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Arbeit mit Tätern zum Thema "Väterverantwortung"

Christoph Liel

veröffentlicht am 19.11.2011

Zusammenfassung
Vortrag am 03.09.2007 bei der Tagung „Schutz des Kindeswohls bei Gewalt in der Partnerschaft der Eltern“ in der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin

Das Münchner Informationszentrum für Männer (MIM) ist eine Selbsthilfeeinrichtung für Männer und Fachstelle gegen Gewalt. Seit Ende der 1980er Jahre werden gewaltzentrierte Beratungsangebote und strukturierte Täterprogramme gegen Gewalt in der Partnerschaft angeboten. In dieser Tradition wurden die Männer bisher hauptsächlich als Männer angesprochen mit dem Ziel, weitere Gewalt gegenüber Frauen und Kindern zu verhindern, die Gewaltspirale nachhaltig zu durchbrechen und die Zusammenhänge zwischen Männlichkeit und Gewalt begünstigenden Haltungen zumindest zu lockern. Ein hoher Prozentsatz der Teilnehmer dieser Angebote sind Väter, auf die in diesen Ausführungen ein Fokus gerichtet werden soll.

Das ist insofern interessant, weil die Wahrnehmung der Auswirkungen von Partnerschaftsgewalt auf Kinder zwar seit langem fester Bestandteil der Täterprogramme ist, die Väter bisher aber relativ wenig als solche angesprochen und wahrgenommen werden. Dank der beginnenden breiten öffentlichen Fachdiskussion über die Auswirkungen von Partnerschaftsgewalt auf Kinder geraten Väter nun noch gezielter in den Fokus innerhalb der Täterarbeit in Deutschland. In der gewaltzentrierten Beratung des MIM sind Väter zahlenmäßig wie folgt präsent:

  • In 2006 haben insgesamt 61 Männer wegen Partnerschaftsgewalt Beratung im MIM in Anspruch genommen

(44 Männer in der Erstberatung und 17 Männer im laufenden Prozess).

  • In 55,2% der Fälle waren Kinder direkt involviert

(36,1% dieser Männer lebten in der Familie, 19,1% lebten getrennt).

  • Insgesamt waren 94 Kindern betroffen

(77 leibliche Kinder, 16 Kinder der (Ex-)Partnerin und 1 Adoptivkind).

In diesem Zusammenhang scheinen zwei Aspekte besonders relevant zu sein: Zum einen ist in der Praxis bisher nur relativ unsystematisch erfasst, wie Väter in der gewaltzentrierten Beratung auftauchen und für welche Väter Täterprogramme gegen Partnerschaftsgewalt ausreichend geeignet sein können. Zum zweiten stellt sich die Frage nach den Grenzen der bisherigen Konzepte von Täterarbeit, wenn aufgrund einer veränderten fachlichen und gesellschaftspolitischen Haltung die Erziehungsfähigkeit der Eltern aufgrund von Partnerschaftsgewalt im Familiengerichtsverfahren in Frage gestellt wird und hier verstärkt auf gewaltzentrierte Beratung von Vätern zurückgegriffen werden soll.

Neue Kooperationen bei Kindeswohlgefährdung und/oder im Familiengerichtsverfahren können gleichzeitig Zugänge zu Tätergruppen eröffnen, die bisher nicht oder nur schwer erreicht werden konnten. Leider gab es bisher nicht die erforderlichen Ressourcen, um ein solches Angebot tiefgreifender konzeptionell zu planen, aber gerade die jüngsten Erfahrungen mit Männern aus einem familiengerichtlichen Kontext zeigen, wie sehr die bisherigen Beratungsangebote an ihre Grenzen stoßen. Zu weitergehenden Erfordernissen in der Kooperation wird am Schluss ein kurzer Ausblick gegeben, doch zunächst ist es interessant, wie in der Partnerschaft gewalttätige Väter bereits jetzt in den Täterprogrammen auftauchen: (1) Vaterschaft als mögliche Einstiegsmotivation, (2) Vaterschaft und Gewaltlogik in der Gruppenarbeit und (3) Vaterschaft als Thema in der Kooperation. Bevor auf die einzelnen Aspekte detailliert eingegangen wird, ist ein zumindest sehr kurzer Überblick über den Ablauf der gewaltzentrierten Beratung im MIM unabdingbar.

Ablauf der gewaltzentrierten Beratung

Das MIM ist eine ursprünglich klassische Selbstmeldereinrichtung, das heißt auch noch heute kommt ein hoher Prozentsatz der Männer unter Vermittlung anderer Beratungsstellen und ohne Beratungsauflagen. Etwa 65% der Männer kommen unter Vermittlung anderer Beratungsstellen. Etwa 65% der Männer sind Selbstmelder (20% haben eine gerichtliche und 15% eine soziale oder institutionelle Auflage). Es bestehen Kooperationsvereinbarungen unter anderem mit der Frauenhilfe München, dem Täter-Opfer-Ausgleich, der Bewährungshilfe und einzelnen Justizvollzugsanstalten.

Es gibt eine Phase von 3-5 Vorgesprächen zur Diagnostik der Gewaltgeschichte und Abklärung der Motivation und Rahmenbedingungen

Þ Schweigepflichtsentbindung gegenüber Partnerin und ggf. Helfersystem

Þ Gerichtsurteile und Gutachten

Þ Vertrag über die Bedingungen der Gruppenteilnahme

Mit etwa 30-40% der Männer kann eine Vereinbarung erzielt werden, sodass sie in das Täterprogramm von insgesamt 24 Gruppensitzungen aufgenommen werden können.

Þ Selbsthilfeprinzip über fortlaufende Gruppe in Blöcken von zwölf Sitzungen

Þ curriculare Kernelemente: Gewaltschilderung und Übereinkunft zu gewaltfreiem Handeln

Zu Beginn der Gruppenteilnahme gibt es ein persönliches Gesprächsangebot an die (Ex-)Partnerin in enger Kooperation mit der Frauenhilfe München, unter bestimmten Bedingungen sind auch Paargespräche möglich.

Die gewaltzentrierte Beratung im MIM orientiert sich damit an den jüngst bundesweit festgelegten und mit entwickelten Standards für die Täterarbeit in Kooperationsbündnissen gegen Häuslicher Gewalt (Liel et al. 2008). Auf diese Standards der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt sei zur Verortung der Täterprogramme an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich hingewiesen.

Vaterschaft als mögliche Einstiegsmotivation

Vaterschaft kann in der Einstiegsphase der Männer eine wichtige Rolle spielen, denn die Beziehung zu den Kindern kann für die Männer ein Motor für die Kontaktaufnahme sein:

  • Es herrscht eine große Angst vor Trennung und Verlust der Familie. Die Liebe zu den Kindern kann dabei ein starker zusätzlicher Antrieb sein, die Partnerschaft nicht aufgeben zu wollen.
  • Nach einer Trennung der (Ex-)Partnerin besteht Hoffnung auf erneuten Kontakt zu den Kindern. Viele Väter hoffen, dass eine gewaltzentrierte Beratung ihre Chancen erhöht, die Kinder (regelmäßiger) sehen zu können.
  • Die Väter möchten ihren Kindern langfristig wieder ein gutes Vorbild sein können. Das Herausarbeiten des inneren Widerspruchs zwischen Gewalt gegenüber der (Ex-)Partnerin und Vaterschaft kann ein Grundstein zur Entwicklung einer Eigenmotivation sein.
  • Kinder werden für das Gewaltproblem nicht als relevant wahrgenommen: Möglichweise sehen Väter auch die Folgen der eigenen Gewalt auf die (Ex-)Partnerin begrenzt und schließen mögliche Traumatisierungen der Kinder aus ihrer Perspektive aus.

Motivlagen, die rein auf Erhalt der Partnerschaft und Familie oder dem eindringlichen Wunsch nach Kontakt zu den Kindern ausgerichtet sind, können das Risiko eines späteren Abbruchs des Täterprogramms in sich bergen.

Vaterschaft und Gewaltlogik in der Gruppenarbeit

Vergegenwärtigen wir uns die von Heinz Kindler vorgestellten möglichen Folgen häuslicher Gewalt und körperlichen Verletzungen bei Kindern, denn sie lassen Rückschlüsse zu, welche Gewaltformen in der inhaltlichen Auseinandersetzung im Täterprogramm zum Tragen kommen können (Kindler im Druck):

  • Verletzungen des Kindes während der Schwangerschaft: Gewalt gegen die schwangere Mutter, z.B. durch Schläge und Tritte in den Bauch, wird von (Ex-)Partnerinnen in Informationsgesprächen gelegentlich als Gewaltform geschildert, von den Männern aber nur selten eingestanden (Beispiel: Nach einem Wortgefecht um die unerledigte Treppenhausreinigung schlägt der Vater der werdenden Mutter im Vorbeigehen im engen Flur gegen den Bauch)
  • Verletzungen, wenn das Kind auf dem Arm gehalten wird: Diese Gewalt kann gelegentlich bei Konflikten und Konkurrenz um die Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern relevant sein (Beispiel: Der Vater reißt der Mutter das Kind aus dem Arm, weil er sich bevormundet fühlt und das Kind selbst beruhigen will)
  • Verletzungen, wenn das Kind zu intervenieren versucht: (Beispiel: Nach einer Ohrfeige des Vaters schreit die Tochter und stellt sich dazwischen, Vater schiebt Mutter und Tochter zur Küchentür hinaus und knallt sie zu.)
  • zielgerichtete Verletzungen um Partnerin zu kontrollieren oder zu bestrafen: Das so genannte Medea Syndrom wird in der Praxis nur unwahrscheinlich und äußerst selten auftauchen, jedoch gibt es immer wieder Situationen, in denen der Vater das Kind im Konflikt mit der Mutter instrumentalisiert und gefährdet (Beispiel: Vater wirft das Kind gegen den Rat der Mutter gefährlich hoch und genießt ihren Ärger, das Kind schlägt sich an der Zimmerdecke den Kopf an).
  • Psychoneuroimmunlogische Effekte: Die langfristigen schädigenden Folgen miterlebter Gewalt auf Kinder, ohne dass sie unmittelbar körperlich betroffen sind, sind in sofern relevant, weil Väter in der Wahrnehmung und Darstellung ihrer Gewalt im Täterprogramm die Kinder in der Regel entweder völlig ausblenden oder deren Miterleben und Reaktionen bagatellisieren (Beispiel: Gewaltdarstellung von Driss).

Gewaltschilderung Driss

Er war mit Tochter (sieben Jahre) im Schwimmbad und kommt eine viertel Stunde zu spät zum Essen nach Hause (18.15 statt 18.00 Uhr).

Er wollte dass die Tochter die Haare ausreichend föhnt. Er weiß schon im Auto, dass es Stress geben wird.

Von ihrem Vorwurf, dass er zu spät ist; fühlt er sich angegriffen. Sie konfrontiert ihn mit vielen Vorwürfen, er reagiert mit der Frage "Was sonst noch? Was sonst noch?"

Er weiß er nicht, wann die Tochter die Küche verlässt und wo sie ist. Der Sohn (vier Monate) ist im Kinderzimmer.

Sie gibt ihm eine Ohrfeige, er fühlt sich genervt. Nach kurzer Pause (ca. 30 sec.) verspritzt er eine halbe Flasche geöffneten Rotwein in der gesamten Küche, reißt die Musik-Anlage und andere Gegenstände vom Regal, alles zerbricht auf dem Boden.

Sie weint, ist schockiert über die Unordnung. Er beginnt aufzuräumen, sie hilft ihm. Sie reden immer wieder.

Auch der Vorhang ist zerrissen. Sie ist verärgert und depressiv, er ist frustriert.

Sie nimmt ein spitzes Küchenmesser und bohrt es sich in den Bauch, er nimmt es ihr weg. Sie kriecht weinend auf dem Boden. Ist wie weggetreten, hat Schaum vor dem Mund.

Sie geht erneut zum Schrank. Er meint, sie will wieder ein Küchenmesser herausholen. Er springt hinzu und stößt sie gegen den Schrank, sie fällt zu Boden.

Sie liegt und kriecht auf dem Boden, zunächst in der Küche, dann im Gang, im Bad, später wieder im Gang. Sie weint nur noch.

Er ärgert sich darüber, sie ist ihm im Weg. Er steigt über sie, um in die Küche zu kommen. Tritt ihr dabei mit vollem Gewicht auf ihren Bauch.

Er raucht eine Zigarette in der Küche. Sie reden nicht mehr, gehen irgendwann schlafen.

Am nächsten Tag streicht sie die Küche. Die Tochter fragt ihn, was gestern los war.

Auffällig an diesem Fallbeispiel eines 43jährigen Mannes ist, wie viel angestauten Hass er in sich trägt und wie schnell er die Konflikteskalation provoziert. Die Ohrfeige seiner Partnerin wertet Driss als Berechtigung, auszurasten und jegliche Grenzen zu verlieren. Die Situation ist ihm schnell unangenehm. Er fühlt sich von seiner Partnerin bloßgestellt: Ihr Verhalten führt ihm vor Augen, dass er wieder gewalttätig geworden zu ist. So nimmt er sie in ihrer Not nicht war, sondern demütigt und misshandelt die am Boden liegende weiter. Seine Logik der Gewalt ist, seine Partnerin als strategisch Handelnde und sich selbst als Opfer der Situation wahrzunehmen.

Betrachtet man die Situationsdarstellung nun unter dem Fokus Vaterschaft, so zeigt sich, dass Driss die Erziehung der Tochter als eigentlichen Konfliktauslöser benennt. Er steht in dem Konflikt zweier Vorgaben seiner Partnerin (pünktliches Abendessen, geföhnte Haare), ohne selbst Position zu beziehen, stattdessen stimmt er sich schon im Auto auf den Streit ein. Zuhause angekommen, verliert er die Tochter völlig aus der Wahrnehmung. Der Vater kümmert sich nach eigener Darstellung an diesem Abend nicht mehr um seine beiden Kinder, beide wirken in seiner Darstellung stillschweigend versorgt (schlafend). Gleichzeitig wird klar, dass die Tochter nach dem Schwimmen kein Abendessen mehr erhält, weil Driss den Konflikt eskalieren lässt. Beaufsichtigung und Ernährung der Tochter sind in dieser Situation somit nicht bzw. nur eingeschränkt gesichert, ganz zu schweigen davon, dass sich im Kinderzimmer ein Säugling befindet. Gleichzeitig signalisiert die Tochter deutlich, dass sie die Gewaltsituation sehr genau mitbekommen hat, indem sie den Vater auf die Situation direkt anspricht.

Zusammenfassend kann Vaterschaft in folgenden Aspekten der Gewaltlogik zum tragen kommen:

  • Der Ehrenkodex verbietet Gewalt gegen Kinder, Gewalt gegen die Partnerin jedoch nicht. „Wenn ich meine Frau schlage, schade ich nur ihr und nicht meinen Kindern“
  • Gewalttätigkeit ist ein Ausdruck von Macht, um Unterlegenheit abzuwenden und Kontrolle über (Ex-)Partnerin und Familie wiederzuerlangen.
  • Aussagen über Anwesenheit, Erleben und Verhalten der Kinder können nicht gemacht werden. „Die Kinder haben die Gewalt nicht mitbekommen“ „Die Kinder haben sich so normal wie immer verhalten.“
  • Schädigungen der Kinder werden bagatellisiert und der Partnerin angelastet. Werden Störungen und Auffälligkeiten der Kinder überhaupt wahrgenommen, werden sie bagatellisiert und nicht mit der eigenen Gewalt in Verbindung gebracht, sondern der Partnerin angelastet.
  • Kinder werden instrumentalisiert, um sich gegenüber der (Ex-)Partnerin durchzusetzen. „Ich muss mich gegen die Bevormundung der Partnerin wehren und für mein Recht auf Erziehung meiner Kinder kämpfen.“
  • Kinder werden als Mittel eingesetzt, um mit der (Ex-)Partnerin in Kontakt zu kommen. Nach der Trennung werden Kinder unter Druck gesetzt, die Mutter zur Rückkehr zu überreden: „Wir werden uns sonst bald nicht mehr sehen können.“

Vaterschaft als Thema in der Kooperation

Ein weiteres Fallbeispiel soll dem Verständnis dienen, warum eine bestimmte Gruppe von gewalttätigen Vätern eine besondere Herausforderung für die Kooperation darstellt und warum bisherige Kooperationsvereinbarungen beim Thema "Vaterschaft" an ihre Grenzen stoßen können. Im vorliegenden Fall geht es um einen 34jährigen Bosnier, der in einer Erstberatung seine Gewalt schildert.

Gewaltschilderung Aleks

Er steht am Samstag Morgen mit der vierjährigen Tochter auf. Er setzt das Kind vor den Fernseher. Sie schaut Märchen-TV und trinkt Früchtetee. Seine Frau will länger schlafen. Sie steht auf und beschwert sich, dass der Fernseher so laut ist. Er erklärt die "Tonabweichung" mit einem Wechsel im TV-Programm (Werbung und Karaoke).

Er ist in der Küche und bereitet Rühreier zu. Er wünscht sich ein harmonisches Frühstück. Sie wird laut, sie ist in Sorge um das Kind, der Fernseher ist zu laut. Er verteidigt sich, der Fernseher wäre schon beim Einschalten so eingestellt gewesen. Sie geht auf die Toilette. Er schreit, sie solle die Fresse halten. Sie schreit das gleiche zurück. Er hat Angst, die Nachbarn könnten den Streit mitbekommen. Sie solle nicht so schreien, er schubst sie mit einer Hand an der Schulter. Sie kratzt ihn, dass es blutet. Er gibt ihr eine Ohrfeige. Die Tochter schreit nach Mama und Papa. Beide setzten sich zum Kind auf das Sofa und füttern es. Es ist Ruhe.

Später wollen sie gemeinsam ins Einkaufszentrum gehen. Er ist noch im Schlafanzug, muss sich umziehen. Es wird abgesprochen, dass sie mit dem Kind schon loszieht und er nachkommt. Sie nimmt den Müll mit. Das Kind winkt ihm von unten vor dem Haus noch zu. Er schickt ihr später noch eine SMS, sie solle Bepanthen für die Kratzwunde mitbringen. Er findet sie später im Einkaufszentrum nicht, sie blockiert seitdem jeden Kontakt. Er erkundigt sich bei Freundin, Cousine und Schwester nach ihr. Eine Woche später erfährt er von der Polizei vom Kontaktverbot. Er verpasst die Prüfung zum Taxischein. Sie erscheint nicht zur Gerichtsverhandlung.

Bei dieser Situationsdarstellung ist wiederum interessant, wie sehr sich dieser Mann unter Rechtfertigungsdruck sieht. Er kann kaum Angaben zu seinen Gefühlen machen, wenngleich er sich offensichtlich in einer Krisensituation befindet. Es gelingt ihm, sich selbst als fürsorglichen und verantwortungsvollen Vater darzustellen, während seine Partnerin hier als die eigentlich aggressive und unzuverlässige erscheint, die ihm nicht nur eine behandlungsbedürftige Verletzung zufügt, sondern ihn dann hintergeht und das Kind entzieht. Angaben zu einer möglichen Vorgeschichte des Konfliktes kann Aleks nicht machen. Seine Gewalt führt dazu, dass zunächst wieder Harmonie hergestellt ist. Die Tochter ist in dieser Situation direkt involviert. Gleichzeitig fällt auf, in welchem Widerspruch die Darstellung seiner Gewalt ("jemals nur eine einzige Ohrfeige") zur hohen Eingriffsintensität externer Stellen steht (polizeiliches und gerichtlich verlängertes Kontaktverbot, zunächst kein Umgang). Aleks kann das Verhalten seiner (Ex)Partnerin nicht mit seiner eigenen Bedrohlichkeit in Verbindung bringen. Würden wir hier bereits in der Erstberatung über Informationen von Seiten seiner (Ex)Partnerin, des ASD, aus dem Polizeiprotokoll oder den Gerichtsunterlagen verfügen, so würde sich vermutlich ein deutlich anderes Bild von der Heftigkeit seiner Gewalt und der Situation insgesamt abzeichnen. Wichtig ist in solchen Fällen grundsätzlich festzuhalten, dass die Gefährdungslage nach einer Trennung nicht notwendigerweise beendet sein muss und sich die Partnerschaftsgewalt als eine mögliche Kindeswohlgefährdung darstellen kann. Insgesamt resultieren hieraus erhöhte Erfordernisse an die Kooperation, die wie folgt begründet werden können:

  • Die Männer können sich aufgrund von Trennung, möglichem Kontaktverbot und laufenden Gerichtsverfahren in einer Krisensituation befinden.
  • Die Männer zeigen ein erhöhtes Maß an Verleugnung und eigener Unschuldsüberzeug bezüglich der verübten Gewalt.
  • Eine weitere Bedrohung und Gefährdung der Partnerin bzw. Instrumentalisierung und Beeinflussung der Kinder kann nicht ausgeschlossen werden.
  • Von externen Stellen wurden Sicherungsmaßnahmen eingeleitet, weil die Männer als gefährdend eingeschätzt wurden (Wegweisung/Kontaktverbot, Aussetzung des Umgangs, begleiteter Umgang).
  • Die Männer können in anderen Institutionen aggressiv oder bedrohlich aufgefallen sein.
  • Eine veränderte Haltung gegenüber den Kindern muss erst nachhaltig entwickelt und ein erneuter Umgang muss vorbereitet werden.
  • Es besteht ein erhöhter Kooperations- und Einschätzungsbedarf aufgrund des Handlungsdrucks von externen Stellen.

Die Auseinandersetzung mit solchen Männern über ihre Verantwortung als Väter kann hier angesichts der Krisensituation und geringen Veränderungsmotivation ein guter Ansatzpunkt sein, um Gewalt zu thematisieren. Das ist auch insofern interessant, weil sich Zugänge zu Zielgruppen eröffnen, die bisher wenig erreicht werden.

Ziele für ein spezialisiertes Programm für Väter

Um den vorgestellten Erfordernissen hinsichtlich der Kooperation bei dieser Zielgruppe auch konzeptionell hinreichend zu berücksichtigen, ist ein erweitertes oder spezialisiertes Programm für Väter sinnvoll und unabdingbar. Dieses sollte einige Ziele beinhalten und umsetzen:

  • Die Wahrnehmung von der Anwesenheit der Kinder sollte verbessert werden. Wann halten sie sich wo auf? Wie bewegen sie sich? Welche Geräusche erzeugen sie? Was hat sich an ihrem Auftreten während der Gewaltsituation gegenüber sonst verändert?
  • Das Bewusstsein für Signale und Botschaften, die Kinder aussenden, sollte geschärft werden und die Bereitschaft, diese auch ernst zu nehmen, erhöht werden. Was sagen Mimik, Gestik, Blicke, Körperhaltung, der gewählte Aufenthaltsort und die Lautstärke des Kindes aus? Wie drückt mein Kind aus, dass seine Grenze erreicht oder schon überschritten ist?
  • Die Bereitschaft und Fähigkeit sich in das Erleben der Kinder einzufühlen, sollte gefördert werden. Wie fühlt sich mein Kind gerade. Was ändert die Gewalt am Erleben und Fühlen meines Kindes. Wie sieht das Geschehene durch die Augen meiner Kinder aus.
  • Es sollte eine hohe Betroffenheit vom Leiden der Kinder angestrebt werden, vor allem wenn der Vater der Verursacher von Gefühlen wie Angst, Trauer, Verzweiflung, Panik, Überforderung, Wertlosigkeit ist. Vom Vater zugelassene und gezeigte Schuld- und Schamgefühle können seine emotionale Blockade lösen und Kinder entlasten, die dazu neigen, sich für Störungen und Konflikte in der Familie schuldig zu fühlen. Nur wenn der Mann solche Gefühle bei sich selbst wahrnehmen und zulassen kann, ist er in der Lage, sie beim Kind zu erspüren. So kann der Weg frei werden, die Verantwortung für die eigene Gewalt und deren Auswirkungen auch vor dem Kind zu übernehmen und das Kind von dieser Bürde zu befreien.
  • Die Männer sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, welche Bedeutung die Elternbeziehung für das Sicherheits- und Geborgenheitsgefühl ihrer Kinder hat, dass die Entwicklung eines Vertrauens in eigene Fähigkeiten und in Beziehungen sehr davon abhängt, wie die Kinder ihre Eltern im Umgang miteinander erleben. Nur dann können die Männer erfassen, dass wesentliche Grundlagen eines stabilen Lebensgefühls durch ihre Gewalt zerstört werden. Die Väter sollten begreifen, wie es für Kinder ist, hilflos miterleben zu müssen, wie ihre Mutter misshandelt und erniedrigt wird und sie nicht beschützen zu können.

Diese exemplarische Aufzählung von Zielen für ein gewaltzentriertes Programm für Väter zeigt, wie viel intensiver im Vergleich zum bisherigen Beratungsangebot Kinder in den Fokus genommen werden sollen. Die bestehenden gewaltzentrierten Programme sollten zur Sensibilisierung der Folgen von Partnerschaftsgewalt auf Kinder genutzt, aber auch nicht überfordert werden. Wenn es darum geht bei einer Kindeswohlgefährdung aufgrund von Partnerschaftsgewalt Väter in die Verantwortung zu nehmen, indem mit ihnen eine tragfähige Motivation erarbeitet und ein möglicher begleiteter Umgang vorbereitet wird, so ergeben sich erweiterte Fragestellungen für die Kooperation wie auch für inhaltliche Konzeptgestaltung.

Literatur

Liel, C.; Arend, T.; Beckmann, S; Bunjes, C.; Eggerding, K.; Hafner, G.; Hertel, R.; Matthies, T. & Steingen, A. (2008): Standards und Empfehlungen für die Arbeit mit männlichen Tätern im Rahmen von interinstitutionellen Kooperationsbündnissen gegen häusliche Gewalt. In: Sozialmagazin, 1 (33), 30-39 und BMFSFJ (Hrsg.): Materialien zur Gleichstellung Nr. 109/2008.

Hainbach, S./Liel, C. (2006): Arbeit mit Tätern zum Thema "Väterverantwortung" – ein noch wenig beachtetes Thema der gewaltzentrierten Trainingsprogramme. In: Kavemann, B./Kreyssig, U. (Hrsg.): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 383-400.

Kindler, H. (im Druck): Auswirkungen häuslicher Gewalt auf Kinder. In: Kinder und häusliche Gewalt. Gemeinsam handeln für Hilfe und Schutz. Dokumentation des Fachtags am 27.06.07 in München. München: Eigendruck.


Autor
Christoph Liel
Dipl.-Sozialarbeiter, Anti-Aggressivitäts-Trainer, Münchner Informationszentrum für Männer e.V., Mitherausgeber der deutschen Standards für Täterarbeit der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt e.V., Forschung zu Interventionen bei Gewalt und Kindeswohlgefährdung
Website www.maennerzentrum.de
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Zitiervorschlag
Christoph Liel: Arbeit mit Tätern zum Thema "Väterverantwortung". Veröffentlicht am 19.11.2011 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/130.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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