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Konstruktionen des Geschlechts

Theorien über Männer und Frauen und Erfahrungen mit Geschlechtlichkeit in systemischen Aufstellungen

Hilde von Balluseck

veröffentlicht am 17.11.2010

socialnet Materialien. Reihe 4: Unwirtliche Zeiten

Vortrag auf der "Tagung Unwirtliche Zeiten" – Systemische Aufstellungen als Sprache der Veränderung am 28. September 2010 an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Zusammenfassung
Beeinflusst das eigene Geschlecht den Prozess der systemischen Aufstellungen? Können Männer Frauen und Frauen Männer repräsentieren? Die Autorin kommt nach kritischer Analyse der wissenschaftlichen Literatur und eigenen Erfahrungen zu einer überraschenden Hypothese.

Die Fragestellung

Den Anstoß zu diesem Vortrag gaben meine eigenen Erfahrungen in Aufstellungen. Es ist ja häufig so, dass Aufstellungsseminare unter einem Männermangel leiden. Auch für erfahrene AufstellerInnen ist es nicht immer einfach, die gleiche Zahl Männer wie Frauen ins Seminar zu bekommen. Dieser scheinbare Mangel stellt sich bei einem systemischen Blick auf das Geschehen als Quelle der Erkenntnis heraus, einer Erkenntnis, die uns den Geschlechtsunterschied, seine Wahrnehmung und Bewertung neu sehen lässt. Und im Lichte dieses Sehens bekommen theoretische Konstrukte eine größere Tiefenschärfe oder werden relativiert.

Denn es zeigt sich, und dieses Erlebnis hatte ich auch in eigenen Seminaren, dass durchaus Frauen Männer repräsentieren können, und sie müssen sich dazu noch nicht einmal umziehen. Sie repräsentieren die Männer in einer bestimmten familiären oder auch organisatorischen Konstellation und siehe da: sie selber fühlen sich als Männer und, was vielleicht noch wichtiger ist: die anderen Anwesenden erleben sie auch als solche.

Wenn wir über Männer und Frauen und über Geschlechtlichkeit nachdenken, dann müssen wir einerseits über die geschlechtliche Identität und zweitens über Sexualität und geschlechtliche Orientierung reden. Ich habe allerdings in den Aufstellungen so etwas wie triebhaftes Verhalten oder auch nur Triebwünsche nicht erlebt. Das hat mich besonders gewundert, wenn ich Männer repräsentiert habe.

Diese Phänomene haben mich beschäftigt. Aber ganz besonders hat es mich beschäftigt, nachdem ich selbst in mehreren Seminaren, an denen ich teilgenommen habe, als Mann aufgestellt wurde. Es waren teilweise auch gewalttätige Männer und ich repräsentierte sie, ohne meine Geschlechtsidentität zu wechseln.

Wie ist das möglich, habe ich mich gefragt? Wie ist es möglich, dass ich ein anderes Geschlecht repräsentiere, das ich nicht bin? Wie ist es möglich, dass ich mich als Mann fühle, mit meinen primären und sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmalen, denn über die männlichen verfüge ich nicht? Wie ist es möglich, dass die anderen an der Aufstellung Beteiligten mich als Mann sehen können, wo ich doch vom Aussehen her viel investiere, um weiblich auszusehen? Wie ist es möglich, dass meine Triebe als Repräsentantin eines Mannes keine Rolle spielen? Ich jedenfalls habe, wenn ich als Mann aufgestellt wurde, das Testosteron, das angeblich zu einer stärkeren Triebhaftigkeit der Männer führt, nicht gespürt. Ich war aber dennoch eine gute Repräsentantin. Diese Erfahrungen standen gegen alles Wissen und gegen alle sonstigen Erfahrungen. Und ich begann zu grübeln.

Ich habe mich umgeschaut und nach Vorstellungen, wissenschaftlichen Ergebnissen und Theorien gesucht, die mir bei der Beantwortung meiner Fragen helfen könnten. Letztlich musste ich mir die Antwort selbst zusammendeichseln, denn keine der vorhandenen wissenschaftlichen Ansätze befasst sich damit.

Das Ergebnis meiner Überlegungen ist daher hypothetisch. Folgende Gesichtspunkte bearbeite ich in diesem Vortrag:

  1. Die Etablierung der Geschlechtsunterschiede
  2. Begründungen der Zweigeschlechtlichkeit
  3. Die Aufhebung der Dichotomie zwischen den Geschlechtern
  4. Trieb und Begehren
  5. Systemische Aufstellungen als Sprache des Unbewussten

Die Etablierung des Geschlechtsunterschiedes

Die Bedeutung des Geschlechtsunterschiedes zeigt sich schon bei der Geburt und neuerdings durch Ultraschall schon davor. Denn zu diesem Zeitpunkt wird festgestellt bzw. nach der Geburt festgelegt, zu welchem Geschlecht wir gehören. Die Frage „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“, ist zumeist die erste, die an die glücklichen jungen Eltern gestellt wird.

Rational ist dies nicht ganz zu erklären, denn die Fortpflanzung lässt ja noch auf sich warten, und vielleicht würde das Mädchen oder der Junge auch im Kontakt mit dem anderen Geschlecht irgendwann merken, welche Rolle er bzw. sie dabei übernimmt. Aber der Geschlechtsunterschied rechtfertigt von Geburt an unterschiedliche Erwartungen, Rollen, Pflichten von Jungen und Mädchen, von Männern und Frauen.

Weil Geschlechtlichkeit für die Eltern und anderen Bezugspersonen von so herausragender Bedeutung ist, bemühen sich Kinder, wenn sie denn im Alter von zwei bis drei Jahren die Geschlechtsunterschiede entdecken, Eindeutigkeit herzustellen. Schon im Kindergarten wissen sie, welchem Geschlecht sie sich zuordnen, und inszenieren sich als Mädchen bzw. als Junge (vgl. Voigt-Kehlenbeck 2005: 100). Damit zeigen sie den Erwachsenen, besonders aber auch den anderen Kindern, dass sie genau wissen, welchem Geschlecht sie zugehören, und welche Unterschiede dabei beachtet werden müssen.

Kinder haben einen gewissen Anteil an der Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit, aber ihr Spielraum ist begrenzt durch den sozialen Kontext, in dem sie aufwachsen (vgl. Dausien 2005; Hagemann-White 2006). In einem Elternhaus, in dem rigide Normen herrschen, in dem Anderssein nicht gedacht werden darf, haben Kinder nur geringe Möglichkeiten, ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit selbst zu gestalten. Erst wenn Eltern von ihrer Bildung und von ihrer sozialen Lage her ihre eigene Geschlechtlichkeit reflektieren können, besteht auch für Kinder ein Gestaltungsspielraum.

Begründungen der Zweigeschlechtlichkeit

In vielen Mythen und Religionen sind Männer und Frauen aus einem einzigen Wesen entstanden, z.B. in der indischen Mythologie, im Hinduismus und im Koran. In der Genesis, die die Grundlage des Alten Testaments ist, steht am Anfang, nach der Schöpfung von Tier und Pflanzen, der Satz. „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“. (Schöpfungsgeschichte bei Wikipedia). In diesem Satz wird deutlich: Alle Menschen entsprechen dem Ebenbild Gottes. Es gibt eine Differenzierung nach Männern und Frauen, aber sie hat allein die Funktion der Fortpflanzung.

Mann und Frau werden in Religion, Philosophie und Wissenschaften als die beiden einzig existenten Geschlechter konzipiert, die unterschiedlich sind. In dieser Dichotomie ist jeweils der Mann der Ausgangspunkt, die Frau das andere Geschlecht. Auch in der Genesis folgt auf die Feststellung der zwei Geschlechter die Geschichte von Adam und Eva, bei der Adam als der Anfang und Eva als die Andere begriffen werden.

Im Koran wird zwar auch zunächst wertfrei – und ohne Bezug auf eine männliche Rippe – auf die Schaffung von Mann und Frau Bezug genommen. Aber in den verschiedenen Kapiteln des Korans ist die Frau dem Manne untertan, darf geschlagen werden und ist ob ihrer biologischen Eigenarten – Menstruation, Wochenbett – immer wieder unrein. (Christine Schirrmacher: Frauen im Islam. Veröffentlicht bei Institut für Islamfragen). Sie ist die Andere. Auch im Judentum und späteren Christentum wurden und werden Männern und Frauen unterschiedliche Bedeutungen und Bewertungen zugesprochen.

Die Medizin in unserem Kulturkreis tat sich mit zunehmender Wissenschaftsgläubigkeit der Gesellschaft um die medizinische Begründung des Geschlechtsunterschiedes hervor. Frauen wurde von Natur aus ein bestimmter Charakter zugeschrieben, was so weit ging, dass im 19. Jahrhundert die Hysterie im Uterus verortet und dieser dann ggf. operativ entfernt wurde. Freud wandte sich von diesen brutalen Praktiken ab und konzentrierte sich auf die psychischen Prozessen bei der Entstehung der Geschlechtsidentität. Er konzipierte die Entwicklung einer spezifisch männlichen und spezifisch weiblichen Entwicklung durch die Idee der ödipalen Phase, in der jeder Junge sich von der Mutter löst und mit dem Vater identifiziert, um später eine Frau begehren zu können. Das Mädchen entwickelt demnach seine weibliche Identität durch die Identifizierung mit der Mutter und muss die Orientierung am Vater aufgeben.

Mit der Orientierung am Penis als entscheidendem Geschlechtsunterschied und mit der Betonung der Notwendigkeit für den Jungen, sich von der Mutter zu lösen, hat Freud ein Konzept entwickelt, das die Zweigeschlechtlichkeit nicht nur medizinisch, sondern auch psychologisch begründete und in dem das männliche Element dominierte. Damit nahm er auf, was in der Gesellschaft seiner Zeit die Regel war: Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die Minderbewertung von weiblicher Reproduktionsarbeit. Parallel und danach hat die Psychologie unendlich viele Untersuchungen hervorgebracht, in denen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern festgestellt, zumeist als „natürlich“ angesehen und nicht auf ihre Ursachen hinterfragt wurden.

Die Soziologie schwamm jahrzehntelang ebenfalls in diesem Mainstream. Die gesamte Familiensoziologie war bis vor relativ kurzer Zeit eine Legitimation der Geschlechterdifferenz. Auch Niklas Luhmann hat sich dem angeschlossen. Laut Luhmann beruhen binäre Codierungen – und darum handelt es sich auch bei der Geschlechterdifferenz – generell auf Asymmetrie. Asymmetrie entsteht dadurch, dass ein Teil stärker am Ursprung ist oder wichtiger für das System zu sein scheint. Dies ist nach Luhmanns Auffassung der Mann, schon weil Eva aus seiner Rippe entnommen wurde. Der Mann repräsentiert mehr nach außen als die Frau. Damit ist Luhmann voll auf der Linie Hellingers, der meinte, der Mann sei stärker als die Frau für die Sicherheit des Familiensystems verantwortlich. Beide Männer wollen daraus nicht eine Rangordnung in Richtung einer absoluten Setzung machen. Für beide aber ist – ähnlich wie bei vielen PsychologInnen, SoziologInnen und auch LiteratInnen – die Frau das Andere, das Geschlecht also, das mehr als der Mann der Erklärung bedarf. Diese Idee konnte nur in einer männerdominierten Welt entstehen. Es zeigt sich nämlich in der persönlichen Erfahrung, dass Frauen (und auch Männer), die in frauendominierten, Haushalten aufwachsen, diesen Gedanken umkehren: Hier ist der Mann der Andere, und die Frau das bzw. die Primäre.

Männer und Frauen werden in jeder Kultur mehr oder weniger in eine Eindeutigkeit gedrängt, die ihnen die Möglichkeit des anderen Geschlechts verweigert und zumindest schmälert.

„Die Männlichkeit und die Weiblichkeit, wie sie gewöhnlich genommen werden, sind Hindernisse der Menschlichkeit.”, so sagte schon Karoline von Günderode. Georg Groddeck, Zeitgenosse Freuds, Analytiker und Arzt klagte ebenfalls über die Dichotomisierung des Geschlechts. Und es ließen sich gewiss noch viele andere Menschen in der Vergangenheit finden, die die Konstruktion der Dichotomie zwischen den Geschlechtern bedauern

Die Aufhebung der Dichotomie zwischen den Geschlechtern

Blickt man über den westlichen Gartenzaun, so nimmt man aufgrund ethnologischer Studien wahr, dass Geschlechtlichkeit auch ganz anders konzipiert sein kann als dies in Europa der Fall war. Es gibt Gesellschaften, in denen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung anders ist, in denen Männer folglich andere Charakteristika entwickeln als bei uns. Es gibt Gesellschaften, die als Matriarchat organisiert sind und in denen Frauen dominieren. Es gibt Gesellschaften, in denen neben den beiden Geschlechtern Mann und Frau noch ein drittes Geschlecht als spezifisches Geschlecht gesehen und akzeptiert wird. Männer und Frauen sind also nicht per se männlich oder weiblich, sondern je nach Gesellschaft und Funktionsbereich der Gesellschaft wird Männlichkeit und Weiblichkeit anders definiert. Und Männer wie Frauen können die Rollenerwartungen überall erfüllen, sind also nicht genetisch auf ein bestimmtes Rollenverhalten festgelegt.

Für weite Teile westlicher Gesellschaften gilt heute, dass Geschlechtlichkeit an Bedeutung verliert, in dem Maße, in dem die Gesellschaft verschiedene Funktionssysteme ausdifferenziert hat – wie Politik, Wirtschaft, Pädagogik, Wissenschaft – die als eigene Systeme, aber innerhalb der Gesellschaft ihre Wirkung entfalten. Geschlechtlichkeit wird als Ordnungsprinzip nicht mehr gebraucht, weil jedes einzelne Funktionssystem andere Codierungen enthält (Pasero 2003: 108). Das heißt: Die „relative Bedeutung der Unterscheidung Mann/Frau im Laufe der gesellschaftlichen Evolution“ nimmt ab (Luhmann a.a.O.: 41, Anm.26). Damit verbunden ist eine erhöhte Chance des Wechsels der Perspektive: Männer können heute auch traditionell „weibliche“ Eigenschaften entwickeln, ohne ihre Männlichkeit zu verlieren. Frauen können Managerqualitäten entwickeln. Beide Geschlechter können von außen auch so betrachtet werden, dass sie nicht mehr absolute Gegensätze sind. Und was sehr wichtig ist: Der Wechsel von einer männlichen zur weiblichen Identität ist heute eher möglich als in früheren Jahrtausenden.

Es bedurfte dieser abnehmenden Funktionalität des Geschlechtsunterschiedes, um diese Erkenntnisse in den Wissenschaften ausführlich zu behandeln. Und dies sogar in der Biologie.

Biologisch gesehen sind Männer und Frauen zunächst einmal nicht differenziert. Die Chromosomenverteilung bei der Empfängnis bestimmt zwar im Prinzip, ob aus einer befruchteten Eizelle ein männliches oder ein weibliches Kind entsteht. Die Gonadenanlage ist jedoch im Prinzip nicht nach Geschlecht differenziert, sie wird es erst nach ca. vier Monaten, wenn sich die primären geschlechtsspezifischen Organe herausbilden. Die Differenzierung nach Mann oder Frau erfolgt nach neueren biologischen Erkenntnissen nicht nur aufgrund der chromosomalen Dichotomie, sondern es müssen eine ganze Reihe weiterer Bedingungen gegeben sein. Insbesondere hängt es von der Zufuhr von Hormonen ab, ob ein eindeutig männliches oder weibliches oder eben ein nicht eindeutig männliches oder weibliches Kind entsteht. Dabei gibt es kein einziges Hormon, das nur bei Männern oder nur bei Frauen auftritt (vgl. Maurer 2002). Unterschiedliche Geschlechtsausprägungen sind Spielarten der Natur. Die „natürlichen Gegebenheiten (gehen) über eine dichotome binäre Klassifizierung sowohl der Chromosomenkombinationen als auch der körperlichen Erscheinungsformen weit hinaus“ (a.a.O.: 85). Die Hirnforschung stellt zwar immer wieder Unterschiede zwischen Männern und Frauen fest, merkwürdigerweise haben sich aber die Geschlechtsunterschiede im Gehirn vermindert. Und die Testverfahren, in denen die Unterschiede festgestellt werden, sprechen nicht unbedingt unterschiedliche Kompetenzen, sondern unterschiedliche Lernstrategien an (a.a.O.: 95). Die Plastizität des Gehirns, das sich entsprechend seiner Anlagen, seiner Mit- und Umwelt entwickelt und sich auch nach schweren Krankheiten neu justieren kann, und die lebenslange Lernfähigkeit sprechen gegen eine biologische Determinierung, auch im Hinblick auf Geschlechtsunterschiede. „Sex stellt kein fixes Kriterium dar, sondern ein fließendes und variables Muster“ (a.a.O.: 100, Hervorhebung im Original).

In der Psychologie hat Sigmund Freud neben seiner Theorie vom Ödipuskomplex betont, dass es eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit nicht gebe. Er erkannte, „dass weder im psychologischen noch im biologischen Sinne eine reine Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson weist vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit biologischen Zügen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von Aktivität und Passivität auf.“ (Freud 1905 d: 121, zitiert nach Quindeau 2008: 197/8). Zur konstitutionellen Bisexualität kommt die psychische, die sich durch Identifizierungsprozesse mit Mutter UND Vater ergibt (Quindeau 2008: 198).

In der Philosophie kam es zum radikalen Ansatz von Judith Butler. Sie stellte die Geschlechterdichotomie infrage, indem sie sie auf gesellschaftliche Diskurse zurückführte. Seit Butler spätestens unterscheiden wir zwischen anatomischem Geschlecht (sex) und kulturell bedingter Geschlechtsidentität (gender).

Auch die Soziologie machte sich die Erkenntnis von Geschlecht als Konstrukt zu eigen.

Frauenbewegung, konstruktivistische und diskurstheoretische Konzepte wie auch ethnomethodologische Sichtweisen gingen dabei eine teilweise kontroverse, aber im Wesentlichen doch fruchtbare Allianz ein. Deutlich wurde, dass das Konstrukt der Geschlechterdichotomie männlichen Interessen dient, von dem aber auch Frauen profitieren (Goffman 1977). Pierre Bourdieu kritisierte die symbolische Herrschaft von Männern über Frauen, der sich beide Geschlechter unterwerfen, als Gewalt. Sie bewirkt, dass die biologische Reproduktion die geschlechtliche Arbeitsteilung begründet und alle spezifisch geschlechtlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen ebenfalls.(Bourdieu 2005:44). „Die symbolische Konstruktionsarbeit … endet und transformiert sich in einer tiefgreifenden und dauerhaften Transformation der Körper (und des Geistes), d.h. in und durch eine praktische Konstruktionsarbeit … Nicht die sozialen Konsequenzen der angeborenen Geschlechtsunterschiede bedürfen also einer Erklärung, sondern vielmehr wie die Unterschiede als Garanten für unsere sozialen Arrangements geltend gemacht wurden (und werden) und, mehr noch, wie die institutionellen Mechanismen der Gesellschaft sicherstellen konnten, dass uns diese Erklärungen stichhaltig erscheinen“ (a.a.O.: 45). Auch in die systemische Therapie wurden diese Erkenntnisse umgesetzt, in Deutschland u.a. von Andrea Ebbecke-Nohlen und Ingeborg Rücker-Embden-Jonasch.

Und dennoch bleiben wir zumeist an unserer Geschlechtlichkeit hängen und halten an der Bedeutung des Geschlechtsunterschiedes fest. Der Grund ist, dass wir die Körperlichkeit nicht wegdiskutieren können. Unser Körper ist der Mittler zwischen Ich und Welt. Gerade in alltäglichen Interaktionen ist unsere Geschlechtszugehörigkeit und die unseres Gegenübers eine große Hilfestellung, um die Welt zu ordnen und ihre Komplexität zu reduzieren. Wir sehen uns selbst, wir begegnen anderen, und wir nehmen immer auch Merkmale von Männlichkeit und Weiblichkeit wahr: primär durch das Sehen, in Verbindung mit dem Hören (Nassehi 2003: 94; Villa 2006). Indem wir den Körper erleben, seine Performation als Geschlechtskörper inszenieren, sind wir Teil der Gesellschaft und ihrer mehr oder weniger strikten Normen und können diese reflektieren. Das gelingt weniger bei den unmittelbaren leiblichen Erfahrungen. In ihnen – wie z.B. bei den Veränderungen der inneren und äußeren Geschlechtsorgane durch Zyklen, Erregung, Krankheit und Alter - fühlen wir uns als Geschlechtswesen und nehmen den oder die Andere auch als solches wahr.

Trieb und Begehren

Die Geschlechtsidentität, also das Gefühl, ein Mann oder eine Frau oder etwas dazwischen zu sein, und der entsprechende Habitus werden ergänzt durch die geschlechtliche Orientierung. Beides – die Geschlechterdifferenz wie die Sexualität – wurden als konstitutiv für die Fortpflanzung angesehen. Während dies für die Geschlechterdifferenz noch zutrifft – ohne sie gäbe es bei Säugetieren keine Vermehrung – ist die Sexualität zwar ein Mittel zur Fortpflanzung, aber sie ist weit mehr als das, nämlich eine allgemeine, auf Lust bezogene Lebensenergie (Sielert 2005:41). Und sie ist nicht primär Trieb. In seinem frühen Werk hat Freud die soziale Konstruktion des Sexualtriebes angesprochen, was nach seiner späten Mystifizierung von Eros und Thanatos untergegangen ist. Wenn man aber, wie Ilka Quindeau diese ersten Überlegungen Freuds aufnimmt, dann ergibt sich daraus, dass, was wir als Triebhaftigkeit bei uns und anderen wahrnehmen, in seiner spezifischen Form durch die eigene Lebensgeschichte erworben wird. Damit kommen wir auch von Sexualität als einer rein natürlichen Tatsache weg zu einer sozialen und individuellen Konstruktion. Erst dann können wir auch erklären, warum sexuelle Erregung von sinnlicher Wahrnehmung unabhängig entstehen kann, in der Phantasie nämlich.

Einige psychoanalytische Richtungen sprechen daher heute eher vom Begehren. Dieser Begriff umschließt somatische und psychische Eigenarten und ist nicht primär triebgesteuert, sondern entwickelt sich in einer spezifischen Form. Das Begehren beruht im Gegensatz zur Annahme eines biologischen Triebes auf der Einschreibung von Erinnerungen an Berührung und Erregung im frühesten Kindesalter. Niemand von uns hat ein Bewusstsein davon, wie wir angefasst, wie wir gewaschen, gestreichelt und mit Zärtlichkeiten oder Schlägen überhäuft wurden. Niemand von uns ist in der Lage, sich diese Erfahrungen ins Bewusstsein zu rufen. Aber sie prägen unser Begehren. „Sexuelle Erregbarkeit gründet gemäß dieser Sichtweise nicht in besonderen physiologischen Bedingungen von einzelnen Körperzonen, sondern in unbewussten Erinnerungen, die bei der Stimulierung der erogenen Zonen aktiviert werden können“ (Quindeau 08:48).

Wir spüren das Begehren in unserem Leib, und zwar als Mann und als Frau in unterschiedlicher Weise. Ein Teil dieses unterschiedlichen Erlebens ist wiederum sozial konstruiert, denn ich habe ja gelernt, dass mein Geschlecht ein anderes ist als das männliche (vgl. Villa 2006:266). Ein Teil jedoch entzieht sich der Konstruktion, weil er sich zum einen aus den körperlichen Befindlichkeiten, zum anderen aus nicht verbalisierbaren Erinnerungen der frühen Kindheit speist, von einer Vielzahl von Erfahrungen, die wir uns nicht bewusst machen können. Diese Erinnerungen werden überlagert von biographischen Ereignissen und wir entwickeln – im Gegensatz zu Tieren – Phantasien, die uns das Begehren ermöglichen, erschweren oder es gar befriedigen.

Wenn es richtig ist, dass Begehren auf frühesten Kindheitserfahrungen von Zärtlichkeit, Körperkontakt und Anerkennung beruht, dann ergibt sich daraus – und das wissen wir aus vielen Beziehungen, die wir alle haben – dass es eine andere Ursprungsquelle hat als den Trieb, nämlich die Sehnsucht, gesehen, anerkannt und als ganzer Mensch geliebt zu werden.

Was bedeuten diese Erkenntnisse für systemische Aufstellungen?

Systemische Aufstellungen als Sprache des Unbewussten

Was ist der Unterschied, wenn ich eine Frau als einen Mann aufstellen muss, weil die realen Männer fehlen? Eigentlich keiner. Die Frau, die mich am meisten an meinen Vater erinnert, oder die diesen bestimmten Gesichtsausdruck hat – die soll es dann sein. Oder ich füge mich in mein unbestimmbares Schicksal und wähle irgendeine Frau, weil ich mir sage: Keine kann meinen Vater repräsentieren.

Wenn aber die Auswahl erfolgt ist und die RepräsentantInnen stehen, wie der/die AufstellerIn sie gestellt hat, dann fällt alles, was ich gerade gesagt habe, von ihnen ab. Sie sind nicht mehr attraktiv, behindert, korpulent oder sprachgewaltig – sie repräsentieren die Personen, um die es geht. RepräsentantInnen überlassen sich dem, was kommt. Sie entwickeln Gefühle, die nichts mit ihrer Person zu tun haben müssen, zu denen sie jedoch unter anderen Umständen fähig wären, wie wir alle. In ihnen wird sichtbar, was allen Menschen möglich ist. Ihr Körper, ihre Mimik, ihr Sprachgestus machen deutlich, welche Gefühle und Belastungen sie bewegen. Die Frau, die ich gerade noch war, wird zu einem Mann aus einer anderen sozialen Welt, als ich sie kenne. Meist geht es aber um etwas Anderes als geschlechtliche Identität:

Nämlich um Ungesichertheit, Orientierungslosigkeit, das Bedürfnis nach Bindung und Anerkennung (vgl. a.a.O., Honneth 1992, Benjamin 2000).

Dies könnte bedeuten, dass es sich in Aufstellungen um Situationen handelt, die grundlegende Anliegen von Menschen thematisieren. Es macht dann SINN, wenn Geschlecht keine Rolle spielt. Dort in den Aufstellungen erahnen wir, dass wir als Menschen alle Möglichkeiten haben, weibliche und männliche Wesenszüge zu entwickeln und dass die Zweigeschlechtlichkeit nicht notwendigerweise so aufgefasst werden muss, wie wir dies allgemein tun. Denn was hier spricht, ist das Unbewusste der RepräsentantInnen. Im Unbewussten sind unsere menschenspezifischen Ängste und Sehnsüchte mit unseren biographischen Ereignissen und deren Verarbeitung verbunden. Und im Unbewussten bestehen die Repräsentationen von Mann und Frau – in welcher Form sie auch erlebt wurden - weiter nebeneinander (Quindeau 2008:179). Die Beschränkung auf weiblich oder männlich fällt ab, wenn das Unbewusste sprechen darf. In den Aufstellungen ist die Erweiterung der Geschlechtsidentität möglich. Und ebenso ist möglich eine Libido, die sich nicht an Homo- oder Heterosexualität orientiert, sondern an der Sehnsucht nach dem Anderen (Quindeau 2008: 213). Das ist das Entscheidende, was die Menschen in den Aufstellungen zueinander zieht und damit sind die Aufstellungen auch ein Beleg dafür, dass es nicht Triebe sind, die uns steuern – wenn wir mit unseren ersten Bezugspersonen ein wenig Glück gehabt haben.

In den systemischen Aufstellungen wird also das sichtbar, was uns Menschen zu Menschen macht. Und das ist nicht ein eindeutiges Geschlecht oder ein Trieb. Es sind die Grundsituationen, ich habe sie schon benannt. Die Bedürfnisse nach Anerkennung, nach Bindung, und, das möchte ich hinzufügen: nach Klarheit der Verhältnisse. Diese Situationen provozieren Gefühle und den Wunsch, als der oder die Andere gesehen zu werden. Die dabei entstehenden Gefühle sind selbst ein Mittel der Erkenntnis (Eckart 2009:9). Es sind also andere als die üblichen uns bekannten Methoden, die uns hier zu einer Erkenntnis verhelfen: Es sind überraschende Wahrnehmungen aus unserem Unbewussten, in denen wir als Männer und Frauen uns nicht so unterscheiden, dass wir nicht das andere Geschlecht sein und repräsentieren könnten.

Dies ist also meine Hypothese für die Antwort auf meine Frage, warum ich einen Mann repräsentieren kann. Es wäre schön, wenn das Thema von anderen weiter erforscht würde, um zu entdecken, ob die Hypothese Bestand hat.

Literatur

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Bilden, Helga/Dausien, Bettina (Hrsg.) (2006): Sozialisation und Geschlecht. Theoretische und methodologische Aspekte. Opladen, Farmington Hills

Bourdieu, Pierre (2005):Die männliche Herrschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Dausien, Bettina: Geschlechterverhältnisse und ihre Subjekte (2006). In: Bilden/Dausien a.a.O., S. 17-44

Dornes, Martin (1997): Die frühe Kindheit. Frankfurt: Fischer

Durban, Joshua (2008): Pervers-leere Sexualität als Angriff auf die Realität. In: Springer/Münch/Munz a.a.O., S. 111-138

Esposito, Elena (2003): Frauen, Männer und das ausgeschlossene Dritte. In: Pasero/Weinbach, a.a.O., S. 63-79

Goffman, Erving (1994): Interaktion und Geschlecht. Frankfurt: Campus

Groddeck, Georg (1966, erstmals 1931): Das Zwiegeschlecht des Menschen. In: Ders.: Psychoanalytische Schriften zur Psychosomatik. Wiesbaden: Limes, S. 256-262

Hagemann-White, Carol (2006): Sozialisation – Zur Wiedergewinnung des Sozialen. In: Bilden/Dausien, a.a.O., S. 71-88

Honneth, Axel (1992): Der Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Karoline von Günderode: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/karoline-von-guenderrode/

Luhmann, Niklas (1988): Frauen, Männer und George Spencer Brown. In: Zeitschrift für Soziologie 17, Heft 1, S. 47-71. Abgedruckt in Pasero/Weinbach, a.a.O 2003, S. 15-62. Die in diesem Beitrag angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Veröffentlichung im Buch von Pasero/Weinbach.

Maurer, Margarete (2002): Sexualdimorphismus, Geschlechtskonstruktion und Hirnforschung. In: Pasero, Ursula/Gottburgsen, Anja (Hrsg.): Wie natürlich ist Geschlecht? Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 65-108

Nassehi, Amin (2003): Geschlecht im System. Die Ontologisierung des Körpers und die Asymmetrie der Geschlechter. In: Pasero/Weinbach, a.a.O., S. 80-104

Neuber, Anke 2009): Die Demonstration kein Opfer zu sein. Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten.Baden-Baden: Nomos

Pasero, Ursula/Weinbach, Christine (Hrsg., 2003): Frauen, Männer, Gender Trouble. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Quindeau, Ilka (2008): Verführung und Begehren. Die psychoanalytische Sexualtheorie nach Freud. Stuttgart: Klett-Cotta

Richter-Appelt, Hertha (2008): Intersexualität und Begehren. In: Springer/Münch/Munz, a.a.O., S. 331-346

Rose, Lotte/Schmauch, Ulrike (Hrsg., 2005): Jungen – die neuen Verlierer? Auf den Spuren eines öffentlichen Stimmungswechsels. Königstein/Taunus

Rücker-Embden-Jonasch, Ingeborg/Ebbecke-Nohlen, Andrea (Hrsg. 2000): Balanceakte. Heidelberg: Carl Auer

Sielert, Uwe (2005): Einführung in die Sexualpädagogik. Weinheim, Basel: Beltz

Springer, Anne/Münch, Karsten/Munz, Dietrich (Hrsg., 2008): Sexualitäten. Gießen: Psychosozial Verlag

Villa, Paula-Irene (2006/3): Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. Wiesbaden: VS Verlag

Voigt-Kehlenbeck, Corinna (2005): Inszenierung qua Geschlecht. Ein Perspektivwechsel und seine Folgen oder: Geschlecht als Bewältigungsanforderung im Zeitalter der Entdramatisierung der Gegensätze. In: Rose/Schmauch, a.a.O., S. 93-116

Weinbach, Christine (2003): Die systemtheoretische Alternative zum Sex- und Gender-Konzept: Gender als geschlechtsstereotypisierende Form „Person“. In: Pasero/Weinbach, a.a.O., S. 144-170

Weinbach, Christine (Hrsg., 2007): Geschlechtliche Ungleichheit in systemtheoretischer Perspektive. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Weinbach, Christine (2007): Überlegungen zu Relevanz und Bedeutung der Geschlechterdifferenz in funktional gerahmten Interaktionen. In: Weinbach, a.a.O., S. 141-164

Wille, Karin (2007): Gendering George Spencer Brown? Die Form der Unterscheidung und die Analyse von Unterscheidungsstrategin in der Genderforschung. In: Weinbach 2007, a.a.O., S. 15


Autorin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck: Konstruktionen des Geschlechts. Theorien über Männer und Frauen und Erfahrungen mit Geschlechtlichkeit in systemischen Aufstellungen. Veröffentlicht am 17.11.2010 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/110.php, Datum des Zugriffs 30.11.2021.


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