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Das Ende des Lebens

Jos Schnurer

Veröffentlicht am 11.11.2013.

„Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn auch der Mensch ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre“, diese biblische Offenbarung [1] benennt eine Tatsache: Das Leben der Menschen ist endlich! Die Begründung dafür freilich wird im philosophischen, religiösen und atheistischen Denken der Menschen in unterschiedlicher Weise geliefert. Die alten Ägypter haben, das beweisen ihre Pyramiden und Hinterlassenschaften, das Diesseitige und Jenseitige, das Vergängliche und Ewige, das Religiöse und Alltägliche als Ganzes, miteinander Verwobenes und Hierarchisches betrachtet. Die griechischen Philosophen – Heraklit, Platon, Pythagoras, Aristoteles – sahen im thanatos, dem Tod, das Vergehen der natürlichen Wärme und Energie, die Leben ermöglicht. Durch die „Unfähigkeit zu atmen“, etwa weil die Lebenswärme durch Altern nachlässt und abbricht, oder durch gewaltsames Töten das „Lebensfeuer“ erlischt [2]. Im orientalischem, traditionellem Denken sind Körper und Geist eine Einheit: Wir haben keinen Körper, sondern wir sind Körper, und zwar einen „fließenden Körper“, der von Energien durchdrungen wird [3]. Im Alten Testament des Judentums wird der Körper als ein moralisch blindes Gefäß aufgefasst, das der Seele als Wohnung dient: „Und wenn die Zeit gekommen ist, wird der Körper die Seele in der Auferstehung begleiten“ [4]. In den traditionellen afrikanischen Philosophien, die vor allem durch die mündliche Überlieferung geprägt sind, ist der Körper das gesprochene Wort, wird also Sprache: „Als Sitz des Intellekts wird der Kopf als echter Mikrokosmos wahrgenommen, als Wiedergabe von Körper und Seele des Menschen und als ‚Werkzeug‘, mit dessen Hilfe sich eine Person mit dem Kosmos verbinden kann“ [5]. Im Hinduismus ist der Körper des Menschen ein Mittel für Erleuchtung. Die Körpersäfte – Wind (váyu), Feuer (tejas) und Wasser (ap) – bilden die bedeutsamsten Grundlagen von Leben und Bewegung: „Körper und Geist sind eng miteinander verbunden und bilden das Instrument des Selbst (Atman) oder der Seele, das seinem Wesen nach übersinnlich und frei ist von der Person des Menschen“. Ein Hindu wird niemals zum erstenmal geboren und stirbt niemals für immer [6]. Der Buddhist strebt danach, seinen Geist zu beherrschen: „Indem ihr stets an die Vergänglichkeit eures Lebens denkt, werdet ihr von Begierde und Zorn ablassen können und alles Übel vermeiden“. Entgegen den fundamentalistischen Strömungen, die hierarchische, göttliche Gesetzestreue und Enthaltsamkeit predigen, werden in den Traditionen des Islam die körperlichen Freuden als Geschenk Gottes für das irdische Leben betrachtet: „Gott ist durch die Sinne erfahrbar, und was immer die Sinne anspricht, fließt ein in unsere Vorstellung von Gott“. Das Eingehen in das Paradies, nach dem Tod, ist somit der Lohn für ein sinnenreiches Leben [7]. In der (westlichen) philosophischen Tradition zur Todesproblematik sind zwei Denkrichtungen prägend: Das Nachdenken über den Tod wird als metaphysisches Ereignis verstanden, bei dem die Unsterblichkeit der Seele vorausgesetzt wird; oder als Betrachtung, dass es ein Weiterleben (der Seele) nach dem Tod nicht gibt und der Tod nicht mehr Übergang zu einem anderen, sondern Endpunkt des irdischen Lebens ist [8].

Collage Sterben, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer

Collage Sterben, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer

Das dritte Lebensalter

In der Soziologie und Demographie wird mittlerweile die traditionelle Einteilung der Lebensphasen der Menschen in Kindheit und Erwachsenenalter ausgeweitet in das „dritte Alter“. Als die Vereinten Nationen 1999 als das Internationale Jahr der älteren Menschen ausgerufen haben, da wollte die Völkergemeinschaft vor allem darauf hinweisen, dass „Langlebigkeit als soziale Herausforderung“ zu verstehen ist [9]. Die Steigerung der Weltbevölkerung, die gelegentlich auch als „Bevölkerungsexplosion“ bezeichnet wird, hat zum einen mit der Zunahme der Geburtenraten vor allem in Ländern des Südens, zum anderen mit den höheren Lebenserwartungen der Menschen zu tun [10]. Die Alten werden älter, und da in den meisten (westlichen) Ländern die Geburtenraten sinken, ist das Gleichgewicht von Jung und Alt, von Erwerbstätigen und Ruheständlern gestört. Die Menetekel – „Es wird mehr Geschäfte für Prothesen als für Kinderspielzeug geben. Die Ampelphasen werden länger dauern, und die Mittelstreifen auf den Straßen werden breiter sein“ [11] – bestimmen seit Jahrzehnten den öffentlichen Diskurs. Die Vereinten Nationen haben vom 26.07.-06.08.1982 in Wien den Weltkongress über das Altern durchgeführt. Als Logo wählten sie den stilisierten, tropischen Banyanbaum (Ficus benghalensis, siehe Collage), unter dessen weitausladender Krone bis zu 20.000 Menschen Platz finden, unter dessen Dach Versammlungen abgehalten, Feste gefeiert und Geschäfte getätigt werden. Das Symbol ist deutlich: Alle Menschen auf der Erde haben Platz und das Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Ein wichtiges Ergebnis des Weltkongresses (vor mehr als 30 Jahren) lautete denn auch, „dass deutlich wurde, was die Gesellschaft ihren älteren Gliedern schuldig ist. Ein ebenso wertvolles Ergebnis könnte aber auch sein, dass sich alle älteren Menschen vermehrt bewusst werden, wo ihr eigener Beitrag innerhalb der sozialen Gruppen liegt, der sie angehören“ [12].

Junge sind auf Alte und Alte auf Junge angewiesen

Spätestens seit die demographische Entwicklung überwiegend in den Industrieländern dahingehend eingesetzt hat, dass die Neugeborenen weniger und durch die medizinischen Standards die Alten immer älter und damit immer mehr werden, wird die bis dahin selbstverständliche Aufgabe in Frage gestellt, dass die jungen, arbeitenden und Geld verdienenden Menschen für die alten, nicht mehr berufstätigen und deshalb über kein selbst verdientes Einkommen mehr verfügen, sorgen. Das, was mit dem „Generationenvertrag“ über lange Zeit hin die verschiedenen Sozialsysteme unserer Gesellschaft stützte, gerät von dem Zeitpunkt an aus den Fugen, wo eine niedrige Geburtenrate und Anstieg der Arbeits- und Erwerbslosigkeit nicht mehr das Gleichgewicht zu den zunehmenden Alten in der Gesellschaft bilden. Schreckensszenarien werden deshalb seit Jahren an die gesellschaftliche Wand gemalt: Es drohe ein Krieg der Generationen; ja es gibt sogar Horrormeldungen aus den USA, dass undankbare Kinder ihre alten Familienmitglieder wie ungeliebte Haustiere an der nächsten Autobahnraststätte aussetzen würden. In der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die man ohne Zweifel als die individuell und global geltende Ethik für ein gerechten, friedliches und humanes Zusammenleben der Menschen in unserer Einen Welt ansehen muss, heißt es zuoberst: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“; und in Artikel 25 wird eindeutig formuliert: „Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard., einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung, Wohnung, ärztlicher Versorgung und notwendiger sozialer Leistungen …“ [13]. Es geht um „Generationengerechtigkeit“ und die Erkenntnis, dass die heutigen jungen Menschen morgen alt sein werden [14].

Die Suche nach dem Geheimnis eines erfüllten Lebens

Die Frage nach dem bios, der Lebensweise, und die nach dem eu zên, dem guten Leben, hat Menschen beim Nachdenken über den Sinns ihres Daseins schon immer bewegt. Für den griechischen Philosophen Aristoteles ist der Mensch, weil er am Göttlichen Anteil hat, zum guten Leben befähigt; ja sogar, dass der in seinem Innersten nach einem sittlich guten und autarken Leben strebt. Deshalb sei das gute Leben auch eine schöne und als eudaimonia, als Glück empfundene Existenz zu verstehen (vgl. dazu: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Kröner Verlag, Stuttgart 2005, 640 S.). Vom römischen Kaiser und Stoiker Mark Aurel soll der Spruch stammen „Das Glück deines Lebens hat damit zu tun, wie deine Gedanken sind“. So lässt sich sagen, dass ein gutes Leben verbunden ist, was und wie der Mensch denkt – und handelt. Der Spruch in einem Poesiealbum (1915) drückt aus, dass ein gutes Leben nur möglich ist, wenn es in guter Gemeinschaft mit anderen Menschen gelebt wird: „Denke nichts, was nicht alle Leute wissen dürfen! Rede nichts, was nicht alle Leute hören dürfen! Tue nichts, was nicht alle Leute sehen dürfen!“. Der Hausspruch von Hoffmann von Fallersleben bringt schließlich den weiteren Aspekt bei der Frage nach dem guten Leben zu Tage: „In jedes Haus, wo Liebe wohnt, / da scheint hinein auch Sonn` und Mond, / und ist es noch so ärmlich klein, / es kommt der Frühling doch hinein“. In Andachts-, Lese- und Liederbüchern, in Predigten, Lachseminaren, Fernsehserien und Internet-Blogs versuchen Menschen, Anregungen, Anweisungen und Rezepte für ein gutes, glückliches und zufriedenes Leben zu geben. Sie gerinnen nicht selten als süß-saure Moralinsoße. Im guten Fall sind es Gebote des (Zusammen-)Lebens, die sich an dem Kategorischen Imperativ orientieren, mit dem volkstümlich ausgedrückt wird: „Was du nicht willst, das man dir tu`, das füg` auch keinem anderen zu!“. Der US-amerikanische Soziologe und Organisationspsychologe John B. Izzo hat den Ruf, ein „Streiter für Unternehmenskultur und globale Nachhaltigkeit“ zu sein. Seine Botschaften bringt er in Seminaren, Beratungsaktivitäten, Zeitungsartikeln, Fernsehauftritten und Büchern an die Menschen heran. Für den kanadischen Fernsehsender „Biography Channel“ hat er 2007 eine fünfteilige Serie mit dem Titel „The Five Things You Must Discover Before You Die“ gedreht; das Buch dazu ist mit dem Originaltitel „The Five Secrets You Must Discover Before You Die“, 2008 in San Francisco erschienen. Auf dem deutschen Büchermarkt hat die deutschsprachige Herausgabe eine gute Aufmerksamkeit gefunden, so dass der Riemann-Verlag soeben die zweite Ausgabe vorlegen kann. Es ist eine persönlich motivierte Reflexion darüber, welche Geheimnisse dahinter stecken, wenn jemand von sich sagt: Ich führe ein sinnvolles und erfülltes Leben! Die in Interviews und Gesprächen ermittelten Eindrücke und Gründe dafür, ordnet Izzo in fünf Geheimnisse, die sich als Lebensweisheiten darstellen, die jeder Mensch schon erfahren hat und insgeheim auch weiß. Aber mit dem Wissen und dem richtigen Umsetzen ist es eben so eine Sache; auch das kennen wir! Die fünf Geheimnisse, die keine sind, weil sie für viele Menschen Alltagserfahrungen darstellen, sind deshalb geheimnisvoll, weil zwischen der eigenen, nicht selten absichtslosen und beiläufigen Erfahrung und der Konsequenz, die man daraus für das eigene Verhalten zieht, sich eine Schlucht oder ein Gebirge auftun, die in der jeweiligen Lebenssituation (angeblich) nicht überwunden werden kann [15].

Ist das „gute Leben“ langweilig?

In der populären Literatur, in Filmen, Zeichentrickepen, Fernsehserien, Brett- und virtuellen Spielen, sind Themen aus der griechischen Mythologie en vogue. Der französische Philosoph Luc Ferry, von 2002 bis 2004 Erziehungsminister, ist ein vielgelobter und ausgezeichneter Schreiber. In Deutschland wurde er besonders bekannt durch den Bestseller „Leben lernen: Eine philosophische Gebrauchsanweisung“ (Kunstmann, 2007). Nun gibt der gleiche Verlag den 2008 in Paris erschienenem Band „La sagesse des mythes. Apprendre à vivre“ in deutscher Sprache heraus. Das Besondere: Es handelt sich dabei nicht um eine hochgelehrte Abhandlung über die griechische Mythologie, sondern um eine „Philosophie in Erzählform“. Und zwar mit dem Anspruch, Leben lernen zu definieren als „eine Heilslehre ohne Gott, eine Antwort auf die Frage nach dem guten Leben, die nicht über ein `höheres Wesen` oder den Glauben führt, sondern von der eigenen Gedankenleistung und der Vernunft ausgeht“; eine wahrhaft philosophische Deutung, denn, das lernen wir von Aristoteles, der Mensch ist ein vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen. Luc Ferry geht es dabei darum, die historischen Mythen sowohl geschichtlich einzuordnen und zu erläutern, als auch die urständig philosophische Frage „nach der Weisheit, definiert als Überwindung der Angst, die den Menschen erlaubt, freier und offener gegenüber anderen zu sein und selbständig zu denken und zu lieben“; als eine inter- und transkulturelle Herausforderung anzunehmen. Es ist die „Lebenskunst“, die es zu erfahren gilt. Bei der spannenden Lektüre des Buches drängt sich dem Leser zwangsläufig die Frage auf: Sind Mythen Erzählungen, die mehr sein können als an- und aufregende Geschichten? Ferry gibt darauf seine Antwort. Es ist die Auseinandersetzung mit den Ansprüchen des Religiösen und ihre Hinführung zum Profanen, Säkularisierten und Menschlichen als philosophisches Denken und der Frage nach dem guten Leben. So landet der Autor – zwangsläufig – bei seinen Interpretationen und Reflexionen über die griechischen Mythen beim Hier und Heute, wie dies in der globalen Moralcharta, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, in der Präambel eindeutig festgestellt wird: Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt [16].

Altenhilfe

„Das kann ich nicht mehr verantworten!“ – diesen Hilfeschrei titeln Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter angesichts „des vorherrschenden Sozialkahlschlags aktivierender Sozialpolitik“, der, so die Herausgeberinnen eines Sammelbandes mit 58 Erfahrungsberichten, mittlerweile bereits den Charakter von „Fast-Food-Sozialarbeit“ angenommen habe. „Die Soziale Arbeit wird Zug um Zug zu einer neoliberal gekennzeichneten Dienstleistung umfunktioniert. Prekäre Arbeitsverhältnisse gehören längst zum Alltag der Sozialen Arbeit. Die notwendigen Voraussetzungen für eine „gute“ Soziale Arbeit werden verweigert. Fachliche Arbeit wird behindert oder auch verhindert. Soziale Arbeit ist heute oft nicht mehr als ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Aus Kostengründen werden fachlich notwendige Hilfen vermieden oder Hilfen ganz verweigert. Menschen werden entwürdigt, ausgegrenzt und entwertet – und die Soziale Arbeit muss dabei mitmachen?“ [17].

„Können ältere Menschen noch in Würde altern?“

Die Verhältnisse sind nicht so …, das beklagen immer wieder und immer öfter besonders die in der Altenhilfe tätigen Kräfte und in den schulischen und wissenschaftlichen Einrichtungen der Sozialpädagogik und im Sozialmanagement arbeitenden Experten. „Die derzeitige Situation in der Altenhilfe wird durch ein leistungsorientiertes Menschenbild geprägt, ethische Werte treten dabei in den Hintergrund“. Zu dieser Bestandsaufnahme kommen drei Wissenschaftler der privaten Gesundheits-Universität Hall in Tirol: Michael Billmann, Kommunikationstrainer und Qualitätsmanager; Benjamin Schmidt, Pflegesachverständiger und Bernd Seeberger, Leiter des Instituts für Gerontologie der Haller Hochschule. Sie legen mit der Studie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung vor zum Fragenkomplex. Hinter der Formulierung freilich steckt schon ein Gutteil Skepsis, ob diese Frage in der Hier-und-Jetzt-Situation in unserer Gesellschaft mit „Ja“ beantwortet werden könne. Die Forscher haben die Lebensbedingungen von zwei Gruppen von Menschen im Großraum Nürnberg betrachtet: Menschen über 65 Jahren, die zu Hause leben; über 65jährige, die in Altenhilfeeinrichtungen wohnen. Eine dritte Gruppe, mittlere Führungskräfte von Altenhilfeeinrichtungen, wurde einbezogen; sowie schließlich, gewissermaßen eine „Kontroll-Gesprächs-Gruppe, Experten im Bereich der Sozialarbeit. Diese Konzeptualisierung des Forschungsvorhabens ermöglichte es, eine empirische, qualitative Exploration in diesem schwierigen, bisher wenig erforschtem Gebiet „Altenwürde“ vorzulegen. Mit dem Konzept einer „anwaltschaftlichen Ethik“ stellt das Forscherteam einen Werte- und Normenkanon vor, der „als universeller Handlungsansatz für die Altenhilfe dienen könnte“, etwa bei der Einrichtung von Paliativen Care-Konzepten, der Pflege und Betreuung nach dem Marte-Meo-Konzept, u.a. Denn es geht um eine „Alchemie der Nähe“, mit den menschlichen Grundwerten: Achtsamkeit, Beachtung,, Berührung, Fürsorge und Kommunikation; einer Care-Ethik eben. Um das zu ermöglichen, bedarf es seitens des Pflegemanagements und -personals einer Professionalisierung auf der Grundlage einer „Kultur des Herzens“, dieser uralten pädagogischen und sozialen Tugend, die im Zeichen des allzu hektischen, bürokratischen und funktionalen Denkens und Handelns unterzugehen droht [18].

Endlichkeit

Der Mensch ist endlich. Die Suche und Sehnsucht der Menschen, Unendlichkeit zu erringen, lässt sich in der Geschichte der Menschheit wie ein Lebensfaden verfolgen. Philosophische, religiöse, realistische und ideologische Anstrengungen, ein „ewiges Leben“ zu erreichen, enden mit dem Tod. Herrscher und Mächtige in der Welt haben Unsterblichkeit angestrebt und Pyramiden, Denkmäler und Grabstätten bauen lassen, um ein „ewiges Leben“ erringen zu können [19]. Obwohl jeder Mensch weiß, dass er einmal stirbt, ob als Folge eines Unfalls, einer Krankheit oder im Alter, wenn die Lebenswärme und -energie verbraucht ist, wird die Tatsache des Todes oft verdrängt und tabuisiert: Wenn es nicht notwendig ist, denkt man nicht daran und ignoriert die Wirklichkeit der Endlichkeit des Menschseins. Der Münchner Palliativmediziner, bis 2011 als Lehrstuhlinhaber an der Universität München und derzeit an der Universität Lausanne und als Leiter des Dienstes Palliativpflege am Universitätsspital Lausanne tätig, Gian Domenico Borasio, hat ein Buch veröffentlicht, das in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit eine große Aufmerksamkeit gefunden hat und 2012 als „Wissensbuch des Jahres“ ausgezeichnet wurde: „Über das Sterben“. Der Autor will „den Menschen die Angst vor dem Sterben, vor allem die Angst vor einem qualvollen Sterben ein Stück weit (…) nehmen“, und es damit ihnen ermöglichen, nicht gestorben zu werden, sondern die Kontrolle über ihr eigenes Denken und Handeln, Wollen und Sollen, Hoffen und Erleben selbst zu übernehmen. Dass dies nicht nur eine individuelle Herausforderung ist, sondern abhängt von den privaten und staatlichen Gesundheitssystemen, Organisationsformen und gesellschaftlichen Werte- und Normensetzungen, verdeutlicht der Autor auch dadurch, dass er sich seit Jahren dafür einsetzt, Patientenverfügungen und palliative Praxis auf eine Rechtsgrundlage zu stellen [20]. Information, Reflexion, Argumentation und Mediation über Theorie und Praxis des Sterbens müssen wegkommen von einer Tabuisierung und hinführen zu der empathischen Herausforderung, den Tod der Menschen als einen natürlichen Prozess des Lebens zu begreifen. Aufklärung über Lebens- und Sterbeprozesse muss sich nicht nur an jeden Lebenden und irgendwann auch Sterbenden richten, sondern auch im Rahmen des schulischen und Erwachsenenlernens, in speziellem Maße auch an Medizinstudierende während ihrer Ausbildung und an Ärzte in ihren Fortbildungsverpflichtungen. Damit einher gehen die Entwicklungen, wie sie sich im medizinischen Bereich durch lebensverlängernde Maßnahmen, richtig und verantwortungsvoll angewandte Schmerztherapien, bis hin zur palliativen Sedierung in der Sterbephase darstellen. Die deutsch-jüdische Lyrikerin Masha Kaléko (1907-1975) nimmt in einem ihrer Gedichte über das Leben und Sterben den Gedanken auf, dem es gilt, im Nachdenken und die Kommunikation über den Tod sich bewusst zu werden und über „La Chaim“ – aufs Leben – zu reflektieren: „Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, / Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. / Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“ [21].

Sterben als zentrale Erfahrung des Lebens

Die Erfahrung, dass Sterben nicht mehr unbedingt und in jedem Fall ein unabwendbarer, natürlicher Vorgang sein muss, sondern dass die Medizin in vielen Fällen Methoden, Medikamente und Instrumente für ein lebensverlängerndes Leben bereit hält, bestimmt heute vielfach den medizinischen und alltäglichen Umgang mit dem Tod. Die Erkenntnis, dass Sterben zum Leben gehört, ist zwar in unserem Unterbewusstsein präsent, wird aber nicht selten als Tragödie und unvermeidliches Schicksal betrachtet und selten als Chance für das Leben verstanden. Einen Sterbenden in den Tod zu begleiten wird oft genug so genannten Profis überlassen, Palliativmedizinern und Theologen. Sterbebegleitung bei Menschen, deren Tod, im Gegensatz zu nicht vorhersehbaren Unfalltoten, vorhersehbar ist, bei Menschen also, bei denen die ärztliche Kunst am Ende ist und die „austherapiert“ sind, etwa bei Krebserkrankungen, wird intensiv in gesonderten Orten des Krankenhauses, der Intensivstation, gemanagt. Die Erfahrung, dass Sterbende in im Krankenhausbetrieb vernachlässigten Räumen „abgestellt“ werden, ist eher Alltag denn als Sonderfall anzusehen. Besonders letztere Sichtweise wird in der Medizinethik aufgenommen, wenn es um Fragen der Sterbevorbereitung und -begleitung geht. Der seit mehr als 30 Jahren als Internist tätige, seit einigen Jahren als Leiter eines Berliner Krankenhauses arbeitende und als Vorsitzender der Stiftung für Palliativmedizin auch gesundheitspolitisch engagierte Michael de Ridder beklagt, dass „einfach so zu sterben (…) in unserer Gesellschaft nicht mehr vorgesehen (ist), sogar an Orten, wo man es erwarten könnte. Es stirbt kaum jemand ohne Infusion oder künstliche Ernährung. Das Sterben hat längst seine Natürlichkeit verloren“ (SPIEGEL 12/2010). Er plädiert dafür, in unserer Gesellschaft eine neue Sterbekultur einzuführen, die „den Bedürfnissen und Wünschen aussichtslos Erkrankter mehr als bisher gerecht werden will“. Es geht ihm darum, daran zu erinnern, dass das Sterben zum Menschsein gehört. Und er wendet sich gegen ein Bewusstsein, dass alles möglich sei, selbst die menschenunwürdige Verlängerung des Lebens trotz Aussichtslosigkeit. Er macht darauf aufmerksam, dass wir längst dabei sind, mit Apparaten das Sterben aus unserem Leben zu vertreiben. Seine Bedenken richtet er dabei nicht nur, wenn auch in erster Linie, an die Ärzte und das medizinische Personal, sondern an uns alle, die wir sterben (müssen!), in aussichtsloser Situation sterben wollen und durch die eigene Entscheidung (Patientenverfügung) ein Stopp der Entwicklung hin zu quasi lebensverlängernden Methoden zu setzen und friedlich vom Leben in den Tod überzugehen. Notwendig sei hierbei, den „palliativmedizinischen Nachholbedarf“ anzumahnen, der in unserer Gesellschaft vorhanden sei, denn sowohl hinsichtlich der Quantität, als auch der Qualität rangiere in Deutschland das Wissen und das Bewusstsein vom „Sterben im Dialog“ am unteren Ende der westlichen Rangskala. Es geht um die Selbstbestimmung des Menschen und um das Menschenrecht auf Würde, im Leben und im Sterben. Der Autor geht kritisch mit dem ärztlichen Auftrag um, wie Medizin am Lebensende zu handhaben ist. Er räumt auf mit so manchen Legenden, etwa der vom Verhungern und Verdursten bei Sterbenden. Er setzt sich auseinander mit dem „Fiasko der Schmerztherapie“, dem Wachkoma und damit, wie in so manchen Krankenhäusern damit umgegangen wird, mit Routine aber selten mit Empathie; auch mit der nach wie vor strittigen Auffassung, was ein letzter Wille eines Menschen ist, wie er auszusehen hat und auf welcher rechtlichen Grundlagen er beruht. Er diskutiert den schmalen Grad zwischen einer selbstbestimmten Entscheidung und der Anklage wegen Körperverletzung und sogar Tötung. Was ist ein „guter Arzt“? Ist es der, der sein ärztliches Ethos und seine medizinische Kunst über das Selbstbestimmungsrecht eines Sterbenden stellt? Der seit Jahrzehnten in erbitterten Kontroversen geführte Streit für oder wider Sterbehilfe, passive und aktive, gründet nach de Ridders Ansicht auf der falschen und zudem ideologischen Gleichsetzung mit Euthanasiepraktiken während des verbrecherischen Nationalsozialismus. Immerhin: In einigen europäischen Ländern, in Belgien und in den Niederlanden etwa, wird das Recht auf Suizid und Sterbehilfe festgeschrieben. Besonders das im amerikanischen Bundesstaat Oregon seit 1997 geltende Gesetz „Death with Dignity Act“ diene dazu, die in Deutschland vorfindbaren unmenschlichen Zustände durch eine rechtlich eindeutig formulierte, palliative Sterbehilfe zu ersetzen. Mit einem dramatischen Appell formuliert Michael de Ridder die gesellschaftliche Grundfrage: „Sind wir als ein Gemeinwesen mitfühlend genug, einem einsichtsfähigen Menschen, der trotz bestmöglicher medizinischer Versorgung und menschlicher Zuwendung weiter leidet, zu gestatten, sein Sterben zu beschleunigen?“ [22].

„Der Tod ist das Böse, das kein Innen und Außen hat“

Metapher sind nicht selten hilflose Worte, vor allem wenn es darum geht, das Wissen über den eigenen, unerwarteten und nahen Tod auszudrücken. Die persönlichen Auseinandersetzungen damit sind so unterschiedlich, wie Menschen verschieden sind. Sie reichen von Verzweiflung bis zur Euphorie, vom Verdrängen bis zum Verstehen. Im Goldmann-Taschenbuch 1280/6889 vom November 1985 sammelt K. H. Kramberg als Herausgeber „Vorletzte Worte“ von 45 Schriftstellern, die ihren eigenen Nachruf notiert haben, „Nachrufe zu Lebzeiten“, die gebrochen, schelmisch, beiläufig, verbrämt oder literarisch daherkommen, nicht Spaß sein sollen, sondern Als-ob-Texte zum Nachdenken über das eigene Sterben bereits zu Lebzeiten sind.

Der Erziehungswissenschaftler, Kinder- und Jugendpsychologe, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie an der Universität Hannover und erfolgreiche Sachbuchautor Wolfgang Bergmann, geboren 1944, erfährt im Frühjahr 2011, dass er unheilbar an Knochenkrebs erkrankt ist. Als „Mann der Schrift“, dessen „Geschriebenes immer klüger war als ich“, wie er angesichts des nahen, unabwendbaren Todes bekennt, schreibt er sich seine Verzweiflung, seine Wut, seine Ängste und sein Nichtbegreifen der Tatsache von der Seele. Es ist das Erstaunen darüber, dass man sich, als Lebender, das Sterben nicht vorstellen kann. Die Erzählung vom Weiterleben nach dem Tode ist etwas, was in der Situation weder tröstet, noch erklärt. Der Körper stirbt, und mit ihm der Geist, der sowieso nur eine Konstruktion des jeweiligen Lebens ist. Eine (tröstliche) Erklärung vielleicht: „Der Tod ist die Bedingung unseres Existierens, wie unser Tod Bedingung des Weiterexistierens kommender Geschlechter ist“. Die quälende, manchmal sogar versprechende Frage nach dem „Wohin?“ findet nur unzureichende Antworten; manchmal aber eine Ahnung von Erkenntnis in einem literarischen Text, im Gespräch mit einem mitfühlenden Freund. Es klingt wie ein Hammerschlag oder ein Schwerthieb, wenn er notiert: „Es gibt kein richtiges Leben, wie es kein richtiges Sterben gibt!“. Es ist nicht auszumachen, ob die Erkenntnis an sich selbst oder an andere gerichtet ist: „Bevor wir das Sterben lernen, müssen wir leben lernen, lebenslang und in jedem Augenblick, den wir bis zum letzten Atemzug vor unserem Tod noch atmen“. Wolfgang Bergmanns Gedanken beim Sterbeprozess bewirken beim Leser nicht hemmende und ausweglose Gefühle der Hilflosigkeit, auch kein unangemessenes und euphorisches Empfinden; vielmehr hinterlassen sie wahre und realistische Eindrücke von der Last des Sterbens – und trösten gleichzeitig. Bergmanns Worte sind deshalb nicht Ratgeber zur Sterbebegleitung und Schreie des Sterbens, sondern empfindsame und emotionale Anreger zum Leben! [23]

(Über-)Leben und (Über-)Leben lassen

Überlebenskünstler, so werden Menschen bezeichnet, die die Kunst beherrschen, zu (über-)leben. Bezeichnenderweise werden sie entweder, wie in der gleichnamigen US-Filmkomödie aus dem Jahr 1983, als komische Typen, die sich tollpatschig in ihrer Umgebung bewegen und trotz der komischen Sachen, die sie erleben, überleben; oder als künstliche Wesen, wie etwa in den Star Wars-Serien, die nicht von dieser Welt sind. Überleben als ein Lebensziel wird auch gespielt, in den Survivar-US-TV-Shows und in den tumben Fernseh-„spielen“ nach dem Motto: „Nur einer kommt durch“. Survivalismus, Überlebenskunst wird eine Lebenseinstellung bezeichnet, die dazu dienen soll, vorhersehbare (lebens-)gefährliche Situationen einzuüben, zu trainieren, um sie bei einem tatsächlichen Eintreffen als „lebensrettend“ anwenden zu können. Daraus sind Managerkurse, Urlaubsangebote und Abenteuer-Events entstanden, die Menschen freiwillig mitmachen und sogar viel Geld dafür bezahlen. Es muss also etwas dran sein an dem Willen zum Überleben. Und es scheint so, dass diese Anstrengungen nicht nur das physische, sondern auch das psychische und das eu zên, das „gute Leben“ (Aristoteles), betreffen. Damit begeben wir uns auf das Feld der „Lebens“- Forschung. Kieler Forscher, so meldete im Februar 2009 WELT-Online, spekulierten darüber, dass es so etwas wie ein „Methusalem-Gen“ für das menschliche Leben geben müsse. Ein Stoff im Blut von Menschen, die (obwohl sie lebensgefährlich leben – Rauchen, Trinken, keinen Sport treiben, sich ungesund ernähren … ; als Beispiel wird dabei oft der mittlerweile 105jährige Schauspieler und Operettenstar Johannes Heesters angeführt) älter werden als vergleichbare Probanten. Und sie haben aus dem Blut von Greisen ein Gen heraus gefiltert, das sie Foxo 3 A nennen und eine Rolle beim menschlichen Insulinstoffwechsel spielt. Der ernüchternde Hinweis, dass dieser Stoff im Erbgut der betreffenden Menschen vorhanden sei und (noch?) nicht erzeugt werden könne, bremst Euphorien ab und grenzt die Erwartungen ein, dass der legendäre „Jungbrunnen“ gefunden sei. Dieser Ausflug in die Legendenwelt vom „ewigen Leben“ soll hinführen auf die ganz andere Frage, nämlich die, wie gefährlich das Leben ist und ob und wenn ja, wie es möglich ist, gefahrvolle Situationen im menschlichen Leben zu bestehen, ohne daran zu sterben. Der in New York lebende Produzent beim amerikanischen Nachrichtensender NBC, Ben Sherwood, macht sich auf die Suche, um zwei Fragen zu beantworten: „Was braucht man wirklich zum Überleben?“ und „Welche Art Überlebender sind Sie?“. Dabei geht es dem Autoren nicht um die oben genannten philosophischen oder spekulativen Fragen, was man tun sollte, um alt zu werden; sondern was (evtl.) hilfreich ist, um sich in gefährlichen Situationen am Leben zu erhalten. Da kann man ruhig den viel- wie nichtssagenden Spruch beim Wort nehmen: Das Leben ist eines der gefährlichsten… Zum Schlagwort „Überlebender“ weist die Internet-Suchmaschine insgesamt 66.700 Eintragungen aus; nicht alle sind hilfreich für die Beantwortung der Frage „Wer überlebt?“. Das Buch von Ben Sherwood gibt zahlreiche Antworten und Nachdenkenswertes dazu, „Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht“. Wenn wir den Spruch von Friedrich Nietzsche nehmen, dass das, was einem nicht umbringt, stark macht – und auch den Alltagsschnack, dass das Leben eines der gefährlichsten für den Menschen ist, dann sollte es notwendig und hilfreich sein, die Überlebensfrage zu stellen, individuell und professionell – um das Leben zu lernen [24].

„Es liegt ein Wunsch nach Veränderung in der Luft“

Die Analysen, Prognosen und Entwicklungsgeschichten zur „Lage der Welt“ sind nicht selten geprägt von pessimistischen, fatalistischen und katastrophischen Bestandsaufnahmen. Die Haben-Mentalität überlagert scheinbar alles Denken und Tun der Menschen; vom Seins-Modus (Erich Fromm) keine Spur! Die zahlreichen Aufforderungen und Appelle zum Perspektivenwechsel werden vernebelt durch Versprechen: „Die Zukunft der Menschen ist sicher!“. Dabei stehen die Zeichen wie Menetekel an der Wand: Menschengemachte Klimaveränderungen, kapitalistische und neoliberale Wirtschafts- und Finanzkrisen, rassistische und ideologische Intoleranz, lokale und globale soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Den Herausforderungen, „umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 eindringlich zum Ausdruck brachte, stehen Egoismen und Ethnozentrismen und die Sorglosigkeit eines „Weiter so“ gegenüber. Nicht wenige Menschen greifen in dieser Situation zur Augenbinde, zur Sprechsperre und zum Hörstöpsel, oder sie lehnen sich zurück und vertrauen darauf, dass Andere, göttliche und menschliche Mächte, sie selbst und vielleicht noch ihre Familie vor den Katastrophen bewahren werden. Um dieser negativen Einschätzung andere, positive Sichtweisen und Initiativen entgegen zu setzen, muss man suchen. Denn sie liegen eher nicht auf der Straße und werden kaum an den Bier- und Pausentischen diskutiert. Sie sind selten in den Schlagzeilen der Zeitungen zu lesen, werden auch nicht zu den Hauptsendezeiten im Fernsehen ausgestrahlt und stehen nicht in den Parteiprogrammen; vielmehr finden wir sie in den intellektuellen und wissenschaftlichen Diskursen, die selten zu Bestsellern werden. Im Film „Ziemlich beste Freunde“ (2011) treffen zwei „Unberührbare“ aufeinander: Der querschnittgelähmte Tetraplegiker, der nur noch über seine Mimik bestimmen kann, Aristokrat und Erbe eines erfolgreichen französischen Industriekonzerns, Philippe Pozzo di Borgo, und der gerade aus dem Gefängnis entlassene Kleinkriminelle Abdel Sellou. Dem Film liegt das gleichnamige Buch von Philippe Pozzo di Borgo (Paris 2001 / Berlin 2012) zugrunde. Der bei einem Gleitschirmunfall 1993 schwer verletzte Autor und sein Pfleger finden über unbeschreibliche Widerstände, Missverständnisse und Streitereien schließlich zu einem Modus Vivendi und zur Freundschaft. Der Film wird zu einem der größten Kinoerfolge der Nachkriegszeit. Allein in Deutschland haben mehr als 8,5 Millionen Besucher den Film gesehen. Die überwiegend authentische Geschichte hat weltweit zu einer neuen Aufmerksamkeit geführt und ein (neues) Bewusstsein geschaffen: „Behinderungen sind von erschreckender Normalität“. Philippe Pozzo di Borgo, der Philosoph und Gründer der „Arche“, Jean Vanier, und der Unternehmer und Gründer des Vereins „Simon de Cyrène“, Laurent de Cherisey, haben, in je unterschiedlicher und unvergleichlicher Weise in ihrem Leben erfahren, wie „Verletzlichkeit“ und „Behinderung“ menschliches Dasein beeinflussen und Menschen deklassieren kann. In dem Buch „Ziemlich verletzlich, ziemlich stark“ arbeiten sie die Geschichte des Films und ihres Erfolges heraus und formulieren „Wege zu einer solidarischen Gesellschaft“ [25].

Tod ist auch Erinnerung

Wer vor der Vergangenheit Augen, Ohren und das Herz verschließt, wird weder in der Gegenwart leben, noch in die Zukunft denken können. Das gilt auch für das individuale, familiale, biographische und gesellschaftliche Erinnern an Menschen, Situationen, Ereignisse und Orte [26]. In einem Gedicht des senegalesischen Lyrikers Birago Diop (1906 – 1989) mit dem Titel „Der Hauch der Ahnen“ [27] heißt es in einer deutschen Übersetzung: Erlausche nur geschwind / Die Wesen in den Dingen / Hör sie im Feuer singen, / Hör sie im Wasser mahnen / Und lausche in den Wind: / Der Seufzer im Gebüsch / Das ist der Hauch der Ahnen // Die gestorben sind, sind niemals fort, / Sie sind im Schatten der sich erhellt, / Und im Schatten der tiefer ins Dunkel fällt. / Sie sind in dem Baum der dröhnt / Und sind in dem Baum der stöhnt, / Sie sind in dem Wasser das sich ergießt / Wie im Wasser das schlafend die Augen schließt, / Sie sind in der Hütte, sie sind im Boot: / Die Toten sind nicht tot… Es ist die individuelle, gelebte Erinnerung, die das kollektive Gedächtnis der Menschheit prägt. Dass es einen individuellen und kollektiven Zusammenhang von Erinnern und Identität gibt, darauf haben zahlreiche psychologische, psychoanalytische und soziologische Studien hingewiesen. Die Mitscherlichsche Hypothese von der „Unfähigkeit zu trauern“ bedarf der Konfrontation mit der Fähigkeit, „Trauer in der Geschichte“ zu ermöglichen. Die Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung, Ulrike Jureit und der an der Universität Kassel tätige Soziologe und Forschungsanalytiker Christian Schneider plädieren in ihrem Buch für einen erinnerungspolitischen Diskurs mit Ich-Bezug, denn ein friedliches Miteinander in der sich immer interdependenter, entgrenzender und konfliktreicher entwickelnden Welt ist nur möglich, wenn Erinnerung und Versöhnung zusammen kommen. Das Autorenteam plädiert für eine „alternative Theorie der Trauer“ und zeigt damit einen anderen als den bisher praktizierten Weg der Vergangenheitsbewältigung der Deutschen auf – zu einer anderen Erinnerungskultur. Trauer-, Erinnerungs- und Vergangenheitsarbeit muss sowohl das Ich, als auch das Wir des alltäglichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Daseins der Menschen einbeziehen. Die sich dabei einstellende oder gar bewusst initiierte Opferidentifikation wie die Erlösungshoffnung dürfen sich nicht auf den herrschenden moralischen Mainstream beschränken, sondern bedürfen einer neuen, empathischen Betrachtung [28].

Vom Leben zum Erinnern zum Sterben

Mit der (subjektiven und natürlich völlig unvollständigen) Zusammenstellung des wissenschaftlichen Diskurses darüber, wie wir in der Gesellschaft, Kultur und Religion mit der Endlichkeit menschlichen Lebens umgehen, soll der Blick nicht nur darauf gerichtet werden, dass Sterben eine Tatsache ist, sondern es gilt auch zu betonen, dass die Lebenden das Sterben lernen können. Kürzlich ging eine Meldung durch die Presse, dass der Schweizer Theologe, römisch-katholische Priester, Kirchenreformer, emeritierte Professor für Ökumenische Theologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen und bis März 2013 Präsident der von ihm gegründeten Stiftung Weltethos, Hans Küng (geboren am 19. März 1928 in Sursee, Kanton Luzern) beschlossen habe, wegen seiner fortschreitenden, unheilbaren Krankheit die Hilfe einer Schweizer Sterbehilfe-Organisation zum Sterben und damit das Recht auf die Selbstbestimmung über das eigene Leben und den eigenen Tod in Anspruch zu nehmen. Diese aufsehenserregende Entscheidung trifft nicht bei allen Menschen auf Zustimmung. Sie ist aber konsequent, soll das höchste Gut des Humanen, die Menschenwürde, Ernst genommen werden. Die Hoffnung darauf, möglichst lange zu leben, findet ja dann ihre Grenzen, wenn äußere, nicht beeinflussbare Umstände oder der eigene Wille dem entgegen stehen. Die Suche nach einem langen Leben sollte sich deshalb immer auch verbinden mit der eigenen Identität, mit Zufriedenheit und Menschlichkeit. Wenn ab und zu Menschen erheblich länger leben als dies im Durchschnitt der jeweiligen Gesellschaft üblich ist, wird dies meist als Sensation empfunden; z. B. starb nachgewiesenermaßen der 1805 in Aserbaidschan geborene Schirali Muslimow 1973, also mit 168 Jahren. Dies und die Tatsache, dass in bestimmten Regionen der Erde Menschen länger leben als das der Durchschnitt der Bewohner ergibt, hat zu einem Forschungsprogramm geführt, bei dem russische und US-amerikanische Wissenschaftler von 1977 bis in die 1990er Jahre der Frage nachgingen, welche Gründe es gäbe, dass die Langlebigkeit von Menschen nicht als individuelle, sondern als Phänomene der Volks-(gruppen)zugehörigkeit und ihrer Lebensweisen in einer bestimmten Region und Kultur zu verstehen seien. Im Kaukasus etwa leben erheblich mehr über Hundertjährige als in anderen Gebieten der Erde, ebenso bei den mennonitischen Gemeinden im US-Staat Kansas. Endgültige und eindeutige Belege konnten die Forscher freilich nicht finden; sie formulierten jedoch einige berechtigte Annahmen: Günstige, natürliche und ökologische Verhältnisse im subtropischen Klima begünstigen Langlebigkeit; ebenso biologische, kulturelle und gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit, Aufgehobensein und Anerkennung in der Gemeinschaft; traditionelle Ernährungsweise; als Nahrungsmittel wenig Fleisch, tierische Produkte und cholesterinfördernde Speisen, dafür Milchprodukte, vor allem Käse, Gemüse und Früchte zu sich nehmen; regelmäßige, körperliche Beschäftigung und Bewegung ausüben [29]. In der Geriatrie, der Gerontologie und den Sozialwissenschaften werden erhebliche Anstrengungen unternommen, neue Erkenntnisse über die Längerlebigkeit der Menschheit zu gewinnen. Sie sollten sich jedoch nicht fokussieren auf den Einsatz von fragwürdigen Mitteln und technologischen Methoden, die letztlich das menschliche Leben zu einem Spekulations- und materialistischen Objekt verkommen lassen!


[1] 1. Mose 6,3:Die Bibel oder die ganze HEILIGE SCHRIFT des Alten und Neuen Testaments. Nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers, Württembergische Bibelanstalt, Stuttgart, 1966, S. 14,

[2] R. A. H. King, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S. 583f

[3] Shigenori Nagatomo, Ein unsichtbarer Fluss, in: UNESCO-Kurier 4/1997, S. 9 – 14

[4] David Biale, Volk der Schrift – Volk des Leibes, a.a.o., S. 15 – 18

[5] Manga Bekombo Priso, Der Körper als Sprache, a.a.o., S. 19 – 21

[6] Romain Maitra, Vom individuellen zum universalen Selbst, a.a.o., S. 22 – 25

[7] Abdelwahab Meddeb, Der Garten aller Freuden, a.a.o., S. 26 – 28

[8] Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, Kröner-Verlag, Stuttgart 2009, S. 718f

[9] „Das dritte Alter. Langlebigkeit als soziale Herausforderung“, UNESCO-Kurier 1/1999

[10] ausgenommen müssen hier zahlreiche Länder in Afrika und Asien werden, in denen die Pandemie HIV (Aids) dazu führt, dass die Lebenserwartungen der Menschen sinken

[11] Elisabeth Niejahr, Die vergreiste Republik, DIE ZEIT, Dossier Nr. 2 vom 2. 1. 2003

[12] Philip Whright Whitcomb, Auch ältere Leute haben eine Aufgabe, in: „Erfülltes Alter“, UNESCO-Kurier 10/1982, S. 4

[13] Hinrich Olsen, Offene Altenarbeit als Empowerment, 2002, Rezension; Sandra Eggers / Kathrin Rasper, Dienstleistungsmanagement im Setting „Wohnstift. Zur Konzeptionalisierung von Case Management im Spektrum Wohnen, 2004, Rezension; Anja Reißmann, Pflegebedürftigkeit und Institutionalisierung. Chancen und Grenzen häuslicher Pflege, 2005, Rezension

[14] Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 8/2005)

[15] John Izzo, Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor Sie sterben, 2008, Rezension

[16] Luc Ferry, Leben lernen. Die Weisheit der Mythen, 2009, Rezension

[17] Cover Mechthild Seithe / Corinna Wiesner-Rau; Hrsg.; „Das kann ich nicht mehr verantworten!“. Stimmen zur Lage der Sozialen Arbeit, 2013, Rezension

[18] Michael Billmann / Benjamin Schmidt /, Bernd Seeberger, In Würde altern. Konzeptionelle Überlegungen für die Altenhilfe, 2009, Rezension; vgl. auch: Ellen Bareis / Christian Kolbe / Marion Ott / Kerstin Rathgeb /Christian Schütte-Bäumner, Hrsg., Episoden sozialer Ausschließung. Definitionskämpfe und widerständige Praxen, 2013, Rezension

[19] z.B.: Cornelia Hermanns, Des Kaisers tönerne Krieger. Qin Shi Huangdi und die Suche nach dem ewigen Leben, 2013, Rezension

[20] vgl. auch: Michael Stolberg; Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute; 2011, Rezension

[21] Gian Domenico Borasio, Über das Sterben. Was wir wissen, was wir tun können, wie wir uns darauf einstellen, 2012, Rezension

[22] Michael de Ridder, Wie wollen wir sterben? 2010, Rezension

[23] Wolfgang Bergmann, Sterben lernen, 2011, Rezension

[24] Ben Sherwood: Wer überlebt? Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht, 2009, Rezension

[25] Philippe Pozzo di Borgo / Laurent de Cherisey / Jean Vanier, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark; 2012, Rezension

[26] Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, 2. Aktualisierte und erweiterte Auflage, 2011, Rezension; Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, Rezension; Pim den Boer / Heinz Durchardt / Georg Kreis / Wolfgang Schmale, Hrsg., Europäische Erinnerungsorte. 3. Europa und die Welt, 2012, Rezension

[27] Birago Diop, Senegambien, in: Janheinz Jahn, hrsg., Dunkle Stimmen. Schwarzer Orpheus. Schwarze Ballade, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. – Wien – Zürich 1963, S. 15f

[28] Ulriche Jureit & Christian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, 2010, Rezension: Birgit Heller, Wie Religionen mit dem Tod umgehen, Rezension

[29] Viktor Koslow, Wie wird man 100 Jahre alt? Eine russisch-amerikanische Untersuchung über Hochbetagte, in: UNESCO-Kurier 10/1982, S. 10ff


Autor
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer: Das Ende des Lebens. Veröffentlicht am 11.11.2013 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/163.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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