socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

„Das Familienhaus“ des St. Elisabeth-Vereins Marburg e.V. in Kooperation mit den Vitos-Kliniken Marburg

Abschlussbericht zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts

Matthias Moch

veröffentlicht am 05.02.2015

Einleitung: Aufgaben und Ziele des Projekts „Familienhaus Marburg“

Aktuelle Problemstellungen von Kindern und Jugendlichen stellen sich zunehmend häufiger als Lebensprobleme dar, die multipel verursacht sind und einer multimodalen Behandlungsweise bedürfen. Oft sind die Zugänge zu professionellen Hilfen durch verschiedene persönliche und administrative Hürden erschwert. Passende und nachhaltig hilfreiche Interventionen sind nicht immer leicht zu vermitteln. Aber auch wenn eine Maßnahme erfolgt ist, sind z.B. Beendigungen von stationären Maßnahmen für Kinder und Jugendliche und Rückführungen in die Herkunftsfamilien stets sehr prekäre Phasen in einem längerfristigen Hilfeverlauf. Häufig fallen Familienmitglieder – auch nach längeren Fremdunterbringungen – wieder in gewohnte und eher destruktive Verhaltensmuster zurück. Dies gilt umso mehr, wenn Jugendliche psychisch sehr belastet sind und eine Zeit in einer Jugendhilfeeinrichtung oder in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Station leben mussten.

Zusammenarbeit bei der Lösung pädagogisch-psychiatrischer Problemstellungen

Das Projekt „Familienhaus“ will hier eine wichtige Lücke im Angebotsspektrum schließen und innerhalb einer Hilfeform unterschiedliche Behandlungsformen einbringen. „Das Hauptanliegen dieses Pilotprojektes besteht darin, die verschiedenen Fachdisziplinen Jugendhilfe (Hilfe zur Erziehung) mit der medizinisch-psychiatrischen Diagnostik zusammenzuführen.“ (Projektdarstellung St. Elisabethverein 2010)

Für eine aktive Zusammenarbeit in der gemeinsamen Gestaltung eines Angebots gibt es in Deutschland kaum Beispiele. Insofern betritt das „Familienhaus“ hier Neuland. Kindern und ihren Familien soll die Möglichkeit eröffnet werden, innerhalb eines Wohnprojekts schwerwiegende individuelle und auch familienbezogene Probleme zu lösen bzw. eine Lösung zu initiieren.

„In dem Projekt Familienhaus werden die verschiedenen Fachdisziplinen zusammengeführt und zeitlich gebündelt. (…) Als Nebenergebnis werden wir auswerten, unter welchen Bedingungen ein interdisziplinäres Fachteam gut kooperieren kann. Das Team der Ambulanz der Vitos-Klinik und die pädagogischen Mitarbeiterinnen des St. Elisabeth-Vereins e.V. Marburg arbeiten in einer Planungsgruppe schon seit über einem Jahr zusammen. Dies geschieht auf der gemeinsamen wertschätzenden Grundhaltung zueinander. Das gemeinsame Ziel ist es, einen Beitrag zur Verbesserung der psychosozialen Versorgung zu leisten und alle Familienmitglieder in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken.“ (Projektdarstellung St. Elisabethverein 2010)

Zielgruppe und Leistungsspektrum

In der Leistungsbeschreibung des Familienhauses (St. Elisabethverein 2010) wird die Zielgruppe des Projekts näher bestimmt:

„Folgende Verhaltensauffälligkeiten finden Berücksichtigung:
Familie:

  • drohender Bindungsverlust von Eltern und Kind
  • Rückzugstendenzen, Vereinsamung der Familie
  • keine Akzeptanz zu Grenzsetzungen oder Familienregeln
  • das bestehende Familiensystem ist eine Überforderung für das Kind, da momentane Nöte, Sorgen, Trauer oder Trennung vorübergehend die Erziehungskompetenzen der Eltern einschränken
  • Dysfunktionen im Familiensystem
  • psychische Erkrankung eines Elternteils
  • mangelnde aktive, altersgerechte Fürsorge im Alltag
  • Familien belastende Situationen, wie Überschuldung, Arbeitslosigkeit, die die elterlichen Kompetenzen z. Zt. Einschränken

Persönlichkeit der Kinder:

  • Vereinsamungs- und Verweigerungstendenzen
  • Kommunikationsdefizite, Sprachlosigkeit
  • mangelnde Konfliktlösungsstrategien
  • Defizite in der Grundversorgung
  • Defizite in der Körperhygiene
  • diagnostizierte seelische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter

Schule:

Mögliche Begleitsymptomatiken sind:

  • Schulverweigerungstendenzen
  • Schulphobien/Schulangst
  • Rückgang schulischer Leistungen
  • Schwierigkeiten in der Akzeptanz des Schulsystems
  • trotz vorhandener Intelligenz nicht leistungsmotiviert“
    (Leistungsbeschreibung des Familienhauses St. Elisabethverein 2010)

Das Angebot richtet sich somit an eine sehr breite Gruppe von betroffenen Familien, die mit den bisher verfügbaren Hilfeformen nicht oder nur sehr unzureichend erreicht werden können. Für diese Zielgruppen muss ein breites Leistungsspektrum verfügbar gemacht werden. In der Leistungsbeschreibung des Familienhauses (St. Elisabethverein 2010) werden folgende Leistungen genannt:

„Während der Betreuung im Familienhaus bietet die Ambulanz der Vitos Klinik Gießen-Marburg eine intensive kinder- und jugendpsychiatrische / psychiatrische Diagnostik. Dieser Prozess umfasst folgende Krankenkassenleistungen:

  1. Erhebung von Symptomatik und Anamnese, Fragestellung klären
  2. Leistungsdiagnostik mittels standardisierter Testverfahren und Verhaltensbeobachtung (intellektuelle Leistungsfähigkeit, schulnahe Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Rechnen, Lesen, Schreiben, visuelle Wahrnehmung, Konzentrationsvermögen, Aufmerksamkeit, Leistungsmotivation, Selbstkonzept)
  3. ausführliche Emotionaldiagnostik mittels standardisierten, teilstandardisierten und orientierenden (projektiven) Testverfahren sowie Spiel- und Interaktionsbeobachtungen zu Fragen wie: emotionale Befindlichkeit, emotionaler Entwicklungsstand, Hinweise auf Ängste, Depressivität, spezifische Probleme und Sorgen, Selbstwahrnehmung, familiäre Bezüge, Bezüge zur Peergroup und ähnliches.
  4. Körperliche und neurologische Untersuchung
  5. ggf. Beurteilungsbögen, die an Eltern, Lehrer und weitere Bezugspersonen ausgegeben werden
  6. Befundintegration und Vermittlung der Befunde an die Eltern in einem ausführlichen Befundgespräch.

Diese Diagnostik wird verbunden mit der sozialpädagogischen Diagnostik durch den St. Elisabeth-Verein. Auf dieser Basis werden der Raum und die Fördermöglichkeiten beider Einrichtungen kompakt zur Verfügung gestellt. So hat das betreute Familiensystem die Möglichkeit, das ganze Spektrum zur Klärung der familiären Situation zu nutzen und neue Entwicklungswege zu erkennen.“ (Leistungsbeschreibung des Familienhauses St. Elisabethverein 2010)

Unmittelbarkeit und Ganzheitlichkeit der Hilfe

Die Hilfen des Familienhauses sollen schnell und problemangemessen verfügbar gemacht werden. Dabei steht die Interaktion zwischen Eltern und Kindern im Mittelpunkt der Interventionen. Mit hoher Fachlichkeit wird an der Diagnose sich zeigender Schwierigkeiten gearbeitet. Sie bildet dann auch die Grundlage für den Behandlungsplan und die weitergehenden Empfehlungen.

„Für einen jungen Menschen, der sich in 18 Jahren zu einer selbständigen, erwachsenen Persönlichkeit mit sozialen Kompetenzen entwickeln soll, bedeuten lange Wartezeiten auf z.B. eine Ersttermin in der Erziehungsberatung, dann monatelange Wartezeiten bis zur LRS-Überprüfung, die anwachsende Verhaltensauffälligkeit bis zur ersten ambulanten Hilfe zur Erziehung, die erste Erkenntnis, dass die Erziehungskompetenz der Eltern nicht ausreicht, bis hin zur möglichen zufälligen Entdeckung eines Arztes, dass ein Elternteil möglicherweise an einer psychischen Erkrankung leidet. “ (Projektdarstellung St. Elisabethverein 2010)

Wissenschaftliche Begleitung

„Eine wissenschaftliche Begleitung dieses Modells ist notwendig, um die Hypothese zu überprüfen, dass in dieser Bündelung ein Gewinn für die jungen Menschen und deren Familien liegt.“ (Projektdarstellung St. Elisabethverein 2010)

Bei der Evaluation dieses Prozesses steht die Frage im Mittelpunkt, welche Aspekte in besonderem Maße dazu beitragen, dass die in der stationären Behandlung erzielten (oder begonnenen) Fortschritte in der Familie aufrechterhalten werden. Die zentrale These dazu lautet, dass dies um so eher gelingt, je besser und intensiver Eltern in die pädagogische Arbeit einbezogen und langfristiger unterstützt werden können. Dies wiederum setzt voraus, dass das gewählte pädagogisch-therapeutische Setting die Beziehungstriade zwischen Jugendlichem/Kind, Eltern und professionellen Helfern stärkt.

Die wissenschaftliche Begleitung soll das Projekt von außen beobachten und die erbrachten Leistungen sowie die individuellen Entwicklungen im Bezug zu den oben genannten Zielbestimmungen setzen.

Anlagen

  1. Abschlussbericht zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts (pdf)

Autor
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
E-Mail Mailformular


Zitiervorschlag
Matthias Moch: „Das Familienhaus“ des St. Elisabeth-Vereins Marburg e.V. in Kooperation mit den Vitos-Kliniken Marburg. Abschlussbericht zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts. Veröffentlicht am 05.02.2015 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/213.php, Datum des Zugriffs 20.04.2021.


Urheberrecht
Dieser Beitrag ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, helfen wir Ihnen gerne weiter. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Materialien für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Übersicht über alle Materialien