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Wege zur Gesundung im ambulant betreuten Wohnen…

Eine Studie zu Bewältigungsstrategien von chronisch psychisch erkrankten Menschen

Sabrina Effinghausen

Veröffentlicht am 18.09.2013.

„Geh nicht nur die glatten Straßen.
Geh Wege, die noch niemand ging,
damit du Spuren hinterlässt
und nicht nur Staub.“
Antoine de Saint-Exupèry (1900 – 1944)

Kreativität und Fantasie sowie das Aufspüren neuer und noch unbegangener Wege, wie es aus dem Zitat von A. de Saint Exupèry hervorgeht, sind zentrale Botschaften, die sich wunderbar auf die Zusammenarbeit zwischen psychisch erkrankten Menschen und professionellen Helfern übertragen lassen. So stellt für viele Betroffene das gemeindepsychiatrische Versorgungssystem eine wichtige Stütze auf ihrem Weg zur Gesundung dar. Neben Therapiemöglichkeiten im Gesundheitswesen stehen ihnen auch vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten im Sozialwesen zur Verfügung. Sie können ambulante, teilstationäre oder stationäre Angebote in Anspruch nehmen, je nach ihrem individuellen Hilfebedarf. Einen zentralen Stellenwert nimmt hierbei die Soziale Arbeit ein. Insbesondere im außerklinischen Bereich sind Sozialpädagogen zu einer dominierenden Berufsgruppe geworden, nicht zuletzt, weil sie gelernt haben ihre Nutzer ganzheitlich wahrzunehmen und zu unterstützen.
Ein wesentliches Angebot für seelisch beeinträchtigte Menschen ist in diesem Zusammenhang das ambulant betreute Wohnen. Es möchte psychisch Betroffene nicht nur zu einer selbstständigen Alltagsführung befähigen und ihre gesellschaftliche Teilhabe fördern, sondern sie auch im Umgang mit ihrer seelischen Beeinträchtigung stärken. Aus diesem Grund bin ich in einer qualitativen Studie der Frage nachgegangen „Was hilft psychisch erkrankten Menschen im ambulant betreuten Wohnen bei ihrer Krankheitsbewältigung?“.

Hierzu habe ich insgesamt 16 leitfadengestützte Experteninterviews von zirka einer Stunde geführt. Unter Experten habe ich Personen verstanden, die über ein besonderes Wissen verfügen. Sie haben nicht in herausgehobenen Positionen arbeiten müssen, vielmehr ging es mir darum am Erfahrungswissen der unterschiedlichen Personen teilhaben zu dürfen.

Als Experten kamen sowohl Nutzer des ambulant betreuten Wohnens als auch Angehörige sowie Sozialpädagogen und Psychiater zu Wort. Die Auswertung erfolgte dann mittels des thematischen Kodierens nach Uwe Flick.

In der Studie standen die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten der Nutzer des ambulant betreuten Wohnens im Vordergrund. Diese zeigten, dass sich schwer psychisch beeinträchtigte Menschen im Laufe der Jahre ein komplexes Erfahrungswissen hinsichtlich ihrer seelischen Erkrankung angeeignet haben. Hierdurch konnte ihnen eindeutig der Status als Experten in eigener Sache zugeordnet werden. Nun aber zu den Ergebnissen:

Zunächst hat sich gezeigt, dass der Begriff der psychischen Gesundung für Menschen mit einer schweren psychischen Erkrankung eine ganz eigene Bedeutung hat. Anstelle einer Orientierung an der Wiederherstellung von seelischer Gesundheit, d.h. einer weitestgehenden Symptomfreiheit, streben Betroffene vielmehr in Richtung psychische Gesundung. Hierunter verstehen sie, trotz dauerhafter krankheitsbedingter Einschränkungen, einen gelungenen Umgang mit ihrer Erkrankung zu finden. Diese Bezeichnung verweist auf die Komplexität des Gesundheitskonzeptes, da Menschen beispielsweise körperlich gesund sein können, ohne sich psychisch und sozial wohl zu fühlen. Weiterhin nutzten die befragten Studienteilnehmer, um ihren Zustand in Richtung „psychisch gesünder“ zu verschieben, eine Vielzahl von Bewältigungsstrategien. Sie fassten alle Lösungsversuche in ihrem Alltag zusammen, die ihnen dabei helfen, sich Situationen anzupassen, um weiterhin ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. In Krisensituationen hingegen stellten ihre Copingbemühungen Überlebensstrategien dar, weil sie vor allem auf den Schutz des Selbst ausgerichtet waren. Kurz zusammengefasst konnten durch diese Studie die unterschiedlichsten Bewältigungsstrategien, die für psychisch erkrankte Menschen im Alltag und /oder in Krisensituationen hilfreich sein können, zusammengetragen werden. Diese Strategien bezogen sich vor allem auf lebenslagen- und krankheitsbezogene Merkmale sowie auf persönliche und soziale Eigenschaften und Verhaltensweisen, die gesundheitsförderlich und entlastend auf die Betroffenen wirkten. Hierzu einige Beispiele aus den unterschiedlichen Interviews:

Frau Klee (25 Jahre alt, Diagnose: Borderline-Persönlichkeitsstörung): „Also auch Ausweichmöglichkeiten, wie z.B. laufen, zu haben. Ablenkung ist einfach wichtig. Für manche ist es wichtig, die beste Freundin anzurufen. Für den nächsten ist es, was weiß ich. Für mich ist es ganz viel mein Hund.“

Herr Anton (30 Jahre, Lebensgefährte von einer Frau mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung): „Ich denke auf jeden Fall, dass ihr Wärme und Nähe gut tun. Ich denke auch, dass ihr Kraft und viel Unterstützung helfen. Ich denke, dass sie einfach ganz genau weiß, egal welche Probleme sie hat, sie hat jemanden der sie wahrnimmt, der ehrlich und offen zu ihr ist.“

Frau Kruse (45 Jahre Psychiaterin): „Was auch bekannt ist, was sich positiv auf die Psyche auswirkt, dass ist Sport. Also kein Leistungssport, sondern Ausdauersport. Drei Mal die Woche, dass wäre wünschenswert bei Depressiven, zum Beispiel. Also besonderes Standbein ist wirklich auch Sport machen, Tagesrhythmus, gerade Sport, Ausdauersport, Walken zum Beispiel.“

Herr Müller (34 Jahre, Sozialpädagoge): „Ich weiß, dass einige von den Klienten meiner Kollegen malen. Die malen Bilder, richtig gute sogar. Also ich nenne es abstrakte Kunst. Es entspannt sie und es drückt teilweise auch ihre Stimmung aus.“

Im Gegensatz zu den Strategien der Krankheitsbewältigung im Alltag entwickelten die Studienteilnehmer insgesamt weniger Ideen für Strategien zur Bewältigung von Krisensituationen. Einig waren sie sich dahingehend, dass zur Überwindung einer Krise ein Arztbesuch sowie einen Psychiatrieaufenthalt hilfreich sein können. Weitere gemeindepsychiatrische Dienste, wie die ambulant psychiatrische Pflege oder der Sozialpsychiatrische Dienst, die ebenfalls Kriseninterventionen leisten können, wurden nur von der Gruppe der Nutzer des ambulant betreuten Wohnens und der Sozialpädagogen genannt. Trotz des hohen Stellenwertes der psychiatrischen Behandlung bei der Versorgung von psychisch erkrankten Menschen, der ganz deutlich aus den Interviews hervorging, waren nur die befragten Nutzer sowie die Angehörigen der Meinung, dass in krisenhaften Phasen eine Bedarfsmedikation notwendig sein kann.

Konsens bestand weiterhin darin, dass Betroffene in zugespitzten Situationen in der Lage sind, die „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu praktizieren. Als Beispiel hierfür wurde nicht nur Ablenkung und eine Aufmerksamkeitsverlagerung genannt, sondern auch das Reduzieren von Anspannung und Stress. Deutlich wurde ebenfalls, dass Betroffene, die für ein Kind oder ein Haustier Verantwortung tragen, seltener in psychische Krisensituationen geraten, als diejenigen, die nur für sich selbst verantwortlich sind.

Insgesamt wurde ersichtlich, dass es, unabhängig von der psychiatrischen Diagnose, Selbsthilfestrategien gibt, die Betroffene im Allgemeinen in ihrem gewohnten Lebensumfeld anwenden können, um adäquat auf Frühwarnsymptome zu reagieren. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass seelisch instabile Personen nicht zwingend das psychiatrische Hilfesystem kontaktieren müssen. Aufgabe professionell Tätiger sollte es deshalb sein, Betroffenen beim Aufdecken ihrer Selbsthilfemöglichkeiten unterstützend zur Seite zu stehen.

Abschließend möchte ich festhalten, dass im Rahmen des ambulant betreuten Wohnens gezielt mit Klienten Bewältigungsstrategien entwickelt, erlernt und trainiert werden sollten, damit sie, trotz chronischer seelischer Krankheit, die bestmögliche Lebensqualität für sich erreichen und ihr Leben eigenständig meistern können. Dabei ist es wichtig, dass sich Betroffene auf eigene Ressourcen, Kompetenzen und Ziele besinnen, weil sie einfach „Experten in eigener Sache“ sind und durch ihre jahrelange Erkrankung oft über ein breites Erfahrungswissen verfügen, dass ggf. nur noch „von außen“ zu aktivieren und zu mobilisieren ist.


Autorin
Dr. phil. Sabrina Effinghausen
Dipl. Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin, M.A. Soziale Arbeit, Jahrgang 1981, tätig als Lehrkraft an der HS Hannover
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Zitiervorschlag
Sabrina Effinghausen: Wege zur Gesundung im ambulant betreuten Wohnen…. Eine Studie zu Bewältigungsstrategien von chronisch psychisch erkrankten Menschen. Veröffentlicht am 18.09.2013 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/158.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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