socialnet Logo

Assistive Technologie

Jun.-Prof. Dr. Liane Bächler, Prof. Dr. Oliver Wendt

veröffentlicht am 02.11.2023

Abkürzung: AT

Synonyme: Unterstützende Technologie; Assistive Produkte; Assistenzprodukte; Assistierende Technologie

Etymologie: lat. assistere dabeistehen, unterstützen

Englisch: assistive technology

Unter dem Begriff „assistive Technologien“ (AT) lassen sich technische und technologische Hilfsmittel zusammenfassen, die – nicht nur – für Menschen mit Behinderung eine große Relevanz haben, da sie auf die Bewahrung, Verbesserung oder Erweiterung grundlegender individueller Fähigkeiten ausgerichtet sind sowie dazu verhelfen, diese zu entfalten. Dazu gehören nicht nur die klassischen Hilfsmittel, sondern auch eine Vielzahl von Alltagstechnologien, die in unterschiedlichen Lebensbereichen zum Einsatz kommen.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Systematisierung assistiver Technologien
  3. 3 Einsatzbereiche assistiver Technologien
  4. 4 Assistive Technologien im Kontext von Behinderung
  5. 5 Theoretische Modelle zum Einsatz assistiver Technologien
  6. 6 Gestaltung assistiver Technologien
  7. 7 Implementierung assistiver Technologien
  8. 8 Quellenangaben

1 Zusammenfassung

Bei assistiven Technologien handelt es sich um an den individuellen Bedarfen einer Person orientierte Produkte und Systeme, die auf die Bewahrung, Verbesserung oder Erweiterung grundlegender Fähigkeiten eines Menschen ausgerichtet sind sowie dazu verhelfen, diese zu entfalten und Barrieren in der Umwelt zu beseitigen oder zu reduzieren. Durch den erfolgreichen Einsatz assistiver Technologien kann eine ganzheitliche Teilhabe an Umwelt und Gesellschaft unterstützt werden. Sie unterstützen den Inklusionsprozess, indem sie Lücken zwischen den individuellen Fähigkeiten und den Umgebungsanforderungen schließen.

Unter dem Oberbegriff assistive Technologien lassen sich technische Lösungen zur Unterstützung zusammenfassen. Es handelt sich um käuflich erworbene, oft handelsübliche Geräte oder Produkte, die bei Bedarf an spezifische Bedürfnisse angepasst werden können, um grundlegende Fähigkeiten eines Menschen zu bewahren, zu verbessern oder zu erweitern. Dabei geht es keineswegs nur um die Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln, wie sie in § 33 SGB V geregelt ist, sondern auch um den Einsatz von Medien und neuen Technologien (Zentel 2016), wie bspw. Informations- und Kommunikationstechnologien (Capovilla und Gebhardt 2016, S. 4). Vereinzelt werden im deutschsprachigen Raum die Begriffe unterstützende Technologien, assistive Produkte, Assistenzprodukte und/oder assistierende Technologie synonym zum Begriff assistive Technologie verwendet.

„Assistieren“ leitet sich von dem lateinischen Wort „assistere“ ab und wird mit „dabeistehen, unterstützen“ sowie „jemandem nach dessen Anweisungen zur Hand gehen, bei einer Arbeit oder Tätigkeit behilflich sein“ (Dudenredaktion o.J., assistieren) übersetzt. Im genannten Wortsinne haben AT zum Ziel, Menschen in ihrer eigenständigen Lebensführung und Partizipation in wichtigen gesellschaftlichen Feldern zu unterstützen (Müggenburg 2020).

Unter dem Begriff Technologie sind hoch entwickelte, verwertbare technische Systeme, die zahlreiche Funktionen und Anwendungsmöglichkeiten kombinieren, zu verstehen. Sie sind in der Lage, komplexe Prozesse auszuführen, wodurch sie sich sowohl von einfacher Mechanik und Maschinen, die vor allem zur Kraftverstärkung dienen, als auch von Technik abgrenzen, die zwar oft mehrere Funktionen bietet, aber nicht den Komplexitätsgrad von Technologien erreicht. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass der aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammende Begriff „assistive technology“ (Roulstone 1998) international Verwendung findet und sich auch im deutschsprachigen Diskurs etabliert hat, wobei im anglo-amerikanischen Sprachraum keine Unterscheidung zwischen Technik und Technologie vorgenommen wird. Im deutschen Rechts- und Gesundheitssystem wird für assistive Technologien vorrangig der Begriff Hilfsmittel verwendet.

2 Systematisierung assistiver Technologien

Unter dem Terminus der assistiven Technologien werden nicht technische und technologische (nicht elektronische und elektronische) Geräte und Produkte gefasst, die in fünf Kategorien eingeteilt werden können: Notech, Lowtech, Midtech, Hightech und Highend- oder auch Zukunftstechnologien genannt (Copley und Ziviani 2004; Wendt und Lloyd 2011; Fisseler 2012; Thiele 2016; Feichtinger 2020).

  1. Unter Notech (Bornman 2011) werden nicht elektronische Hilfen eingeschlossen, wie bspw. körpereigene Kommunikations- und Handlungsformen einer Person, die ohne Einsatz von Geräten funktionieren, aber einem Ausgleich einer eingeschränkten grundlegenden Fähigkeit eines Menschen dienen. Wendt und Lloyd (2011) verweisen darauf, dass körpereigene Kommunikationsformen wie Gestikulieren, auf etwas Zeigen oder über Blicke kommunizieren, nicht als assistive Technologien angesehen werden können.
  2. Unter Lowtech-Hilfen werden nicht elektronische sowie einfache elektronische Produkte verstanden, die eher niedrigpreisig sind (Feichtinger 2020). Als Beispiele sind Taschenrechner oder einfache Sprachausgabegeräte zu nennen.
  3. Unter Midtech-Hilfen werden leicht handhabbare elektronische Hilfsmittel zusammengefasst, wie z.B. Audiobooks, adaptierte Tastaturen und elektronische Wörterbücher.
  4. Als Hightech werden Spitzentechnologien bezeichnet, die den neusten Stand der Technik widerspiegeln und ein hohes Maß an Komplexität aufweisen. Beispiele reichen von Aufnahme- und Abspielgeräten zu Tablets und Computern, die durch Anpassungen in der Software erweitert und auf die sich verändernden Anforderungen des Individuums und des Umfelds abgestimmt werden können (Fisseler 2012).
  5. Bei den Highend- oder Zukunftstechnologien handelt es sich um Technologien, die zum gegebenen Zeitpunkt noch Teil der Forschung und Entwicklung sind.

Feichtinger (2020) weist auf die Dynamik dieser Systematik hin, da sich mit dem technischen Fortschritt stets die Kriterien für die Einteilung assistiver Technologien weiterentwickeln.

Aufbauend auf dieser Systematik wird unter assistiven Technologien ein breites Spektrum technischer und technologischer Lösungen verstanden, die – jenseits der formalen internationalen Normierung auf Grundlage der Internationalen Organisation für Normung (engl. International Organisation for Standardization, kurz: ISO) unter der ISO-Norm 9999 „Technical aids for persons with disabilities – Classification and terminology“ technische Hilfen für Menschen mit Behinderung klassifiziert.

Unter dem Begriff der Alltagstechnologie werden die Produkte und Gegenstände zusammengefasst, die im Lebensalltag vermehrten Einsatz finden und geeignet sind, „assistive Funktionen“ einzunehmen (Feichtinger 2019). Diese werden ebenfalls zu den assistiven Technologien gezählt, da sie zur Überwindung von Barrieren genutzt werden können. Insbesondere ermöglichen sie, Hindernisse beim Zugang zu Informationen und Dienstleistungen zu vermindern oder zu umgehen (Dirks und Linke 2019).

Auch Personen ohne Unterstützungsbedarf nutzen assistive Technologien bzw. Alltagstechnologien zur Unterstützung und Verrichtung alltäglicher Handlungen, z.B. zur Beschaffung von Informationen durch digitale Recherchetools (Bächler 2021). Assistive Produkte richten sich nicht nur an Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit über die Lebensspanne erworbenen Funktionseinschränkungen, sondern auch an deren Familienmitglieder, Dienstleister:innen und Assistenzen (Wendt und Lloyd 2011, S. 2).

Medizinprodukte sind auf die Unterstützung körperlicher Funktionen ausgerichtet und werden im Rahmen von Hilfsmittelkatalogen der Krankenkassen systematisiert (Feichtinger 2019, S. 19).

Tabelle 1: Systematik assistiver Technologien (in Anlehnung an Copley und Ziviani 2004; Wendt und Lloyd 2011; Fisseler 2012; Feichtinger 2019 und 2020)
Notech (keine assistive Technologie) nicht elektronische Hilfen, wie bspw. körpereigene Kommunikations- und Handlungsformen (z.B. gestikulieren, auf etwas zeigen, über Blicke kommunizieren, Gebärden)
Lowtech (assistive Technologie) sowohl nicht elektronische als auch einfache elektronische Produkte (z.B. rutschfeste Unterlagen, Taschenrechner, einfache Sprachausgabegeräte)
Midtech (assistive Technologie) einfach handzuhabende elektronische Hilfsmittel (z.B. Audiobooks, adaptierte Tastaturen, elektronische Wörterbücher)
Hightech (assistive Technologie) komplexe Technologien, die den neuesten Stand der Technik repräsentieren (z.B. Spracherkennungssoftware, Roboterarme)
Zukunftstechnologie/​Highendtech (assistive Technologie) Technologien, die noch Teil der Forschung und Entwicklung sind (z.B. Computer-Brain-Interfaces, Virtual- und/oder Mixed-Reality)
Alltagstechnologie Gegenstände des alltäglichen Lebens, die assistive Funktionen haben können (z.B. Tablets)
Medizinprodukte Produkte, die im Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen gelistet sind (z.B. komplexe Kommunikationshilfen)

3 Einsatzbereiche assistiver Technologien

Assistive Technologien umfassen nach der Weltgesundheitsorganisation sämtliche Produkte oder Systeme, die einer Person die Ausführung einer Tätigkeit ermöglicht oder diese dabei unterstützt (WHO 2018). Eine erstmalige Systematisierung der Einsatzbereiche assistiver Technologien findet sich in Wendt und Lloyd (2011), die folgende acht Bereiche beschreiben:

  1. Unterstützte Kommunikation
  2. Angepasster Computerzugang
  3. Hilfen, die Körperfunktionen wie Hören und Sehen unterstützen
  4. Umfeldkontrolle
  5. Adaptionen für Spiel und Freizeit
  6. Sitz- und Positionierungsfunktionen
  7. (Elektro-)Mobilität
  8. Prothetik

Feichtinger (2020) verweist darauf, dass die von Wendt und Lloyd (2011) definierten Einsatzbereiche aktualisiert werden können. Er erweitert bzw. modifiziert diese acht Kategorien um Sicherheitstechnologien wie bspw. Sturzerkennungssysteme bei der Kategorie Umfeldkontrolle, Positionierung und Ansteuerung weiterer Hilfsmittel sowie Medizintechnik und Versorgung (Feichtinger 2020).

Assistive Technologien können oftmals mehreren Einsatzbereichen zugeordnet werden, da die eingesetzten Technologien zur Unterstützung der Funktionen einer Person in mehreren Lebensbereichen dienen können.

4 Assistive Technologien im Kontext von Behinderung

Assistive Technologien werden oft im Kontext von Behinderung gedacht, da Menschen mit Behinderungen häufig einen Unterstützungsbedarf aufweisen, der mithilfe assistiver Technologien kompensiert werden kann. Technologie wird als wirkungsvolle Möglichkeit zur Unterstützung des Inklusionsprozesses betrachtet und versucht, die Lücke zwischen den individuellen Fähigkeiten und den Umgebungsanforderungen zu schließen.

Gemäß der World Health Organization (WHO) werden assistive Technologien als Produkte (Geräte) und Dienstleistungen wie folgt definiert:

„Assistive technology is an umbrella term covering the systems and services related to the delivery of assistive products and services. Assistive products maintain or improve an individual’s functioning and independence, thereby promoting their well-being. […] People who most need assistive technology include: people with disabilities, older people, people with noncommunicable diseases such as diabetes and stroke, people with mental health conditions including dementia and autism [and] people with gradual functional decline“ (WHO 2018).

Nach dieser Definition werden assistive Technologien Individuen mit unterschiedlichen Unterstützungsbedürfnissen zugeordnet. Sie kompensieren schädigungsbedingte Funktionsbeeinträchtigungen, die alltägliche Aktivitäten sowie die gesamtgesellschaftliche Teilhabe erschweren und können dem Abbau von Barrieren in der Umwelt dienen. Darüber hinaus kann der Einsatz assistiver Technologien positive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen mit Behinderung haben, da diese zur Entfaltung der individuellen Fähigkeiten beitragen können (Bühler 2005). Somit wird der Einsatz assistiver Technologien mit der Zielsetzung einer autonomen Lebensführung sowie einer Steigerung der Lebensqualität verbunden (Klein 2021).

Im Rahmen der UN-Behindertenkonvention wurde der Begriff der „Unterstützenden Technologien“ etabliert, welcher nah an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) orientiert ist (BGBl. Teil II – 2008 – Nr. 35 vom 31.12.2008, S. 1419).

Der Einsatz assistiver Technologien im Kontext von Behinderung ist an dem Bedarf und den Bedürfnissen des Einzelnen ausgerichtet (Thiele 2016, S. 309). In diesem Zusammenhang weist Thiele (2016) auf die dynamische Nutzung assistiver Technologien hin, da diese inkonsistent oder konsistent genutzt werden können und an die sich im Laufe des Lebens verändernden Bedarfe auszurichten sind (ebd.). Die Nutzung assistiver Technologien wird von dem Umfeld des Klienten oder der Klientin sowie der Bereitstellung von Beratungs- und Unterstützungsangeboten beeinflusst (Feichtinger 2020, S. 289).

5 Theoretische Modelle zum Einsatz assistiver Technologien

In der Fachliteratur finden sich verschiedene Versuche, die Grundgedanken der assistiven Technologie in einem Modell zu beschreiben. Diesen Modellen ist gemein, dass sie den Fokus auf die Aktivität(en) legen, die der oder die Nutzer:in mit Behinderung bewältigen möchte. Diese finden in verschiedenen Kontexten statt und verlangen nach verschiedenen Formen der assistiven Technologie. Zu den bekanntesten theoretischen Modellen zählen das „Human Activity Assistive Technology“-Modell (HAAT) von Cook und Hussey (1995) sowie das „Student, Environment, Tasks, and Tools“-Modell (SETT) von Zabala (1995).

6 Gestaltung assistiver Technologien

Durch den fortschreitenden Einzug von Technologie in den Lebensalltag aller Menschen, stellt sich die Frage, wie assistive Technologien gestaltet sein müssen, um die Nutzungsmöglichkeiten zu erhöhen.

Die UN-Behindertenrechtskonvention stellt die Forderung nach einem universellen Design, auch bei assistiven Technologien, wobei dieses wie folgt definiert wird:

„Im Sinne dieses Übereinkommens […] bedeutet ‚universelles Design‘ ein Design von Produkten, Umfeldern, Programmen und Dienstleistungen in der Weise, dass sie von allen Menschen möglichst weitgehend ohne eine Anpassung oder ein spezielles Design genutzt werden können. ‚Universelles Design‘ schließt Hilfsmittel für bestimmte Gruppen von Menschen mit Behinderungen, soweit sie benötigt werden, nicht aus“ (BGBl. Teil II – 2008 – Nr. 35 vom 31.12.2008, S. 1424).

Die Forderung beinhaltet den Anspruch nach einer allgemein zugänglichen Gestaltung von Produkten, Systemen und Hilfeleistungen, sodass diese von allen Menschen ohne die Notwendigkeit einer weiteren Adaption verwendet werden können (ebd.). Mit dem universellen Design ist die Zielsetzung, „[…] die Zugänglichkeit zu Informationen ohne spezielle und separierende Lösungen zu realisieren“ (Thiele 2016, S. 310), verbunden. Die Anpassungen, die im Rahmen der barrierefreien Zugänglichkeit für alle Personen notwendig sind, müssen von Anfang an berücksichtigt und nicht erst im Nachhinein vorgenommen werden, um zu vermeiden, dass unpraktikable oder unzureichende Lösungen realisiert werden (Bosse 2021). Das universelle Design assistiver Technologien kann dazu beitragen, dass der Bedarf und der Einsatz dieser Technologien zur Normalität wird und in diesem Zuge Barrieren bei dem Zugang zu und bei der Nutzung von assistiven Technologien abgebaut werden (Thiele 2016). Die Forderung nach einem universellen Design schließt spezifische Hilfsmittel für bestimmte Personenkreise nicht aus (BGBl. Teil II – 2008 – Nr. 35 vom 31.12.2008). Der Bedarf an individuell angepassten Technologien und Produkten besteht nach Thiele (2016) weiterhin. Jedoch kann der Bedarf der oder des Einzelnen als Ausgangspunkt für die produktive Weiterentwicklung von Systemen und Institutionen genutzt werden (a.a.O.). Dieser Umstand wird an dem Beispiel des E-Learnings deutlich. Für einzelne Schüler:innen sind digitale Lernangebote notwendig, um Teilhabe an Bildung zu realisieren. Die Ausarbeitung solcher Angebote trägt zu einer Öffnung der Institution für digitale Medien und Lernformen bei, von der folglich sämtliche Schüler:innen in dieser Institution profitieren können (ebd.).

Bei der Entwicklung von Produkten, Umfeldern, Programmen und Dienstleistungen soll sich, gemäß der Definition des universellen Designs, an den Bedürfnissen aller orientiert und somit die Nutzer:innenheterogenität berücksichtigt werden. Die Anwendung des Konzepts bedeutet eine grundsätzliche Änderung des Designansatzes, da nicht länger für den Durchschnitt, sondern für die Heterogenität der Nutzer:innen entworfen wird.

Mit sieben Prinzipien hat das Center for Universal Design (CUD) der North Carolina State University bereits 1997 eine Anleitung für die Umsetzung des Konzeptes formuliert. Diese werden im Folgenden in einer deutschen Übersetzung vorgestellt:

Tabelle 2: Prinzipien des universellen Designs (Bühler 2005, S. 863)
Prinzipien Richtlinien
1. Breite Nutzbarkeit:
Das Design ist für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten nutzbar und marktfähig.
  • Gleiche Möglichkeiten der Nutzung für alle Nutzer zur Verfügung stellen: identisch, soweit möglich; gleichwertig, falls dies nicht möglich ist.
  • Ausgrenzung oder Stigmatisierung jedwelcher Nutzer vermeiden.
  • Mechanismen zur Erhaltung von Privatsphäre, Sicherheit und sicherer Nutzung sind für alle Nutzer gleichermaßen verfügbar.
  • Das Design für alle Nutzer ansprechend gestalten.
2. Flexibilität in der Benutzung:
Das Design unterstützt eine breite Palette individueller Vorlieben und Möglichkeiten
  • Wahlmöglichkeiten der Benutzungsmethoden vorsehen.
  • Rechts- oder linkshändigen Zugang und Benutzung unterstützen.
  • Die Genauigkeit und Präzision des Nutzers unterstützen.
  • Anpassung an die Schnelligkeit des Benutzers vorsehen.
3. Einfache und intuitive Benutzung:
Die Benutzung des Designs ist leicht verständlich, unabhängig von der Erfahrung, dem Wissen, den Sprachfähigkeiten oder der momentanen Konzentration des Nutzers
  • Unnötige Komplexität vermeiden.
  • Die Erwartungen der Nutzer und ihre Intuition konsequent berücksichtigen.
  • Ein breites Spektrum von Lese- und Sprachfähigkeiten unterstützen.
  • Information entsprechend ihrer Wichtigkeit kennzeichnen.
  • Klare Eingabeaufforderungen und Rückmeldungen während und bei der Ausführung vorsehen.
4. Sensorisch wahrnehmbare Informationen:
Das Design stellt den Benutzer notwendige Informationen effektiv zur Verfügung, unabhängig von der Umgebungssituation oder der sensorischen Fähigkeiten der Benutzer.
  • Unterschiedliche Modi für redundante Präsentation wichtiger Informationen vorsehen (bildlich, verbal, taktil).
  • Angemessene Kontraste zwischen wichtigen Informationen und ihrer Umgebung vorsehen.
  • Maximierende Lesbarkeit von wichtigen Informationen.
  • Unterscheiden von Elementen in der Art der Beschreibung (z.B. einfache Möglichkeit nach Anweisungen oder Instruktionen zu geben).
  • Kompatibilität mit einer Palette von Techniken oder Geräten, die von Menschen mit sensorischen Einschränkungen benutzt werden, vorsehen.
5. Fehlertoleranz:
Das Design minimiert Risiken und die negativen Konsequenzen von zufälligen oder unbeabsichtigten Aktionen.
  • Arrangieren der Elemente zur Minimierung von Risiken und Fehlern: die meist benutzen Elemente am besten zugänglich; risikobehaftete Elemente vermeiden, isolieren oder abschirmen.
  • Warnungen vor Risiken und Fehlern vorsehen.
  • Fail-Safe-Möglichkeiten vorsehen.
  • Bei Operationen, die Wachsamkeit verlangen, unbewusste Aktionen nicht ermutigen.
6. Niedriger körperlicher Aufwand:
Das Design kann effizient und komfortabel mit einem Minimum von Ermüdung benutzt werden.
  • Die Beibehaltung der natürlichen Körperhaltung ermöglichen.
  • Angemessene Bedienkräfte verlangen.
  • Minimierung sich wiederholender Aktionen.
  • Andauernde körperliche Beanspruchung vermeiden.
7. Größe und Platz für Zugang und Benutzung:
Angemessene Größe und Platz für den Zugang, die Erreichbarkeit, die Manipulation und die Benutzung unabhängig von der Größe des Benutzers, seiner Haltung oder Beweglichkeit vorsehen.
  • Eine klare Sicht auf wichtige Elemente für jeden sitzenden oder stehenden Benutzer vorsehen.
  • Eine komfortable Erreichbarkeit aller Komponenten für alle sitzenden oder stehenden Benutzer sicherstellen.
  • Unterstützen unterschiedlicher Hand- und Greifgrößen.
  • Ausreichend Platz für die Benutzung sonstiger Hilfsmittel oder von Hilfspersonen vorsehen.

7 Implementierung assistiver Technologien

Bei der Implementierung assistiver Technologien in den Alltag eines Individuums sind nach Weed, Wendt und Lloyd (2011, S. 95) die folgenden Prinzipien zu beachten:

  1. Prinzip der Einfachheit
  2. Prinzip der minimalen Einarbeitung
  3. Prinzip des minimalen Energieaufwands
  4. Prinzip der minimalen Interferenz
  5. Prinzip der besten Passung
  6. Prinzip der Zweckmäßigkeit und Verwendung und
  7. Prinzip der Verwendung evidenzbasierter Verfahren.

Das Prinzip der Einfachheit steht für die Auswahl möglichst niedrigschwelliger Lösungen, die an den Bedarfen des Individuums ohne Einschränkungen ausgerichtet sind und dennoch weitestgehend auf Komplexität verzichten (Feichtinger 2019, S. 20). Trotz des rasanten technischen Fortschritts sollte nicht immer das neueste oder fortschrittlichste Produkt ausgewählt werden, da bereits verwendete Assistenzprodukte oftmals eine ökonomische Lösung darstellen (Weed, Wendt und Lloyd 2011, S. 97).

Mit dem Prinzip der minimalen Einarbeitung wird der Anspruch formuliert, assistive Technologien auszuwählen, die keiner aufwändigen Einweisung bedürfen und für die Nutzer:innen möglichst intuitiv nutzbar sind (Feichtinger 2019, S. 20).

Die Berücksichtigung der motorischen Fähigkeiten der Nutzer:innen im Sinne eines „möglichst niedrigen motorischen Aufwands und der maximalen Ausdauer in der Bedienung der Hilfen“ (Feichtinger 2019, S. 20) ist eine Folge des Prinzips des minimalen Energieaufwands. Tätigkeiten, die mit einer geringen körperlichen Anstrengung einhergehen, können über einen längeren Zeitraum ausgeführt werden und erhöhen so die Wahrscheinlichkeit, in den Alltag integriert und erfolgreich ausgeführt zu werden (Weed, Wendt und Lloyd 2011, S. 99).

Das Prinzip der minimalen Interferenz beschreibt, dass bei dem Einsatz einer assistiven Technologie der Fokus auf der zu unterstützenden Tätigkeit und nicht auf der Bedienung oder Anwendung der eingesetzten Technologie liegen sollte (Feichtinger 2019, S. 20; Weed, Wendt und Lloyd 2011, S. 100).

Die Berücksichtigung von individuellen Unterstützungsbedarfen, den Präferenzen und der Persönlichkeit eines Individuums sowie des sozialen Umfelds ist im Versorgungsprozess von großer Bedeutung und wird unter dem Prinzip der besten Passung zusammengefasst (ebd.).

Bei dem Prinzip der Zweckmäßigkeit und Verwendung werden die vorausgehend genannten Prinzipien vor dem Hintergrund der verfügbaren Ressourcen hinsichtlich der Realisierbarkeit reflektiert (ebd.).

Der Einbezug von Fachbeiträgen aus Expert:innenen- und Nutzer_innensicht und von zeitgemäßen Forschungsergebnissen wird mit dem Prinzip der Verwendung evidenzbasierter Verfahren empfohlen. Nach Weed, Wendt und Lloyd (2011) handelt es sich hierbei um das bedeutendste der vorausgehenden Prinzipien (ebd.).

Durch die Orientierung an den Prinzipien soll sichergestellt werden, dass die assistiven Technologien so effizient wie möglich in den Lebensalltag einer Person und zu deren größtmöglichen Nutzen integriert werden können (Weed, Wendt und Lloyd 2011, S. 96).

8 Quellenangaben

Bächler, Liane, 2021. Teilhabe durch Assistive Technologien: Eine Betrachtung aus sozialpolitischer, inklusions- und anerkennungstheoretischer Sicht. In: uk & forschung. 11, S. 14–23

Bornman, Juan, 2011. Low Technology. In: Oliver Wendt, Raymond W. Quist und Lyle L. Lloyd, Hrsg. Assistive technology: Principles and applications for communication disorders and special education. Howard House: Bingley, S. 175–220. ISBN 978-17-80-52294-4

Bosse, Ingo, 2021. Kommunikation, Medien und Technologien. In: Bezirksregierung Münster, Hrsg. Handreichung zur sonderpädagogischen Fachlichkeit im Förderschwerpunkt Körperliche und motorische Entwicklung. Münster: Bezirksregierung, S. 91–129

Bühler, C., 2005. Assistive Technologie: Design für alle. In: Orthopädie-Technik. 56(12), S. 858–864. ISSN 0340-5591

Capovilla, Dino und Markus Gebhardt, 2016. Assistive Technologien für Menschen mit Sehschädigung im inklusiven Unterricht. In: Zeitschrift für Heilpädagogik. 67(1), S. 4–15. ISSN 0513-9066

Cook, Albert M. und Susan M. Hussey, 1995. Assistive technologies: Principles and practice. St. Louis, MO: Mosby. ISBN 978-0-8016-1038-7

Copley, Jodie und Jenny Ziviani, 2004. Barriers to the use of assistive technology for children with multiple disabilities. In: Occupational Therapy International. 11(4), S. 229–243. ISSN 0966-7903

Dirks, Susanne und Hanna Linke, 2019. Assistive Technologien. In: Ingo Bosse, Jan-René Schluchter und Isabel Zorn, Hrsg. Handbuch: Inklusion und Medienbildung. Weinheim: Beltz Juventa, S. 241–251. ISBN 978-3-7799-3892-7 [Rezension bei socialnet]

Dudenredaktion, Hrsg., [ohne Jahr]. Assistieren [online]. Berlin: Cornelsen Verlag GmbH [Zugriff am: 06.02.2023]. Vefügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/​assistieren

Feichtinger, Marcel, 2019. Versuch einer Systematisierung von Assistiven Technologien (AT). In: Unterstützte Kommunikation. (3), S. 16–21. ISSN 1863-4877

Feichtinger, Marcel, 2020. Unterstützte Kommunikation, Assistive Technologien und Teilhabe. In: Jens Boenisch und Stefanie K. Sachse, Hrsg. Kompendium Unterstützte Kommunikation. Stuttgart: Kohlhammer, S. 287–295. ISBN 978-3-17-036058-7

Fisseler, Björn, 2012. Assistive und Unterstützende Technologien in Förderschulen und inklusivem Unterricht. In: Ingo Bosse, Hrsg. Medienbildung im Zeitalter der Inklusion. Düsseldorf: LfM, S. 87–91. ISBN 978-3-940929-26-6

Klein, Barbara, 2021. Assistive und andere Technologien. In: Markus Schäfers und Felix Welti, Hrsg. Barrierefreiheit – Zugänglichkeit – Universelles Design: Zur Gestaltung teilhabeförderlicher Umwelten. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S. 122–132. ISBN 978-3-7815-2418-7

Müggenburg, Jan, 2020. Assistenz. In: Martina Heßler und Kevin Liggieri, Hrsg. Technikanthropologie. Baden-Baden: Nomos, S. 411–415. ISBN 978-3-8487-4542-5

Roulstone, Alan, 1998. Enabling technology: disabled people, work, and new technology. Buckingham: Open University Press. ISBN 978-0-335-19802-3

Schuldt, Steffi, Kristien Meuris und Oliver Wendt, 2022. „Gamification“ und Unterstützte Kommunikation: Neue Möglichkeiten der Gestaltung von Lernumgebungen auf mobilen Technologien. In: Unterstützte Kommunikation. (4), S. 54–60. ISSN 1863-4877

Thiele, Annett, 2016. Assistive Technologien für Menschen mit einer körperlichen-motorischen Beeinträchtigung. Interdisziplinäre Handlungsfelder und Eckpfeiler einer Qualifikation von Pädagog/​innen mit einem sonderpädagogischen Profil. In: Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete. 85(4), S. 307–322. ISSN 0017-9655

Weed, Jessica M., Oliver Wendt und Lyle L. Lloyd, 2011. Universal principles and guidelines for using assistive technology. In: Oliver Wendt, Raymond W. Quist und Lyle L. Lloyd, Hrsg. Assistive technology: Principles and applications for communication disorders and special education. Howard House: Bingley, S. 95–122. ISBN 978-17-80-52294-4

Wendt, Oliver, 2023. Mobile technology in augmentative and alternative communication. In: Nerissa Hall, Jenifer Juengling-Sudkamp, Michelle L. Gutmann und Ellen R. Cohn, Hrsg. Fundamentals of AAC: A Case-Based Approach to Enhancing Communication. San Diego, CA: Plural Press, S. 39–50. ISBN 978-1-63550-353-1

Wendt, Oliver und Lyle L. Lloyd, 2011. Definitions, history, and legal aspects of assistive technology. In: Oliver Wendt, Raymond W. Quist und Lyle L. Lloyd, Hrsg. Assistive technology: Principles and applications for communication disorders and special education. Howard House: Bingley, S. 1–22. ISBN 978-17-80-52294-4

World Health Organization (WHO), 2018. Assistive technology [online]. Genf: WHO [Zugriff am: 25.06.2022]. Verfügbar unter: https://www.who.int/news-room/​fact-sheets/​detail/​assistive-technology

Zabala, Joy Smiley, 1995. The SETT Framework: Critical areas to consider when making informed assistive technology decisions [online]. San Francisco: Academia.edu [Zugriff am: 02.01.2023]. Verfügbar unter: http://bit.ly/academiaSETT2005

Zentel, Peter, 2016. Medien und neue Technologien. In: Ingeborg Hedderich, Gottfried Biewer, Judith Hollenweger und Reinhard Markowetz, Hrsg. Handbuch Inklusion und Sonderpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 380–384. ISBN 978-3-8252-8643-9 [Rezension bei socialnet]

Verfasst von
Jun.-Prof. Dr. Liane Bächler
Universität zu Köln
Humanwissenschaftliche Fakultät
Department Heilpädagogik und Rehabilitation
Assistive Technologien in inklusiven Kontexten
Website
Mailformular

Prof. Dr. Oliver Wendt
Universität Potsdam
Professur für Inklusionspädagogik bei kognitiven und emotionalen Entwicklungsbeeinträchtigungen
Website
Mailformular

Es gibt 7 Lexikonartikel von Liane Bächler.
Es gibt 3 Lexikonartikel von Oliver Wendt.

Zitiervorschlag
Bächler, Liane und Oliver Wendt, 2023. Assistive Technologie [online]. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet, 02.11.2023 [Zugriff am: 25.07.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/29473

Link zur jeweils aktuellsten Version: https://www.socialnet.de/lexikon/Assistive-Technologie

Urheberrecht
Dieser Lexikonartikel ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion des Lexikons für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.