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Hochschulische Wege in das Gesundheitswesen

Heiko Burchert

veröffentlicht am 13.03.2015

Anmerkung
Dieser Beitrag wurde bereits unter dem Titel „Gesundheitsmanagement“ abgedruckt in: Sommer, Hans-Thilo (Hrsg.): Berufsstart Wirtschaft. Wirtschaftswissenschaftler, Juristen – Sommersemester 2014. Karl Resch Verlag KG, Großenkneten 2014, S. 238-242. Mit freundlicher Genehmigung von berufsstart.de, Klaus Resch Verlag KG
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Das Gesundheitswesen in Deutschland ist von einer starken Dynamik geprägt. Ursächlich dafür ist neben dem ökonomischen Druck nicht zuletzt der demographische Wandel in unserer Gesellschaft. Die damit einhergehende „doppelten Überalterung“ bedeutet zum einen, dass die Menschen auf Grund der Erfolge in der Medizin, Medizintechnik und der Gesundheitsversorgung immer älter werden. Zum anderen ist ein Rückgang der Geburten zu beobachten, was dazu führt, dass der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung steigt. In der Konsequenz bedeutet dies: Immer mehr Mensch benötigen immer mehr Gesundheitsleistungen, während auf der anderen Seite immer weniger Menschen diese Leistungen erbringen können. Es sind Lösungen gefragt, bei denen dieses Mehr an Gesundheitsleistungen auch mit einem Nichtanstieg an Personaleinsatz bewältigt werden kann.

In der hochschulischen Bildung wurde diese Entwicklung erkannt und mit ent­sprechenden Studienangeboten reagiert. Bei einer im Jahre 2008 durchgeführten Analyse aller gesundheitsbezogenen Studiengänge an den Hochschulen Deutschlands stellte sich heraus, dass das Gesamtangebot der gesundheitsbezogenen Studiengänge aus 93 gesundheitsberufsbezogenen Studiengängen, 41 gesundheitsmanagement­bezogenen Studiengängen und aus 13 gesundheitswissenschaftlichen Studiengängen besteht. Mit Blick auf die Kriterien Zielgruppe, zugrundeliegendes Studienkonzept und Art des Studienganges seien diese drei Gruppen kurz eingeschätzt. Dem schließt sich eine Vorstellung von Arbeitsfeldern der Absolventen der jeweiligen Studiengänge an. Abschließend werden Hinweise gegeben, welche weitergehenden Kompetenzen ein solcher Absolvent idealerweise neben dem Studium erwerben sollte, um rundum für den Beruf im Gesundheitswesen gerüstet zu sein.

Gesundheitsberufsbezogene Studienangebote

Die zu den gesundheitsberufsbezogenen Studienangeboten zusammengefassten Studiengänge sind solche, die sich originär an Berufseinsteiger und -angehörigen der Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie sowie weiterer Heilberufe richten. Mit diesen Studienangeboten wird einerseits ein Beitrag zur Akademisierung der Gesundheits­berufe, wie er zum Teil europaweit schon beobachtet werden kann. Andererseits sollen den Angehörigen dieser Berufsgruppen die Möglichkeit bereitgestellt werden, sich über ihre bisherige berufliche Ausbildung hinaus hochschul zu bilden, um sich optimal für die sich neu strukturierenden Versorgungsaufgaben vorzubereiten.

In Teilbereiche wird bereits an Konzepten gearbeitet, die bisherige berufliche Ausbildung in einigen Gesundheitsberufen komplett durch einen adäquaten Hochschulstudiengang zu ersetzen. Daraus leitet sich unschwer ab, dass es sich bei solchen Studienangeboten um Bachelor-Studiengänge, also einen grundständigen Studiengang, handelt. Beispiele hierfür bietet die Hochschule für Gesundheit in Bochum. Dort kann die Gesundheits- und Krankenpflege, das Hebammenwesen, die Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie in Bachelor-Studiengängen studiert und somit die zugehörige berufliche Qualifikation erworben werden. Bereits Berufserfahrene wählen derartige Studienangebote, um sich im Rahmen eines Hochschulstudiums beruflich fortzuqualifizieren. Insofern haben die Hochschulen, welche derartige Studienangebote unterbreiten, beide Zielgruppen im Blick.

Die Resonanz auf Seiten der zukünftigen Arbeitgeber ist noch zweigeteilt. Zwar verfügen die Absolventen derartiger Studienangebote gegenüber bisherigen Berufsgruppenangehörigen über deutlich weiterentwickelte Kompetenzen, was dazu führt, dass sie gerne bei Aufgaben mit einem komplexeren Qualifikationsprofil verbunden mit Personal- oder Budgetverantwortung zum Einsatz gelangen. Auf der anderen Seite tut man sich schwer, diese Mitarbeiter auch angemessen zu vergüten, sind sie nach der Wahrnehmung der Arbeitgeber doch „nur“ akademisierte Pflegekräfte oder Therapeuten.

Gesundheitsmanagementbezogene Studienangebote

Unter gesundheitsmanagementbezogenen Studienangeboten sind Studiengänge zu verstehen, die sich an zwei Zielgruppen richten: 1) Angehende BWLer, denen die Besonderheiten des Gesundheitsbereichs zu vermitteln sind. Dabei geht es insbe­sondere um die Anpassung grundständiger Kenntnisse über Instrumente und Methoden der Betriebswirtschaftslehre an die gesellschaftlichen und rechtlichen Rahmenbe­dingungen der betriebswirtschaftlich handelnden Akteure und Einrichtungen im Gesundheitswesen. 2) Beschäftigte im Gesundheitswesen, die sich in ihrem Arbeits­alltag mit kaufmännischen Aufgaben auseinandersetzen und auf dem Weg einer (unter Umständen auch weiteren) hochschulischen Bildung die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den aktuellen und zukünftigen Problemen des Gesundheitswesens im Allgemeinen oder ihres Arbeitgebers, wenn es sich dabei um einen Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen handelt, im Speziellen anstreben.

Somit weisen diese Studienangebote zwei Studienziele auf: 1) Vermittlung des grundständigen betriebswirtschaftlichen Know-hows und 2) dessen Übertragung auf die Besonderheiten des deutschen Gesundheitswesens. Entweder werden diese Inhalte in einem speziell so konzipierten Gesamtangebot studiert, oder sie sind als eine Vertiefungsrichtung in einem grundständigen BWL-Studiengang zu finden. Ersteres spricht für einen Bachelor-Studiengang, wie bspw. für Gesundheits- und Pflege- oder auch Gesundheitsmanagement. Letzteres kann entweder ebenfalls in Form eines Bachelor-Studienganges oder aber auch, wenn die Nachfrager eines solches Studienangebotes bereits akademisiert sind, in Form eines Master-Studienganges absolviert werden.

Gesundheitswissenschaftliche Studienangebote

Gesundheitswissenschaftliche Studiengänge decken ein breites Spektrum an gesund­heitsbezogenen Themenbereichen ab. Die Gesundheitswissenschaften umfassen u. a. die Medizin, die Epidemiologie, die Sozialwissenschaften, die Verhaltenswissen­schaften/Psychologie, das Recht sowie die Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Ein solches Studium soll dazu qualifizieren, Lösungen für die Anwendungsfelder Gesundheitsförderung und Prävention, Pflege, Rehabilitation, stationäre und ambulante Gesundheitsleistungen sowie die Versorgung mit Arznei- sowie Heil- und Hilfsmittel zu entwickeln. Insofern dabei zudem Besonderheiten, wie bspw. benachteiligter Bevölkerungsgruppen (angesprochen seien hier Aspekte wie Armut, Arbeitslosigkeit sowie soziale oder geschlechtliche Unterschiede) mit in den Blick zu nehmen sind, wird erkennbar, dass ein solches Studienangebot ein vergleichsweise höheres Kompetenzniveau anstrebt. Dies wird zumeist nur im Rahmen von Master-Studiengängen erreicht.

Beschäftigungsfelder der Absolventen

Die Absolventen der gesundheitsberufsbezogenen Studiengänge sind vom Grundsatz her akademisierte Angehörige der Gesundheitsberufe. Somit weisen sie zwei Kompe­tenzbereiche auf: 1) in der Erbringung von Gesundheitsleistungen gegenüber dem Patienten, Klienten oder Kunden und 2) in der Reflexion ihres Handelns, was es erlaubt, sie mit dispositiven Tätigkeiten in diesen Bereichen zu betrauen. Zumeist finden sich diese Absolventen in unteren und mittleren Leitungsebenen in den Einrichtungen der Gesundheitsversorgung wieder. Zu ihren Aufgabenfeldern gehört oftmals noch die Arbeit am Patienten selbst.

Die Absolventen von gesundheitsmanagementbezogenen Studiengängen sind schwer­punktmäßig auf Aufgaben in mittleren oder oberen Leitungsebenen bzw. in Stabstellen der Einrichtungen der Gesundheitsversorgung vorbereitet. Aufgabenschwerpunkt sind insbesondere die betriebswirtschaftlichen Fragestellungen der Einrichtung. Zudem verfügen sie aber auch über Kompetenzen, um einrichtungsbezogen neue Versor­gungskonzepte zu entwickeln, anzupassen, umzusetzen und zu erproben.

Ihre berufliche Verwirklichung finden die Absolventen der gesundheitswissenschaft­lichen Studienangebote bei großen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, bei Verbänden, Sozialversicherungsträgern und in der Versorgungsforschung oder Gesundheitspolitik. Dort werden sie sich schwerpunktmäßig mit der Entwicklung und Evaluation von Versorgungskonzepte beschäftigen, die die aktuellen und zukünftigen Probleme des deutschen Gesundheitssystems zu lösen vermögen.

Unterstützende weitergehende Kompetenzen für einen reibungslosen Berufs­einstieg

Die Berufe im Gesundheitswesen zeichnen sich durch einen zum Teil intensiven Kontakt mit Patienten, Klienten oder Kunden, durch einen Abstimmungsbedarf mit anderen „am Patienten arbeitenden“ Leistungserbringern und die Eingebundenheit in die betrieblichen Strukturen des Arbeitgebers aus. Diese Anforderungen möglichst optimal bewältigen zu können, macht auf Kompetenzen aufmerksam, die nur in wenigen ausgewählten Studiengängen als Fächer oder Module studierbar sind. In den Hochschulen finden jedoch oftmals Hinweise auf entsprechende zusätzliche – dann allerdings oftmals auch selbst zu finanzierende – Qualifikationsangebote.

Entsprechend der skizzierten Anforderungsbereiche sei an dieser Stelle nur grund­sätzlich auf empfehlenswerte weitergehende Kompetenzen hingewiesen. Liegt der spätere berufliche Schwerpunkt im Kontakt zum Patienten sind zertifizierte berufliche Fortbildungen, wie Kinästhetik oder Basale Stimulation arbeitgeberseitig gern gesehene Zusatzqualifikationen. Bilden kommunikative Kompetenzen den Anforderungs­schwerpunkt so kann in Bewerbungsgesprächen ein Zertifikat in der Supervision oder der Mediation überzeugen. Im Managementbereich stehen viele Einrichtungen im Gesundheitswesen vor der Aufgabe, ihre Prozesse und Strukturen mit einem zertifizierten Qualitätsmanagement zu versehen. Hierfür bedarf es Mitarbeiter, die auf Grund einer erfolgreich absolvierten Fortbildung bspw. zum TÜV-geprüften Qualitätsbeauftragten ideal für die Bewältigung einer solchen Aufgabe geeignet sind.

Eine solche mitgebrachte Zusatzqualifikation wird aus Sicht potentieller Arbeitgeber in dreierlei Richtungen wahrgenommen: 1) Der Bewerber hat sich während seines Studiums über die Maßen engagiert, 2) sich bei diesem Engagement an den Anfor­derungen des zukünftigen Arbeitsfeldes orientiert und 3) im Vorhinein den Arbeit­geber von Aufwendungen für weitergehende Qualifizierungen – hier der neuen – Mitarbeiter entlastet.

Fazit

Abschließend kann festgehalten werden, dass die Palette an Studienangeboten, die auf die Herausforderungen im Gesundheitswesen vorbereiten, als breit einzuschätzen ist. Bezogen auf die Themenbereiche des Studiums finden sich Angebote, die an den Kompetenzen der Studieninteressierten anknüpfen oder die auf bestimmte Aufgabenfelder im Gesundheitssystem ausgerichtet sind. Ebenso wurden seitens der Hochschulen die Differenzierungsmöglichkeiten hinsichtlich des erreichbaren Abschlußgrades, also Bachelor oder Master, aufgegriffen. Daher dürfte sich für jeden Studieninteressierten und dessen individuellen und erfolgreichen Weg in das Gesundheitswesen etwas finden lassen.


Autor
Prof. Dr. rer. pol. Heiko Burchert
geb. 1964, 1984-1988 Studium der Betriebswirtschaftslehre mit dem Abschluß als Dipl.-Ing.-Ökonom, seit 2001 Professur für das Fachgebiet: Betriebswirtschaftliche und rechtliche Grundlagen des Gesundheitswesens am Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit der Fachhochschule Bielefeld, zwischenzeitlich Dekan des Fachbereichs Pflege und Gesundheit sowie Leiter des Bachelor-Studiengangs „Pflege und Gesundheit“. Arbeits- und Forschungsgebiete: Betriebswirtschaftliche und rechtliche Grundlagen des Gesundheitswesens, Gesundheitsökonomie (insbesondere Ökonomie der Telemedizin und des Diabetes mellitus), Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen, Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre, Betriebliche Finanzwirtschaft sowie Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschul-Studiengänge und Studienverlaufsanalysen.
Website www.fh-bielefeld.de/fb5/burchert
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Zitiervorschlag
Heiko Burchert: Hochschulische Wege in das Gesundheitswesen. Veröffentlicht am 13.03.2015 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/218.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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