln im Wald;
  • Wald als Naturphänomen: Warum gibt es Nebel über dem Wald? Kann ein Baum Schmerzen haben? Ist meine Haut auch eine Rinde? Wieso stinkt der Käfer so? Temperaturen und Licht im Wald (Schatteneffekte); Wasser versickert, kommt aber woanders wieder heraus;
  • Wald und Kultur: Märchen, Sagen und Mythen über den Wald; Lieder und Musik zum Wald, Bilder und Gemälde; Wie der Wald in Deutschland wurde, was er ist.

7.2 Methoden

Inhalte können auf verschiedene Art und Weise kennengelernt, bearbeitet und begriffen werden. Die Art des Lehrweges (von griech.: hodós = Weg) und der Auswahl der Vorgehensweise im Waldkindergarten ist nicht wesentlich anders als in Regelkindergärten, setzt jedoch andere Schwerpunkte:

  • Freispiel: aufgrund der hohen Komplexität des Waldes als Erlebnisraum sollte häufig darauf zurückgegriffen werden, ergänzt mit systematisch gelenkten Phasen;
  • Die Konfrontationsmethode (unmittelbare, direkte Begegnung mit einem Phänomen ohne Lernhilfen): passiert im Wald ständig, bedarf aber der erklärenden, ko-konstruktiven und teils erleichternden Begleitung durch die Fachkraft;
  • Exemplarisches und genetisches Lernen: am Beispiel des Eichhörnchens wird das Thema Nahrungsaufbewahrung bearbeitet;
  • Entdeckendes, problemorientiertes, forschendes, experimentelles Lernen: Wann entstehen Waldbrände? Lasst uns mal mit dem Feuer spielen, usw. Projektarbeit: Den Borkenkäfer (Aussehen, Nahrung; Warum ein Schädling?) fangen, beobachten, zeichnen, diskutieren, Projektarbeit geht über einen längeren Zeitraum (mindestens eine Woche);
  • Freiarbeit: Kinder setzen sich selber ein Lernziel, wählen die dafür passende Methode und das Material aus. Letztgenanntes sollte vorbereitet und nach verschiedenen Könnensstufen unterschiedlich sein. Die Fachkraft fungiert als Berater und Fragen stellender Begleiter;
  • Originale Begegnung, Erkundungen (Exkursion): sehr häufige Methode im Wald, da er hierfür viel Raum bietet.

7.3 Räume

Typische Räume im Waldkindergarten sind

  • das Basislager bzw. der Waldstammplatz: mit Toilette, Waschplatz, Schutzraum (z.B. Bauwagen), je nach Alter der Kinder evtl. beheizbarer Wickelraum und Schlafstätte, Materiallager, Versammlungsstelle (Waldwohnzimmer); dient als Ausgangspunkt für den Ergänzungs- bzw. Ausweichplatz;
  • Ergänzungs- bzw. Ausweichplatz: Da der Nutzendruck auf den Waldboden selbst durch Kinderfüße enorm ist, sollte ein weiterer Platz als Ausweichstelle vorhanden sein, um die Regeneration zu ermöglichen sowie ihn als zweiten, bekannten und als sicher geltenden Bildungsraum nutzen zu können;
  • Spiel- und Erlebnisräume: der Bach, ein alter und großer Baum, spezieller Kletter- und Schwingbaum, der Hang, Gräben, Waldwege, lichte Haine, Waldschluchten, Waldwiesen, Höhlen, Verhaue und Verjüngungen, Felsblöcke, Flechten- und Moosgärten;
  • Sonderräume für Exkursionen und Ausflüge, z.B. in die Bäckerei, ins Forstamt, zu BienenzüchterInnen, usw.

8 Welche speziellen Anforderungen muss der Betrieb eines Waldkindergartens erfüllen?

Selbstverständlich muss der Betrieb eines Waldkindergartens die allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen gemäß § 45 SGB VIII sowie die länderspezifischen Eigenheiten erfüllen. Gleichwohl sind Waldkindergärten hinsichtlich Naturschutz, Unfallrecht und Gesundheits- bzw. Hygienemaßnahmen ein Sonderraum, der entsprechende Maßnahmen bedarf. Hierzu gehören erfahrungsgemäß:

  • Schriftliche Genehmigung der Grundstückbesitzenden bzw. der WaldeigentümerInnen (rund die Hälfte des deutschen Waldes befindet sich im Privatbesitz) zur Nutzung des Geländes.
  • Begehung, Besprechung und daraus resultierend die schriftliche Genehmigung des zuständigen Forst- bzw. Naturschutzamtes samt Namen der betreuenden Forstperson als verlässlicher Ansprechperson.
  • Karte des Grundstücks, mindestens mit Flächenangaben, bestenfalls mit einer ausführlichen Legende.
  • Schriftliche Genehmigung der zuständigen Behörde (örtliches Bauamt, Landschaftsschutz) zur Aufstellung und den Betrieb einer sicheren Unterkunft (z.B. Bauwagen, Schutzhütte o.Ä.). Damit zusammenhängend die Bereitstellung eines Grundrisses der Unterkunft mit dem Nachweis der Beheizbarkeit gemäß Brandschutzrichtlinien. Eine verfahrenspflichtige, baurechtliche Genehmigung mit örtlicher Abnahme ist quasi unerlässlich.
  • Absprache und bestenfalls schriftlicher Nachweis mit dem zuständigen Gesundheitsamt über das Hygienekonzept, welches mindestens die Toilettentechnik, Handhygiene, Wasserspeicherung, Lebensmittellagerung, Impfungen und Erste-Hilfe-Maßnahmen umfasst. Grundlage ist der landesspezifische Hygieneleitfaden (meist zum Download als PDF vorhanden).
  • Eine ausführliche schriftliche waldpädagogische Konzeption ist zugänglich mit den wichtigsten Zielen, Inhalten, Methoden, verwendeten Materialien sowie den Aufgabenbereichen der pädagogischen Fachkräfte als auch der Eltern im Sinne einer partnerschaftlichen Betreuung, Erziehung und Bildung der Kinder.
  • Eine spezielle Elternbroschüre mit den grundlegenden konkreten organisatorischen Maßnahmen (Kindergartenordnung) ergänzt das pädagogische Konzept. Hierzu gehört bspw. die Kleiderordnung, Essensmitgabe, Abholung, usw. Hierin werden auch Maßnahmen der Sicherheit erklärt, wie die Nutzung von Mobiltelefonen durch die Fachkräfte (inkl. Notwendigkeit der elterlichen Erreichbarkeit), Erste-Hilfe-Ausbildung, Umgang mit Gefahrenquellen wie giftige Pflanzen, Risikoräume (Hänge, Bachufer) oder die Wickelsituation bei Kälte und Nässe.
  • Bei Waldkrippen: Besondere Ausführungen über die Schlaf- und Wickelsituation sowie die Aufsichtspflicht sind darzulegen. Die diesbezüglichen Hilfestellungen der DGUV sind zu beachten (Aktuelle Broschürennummer: 202–074).
  • Gleiches gilt für die Form des Ganztagesbetriebs mit besonderen Hinweisen auf die Essensversorgung (warmes Mittagessen).

9 Anforderungen an die waldpädagogische Fachkraft

Die modernen Anforderungen an waldpädagogische Fachkräfte sind gewachsen und verlangen aus praktischer Sicht im Grunde eine eigenständige Ausbildung, mindestens aber eine ergänzende Fortbildung zur Regelausbildung als Erziehungskraft. Der Wald ist ein besonderer Bildungsraum, weshalb die erzieherischen Fertigkeiten der Fachkräfte durch Qualifikationen wie „Waldpädagogik“, „Naturpädagogik“ oder als „Fachkraft für Kindergarten im Wald“ über einschlägige Organisationen und Bildungsanbieter praxisnah und theoretisch vermittelt werden. Zu diesen speziellen waldpädagogischen Fertigkeiten gehören

  • handwerkliche Fertigkeiten: ein Feuer anmachen können, verschiedene Knoten und Bindetechniken kennen, mit Werkzeug umgehen können für Reparaturen am Basislager oder auch unterwegs (z.B. Bollerwagen).
  • (klima)geografische Kenntnisse und Fertigkeiten: den Kompass beherrschen und so eine topografische Karte lesen können, Orts- und Raumkenntnis besitzen, Wetterphänomene kennen, erklären und deuten können (z.B. Schönwetterwolken von Zirren unterscheiden, Herbstnebel kindgerecht erklären).
  • Pflanzen- und Tierkenntnisse: die wichtigsten Tier-, Baum- und Pflanzenarten des deutschen Waldes kennen, Giftpflanzen erkennen.
  • die wichtigsten Gefahren im Wald kennen und mit ihnen umgehen können.
  • medizinische Sofortmaßnahmen einleiten können (Erste-Hilfe), die speziell für den Wald nützlich sind (Schnitt- und Schürfwunden, Vergiftungen, Temperaturregulierung).
  • Materialien des Waldes situationsgerecht einsetzen und verwenden.
  • spezielle erlebnispädagogische Kompetenz besitzen.
  • die Auswahl der Aktivitäten an den Jahreszeiten aber auch an kurzfristigen Wetteränderungen ausrichten können.

Neben diesen konkreten, beobachtbaren und somit messbaren Fertigkeiten sind auch bestimmte Haltungen, Einstellungen und Wertsetzungen im Wald hilfreich:

  • aufgrund der Größe des Bildungsraumes Wald bewegungsfreudig und -unterstützend sein (Bewegung als Lust, nicht als Last begreifen)
  • das Wetter nehmen, wie es ist
  • neugierig, experimentierfreudig und offen sein
  • die Natur achten und Nachhaltigkeit als echtes Vorbild leben
  • selbstorganisiert sein und Verantwortung übernehmen (Mut zur Entscheidung)
  • aktiv auf seine Gesundheit achten (Kleidung, Impfschutz, Verhalten bei Gefahren)

10 Qualitätsmerkmale und Standards im Waldkindergarten

Die Vielfalt des Waldes als Bildungsraum, die länderspezifischen Vorgaben, die pädagogischen Vorzüge des einzelnen Teams sowie der unterschiedliche waldpädagogische Ausbildungsstand sind nur einige Gründe, weshalb es bislang keine einheitlichen Qualitätsstandards in Form eines Qualitätshandbuchs für deutsche Waldkindergärten gibt. Zwar hat die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesverbände der Wald- und Naturkindergärten in Deutschland (BAG) einen ersten Entwurf für eine Vereinheitlichung vorgelegt, dennoch sind diese lediglich eine Orientierung und keine verpflichtende Vorgabe. Auch weichen die BAG-Qualitätsmerkmale vom Qualitätshandbuch des Landesverbandes NRW insofern ab, als letztgenannte offenere Formulierungen benutzen, die schwerer messbar sind. Insgesamt fehlt es an durch Studien belegte und somit verlässliche, klar formulierte und deshalb messbare Standards, die als flächendeckender Qualitätskatalog die Güte in Waldkindergärten evaluieren ließe.

11 Quellenangaben

Del Rosso, Silvana, 2010. Waldkindergarten. Ein pädagogisches Konzept mit Zukunft? Hamburg: Diplomica Verlag. ISBN 978-3-8366-8614-3

Gorges, Roland, 2000. Der Waldkindergarten – ein aktuelles Konzept kompensatorischer Erziehung. In: Unsere Jugend. 52(6), S. 275–281. ISSN 0342-5258

Miklitz, Ingrid, 2007. Wald- und Naturkindergärten. In: Raimund Pousset, Hrsg. Handwörterbuch für Erzieherinnen und Erzieher. Berlin: Cornelsen Scriptor, S. 469–471. ISBN 978-3-589-25255-8

Miklitz, Ingrid, 2011. Der Waldkindergarten: Dimensionen eines pädagogischen Ansatzes. 4., aktual. u. erw. Auflage. Berlin: Cornelsen Schulverlage. ISBN 978-3-589-24739-4 [Rezension bei socialnet]

Schwarz, Rolf, 2017. Der Waldkindergarten – Pädagogische Ansätze für die Kita. Berlin: Cornelsen. ISBN 978-3-589-15334-3 [Rezension bei socialnet]

12 Literaturhinweise

Hemming, Antje, 2011. Sternstunden im Wald: Den Wald von Frühling bis Winter mit Kinder fantasievoll erleben und erkunden. Münster: Ökotopia. ISBN 978-3-86702-142-5

Miklitz, Ingrid, 2019. Naturraum-Pädagogik in der Kita. Freiburg: Herder. ISBN 978-3-451-37951-2 [Rezension bei socialnet]

13 Informationen im Internet

Autor
Prof. Dr. Rolf Schwarz
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
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Zitiervorschlag
Schwarz, Rolf, 2020. Waldkindergarten [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 18.09.2020 [Zugriff am: 30.10.2020]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Waldkindergarten

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