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„Revolte ist Luxus“

Jos Schnurer

Veröffentlicht am 04.09.2013.

Der bekannte und anerkannte slowenische politische Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Žižek schreibt im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT (27.6.13, S. 42) über „Ärger im Paradies“. Darin stellt er die These auf, dass Widerstand gegen und Unzufriedenheit mit gesellschaftlichen und politischen Zuständen selten von den dabei direkt Betroffenen, den Verlierern in einer Gesellschaft also ausgehen; vielmehr sind es diejenigen, die von gewissen Fortschritten profitieren, deren Hoffnungen und Erwartungen jedoch dabei enttäuscht werden, die auf die Straße gehen und gegen etablierte gesellschaftliche Mächte und Strukturen protestieren. Vielfach, wie bei den Aufständen beim euphorisch bezeichneten „arabischen Frühling“, bei den Protesten in Brasilien, bei der „gewaltlosen Revolution“ in Deutschland, den Veränderungsprozessen in Jugoslawien, Myanmar, China und anderswo, sind es erst einmal eher marginal erscheinende Ärgernisse über staatliche Maßnahmen, etwa Strom- oder Brotpreise zu erhöhen, die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln zu verteuern, die Einzelne veranlassen, dagegen öffentlich zu revoltieren. Gefördert und angeschoben durch die Möglichkeiten, die heute soziale Netzwerke bieten, entwickelt sich meist daraus lawinenartig eine Widerstandsbewegung, die die Unzufriedenheiten in der jeweiligen Gesellschaft potenziert, realistische bis utopische Erwartungshaltungshaltungen produziert und möglicherweise immanente, historisch entstandene, autoritär oder dominant unterdrückte Konflikte zu Tage treten lässt [1].

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“

Der Mensch als zôon politikon (Aristoteles), der kraft seines Verstandes ein Selbstbewusstsein zu entwickeln vermag und (naturgemäß) danach strebt, in Gemeinschaft mit anderen Menschen ein gutes Leben zu führen, versucht immer wieder, sich gegen Unterdrückung und Abhängigkeit zu wehren, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) in der Präambel zur Ausdruck kommt: Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bilden die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt. Die gesellschaftlichen und kollektiven Aufstände und Freiheitsbewegungen zeigen sich sowohl als revolutionäre [2] als auch evolutionäre Akte [3], wobei die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit zeigt, dass die Durchsetzung von politischen Ideen und Konzepten nur ganz selten ohne den Einsatz von Macht und Gegenmacht verläuft [4].

Collage Aufbruch, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer

Collage Aufbruch, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer

„Jedermann hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit“,

so proklamiert es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in Artikel 18. In der Menschheitsgeschichte herrscht von Beginn an ein ungeklärtes Verhältnis zwischen Religion und Politik, zwischen dem Anspruch von religiös-institutionellen und laizistischen Ordnungen, von säkularen bis hin zu fundamentalistischen Machtäußerungen. „Der Umgang mit moralischer und religiöser Vielfalt ist eine der größten Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaften gegenwärtig konfrontiert sind„; das zeigt sich alltäglich auf den Bildschirmen und den realen Lebens- und Gefahrenssituationen in der Welt. Eine Konsensfindung über das jeweilige Verfassungs- und Ordnungssystem verläuft – zumindest in Gesellschaften, die freiheitlich-demokratisches Leben anstreben – beruhen dabei auf zwei Denkrichtungen, die sie als Grundlage für ihre weiteres Handeln benutzt werden:  Das republikanische Modell der Laizität, die „über die Achtung der moralischen Gleichheit und der Gewissensfreiheit hinaus die Emanzipation der Individuen und die Herausbildung einer gemeinsamen staatsbürgerlichen Identität“ anstreben; und das liberal-pluralistische Modell, das danach strebt, „das optimale Gleichgewicht zwischen der Achtung der moralischen Gleichheit und der Achtung der persönlichen Gewissensfreiheit zu finden“ [5].

Globalisierung ante portas?

In den Auseinandersetzungen über die Vor- und Nachteile, Wirkungen und Imponderabilien der Globalisierung, die nationales, ideologisches und eingegrenztes Denken und Handeln obsolet werden lassen, wie auch das Realitätsbewusstsein der Menschen arg herausfordern [6], sind Identifizierungen und Bewertungen von  Macht und Moral, Gut und Böse, Effektivität und Verteilung, Demokratie und Sicherheit, Marktwirtschaft und Profit, Regulierung oder Deregulierung, Wohlfahrtsstaat oder Neoliberalismus nicht so einfach zu leisten [7]. Wo sich anonyme, im gesellschaftlichen Prozess als nicht (mehr) identifizierbare oder in Frage gestellte (gewohnte oder aufgezwungene)  Herrschaftsformen etabliert haben, bedarf es des Nachdenkens über Alternativen, insbesondere dann, wenn Macht, Herrschaft und Willkür als Eigennutz von einzelnen Personen und Gruppierungen ideologisch begründet werden [8].

„Ohne Spekulation, ohne begründete Vermutungen geht es nun einmal nicht“

Von der „Janusköpfigkeit“ des menschlichen Daseins könnte man sprechen, angesichts der individuellen und globalen Herausforderungen und Erwartungshaltungen der Menschen, wenn es um die Nachfrage danach geht, wie die philosophische und anthropologische Gleichung „gut leben“ und „frei leben“ deckungsgleich gemacht werden kann, angesichts der universalen Herausforderung, dass „jeder einzelne von uns tagtäglich die Verantwortung für die Zukunft der gesamten Menschheit trägt“ (Enrique Barón Crespo). Die Deutung von Welt als Existenz- und Lebensraum der Menschen lässt sich zum einen als ein deskriptiver Akt des historischen Gewordenseins der Menschheit verstehen, zum anderen als Reflexion von Entwicklungen, die sich (auch) auf eine Nachschau beziehen, wie die Gemeinschaften, Nationen, Staaten und Kulturen sich gebildet und dies in ihren jeweiligen, spezifischen Kommunikationsformen ausgedrückt haben Diese Denkanstrengungen sind insbesondere in einer Zeit notwendig, in der, ökonomisch, politisch, sozial und gesellschaftlich, ein Perspektivenwechsel gefordert ist, wie ihn etwa die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 gefordert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ [9]. Das Bonmot „Historiker wissen zwar von vielem vieles, aber sie sind nicht dabei gewesen“, dürfte sich für jedes Analysieren, Forschen und Wahrheitssuchen eignen, das Menschen gegenüber anderen Lebewesen auszeichnet, der Fähigkeit nämlich, Gegenwart human zu gestalten und Zukunft zu denken [10].

Krisen sind überall – sind Krisen normal?

Große Krisen, kleine Krisen, Finanz- und Wirtschaftskrisen, institutionelle Krisen, persönliche Krisen …, wohin man schaut, liest und hört, überall ist die Rede von den Krisen. Das Elend ist überall! Die vielfältigen, seit Jahrhunderten immer wieder artikulierten Aufforderungen, dass der Mensch sein Leben und damit sein Denken und Handeln, lokal und global, ändern müsse (vgl. dazu z. B. die Welt-Prognosen, wie sie vom Club of Rome und anderen Alarm-Einrichtungen an die Menschen gerichtet werden), scheinen das Menschheitsgewissen nur mäßig und wenig erfolgreich zu tangieren. Wir leben in einer „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck), die davon gekennzeichnet ist, dass Furcht eine eigene Wirklichkeit schafft [11]. Die Reaktionen darauf sind, je nach gesellschaftlicher Verfasstheit, politischer Reife oder ideologischer Verengung, unterschiedlich, rational oder irrational [12].

Allgemeingültige, nicht relativierbare globale Ethik

Immer  wenn es um grundlegende Fragen des Menschseins und um das euzôia, das gute Leben (Aristoteles) geht, werden Paradigmen formuliert, die als Gebote / Verbote gesetzt, als nichtkritisierbare und unumstößliche Gesetzlichkeiten und Selbstverständlichkeiten postuliert, oder als religiöse und naturrechtliche Voraussetzungen betrachtet werden. Der Anspruch auf Allgemeingültigkeit der Menschenrechte aber wird immer wieder in Frage gestellt und durch spezifische Deklarationen, wie z. B. die von den Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz 1990 ratifizierte „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“, oder die bereits 1981 von den Staats- und Regierungschefs der Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) beschlossene „Afrikanische Charta der Menschenrechte und der Rechte der Völker“, relativiert [13]. Der Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas schreibt eine „affirmative Genealogie des Universalismus der Werte“, indem er erst einmal feststellt: „Ich glaube nicht an die Möglichkeit einer rein rationalen Begründung letzter Werte“. Dabei freilich will er nicht an den Grundfesten und Denkgebäuden rütteln, wie sie in der Philosophie über die Jahrtausende hin gedacht und postuliert wurden; vielmehr geht es ihm darum, auf die Trennbarkeit von Genesis und Geltung im Argumentationsprozess um die Begründbarkeit von Menschenrechten zu verweisen: Es „kann nämlich die Geschichte der Entstehung und Ausbreitung von Werten selbst so angelegt werden, dass sich in ihr Erzählung und Begründung in spezifischer Weise verschränken“. Dabei weist er die seiner Meinung nach unfruchtbare Debatte zurück, ob „die Menschenrechte eher auf religiöse oder auf säkular-humanistische Ursprünge zurückzuführen sind„; vielmehr stellt der Autor fest, dass es eine fundamentale Alternative zu den genannten Positionen gibt: „Sakralität, Heiligkeit…, den Glauben an die Menschenrechte und die universale Menschenwürde als das Ergebnis eines spezifischen Sakralisierungsprozesses aufzufassen…, in dem jedes einzelne menschliche Wesen mehr und mehr und in immer stärker motivierender und sensibilisierender Weise als heilig angesehen und dieses Verständnis im Recht institutionalisiert“ wird. Das mögliche Missverständnis, dass Sakralität vornehmlich als religiös aufgefasst werden könne, räumt er dadurch beiseite, indem er darauf verweist, dass „subjektive Evidenz und affektive Intensität“ die Grundpfeiler eines so verstandenen sakralen Denkens und Handelns darstellen und die „Sakralisierung der Person“ zum Ziel hat [14].

„Occupy artikuliert sich durch seine Verräumlichung“

Über die Bedeutung des Raums für menschliches Leben und Handeln, für Er- und Ausbeutung, für Freuden und Leiden… gibt es vielfältige Erklärungsversuche und Bestimmungen. Im wissenschaftlichen Diskurs hat insbesondere der Wandlungsaspekt des Raums als „Turn“ [15]  eine neue Aufmerksamkeit und Wirkungskraft für das „Zeitalter des Raums“ (Michel Foucault) erhalten. Der Lebensraum der Menschen wird in der sich ökonomisch, profitorientiert und neoliberal vollziehenden Entwicklung immer mehr zum „Markt„- und immer weniger zum „Chancengleichheits“ – und „Gerechtigkeits“ – Platz. Es sind insbesondere die sich im letzten Jahrzehnt zu Wort gemeldeten und etablierten Initiativen der Globalisierungskritiker, die mit der Überzeugung „Eine andere, bessere und gerechtere (Eine) Welt ist möglich!“ auf die Fehlentwicklungen in der sich immer interdependenter, entgrenzender und egoistischer gemachten Welt aufmerksam machen. Die ungute Entwicklung, die sich nicht zuletzt dadurch äußert, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden – und zwar sowohl lokal als auch global – wird insbesondere von nichtstaatlichen Organisationen (NGO) und spontan entstandenen Oppositions-Gruppierungen kritisiert – und nicht zuletzt auch von Freiheits- und Demokratisierungsbewegungen in der Welt aufgenommen. Erfolgreicher gewaltfreier Widerstand kann nicht machtlos sein. Doch die Instrumente der Macht brauchen nicht die gleichen wie die der etablierten Mächtigen zu sein [16].

Der Terrorismus als Weltrisiko

Im „Kampf gegen Terrorismus“ halten sich Zumutungen, Aufgeregtheiten, Beschwichtigungsversuche, Untergangs- und Auferstehungsszenarien die Waage. Je nach dem Stand der (politischen) Aufklärung und Wachheit gehen dabei die Auffassungen Verbindungen ein zu vernunftgemäßem Verhalten bis hin zu emotionalisierten und rassistischen Stammtischparolen. Die Auseinandersetzungen bei den Protestbewegungen werden Argumente wie „Risiko“ und „Sicherheit“, „Zugehörigkeit“ und „Fremdheit“ [17] eingesetzt, um für die eigene Bevölkerung, wie auch für die Weltöffentlichkeit Meinungsmacht zu erreichen [18].

„Gewalt ist nicht nur das Übermaß an Negativität, sondern auch das Übermaß an Positivität“

Von der aristotelischen Bestimmung, dass das Gewaltsame widernatürlich sei, bis zu Thomas Hobbes‘ homo homini lupus ziehen sich die Reflexionen über die individuelle und kollektive, institutionalisierte Gewalt. In der „Erklärung von Sevilla“, die anlässlich des Internationalen Jahres des Friedens (1986) von 20 internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verfasst und von der UNESCO als Bestandteil ihrer Friedensbemühungen in der Welt übernommen wurde, heißt es u.a.: „Gewalt ist kein Naturgesetz … Biologisch gesehen ist die Menschheit nicht zum Krieg verdammt…“ [19]. Weil „Macht und Moral“ [20] immer auch gewalthaltig diskutiert werden müssen, ist die Frage, wie sich Gewalt im individuellen und gesellschaftlichen Leben der Menschen, lokal und global, darstellt, wirkt und verändert, von existentieller Bedeutung für eine friedliche Weiterentwicklung der Menschheit. Wenn es richtig ist, dass Gewalt in den verschiedenen Erscheinungs- und Ausdrucksformen in der Welt vorhanden ist (und bleibt) – ob natürlich oder menschengemacht sei erst einmal dahin gestellt – bedarf es der Auseinandersetzung darüber, wie sie erkannt werden kann, die Ursachen identifizierbar sind und den negativen Ausprägungen begegnet werden können. „Die Gewalt ist (nämlich) proteisch“, also unzuverlässig und wandelbar in den Erscheinungsformen [21]

Mobilisierung der Zivilgesellschaften für Frieden und menschliche Sicherheit

Die theoretischen und praktischen Bemühungen, die Friedfertigkeit der Menschen zu begründen und zu fördern, „Duldsamkeit zu üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander zu leben, unsere Kräfte zu vereinen, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren“, wie dies in der Präambel der Charta der Vereinten Nationen vom 26. 6. 1945 der Menschheit aufgegeben wird, ist und bleibt eine immerwährende, in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt immer dringlicher werdende Herausforderung [22]. Konflikte sind menschlich. Sie existieren im Paradies genauso wie im Alltag. Und zwar individuell und kollektiv, lokal und global. Es wäre illusorisch und vermessen, sich ein Zusammenleben der Menschen ohne Konflikte vorzustellen. Was aber notwendig ist, die Menschen konfliktfähig zu machen [23].

Wir und die anderen

Gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen, wie sie sich außerhalb unserer ethnischen und kulturellen Wahrnehmungen ereignen, nehmen wir meist in zwiespältiger Weise wahr: Vollziehen sie sich in Übereinstimmung mit unseren eigenen politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen, erhalten sie unsere Aufmerksamkeit und bewirken vielleicht sogar unsere Solidarität; geschehen sie jedoch abseits unserer persönlichen und kulturellen Empathie, grenzen wir uns von ihnen ab, bewerten sie als exotische, kuriose und fremde Ereignisse, die uns mehr oder weniger etwas oder nichts angehen, besonders dann, wenn sie aus anderen als den eigenen Weltanschauungen entspringen. Die Veränderungsprozesse, wie sie sich beim „arabischen Frühling“ zeigen, werten wir anders als die beim „Prager Frühling“. Was kann einer kulturellen Entwicklung und einer kritischen Reflexion der eigenen kulturellen Identität eigentlich besseres passieren, als dass Menschen die ethnozentrierte Blickrichtung umlenken und in den Spiegel schauen lassen; nicht, um die „eigene Fratze“ wahrnehmen zu können, sondern das Fremde, das vermeintlich Bedrohliche und die eigene Identität gefährdende Andere als das Eigene aufzudecken. In besonderer Weise vollzieht sich die Meinungsbildung und öffentliche Blicklenkung, objektiv oder manipulativ wahr genommen, auf den Islam als die „andere“ Kultur [24].

Die Euro-, Germano-, Bianco-, oxzidentale und kulturistische Zentrierung auf die Welt(an)schauung

Die Wandlungsprozesse, wie sie in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt verlaufen und dabei traditionell und dominant entstandene Verbindungs- und Trennungslinien in Frage stellen, neu festigen oder auflösen, werden wissenschaftlich und populär in vielfältiger Weise kommentiert [25]. Der Orientalist und Literaturwissenschaftler Edward W. Said hat in seinem Werk „Orientalismus“ (1978) aufgezeigt, wie es dem Westen gelang, den Orient im Bewusstsein und im Machtsein des Oxzident als einen rückständigen Raum darzustellen und damit imperiale und koloniale Gelüste zu rechtfertigen. Er erklärt damit das Phänomen, wie sich Weltbilder und Weltordnungsvorstellungen nicht aus konkreter Anschauung und realitätsnaher Betrachtung entwickeln, sondern als „imaginative Geographien“ darstellen. Der britische Geograf Derek Gregory und andere nehmen diesen Faden auf und entwickeln daraus die Postcolonial Studies, Poststrukturalismen, postkoloniale Theorien, bis hin zur „Weißseinsforschung“ [26]. In der Politischen Geographie werden die Aspekte der imaginativen, nicht realen und in Phantasien und manipulativen Einflüssen erzeugten Vorstellungen und Überzeugungen thematisiert und disziplinär und interdisziplinär betrachtet und erforscht. Sie stellen sich, im Wissenschaftsdiskurs, wie in der politischen Alltagsbetrachtung, als geopolitische Weltbilder, geopolitische Leitvorstellungen oder popular geopolitics dar. Ein Fokus liegt dabei, wie erwähnt, auf der Kontroverse „Orient – Oxzident“ [27].

Paradoxien erkennen

Ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, dass die bereits mit materiellen Gütern über die Maßen Ausgestatteten immer reicher und die Habenichts immer ärmer macht, gehört nicht nur auf die Müllhalde der kapitalistischen Geschichte; es gehört auch geächtet – und verändert hin zu einem ökonomischen Ethos, der humanes Menschsein ermöglicht [28]. Vorschläge, wie gegen die herrschende strukturierte Verantwortungslosigkeit vorgegangen werden kann, liegen vor [29]; die Erkenntnis, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, auch [30]. Und die Konsequenzen daraus? Bildung [31] für alle Menschen, die es ihnen ermöglicht, selbst zu denken und sich nicht manipulieren zu lassen [32]. Weil aber verantwortungsbewusstes politischen Denken und Handeln, in dem verstandenen Sinn einer allgemeinbildenden und „normalen“ Kompetenz, niemals einf(ältig)örmig sein kann, sondern einem Prozess des sich immer Verändernden und Erneuernden unterliegt, kommt es darauf an, die Für und Wider zu bedenken und nicht der Verwechslung von Logik und Leben zu unterliegen [33].

Aus der selbstverschuldeten Ignoranz ausbrechen

Das, was sich auf dem Prager Wenzelplatz 1968 ereignete und mit dem Begriff „Prager Frühling“ belegt wurde, in Südafrika zum Ende der Apartheid an Hoffnungen auftrat, im Juni 1989 auf dem Pekinger Tian‘anmen-Platz von Panzern niedergewalzt wurde, sich beim Mauerfall an Freude und Euphorie in Deutschland zeigte, was die burmesische Freiheitskämpferin Aug San Suu Kyi nach jahrelangem Widerstand, Gefängnis und Hausarrest erdulden musste – und schließlich doch zur „Ikone der Freiheit“ wurde [34], was sich in Kairo auf dem Taksim-Platz abspielt…, immer ging und geht es darum, dass Menschen menschenwürdig, in Freiheit und Selbstbestimmung leben wollen. Weil der anthrôpos, als zôon politikon ein auf Veränderung angelegtes wandelbares Lebewesen ist, sind gesellschaftliche und politische Prozesse immer davon betroffen und darauf angewiesen, einen Perspektivenwechsel hin zu einem humanen, guten Leben zu vollziehen. Dass dies nicht automatisch und schon gar nicht per Ordre mufti erfolgen kann, zeigt die Geschichte der Menschheit. Dass dies aber möglich ist, beweisen zahlreiche Beispiele und Entwicklungen. Es gibt verschiedene Zugänge zu einem „Dennoch!“ und zur Überzeugung, dass eine andere, bessere, gerechtere und friedlichere (Eine?) Welt möglich ist. Das Bewusstsein, dass der Mensch „grundlegend nicht ein weltfremdes, sondern ein welthaftes Wesen“ [35] und alles Lebende auf der Erde ökologisch ist [36] (Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, 2011, Rezension), greift immerhin immer deutlicher (und unaufhaltsamer) um sich. Mit der Metapher „Tanz des Lebens“ drückt die 1929 geborene US-amerikanische Systemwissenschaftlerin und Buddhismus lehrende Joanna Macy mit der Theorie der „Tiefen Ökologie“ aus, dass die Erde ein lebendes, ganzheitliches System ist, in dem alle Dinge miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Ob die Welt als Schlachtfeld, als Falle oder als Geliebte und Teil meiner selbst betrachtet wird, bestimmt das Weltbild. Mit dem Zuspruch „Sei du selbst!“ beeinflussen ihre Ideen und Aktivitäten Bewegungen für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Schutz der Umwelt. „Die Krise(n), die unseren Planeten bedrohen, sind von Menschen gemacht, sie entspringen einem untauglichen, krankhaften Verständnis vom Selbst“. Die Wirkungen und Faszinationen, die Joanna Macy auf ihre Umgebung und die Mitmenschen ausübt, lassen sich in einer kleinen Geschichte zeigen: Bei einer Konferenz über Umweltfragen stellte der Konferenzleiter sie vor mit den Worten: „Dies ist Joanna Macy. Sie hat sehr viele Freunde. Die meisten von ihnen sind noch gar nicht geboren“ [37].

Mit dieser Umschau über den lokalen und globalen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs darüber, wie über die Wandlungs- und Veränderungsprozesse in unserer Einen Welt nachgedacht wird, sollten hoffnungsvolle, optimistische und motivierende Hinweise darauf gegeben werden, dass die Eine Welt bei dir und mir, am konkreten Lebensort und bei alltäglichen Lebenssituationen beginnt und sich global gestaltet! Ein Zauberwort könnte dabei behilflich sein: Vertrauen haben in die Fähigkeit und den Willen der Menschen, ein „gutes Leben“ führen zu wollen und zu können, sowohl in alltäglichen wie in Krisensituationen [38]. Die Verhaltenskategorie „Vertrauen“ subsumiert so vielfältige Formen und Ansprüche an ein humanes, „gutes“ Dasein der Menschen auf der Erde, dass es des Aufbaus und der Pflege von zivilgesellschaftlichen Werten und Normen und der Beachtung der soziohistorischen und -kulturellen Entwicklung der menschlichen Gesellschaften bedarf, damit die höchsten Werte menschlicher Würde – Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden – die Grundlage eines humanen Zusammenlebens des anthrôpos in der EINEN WELT darstellen [39].


[1]  Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011, Rezension

[2]  Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter,2011, Rezension

[3]  John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht übernehmen, 2002, Rezension

[4]  Marcus Llanque, Geschichte der politischen Ideen. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2012, Rezension

[5]  Jocelyn Maclure / Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, 2011, Rezension

[6]  Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, Rezension

[7]  Wolfgang Mayrhofer / Alexander Iellatchitch, Hrsg., Globalisierung und Diffusion, 2005, Rezension

[8]  Ingo Elbe / Sven Ellmers / Jan Eufinger, Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012, Rezension

[9]  Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S.18

[10]  Arno Bammé, Homo occidentalis. Von der Anschauung zur Bemächtigung der Welt ; Zäsuren abendländischer Epistemologie, 2011, Rezension

[11]  Markus Holzinger / Stefan May / Wiebke Pohler, Weltrisikogesellschaft als Ausnahmezustand, 2010, Rezension

[12]  Frank Ettrich / Wolf Wagner, Hrsg., KRISE und ihre Bewältigung. In Wirtschaft, Finanzen, Gesellschaft, Medizin, Klima, Geschichte, Moral, Bildung und Politik, 2010, Rezension

[13]  vgl. dazu auch: Rezension

[14]  Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, 2011, Rezension

[15]  vgl. dazu auch: Jörg Döring / Tristan Thielmann, Hrsg., Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, 2008, Rezension

[16]  Peter Mörtenböck / Helge Mooshammer, Occupy. Räume des Protests, 2012, Rezension

[17]  Wilhelm Berger / Brigitte Hipfl / Kirstin Mertlitsch / Viktoria Ratkovic, Hrsg., Kulturelle Dimensionen von Konflikten, 2010, Rezension

[18]  Wolfgang Frindte / Nicole Haußecker , Hrsg., Inszenierter Terrorismus. Mediale Konstruktionen und individuelle Interpretationen, 2010, Rezension

[19]  Deutsche UNESCO-Kommission, Internationale Verständigung, Menschenrechte und Frieden als Bildungsziel… Bonn 1992, S. 44ff; vgl. auch: Peter Schlotter / Simone Wisotzki, Hrsg., Friedens- und Konfliktforschung, 2011, Rezension

[20]  Wolfgang Kersting: Macht und Moral., 2010, Rezension

[21]  Byung-Chul Han, Topologie der Gewalt, Rezension

[22]  Matthias Lutz-Bachmann / Andreas Niederberger, Hrsg., Krieg und Frieden im Prozess der Globalisierung, 2009, Rezension

[23]  Andreas Heinemann-Grüder / Isabella Bauer, Hrsg., Zivile Konfliktbearbeitung. Vom Anspruch zur Wirklichkeit, 2013, Rezension

[24]  Iman Attia,Die >westliche Kultur< und ihr Anderes. Zur Dekonstruktion von Orientalismus und antimuslimischem Rassismus, 2009, Rezension

[25]  Georg Stauth, Herausforderung Ägypten. Religion und Authenzität in der globalen Moderne, Bielefeld 2010, 272 S., Kai Hafez, Heiliger Krieg und Demokratie. Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich, Rezension, Ines Braune: Aneignungen des Globalen. Internet-Alltag in der arabischen Welt. Eine Fallstudie in Marokko, Bielefeld 2008, Rezension

[26]  vgl. dazu: Maureen Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, Hrsg., Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2005, 550 S.

[27]  Shadia Husseini de Araújo, Jenseits vom »Kampf der Kulturen«. Imaginative Geographien des Eigenen und des Anderen in arabischen Printmedien, 2011, Rezension

[28]  Tomáš Sedláček, Die Ökonomie von Gut und Böse, 2012, Rezension

[29]  Herbert Kalthoff / Uwe Vormbusch, Hrsg., Soziologie der Finanzmärkte, 2012, Rezension

[30]  Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, Rezension

[31]  Michael Maaser / Gerrit Walther,, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, Rezension

[32]  Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken. 2011, Rezension

[33]  Fritz B. Simon, Wenn rechts links ist und links rechts. Paradoxiemanagement in Familie, Wirtschaft und Politik, 2013, Rezension

[34]  Jesper Bengtsson, Ikone der Freiheit. Aug San Suu Kyi. Eine Biographie, Berlin 2013, 317 S.

[35]  Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, Rezension

[36]  Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, 2011, Rezension

[37]  Joanna Macy / Norbert Gabler, Fünf Geschichten, die die Welt verändern. Einladung zu einer neuen Sicht der Welt,2013, Rezension

[38]  Markus Weingardt, Hrsg., Vertrauen in der Krise. Zugänge verschiedener Wissenschaften, 2011, Rezension

[39]  Dierk Spreen / Trutz von Trotha, Hrsg., Krieg und Zivilgesellschaft, 2012, Rezension


Autor
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer: „Revolte ist Luxus“. Veröffentlicht am 04.09.2013 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/155.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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