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Zur Selbstbestimmung - Wer darf wie entscheiden?

Der sich immer weiter öffnende Markt der Möglichkeiten an gesundheitsorientierten Leistungen hat nun auch die Gemeindepsychiatrie erreicht

Sabrina Effinghausen

veröffentlicht am 24.03.2014

Nicht nur psychische Erkrankungen nehmen zu, sondern auch das Angebot an Lifestyle- und Gesundheitsangeboten. Die Gesundheit wird in einer hochindividualisierten Gesellschaft zu einem raren und kostenbaren Gut, dass es gilt zu schützen. Diesem Trend sind auch gemeindepsychiatrische Einrichtungen erlegen. Sie bieten nicht nur Entspannungs- und Fitnessübungen an, sondern sie werben auch mit saisonalen Kochangeboten. Eines wird dabei nur allzu häufig vergessen: Die Einzigartigkeit der individuellen Lebenswelt. Denn bei der bestehenden Sensibilität im Kontext Gesundheit besteht die Gefahr, die ganzheitliche Lebenswelt aus dem Blick zu verlieren, in dem der Fokus nämlich nur auf einzelne Lebensbereiche gelenkt wird.

Immer häufiger berichten Medien über psychische Erkrankungen. Schlagzeilen, wie „Die Psychofalle“ (Spiegel, 2013; 4), „Behandeln oder fixieren“ (Die Zeit 2012; 49) oder „Burnout – das verloren Selbst“ (Geo 2013; 48) beherrschen die Titelseiten. Hinzu kommen die Meldungen von Seiten der Krankenkassen über den alarmierenden Anstieg psychischer Probleme. Gleichzeitig berichten die Sozialhilfeträger über eine Zunahme der Inanspruchnahme von Eingliederungsmaßnahmen. Hierzu zählen beispielsweise Maßnahmen, wie das ambulant betreute Wohnen und teilstationäre Einrichtungen, wie Tagesstätten. Parallel zu diesen Entwicklungen wird in der Gesellschaft immer wieder auf einen gesundheitsbewussten Lebensstil hingewiesen. Eine Vielzahl von gesundheitsfördernden Möglichkeiten wird uns durch die Medien vermittelt, angefangen bei Achtsamkeits- und Entspannungsübungen über Fitness bis hin zu einer ausgewogenen „Bio“-Ernährung unter Beachtung von Basis- und Säurewerten. Dies sind nur einige Begriffe, die uns in grellen Farben auf Ratgebern entgegenleuchten. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie setzen auf die Eigeninitiative und -verantwortung des Menschen. Diesem Trend sind auch die gemeindepsychiatrischen Angebote gefolgt. Sie locken mit Angeboten, wie Yoga, autogenem Training, Snoezelen, Kochgruppen und Bewegungsangeboten. In naher Zukunft wird es sicherlich auch Angebote zum „Schulfach Glück“ geben. Hier schließt sich sogleich die Frage an: Ist die (präventive) Lösung seelischer Beeinträchtigungen wirklich so einfach? Oder folgen wir nicht vielmehr einem gesamtgesellschaftlichen Trend, dessen Wirksamkeit offen ist? Fest steht, dass gesundheitsbewusste Übungen sicherlich einen wichtigen Beitrag auf dem Weg der Gesundung bzw. der Gesunderhaltung liefern, aber sicherlich kein Patentrezept darstellen. Viel zu schnell geht beim Streben nach psychischem Wohlbefinden der Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse verloren. Denn was für den einen Erholung und Entspannung bedeutet, kann für einen anderen in puren Stress ausarten. Eine Rückbesinnung auf den alten Leitsatz der Sozialen Arbeit „Den Klienten dort abholen, wo er steht“ ohne dabei für jedermann und jederfrau zu wissen, was das „Richtige“ für ihn/sie ist, scheint ratsam.

Wie weit wir noch von einer lebensweltorientierten Praxis entfernt sind, möchte ich an zwei Beispielen verdeutlichen. Diese waren, aufgrund ihrer zeitlichen Nähe zueinander, Anlass zum Verfassen des vorliegenden Artikels. Beginnen möchte ich zunächst mit einem kurzen Einblick in die Lebenswelt von Herrn A.

Herrn A. habe ich vor über sechs Jahren durch meine Tätigkeit im ambulant betreuten Wohnen kennengelernt. Er leidet seit über 30 Jahren unter einer schizophrenen Psychose und ist mehrmals im Jahr in stationärer Behandlung. Trotz immer wiederkehrender instabiler Phasen lebt Herr A. nun schon über zwölf Jahren in seiner kleinen Einraumwohung in einer Kleinstadt. Obwohl er keiner Beschäftigung nachgeht, fühlt er sich selten einsam. Er hat nicht nur einen sehr guten Freund, der ihn fast täglich auf eine „Bierlänge“ besucht, sondern es besteht auch ein gutes Verhältnis zu seinen Nachbarn. Je nach Laune schafft Herr A. mal mehr, mal weniger Ordnung in seiner Wohnung. Regelmäßig kommt auch seine Schwester zu Besuch, die ihm nicht nur, in ihrer Funktion als gesetzliche Betreuerin Geld einteilt, sondern einfach nur „nach dem Rechten“ schauen möchte. Außerdem fährt Herr A. sehr gerne mit dem Zug durch die Gegend, macht Spaziergänge und schläft für sein Leben gern. Es zeigt sich, dass Herr A. auch ohne Lifestyle-Angebote ein zufriedenes Leben führt.

Über sechs Jahre konnte ich am Leben von Herrn A. teilhaben. Selbst nach meinem Ausscheiden besuchte ich Herrn A. weiterhin in unregelmäßigen Abständen. Allerdings war jedes Mal offen, ob ich ihn zuhause antreffen würde, da Herr A. über keinen Telefonanschluss verfügt. So auch beim letzten Mal… Nachdem ich einige Male an seiner Haustür geläutet hatte, öffnete mir seine Nachbarin die Haustür. Sie erzählte mir, dass Herr A. in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde. Dankbar für die Info rief ich am nächsten Tag bei der Zentrale des Krankenhauses an und hatte Glück. Nach einigen Minuten des Wartens wurde Herr A. ans Telefon geholt. Er freute sich sehr meine Stimme zu hören, denn außer zu seiner Schwester und einem Nachbarn hatte er seit seinem Einweisungs-Beschluss vor drei Wochen, keinen weiteren Außenkontakt gehabt. „Noch nicht einmal meine neue ambulante Betreuerin hat bisher von sich hören lassen“, erzählte er mir bedrückt, um im nächsten Moment davon zu berichten, dass „sie ihn nun ins Heim stecken wollen“. Plötzlich wäre es seiner Schwester leid, immer und immer wieder auf ihn aufpassen zu müssen. Sie ist der Meinung, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Den ganzen Tag über würde er nur herum lümmeln. Seine Wohnung sei ungepflegt und sein Alkoholkonsum lasse zu wünschen übrig. Dieses würde auch die Mitarbeiterin vom ambulant betreuten Wohnen so sehen.

Herr A. hat Angst: Angst vor Entmündigung, Angst vor Veränderung, Angst vor Entwurzelung. Seine Entlassung steht nun kurz bevor, Herr A. weiß aber noch nicht, wie es weitergehen wird.

Parallel zu diesem Erlebnis habe ich in einem Forschungsbericht über die Wirksamkeit von Tagesstätten gelesen. Ein Ergebnis fand ich sehr aufschlussreich. Auf die Frage, wann die Profis Betreuten einen Tagesstätten-Besuch empfehlen würden, antwortete ein Großteil, wenn eine Tagesstruktur fehlt, um soziale Isolierung zu überwinden, oder auch dann, wenn eine psychiatrische Diagnose gestellt wurde. Gemeinsam ist diesen drei Gründen, dass sie das Ziel der Genesung verfolgen und damit die Gesundheit ins Zentrum des Handelns rücken. Doch obwohl zwei von drei Punkten objektiv auf die Lebenssituation von Herrn A. zutreffen, wurde nicht mal der Versuch unternommen ihm einen Tagesstättenbesuch anzubieten.

Doch in welcher Verbindung stehen denn nun die anfangs erwähnten Lifestyle- und Gesundheitsangebote mit der Lebenssituation von Herrn A. und den Studienergebnissen zu den Tagesstätten? Anhand von zwei unterschiedlichen Zugängen (Medien/Gesellschaft und gemeindepsychiatrische Hilfen/Staat) war es mir wichtig aufzeigen, dass die Betrachtung einzelner Lebensbereiche längst nicht ausreicht, um den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit wahrzunehmen. Konkret auf die Situation von Herrn A. bezogen, hätte dies zur Folge, dass er in ein Wohnheim umsiedelt und als tagesstrukturierende Maßnahme eine Tagesstätte aufsucht in der er an Yoga- und Bewegungsangeboten teilnimmt.

Die Besinnung auf die Lebenswelt der Betroffenen sollte zu einem MUSS in der gemeindepsychiatrischen Arbeit werden. Wir müssen vielmehr als bisher auf die Eigenkräfte des Menschen vertrauen und versuchen diese zu wecken. Deswegen: Entspannungsübungen und gesundheitsbewusste Verhaltensweisen können, genauso wie der Besuch einer Tagesstätte, wesentliche Bewältigungsstrategien für psychisch beeinträchtigte Menschen darstellen. Nur sollten die individuellen Bedürfnisse von Betreuten unbedingt Berücksichtigung finden um ein selbstbestimmendes Leben führen zu dürfen.


Autorin
Dr. phil. Sabrina Effinghausen
Dipl. Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin, M.A. Soziale Arbeit, Jahrgang 1981, tätig als Lehrkraft an der HS Hannover
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Zitiervorschlag
Sabrina Effinghausen: Zur Selbstbestimmung - Wer darf wie entscheiden?. Der sich immer weiter öffnende Markt der Möglichkeiten an gesundheitsorientierten Leistungen hat nun auch die Gemeindepsychiatrie erreicht. Veröffentlicht am 24.03.2014 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/183.php, Datum des Zugriffs 16.04.2021.


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