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Fließendes Geld und Soziale Arbeit

Armin Schachameier

Veröffentlicht am 03.02.2016.

Zusammenfassung
Ein Fehler in unserem Geldsystem wird als Kernursache für viele soziale und gesellschaftliche Probleme betrachtet. Die zunehmenden Finanzkrisen, die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, die Staatsverschuldung sowie der wachsende Leistungsdruck können in Zusammenhang mit der Zinsdynamik gesehen werden.
Wenn als Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit die Verhinderung und Bewältigung von sozialen Notlagen beschrieben wird, dann muss eine verstärkte Auseinandersetzung mit unserem Geldsystem erfolgen. Als Lösungsansatz wird das Konzept des „Fließenden Geldes“ vorgestellt.

Verschiedene Untersuchungen belegen die Zunahme arbeitsbedingter psychischer Erkrankungen, beispielsweise beschreibt das wissenschaftliche Institut der AOK (2011) zwischen 2004 und 2009 eine 9-fache Zunahme der Krankheitstage, die vermutlich auf „Burnout“ zurückzuführen sind. Der Stressreport (Lohmann-Haislah 2012) zählt starken Termin- und Leistungsdruck, eine hohe Arbeitsgeschwindigkeit sowie die Anforderung, verschiedenartige Arbeiten gleichzeitig betreuen zu müssen, zu den Hauptbelastungsfaktoren von Beschäftigten. Im Fehlzeitenreport (Zok/Jaehrling 2013) werden in einer Studie gesundheitliche Beschwerden in Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz aufgeführt, die häufigsten Nennungen sind Erschöpfung, Schlafstörungen, „ausgebrannt sein“ sowie Nervosität und Reizbarkeit.

Neben den unterschiedlichen individuellen Erklärungsfaktoren für die stressbedingten und krankmachenden Prozesse wird niemand bestreiten, dass auch das Gewinnstreben sowie die Effizienzorientierung vieler Unternehmen und der damit verbundene Leistungsdruck für die Entstehung von gesundheitlichen Folgeschäden verantwortlich sind. Nicht selten führen Sparmaßnahmen zu Personalabbau – im schlimmsten Fall zu Entlassungen.
Teilweise werden billigere Arbeitskräfte von Zeitarbeitsfirmen befristet eingestellt, die für weniger Lohn die gleiche Leistung erbringen müssen.
Dieser wirtschaftlichen Drucksituation sind nicht alle Menschen gewachsen, manche werden krank. Wer seinen Arbeitsplatz verliert oder im Niedriglohnsektor tätig sein muss, kann zudem sehr schnell in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Die Soziale Arbeit ist in doppelter Hinsicht von den Auswirkungen dieses Wirtschaftssystems betroffen. Zum einen leiden viele Klienten unter den beschriebenen Bedingungen, nicht selten kommen weitere Probleme wie Drogenkonsum, Kriminalität und Verarmung hinzu.
Zum anderen müssen viele soziale Einrichtungen mit immer weniger finanziellen Mitteln auskommen – trotz steigender Fallzahlen. Sehr oft werden in diesem Zusammenhang die knappen öffentlichen Kassen und die fehlenden personellen Kapazitäten beklagt.

So nehmen auf der einen Seite die Armut und der Leistungsdruck zu, auf der anderen Seite erwirtschaften Unternehmen Rekordgewinne und Managern werden Gehälter in Millionenhöhe bezahlt. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer.
Ist es angesichts dieser Situation nicht zwingend notwendig, zu hinterfragen, was denn eigentlich die tieferen Ursachen für diese Dynamiken sind?

Wie ich in diesem Artikel zeigen möchte, liegt der Hauptgrund für diesen Wachstums- und Effizienzwahnsinn in unserem Geldsystem verborgen.
Leider blenden die Theorien der Sozialen Arbeit diesen Zusammenhang weitgehend aus. Zwar wird gefordert, sich auch politisch einzumischen und zu sozialen Ungerechtigkeiten kritisch Stellung zu beziehen (vgl. Thiersch 2002, Staub-Bernasconi 2014), jedoch wird weitgehend nur innerhalb eines begrenzten gesellschaftlichen Bezugsrahmens argumentiert.
Helmut Creutz macht die Bedeutung von Geld und Währung in einem bildlichen Vergleich mit einem Gebäude deutlich. Das Fundament wird vom Geld- und Währungssystem gebildet, im Untergeschoss befindet sich die Wirtschaft, gefolgt von der Gesellschaft im Mittelbau, die Politik befindet sich im Dachgeschoss (vgl. Creutz 2012, 22). Die Theorien der Sozialen Arbeit setzen vor allem auf der gesellschaftlichen Ebene an, gehen teilweise auf die Wirtschaft ein, betrachten aber nicht den Grund. Dadurch wird der Kern vieler sozialer Probleme nicht erkannt und auch keine nachhaltigen Lösungsansätze können gefunden werden.

Insbesondere, weil die professionellen Sozialarbeiter in der täglichen Praxis so nah mit den negativen Auswirkungen unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems konfrontiert sind, sollten sie zu den Ursachen Stellung beziehen und sich auf dieser Basis zu sinnvollen Lösungsansätzen positionieren.

Der Schlüssel für ein humanwirtschaftliches Verständnis der beschriebenen Dynamik und der sich daraus ergebenden sozialen Problemlagen liegt in einem Fehler unseres Geldsystems.
Um diese Zusammenhänge möglichst einfach und nachvollziehbar darzustellen, werde ich zunächst auf ein historisches Experiment eingehen und die Hintergründe erläutern, um auf dieser Basis Lösungsalternativen aufzeigen zu können.

Das Wunder von Wörgl

Der Ort Wörgl in Tirol hatte im Jahr 1932 4300 Einwohner. Davon waren 1500 Menschen arbeitslos und 200 Familien absolut mittellos (vgl. Berger 2000, 8). Der Bürgermeister, Michael Unterguggenberger, hatte die Idee eine Nutzungsgebühr auf Geldscheine einzuführen. Die Scheine müssen an jedem Monatsende mit einer Wertmarke als Nutzungsgebühr beklebt werden, dadurch verlieren Sie an Wert (vgl. ebd.). Die Bewohner sind im Folgenden bestrebt, ihr Geld auszugeben, wodurch ein Kreislauf entsteht:
„Mit den ersten Scheinen, die er (der Bürgermeister, A. S.) ausgibt, bezahlt er die Arbeiter, die die Kanalisation bauen. Um die Nutzungsgebühr zu sparen, geben sie die Scheine schnell beim Bäcker aus und kaufen Brot. Der Bäcker will die Gebühr auch nicht zahlen und gibt sie schnell dem Tischler, der seine Fenster erneuert. Der bringt sie zum Metzger für Wurst und der zum Schmied für ein neues Hoftor. Vor lauter Sparsamkeit zahlen die Bürger die Gemeindesteuer im voraus. Damit lässt Unterguggenberger die Straße pflastern. Das löst einen neuen Kreislauf aus.“ (ebd.) Das Experiment führt zur Vollbeschäftigung, in Wörgl entsteht eine ordentliche Infrastruktur, die Armut geht drastisch zurück. Auch andere Ortschaften wollten das System übernehmen, im Frühsommer 1933 spricht Unterguggenberger im Wiener Restaurant Kaiserhof vor 170 anderen Bürgermeistern (vgl. Uchatius 2010, 6). Das „Schwundgeld“ interessiert Städte wie Linz, Steyr, Spittal (vgl.ebd.). Sogar der französische Ministerpräsident Édouard Daladier besucht den Ort persönlich (vgl. Berger 2000, 8).
Die österreichische Nationalbank drängt jedoch auf die „Abstellung dieses Unfugs“, letztlich entscheidet der Verwaltungsgerichtshof knapp anderthalb Jahre nach Beginn des Experiments, dass das Wörgler Notengeld gegen das Gesetz verstößt, nur die Nationalbank darf Banknoten herausgeben (vgl. Uchatius 2010, 6).
Bis dahin sind die Scheine insgesamt 416 Mal zirkuliert und haben damit sehr hohe Werte erzeugt. „Nach dem Verbot kehrt Wörgl zur Landeswährung zurück, zur hohen Arbeitslosigkeit und zu schrecklichem sozialen Elend.“ (Berger 2000, 8)

Wie ist der Bürgermeister Unterguggenberger auf diese Idee gekommen?
Er beschäftigte sich mit den Werken von Silvio Gesell (vgl. Gesell 2009), der bestrebt war, Alternativen zum Kapitalismus und Kommunismus zu finden. Die Ursache vieler gesellschaftlicher Probleme bringt Gesell mit dem Zinssystem in Verbindung und schlägt vor, stattdessen eine Standgebühr zur Umlaufsicherung des Geldes einzuführen (vgl. ebd.).
Dieser Ansatz wurde von einigen Autoren wie beispielsweise Helmut Creutz (2001, 2004) oder Magrit Kennedy (vgl. 2006, 2011) aufgegriffen.
Sie beschreiben eine grundlegende Fehlkonstruktion unseres Geldsystems, welche zu einer immer ungerechteren Vermögensumverteilung führt und die Schere zwischen Arm und Reich immer größer werden lässt. Die Ursache für diese kapitalistische Dynamik sehen die Autoren im Zins und Zinseszins.
Als Dogma wird weitgehend angenommen, dass man für das Sparen Zinsen erhält und für geliehenes Geld Zinsen bezahlen muss. (vgl. Kennedy 2011, vgl. Wendt 2015)

Jedoch auch ohne Schulden bezahlt jeder Bürger Zinsen. „Denn in jedem Preis, den wir entrichten, ist ein Zinsanteil enthalten, den die Produzenten der gekauften Güter und Dienstleistungen einer Bank zahlen müssen, um mit dem geliehenen Geld Maschinen und Geräte anzuschaffen oder Löhne zu zahlen. Bei den Müllgebühren zum Beispiel lag dieser Anteil schon in den 80er Jahren bei etwa 12%, beim Trinkwasserpreis bei 38% und bei der Miete im sozialen Wohnungsbau erreichte er sogar 77%.“ (Kennedy 2011, 29)
40% der Ausgaben eines privaten Haushaltes sind im Durchschnitt in Preisen enthaltende Zinsen (vgl. Creutz 2001, 2004; Humane Wirtschaft o.J.). Stellt man die Zinseinnahmen den Zinsausgaben gegenüber, so zeigt sich, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zu den „Gewinnern“ zählt. 85%-90% der Haushalte gehören zu den Verlierern (vgl. ebd.). Etwa 80% der Bevölkerung in Deutschland zahlen an versteckten Zinsen durchschnittlich doppelt so viel, wie sie selbst an Zinsen einnehmen (vgl. Kennendy 2011, 30). „10% der Bevölkerung besitzen ausreichend Vermögen, um über ihre Geldanlagen den Anteil, den die große Mehrheit verliert, an Zinsen dazuzubekommen.“ (ebd.)
Dabei gewinnt diese Minderheit genau so viel dazu, wie die Mehrheit per Saldo verliert. Täglich wandern 800 bis 1000 Millionen Euro von Arm zu Reich (vgl. Creutz 2001, 2004; Humane Wirtschaft o.J.).
Mit dem Geldvermögen wachsen also auch die Schulden. In Deutschland schätzt man das gesamte Geldvermögen der Privathaushalte, der Unternehmen und des Staates im Jahr 2010 auf ca. 8.997 Mrd €, bei einer Gesamtverschuldung von 8.303 Mrd. €. Somit stehen dem Geldvermögen fast in gleicher Höhe Schulden gegenüber (vgl. Kennedy 2011, 25, 26). Das Geld der „Reichen“, die Zinseinnahmen, wird über die Preise und Steuern von den „Armen“ bezahlt. Dadurch trägt unser Geldsystem zur wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich bei – sowohl national wie global (vgl. Kennedy 2011, 30).

Sehr deutlich wird dieses Problem am Beispiel der dritten Weltländer: Die Entwicklungsländer zahlen jeden Tag dreihundert Millionen Dollar an Zinszahlungen, eine Summe, die zwei- bis dreimal über dem liegt, was wir ihnen als „Entwicklungshilfe“ gewähren (vgl. ebd., 90).

Das spiegelbildliche Wachstum der Schulden sowie des Vermögens geht immer steiler und schneller auseinander. Der Grund ist das exponentielle Wachstumsmuster des Zinseszins (vgl. Kennedy 2011, 21, 22). Dies führt letztlich zu einem Wachstumszwang. „Der Zins den die Bank verlangt, ist der wichtigste Preis in unserer Wirtschaft. Der Preis für Geld. Er setzt die unterste Grenze für das, was wir als „wirtschaftlich“ betrachten. Deshalb hat die Wirtschaft keine Wahl: Sie muss ein exponentielles Wachstum anstreben. Ohne wenigstens die Zinsen für aufgenommene Kredite zu verdienen und einen darüber hinausgehenden Gewinn zu erzielen, wird kein Unternehmen in neue Projekte investieren und langfristig überleben können.“ (Kennedy 2011, 21,22)
Die Rückzahlung von Krediten durch den Zinsanteil ist mit einem Mehraufwand für die Schuldner verbunden. Dadurch entstehen für Unternehmen, private Haushalte, aber auch für den Staat, ein Leistungsdruck oder Wachstumszwang.
Letztlich entwickelt sich eine Teufelsspirale, die langfristig zum Zusammenbruch führen muss.

Prof. Berger erläutert dies mit einem Beispiel:
Wenn ein Mensch vor ca. 2000 Jahren eine Münze im heutigen Wert von ungefähr einen halben Cent mit 5% Zinsen angelegt hätte, dann verdoppelt sich das Kapital alle vierzehn Jahre. Nach etwa 300 Jahren hätte unser Vorfahre ein Kilogramm Feingold zum heutigen Rohstoffpreis besessen (vgl. Berger 2000, 2). „Im Jahre 1466 hätten die Zinseszinsen daraus eine massive Goldkugel von der Größe des Planeten Erde werden lassen. Im Jahre 1749 wären es eine Million Goldkugeln dieser Größe gewesen“ (ebd.). Im Jahre 2004 wären es 268 Milliarden massive Feingold-Kugeln von der Größe der Erde (vgl. Berger 2000, 2).
Kennedy erklärt, dass jedes auf Zins basierende Geldsystem langfristig scheitern muss: bei einem Zinssatz von 1% verdoppelt sich ein Vermögen in 72 Jahren, bei 12% in 6 Jahren (vgl. Kennedy 2011, 20) „In Volkswirtschaften mit relativ geringen Zinssätzen, wie beispielsweise in Deutschland, dauert dieser Prozess länger, zumeist einige Jahrzehnte; in Lateinamerika hingegen, wo Zinssätze für Hypothekenkredite zwischen 20% und 40% keine Ausnahme sind, kommt es schon in relativ kurzen Abständen zum Zusammenbruch des Geldsystems.“ (ebd., 20)

In diesen Zusammenhang muss auch die Annahme, dass nur wirtschaftliches Wachstum eine ausreichende Beschäftigung garantiert, hinterfragt werden (vgl. Wendt 2015, 30). Wenn man beispielsweise ein jährliches Wachstum von 3 % vom Bruttosozialprodukt anstrebt, um die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen, dann „würde sich unser Sozialprodukt in den nächsten 250 Jahren verzehntausendfachen. Ein Sozialhilfeempfänger würde dann fast 10 Millionen Euro kassieren – ohne Inflation, bei gleicher Kaufkraft wie heute und – pro Monat“ (Berger 2000, 2).
An diesen Zahlen wird deutlich, dass unser Geldsystem zwangsläufig Inflation, Krisen und Zusammenbrüche hervorbringen muss (vgl. Kennedy 2011, 30/31). Auch die weltweiten Flüchtlingsströme nach Europa können mit dieser Dynamik erklärt und in Zusammenhang gebracht werden.

Inwiefern haben diese Argumente und Gedanken Bedeutung für die Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit?

Der Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit, kann als die „Bewältigung und Verhinderung Sozialer Problemlagen“ (Engelke, Spatscheck, Bormann 2009) zusammengefasst werden.
Viele Problemlagen haben ihre Ursache in knappen oder fehlenden materiellen und sozialen Ressourcen. Butterwegge (vgl. 2011, 376) macht deutlich, dass Armut eng mit den bestehenden „Produktions-, Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen“ verknüpft ist. Die Bevölkerung muss dafür sensibilisiert werden, ein gesellschaftskritisches Potenzial zu mobilisieren und eine politische Gegenmacht zu organisieren. So kann man der Armut entgegenwirken und dieser vorbeugen (vgl. ebd.). „Sozialarbeiter, Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagoginnen und -pädagogen können dazu einen Beitrag leisten, indem sie neben der praktischen Hilfe «vor Ort» über die reine Lobbyarbeit für Arme hinaus ein gesellschaftspolitisches Mandat im Sinne der anwaltschaftlichen Vertretung unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen wahrnehmen und so die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu deren Gunsten beeinflussen.“ (ebd. 2011, 376)

Die Schuld für die gegenwärtigen Probleme wird gerne bei den „inhumanen“ neoliberalen Konzepten gesucht, derer sich die Soziale Arbeit wehren sollte (vgl. ebd.). „Eine kritische Sozialarbeit muss den falschen Behauptungen und irreführenden Standardargumenten der Neoliberalen entgegentreten, vor allem jedoch die Kardinalfrage aufwerfen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. … Eignet sich das Marktprinzip als gesamtgesellschaftlicher Regelungsmechanismus, obwohl es auf seinem ureigenen Terrain, der Volkswirtschaft, ausweislich einer sich verfestigenden Massenarbeitslosigkeit, gegenwärtig kläglich versagt?“ (ebd. 376/377)

Ein Professionsverständnis, welches aus einer dialektisch- emanzipatorischen Traditionslinie abgeleitet ist, sollte auch eine gesellschaftskritische Haltung einnehmen (vgl. Engelke, Spatscheck, Bormann 2009, 418). So ist nach dem Ansatz der Lebensweltorientierung die Soziale Arbeit bestrebt soziale Gerechtigkeit zu erlangen, woraus sich die Forderung nach einem Engagement auf sozialpolitischer Ebene ergibt (vgl. Thiersch 2002, 166). Um diese hohen ethischen Gerechtigkeitsansprüche realisieren zu können, dürfen die Ursachen sozialer Probleme nicht nur in der individuellen Eigenverantwortung der Hilfebedürftigen gesucht werden, sondern es müssen auch die gesellschaftlichen Bedingtheiten sozialer Probleme betrachtet werden. (vgl. Kleve 2006, 117)

Doch was ist letztlich eine wesentliche Hauptursache für unsere Sozialen Probleme? Oftmals werden in den Diskussionen neoliberale Konzepte kritisiert, unser Geld- und Zinssystem wird aber meist nicht problematisiert und hinterfragt. Es macht jedoch nur bedingt Sinn, Armut und Soziale Probleme bekämpfen zu wollen, wenn die eigentliche Ursache nicht erkannt wird. Nur dann können nachhaltige Lösungswege gefunden werden. Sonst werden, wie bei einer psychosomatischen Erkrankung, nur die „körperlichen“ Symptome behandelt, ohne deren Entstehungszusammenhänge verstanden zu haben. Es können dann zwar kurzfristige Linderungen erzielt werden, eine „Heilung“ ist jedoch auf diesem Weg kaum möglich.

Um den oben beschriebenen Anspruch der anwaltschaftlichen Lobby armer und unterprivilegierter Menschen verwirklichen zu können, muss eine verstärkte theoretische Auseinandersetzung mit unserem Geld- und Währungssystem erfolgen. Nur so können gegenüber Wirtschaftswissenschaftlern, Ökonomen und Politikern in Gesprächen und Diskussionen grundlegende Zusammenhänge aufgezeigt und konstruktive nachhaltige Lösungsansätze eingebracht werden.

Fließendes Geld und Regionalgeld

Welche sinnvollen Lösungsansätze kommen in Betracht?
Eine Alternative wurde bereits eingangs mit dem Beispiel von Wörgl dargestellt. Hier wurde eine regionale zinslose Währung eingeführt, für die man eine Haltegebühr entrichten musste, wenn das Geld innerhalb eines Monats nicht ausgegeben wurde.
Dieses Prinzip des „fließenden Geldes“ senkt das Bestreben, Geld „horten“ zu wollen. Dieser Anreiz entfällt, weil die Vermögensbildung durch die Verzinsung nicht mehr möglich ist. Durch eine Standgebühr entsteht ein Interesse, das Geld im Umlauf zu halten und auszugeben.
Magrit Kennedy erklärt, dass wir derzeit für Bargeld keine Zinsen erhalten, auf kurzfristige Einlagen etwa 1-3%, auf langfristige etwa 3-6%. Mit der Standgebühr hingegen würde man auf Bargeld 3-6% und auf kurzfristige Anlagen 1-3% Standgebühr pro Jahr bezahlen. Für langfristige Anlagen müssen keine Standgebühren bezahlt werden (vgl. Kennedy 2011, 47).
Der wesentliche Zweck der Standgebühr wäre zu verhindern, „dass ich nur aufgrund von Geldbesitz ein leistungsloses Einkommen erzielen kann. Denn es kommt letztlich nur wenigen zugute, während die große Mehrheit der Menschen dabei draufzahlt. (…) Sie verhindert das exponentielle Wachstum durch Zins und Zinseszins wie die dadurch entstehende Umverteilung von Geld von der großen Mehrheit hin zu einer kleinen Minderheit der Bevölkerung.“ (Kennedy 2011, 48)

In einem Positionspapier der Zeitschrift „Humane Wirtschaft“ wird darauf hingewiesen, dass aktuelle sinkende Zinsen und Inflationsraten zu einer Ausweitung der Liquiditätshaltung führen. Dadurch wird die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gehemmt und die Spekulation begünstigt (vgl. Humane Wirtschaft 2015, 8-9).
Wenn die Liquiditätshaltung durch eine Gebühr belastet, bewirkt dies eine Stabilisierung des Geldwertes mit einer einem Inflationsziel von +/- Null. Eine Unterscheidung zwischen Nominal- und Realzins wird folglich überflüssig (vgl. ebd.).

Bei einem Wegfall von Zinszahlungen wäre eine weitere Folge, dass es allgemein nicht mehr notwendig ist, „…auf Kapital eine hohe Rendite zu erwirtschaften, wodurch sich der Zwang zu Überproduktion und Konsum vermindern würde. Das heißt, das Wirtschaftsvolumen könnte sich leichter dem wirklichen Bedarf anpassen, und dies würde zu einer wirklich ökologischen Wirtschaft führen. Die Preise könnten durchschnittlich um dreißig bis fünfzig Prozent gesenkt werden: um den Anteil, den jetzt die Zinsen ausmachen. Theoretisch bräuchten die Menschen, die überwiegend von ihrer Arbeit leben – und noch etwas mehr als die Hälfte der jetzigen Zeit zu arbeiten, um den momentanen Lebensstandard zu erhalten. Sie hätten damit mehr Gelegenheit, sich Umweltfragen und -Verbesserungen zu widmen.“ (Kennedy 2006, 105)

Magrit Kennedy geht davon aus, dass mit einem Wegfall von Zinsen das übersteigerte Wachstum des Geldvermögens und der Überschuldung zurück geht (Kennedy 2006, 123). Die Diskrepanz zwischen Arbeit und Besitz, Arm und Reich würden sich verringern, soziale Spannungen würden abnehmen und der Zwang zum Wirtschaftswachstum würde sich vermindern. Dadurch kann der Verarmung der Arbeitsleistenden entgegenwirkt werden (vgl. ebd.). Letztlich „wird die Entwicklung der Wirtschaft immer mehr von den Interessen der nachfragenden und leistenden Menschen bestimmt, immer weniger von den (Zins-)Interessen des Kapitals“ (ebd.).

Ein weiteres historisches Beispiel für die Wirkung von fließendem Geld findet man in Deutschland in der Zeit zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert. Die Stauferkönige führten damals die sogenannten „Brakteaten“ ein – aus dünnem Blech einseitig geprägte Münzen. „Diese Münzen werden jährlich „verrufen“ – für ungültig erklärt. Mit einem „Abschlag“ von 20 % können sie dann gegen die neuen gültigen Münzen umgetauscht werden. Mit dem Abschlag finanzieren die Könige den Staatshaushalt.“(Berger 2000, 7) Diese Idee wird von vielen europäischen Herrschern übernommen. Dadurch entstand ein Anreiz, das Geld auszugeben, im Umlauf zu halten. In der Folge entstanden über hundert wunderschöne mittelalterliche Städte im deutschen Sprachraum (vgl. ebd.) „Fast alle großen Dome und Kathedralen in unserem Kulturkreis werden in dieser Zeit erbaut. Die Hanse verwandelt ärmliche Fischerhäfen an der Ostseeküste in Oasen blühenden Reichtums – die Hansestädte. Die Fünftagewoche wird fast überall eingeführt…“ (ebd.).

In Deutschland gibt es derzeit einige erwähnenswerte Organisationen, welche die Idee des „Fließenden Geldes“ unterstützen. Beispielsweise die Initiative für natürliche Wirtschaftsordnung (www.inwo.de) oder die gemeinnützige GmbH „Neues Geld“ (www.neuesgeld.net).

Ferner wurden im Chiemgau mit dem „Chiemgauer“ bereits erste Erfahrungen mit regionalen Zahlungsmitteln gesammelt. Hier wird zwar nicht das Prinzip des fließenden Geldes umgesetzt, es kommt aber zu einer Verkürzung des Geldkreislaufes, der sich an den Bedürfnissen einer Region orientiert. Dadurch wird die Wirtschaft vor Ort unterstütz (vgl. Kennedy 2011, 60).
„Wer mit regionalem Geld bezahlt, stützt seine Region, weil der Nächste das Geld ja auch wieder in der Region ausgeben muss. Das ist der Hauptunterschied zum Euro, mit dem Sie zwar auch regional einkaufen können, dem Sie aber nicht wissen, wo derjenige, den Sie damit bezahlen, ihn wieder ausgibt. Der zusätzliche regionale Umsatz schafft langfristig mehr Wohlstand.“ (ebd. 60)

Insgesamt macht Kennedy deutlich, dass eine Monokultur des Geldes sehr gefährlich ist. Alle nationalen Währungen funktionieren heute nach denselben Prinzipien. Wenn das derzeitige Geldsystem zusammenbricht, kommt es zu einer globalen Katastrophe. Mit der Einführung komplementärer Währungen erhöhen wir die Nachhaltigkeit durch Vielfalt und erzeugen damit auch eine größere Widerstandfähigkeit des gesamten Systems (vgl. Kennedy 2011, 52).

Fazit

Die Vertreter der Sozialen Arbeit sollten sich über die Zusammenhänge unseres Geldsystems und den daraus resultierenden Problemen bewusst sein. Die tiefere Ursache vieler sozialer und gesellschaftlicher Schwierigkeiten können dadurch erklärt werden. Darüber hinaus können aber auch Lösungswege, wie das „fließende Geld“, aufgezeigt werden. Wenn die Soziale Arbeit ihren Auftrag, soziale Problemlagen zu verhindern und zu bewältigen, gerecht werden will, dann müssen in den Bachelor- und Masterstudiengängen verstärkt geldpolitische Alternativen diskutiert werden. In Gesprächen mit Vertretern aus der Politik sollten die oben aufgezeigten Zusammenhänge und Lösungsansätze eingebracht werden.

Ferner könnten entsprechende Projekte interdisziplinär durch Fachhochschulen und Universitäten begleitet werden.

Die aufgezeigten Alternativen können auch helfen, sich aus der in Gesprächen und Diskussionen oft erlebbaren Resignation über fehlende finanzielle Ressourcen der öffentlichen Kassen zu befreien und wieder lösungsorientierter zu denken.

Literatur

  • Butterwegge, C.(2011): Ein kaum lösbares Dilemma für die Soziale Arbeit. Armut ist zwar ein Skandal aber funktional. In: DZI, Deutsches Zentralinstitut für Soziale Fragen: Soziale Arbeit. Armut Heft 10/11 2011. Seite 371- 378
  • Berger W. (2000): Geld macht Sinn-lich! _ Ist Geld Sinn-los?: Redigtierter Mitschnitt eines Vortrages auf dem Symposium im Rahmen der Paracelsus-Akademie am 1. Juni 2000 im Congress Center Villach, Österreich. http://emanzipationhumanum.de/downloads/dyngeld.pdf Ursprünglicher Text in: Paracelsus Akademie Villach (Hrsg.): „Auf der Such nach Sinn.“ Symposiumsband, edition selene, Wien 2000, Seite 29 – 48
  • Creutz, H. (1991): Wie stichhaltig sind die Einwände gegen eine Geldreform? In: Zeitschrift für Sozialökonomie: Heft 89, April 1991
  • Creutz, H. (2001): Das Geldsyndrom. Aachen: Verlaghaus Mainz, Wirtschaftsverlag Langen Müller/Herbig (1.Auflag 1993)
  • Creutz, H. (2004): Die 29 Irrtümer rund um das Geld. München/Wien: Signum Wirtschafts Verlag
  • Creutz, H. (2012): Das Geldsyndrom 2012. Wege zu einer Krisenfreien Wirtschaftsordnung. Mainz: Wirtschaftsverlag
  • Engelke, E., C. Spatscheck, S. Borrmann (2009): Die Wissenschaft Soziale Arbeit. Werdegang und Grundlagen. Freiburg: Lambertus-Verlag
  • Gesell, S. (2009):Gesammelte Werke: Auf der Suche nach einer Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus. Kiel: Verlag für Sozialökonomie. Elektronische Ressource (CD-ROM)
  • Humane Wirtschaft (o.J.): Kennen Sie die Hintergründe für die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise? Faltblatt Humane Wirtschaft (Hrsg.)
  • Humane Wirtschaft (2015): Ein Positionspapier. Stabile Währung durch Haltegebühr auf Geld. In: Humane Wirtschaft: Heft 04/2015, S. 8-9
  • Kennedy, M. (2006): Geld ohne Zinsen und Inflation. Ein Tauschmittel, das jeden dient. München: Wilhelm Goldmann Verlag
  • Kennedy, M.(2011): Occupy Money. Damit wir zukünftig Alle die Gewinner sind. Bielefeld: Kamphausen Verlag
  • Kleve H. (2006): Soziale Arbeit in der Postmoderne. Sozialarbeiterische Ambivalenzen als ethische Dilemmata. In: Dungs, S., U. Gerber, H. Schmidt, R. Zitt (2006): Soziale Arbeit und Ethik im 21. Jahrhundert. Ein Handbuch. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalten GmbH
  • Lohmann-Haislah, A. (2012): Stressreport Deutschland 2012 – Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden. Berlin, Dresden: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.). (PDF-Dokument)
  • Staub-Bernasconi S. (2014): Soziale Arbeit und Menschenrechte: Vom beruflichen Doppelmandat zum professionellen Tripelmandat. Leverkusen: Budrich, Barbara
  • Thiersch, H. (2002): Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. In: Thole, W. (2002): Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. Opladen: Leske + Budrich
  • Uchatius, W. (2010): Das Wunder von Wörgl. Historisches Experiment. In: Zeit-Online 22.12.2010. PDF: http://pdf.zeit.de/2010/52/Woergl.pdf
  • Wendt, S. (2015): Einsturz eines Dogmengebäudes. In: Humane Wirtschaft 06/2015, 30-35
  • Wissenschaftliches Institut der AOK (2011): Burnout auf dem Vormarsch. http://www.wido.de/meldungakt+M573e3cbeb9d.html – 25.01.2016
  • Zok, K., C. Jaehrling (2013): Wenn die Arbeit krank macht: Zusammenhänge zwischen Arbeitssucht und gesundheitlichen Beschwerden. In Badura et. al. (Hrsg.): Fehlzeitenreport 2013. Berlin, Heidelberg: Springer

Autor
Prof. Dr. Armin Schachameier
Dipl. Päd. (Univ.)
FH Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Vorstandsvorsitzender des Fördervereins Irgendwie Anders e.V., Gestalttherapeut, Heilpraktiker für Psychotherapie (HPG)
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Zitiervorschlag
Armin Schachameier: Fließendes Geld und Soziale Arbeit. Veröffentlicht am 03.02.2016 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/27369.php, Datum des Zugriffs 27.10.2020.


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