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Jugendphase und Jugendszene - Junge Menschen im Spannungsfeld zwischen Gesellschaft, Szene und Identität

Joschka Sichelschmidt

veröffentlicht am 15.07.2014

1. Einleitung

Dieser Artikel widmet sich der Thematik um Jugend, Jugendphase, Szenen, Identität und Lebensphase.
Das methodische Vorgehen gliedert sich in zwei theoretische Kapitel sowie ein abschließendes und zusammenführendes Kapitel. Anschließend folgt eine diskursive Auseinandersetzung mit den vorgestellten Theorien und Erkenntnissen hinsichtlich der Forschungsfrage, ob Szenen die Lebensphasen aufweichen bzw. auflösen.
In Kapitel zwei wird eine theoretische Definition der Begriffe Jugend, Szene und Lebensphase hergeleitet. Hierzu wird eine Einordnung und Zusammenführung der verwendeten Begriffe (Merkens 2012; Hurrelmann 1999, 2007; Hitzler et al. 2010; Backes/Clemens 2003) gemacht. Anschließend wird der Begriff Identität aus verschiedenen Forschungsrichtungen diskutiert.
Das vierte Kapitel schließt die theoretische Begriffsbestimmung von Jugend, Szene, Identität und Lebensphase ab. Die theoretischen Ansätze werden in Ergänzung mit gesellschaftskritischen und gesellschaftsdiagnostischen Aufsätzen (Beck 1995; Heitmeyer 1996) in Kontrast gestellt. Ebenso wird die kritische Frage, ob Szenen als Fluchtversuch aus der gesellschaftlichen Realität dienen, kritisch diskutiert.
Abschließend erfolgt eine Diskussion um die vorgestellten Theorien und Erklärungsmodelle hinsichtlich der Forschungsfrage, ob Szenen die Lebensphasen aufweichen bzw. auflösen, zusammengeführt und erörtert.

2. Jugend, Szene und Lebensphase: Eine Einordnung

Merkens (2012) beschreibt die Jugendphase als in bestimmte Klassifizierungsraster einordbar: Jugend ist der Zeitraum zwischen der biologischen und sozialen Reife. In (post)modernen Gesellschaften sind Übergänge von Lebensphasen nicht mehr ritualisiert, sondern in Zeiträumen verankert – Jugend kann deshalb als Transition bezeichnet werden (vgl. ebd., S. 1).ur
Kritisch zu bemerken ist, dass von Merkens (2012) nur der Forschungsansatz der Transition zur Erklärung herangezogen wird, die Jugendforschung aber zum Erkenntnisgewinn auch Ansätze der theoriebildenden Forschungsrichtung, die die Jugendphase als Moratorium beschreiben, benutzt. Hier wird im Gegensatz zum Transitionsansatz, Jugend gegenwartsorientiert, konfigurativ, selbstsozialisierend und expressiv (vgl. Reinders/Wild 2003, S. 25) beschrieben. Auch kritisch zu hinterfragen ist die ungenaue Festlegung auf die Zeitspanne von mehr als fünf Jahren, die die Lebensphase Jugend kennzeichnet. Hurrelmann (2007, S. 21) z.B. schreibt, dass die Jugendphase „in immer mehr Fällen [einen] 15 oder 20 Jahre umfassender Lebensabschnitt“ bildet. Hurrelmann (1999) erklärt aus psychologischer Perspektive die Aufgaben der Jugendphase als Erlangung persönlicher und sozialer Identität. Auch Münchmeier (2003) geht davon aus, dass sich die Jugendphase durch „Bildungsexpansion […] [und] durch die Arbeitsmarktveränderungen und -probleme“ (ebd., S. 825) verlängert hat.
Gemeinsam ist den Definitionen aber, dass Jugendphase als operationalisierter Forschungsbegriff methodische Schwierigkeiten in der genauen Identifikation bestimmter Indikatoren hat, die eine umfassende Beschreibung des Begriffes und standardisierte Klassifikation möglich machen.

Szenen werden von Hitzler et al. (2001) in enger Verbindung mit Jugend beschrieben. Fraglich ist aber, ob Szene grundsätzlich ein Jugendphänomen ist. Langebach (2007, S. 9) beschreibt die Verbindung von Jugend und Szene, folgendermaßen: Jugend findet in den „Sozialräumen, die von anderen Lebensbereichen relativ unabhängig“ sind, statt und findet dort den ‚Sinn‘. Diese autarken Sozialräume werden als posttraditionale Gemeinschaften (vgl. Dollase 1986; Baake 1999, S. 161) oder Szenen (Langebach 2007, S. 9) bezeichnet. Eine Definition der konstitutiven Merkmale von Szenen geben Hitzler et al. (2001):
Szenen sind „fokussierte Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterzuentwickeln“ (Hitzler et al. 2001, S. 20).

Weiterhin sind Szenen Gesinnungsgemeinschaften, thematisch fokussierte Netzwerke und kommunikative und interaktive Teilzeit- Gesellungsformen. Wichtig für die Konstituierung von Szenen ist das subjektive Zugehörigkeitsgefühl, das durch Interaktion mit anderen Mitgliedern der Szene entsteht – durch diese Partizipation von Mitgliedern an Szenetreffen stärkt sich das „Wir- Gefühl“ (ebd., S. 24), welches sich auf die Überzeugungen für eine gemeinsame Sache gründet. Ausdifferenziert betrachten Hitzler und Niederbacher (2010) Szenen als eine
„Form von lockerem Netzwerk; einem Netzwerk, in dem sich unbestimmt viele beteiligte Personen und Personengruppen vergemeinschaften. In eine Szene wird man nicht hineingeboren oder hineinsozialisiert, sondern man sucht sie sich aufgrund irgendwelcher Interessen selber aus und fühlt sich in ihr eine Zeit lang mehr oder weniger ‚zu Hause‘“ (ebd., S. 15f.).

Im Kontext von Jugend und Szene muss der unscharf definierte Zeitraum der Jugendphase (Übergangsphase (Merkens 2012); 10 bis 20 Jahre (Hurrelmann 2007)) hinterfragt werden.
Backes und Clemens (2003) machen deutlich, dass eine enge Definition von Lebensphasen nur schwer möglich ist: Früher waren Lebensphasen standardisiert und der Eintritt in eine neue Phase war durch Übergangsriten symbolisiert. Heute können Phasenübergänge nicht mehr klar voneinander abgegrenzt werden (vgl. „antizipatorische Sozialisation“ (Keupp 2011, S. 2).

Ungeeignet für die Operationalisierung von Lebensphasen sind Entwicklungsstufenmodelle, da diese davon ausgehen, dass in terminologisierten Rahmen bestimmte Entwicklungsschritte gemacht werden, die dann dazu befähigen, die nächsthöhere Stufe zu erreichen (vgl. Rosemann/Bielski 2001).
Auch den psychologischen Kategorienmodellen (z.B. Dreher/Dreher 1985), die ausgehend von Havighurst (1972) Ziele, die in der Jugendphase erreicht werden müssen, festlegen, um in das Erwachsenenalter eintreten zu können, muss attestiert werden, dass diese nicht geeignet sind, die Jugendphase zu definieren, denn der Umgang mit Abweichungen innerhalb der Klassifikationen bleibt ungeklärt.
Aus dem pädagogischen Standpunkt heraus ist die Jugendphase ein nach Böhnisch (1997) zu definierender „lebensaltertypischer Kontext von gesellschaftlichen Erwartungen und Vorgaben“ (ebd., S. 141). Durch Heterogenisierung der Phase ist auch eine „biographisch vielfältig variierende Bewältigungskonstellation“ (ebd., S. 141) möglich. Nach Aram (2007) erschwert dies die „Identifizierung von Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Gruppen von Jugendlichen […] [und die theoretischen] Merkmale, die als jugendtypisch gefasst werden können“ (ebd., S. 16). King (2002) oder Merkens (2004) beschreiben dies als den Verlust der Konturen der Jugendphase.

Da die Jugendphase nicht klar klassifiziert, strukturiert oder standardisiert ist, schlägt Mitterauer (1986) vor, als Übergangsmerkmal von Jugend zum Erwachsenenalter, die kompetente und ethische „Teilnahme an kulturellen, politischen und konsumptiven Sphären“ (Aram 2007, S. 16) unabhängig von finanzieller Unabhängigkeit zu verwenden. Andererseits bestehen Einwände, dass das Erwachsenenalter erst dann erreicht ist, wenn „in allen relevanten gesellschaftlichen Handlungsbereichen die vollgültige Mitgliedschaft, also sozioökonomische und soziokulturelle Selbstständigkeit“ (ebd., S. 16) erworben ist.

Zusammengefasst soll in der Lebensphase Jugend die kohärente Identitätsentwicklung betrieben werden, die sich an den generellen Werten und Normen der Gesellschaft orientiert. Problematisch kann dabei sein, dass die klassischen Sozialisationsinstanzen (Kirche, Schule, Familie) an Wirkungseinfluss verlieren (Hitzler/Niederbacher 2010). Szenen können in diesem Kontext als kompensatorisches Mittel zur Konstruktion einer stabilen Identität wirken.

3. Der Identitätsbegriff aus verschiedenen Forschungstraditionen

Identität ist ein
„menschliches Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit […]. Es soll dem anthropologisch als „Mängelwesen“ bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Sinnbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptable Formen der Befriedigung eröffnen“ (Keupp 2005, S. 807).

Da geschlossene Systeme nach einer Homöostase streben, wird auch der Mensch danach streben, eine kohärente Identität zu entwickeln. Bei diesem Identitätskonstruktionsprozess spielen Selbstkonzept und Selbstaufmerksamkeit („kohärentes Identitätsgefühl“ (Aronson et al. 2004. S. 150)) eine entscheidende Rolle. Das Selbst als entscheidender Moderator hat drei wichtige Funktionen: Es bietet eine „strukturierende Funktion“, welche hilft, „Informationen über unsere eigene Person und auch über die soziale Welt sowohl zu erinnern als auch zu interpretieren“ (ebd. S. 151); es hat eine emotionale Funktion, die ein Steuerinstrument der emotionalen Regulation ist (Campbell 1990; Pelham 1991). Zu dem besitzt es eine exekutive Funktion, die Verhaltensregulation und Entscheidungsfindung ermöglicht.

Das Wissen über sich selbst (Selbstkonzept) kann durch verschiedene Informationsquellen generiert werden. Vier Prozesse sind dabei entscheidend: reflexive Prädikatenzuweisung (Beobachtung von eigenem Verhalten), ideationale Prädikatenzuweisung (Bewertung von eigenem Verhalten), direkte Prädikatenzuweisung (Informationsbeschaffung in den Äu0erungen der Mitmenschen) und komparative Prädikatenzuweisung (Vergleich mit anderen Menschen) (vgl. Amelang 2006). Ebenso ist Selbstaufmerksamkeit für die Identitätsgenese entscheidend. Bei der Beobachtung des eigenen Selbst wird ein internaler Vergleich mit dem ‚Idealselbst‘ getroffen, der zu kognitiver Dissonanz führt, welche das Ausbilden der Identität unterstützt.

4. Jugend im Spannungsfeld zwischen Szene, Identitätsbildung und Lebensphase

Die spannende Frage, die sich bei der Betrachtung des Konglomerats aus Jugend, Szene und Identität stellt, ist, ob Szenen einen alternativen Fluchtversuch darstellen, dem gesellschaftlichen Spannungsfeld zu entkommen.
Individualisierung und Desintegration bilden Schlagwörter in der Auseinandersetzung mit modernen Gesellschaften. Nach Beck (1995) muss das eigene und das soziale Leben neu aufeinander abgestimmt werden – in der reflexiven Moderne (Risikogesellschaft) existiert nur noch ein experimentelles Leben. Abels (2008) definiert Individualisierung als
„paradoxer Zwang […] zur Herstellung, Selbstgestaltung, Selbstinszenierung nicht nur der eigenen Biographie, sondern auch ihrer Einbindungen und Netzwerke […] unter dauernder Abstimmung mit anderen“ (ebd., S. 141).

Individualisierung kann nach Heitmeyer (1996) aber auch mit dem Begriff Desintegration in Verbindung gebracht werden. Durch Wandlungsprozesse der Moderne haben sich die gültigen Maßstäbe und Werte verschoben und die Flexibilität in der Lebensgestaltung kann zu Ambivalenzen führen. Die
„desintegrativen gesellschaftlichen […] [Zustände] wie Werteverlust, Abnahme von verbindlichen Regeln und Normen, Zerfall von Familienstrukturen und mangelnde Erziehung in den Elternhäusern [kann] bei Kindern und Jugendlichen zu Verunsicherung und Orientierungslosigkeit führen“ (Zalewska 2005, S. 36).

Diese Sichtweise auf Individualisierung wird von Keupp (2011) als der „gesellschaftliche Umbruch zu einer historisch neuen Mischung von Chancen und Risiken der Lebensgestaltung […] [, die] alle Lebensphasen“ (ebd., S. 1) betrifft, beschrieben.
Individualisierung ist riskant, bietet aber Chancen zur „Ausbildung neuer Lebensformen und Lebenslagen“ (Abels 2008, S. 142). Individuen müssen in der Identitäts- und Sinnkonstruktion des eigenen Lebens „ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren, zusammenflickschustern“ (Beck 1993, S. 150). Identität ist nicht als „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“ (Keupp 2009, S. 2) zu verstehen, sondern muss allen Lebensphasen flexibel angepasst werden („Patchwork- Identität“) (Keupp 2009, S. 5).

Flexibilität ist das Schlagwort der ‚fluiden Gesellschaft‘ (Bauman 2000) (Multioptionsgesellschaft (Gross 1994) oder Aktivgesellschaft (Lessenich 2009)). Menschen müssen in der fließenden Gesellschaft das Statische und Stabile aus der Lebensgestaltung lösen und in einer individuellen Eigenleistung „Identitätsarbeit“ (Keupp 2009, S. 5) erbringen. Sie fertigen „aus den Erfahrungsmaterialien ihres Alltags patchworkartige Gebilde und diese sind das Resultat der schöpferischen Möglichkeiten der Subjekte“ (ebd., S. 5).
Da Identität nach Keupp (2005) ein „menschliches Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit […]“ (S. 809) ist und die Gesellschaft durch die ambivalenten Anforderungen an die Subjekte, sich zu integrieren, das Grundbedürfnis nach Orientierung nicht mehr gewährleisten kann, ist „das Subjekt für seine Positionierung [in den komplexen Systemnetzwerken und Formalismen und Standardisierungen] zunehmend selbstverantwortlich“ (Hitzler/Niederbacher 2010, S. 11). Hierbei gewähren Szenen den jungen Menschen eine gewisse „Kuhstallwärme“ (Hitzler 2008, S. 55).
Für die Sozialisation von Jugendlichen bedeuten die beschriebenen Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse, dass die klassischen „Wertekataloge und Identitätsmuster“ (Hitzler/Niederbacher 2010, S. 15) nicht mehr „in [den] herkömmlichen ‚Sozialisationsagenturen‘“ (ebd., S. 15) gesucht und gefunden werden können. Diese posttraditionalen Formen der Vergemeinschaftung entstehen in den „relativ autonomen freizeitlichen Sozialräumen“ (ebd., S. 15) und beruhen darauf, dass „jeder einzelne „Interessent“ und „Partizipant“ […] zur Teilhabe verführt wird“ (vgl. Hitzler 1998 und 1999; Hitzler/Pfadenhauer 1998), weil es eine „Übereinstimmung von Neigungen, Vorlieben, Leidenschaften und bestimmten, als „richtig“ angesehenen Verhaltensweisen“ (Hitzler 2008, S. 55) gibt.
Die „Zugehörigkeit zur posttraditionalen Gemeinschaft wird nach außen typischerweise über expressive Distinktion inszeniert, die sich entlang gleichartiger Konsumorientierung entwickelt. Gesellschaft konstituiert sich durch das Bekenntnis zur Gemeinschaft und um stabil zu bleiben, müssen die geteilten Interessen auf Dauer sichergestellt, transformiert oder mythisiert werden“ (Langebach 2007, S. 11).

Orientierungslosigkeit und Enttraditionalisierung von Werten (disembedding (Giddens 1991)) führt zu einem starken Pluralismus (Berger 1994), denn dies „bedeutet für das Leben des Menschen einen riesigen Schritt weg vom Schicksal hin zur freien Entscheidung“ (ebd., S. 83; zitiert nach Keupp 2009, S. 7). Ebenso kann der moderne und flexible Mensch nicht nur wählen, sondern es besteht sogar die Forderung nach einer Wahl.
Konsequenzen für die Jugendphase ergeben sich daher, dass sich Jugendliche flexibel auf die gesellschaftlichen Ambivalenzen einstellen muss (Brüsemeister 2007), aber gleichzeitig mit einer Gesellschaft konfrontiert ist, die „nur auf den unmittelbaren Moment konzentriert“ (Sennett 1998, S. 12) ist.
Dadurch wird „ein anscheinend unerschöpfliches Panoptikum von Wünschbarkeiten“ (Hitzler/Niederbacher 2010, S. 12f.) generiert, welches zur Verunsicherung beiträgt.
Der von Berger (1994) beschriebene Pluralismus, der das Schicksal negiert und freie Entfaltung suggeriert, bedeutet für Jugendliche, dass diese sich im gesellschaftlichen Spannungsfeld für eine Variante der Lebensführung entscheiden müssen. Die orientierungsleistende Normalbiographie von jungen Menschen kann immer weniger als Wegweiser, das Leben zu gestalten, benutzt werden.

Die beschriebenen gesellschaftlichen Anforderungen haben direkten Einfluss auf Lebensphasen und die Konturen der Jugendphase stellen sich unklar dar (vgl. Hitzler/Niederbacher 2010, S. 13).
Die formulierte Frage, ob Szenen einen Weg darstellen, dem gesellschaftlichen Spannungsfeld zu entkommen, unterschätzt die Tatsache, dass Szenen und ihre Wirkungen auf die Identitätsbildung von jungen Menschen ein konkretes Moment heutiger Sozialisation sind.
Nach Hitzler und Niederbacher (2010) werden Szenen immer stärkere zentrale Instanzen der Sozialisation und Identitätsbildung. Durch die Szenezugehörigkeit findet keine Flucht vor der Realität statt, sondern die eigene Realität wird im Wechselspiel mit den Szenen und der Gesellschaft kreiert. Dadurch können die ambivalenten Anforderungen der Gesellschaft in die eigene Lebensbiographie eingebunden werden und eine individuell subjektiv gute „Identitätsarbeit“ (Keupp 2009, S. 5) kann gelingen.

5. Diskussion

Szenen werden oftmals nicht nur mit phasenweiser Zugehörigkeit in Verbindung gebracht, sondern sind sinnstiftende posttraditionale Vergemeinschaftungen. Die situativen Zusammenkünfte wirken als Stärkung des Kollektivs. Szenen können über die Lebensphasen hinweg existent sein, da sie nicht nur durch expressive Merkmale definiert sind, sondern durch bestimmte Übereinstimmungen in Werten, Normen und Regeln, denn Szenen sind „Kulturgebilde, die […] sich wesentlich durch das Bekenntnis zu gemeinsamen Ideen, Idealen und zu geteilten ästhetischen Standards auszeichnen“ (Hitzler 2008, S. 64).
Jugendszenen haben identitätsbildende Funktionen (Zschach und Rebstock 2010) und besitzen eine expressive Außenwirkung, da Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft generiert werden. Es geht um das „Streben nach Autonomie, […] aber [auch um] […] Anerkennung und Toleranz“ (ebd., S. 113). Im Prozess der posttraditionalen Vergemeinschaftung geht es um die Bewältigung von positiven und negativen Krisen in Lebensläufen und um eine produktive Auseinandersetzung mit der gesellschaftlich definierten Realität. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Frage nach dem ‚Wie?‘ der Integration in Lebensführungssysteme (Sommerfeld et al. 2011).

In diesem Kontext muss der Begriff Lebensphase kritisch gewürdigt werden. Belegt durch gesellschaftskritische Aussagen zeigte sich, dass das Leben nicht mehr in bestimmte Phasen gliederbar ist, denn in der globalisierten und flexiblen Gesellschaft fehlt eine „antizipatorische Sozialisation“ (Keupp 2011, S. 2), die strukturelles Erfassen von Lebensphasen zulassen würde. Die Erfassung von Lebensphasen gestaltet sich schwierig, denn „Jugend [ist] zu einem Lebensstil geworden“ (Werner 2010, S. 20) und firmiert als Markenzeichen moderner Identität (Abels 1993).

Der Begriff Lebensphase erscheint geeignet, bestimmte Zeiträume im menschlichen Leben offen beschreibbar zu machen. Dabei muss auf die kritisierten Schwierigkeiten, z.B. der Umgang mit Abweichungen in bestimmte Phasen, beachtet werden. Der Begriff Lebensphase kann nicht als konstitutives Moment verwendet werden, sondern muss seine oszillierende und veränderbare Eigenschaft beibehalten. Der Begriff kann nicht für die manifeste Diagnose, sondern nur als latente Zuschreibung verwendet werden.

Die ambivalenten Aufgaben von Individualisierung und Integration in dynamisch komplexen Aktivgesellschaften machen das eigene Leben zu einem experimentellen Leben (Beck 1995, S. 13), in welchem sich Lebensphasen und die möglicherweise phasenübergreifenden Szenezugehörigkeiten ergänzen. Eine latente Zuschreibung von Individuen zu einer bestimmten Lebensphase, ermöglicht in der Lebensphase Jugend ein Ausprobieren verschiedener Modelle, das Leben zu gestalten, damit eine subjektiv erfolgreiche Identität im gesellschaftlichen Spannungsfeld erarbeitet werden kann.

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Autor
Joschka Sichelschmidt
Erziehungswissenschaftler (M.A.); Klinischer Sozialarbeiter (M.A.)
Wissenschaftliche Interessengebiete: Psychometrie, Theorie der Sozialen Arbeit, Gesellschaftstheorie und -kritik
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Zitiervorschlag
Joschka Sichelschmidt: Jugendphase und Jugendszene - Junge Menschen im Spannungsfeld zwischen Gesellschaft, Szene und Identität. Veröffentlicht am 15.07.2014 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/198.php, Datum des Zugriffs 17.04.2021.


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