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Grundsätze der Kapitalanlage

Muster für gemeinnützige Organisationen

Christian Koch

Veröffentlicht am 05.01.2009.

Orginalbeitrag bei socialnet.

Zusammenfassung
Der Beitrag liefert ein Muster für eine Anlagerichtlinie einer gemeinnützige Organisationen. Dabei sind neben ethischen und gemeinnützigkeitsrechtlichen Aspekten auch klassische Abwägungen zwischen Risiko und Rendite zu treffen.

Richtlinien für den X-Verein/die Y-Stiftung

Die folgenden Anlagerichtlinien enthalten exemplarisch sinnvolle Regelungsbereiche, die an die eigene Situation angepasst werden müssen. Die Richtlinien sollten durch die Geschäftsführung im Abstimmung mit der für das Finanzanlagemanagement zuständigen Stelle aufgestellt und durch die Unternehmensaufsicht genehmigt werden. Sofern die Organisation in einem Verbund tätig ist, z.B. als Verein mit Tochtergesellschaften, sollten die Grundsätze über eine Unternehmensverbundrichtlinie verbundweite Verbindlichkeit erlangen. Die Ausgestaltung hat in diesem Fall darauf Rücksicht zu nehmen, in welchem Umfang Zuständigkeiten zentralisiert werden oder den einzelnen Rechtsträgern überlassen bleiben.

Diese Grundsätze in der Fassung vom _______ wurden auf der Sitzung des Aufsichtsrates/Kuratoriums/Vorstands vom ________ beschlossen.

Zielsetzung

Die mittel- bis langfristige Finanzplanung bestimmt die zur Kapitalanlage verfügbaren Mittel. Die mittelfristige Planung hat einen Zeithorizont von fünf Jahren, die langfristige Planung von 15 Jahren. Die Finanzplanung berücksichtigt insbesondere den Verlauf von Darlehensverträgen, schwankende Instandhaltungsaufwendungen sowie planmäßige Reinvestitionen. Ferner gehen in die Planung strategische Ziele z.B. in Bezug auf Wachstum, mittelfristig angestrebte Eigenkapitalausstattung und Betriebsmodelle mit ihrem jeweiligen Kapitalbedarf ein.

Auf die nachvollziehbare Ermittlung anzulegender Finanzmittelüberhänge folgen transparente Anlageentscheidungen. Durch diese Regelung soll eine Orientierung der Kapitalanlagen an den Organisationszielen erreicht und eine ordnungsgemäße Gestaltung dieses kritischen Arbeitsbereichs sichergestellt werden.

Die Kapitalanlagepolitik des Trägers beschreibt die Balance von Risikoorientierung, finanzieller Flexibilität und Renditeerwartung. In diesen Richtlinien werden die Anlagepolitik und weitere Grundsätze schriftlich festgelegt. Die Regelung ist für die Geschäftsführung bindend. Abweichungen bedürfen der vorherigen Genehmigung des Aufsichtsrates.

Risikoorientierung

Die allgemeine Risikoorientierung wird durch folgende Merkmale beschrieben:

  1. Die Erfüllung des ideellen Auftrages hat deutlich Vorrang vor einer Erhöhung der Rendite.
  2. Um den ideellen Auftrag erfüllen zu können, besteht ein höherer Bedarf an finanzieller Flexibilität als bei reiner Renditeorientierung, damit kurzfristig auf besondere Notlagen und Bedarfe der Zielgruppen des Verbandes und politische Rahmenbedingungen reagiert werden kann.
  3. Finanzmittel mit einem mittleren bis längeren Anlagehorizont und etwas flexibleren Anlagezeiträumen, insbesondere Mittel die für Instandhaltungs- und Reinvestitionsmaßnahmen vorgesehen sind, sollen eine Rendite erwirtschaften, die angemessen über der Rendite von deutschen Staatsanleihen liegt.
  4. Durch geeignete Maßnahmen ist sicherzustellen, dass auch im Falle deutlicher Kurseinbrüche vorübergehende Verluste begrenzt bleiben und die Handlungsfähigkeit zu keinem Zeitpunkt gefährdet wird.

In der Richtlinie wird von folgenden Risikoklassen ausgegangen:

  1. Anlageformen mit festen Rückzahlungsbetrag zum Laufzeitende und extrem geringem Ausfallrisiko: Festgeld, Tagesgeld, Termingeld, Spareinlagen, Pfandbriefe, europäische Geldmarktfonds

    Risikoklasse 1 werden nur Anlagen zugeordnet, für die Staatshaftung gilt oder die einer gesetzlichen oder freiwilligen Einlagensicherung der Banken unterliegen oder die durch Grundpfandrechte abgesichert sind. Nicht dieser Sicherung unterliegende Beträge können unter ausdrücklichem Ausweis des Risikos bis zu 10% der Anlagen in Klasse 1 ausmachen.

  2. Anlageformen mit festem Rückzahlungsbetrag zum Laufzeitende und moderatem Ausfallrisiko: festverzinsliche Rentenpapiere öffentlicher Körperschaften, Unternehmensanleihen, europäische Rentenfonds und Garantiezertifikate jeweils mit sehr guter Bonität (AA [1] und besser) und ohne Währungsrisiko

    Garantiezertifikate sind auf 10% der Anlagen in Klasse 2 beschränkt.

  3. Anlageformen mit sehr hoher Rückzahlungswahrscheinlichkeit und marktnahen Renditeerwartungen: Rentenpapiere, Anleihen und Rentenfonds mit guter Bonität (A und höher) sowie abgesicherten Währungsrisiken, Mischfonds mit mindestens 50% Rentenanteil, Aktienfonds mit Standardwerten oder sehr breiter Streuung (über 50 Positionen) über Unternehmen mit überwiegend guter Bonität, Indexzertifikate auf führende Aktienindizes und Aktien einzelner Unternehmen mit sehr guter Bonität (AA)

    Anlagen außerhalb des Euroraums ohne Währungssicherung dürfen höchstens 20% der Anlagen in Klasse 3 betragen. Anlage in einzelne Aktien erfordern eine Stop-Loss-Wert, der den Verlust auf maximal 15% begrenzt.

Optionsscheine sind zur Sicherung von Fremdwährungsgeschäften in den oben genannten Risikoklassen möglich, wenn der Emittent über eine sehr gute Bonität (AA oder besser) verfügt. Sofern eine Anlage den höchstzulässigen Anteil überschreitet, ist der überschießende Anteil der nächsthöheren Risikoklasse zuzurechnen. Weitere Anlagen außerhalb der beschriebenen drei Risikoklassen sind nicht zulässig.

Portfoliostruktur

Das Anlagerisiko ist durch eine ausgewogene Portfoliostruktur zu mindern. Dabei gelten folgende Grenzen

  1. Eine einzelne Position darf nicht über 5% des Portfolios ausmachen, ein Fond nicht über 10% des Portfolios.
  2. Mindestens ein Drittel des Portfolios ist in Risikoklasse 1 und höchstens ein Drittel des Portfolios in Risikoklasse 3 anzulegen.
  3. Anlagen in Risikoklasse 3 dürfen maximal in Höhe der Mittel erfolgen, die voraussichtlich frühestens in fünf Jahren benötigt werden.

Sofern Wertpapiere geerbt werden, die zu einer Überschreitung dieser Grenzen führen, erfolgt eine zeitnahe Umstrukturierung des Portfolios, spätestens innerhalb von zwölf Monaten.

Sofern nicht börsentäglich liquidierbare Posten gehalten werden, ist die Fälligkeitsstruktur dem in der Finanzplanung ermittelten Bedarf gegenüberzustellen.

Steuerbegünstigung

Die Regelungen der Abgabenordnung zu Steuerbegünstigung sind zu beachten. Insbesondere

  • werden nur Mittel, die nicht dem Gebot der zeitnahen Mittelverwendung unterliegen, langfristig angelegt
  • außer im Bereich des Managements liquider Mittel nur längerfristige Anlagehorizonte verfolgt, so dass die durchschnittliche Haltedauer deutlich über einem Jahr liegt
  • keine spekulativen Anlagen getätigt.

Ethische Anlagekriterien

Der Verband ist sich bewusst, dass seine ideelle Orientierung auch in einem bewussten Umgang mit Finanzanlagen zum Ausdruck gebracht werden muss. Eine ethisch motivierte Geldanlage rechtfertigt eine geringere als die marktübliche Verzinsung. Die Gesamtrendite ist mit den Vorgaben des Wirtschaftsplans abzustimmen. Eine Kapitalverzinsung in Höhe der Inflationsrate sollte zu keinem Zeitpunkt unterschritten werden.

Nicht zulässig sind Anlagen in

  • Rüstungsfirmen
  • Unternehmen die auf folgenden Negativlisten geführt werden …

Bevorzugt sollten Anlagen Unternehmen oder Fonds betreffen, die

  • durch unabhängige Gremien als ethisch oder ökologisch besonders anspruchsvoll bewertet wurden
  • Unternehmen die auf folgenden Positivlisten geführt werden …

Berichtspflichten und Überprüfung

Dem Aufsichtsrat wird quartalsweise eine Übersicht über die Portfoliostruktur und die Umschichtungen vorgelegt, so dass die Einhaltung dieser Regelungen erkennbar ist. Über etwaige Verstöße gegen die Regelungen ist der Aufsichtsrat unverzüglich zu informieren.

Die Einhaltung dieser Anlagegrundsätze wird jährlich durch den Wirtschaftsprüfer geprüft. Über das Ergebnis wird unmittelbar dem Aufsichtsrat berichtet.


[1]   Die Angaben beziehen sich auf Standard and Poor`s


Autor
Dipl.-Kfm. Christian Koch
Geschäftsführer der socialnet GmbH und selbständiger Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen
Homepage www.npoconsult.de
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Zitiervorschlag
Christian Koch: Grundsätze der Kapitalanlage. Muster für gemeinnützige Organisationen. Veröffentlicht am 05.01.2009 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/2.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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