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Schwule Klienten in der queeren Sozialarbeit (Teil I)

Dominik Sommer, Rüdiger Lautmann

veröffentlicht am 14.09.2016

Zusammenfassung
Der zweiteilige Beitrag zeigt die Alltagskonflikte und besonderen Lebenssituationen von Schwulen und deren Folgen für die Soziale Arbeit auf.
zum zweiten Teil des Beitrags

An die Türen der Sozialen Arbeit klopft seit kurzem eine neue Klientel: queer, LSBT*I, lesbisch-schwul-transgender-intersexuell geheißen. Eine relativ neue Gruppierung, deren Mitglieder gleichwohl auf eine über hundertjährige Ideenentwicklung zurückblicken. Ihr zentrales Thema besteht darin, sich in einer auf Normalität gestimmten Mehrheitsgesellschaft zu behaupten, was einen Spagat verlangt: einerseits sich so viel wie gerade nötig anzupassen, andererseits so viel wie nur möglich ‚anders‘ zu bleiben. Diese schwer zu bewältigende Herausforderung haben sie bislang intern bearbeitet – individuell mit der kostspieligen Methode von Versuch-und-Irrtum, kollektiv in Emanzipationsgruppen und Einrichtungen, wo erfahrene Mitglieder der Betroffenengruppe die Ratsuchenden betreuten und dabei eine Art von semiprofessioneller Kompetenz herausbildeten.

Mittlerweile haben sich einige wenige  professionelle Beratungsstellen etablieren können die aus dem großen Sozialtopfund durch Sondermittel finanziert werden und ausgebildetes Personal suchen. Dafür gibt es gute Gründe, gilt doch eine starke sexuelle Identität durch viele Fachdisziplinen hindurch als Voraussetzung für seelische Gesundheit und soziale Handlungsfähigkeit (vgl. Timmermanns 2013).

In diesem Aufsatz fragen wir, welche Bedeutung Queer-Konzepte für die sozialarbeiterische Betreuung im Allgemeinen und für die von Schwulen im Besonderen haben. Im ersten Teil blicken wir auf die Geschichte der geschlechtlich-sexuellen Besonderungen und auf die neue theoretische Perspektive, mit der auf die notwendige Differenzierung sexueller Identitäten eingegangen wird. Im zweiten Teil des Aufsatzes, der im nächsten Heft erscheint, liegt der Fokus auf den Alltagskonflikten schwuler Männer als eine Quelle der Nachfrage nach Sozialer Dienstleistung sowie auf den Reaktionen seitens der Sozialen Arbeit.

Schwierigkeiten mit Normalitätsdiktaten in der Sexualität

Menschen mit ‚besonderem‘ Sexualverhalten fallen auf, weil sie sich von einem Bild des Normalen abheben. Was aber als das ‚Normale‘ gilt, das klärt sich erst in der Auseinandersetzung mit dem Besonderen (Lautmann 2013). In dieses gesellschaftliche Spiel mischen sich Staat und Religion mit Setzungen ein, die sie mit Strafdrohungen untermauern. Kriminologie, Psychiatrie und Theologie schaffen die Argumente herbei. Zahlreiche Institutionen – Polizei, Justiz, Therapie, Schule, Kirche usw. – klopfen die Sexualordnung fest. Nun ist seit Mitte des vorigen Jahrhunderts der Glaube an eine einheitlich-richtige Sexualform nachhaltig erschüttert. Sogar der biologische Anschein einer unausweichlichen Zweiheit der Geschlechter wankt.

Das sexuelle Selbst im Wandel der Zeit

So etwas wie ‚die Homosexuellen‘ oder gar die Allianz ‚LSBTI‘ (Lesbisch Schwul Bi Trans Inter) hat es nicht immer und überall gegeben. Die Beschreibung als  soziales Konstrukt geschlechtlicher Identitäten sind sie sogar recht jung – und es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass sie in absehbarer Zukunft ganz anders heißen und in neuen Kategorien betrachten werden. In drei Ebenen wandelt sich das gesellschaftliche Verständnis hierzu: Wie werden die sexuell Besonderen von außen gesehen? Wie sehen sie sich selbst? Wie werden sie benannt? Wer in der Sozialarbeit mit so jemandem umgeht, müsste über Grundkenntnisse verfügen, um dem Klientel gerecht zu werden.

Über lange Jahrhunderte, vom Mittelalter bis in die mittlere Neuzeit, wurden gleichgeschlechtliche Verhaltensweisen als Akte wider die Natur aufgefasst, religiös verdammt und staatlich bestraft. Man nannte das ‚Sodomie‘ (eigentlich: der Verkehr mit Tieren) oder ‚Päderastie‘ (eigentlich: die Liebe zu Heranwachsenden). Interessanterweise prägten solche verächtlichen Handlungen keinen Sozialcharakter, sie wurden gewissermaßen als Entgleisungen gewertet, d.h. als gelegentliche Abweichung, und nicht als Ausdruck eines festen Persönlichkeitsmerkmals. Um 1800 begann die moderne Art von Geschlechterdenken; jetzt entstand der medizinische Begriff ‚Sexualität‘. Zugleich verstärkte sich die soziale Kontrolle, ausgeübt durch Polizei, Justiz und Psychiatrie. In Kliniken wurde beobachtet, vor Gericht begutachtet und in Fachzeitschriften publiziert. Verschiedene Bezeichnungen  kursierten: conträre Sexualempfindung, Inversion, Urningtum u.a. In diesen Jahrzehnten absolvierte das später ‚Homosexualität‘ genannte Thema einen bemerkenswerten Parcours: Aus dem isolierten ‚Akt‘ widernatürlichen Verhaltens wurde eine ‚Rolle‘, die eine ganze Kategorie von Menschen kennzeichnet (Mary McIntosh 1968). Michel Foucault formulierte dazu seinen vielleicht meistzitierten Satz: „Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies“ (1976).

Die dergestalt Gebrandmarkten haben sich mit dem Stigma nicht abgefunden. In verschiedenen Formen begehrten sie auf: gründeten Komitees, entfalteten eine reichhaltige Subkultur, traten öffentlich auf. Bis in die jüngste Zeit kämpften sie gegen Kriminalisierung, Pathologisierung und Stigmatisierung. Das Schimpfwort ‚schwul‘ münzten sie um in eine zuerst aggressiv klingende Selbstbezeichnung. Seit fast fünf Jahrzehnten demonstrieren sie auf den Straßen und zeigen einen ‚Stolz‘ auf ihr Sosein. Aus dem Protest gegen Unterdrückung wurde – für einige Aktive – ein Selbstbewusstsein, welches den Kampf um Anerkennung in den Mittelpunkt stellte. Damit verband sich eine Identität, d.h. ein als zentral empfundener Zug des eigenen Daseins. Für die Einzelnen war es aber immer ein langer Weg, der spät in der Jugend oder erst im Erwachsenenalter begann und auf dem über Jahre fortzuschreiten war, bevor die Bedenken gegen das Andere und das Abseitsstehen überwunden waren.

Stufen der Identitätsbildung

Die beratende Psychologie hat dafür um 1980 ein Entwicklungsschema aufgestellt (Vivienne Cass 1979; Richard Troiden 1988). Typischerweise durchwandern Nichtheterosexuelle in ihrer Entwicklung diesen Pfad. Nach dem Aufwachsen in einer heteronormativen Welt spüren sie Anzeichen für ihr Anderssein, aber wehren sich dagegen. Schrittweise akzeptieren sie ihr Schwulsein, indem sie damit experimentieren und zu einem Coming-out gelangen, d.h. zur Einsicht, dass sie gleichgeschlechtlich begehren und das nicht ändern können. In geradlinigem Fortschreiten integrieren sie die deviante Sexualität in ihr Selbstbild und werden zum Mitglied in der schwullesbischen Gemeinschaft. Den höchsten Reifegrad erreichen sie nach dem Modell, wenn sie sich homopolitisch engagieren und offen auftreten (Going-public). Dieses Entwicklungsmodell entsprach den Zielen der Emanzipationsbewegungen der 1970-1980er Jahre in den westlichen Industrieländern. Es ist in verschiedenen Fassungen formuliert worden.

Herausbildung einer (homo-) sexuellen Identität

  1. Prähomosexuelle Phase: frühes Empfinden, anders zu sein
  2. Coming-out: gleichgeschlechtliche Gefühle zugeben
  3. Exploration: Erfahrungen in der neuen Welt sammeln, erste Beziehungen eingehen
  4. Akzeptanz: sich selber annehmen
  5. Stolz: in der Community aktiv werden
  6. Synthese: sich und andere in ihrer Eigenart vollauf akzeptieren

Ein solches Modell will die Beratung hilfesuchender Klienten erleichtern. Es unterstellt, je höher die Stufen der Treppe erklommen werden, desto besser geht es mit dem Anderssein. Darin spiegeln sich die Bedürfnisse der damaligen Zeit wider: Eine nichtheterosexuelle Lebensführung war möglich geworden, ohne soziale Vernichtung fürchten zu müssen, aber die Unterstützungssysteme dafür waren noch schwach. Alsbald wurde aber klar, dass es sich um ein idealtypisches Muster handelt und die Realität anders aussieht. Nur ein geringer Anteil der LSB-Population kämpfte sich bis zur höchsten Stufe durch. Das Modell stützte sich vor allem auf die Erfahrung schwuler Männer, zumal von Weißen und Mittelschichtlern. Für die Lesben fehlte es noch an Studien. Und eine Kritik an der strikten Zweigeschlechtlichkeit wurde kaum geübt.

In den drei Jahrzehnten seither hat sich der soziale Kontext sehr gewandelt, so dass andere Konfliktfronten als die der Stigmatisierung in den Vordergrund traten. Auch hat sich das Alter vieler Schwuler beim Coming-out von Anfang zwanzig in die Teenage-Phase vorverlegt, weswegen die Phasen des Stufenmodells zusammenschnurrten.

Von abweichender Begierde zu Trans*  

Während Lesben und Schwule ab den 1990er Jahren immer mehr getrennt voneinander für ihre eigenen Rechte kämpften und ihre jeweilige sexuelle Identität abhängig von ihrer sexuellen Orientierung festigten, rückte nach und nach eine breitere geschlechtliche Vielfalt ins Augenmerk derjenigen, die sich mit sexueller Abweichung beschäftigten. Man beobachtete in der Sexualität von Menschen alle möglichen Kombinationen. Charakterisieren sich bi- und homosexuelle Identitäten vorrangig durch eine Abweichung in der Geschlechtermatrix (Männer, die Männer, und Frauen, die Frauen begehren), blieben im politischen Kampf um Menschenwürde, Gleichberechtigung und Anerkennung diejenigen außen vor, deren körperliche Erscheinung nicht mit ihrer geschlechtlichen Kernidentität (Rauchfleisch 2002: 38) übereinstimmt: Trans- und Intersexuelle. Der Zweifel, den richtigen Geschlechtskörper zu besitzen (beispielsweise als weiblich empfindende Persönlichkeit die primären und sekundären Merkmale der männlichen Anatomie vorzuweisen) tritt in jeder sexuellen Konstellation auf.

Darüber hinaus erwies sich sexuelle Gleichberechtigung mehr und mehr als komplexer Vorgang, den neben dem biologischen Geschlecht und dem Begierdeschema das soziale Geschlecht (Gender) sowie Klassen-, kulturelle und ethnische Zugehörigkeit beeinflussen. [1] Der Blick der Schwulen- und Lesbenbewegung auf sich selbst blendete die Menschen aus, deren biologisches Geschlecht nicht dem psychischen entspricht. Sexuelle Diskriminierung zeigte sich als Schema, das auf sexuelle Abweichung egal welcher Art fixiert ist.

Heterosexismus als verzerrtes Abbild der Wirklichkeit

Michel Foucault rückte mit seiner Sozialtheorie die Macht von Diskursen ins Blickfeld sozialer Bewegungen. Diskurse sind gesellschaftliche Thematisierungen, die unsere soziale Wirklichkeit formen. Sie disziplinieren soziale Gruppen und Einzelne – in Abhängigkeit ihrer Macht und Geschichte unterschiedlich stark. Foucault zeigte diese Wirkmächtigkeit an unserem Verständnis von Krankheit und Gesundheit. Die dominierenden Diskurse geben dabei eine Norm vor, der gegenüber unterlegene Rede und Praxis sich rechtfertigen oder aber disziplinieren lassen muss. Kurzum, unser Verständnis von Normalität und Abweichung wird auch im Sexuellen von wirkmächtigen Annahmen geprägt, die ihre Gültigkeit jedoch stets aufs Neue zu beweisen haben.

Heterosexualität als alleingültige Norm sexuellen Verhaltens ist hegemonial (Robert/Raewyn Connell 2000). Je mehr Lesben und Schwule im vergangenen Jahrhundert ihre Sexualität als wichtigen Bestandteil ihres Lebens und sozialer Wirklichkeit begriffen und vertreten haben, desto gleichwertiger konnten sie sich fühlen und in der Öffentlichkeit auftreten. Sie boten damit dem Glauben an die Überlegenheit von Heterosexualität die Stirn und markierten die Wichtigkeit ihrer sexuellen Identitäten in der öffentlichen Verhandlung über Sexualität. Schwules und lesbisches Leben wurde so Schritt für Schritt Bestandteil der Wahrnehmung unserer sexuellen Wirklichkeit. Mit den derzeitigen Erfolgen vermehrter sozialer und rechtlicher Gleichberechtigung von Homosexuellen ist aber nicht jeder sexuellen Lebensform Genüge getan. Weitere kraftvolle Bestrebungen zur Gleichbehandlung aller gegebenen Sexualitäten und Geschlechter kommen aus der Queer- und Frauenbewegung.

Aktualisierung der Diskurse

Sexuelle Unterdrückung und die Thematisierung ihrer Ursachen

Heteronormativität (d.i. Gegen- und Zweigeschlechtlichkeit als Richtschnur) und die damit verbundenen Ungleichheiten sind im 19. und 20. Jahrhundert zum Referenzpunkt von sexueller Wahrheit geworden. Dieser patriarchalisch geprägten heterosexistischen Männermacht traten aber keineswegs nur Bis, Lesben und Schwule entgegen. Sie konnten auf Diskurse zurückgreifen, die ihren Ursprung in den Frauenbewegungen fanden. Der Kampf um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ähnelt dem Kampf um Anerkennung bei sexueller Abweichung. Sowohl Frauen wie LGBTIs weigern sich, sich als untergeordnet oder minderwertig gegenüber heterosexuellen Männern zu begreifen. Sie wollen nicht jenes unausgesprochene aber sehr wirksame Selbstverständnis akzeptieren, welches die sich als normal dünkenden Männer allen anderen Geschlechtern und sexuellen Orientierungen beim Zugang zu Ressourcen privilegiert und bei der Verwirklichung ihrer Vorstellungen von Sexualität überlegen macht. Überzeugende Gründe für die Überlegenheit der Heterosexualität, die in der Lebenswirklichkeit von Frauen und LSBTIs verankert wären, wurden bis heute genauso wenig genannt wie Gründe dafür, warum Männer vorrangig Führungspositionen besetzen sollten oder in gleichrangigen Positionen besser bezahlt werden müssen als Frauen. Es gibt keine Legitimation dafür, dass Schwule trotz höherer Bildungsabschlüsse signifikant schlechtere Karrierechancen haben als heterosexuelle Männer (Wiesendanger 2005: 49).

Den Blick gemeinsam auf die Unterdrücker richten: die queere Perspektive 

Die Überschneidungen im Kampf um Gleichberechtigung fixieren die gemeinsamen Ursachen von Diskriminierung. Das gendergap, Homo-, Bi- und Transphobie, Diskriminierung von und Gewalt gegen Frauen und LSBTIs gehören nach wie vor breitflächig zu unserem Alltag. Unklare Geschlechterzuordnungen irritieren unser Urteilssicherheit, wie beispielsweise an den Reaktionen des Publikums auf Johnny Cashs Song von 1969 „A Boy Named Sue“ oder an den reflexhaften Angriffen auf die Kunstfigur Conchita Wurst im Vorfeld und Nachklang des Eurovision Song Contest 2014 zu erkennen war.

Viele erachten aber inzwischen die im Mainstream der Gesellschaft verankerte biologisch-normative Definition von Geschlecht als entweder männlich oder weiblich als zu eng. Sie haben Bekanntschaft gemacht mit männlichen Lesben, weiblich auftretenden Männern oder androgynen Schwulen und ‚Metrosexuellen‘, kennen Menschen, die in einen Frauenkörper geboren wurden, sich aber als Mann fühlen und umgekehrt oder erziehen Heranwachsende, die sich nicht auf ein Geschlecht festlegen lassen wollen. Sie konnten erfahren, dass es ein biologisches, ein soziales und ein psychisches Geschlecht gibt und wollen ihr eigenes geschlechtliches Empfinden nicht auf einen Penis oder eine Vagina und die damit verbundenen Rollenmuster reduzieren. Warum sollten sie auch, sie würden sich in wesentlichen Bereichen ihres sexuellen Empfindens beschneiden?

Eine gemeinsame Antwort für alle Betroffenen geschlechtlicher und sexueller Unterdrückung sucht die Queertheorie. Gerne wird sie als weltfernes akademisches Projekt abgetan, das mit unserer Lebenswirklichkeit als sexuelle und geschlechtliche Wesen nichts zu tun habe, weil sie existierende sexuelle Identitäten komplett in Frage stellt. Aber gerade darin liegt ihr Wert. Sie ermöglicht allen, ihre Sexualität als breit, vielfältig und selbstbestimmt zu erleben, ferner: ihr anatomisches Geschlecht nicht als Diktat, sondern als flexibel zu sehen. Die Queertheorie ist für die Soziale Arbeit relevant, weil sie Ungleichbehandlungen und Stigmatisierungen aller Geschlechter und Sexualitäten greifen kann.

Ihre Kernaussagen beziehen sich auf alle geschlechtlichen und sexuellen Identitäten. Sie sieht in der Norm der Zweigeschlechtlichkeit (männlich/weiblich) eine biologistische (angeblich ‚natürliche‘) Verzerrung sozialer Wirklichkeit, weil in ihr die Vielfalt geschlechtlichen und sexuellen Erlebens nicht erfasst wird. Sie begreift Geschlecht als Kontinuum, als einen fließenden Übergang zwischen den beiden Polen Männlichkeit und Weiblichkeit, der sich biologisch (Chromosome, Gonaden, Hormone, Morphologie), sozial (Rollenbilder) und psychisch (Querschnittskategorie, z.B. Begehrensschema) bei jedem Menschen kontextabhängig unterschiedlich ausdrückt. Ein derart differenzierter Blick stellt festgeschriebene duale Konzepte sexueller Identität (z.B. heterosexuell/homosexuell; männlich/weiblich) in Frage, weil diese Identitäten das Produkt unzureichender gegen- und zweigeschlechtlicher Konstruktion sind und leidvolle Normierungs- und Unterdrückungsmechanismen nach sich ziehen. Jede sexuelle Identität ist in ihren Augen somit immer prozesshaft, sie wandelt sich stets und steht in ihrer verflüssigten Form eher unserem realen sexuellen Erleben nahe als die schwarz-weiß kontrastierten Kategorien aus den vorherrschenden Sexualitätsdiskursen. Diese Zertrümmerung des „Naturgesetzes männlicher Heterosexualität“ (Schmerl 2000: 147) als Referenzpunkt für alle anderen Sexualitäten steht in der Tradition der Kenntlichmachung gesellschaftlicher Macht und Herrschaft über unsere Sexualitäten (Foucault 1976).

Was zuerst allzu theoretisch und etwas bedrohlich wirkt, zeigt sich in der Praxis als Empathie und Offenheit gegenüber dem eigenen Sexualitätserleben sowie davon abweichenden sexuellen Konzepten. Sind die großen binären (d.h. strikt zweiwertigen) Unterscheidungen von Homo- und Heterosexualität, Weiblichkeit und Männlichkeit erst einmal „entnaturalisiert“, dann werden dem Betrachter neue Fragestellungen möglich: Wie viele und welche Geschlechterrollen gibt es tatsächlich? Was sind meine eigenen Vorstellungen von Geschlecht(ern)? Was sind sexuelle und geschlechtliche Stereotypen? Wie konstruiere ich Geschlechtlichkeit bei mir und anderen? (Doing Gender) Wann wird die Geschlechtszugehörigkeit irrelevant? (Undoing Gender) Schnell offenbaren sich dann die genderspezifischen Herrschaftsverhältnisse. Die daran geknüpfte Verteilungsungleichheit von kulturellen, politischen, sozialen und ökonomischen Möglichkeiten sowie die Belastungen intersektioneller Problemlagen werden erfahrbar. Der Wert sexueller Selbstbestimmung und Selbstbeschreibung wird gewichtiger. Das Wort ‚queer‘ (im Deutschen wörtlich so viel wie schräg, quer, sonderbar, leicht verrückt) verbreitet sich auch zunehmend als Selbstbezeichnung für die Mitglieder der LSBTI-Koalition, auch unter jungen Schwulen.

Welche Bedeutung haben Queer-Konzepte für die Betreuung von Schwulen? 

Die queertheoretischen Ideen werden fruchtbar bei der Betreuung schwuler Männer. Und das irritiert nicht nur diejenigen, welche die juristischen Bedrohungen des § 175 StGB sowie die Anfänge und Erfolge der Schwulenbewegung noch erlebt haben. Der Begriff ‚schwul‘, seine lange andauernde perverse Konnotation, seine mit Kraft erkämpfte Umdeutung ins Positive, der damit verbundene heilsame Stolz auf die eigene Fähigkeit zu sexueller Lust und die damit einhergehende sexuelle Normalisierung – all dies ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen. Und der Begriff wird auf absehbare Zeit auch der Referenzpunkt für schwule junge und ältere Männer bleiben, wenn sie ein Coming-Out vor sich haben, in ihm begriffen sind und dabei sind, ihre Sexualität in ihre Lebensführung integrieren. Schwulsein lebt sich anders als Heterosexuellsein und anders als alle anderen sexuellen Zugehörigkeiten des Kunstworts LSBTI. Es ist die Referenz einer sexuellen Entwicklung, die vom sexuellen Mainstream abweicht, mit der Schmerz und Scham verbunden sind und die eine identitäre Eindeutigkeit schafft, die die Kraft und Orientierung spendet, um einen stolzen und selbstbewussten Umgang mit der eigenen Sexualität zu finden.

Gleichzeitig benötigen Menschen mit einem mehr oder weniger großen Grad an Unsicherheit gegenüber ihrer Sexualität Ansprechpartner, die Vagheit zulassen und offen auf das Ausprobieren unterschiedlichster Lebensweisen und intim-köprerlicher Praktiken reagieren. Wer z.B. unsicher ist, ob er als Frau oder Mann fühlt, ob er Männer, Frauen oder beides begehrt, sollte dies vorbehaltlos gegenüber SozialarbeiterInnen thematisieren können.

Das verlangt eine Offenheit, wenn nicht gar Auseinandersetzung mit der Vielfalt von Geschlechtlichkeit und Sexualität. Hier kommt das neue Profil vonQueer Professionals (Schütte-Bäumner 2010) ins Spiel. Es sind dies in der Sozialen Arbeit Tätige, die in der ein oder anderen Hinsicht dem LSBTI-Spektrum angehören oder der Zielgruppe mit wirklichem Interesse begegnen. Sie bieten somit gute Voraussetzungen bei der Unterstützung sexueller Identitätsfindung, ohne sich automatisch durch eine beanspruchte Nähe zum Klienten von diesen vereinnahmen lassen. Im besten Fall bringen sie eine Reflexivität gegenüber der eigenen Sexualität mit, ein Verständnis für Abweichungen und Diskriminierungsfolgen sowie eine Offenheit, welche die sexuelle Dimension in Betreuungsbeziehungen erst aussprechbar macht. Rigide und zu eindeutige Vorstellungen von Sexualität und ihren Übergängen erhöhen Schamgefühle und behindern sexuelle Entwicklung.

Das heißt nicht notwendig, dass Transmenschen durch Transmenschen, Schwule durch Schwule, Lesben durch Lesben etc., betreut werden müssen. Sexuelle Rollenvorbilder und Betroffenheit der Sozialarbeiter sind für Klienten  genauso wichtig wie das Vertrauen der Adressaten gegenüber ihrer Betreuung, in ihrer Sexualität akzeptiert und auch erwünscht zu sein. Trans und queer, schwul und queer, lesbisch und queer, hetero und queer, inter und queer betonen im Queeren das Gemeinsame und reduzieren die Angst der Adressaten vor dem Anderssein. Das Trennende im Sexuellen und im Geschlechtlichen weicht dem Verbindenden. Identität und Differenz bedingen einander (Heilmann 2011: 53), genauso wie Queer und die radikale Annahme geschlechtlicher und sexueller Eigenart einander bedingen. Queere Sozialarbeit betont die kritische Reflexion gegenüber sexuellen und geschlechtlichen Normzwängen. Sie richtet ihren Blick auf das soziale Gewordensein und nicht auf das Abgeschlossene, Hergebrachte oder angeblich Natürliche. Identitäten sind Voraussetzungen, um im sozialen Leben anschlussfähig zu sein. Queering hinterfragt sie, will sie aber nicht löschen. „Für das angemessene Verstehen der Adressat_innen bedeutet das, dass sich Identitäten, ob nun ‚schwule Identität‘, ‚lesbische Identität‘ oder ‚Identität als an AIDS erkrankter Patient‘ nicht wegdiskutieren lassen. Eine dichotom kodierte Lebenswelt ist immer ‚schon da‘. […] Verdienst einer reflexiven Sozialen Arbeit wäre es also, darauf zu achten, wie sie mit Differenz und Normalitätskonstruktionen umgeht“ (Schütte-Bäumner: 92f.). Das Spannungsfeld zwischen Queer- und Identitätsarbeit kann produktiv genutzt werden, auch für Schwule.

Literatur

Cass, Vivienne C. (1979): Homosexual Identity Formation, in: Journal of Homosexuality 4(3): 219–35

Connell, Robert W. (2000): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen: Leske + Budrich.

Foucault, Michel (1976): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Heilmann, Andreas (2011): Normalität auf Bewährung. Outings in der Politik und die Konstruktion homosexueller Männlichkeit. Bielefeld: transcript Verlag.

Lautmann, Rüdiger (2013): Gesellschaftliche Normen der Sexualität. In: Schmidt, Renate-Berenike/Sielert, Uwe (Hg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung, 2. überarb. Aufl., Weinheim: Beltz Juventa. S. 205-219.

McIntosh, Mary (1968): The Homosexual Role, in: Social Problems 16, S. 182-192.

Rauchfleisch, Udo (2002): Coming-out, ein lebenslanger Prozess. In: Rauchfleisch, Udo/Frossard, Jacqueline/Waser, Gottfried/Wiesendanger, Kurt/Roth, Wolfgang (2002):  Gleich und doch anders. Psychotherapie und Beratung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und ihren Angehörigen. Stuttgart: Klett-Cotta. S. 38-52.

Schmerl, Christiane (2000): Phallus in Wonderland. Bemerkungen über die kulturelle Konstruktion ‚Sex = Natur‘. In: Schmerl, Christiane/Soine, Stefanie/Stein-Hilbers, Marlene/Wrede, Brigitta (Hg.): Sexuelle Szenen. Inszenierungen von Geschlecht und Sexualität in modernen Gesellschaften. Opladen: Leske + Budrich. S. 139-162.

Schütte-Bäumner, Christian (2010):  Queer Professionals als Reflexionskategorie für die Soziale Arbeit. In: Kessl, Fabian/Plößer, Melanie (Hg.): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Wiesbaden: VS Verlag. S. 77-95.


Timmermanns, Stefan (2013): Sexuelle Orientierung. In: Schmidt, Renate-Berenike/Sielert, Uwe (Hg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung, 2. überarb. Aufl., Weinheim: Beltz Juventa. S. 255-264.

Troiden, Richard R. (1988): The Formation of Homosexual Identities, in: Journal of Homosexuality 17(1-2), S. 34-73.

Wiesendanger, Kurt (2005): Vertieftes Coming-out. Schwules Selbstbewusstsein jenseits von Hedonismus und Depression. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.


[1]     Derzeit gelten viele Überlegungen der Überkreuzung (Intersektionalität) verschiedener Linien des Ausgegrenztseins.


AutorInnen
Dominik Sommer
Jg. 1974, studierte Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin und Soziale Arbeit (M.A.) an der Fachhochschule Potsdam.
Er arbeitet bei der Schwulenberatung Berlin im BEW und in einer TWG für Schwule mit psychischen Beeinträchtigungen.
Website www.dominiksommer.com
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Dr.phil. Dr.jur. Rüdiger Lautmann
Jg. 1935, arbeitete von 1971 bis 2010 als Professor für Soziologie an der Universität Bremen und lebt jetzt in Berlin. Zahlreiche Publikationen zu Recht und Kriminalität, Geschlecht und Sexualität.
Website www.lautmann.de
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Zitiervorschlag
Dominik Sommer, Rüdiger Lautmann: Schwule Klienten in der queeren Sozialarbeit (Teil I). Veröffentlicht am 14.09.2016 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/27641.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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