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Schwule Klienten in der queeren Sozialarbeit (Teil II)

Dominik Sommer, Rüdiger Lautmann

veröffentlicht am 14.09.2016

Zusammenfassung
Der zweiteilige Beitrag zeigt die Alltagskonflikte und besonderen Lebenssituationen von Schwulen und deren Folgen für die Soziale Arbeit auf.
zum ersten Teil des Beitrags

Im ersten Teil des Beitrags haben wir dargelegt, wie sich die Denkweisen im Komplex Schwule-Lesben-Bisexuelle-Transgender-Intersexuelle (LSBTI) entwickelt haben und weiterhin wandeln. Die Queertheorie vermittelt den verschiedenen Konfliktfronten eine gemeinsame gedankliche Grundlage: Dies ist die Kritik an der Heteronormativität, also an den Diktaten der Zweigeschlechtlichkeit und der Mann-Frau-Einheitssexualität. Eine Professionalität Sozialer Arbeit, die sich von den gewohnten starren Mustern löst, vermag der neu auftretenden Klientel aus dem LSBTI-Feld gerecht zu werden. Im zweiten Teil des Aufsatzes beleuchten wir beispielhaft an Schwulen die vielfachen Reibungsflächen, auf denen den Klienten in ihrer Lebenswelt Probleme erwachsen.

Alltagskonflikte schwuler Männer

Mit sexuellen Besonderungen aufzuwachsen bedeutet eine besondere Herausforderung bei der Herausbildung gesicherter Identität, da Sexualität ein wesentlicher Baustein eines stabilen Selbst ist, wie seit Sigmund Freud (1905) kaum ernsthaft bezweifelt wird. Wie im ersten Teil des Artikels gezeigt, kann die Soziale Arbeit sich queere Geschlechterverständnisse zu Nutzen machen, um sexuelle Identität produktiv in Betreuungsbeziehungen zu thematisieren. Damit rücken die besonderen Herausforderungen in den Vordergrund, denen schwule Männer – und nicht nur sie – unterliegen und die für die Soziale Arbeit relevant sein können. Dazu sind lebensgeschichtliche Konflikte von Schwulen in den Bereichen Herkunftsfamilie, partnerschaftliche Beziehungen, Beruf, schwule Subkultur, Männlichkeit und Sexualität in den Blick zu nehmen und mögliche Antworten seitens der Sozialen Arbeit zu formulieren (vgl. dazu Sommer 2012).

Schwule Männer kann man zuerst als Männer begreifen oder zuerst als schwul – das ist eine Frage der Perspektive. Wir rücken gezielt die schwule Perspektive in den Vordergrund, sie betont das Brüchige einer abweichenden männlichen Sexualität. Gewiss sind Schwule auch Männer im biologischen wie im sozialen und psychischen Sinn, mit männlichem Körper, männlichen sozialen Rollen und männlichen Problemen. In manifesten Konflikten interessiert aber zuerst der verletzliche Teil schwuler Identität, also der, der sich in seinem Ausnahmecharakter mit den Unterschieden zu klassischen Vorstellungen von Männlichkeit beschäftigt.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Viele schwule Männer müssen sich mit ihrer Männlichkeit auseinandersetzen, weil heterosexuelle Rollenmuster in Paar- und familiären Beziehungen und beim Sex (aufnehmende Rolle beim Geschlechtsverkehr) nur bedingt für sie greifen, weil weibliche und männliche Anteile der eigenen Psyche deutlicher (als in der üblichen Konstellation) verhandelt werden können, weil abweichende Lebensentwürfe in das Miteinander am Arbeitsplatz und in Freizeitaktivitäten integriert werden wollen. Und die Zahlen psychosozialer Konflikterfahrungen sprechen immer noch dafür, dass die speziellen Alltagsanforderungen von vielen Schwulen nicht immer glatt lösbar sind.

Das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren ist um vier- bis siebenmal höher als in der heterosexuellen Vergleichsgruppe (vgl. Meurer 2003). Sechsmal mehr Schwule haben in ihrem Leben einen Suizidversuch unternommen als in der gesamten männlichen Bevölkerung (Häusermann/Wang 2003). Kurt Wiesendanger geht davon aus, dass fast „jeder zweite Schwule seine Homosexualität sehr ambivalent erlebt […], oder umgekehrt ausgedrückt: Fast jeder Zweite muss Tag für Tag mit einem nicht integrierten und nicht kommunizierten Teil von sich selbst umgehen, der aber grundlegend identitätsstiftend wäre“ (2005: 13).

Soziale Arbeit mit Schwulen bezogen auf die Herkunftsfamilie

Im günstigen Fall merken die Eltern früher als ihr Sprössling, dass er anders als nach dem heteronormativen Schema heranwächst. Ihr Junge erscheint ihnen dann als Sissy-boy. Im Idealfall nehmen sie das lächelnd zur Kenntnis und lassen ihr Kind seinen Weg gehen. Im Regelfall jedoch gilt die heterosexuelle Vorannahme. Eltern, Geschwister und Freunde der Familie gehen selbstverständlich davon aus, dass der heranwachsende Mann Frauen begehrt und später mit einer Frau zusammenleben wird und mit ihr die nächste Generation hervorbringt.

Wenn Bedürfnisse und Gefühle offen und vertrauensvoll in der Herkunftsfamilie kommuniziert werden, dann vermindert dies das Risiko des Schwulen vor Ablehnung während des Coming-outs, wird als moderierend bei Diskriminierungserfahrungen empfunden und wirkt sich positiv auf ihre Lebenszufriedenheit aus (vgl. Bachmann 2013: 89f.). Die Vorstellung vom Zusammenleben zweier Schwuler in einer Paarbeziehung löst aber gerade bei patriarchalisch organisierten Familien Angst aus und wird als Affront erlebt (vgl. Rauchfleisch 2001: 177). In dieser Situation verändert sich mit dem Coming-out die Beziehung des Schwulen zur Herkunftsfamilie grundsätzlich. Er muss sich damit auseinandersetzen den sexuellen Rollenbildern seiner Familie nicht zu entsprechen. Das Coming-out ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mit emotionalen Brüchen, mit Zuneigungsverlust, mit emotionaler Verunsicherung oder Verletzungen verbunden. Im extremen Fall werden Diskriminierungen und homophobe Gewalt aus dem Familienkreis zum Bruch mit der Familie führen. Steht dem Schwulen in diesem existentiellen biographischen Prozess niemand unterstützend zur Seite, nimmt hier die internalisierte Homophobie ihren Anfang, also eine Art von Selbsthass, der gegen die eigene Person und gegen andere seiner Art wütet.

Im geschützten Rahmen einer queeren Sozialen Arbeit können die Beziehungen zur Herkunftsfamilie vorbehaltlos geklärt werden. Trauer, Wut, Verzweiflung, Bitterkeit und Scham von Klienten, ihre Verletzungen sowie die Unterstützungen durch die Herkunftsfamilie können bewusst gemacht werden – bestenfalls in einer Gruppe von Peers.

Das Leben partnerschaftlicher Beziehungen

In ihren partnerschaftlichen Beziehungen müssen LSBTI-Menschen erst einmal die Entwertung ihrer Eigenart überwinden, bevor ihnen Gleichgesinnte als liebenswert erscheinen können. Und auch dann bleibt zumindest anfänglich eine gewisse Orientierungslosigkeit bestehen, wie sie ihr intimes Privatleben gestalten können. Die Vorbilder aus dem heteronormativen Alltag wollen nicht passen: Zum einen spiegeln sie eine heile Welt vor, deren Realität aus der Herkunftsfamilie nur zu oft als unaufrichtig und hässlich bekannt ist. Zum anderen beruht das Normalmodell zu Vater-Mutter-Kinder-Blutsverwandtschaft auf Traditionen und Prämissen, die für Regenbogen- und übrigens auch Patchwork-Familien sowie nichteheliche Lebensgemeinschaften nicht gegeben sind.

Der queere Mensch wird zunächst in die Freiheiten der Subkultur gelockt, an deren Ende eben nicht der Abschluss der Jugendphase und die ‚Reifungsaufgabe‘ einer Familiengründung stehen müssen. Hier kann sich jemand zu einer festen Partnerschaft entschließen, diese kann sich zu einer Ehe fortentwickeln und kann den Wunsch nach Kindern (im Wege der Pflege, Adoption oder Zeugung/Empfängnis) hervorbringen. Diese Optionen sind vielfältig, sind nichttraditionell und rechtlich noch wenig gesichert; sie fügen sich in kein biographisches Regelmodell.

Das Beziehungsleben sehr vieler SChwuler bleibt der Annäherung an gewohnte Familienformen fern. Stattdessen erfüllen Cliquen, Freundschaften und Wahlverwandtschaft das Bedürfnis nach Intimität. Das Sexuelle wird hiervon häufig abgespalten, wie in der heteronormativen Welt vielfach auch (nur, dass dies dort als verpönt gilt). Eine differenzierte und teilweise kommerzialisierte Subkultur bietet die Chance zu intimen Begegnungen, die auf den sexuellen Lustgewinn beschränkt bleiben und keine emotionale Unterstützung für Alltagskonflikte gewähren können. Im queeren Kosmos war Individualisierung der Urzustand, und das prägt das Beziehungsleben bis heute. Zu den Folgen gehört die breite Differenzierung der Partnerschaftsformen. Die Einzelnen können wählen und müssen sich entscheiden, ohne dadurch für ihr ganzes Leben festgelegt zu sein. Vielfalt und Flexibilität kennzeichnen mithin die queeren Beziehungsbiographien. Der Single-Status bezeichnet hier keinen Mangelzustand und keine Inkompetenz; vielmehr ist er eine gut etablierte und verbreitete Möglichkeit der Lebensführung, die vollauf akzeptiert ist.

Netzwerke und Unterstützungssysteme tun Not, um die Risiken der Unkonventionalität gestalten und aushalten zu können. In Übergangsphasen können Krisen auftreten, die einen Hilfebedarf mit sich bringen. In unserer Zeit befindet sich das Reglement des queeren Beziehungslebens in stetem Fluss, es ist politisch umkämpft und Schlachtfeld einer Heteronormativitätskritik.

Soziale Arbeit mit berufstätigen Schwulen

Auch wenn auf den ersten Blick Sexualität für die Ausübung der meisten Berufe nachrangig ist, geben nach einer Studie von Dominic Frohn (2007; 2014) knapp 80 Prozent der befragten Lesben und Schwulen an, am Arbeitsplatz diskriminiert worden zu sein. Die Herabsetzungen reichen von Schwulen- und Lesbenwitzen, Beleidigungen, Gemiedenwerden, Ausschluss von Beförderungen bis hin zu körperlicher Gewalt. Ähnlich wie Frauen (Stichwort: Gläserne Decke) haben Schwule im Beruf verbreitet das Gefühl, mehr leisten zu müssen als ihre heterosexuellen Kollegen, um anerkannt zu werden. Über die Hälfte der in der genannten Studie befragten Schwulen und Lesben gaben an, gegenüber den Kollegen im Betrieb nicht geoutet zu sein. Bei Führungskräften erhöht sich die Zahl der Versteckten sogar auf 66 Prozent.

Berufstätige schwule Klienten stehen wie alle anderen sexuell Abweichenden vor dem Dilemma, dass sowohl das Publikwerden ihrer Sexualrichtung als auch deren Verschweigen problematisch sind. Entschließt sich ein Schwuler zum Going-public am Arbeitsplatz, trifft er oft auf Unverständnis der Kolleg_innen: Als schamlos oder indiskret wird empfunden, wenn die sexuelle Identität zum Thema wird – wobei natürlich die heterosexuellen Kolleg_innen ganz selbstverständlich über ihre Beziehungen oder amourösen Abenteuer plaudern. Wird die sexuelle Orientierung aber versteckt und blendet ein Kollege bestimmte Themenbereiche wie Partnerschaft, Familienleben oder Kinder aus, gibt er Anlass zu Getuschel und Spekulation, die Gefahr von Mobbing steigt. Personen, die wegen ihrer Homosexualität diskriminiert werden, erzählen signifikant weniger über ihr Privatleben; ihre Veröffentlichungsstrategien sind eher geprägt von „Geheimhaltung oder indirektem Erkennen lassen als von der direkten Mitteilung“ (Knoll u.a. 1995: 14).

Schwule Adressaten Sozialer Arbeit, die im Berufsleben stehen, können die Entscheidung über einen offenen oder versteckten Umgang mit ihrer Homosexualität nur persönlich fällen. Zu unterschiedlich sind die persönlichen Erfahrungen wie die Arbeitsumfelder, um allgemeine Empfehlungen auszusprechen. Eine Selbstveröffentlichung ‚ohne Rücksicht auf Verluste‘ kann alle Beteiligten überfordern und zu Schäden führen. Gleichzeitig ist oftmals ein aktiv-gestaltender Umgang mit dem Stigma mittelfristig diskriminierungsfreier – auch wenn dieser Weg anfangs konflikthaft und unbequem erscheint. Bei der Entscheidung über das angemessene Stigmamanagement können Klienten unterstützt werden genauso wie im Umgang mit der Angst vor möglichen Konflikten, beim Umgang mit Abwertung und Verletzung sowie mit der Scham heterosexueller Kolleg_innen.

Soziale Arbeit in der schwulen Subkultur

Die schwulen Szenen sind vielfältig, kommerziell und gemeinnützig, organisieren sich virtuell und „live“. Szeneorte sind heute deutlich weniger verborgen als noch vor dreißig Jahren. Die meisten Schwulen sind jedoch nach wie vor auf den Kontakt zur Szene angewiesen, um der Tabuisierung ihres sexuell-emotionalen Erlebens zu entkommen. Schwule verlassen ihren Heimatort und ziehen in Metropolen, um mit anderen Schwulen in Kontakt zu treten. Die Subkultur bietet einen Rahmen, in dem ein Schwuler sich nicht ständig als Randfigur fühlen muss; seine Art des Selbstverständnisses und der gewünschten Lebensweise kann hier ausprobiert und ausgehandelt werden.

Die „Szene“ kommt allerdings nicht ohne Ausgrenzungen und Diskriminierungen aus, wie die Abwertung von Tunten durch „normale“ Schwule zeigt („Herrschaft der Schwulen über die Tunten“, Connell 2000). Wiesendanger (2005) bezeichnet diese Art von Homonegativität als „schwulen Selbsthass“, der sich aus unbearbeiteten Diskriminierungserfahrungen speist. Schwule werden immer noch von Kindesbeinen an in ihrer eigenen Sexualität nicht wahrgenommen. Da schafft eine Subkultur, in der sich vorwiegend Schwule bewegen, erst einmal Entlastung.

Das stolze und lockere Auftreten von Schwulen auf Paraden kann indessen nicht darüber hinwegtäuschen, wie schwierig es Schwule haben, wenn sie erstmals in die Subkultur eintauchen. Es bedarf ausgeprägter sozialer Fähigkeiten, um Hemmungen zu überwinden und sich von der hier grassierenden Massivität und Breite schwuler Angebote, den damit verbundenen Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen nicht überrumpeln zu lassen. Nicht jeder Interessent bringt diese Fähigkeiten von vornherein mit. In Teilen der kommerziellen Szene, deren Zugangsvorrausetzungen niedrig sind und die zuerst ins Auge springen, herrscht ein rauer Ton: Lookismus, Hedonismus und Jugendkult in Kombination mit Selbstaufgabe unter dem Einfluss von Drogen setzen Anforderungen, mit denen es umzugehen gilt. Dabei bleiben immer wieder existentielle Bedürfnisse des einzelnen Schwulen – auf Liebe, auf Autonomie und auf Gesundheit – auf der Strecke.

Verletzungen und Gefühlen von Isolation oder selbstschädigender Identifizierung kann durch eine nicht wertende queere Sozialarbeit begegnet werden. Sie kann Schwule dabei unterstützen, ihren eigenen Weg durch die Verwicklungen der Szene zu finden und zu einer positiven Identifikation mit ihrer Sexualität zu gelangen – jenseits von Fremd- und Selbstabwertung.

Auch im Bereich der Gesundheitssorge ist von queerer Sozialarbeit eine spezifische Sensibilität, Aufklärungs- und Entstigmatisierungsarbeit gefordert. Krisen- und konflikthafte Identitätskonstruktionen erhöhen das Infektionsrisiko mit HIV und anderen chronischen Geschlechtskrankheiten in allen Bevölkerungsgruppen. Schwule sind nach wie vor durch mangelnde Anerkennung im sozialen Umfeld sowie durch gesellschaftliche Stigmatisierung und Diskriminierung besonders gefährdet (vgl. Langer 2009; Hutter u.a. 2000).

Soziale Arbeit mit schwuler Sexualität und Männlichkeit

Schwulen (jungen) Männern fehlen zu Anfang in der Regel die (wertschätzenden) Kenntnisse und Skripte für das erste Mal. Schwule Geschlechtspraktiken sind in den Konzepten hegemonialer heterosexueller Männlichkeit wenn überhaupt nur schamhaft und abwertend, oft als „weiblich“, „feminin“, vorhanden. Allzu gerne werden Schwule von heterosexuellen Männern auf ihre Sexualität reduziert („Arschficker“).

Schwule haben sich ab Ende der 1960er Jahre ermächtigt, indem sie dem rigiden, moralisierenden und ausschließlich heteronormativen Umgang mit Körperlichkeit offensiv ein freizügiges und hedonistisches Sexualverhalten entgegenstellten. Ihre gesellschaftlich tabuisierten Geschlechtspraktiken (z.B. Analverkehr) fanden ihre Legitimation im Vollzug und in der damit verbundenen Lust – notgedrungen versteckt in Klappen, Parks und Saunas. Bis heute ist ein Teil schwulen Geschlechtsverkehrs unverbindlich und anonym sowie stark von einem Vertragscharakter geprägt (vgl. Rauchfleisch 2001: 37). Die Männer kommen schnell zur Sache (im Darkroom, per Internetverabredung), man hat ein paar gute Stunden, und das war´s.

Ein Teil der freizügigen Triebsteuerung geht auf nachholende Erfahrung zurück. Können heterosexuelle Teens in der Regel die unterschiedlichsten geschlechtlichen Erfahrungen während und nach der Pubertät sammeln, bleiben Schwule in diesem Alter oft sowohl vom sexuellen Diskurs als auch vom Akt ausgeschlossen. Andere Schwule verankern ihr Sexualleben vornehmlich in einer Beziehung. Ein weiterer Teil kompensiert im permanenten Ausleben von Lust den Wunsch nach Anerkennung und Nähe. Gleichgerichtete Triebwünsche ermöglichen relativ unkompliziert eine intime Begegnung, die Nähe vorspiegelt jenseits einer emotionalen Begegnung. Eine Befreiung aus der emotionalen Isolation verspricht sie vorerst allemal. Die schnelle Triebbefriedigung kann so zu einem Ausdruck verstummter Gefühle werden, der seinen Ursprung in der gesellschaftlichen Isolation des Schwulen hat.

Diese Tendenz verstärkt sich unter heterosexistischen Sozialisationsbedingungen, die Gefühlen bei Männern einen minderen Wert zusprechen. Unsere derzeit gängigen Männlichkeitsvorstellungen (z.B. Czollek u.a.) sorgen dafür, dass Schwule kollektiv entwertet werden; und dafür sorgen auch besonders andere Männer mit Vorurteilen und Gewalt. Das übliche Stereotyp schwuler Maskulinität ist immer noch die Tunte mit der Fallhand. „Diese Verkehrung ist ein strukturelles Merkmal von Homosexualität in einer patriarchalen Gesellschaft, und zwar völlig unabhängig von Persönlichkeit oder Identität von Schwulen“ (Connell 2000: 178). Im Gegensatz dazu schätzt der größte Teil der Schwulen die eigene Männlichkeit als „normal“ oder durchschnittlich ein (Krell 2008: 272). Selbstbild und die Zuschreibungen des Fremdbildes liegen bei vielen schwulen Männern weit auseinander.

Soziale Arbeit mit Schwulen in späteren Lebensphasen

Auch die späteren Lebensphasen kennen Situationen, in denen eine schwule Klientel der Sozialen Arbeit bedarf, als da sind: Konflikte in der Partnerbeziehung, das Nebeneinander von Normalfamilie und schwulem Doppelleben und der Umgang mit Kindern aus einer früheren Ehe oder in einer Regenbogenfamilie. Hierzu entwickelt sich erst allmählich ein professionelles Know-how, auf das längst viele Ratsuchende warten.

Schwule im Alter stellen eine ebenfalls neue Herausforderung dar, für welche die Soziale Arbeit bislang unvorbereitet ist. Diese Männer haben die Jahrzehnte der Strafverfolgung und existenzbedrohenden Verachtung vor 1969 durchlebt und tragen die damals erlittenen Wunden notdürftig verheilt mit sich herum. An mehreren Orten in Deutschland arbeiten Projekte, die den schwulen Alten ein Leben in Würde ermöglichen (dazu Lottmann/Lautmann 2014).

Neue Klienten verändern das Profil der Sozialen Arbeit

Queer informierte Sozialarbeit kann helfen, die Folgen von Abwertungen schwuler Sexualität und aggressiven heterosexistischen Zuschreibungen zu mindern. Konflikte vieler Schwuler zwischen einer Identifikation mit stereotypen Männlichkeitsbildern und dem Ausdruck ihrer eigenen Männlichkeit können im queeren Raum vorbehaltlos zum Thema gemacht werden, auch im Rahmen eines individuell angemessenen Stigmamanagements. Rollenkonflikte, Beziehungserfahrungen und Wünsche an eine erfüllte Sexualität können besprochen werden

Wie ungewöhnlich auch manche Züge der Lebensweisen von LSBTI zunächst auch anmuten – zu fremdeln braucht die Soziale Arbeit auf dem Gebiet nicht. Findet sie doch hier die gleiche Problematik wie in vielen ihrer geläufigen Einsatzfelder vor: Klienten mit beschädigter Identität – um ein Konzept des Soziologen Erving Goffman zu bemühen, das in der sozialarbeiterischen Ausbildung bereits aufgetaucht ist. In seinem vielgelesenen Buch Stigma (1967) hat Goffman gezeigt, wie diskreditierbare Merkmale die individuelle Lebensqualität beeinträchtigen und was die Betroffenen unternehmen können, damit zurechtzukommen. Sowohl die Stigmatisierung als auch die Handhabung der verletzenden Situation sind primär soziale Vorgänge. Selbsthilfe und private Unterstützung allein reichen nicht hin, um den wohlfahrtsstaatlichen Standard zu erfüllen – darin besteht die Gründungsidee aller sozialen Berufe. Die Strenge und Allgegenwart des heteronormativen Anspruchs setzen den Menschen zu, sobald sie ihrer lesbischen, schwulen, transidenten usw. Eigenart inne werden. In allen Stadien des Zurechtkommens kann ihnen die Soziale Arbeit zur Seite stehen.

Literatur

Bachmann, Anne (2013): Lebenssituation und Diskriminierungserfahrungen schwuler und bisexueller Männer. Berlin: Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen.

Connell, Robert W. (2000): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen: Leske + Budrich.

Czollek, Leah Carola; Gudrun Perko; Heike Weinbach (2009): Lehrbuch Gender und Queer. Grundlagen, Methoden und Praxisfelder. Weinheim: Juventa.

Freud, Sigmund (1905): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. In: ders., Studienausgabe, Band 5, 1982, S. 37-145. Frankfurt/M.: Fischer.

Frohn, Dominic (2007): Out im Office?! Sexuelle Identität, (Anti-)Diskriminierung und Diversity am Arbeitsplatz. Kurzfassung. http://lsvd.de/fileadmin/pics/Dokumente/News/Out-im-Office_Erg.-Zus.-Fass._DF.pdf

Frohn, Dominic (2014): Homosexualität in Arbeit und Wirtschaft In: Mildenberger, Florian/Evans, Jennifer/Lautmann, Rüdiger/Pastötter, Jakob (Hg.): Was ist Homosexualität? Forschungsgeschichte, gesellschaftliche Entwicklungen und Perspektiven, Hamburg: Männerschwarm.

Goffman, Erving (1967): Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Häusermann, Michael/Wang, Jen (2003): Projet santé gaie. Les premiers résultats de l‘equete sur la santé des hommes gaie à Genève. Genf.

Hutter, Jörg; Koch-Burghardt, Volker; Lautmann, Rüdiger (2000): Ausgrenzung macht krank – Homosexuellenfeindschaft und HIV-Infektionen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Knoll, Christopher/Bittner, Monika/Edinger Manfred/Reisbeck, Günter/Schmitt, Rainer/Keupp, Heiner (1995): Lesben und Schwule in der Arbeitswelt. Online unter: http://projekte.sozialnetz.de/homosexualitaet/medien/Studie_Arbeitswelt.pdf (Stand: 21.01.12).

Krell, Claudia (2008): Das Männerbild von Lesben und Schwulen. In: Baur, Nina/Luedtke, Jens (Hg.): Die soziale Konstruktion von Männlichkeit. Hegemoniale und marginalisierte Männlichkeiten in Deutschland. Opladen/Farmington Hills: Budrich. S. 265-284.

Langer, Phil C. (2009): Beschädigte Identität. Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bisexueller Männer. Wiesbaden: VS Verlage für Sozialwissenschaften.

Lottmann, Ralf/Lautmann, Rüdiger (2014): Alter(n) und sexuelle Orientierung. In: Schmidt, Friederike/ Schondelmayer, Anne/ Schröder, Ute B. (Hg.): ‚Wir sind 10%‘. Lebenswirklichkeiten, Forschungsergebnisse und Bildungskonzepte zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Wiesbaden: Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (im Druck).

Meurer, Sigrid (2003): Zur Lebenssituation junger Lesben und Schwuler – Homosexualität und Suizidalität. In: Stärke gefragt – Eltern und ihre homosexuellen Kinder. Tagungsband Bundeselterntreffen, Berlin.

Rauchfleisch, Udo (2001): Schwule, Lesben, Bisexuelle: Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. Göttingen, Zürich: Vandenhoeck und Ruprecht.

Sommer, Dominik (2012): Wer-Identität und Alltagskonflikte von Schwulen: Theorie, Empirie und ein Vorschlag für ein Trainingskonzept für die Erwachsenenbildung von Schwulen. Unveröffentlichte Masterarbeit im Studiengang Soziale Arbeit – Schwerpunkt Familie an der Fachhochschule Potsdam.

Wiesendanger, Kurt (2005): Vertieftes Coming-out. Schwules Selbstbewusstsein jenseits von Hedonismus und Depression. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.


AutorInnen
Dominik Sommer
Jg. 1974, studierte Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin und Soziale Arbeit (M.A.) an der Fachhochschule Potsdam.
Er arbeitet bei der Schwulenberatung Berlin im BEW und in einer TWG für Schwule mit psychischen Beeinträchtigungen.
Website www.dominiksommer.com
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Dr.phil. Dr.jur. Rüdiger Lautmann
Jg. 1935, arbeitete von 1971 bis 2010 als Professor für Soziologie an der Universität Bremen und lebt jetzt in Berlin. Zahlreiche Publikationen zu Recht und Kriminalität, Geschlecht und Sexualität.
Website www.lautmann.de
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Zitiervorschlag
Dominik Sommer, Rüdiger Lautmann: Schwule Klienten in der queeren Sozialarbeit (Teil II). Veröffentlicht am 14.09.2016 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/27642.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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