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Substanzerhaltung und angemessene Kapitalausstattung

Christian Koch

Veröffentlicht am 07.11.2010.

Bei diesem Text handelt es sich um einen leicht überarbeiteten Beitrag aus dem Arbeitshandbuch Finanzen für den sozialen Bereich. Von der öffentlichen Förderung zur zukunftsorientierten Finanzgestaltung. Wir danken dem Verlag Dashöfer für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Herkunft von Eigenkapital

Eigenkapital ist der Saldo von Vermögen und Schulden. Es handelt sich damit um eine abstrakte Größe, die rein rechnerisch ermittelt wird: Von dem Vermögen werden die Schulden abgezogen und das Resultat stellt das Eigenkapital der Organisation dar.

Das Eigenkapital kann auf zweierlei Art entstehen:

  1. Ausstattung der Organisation mit Kapital durch „Eigentümer“
  2. Kumulation von Gewinnen und Verlusten seit der Organisationsgründung.

Je nach Rechtsform ist eine (Mindest-)Kapitalausstattung bei der Organisationsgründung gesetzlich erforderlich und diese Ausstattung erhält einen speziellen Namen:

Rechtsform

Ausstattungskapital

Mindestausstattung

Verein

nein

keine

GmbH

Stammkapital

25.000 EUR

Aktiengesellschaft

Grundkapital

50.000 EUR

Stiftung

Stiftungskapital

50.000-100.000 EUR
je nach Stiftungsaufsicht

Genossenschaft

gezeichnetes Kapital

keine

Nach der Gründung können weitere Zuführungen zu diesem Kapitalstock erfolgen, z.B. als Kapitalerhöhung bei der GmbH bzw. Aktiengesellschaft, als Zustiftung bei der Stiftung oder als Zeichnung weiterer Genossenschaftsanteile.

Kapitalzuführungen, die nicht den besonderen rechtlichen Bedingungen des oben genannten Ausstattungskapitals unterliegen sollen, können als Kapitalrücklagen ausgewiesen werden. Die Zuführung zum Kapital kann durch die Gesellschafter, aber auch durch Spender und Erblasser mit einer entsprechenden Willenserklärung erfolgen.

Wird das Eigenkapital erwirtschaftet, wird es als Ergebnis des laufenden Jahres als Bilanzgewinn (nach Rücklagenbildung oder -auflösung) oder Jahresüberschuss ausgewiesen. Kumulierte Gewinne und Verluste aus Vorjahren stehen als Gewinnvortrag in der Bilanz. Bei einem negativen Ergebnis können Bilanzverlust, Jahresfehlbetrag oder Verlustvortrag das Ausstattungskapital schmälern.

Das Ausstattungskapital unterliegt rechtsformspezifischen Bedingungen, z.B. Ausschüttungssperre der GmbH bei Verlustvortrag oder Pflicht zur Erhaltung des Stiftungskapitals bei der Stiftung.

Da beim Verein keine Regelungen zur Kapitalausstattung existieren, finden sich hier in der Bilanz unterschiedliche Bezeichnungen, wie z.B. Kapital, Eigenkapital oder Vereinskapital.

Gewinne, für die auf der Grundlage von Gesetz, Satzung oder Organbeschlüssen eine bestimmte Verwendung vorgesehen ist, werden als Rücklagen ausgewiesen. Sie stellen auch Eigenkapital dar.

Werden öffentliche Zuschüsse, private Zuwendungen oder Spenden für Investitionen gewährt, sind diese als Sonderposten, z.B. für Investitionszuschüsse, auszuweisen. Bei bestimmungsgemäßer Nutzung des bezuschussten Anlagegutes ist der Zuschuss nicht zurückzuzahlen und der Sonderposten wird ertragswirksam aufgelöst. Bilanziell handelt es sich um eigenkapitalähnliche Mittel.

Funktionen von Eigenkapital

Eigenkapital hat wirtschaftlich zwei wichtige Funktionen:

  1. Finanzierung
  2. Risikopuffer.

Jede Organisation muss Umlaufvermögen und in der Regel auch Anlagevermögen finanzieren. Kurzfristig sind dies z.B. die Vorfinanzierung von Personalkosten und Wareneinsatz bis zum Eingang der Forderungen aus der Leistungsabrechnung. Langfristig müssen Betriebs- und Geschäftsausstattung und vor allem Gebäude finanziert werden. Für die Finanzierung können in der Regel nicht ausschließlich Fremdmittel verwendet werden. Eine ausreichende Eigenkapitalausstattung fördert die Bonität.

Beispiel Finanzierung

Ein Verein betreibt eine private Grundschule. Über die letzten fünf Jahre hat der Verein 800.000 EUR an Gewinnen, zusätzlichen zweckgebundenen Spenden und ein kleines Vermächtnis erzielt. Er plant einen Erweiterungsbau mit einem Kostenvolumen von 2 Mio. EUR. Dank der Eigenmittel von 40 % und einer plausiblen Ergebnisplanung gelingt die Finanzierung des Restbetrages über die Hausbank.

Sofern Verluste das Eigenkapital übersteigen, ist die Organisation überschuldet. Es entsteht ein „negatives“ Eigenkapital, welches korrekt als „nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag“ zu bezeichnen ist. Oder anders formuliert: Die Schulden übersteigen das Vermögen. Sofern bei einer Bewertung von Vermögen und Schulden zu aktuellen Verkehrswerten die Schulden das Vermögen übersteigen, liegt eine Überschuldung im Sinne der Insolvenzordnung vor. Es ist unverzüglich zu prüfen, ob Insolvenzantrag gestellt werden muss.

Beispiel Risikopuffer

Eine gGmbH betreibt Qualifizierungsmaßnahmen. Durch die Umstellung der Finanzierung auf Ausschreibungen kommt es zu erheblichen Umsatzschwankungen. Dem Verein gelingt es bisher nicht, seine Kapazitäten zeitnah an das Maßnahmenvolumen anzupassen. Regelmäßig entsteht ein Überhang an Räumen und Personal. Der Verein hat im Mittel der letzten fünf Jahre einen jährlichen Verlust von 150.000 EUR gemacht. Sein Eigenkapital beträgt noch 400.000 EUR. Sofern dem Verein die Anpassung an die schwankende Auftragslage nicht gelingt, droht ihm im Laufe des dritten Jahres das Aus.

Das Eigenkapital kann somit auch als Risikopuffer oder „Abstand zur Insolvenz“ angesehen werden. Das Eigenkapital steht für die Summe von Verlusten, die die Organisation im ungünstigsten Fall überstehen kann. Bei dieser Betrachtung ist zu bedenken, dass schon vor der Überschuldung eine Insolvenz durch Zahlungsunfähigkeit eintreten kann.

Sofern eine Organisation mehrere Verlustjahre hintereinander durchmacht, bietet sich eine Hochrechnung an, bis wann das Eigenkapital verbraucht ist, um so den Handlungsbedarf deutlicher hervortreten zu lassen.

Steuerrechtliche Aspekte des Kapitalaufbaus

Obwohl es offensichtlich wirtschaftlich sinnvoll ist, ein angemessenes Eigenkapital aufzubauen, vermeiden Nonprofit-Organisationen häufig die Kapitalbildung, weil vermeintlich sonst die Steuerbegünstigung gefährdet wäre. Dabei steht die Abgabenordnung einer Eigenkapitalbildung aus Gewinnen nicht grundsätzlich entgegen.

Zwei Vorbehalte der Abgabenordnung sind zu prüfen:

  1. Zulässigkeit der Gewinnerzielung
  2. Zulässigkeit der Kapitalzuführung.

Grundsätzlich dürfen gemeinnützige Organisationen Gewinne in beliebiger Höhe machen.

Beispiel Gewinnerzielung

Der Stiftung zur Förderung des Kindeswohls entwickelt eine außerordentlich erfolgreiche Kampagne, für die sie sehr populäre Politiker, Stars und Sportler als Botschafter/innen gewinnen kann. Statt der erwarteten Überschüsse von 200.000 EUR werden 3,5 Mio. EUR erzielt. Die Mehreinnahmen führen zu einem deutlichen Gewinn. Sofern Erträge aus Spenden und Erbschaften erzielt werden, kann der Gewinn praktisch beliebig hoch werden.

Die Abgabenordnung (§§ 52-54 AO) verlangt für die Steuerbegünstigung eine Ausrichtung auf gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche Zwecke. Dies schließt eine Orientierung primär an der Gewinnerzielung bei den steuerbegünstigten Zweckbetrieben aus. Diese können jedoch gleichwohl einen Überschuss erwirtschaften. Die Betriebsführung darf nur nicht auf die Maximierung dieses Überschusses ausgerichtet sein. Wie unten dargestellt wird, ist ein angemessener Überschuss zur langfristigen Verwirklichung der Satzungsziele sogar erforderlich. Im Rahmen von Fundraising (Mittelbeschaffung im ideellen Bereich nach AO), der Vermögensverwaltung (ohne wirtschaftliche Betätigung) und eines steuerpflichtigen wirtschaftlichen Zweckbetriebs steht eine Gewinnmaximierung im Einklang mit der AO.

Die erwirtschafteten Mittel sind grundsätzlich zeitnah zu verwenden, d.h. bis zum Ende des folgenden Kalenderjahres (§ 55 Abs. 1 Ziffer 5 AO). Dazu sieht das Steuerrecht jedoch eine ganze Reihe Ausnahmen vor (u.a. § 58 AO). Insbesondere können Mittel zur Finanzierung erforderlicher Investitionen einschließlich Ansammlung verdienter Abschreibungen zur Reinvestition angesammelt, eine Betriebsmittelrücklage und unter bestimmten Bedingungen freie Rücklagen gebildet werden.

Merke:

Bei einer sozialwirtschaftlich tätigen Körperschaft stellt das gemeinnützigkeitsrechtliche Gebot der zeitnahen Mittelverwendung in den seltensten Fällen eine relevante Einschränkung dar, da die verfügbaren Mittel in der Regel für die Finanzierung von Sozialimmobilien und des laufenden Betriebs genutzt werden. Mit der Planung von konkreten Erweiterungen des Betriebs können weitere angemessene Überschüsse angesammelt werden. Die konkrete Gestaltung sollte in Abstimmung mit einem Steuerberater erfolgen.

Angemessene Ergebnisplanung

Bei den folgenden Überlegungen wird davon ausgegangen, dass die Organisation ihre Ziele langfristig verfolgen möchte. Im Einzelfall kann die Aufgabe zeitlich begrenzt und der Verbrauch des Kapitals geplant werden, z.B. bei dem seltenen Fall einer Verbrauchsstiftung, die satzungsgemäß ihre Mittel aufbraucht.

Ein angemessenes Ergebnis kann auf zwei Wegen ermittelt werden:

  1. Bei der Budgetierung werden verschiedene kalkulatorische Kosten angesetzt.
  2. Es wird eine Zielkapitalausstattung für einen mittelfristigen Zeithorizont bestimmt.

Der einfachere Weg ist die Ermittlung angemessener „Aufschläge“ auf ein ansonsten ausgeglichenes Ergebnis, hier z.B. für einen sozialen Zweckbetrieb.

Kalkulation

Erläuterung

ausgeglichenes Ergebnis

Es werden alle direkten Kosten und alle erforderlichen Gemeinkosten, z.B. Verwaltungskostenumlagen, durch den Zweckbetrieb gedeckt.

zzgl. Eigenkapitalverzinsung

Durch die Inflation wird das Eigenkapital jährlich um ca. 2% entwertet. Als Ausgleich muss ein Überschuss in Höhe von 2% des eingesetzten Eigenkapitals erwirtschaftet werden, um das Kapital auch real zu erhalten.

zzgl. Risikoaufschlag

Die Erfahrung zeigt, dass nicht in allen Jahren das Planergebnis erreicht werden kann, weil z.B. der Gesetzgeber kurzfristig die Rahmenbedingungen ändert oder neue Konkurrenz auftritt. Zum Ausgleich des unternehmerischen Risikos ist ein branchenabhängiger Aufschlag von z.B. 2 bis 4% erforderlich.

zzgl. Finanzierung von Wachstum

Sofern eine Ausweitung der sozialwirtschaftlichen Aktivitäten geplant ist, soll in der Regel das Eigenkapital anteilig mitwachsen, damit sich die Eigenkapitalquote nicht verschlechtert.

Beispiel Gewinnaufschlag

Ohne die Finanzierung von Wachstum ist ein Plangewinn in der Höhe von 4 bis 6% des Eigenkapitals angemessen. Dieser kalkulatorische Posten berücksichtigt den Inflationsausgleich und einen moderaten Risikoaufschlag.

In der Praxis kalkulieren erst relativ wenige Organisationen mit einer Eigenkapitalverzinsung, obwohl dies zur langfristigen Existenzsicherung unverzichtbar ist.

Wie viel Eigenkapital benötigt eine soziale Organisation? An Stelle einer Aufschlagskalkulation kann ein angemessenes Zieleigenkapital ermittelt werden. Dies ist insbesondere erforderlich, wenn

  • die aktuelle Kapitalausstattung nicht angemessen ist und somit eine inflationsausgleichende Fortschreibung nicht ausreicht
  • die Finanzierungsbedingungen sich wesentlich verändern
  • eine deutliche Ausweitung der Aktivitäten geplant wird.

Für die Bestimmung einer angemessenen Kapitalausstattung können folgende Fragestellungen genutzt werden:

  1. Müssen Anlagegüter, insbesondere Immobilien finanziert werden? Bei Immobilien ist ein Eigenkapitalanteil von 40% anzustreben, wenn ein Risikoaufschlag der Bank bei der Verzinsung der Darlehen vermieden werden soll.
  2. Muss in besonderem Umfang Umlaufvermögen finanziert werden? Dies ist häufig der Fall, wenn Kostenträger schleppend zahlen oder Zuwendungen deutlich verspätet oder unzuverlässig ausgezahlt werden. Die Vorfinanzierung von Entgelten ist in gewissem Rahmen über Factoring möglich. Bei Zuwendungen sind nur wenige Banken zur Vorfinanzierung bereit. Der entstehende Zinsaufwand kann bei Zuwendungen in der Regel nicht eingerechnet werden.
  3. Bestehen besondere betriebliche Risiken, so dass es kurzfristig zu deutlichen Fehlbeträgen kommen kann? Dies ist bei Ausschreibungen oder starker Konkurrenz der Fall, so dass für „schlechte Jahre“ ein angemessener Risikopuffer aufgebaut werden sollte.
  4. Droht ein Verdrängungswettbewerb? Die Kapitalausstattung sollte nicht schlechter als bei den relevanten Wettbewerbern sein, damit ein Verdrängungswettbewerb nicht aussichtsreich erscheint. Als Maßstab sind ggf. nicht nur die aktuellen, sondern auch potentielle Wettbewerber anzusehen.
  5. Ist mit einer Veränderung der Finanzierung, insbesondere wegfallenden Investitionszuschüssen zu rechnen? In vielen Bereichen sozialer Arbeit war in der Vergangenheit ein Eigenmittelanteil von 20% und weniger ausreichend, da wesentliche Anteile der Investition öffentlich finanziert wurden. Sofern zum Zeitpunkt der erforderlichen Reinvestition nicht mehr mit einer Zuschussfinanzierung oder einem geringeren Anteil zu rechnen ist, muss diese Finanzierungslücke ggf. anteilig oder vollständig durch Eigenkapital geschlossen werden. Dieses ist bis zum Reinvestitionszeitpunkt anzusparen.

Verallgemeinert ist die Frage zu beantworten, welchen Eigenkapitalbedarf wird die Organisation in 10, 15 oder 20 Jahren haben? Bei dieser langfristigen Betrachtung ist ein entsprechender Inflationsausgleich kalkulatorisch zu berücksichtigen.

Fazit

Die sprichwörtliche und in der sozialwirtschaftlichen Praxis noch oft als Zielwert akzeptierte „schwarze Null“ reicht nicht aus, um langfristig die Existenz des Trägers und seine soziale Handlungsfähigkeit zu garantieren. Neben dem Inflations- und Risikoausgleich müssen je nach Umfeld die künftigen Finanzierungsbedingungen, das Wettbewerbsumfeld und die geplanten Aktivitäten der Organisation als weitere Kriterien für die Bestimmung eines angemessenen Überschusses genutzt werden, damit eine langfristig substanzerhaltende Ergebnisplanung erfolgen kann. Sofern das geplante Ergebnis nicht erreichbar erscheint, sollte die Organisation sich der Risiken einer ungenügenden Kapitalausstattung bewusst sein.

Der Originalbeitrag erschien 2007 in einer laufend aktualisierten Loseblattsammlung. Christian Koch: Substanzerhaltung und angemessene Kapitalausstattung, in: Arbeitshandbuch Finanzen für den sozialen Bereich. Dashöfer (Hamburg) 2007, Ergänzungslieferung, Abschnitt 11.2.2.

Cover Arbeitshandbuch Finanzen

Cover Arbeitshandbuch Finanzen


Autor
Dipl.-Kfm. Christian Koch
Geschäftsführer der socialnet GmbH und selbständiger Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen
Homepage www.npoconsult.de
E-Mail Mailformular


Zitiervorschlag
Christian Koch: Substanzerhaltung und angemessene Kapitalausstattung. Veröffentlicht am 07.11.2010 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/106.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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