socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wer philosophiert - lebt!

Jos Schnurer

Veröffentlicht am 28.01.2014.

Philosophie wird im allgemeinen übersetzt als „Liebe zur Weisheit“, als nachdenken darüber, was menschliche Existenz ist, wie ein gutes, gelingendes Leben aussehen könnte. Als intellektuelle Anforderung definiert Aristoteles Philosophie als die Wissenschaft von der Wahrheit (alêtheia); und der „Klassiker der Philosophie“, Immanuel Kant verbindet Wissen und Kritik miteinander, indem er feststellt, dass der Mensch nur das wissen könne, was sich dem Denken verdanke. Deshalb fordert er den Menschen auf: Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Die philosophische Grundfrage: „Was ist der Mensch?“ bestimmt deshalb die Suche nach dem menschlichen Sosein: „Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen?“. Der Mensch als zôon politikon“, als politisch denkender und sich seines Handelns bewusstes Lebewesen, wie dies Aristoteles postuliert hat, ist also nicht nur fähig zum eigenen kritischen Denken, sondern es gehört zu seinem Menschsein, selbständig und aufgeklärt als freies Individuum und als Gemeinschaftswesen zu leben und sich zu artikulieren.

Die Reflexion zur annotierten Literatur über die Bedeutung des Philosophierens im menschlichen Leben – schließlich ist „jeder Mensch ein Philosoph“ – will deutlich machen, dass das Nachdenken über sich und die Welt keine Aufgabe von professionellen Philosophen (allein) ist, sondern dass jeder Mensch philosophieren lernen kann!

Collage Philosophie, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer

Collage Philosophie, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer

Sag die Wahrheit

Über Denken lässt sich trefflich streiten! Zum einen wird Denken stets durch das gedachte Objekt bestimmt und ist dadurch Objekt des Denkens; zum anderen hängt die Qualität des Denkens davon ab, was gedacht wird (M. Bordt, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 374ff). In der philosophischen und psychologischen Diktion ist Denken nur dann bedeutsam, wenn Denken Grundlage des individuellen Bewusstseins ist, sich sowohl als kontinuierlicher wie auch wandelbarer Prozess darstellt und als unabhängiges Denken zeigt – weil der homo intellectus ein von Natur aus mit Vernunft begabtes Lebewesen ist. Die Frage danach, was unabhängiges Denken ist und wie es sich im philosophischen Diskurs zeigt, bedarf der vor-sichtigen Betrachtung, nämlich der historischen Reflexion darüber, wie sich unabhängiges Denken in seinen klassischen Erscheinungsformen entwickelt hat, um Kriterien für gegenwärtiges Denken zu gewinnen. Denn Denken ist in der landläufigen Bedeutung so selbstverständlich „wie Gehen und Reden, Kauen und Appetithaben“ (Carl Friedrich Graumann, Hrsg., Denken, Köln 1969, S. 16); und so komplex, kompliziert und stellt sich als kontrovers dar, wenn über das Denken nachgedacht wird Um die Diskrepanzen und Widersprüche erklären zu können, muss auf „moderne Diskontinuität(en)“ hingewiesen werden. Es gilt, Begrifflichkeiten zu klären, wie sie im Diskurs um den „Momentanismus“ historisch und in der Moderne benutzt werden; etwa, was unter „Verzeitlichung“ beim angesagten Gesetz der Moderne verstanden wird. Der „Moment als Funktion“ und der „Moment als Substanz“ verdeutlichen sich in zahlreichen (literarischen und philosophischen) Fundstellen und machen deutlich, dass „der Wechsel von Funktion zur Substanz innerhalb der Verzeitlichungsmethaphorik nicht einfach epochenhistorisch erklärbar ist“. Die Frage, welche Macht Philosophie heute noch hat, stellt sich insbesondere bei der Reflexion darüber, welche Wirkungsgeschichte Philosophie in der jeweiligen Gegenwart hatte und hat, was ohne Zweifel auch eine Frage nach der (gesellschaftlichen) Macht beinhaltet. Weitergeführt heißt das, zu bewerten, ob sich im Wissenschaftsbetrieb Philosophie als systematische Disziplin oder Fachgebiet darstellt. Weil Kritischsein heute in vielfältiger Weise betrachtet und gelebt wird, und auch im akademischen Diskurs die Kultur- und Gesellschaftskritik en vogue ist, ist es durchaus lohnend, danach zu fragen, inwieweit sich eine „rettende“ Kritik (Habermas) von der bewusstmachenden unterscheidet: Ist „Kritik am Ende der Kultur- (und Ideologie)kritik“ ein historisch gewordener, oder ein in der Kritik immanent vorhandener Widerspruch und in der Literatur grundgelegte Empörung gegen das zeitgenössische Leben? [1].

Wer bin ich?

Wie passen die philosophischen, psychologischen und neurobiologischen Erkenntnisse über das Bewusstsein von uns selbst zusammen? Dem erkennenden, existentiellen „ego sum“ – Ich bin – muss ja eine Selbst- und Welterkenntnis vorausgehen; das heißt, dass die Frage nach dem „Wer bin ich?“ die Frage nach dem: „Wer sind die anderen?“ einschließen muss. Philosophen haben sich darüber zu allen Zeiten des menschlichen Denkens und Sinnens Gedanken gemacht, haben darüber gestritten und Gemeinsamkeiten definiert. Und doch, so stellt der Philosoph Richard David Precht fest, fehlt bis heute, trotz der vielen gelehrten Gedanken und Reflexionen, das Bemühen, „das systematische Interesse an den großen übergreifenden Fragen“ nicht nur in den Gelehrtenstuben zu diskutieren, sondern an den Mann, die Frau, das Kind zu bringen. Eine existentielle Standortbestimmung bedarf der zeitlichen und räumlichen Vergewisserung. Bei allem Suchen, Zweifeln, Bestätigen und Infragestellen von Gewissheiten hält Precht es mit dem Zauberer Dalben in Lloyd Alexanders Prydain Chronicles, wenn er sagt: „Oft ist die Suche nach der Antwort wichtiger als die Antwort selbst“. Das ist wohl das Geheimnis, wenn man sich auf die Suche nach dem Ich begibt: Fragen lernen, sich fragen trauen, neugierig auf sich und die Welt, die Mitmenschen zu sein und Respekt zu haben vor sich, den anderen Lebewesen und der Natur. Dazu gehören die philosophischen Paradigmen, wie sie uns überliefert und eingeschrieben sind, wie etwa der Kategorische Imperativ, der sich volkstümlich ausdrückt in: „Was du nicht willst, das man dir tu`, das füg` auch keinen andern zu!“ und in der Bereitschaft und Fähigkeit, das eigene Leben mit eu zên, einem guten Leben zu füllen [2].

Vielfalt und Verschiedenheit

Menschliche Erwartungshaltungen und Perspektiven gründen entweder auf den pessimistischen, naturrechtlichen Auffassungen, dass der Mensch des Menschen Wolf sei (Titus Maccius Plautus / Thomas Hobbes), oder darauf, dass er ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen sei, das mit Verstand und dem Willen zu einem „guten Leben“ ausgestattet und darauf angewiesen ist, in Gemeinschaft mit Menschen zu leben (Aristoteles). Die Fragen, die sich zu den jeweiligen Positionen stellen, orientieren sich dabei in gleicher Weise daran, wie die Verschiedenheiten der Menschen betrachtet und philosophisch und praktisch ausgelegt werden. Die auf den Freiheits- und Menschenrechten beruhenden Überzeugungen von der Vielfalt und Verschiedenheit des Menschengeschlechts in seiner humanen Einheit gilt es im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs zu realisieren, in Theorien auszuarbeiten und in gesellschaftlichen und alltäglichen Praxen zu verwirklichen [3]

Mit Würde geboren

„Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bildet) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Diese in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung zuvorderst postulierte Definition des Menschseins und der in Artikel 1 eindeutig gesetzte Grundsatz – „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“ – gilt als globale Ethik und Verpflichtung für alle Menschen. Grundlegende, gesetzte, erworbene und „gefühlte“ Werte und Normen, die ein gerechtes und friedliches Zusammenleben aller Menschen auf der Erde fordern und regeln wollen, unterliegen freilich immer auch der Misere, dass die dabei implizierten Annahmen von Einsicht, Verantwortungsbewusstsein und Friedfertigkeit allzu oft nicht vorhanden sind und von Egoismen, Opportunismen und Nationalismen überlagert werden. Weil der Begriff der „Würde“ so eindeutig ist und gleichzeitig so unterschiedlich gedeutet wird, ist es lohnenswert und verdienstvoll, dass sich einer daran macht, nach Klarheit im lokalen und globalen gesellschaftlichen Diskurs zu suchen. Peter Bieri, 1944 in Bern geboren, eilt der Ruf vorauseilt, als „Querdenker“ und „Unangepasster“ zu gelten. Er hat als Philosoph an den Universitäten Bielefeld, Marburg und an der FU in Berlin gelehrt und ist mit dem Pseudonym Pascal Mercier auch als Schriftsteller tätig. Mit seiner Kritik am (kapitalistischen, auf ökonomische Nutz- und Verwertungsprozesse hin ausgerichteten) Wissenschaftsbetrieb reiht er sich ein in Phalanx derjenigen, die davor warnen, dass die wissenschaftliche Wissensakkumulation von der Kapitalakkumulation verdrängt wird. Bieri setzt erst einmal das metaphysische und philosophische Verständnis voraus, das hinter den Würdebegriff steht und definiert Würde „als eine bestimmte Art und Weise, ein menschliches Leben zu leben … (als) ein Muster des Denkens, Erlebens und Tuns“. Er geht davon aus, dass ein wacher und genauer Blick auf die vielfältigen Lebenserfahrungen genügt, um diesem ethischem Wert auf die Spur zu kommen. Er nähert sich der Herausforderung, indem er drei Fragen stellt: Wie werde ich von anderen Menschen behandelt? – Wie behandle ich andere Menschen? – Wie stehe ich zu mir selbst?. Es sind fraglos philosophische Fragen nach dem Kantischen Dreischritt: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen“. Diese Prämissen lassen sich in Gebote meißeln, in Gesetze gießen oder in Verfassungen schreiben. Damit können sie sich zu Richtschnüren oder Fesseln entwickeln. Es könnte aber auch gelingen, die Würde des Menschen als ein Wagnis zu verstehen, als eine Herausforderung, die im tagtäglichen Denken und Tun sich ausbreitet, konfrontiert und als Hindernis oder gar als Falle auftut [4]

Bewusstsein ist mehr als Wachsein

„cogito ergo sum“ („ich denke, also bin ich“), so drückte der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 – 1650) das Wissen über sich selbst aus, wobei er auswies, dass der Mensch sich seiner Gedanken unmittelbar bewusst sei, während er die Dinge, die von der Außenwelt auf ihn einwirken, nur unmittelbar wahrnehme. Es zeigt sich also bereits in dieser frühen philosophischen Zuordnung, dass unser Bewusstsein Bestandteil unseres Geistes und damit unseres individuellen Daseins ist. „Ohne Bewusstsein ist die persönliche Sichtweise aufgehoben, wir wissen nichts von unserer Existenz, und wir wissen auch nicht, dass irgendetwas anderes existiert“. Die existentielle Frage „Wer bin ich?“, die jeder Mensch sich stellt und stellen muss, ist ja für die eigene wie die kollektive Identität die Grundlage für das Menschsein und die Menschlichkeit. Es ist eine philosophische und alltägliche Frage; und die Antworten darauf stellen sich als Selbstverständlichkeiten wie Überraschungen und Entdeckungen dar. Wie aber entsteht unser Bewusstsein? Auch auf diese Frage gibt es philosophische Antworten wie Vermutungen. Eine der Antworten lautet: Aus unserem bewussten Geist. Was aber unser Geist ist, lässt sich wiederum nicht messen und schon gar nicht anschauen; denn unseren Geist spüren wir nur selbst von unserem Innern heraus. Die Vermutung, dass unser Geist in unserem Gehirn entsteht, ruft – neben den Philosophen – diejenigen auf den Plan, die unser Gehirn als ein Organ kennen: Die Neurologen und Psychologen. Der portugiesische Neurowissenschaftler von der University of Southern California , António R. Damásio, setzt sich in seinem Buch „Selbst ist der Mensch“ mit zwei spannenden Fragen auseinander: „Wie baut das Gehirn einen Geist auf?“ und „Wie sorgt das Gehirn in diesem Geist für Bewusstsein?“. Damasios Forschungen zum Bewusstsein gehen auf Konfrontation zu der bisherigen, durch Descartes überkommenen Postulate, dass es eine Trennung zwischen Körper und Geist gebe; er geht vielmehr davon aus, dass ein konstitutiver Zusammenhang zwischen Körper und Geist bestehe und sich die Eigenschaften ständig gegenseitig beeinflussten [5].

Das wilde Denken ist tot – es lebe das wilde Denken!

Eines der Zauberworte in der sich immer interdependenter, entgrenzender und globalisierender (Einen?) Welt ist: „Perspektivenwechsel“. Gemeint ist damit die Aufforderung zum Umdenken, zur Horizonterweiterung und zur Umkehr vom Trott eines business as usual, wie dies 1995 die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ dramatisch formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. In der Reihe des Carl-Auer-Systeme Verlags „Systemische Horizonte – Theorie der Praxis“ wird auf diese neue, lokale und globale Anforderung ein besonderes Augenmerk gerichtet, wie Bewusstsein und (die Wahrnehmung der) Realität in der globalen Lebenswirklichkeit sich darstellt und als interdisziplinärer Theorie-Praxis-Zusammenhang zeigt: „Theorie braucht man dann, wenn sie überflüssig geworden zu sein scheint – als Anlass zum Neu- und Andersdenken, als Horizonterweiterung und inspirierende Irritation, die dabei hilft, eigene Gewissheiten und letzte Wahrheiten, große und kleine Ideologien solange zu drehen und zu wenden, bis sie unscharfe Ränder bekommen – und man mehr sieht als zuvor“. Die Erfahrung ist allgegenwärtig: „Der Versuch, mit jemandem zu kommunizieren, der ein anderes Weltbild benutzt als man selbst, und sich dessen nicht bewusst zu sein, kann nur Verwirrung auslösen“. Es gibt keine mentalen Prozesse ohne Realitätsbezug und ohne Vergewisserung der Wirklichkeit, genauso wie es keine Realitätswahrnehmung ohne Bewusstsein gibt. Weil aber Weltbilder und Weltansichten immer situations- und zeitbezogen sind, unterliegt auch unsere Wahrnehmung der Realität, wie auch unser Handeln auf bestimmte Situationen einem Wandel. Die uralte philosophische Frage, ob sich Erkenntnis als a priori, also der menschlichen Erfahrung vorausgehend, oder als durch die Erfahrung vermittelt zeigt, wird mit den differenzierten, vom jeweiligen persönlichen und fachlichen Standpunkt ausgehenden Nachschauen über das „Wer bin ich?“ unterschiedlich diskutiert. Der wissenschaftliche Diskurs darüber, was Bewusstsein ist, mündet schließlich in der Auffassung: „Bewusstsein ist ein faszinierendes, aber schwer zu fassendes Phänomen„; es bleibt also ein Rätsel, genauso wie die Frage danach, in welcher Beziehung menschliches Bewusstsein und Verhalten zueinander stehen, ob sich beide Phänomene ausschlössen, zusammengehörten oder ergänzten. Dieser Problematik widmet sich der New Yorker klinische Psychologe Lawrence LeShan (geb. 1920) seit Jahrzehnten. In seinem Buch „Das Rätsel der Erkenntnis“ fragt der Autor danach, wie Realität entsteht. Obwohl er feststellt, dass „auf dem Gebiet des Bewusstseins ( ) alle Versuche, ein Klassifizierungssystem zu erstellen, gescheitert (sind)“, unternimmt er den Versuch, auf der Grundlage von Linnés biologischer Taxonomie ein Klassifikationssystem zu erstellen. Er benutzt dabei Weltbilder, wie sie sich in den menschlichen Realitäten darstellen. Dabei geht er so vor, dass er danach fragt, „auf welche Weise und anhand welcher Parameter sich unsere verschiedenen Weltbilder voneinander unterscheiden„ [6].

Wissen ist Mehrwert

Im aristotelischen Sinn ist Wissen „das Wissen von einer Sache im Sinne der Kenntnis der Ursache dieser Sache“. In das Stammbuch derjenigen, die nach wie vor der Auffassung sind, dass Wissen etwas ist, was man mit dem „Nürnberger Trichter“ einflößt und abfragbar ist, sei mit Aristoteles gesagt, dass „das Wissen des Warum im umfassenden Sinne und das Wissen vom Wesen einer Sache eng verknüpft“ sind (W. Detel, in; Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005). Weise ist ein Mensch also nicht, indem er Fakten aufzählen kann, oder ein wandelndes Lexikon darstellt, sondern indem er über eine Sache, eine Situation oder ein Phänomen nicht nur Bescheid weiß, sondern auch die Wahrheit darüber ergründen kann. Platon drückte das so aus: „Wissen ist wahre, mit Begründung versehene Meinung. Die aktuelle, hektische und beinahe als Heilsbotschaft verkündete Parole, dass wir uns derzeit in einer „Wissensgesellschaft“ befänden, greift vielfach zu kurz, wenn damit meist das in Heller und Pfennig verwertbare Wissen gemeint ist und die Fähigkeit zum Denken eher den Hierarchen überlassen wird. Deshalb ist es wichtig, darüber nachzudenken, wer und was Wissen schafft, wissenswertes und mach(t)bares. Jeder affirmative Versuch, den Zustand der Gesellschaft in der Einen Welt zeitdiagnostisch zu beschreiben und mit dem gegenwartsbezogenen und durchaus in die Zukunft gerichteten Blick festzustellen, dass wir Hier in einer Wissensgesellschaft leben, muss sich orientieren an dem, was Menschen zu Menschen macht, nämlich der Überzeugung, dass der Mensch von Natur aus danach strebt und dazu befähigt ist, ein gutes Leben zu führen (Aristoteles). Die Frage danach also, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, ist eine Anforderung und Herausforderung für alltägliches und gesellschaftliches Dasein [7].

Humanität und Bildung

Über die „richtige“ Bildung wird seit Menschengedenken nachgedacht, gestritten und ideologisch festgelegt. Bildungseuphorien und Bildungspaniken werden auf den Markt getragen. In den Erziehungswissenschaften wird von formaler und informeller Bildung gesprochen und sogar eine „Pädagogik des Glücks“ ausgerufen [8]. Der Bildungsdiskurs ist in Bewegung, manche sagen, ins Schlingern geraten; zum einen, dass (scheinbare) Selbstverständlichkeiten, Gewohnheiten und postulierte Wahrheiten durch die sich immer interdependenter, entgrenzender und sich unsicher entwickelnde (Eine?) Welt in Frage gestellt werden [9], zum anderen, dass Traditionen sich verändern [10] . Es ist nicht zuletzt die (wachsende?) Erkenntnis, dass die Menschheit nicht überleben wird, wenn es nicht gelingt, lokal und global einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 als Appell formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Das ökonomische Immer-Mehr-Denken und Handeln ist mit der Erkenntnis an den Punkt angelangt, dass wir Menschen unsere humane Existenz nur sichern und erweitern können, wenn es gelingt, ungehemmtes wirtschaftliches Wachstum durch eine Bildung für nachhaltige Entwicklung abzulösen [11]

Ohne die Philosophie versteht man nichts von der Welt

Das ist ein anspruchsvoller Satz, manche sagen vielleicht, ein unangemessener und überheblicher. Dass daran aber etwas ist, was der Alltagsmensch, der sich nicht professionell mit Philosophie beschäftigt, in bestimmten Situationen erahnt und gelegentlich entdeckt, ist eine Binsenweisheit – und sie ist doch immer wieder des Nachdenkens wert. Der französische Philosoph Luc Ferry ist als Denker in Deutschland bekannt und anerkannt, weil es ihm gelingt, philosophische Fragen weder platt noch kompliziert, sondern in verständlicher Sprache an die Frau, den Mann und das Kind zu bringen. Es ist die Frage nach der menschlichen Endlichkeit und nach dem Heil, als Lösung oder Erlösung des Lebens und damit nach der existentiellen und religiösen Bedeutung der drei Dimensionen der Philosophie: Verständnis, was ist (Theorie), Bedürfnis nach Gerechtigkeit (Ethik) und Suche nach dem Heil (Weisheit). Philosophie, so lässt sich sagen, dürfte von dem Zeitpunkt an entstanden sein, als die Menschen in der Lage waren, nicht mehr allein nach den Abhängigkeiten der Natur und der Götter zu leben, sondern ein rationales Bewusstsein zu entwickeln und sich in größeren Gemeinschaften zu organisieren, öffentlich argumentieren, diskutieren und freies Denken einzuüben. In der Geschichte der Philosophie wird diese Entwicklung um das sechste Jahrhundert vor Christus in Griechenland datiert. Die theoria, wie sie in der griechischen Philosophie verstanden und benutzt wird, heißt ja nichts anderes als: „Will man seinen Platz finden in der Welt, die uns umgibt, will man lernen, darin zu leben und sich zurechtzufinden, muss man sie als Erstes kennen„; den cosmos und das Universum, wie dies die Stoiker als „kosmische Ordnung“ verstanden. Und es ist die Frage nach dem gerechten Handeln in der Existenz der Menschen und seinen Erwartungen nach dem Tode. Ob als „Gebrauchsanweisung“, oder als Reflektor – immer sollte das Bemühen deutlich werden, das Leben zu lernen. Dazu bedarf es eines Hau-Rucks zum Denken, im Alltag und darüber hinaus [12]

Demonstriert einen überlegenen und unabhängigen Geist

Wahrhaftig sein und sich authentisch äußern, das sind von jeher Forderungen an den philosophischen Geist, ohne Rücksicht auf Mächte und Maßnahmen, auf Monopole und Mirakel. Wie oft freilich wurde im Laufe des menschlichen Denkens und Handelns dagegen verstoßen, aus Egoismen, aus Angst oder einfach aus Pragmatismus. Die Ja-Sager in der Geschichte der Philosophie überwiegen entschieden den kritischen, kompromisslosen Denkern und Nein-Sagern, und die Zauderer und Ängstlichen befürchten den Untergang des abendländischen Denkens, wenn radikale, atheistische Denker an den selbsterrichteten Podesten eines „So ist es“ rütteln. Se wurden in die Kerker geworfen, verbrannt oder verbannt- und geflissentlich vergessen. Denn der bekannte Christian Morgensternsche Spruch „Was nicht sein darf, das nicht sein kann“ entspringt einer uralten Regelung der Meinungs- und Machtgerüste menschlichen Lebens. Da lohnt es schon, Ausschau zu halten nach Menschen, die in den Zeiten der Repressionen und Anpassung den kirchlichen, staatlichen oder gesellschaftlichen Lehrmeinungen widersprachen; Philosophen etwa, die in der Zeit vor der Französischen Revolution und der Aufklärung es wagten, ihren kritischen Geist auszudrücken und sicht- und hörbar zu machen. Denn „während des ancien régime… war es Selbstmord, offen solche Meinungen zu vertreten“. In Paris war es der Salon des Barons d`Holbach in der damaligen Rue Royale Saint-Roch , in dem sich regelmäßig Menschen trafen – Denis Diderot, Helvétius, David Hume, Laurence Sterne, Jean-Jacques Rousseau und andere – die darauf vertrauen konnten, dass ihr kritisches Denken diskutiert und nicht denunziert wurde: „Die radikalen Aufklärer wollten die Denkart ihrer Zeit verändern“, mit ihren Vorstellungen, dass allein das, was den Menschen gut tut und ihnen nicht schadet, als moralisches Prinzip für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben ausreiche. Es waren vor allem Holbach und Diderot, die die bei den Zusammenkünften diskutierten Flugblätter und Pamphlete, die teilweise auf abenteuerlichen Wegen aus dem Land gebrachten gedruckten Produkte wieder hineingeschmuggelt wurden, zu nutz- und verbreitbaren Produkten verarbeiteten; etwa in Diderots Encyclopédie, „ein riesiges, achtundzwanzig Bände umfassendes Trojanisches Pferd aus Druckerschwärze und Papier“. Weshalb, so fragt der 1970 in Hamburg geborene Historiker und Schriftsteller Philipp Blom in seinem 2010 erstmals in englischer Sprache erschienenem Essay „A Wicket Company. The Forgotten Radicalism of the European Enlightenment“ und 2011 vom Hanser Verlag in Deutsch vorgelegtem Buch „Böse Philosophen“, wurden in der europäischen Geistesgeschichte Diderots und Holbachs Werke weitgehend vergessen, während die von Voltaire und Rousseau prägend und bestimmend für die abendländische Philosophie wurden? Dabei plädiert er gegen „Rousseaus Ekel und Schuld und der daraus erwachsenen Hoffnung auf ein besseres Jenseits“ – Denkens und Philosophierens und erinnert dagegen an die von den radikalen Aufklärern propagierten Versuche, „die eigenen Leidenschaften zu verfeinern und zu lenken, anstatt sie zu verleugnen, das eigene Glück in dieser Welt zu finden, der eigenen Umwelt so wenig wie möglich zu schaden, und so viel Gutes wie möglich zu schaffen“. Damit, so formuliert es der Autor in seinem Prolog, könnte es gelingen, eine humane, globale Gesellschaft zu schaffen [13].

Nach dem Menschsein des Menschen fragen

Was ist der Mensch? Diese Menschheitsfrage hat Menschen zu allen Zeiten, mit den unterschiedlichen Intentionen und verschiedenen Lebensformen, bewegt; intellektuell und alltäglich. Dass der Mensch ein zôon logon echon, ein vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen ist, hat der griechische Philosoph Aristoteles zur Grundlage seines Denkens gemacht. Er ist auch von Natur aus in der Lage und fähig, ein eu zên, ein gutes Leben zu führen. Mit der Frage „Wie kann der Mensch dem Menschen ein Mensch sein?“ haben die Humanisten den Wert und die Würde des Menschen als Voraussetzung für ein menschliches Zusammenleben postuliert. Und in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht zuoberst: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“. Der Mensch soll des Menschen Mensch sein; diese Vision bleibt – trotz der Jahrhunderttausende alten und deprimierenden Erfahrung, dass der Mensch des Menschen Wolf sei. In der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt steht auf dem Spiel: Entweder es gelingt, dass die Menschheit die Vielfalt und Unterschiedlichkeit des Menschseins als einheitsbildend und als Chance eines humanen Überlebens und Weiterentwickelns begreift – oder die Menschheit geht zugrunde! So einfach und so drastisch ist es! Wenn „Menschsein im Horizont von Erkenntnis“, also wissenschaftlich bestimmt wird, stellt sich das grundsätzliche Orientierungsproblem dar, nämlich „die Integration von Wissensbeständen zu einer Form, die dem entspricht, was ein handlungsleitendes `Menschenbild` zu leisten hat“. Weil ein einheitliches Menschenbild in der Vielfalt der menschlichen Kulturen und Wirklichkeiten auch in der wissenschaftlichen Diktion weder herstellbar noch wünschenswert ist, wird deutlich, was für den kulturellen, transkulturellen, gesellschaftlichen und politischen Diskurs einzuschreiben wäre: Der in der europäischen Moderne für universal erklärte Begriff der Humanität ist unvollendet! Denn nur dadurch wird er zukunftsfähig! [14]

(Über-)Leben und (Über-)Leben lassen

Überlebenskünstler, so werden Menschen bezeichnet, die die Kunst beherrschen, zu (über-)leben. Bezeichnenderweise werden sie entweder, wie in der gleichnamigen US-Filmkomödie aus dem Jahr 1983, als komische Typen, die sich tollpatschig in ihrer Umgebung bewegen und trotz der komischen Sachen, die sie erleben, überleben; oder als künstliche Wesen, wie etwa in den Star Wars-Serien, die nicht von dieser Welt sind. Überleben als ein Lebensziel wird auch gespielt, in den Survivar-US-TV-Shows und in den tumben Fernseh-„spielen“ nach dem Motto: „Nur einer kommt durch“. Survivalismus. Überlebenskunst, wird eine Lebenseinstellung bezeichnet, die dazu dienen soll, vorhersehbare (lebens-)gefährliche Situationen einzuüben, zu trainieren, um sie bei einem tatsächlichen Stattfinden als „lebensrettend“ anwenden zu können. Daraus sind Managerkurse, Urlaubsangebote und Abenteuer-Events entstanden, die Menschen freiwillig mitmachen und sogar viel Geld dafür bezahlen. Es muss also etwas dran sein an dem Willen zum Überleben. Und es scheint so, dass diese Anstrengungen nicht nur das physische, sondern auch das psychische Leben betreffen. Damit begeben wir uns auf das Feld der „Lebens„- Forschung, das der Philosophie und der angewandten Wissenschaften. Kieler Forscher, so meldete im Februar 2009 WELT-Online, spekulierten darüber, dass es so etwas wie ein „Methusalem-Gen“ für das menschliche Leben geben müsse. Ein Stoff im Blut von Menschen, die (obwohl sie lebensgefährlich leben – Rauchen, Trinken, keinen Sport treiben, sich ungesund ernähren… ; als Beispiel wird dabei oft der mittlerweile 105jährige Schauspieler und Operettenstar Johannes Heesters angeführt) älter werden als vergleichbare Probanten. Und sie haben aus dem Blut von Greisen ein Gen heraus gefiltert, das sie Foxo 3 A nennen und eine Rolle beim menschlichen Insulinstoffwechsel spielt. Der ernüchternde Hinweis, dass dieser Stoff im Erbgut der betreffenden Menschen vorhanden sei und (noch?) nicht erzeugt werden könne, jedoch grenzt die Erwartungen ein, dass der legendäre „Jungbrunnen“ gefunden sei. Dieser kurze Ausflug in die Legendenwelt vom „ewigen Leben“ soll hinführen auf die ganz andere Frage, nämlich die, wie gefährlich das Leben ist und ob und wenn ja, wie es möglich ist, gefahrvolle Situationen im menschlichen Leben zu bestehen, ohne daran zu sterben. Der in New York lebende Produzent beim amerikanischen Nachrichtensender NBC, Ben Sherwood, macht sich auf die Suche, um zwei Fragen zu beantworten: „Was braucht man wirklich zum Überleben?“ und „Welche Art Überlebender sind Sie?“.Auch wenn klar ist, dass es für Glück, ein gutes, erfülltes und gefahrloses Leben kein Rezept geben und Überleben nicht garantiert werden kann, sind die Reflexion von Ben Sherwood ein nachdenkenswertes Signal, aufmerksam zu sein und seinen eigenen Bezugspunkt im Leben zu suchen. Die Lebensweisheit vermag dem Leser und der Leserin des Buches eine Lehre, ein Trost, eine Aufforderung und Herausforderung sein: „Indem Sie aus jedem Atemzug das Beste machen, erheben Sie ihr Dasein zum wahren Leben„ [15].

„Unser persönliches Glück ist nicht getrennt vom Glück der ganzen Welt“

Sei du selbst! Diese philosophische und existentielle Aufforderung ist ein Anspruch, der sich im Denken der Menschen in vielfältiger Weise findet – als religiöser Appell, als metaphysischer Rat, als Lebenshilfe… Ratschläge, bis hin zur allzu wörtlichen Bedeutung des Begriffs, finden wir deshalb in den religiösen Offenbarungen der Glaubensgemeinschaften genau so wie in den Arztpraxen und esoterischen Gruppierungen. Sie sind als „Lebensweisheiten“ in das kulturelle Gedächtnis der Menschen überall in der Welt eingegangen; und sie werden nicht selten als Sprüche in Kalendern an die Wand gehängt, in Taschenkalendern täglich mit sich getragen oder in Jahresbüchern abgedruckt und bebildert oder graphisch gestaltet. Es sind Spruchweisheiten, die meist einfach daher kommen und so beim Leser das Gefühl vermitteln, die Bedeutung auch zu verstehen und danach handeln zu können. Deshalb wirken sie selten als Ausrufezeichen und Zeigefinger, sondern vermitteln den Eindruck, Lebens-Mittel zu sein. Die Sprüche wirken meist im Zusammenhang mit Bildern, in denen Harmonie, Schönheit, Wohlbefinden und positive Lebenseinstellungen zum Ausdruck kommen. Skeptiker schreiben Spruchweisheiten deshalb nicht selten Tendenzen der Verharmlosung, des Schönredens und der Flucht von den allzu realen und schnöden Wirklichkeiten des Lebens zu. Spiritisten hingegen nehmen Spruchweisheiten, vor allem wenn sie von ihnen verehrten Geistlichen stammen, als Lebenshilfen wahr und als Anregung zur Meditation und zum Nachdenken über das eigene Ich [16].

Die Komplexität des Vertrauens

Es ist ein Zauberwort, das eingesetzt wird, wenn scheinbar Gespräche, Situationen und Verhaltensweisen aus dem Ruder zu laufen drohen, wenn Konflikte Kommunikationen erschweren oder gar unmöglich machen. „Vertrauen haben“, als ethische und moralische Charaktereigenschaft hat deshalb im philosophischen, gesellschaftlichen und individuell-alltäglichen Denken und Handeln einen hohen Stellenwert. Der Mensch, so eine biologische Interpretation, entwickelt von sich aus ein Grundvertrauen, insbesondere wenn es um Beziehungen zu anderen Menschen, um Kontakte und Kommunikation geht. Damit Vertrauen aber mehr sein kann als die Abwesenheit von Misstrauen, bedarf es eines Sozialverhaltens, das auf den Grundlagen des Logos wie des Pathos (Aristoteles) beruht. Niklas Luhmann etwa geht davon aus, dass Vertrauen ein elementarer Tatbestand des sozialen Lebens ist. Zu Vertrauen fähig zu sein bedarf freilich nicht nur des eigenen Willens und der Bereitschaft dazu, sondern auch der des Gegenübers, Vertrauen entgegen zu nehmen und zu geben. Demnach ist die Frage danach, was Vertrauen ist und sich auswirkt, nicht einfach damit zu beantworten, dass Vertrauensfähigkeit eine „weiche“ Einstellung und Verhaltensweise ist; vielmehr, das zeigen die vielfältigen Formen und Erfahrungen des Alltagslebens, dass Unvertrauen und Vertrauensverlust eng zusammenhängen mit den gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen, wie mit den Werten, Normen, kulturellen und interkulturellen Identitäten des menschlichen Daseins. „Vertrauen ist ein Phänomen, das… Komplexität reduzieren kann und Kooperation erleichtert oder überhaupt erst möglich macht“ – diese Lesart steckt in den Gewissheiten, mit denen wir eine vertrauensvolle Einstellung verbinden und einfordern für alle individuellen, lokalen und globalen Lebensbedingungen der Menschen auf der Erde. Es geht um die „Praxis des Vertrauens“, das sich entwickelt in intakten und guten Vertrauenspraktiken und aufgehoben ist in einem rationalem Bewusstsein, dass der Vertrauenserwerb ein aktives, soziales Verhalten bedingt, das sich in „dichten Interaktionsprozessen häufig in einem praktischen Rahmen vollzieht, der als solcher einen Teil der Gründe generiert, die das Vertrauen, das die Subjekte zueinander haben„ [17].

Gibt es eine deutsche (europäische) Philosophie?

Deutsche Philosophen haben/hatten in der Geschichte der Philosophie einen guten Klang. Insofern ist es durchaus sinnvoll – bei aller gebotenen Distanz und Unabhängigkeit – eine deutsche Geschichte der Philosophie zu schreiben. Dabei dürfte es schier unmöglich sein, eine „spezifisch deutsche“ Richtung des philosophischen Denkens herauszufiltern, weil natürlich im europäischen und globalen Diskurs über Jahrhunderte hinweg – und heute in speziellem Maße – sich Philosophen in ihrem Denken wie auch im Richtungsstreit beeinflusst haben. Es ist insbesondere der „Philosophical Turn“, wie er sich im 20. Jahrhundert vor allem in den angelsächsischen Ländern durchgesetzt hat, der eine Wende im (professionellen) philosophischen Denken bewirkte und die Philosophie als „Lebenswissenschaft“ nicht nur kooperationstauglich, sondern a priori als Kooperationsfach stimulierte [18] . Ob irritierend oder das Denken herausfordernd, soll einmal dahingestellt bleiben, wenn mit dem (Denk-)Befehl „Schweiget!“ die Philosophen sogar damit provoziert werden, die Philosophie als ultimative Quelle der konsumistischen, kritischen Einstellung abzuschaffen und dadurch die Wahrheit aus ihrer Warenförmigkeit zu befreien„ [19]; doch die philosophischen Signale gegen die entfesselte Geistlosigkeit, die sich in Klagen über die „Verseichung“ der intellektuellen und kulturellen Ansprüche in der (Alltags-)Gesellschaft ausdrücken [20], sollten nicht ignoriert werden. Vittorio Hösle, der an der University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana lehrt, attestiert, dass der „deutsche Geist, wenn es ihn je gegeben hat, vergangen ist“, und zwar nicht nur angesichts der durch die Globalisierung entstandenen multi- und transnationalen Bezüge auch im Wissenschaftsbereich, insbesondere durch die Ablösung des Lateinischen des Mittelalters durch das Englische heute. Mit der Arbeitshypothese, „dass zwar die deutsche Aufklärungsphilosophie gemeinsame Züge der europäischen teilt, aber doch eine spezielle Ausgestaltung gewonnen hat, die sie, jenseits der bloßen Verwendung der deutschen Sprache, von der der Nachbarländer unterscheidet“, begründet der Autor das Unterfangen, „Eigentümlichkeiten hervorzuheben, die diese (die deutsche, JS) von derjenigen anderer europäischer Nationen unterscheidet“. Dabei filtert er ein Charakteristikum einer „deutschen Philosophie“ heraus, nämlich „dass zum deutschen Geist entscheidend das Nachdenken über den Geistbegriff gehört„ [21].

Menschen sind grundsätzlich wandelbare Lebewesen

Die traditio humana, als ein bedeutsamer Strang in der historisch-anthropologischen Forschung geht davon aus, dass „das Menschen Mögliche ( ) erkennbar (ist) an dem, was Menschen bisher möglich war, aber dieses ist nicht sein endgültiges Maß. Alles Dagewesene ist Menschen möglich, aber es ist keinesfalls schon alles Mögliche da gewesen“. Es geht also in der historischen Anthropologie darum, „Wissen von und über Menschen aus verschiedensten Epochen und Kulturen gleichsam zu einem Album des Menschlichen zusammenzufügen zu einer Erkundung des Menschlichen“, und zwar „im Rückblick auf geschichtlich und im Hinblick auf gegenwärtig verwirklichte Menschlichkeiten den reflexiven Horizont der Gegenwärtigen auf die Vielfalt der Möglichkeiten menschlicher Existenzweisen hin auszuweiten“. Am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck wird seit den 1980er Jahren ein Verständnis von transdisziplinären Erziehungswissenschaften gepflegt, bei dem die Historische Anthropologie, Zivilisationsgeschichte, Historische Psychologie, Psychohistorie und eine Reihe weiterer quer zu den disziplinären Ordnungen der Fachwissenschaften liegende Denkrichtungen zusammenarbeiten [22]. Der Hinweis auf ein „relativistisches Menschenverständnis“ belebt den notwendigen Diskurs um eine Bewusstseinserweiterung des Menschseins und die Bemühungen, anthropologische [23], humanistische [24], empathische [25], human-philosophische [26], oder politische Aspekte in die anthropologischen Auseinandersetzungen um Menschenverständnis und -erkenntnis einzubringen [27].

Philosophicum

In philosophischen Symposien, Philosophietagen und Denkschmieden (etwa im österreichischen Lech in Vorarlberg, in Alpbach in Tirol, als „Philosophie-Talk“ (mit Richard David Precht und Gerald Hüther im ZDF, als „Philosophisches Quartett“ (Peter Sloterdijk), im ZEIT-Gespräch (ZEIT PHILOSOPHIE: „Was ist das gute Leben?“, Nr. 25 / Juni 2011, und zahlreichen anderen Veranstaltungen und Events,  werden Fragen zur „Lebenskunst“ gestellt, Fingerzeige auf (Fehl-)Entwicklungen und Missstände gerichtet und nach Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten gesucht, wie es der Menschheit gelingen könnte, eine humane, gerechte, friedliche und demokratische (Eine?) Welt zu schaffen. Beim 12. Philosophicum vom 17. bis 21. 9. 2008 ging es um das Thema: „Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält?“, wohlgemerkt mit einem Fragezeichen versehen. Keine Frage ist, ob die Thematik eine philosophische und damit lebensweltliche und -werte sei [28].

Philosophie als Kultur der Nachdenklichkeit

Begriffe sind (An-)Zeichen für Ver- und Zumutungen. Mit ihnen kann kommuniziert, konfrontiert und konzentriert gedacht, konnotiert, kontrastiert und konvergiert werden; es lassen sich mit ihnen Konzepte darstellen, Konzessionen machten und Korrelationen herstellen, kurz: Begriffe sind Schilder und Denkmuster. Nach diesem, zugegebenermaßen eigenwilligen Zugang zum Denken, sind wir bei der Frage angelangt, was Denken ist. Antworten darauf gibt es, seit Menschen denken! Nehmen wir aus diesem Prozess der Menschwerdung nur die aristotelische Feststellung heraus, dass der anthrôpos, der Mensch, ein vernunft- und sprachbegabtes Lebewesen und in der Lage ist, nach eu zên, einem guten Leben zu streben; und zwar, indem er denkt und sein Handeln an seinem Denken zu orientieren vermag. Damit sind wir schon mitten drin im Nachdenken darüber, welche Kompetenzen und welches Bewusstsein notwendig ist, um zu denken. Wenn im Sinne Foucaults Philosophie Lebenskunst ist [29], sind alle Menschen aufgerufen, zu philosophieren. Weil Philosophieren aber nicht Fantasieren heißt, sondern die Fähigkeit ist, selbst zu denken, realistisch, utopisch und kritisch, ist die Frage schon bedeutsam, wie Philosophen, gewissermaßen als gelernte und professionelle Denker, denken. Nicht, um ihr Denken nachzuahmen, sondern aus ihrem Philosophieren das eigene Leben zu verstehen, Gedanken und Vorstellungen zu ordnen, über eigene Überzeugungen nachzudenken, eigene Handlungen und Verhaltensweisen in Beziehung setzen zu können zu denen anderer, naher und ferner Menschen. Theodor W. Adorno hat einmal gesagt, dass wir Menschen als Kinder alle philosophiert hätten, uns aber diese Fähigkeit später ausgetrieben worden sei mit Auffassungen, dass Philosophieren eigentlich zu nichts nütze und reine Zeitverschwendung wäre [30]. Immerhin zeigt sich im gesellschaftlichen Diskurs eine bemerkenswerte Aufmerksamkeit für philosophische Fragestellungen. Das mag zum einen damit zu begründen sein, dass Menschen, die durch existentielle Ungewissheiten und Veränderungsprozesse verunsichert sind, nach Antworten suchen, die mehr als materielle und oberflächliche Richtungen aufzeigen; zum anderen aber auch – und das ist die Hoffnung, die niemals sterben sollte – dass der Mensch eben doch fähig ist zu denken [31].

Philosophieren heißt, sich verändern lernen

Ob im Alltag, in den gesellschaftlichen Prozessen oder mit dem Bewusstsein, dass jeder Mensch tagtäglich die Verantwortung für eine gerechte und humane Welt mit sich trägt, immer kommt es darauf an, den Perspektivenwechsel zu schaffen, egoistisches und ethnozentriertes Verhalten zu verändern, und zwar sowohl individuell und lokal, als auch global. Es gilt zu verstehen, dass die Vitalität des menschlichen Daseins Lebenskraft ist [32].


[1] Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, Rezension; vgl. auch: MERKUR. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken: Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, hrsg. von Karl Heinz Bohrer und Kurz Scheel (ab 2012: Christian Demand), Heft 9/10, September/Oktober 2011

[2] Richard David Precht, Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Eine philosophische Reise, 2007, Rezension

[3] Dominique Grisard / Ulle Jäger / Tomke, Hrsg., Verschieden sein. Nachdenken über Geschlecht und Differenz, 2013, Rezension

[4] Peter Bieri, Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, 2013, Rezension; siehe auch: Peter Bieri, Wie wollen wir leben? 2011, Rezension

[5] Antonio Damasio: Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, Rezension

[6] Lawrence LeShan: Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, Rezension

[7] Anina Engelhardt / Laura Kajetzke, Hrsg., Handbuch Wissensgesellschaft. Theorien, Themen und Probleme, 2010, Rezension

[8] Joachim Münch / Irit Wyrobnik, Pädagogik des Glücks. Wann, wo und wie wir das Glück lernen, 2011, Rezension

[9] Manfred Lütz, Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, Rezension

[10] Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, Rezension

[11] Julian Nida-Rümelin, Philosophie einer humanen Bildung, 2013, Rezension

[12] Luc Ferry, Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung, 2009, Rezension; siehe auch: Luc Ferry, Leben lernen. Die Weisheit der Mythen, 2009, Rezension

[13] Philipp Blom, Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, 2011, Rezension

[14] Jörn Rüsen, Hrsg., Perspektiven der Humanität. Menschsein im Diskurs der Disziplinen, 2010, Rezension

[15] Ben Sherwood, Wer überlebt? Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht, 2009, Rezension

[16] Thich Nhat Hanh, Du bist ein Geschenk für die Welt. Achtsam leben jeden Tag – Ein Begleiter für alle Wochen des Jahres, 2010, Rezension

[17] Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, 2011, Rezension

[18] Terry Eagleton, Der Sinn des Lebens, 2008, Rezension

[19] Boris Groys, Einführung in die Anti-Philosophie, 2009, Rezension

[20] Peter Sloterdijk, Philosophische Temperamente. Von Platon bis Sartre, 2009, Rezension

[21] Vittorio Hösle: Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie, 2013, Rezension

[22] Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, 201, Rezension

[23] Werner Petermann, Anthropologie unserer Zeit, 2010, Rezension

[24] Jörn Rüsen / Henner Laas, Hrsg., Interkultureller Humanismus, 2009, Rezension

[25] Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, Frankfurt/M., 2010, Rezension

[26] Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst. Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik, Berlin 2009, Rezension

[27] Markus Holzinger / Stefan May / Wiebke Pohler, Weltrisikogesellschaft als Ausnahmezustand, 2010, Rezension

[28] Konrad Paul Liessmann, Hrsg., Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält? 2009, Rezension; sowie: ders., Hrsg., Vom Zauber des Schönen. Reiz, Begehren und Zerstörung, 2010, Rezension

[29] vgl. dazu auch: Wolfgang Kersting, Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit, 2010, Rezension

[30] Nora Nebel, Ideen von der Zeit. Zeitvorstellungen aus kulturphilosophischer Perspektive, 2011, Rezension

[31] Herbert Schnädelbach, Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann, 2012, Rezension

[32] Daniel N. Stern, Ausdrucksformen der Vitalität, 2011, Rezension


Autor
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Zitiervorschlag
Jos Schnurer: Wer philosophiert - lebt!. Veröffentlicht am 28.01.2014 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/174.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


Urheberrecht
Dieser Beitrag ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, helfen wir Ihnen gerne weiter. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Materialien für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Übersicht über alle Materialien

Immer auf dem Laufenden?

socialnet ist das Fachportal für Sozialwirtschaft und Nonprofit-Management. Das Branchenbuch, die Rezensionen und weitere Dienste werden laufend ausgebaut. Damit Sie nichts verpassen, informieren wir Sie gerne monatlich über neue Angebote. Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter.

Förderverein

Damit wir Ihnen künftig noch mehr kostenlose Fachinformationen zur Verfügung stellen können, benötigen wir Ihre Unterstützung. Sie können uns über den Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. steuerbegünstigt Spenden zukommen lassen.