Suche nach Titel, Autor:in, Schlagwort
socialnet Logo

Jung, homosexuell, diskriminiert – suchtgefährdet?

- Ein komplexes Phänomen mit geringer Beachtung -

Prof. Dr. Regina Kostrzewa

veröffentlicht am 30.09.2016 | Aufsatz

Die Beschreibung der aktuellen Lebenssituation homosexueller Jugendlicher/ junger Erwachsener in Deutschland ist ein komplexes Phänomen. Einerseits existieren wenige empirische Untersuchungen, die sich des Themas annehmen, andererseits müssen eine Reihe spezifischer Faktoren wie entwicklungsspezifische Aspekte der Adoleszenz, psychosexuelle Orientierung, Gesundheitsverhalten sowie Stigmatisierungserfahrungen aufgrund einer trügerischen Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft (Brassel-Ochmann, 2015) einbezogen werden. Repräsentative Daten zur Verbreitung von Homosexualität in der Gesellschaft sind aufgrund von Freiwilligkeit der Angaben und des sensiblen Themas schwer zu ermitteln. Im Datenreport des statistischen Bundesamtes wird seit 2006 der Familienstatus „eingetragene Lebenspartnerschaften gleichgeschlechtlicher Paare“ erhoben, anhand dessen man vorsichtig die Verbreitung interpretieren könnte. Seit dem Jahr 2006 bis zum Jahr 2014 hat sich die Zahl der gleichgeschlechtlichen Paare demnach verdreifacht und umfasst rund 87000. Diese Zahl wird als eine „untere Grenze“ der Anzahl gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften in Deutschland gesehen. Anhand eines Schätzverfahrens hat Mikrozensus eine „obere Grenze“ mit ca. 223000 gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften also fast dreimal so viele ermittelt (vgl. Datenreport 2016, 46 ff.). Die Ergebnisse sind für die Fragestellung nur eingeschränkt aussagekräftig, bieten aber eine Orientierung und lassen auf einen Anstieg von Homosexualität in der Gesellschaft schließen. Anhand einer DJI-Studie berichten insgesamt 82% der befragten Jugendlichen von Diskriminierungserfahrungen, „aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität erlebt zu haben.“ (Krell/ Oldemeier, 2015, 29) Entsprechend einer Expertise des Deutschen Jugendinstituts (Sielert, Timmermanns, 2011) ist das Aufwachsen von homosexuellen Jugendlichen nach wie vor problematisch. „Homophobe Stimmungen, Diskriminierungen und Gewalt gehören jedoch immer noch zu den Sozialisationsbedingungen von Jugendlichen.“ (Timmermanns, 2013)

Die Expertise des DJI beschreibt die Probleme der Heranwachsenden mit ihrem „Coming out“ und der weiteren psychosexuellen Entwicklung. Die Diskriminierung homosexueller Lebensformen im Alltag führt zu differenzierten Problemen der psychosexuellen Entwicklung von sich homosexuell entwickelnden Jugendlichen. Das Alter der Bewusstseinswerdung (inneres Coming out) homosexueller Jugendlicher liegt zwischen 13 und 16 Jahre. Viele der Jugendlichen versuchen, ihre „wahren Gefühle“ über einen längeren Zeitraum zu verdrängen. „Während der teils jahrelangen Unterdrückung der tatsächlichen geschlechtlichen und sexuellen Identität, entwickelten sich bei einigen Jugendlichen therapierelevante psychische und psychosomatische Symptome.“ (Krell, Oldemeier, 13) In diesem Zusammenhang zeigen sich depressive Stimmungen, Substanzmissbrauch, problematisches Essverhalten und Drogenkonsum.

Grundsätzlich ist die Lebensphase Jugend gekennzeichnet durch eine Vielfalt an Orientierungen, Zugehörigkeiten und Identitäten. Als Entwicklungsaufgaben im Kontext der spezifischen Thematik zählen beispielsweise: Entwicklung eines inneren Bildes von der eigenen sexuellen Identität, Veränderung und Pflege von Freundschaften sowie das Ausprobieren und Eingehen von Partnerschaften (vgl. Hurrelmann, 2013). Die homosexuellen Jugendlichen leben darüber hinaus in einer besonderen Lebenssituation, die vom gesellschaftlichen Umgang mit sexueller und gesellschaftlicher Vielfalt geprägt ist. Die Vielfaltsproblematik findet sich in dem Diversity-Ansatz wieder. „Diversity bedeutet Vielfalt, Heterogenität, Unterschiedlichkeit und bezieht sich auf die partizipative Anerkennung der Diversitäten vom Menschen: Geschlecht/ Gender, sexuelle Orientierung, „Hautfarbe“, Alter, kulturelle Herkunft, zugeschriebene „Behinderung“, Klasse und vieles mehr gelten als Diversitykategorien…“ (Czollek/ Perko/ Weinbach, 2012, 32). Aufgrund dieser Diversitäten werden Menschen in positiver und negativer Weise bestimmt und können an gesellschaftlichen Prozessen teilhaben oder ausgegrenzt werden. Mecheril/ Melter machen durch die Bestimmung des Begriffs „Differenzen“ deutlich, dass diese nicht als vorgegebene Phänomene, sondern als Effekte sozialer Unterscheidungspraxen zu betrachten sind (2010, 128). Der Ursprung von Differenzen wird nach Heite (2010, 190) in den Formen der Benachteiligungen gesehen. Davon sind insbesondere Zielgruppen der Sozialen Arbeit durch ihre Unterschiedlichkeit im verschiedenen Maß betroffen. Bezogen auf Homosexuelle wird deutlich, dass sie trotz positiv veränderter Gesetzgebung (z.B. Streichung des „Homosexuellenparagraph“ § 175 STGB, 1994) häufig noch ausgegrenzt werden. Menschen mit sexuellen Orientierungen, die der heteronormativen und heterosexuellen Ordnung unserer Gesellschaft widersprechen, entsprechen nicht der Übereinkunft über die Normalität sexueller Neigungen. „Geschlechtliche Diversität wird einerseits begrüßt, andererseits ist die zweigeschlechtliche Zuordnung immer noch gesellschaftlicher Zwang.“ (Woltersdorff, 2008, 107)

Der Umgang mit Homosexualität stellt sich in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich dar. Nach einer Studie von Buba/ Vaskovics (2001) zur Benachteiligung gleichgeschlechtlich orientierter Personen werden die vier Handlungsfelder: Freundeskreis, Familie/ Verwandtschaft, Arbeitsplatz und Öffentlichkeit unterschieden und folgende Ergebnisse herausgestellt: im Bereich des Freundeskreises halten wenige ihre Homosexualität geheim, berichten aber zu vier Fünftel von diskriminierenden benachteiligendem Verhalten. Im familiären Kontext wird oftmals eine Geheimhaltung bevorzugt, um problematische Folgen zu vermeiden (Buba/ Vaskovics, 2001, 18). Hingegen erleben die meisten Befragten die Situation am Arbeitsplatz als nicht prekär und nur sehr wenige fühlen sich ausschließlich benachteiligt. Allerdings ist dies sehr von der Wahl des Arbeitsplatzes abhängig. Bevorzugt werden Arbeitsplätze ausgewählt, die sich durch ein Diversity-Management auszeichnen und beispielsweise betriebliche Diskriminierungsverbote implementieren. Diese Strategie wird auch durch die Studie von Köllen gezeigt: „… dass ein positiver Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Diversity Management zu sexueller Orientierung und dem von Schwulen und Lesben wahrgenommenen Arbeitsklima besteht“ (Köllen, 2010, 180).

Im vierten Lebensbereich: der Öffentlichkeit, berichteten drei Viertel der Befragten von Diskriminierungserfahrungen und Benachteiligungen (Buba/ Vaskovics, 2001, 17-19). Das „Coming out“ in der Öffentlichkeit wird als Überschreitung von Grenzen des Erlaubten interpretiert und dafür wird die betroffene homosexuelle Person „für schuldig befunden“ und stigmatisiert.

Bei jungen Menschen mit homosexueller Orientierung kann sich der Prozess der sexuellen Identitätsfindung sehr lange ausdehnen. Sexuelle Identität definiert Behrends als „das individuelle Wissen, das Gefühl und die Handlungschancen, die eine Person bezüglich ihrer eigenen sexuellen Identität herausgebildet hat“ (Behrends, 1999, 7). Demgegenüber bezeichnet Rauchfleisch die sexuelle Orientierung als „die Gesamtheit der inneren Bilder, des Selbstverständnisses und der in der sozialen Realität sichtbar werdenden Beziehungsmuster“ (Rauchfleisch, 2001, 15). Ein direkter Bezug von sexueller Identität und Orientierung wird in folgender Formulierung gefunden „Die sexuelle Identität ist das grundlegende Selbstverständnis der Menschen davon, wer sie als gesellschaftliche Wesen sind, wie sie sich selbst wahrnehmen und wie sie von anderen wahrgenommen werden wollen. Der Begriff sexuelle Identität umfasst das geschlechtliche Selbstverständnis (biologisches, psychisches und soziales Geschlecht) sowie die sexuelle Orientierung (Begehren).“ (Dreier, Kugler, Nordt, 2012). Während Sielert in seiner Abhandlung über die „sexuelle Identität als plurales Konstrukt diverser Teilaspekte von Sexualität in der Gesamtidentität einer Persönlichkeit“ (Sielert, IN: Huch, Lücke (Hrsg.), 2015, 102 ff.) die Komplexität der Thematik vermittelt und betont, dass über diesen Entwicklungsprozess hinaus auch die sexuelle Kompetenz ausgebildet werden muss, die erst auf das Vermögen, diese sexuellen Erfahrungen auch zu realisieren, abzielt. Obwohl schon in der prä-sexuellen Kindheitsphase ein „sexuelles Skript“ angelegt wird, das Grundlagen sexueller Identität und Kompetenz beinhaltet, werden beide erst in der Adoleszenz richtig aktiviert (vgl. ebd., 104). Die weitere Entwicklung des Heranwachsenden ist einerseits abhängig von vielfältigen individuellen Faktoren andererseits aber auch von der gesellschaftlichen Vielfalts-Akzeptanz. Schon die Zeit der Bewusstwerdung bezeichnen homosexuelle Jugendliche als eher schwierig. Den Prozess der inneren Bewusstwerdung der sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Zugehörigkeit kommt große Bedeutung zu. Die Mehrheit der Jugendlichen stellt sich die belastende Frage, wie sie in der Zukunft mit ihrem sexuellen und geschlechtlichen Erleben umgehen wollen. Diese Belastungen tragen die Jugendlichen bis zum äußeren „Coming out“ mit sich alleine aus. Die Spanne zwischen der Bewusstwerdung und der Offenlegung umfasst bei den meisten Jugendlichen mehrere Jahre. Insofern werden wesentliche Jahre der Adoleszenz durch die innere Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung oder Identität geprägt. Entsprechend der DJI-Studie (2015) „vergehen zwischen innerem und äußerem Coming out bei lesbischen und bisexuellen jungen Frauen 1,7 Jahre, schwulen und bisexuellen jungen Männern 2,9 Jahre…“ (ebd., 15).

Betrachtet man die per se schon umfangreichen Entwicklungsaufgaben in der späten Adoleszenz wie z.B. Bewältigung der Anforderungen in Schule, Ausbildung und Studium; Ablösung vom Elternhaus; Entwicklung eines stabilen Werte- und Normensystems (Hurrelmann, 2013) wird deutlich, dass diese umfassende Auseinandersetzung mit der sexuellen Identität eine große zusätzliche Belastung darstellt. Dementsprechend zeigen sich bei den Motiven des ersten Coming outs insbesondere die Bedürfnisse „über die eigenen Gefühle zu sprechen“ (über 50%) und „sich künftig nicht mehr verstellen zu müssen“ (bis zu 48%) (DJI-Studie, 2015, 16). Hintergründe der langen Geheimhaltung werden wie folgt benannt: „Drei Viertel der Jugendlichen befürchten von Freunden und Freundinnen abgelehnt zu werden (74%), sieben von 10 haben Angst vor Ablehnung durch Familienmitglieder (69%). Zwei Drittel befürchten verletzende Bemerkungen oder Blicke (66%) und weit über die Hälfte der Jugendlichen nimmt an, dass ein Coming out zu Problemen im Bildungs- und Arbeitsbereich führt (61%)“ (Krell/ Oldemeier, 2015, 13). Diese Befürchtungen bezogen auf den ersten „Going public“ bestätigten sich bei 75% der Befragten in Form von Diskriminierungserfahrungen in der Studie von Buba/ Vaskovics (2001).

Auf dem Weg zum Zusammenleben in Vielfalt stellt sich Diskriminierung als ein Störfaktor dar. „Als Diskriminierung gelten gewöhnlich Äußerungen und Handlungen, die sich in herabsetzender oder benachteiligender Absicht gegen Angehörige bestimmter sozialer Gruppen richten“ (Hormel/ Scherr, 2010, 7). Es wird deutlich, dass Diskriminierung gruppenbezogen ist und Benachteiligungen für diejenigen beinhalten, gegen die sie sich richtet. Diskriminierung entsteht durch in der Gesellschaft verbreitete Stereotype und verhindert das Umsetzen der Rechte im gleichen Maße für alle Mitglieder der Gesellschaft. Zielgruppen der Sozialen Arbeit werden oft durch verschiedene Merkmale benachteiligt und um diesen entgegenzuwirken ist ein Konzept der Antidiskriminierung im Rahmen eines theoretischen Diskurses der Sozialen Arbeit erforderlich, welcher durch diesen Artikel befördert werden soll. Die hier fokussierte Zielgruppe „erleidet“ in der Gesellschaft gleich zwei diskriminierende Zuschreibungen durch das Zusammentreffen der Merkmale „homosexuell“ und „suchtgefährdet“. Es wirft die Frage auf, inwieweit die Homosexualität ggf. die Suchtgefahr verstärkt bzw. sich als Auslöser von missbräuchlichem Konsumverhalten „identifizieren“ lässt.

Im Kontext gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen bezeichnet Sander (2006) die Gruppe „schwuler Männer, die sich mit HIV anstecken lassen als vulnerable Karrieren“. „Diese sind durch eine Häufung von stressinduzierenden Lebensereignissen und -konstellationen gekennzeichnet. Aus gesundheitstheoretischer Perspektive handelt es sich um negative Synergien durch Anhäufung von Stressoren bei gleichzeitigem Fehlen von Bewältigungsressourcen.“ (Timmermanns, 2013) Die Studie des DJI (Krell/ Oldemeier, 2015) bestätigt eine vulnerable Lebenssituation homosexueller Jugendlicher/ junger Erwachsener. „LSBT Jugendliche befinden sich damit durch ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität, die sich jenseits dieser gesellschaftlichen Norm bewegt, in einer vulnerablen Lebenssituation.“ (ebd., 6)

Die internationale Stigmaforschung belegt, dass soziale Ausgrenzung eng mit Vulnerabilität verbunden ist und einen großen Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung nimmt. „Stigma also meets fundamental cause criteria and deserves considerations as a major and persistent influence on population health.“ (Hatzenbuehler, Phelan, Link, 2013) Psychosoziale Belastungen wie Diskriminierungserfahrungen im Alltag und das gleichzeitige Auftreten fehlender Bewältigungsressourcen erhöht die Anfälligkeit psychischer Störungen wie z.B. Depression, Suizidversuche und Drogengebrauch (vgl. Wilke, Timmermanns, 2015). Eine umfangreiche Studie aus Oregon bezüglich Anti-Mobbing-Richtlinien zur Verringerung des Risikos von Selbstmordversuchen bei homosexuellen Jugendlichen belegt eine Reduzierung des Risikos bei „positivem politischen Klima“ bezüglich Homosexualität. Die Forschung illustriert, dass Risikofaktoren für psychische Gesundheit sich bei bisexuellen Jugendlichen von den Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung unterscheiden lassen. „This research has illustrated that risk factors for mental health problems among bisexual youths are somewhat distinct from those for individuals with same-sex sexual orientations…“(Hatzenbuehler, Keyes, 2012). Hatzenbuehler verdeutlicht in seinen Studien den Zusammenhang von Stigmatisierungen aufgrund hoher antihomosexueller Einstellungen und dem Anstieg von Symptomen psychischer Erkrankungen und erhöhtem Alkoholmissbrauch bei homosexuellen Jugendlichen. Eine repräsentative Studie aus dem deutschsprachigen Raum liegt diesbezüglich nicht vor. Szeneinterviews aus Berlin (Der Tagesspiegel, 6.3.2016) assoziieren problematische Situationen insbesondere wenn es sich um „Chemsex“ (Sex unter Einfluss von Drogen) handelt. Eine Londoner Studie zum sexualisierten Drogenkonsum untersucht den komplexen Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Risikobereitschaft. Im Bereich der Epidemiologischen Situation von HIV liegen verschiedene Studien für Deutschland vor. Demnach treten bei vielen schwulen HIV-positiven Männern zusätzlich zu ihrer HIV-Infektion weitere psychosoziale Probleme wie Drogengebrauch und Depression auf. Hintergründe für diese Probleme liegen häufig in der Kindheit und den frühen negativen Erfahrungen mit dem Anderssein, der Einsamkeit und Diskriminierung. „Die in der Gesellschaft verbreitete Homophobie wird verinnerlicht und führt zu einem geringeren Selbstwertgefühl.“ (Timmermanns, 2013, 2) Homophobe Gewalt auch durch verbale diskriminierende Äußerungen gehört immer noch zu den Sozialisationsbedingungen homosexueller Jugendlicher und kann die Gesundheit nachhaltig negativ beeinflussen. „Erfahrene Stigmatisierungen begünstigen die Internalisierung von Homonegativität und so die Anfälligkeit für seelische Probleme. Dies wiederum kann die Wahrnehmung gesundheitlicher Dienstleistungen einschränken, kann zu Selbstmedikation und unkontrollierten Drogengebrauch führen.“ (Sander/ Kruspe, 2013) Timmermanns/Wilke (2015) problematisieren die Unterschiede der Betrachtung des Menschen in Bezug auf Geschlecht, sexuelle Orientierung oder den HIV-Status. „Differenzen werden machtvoll benutzt, um Hierarchien zu etablieren, was zu Ein- und Ausschlüssen sowie zu erhöhter Vulnerabilität marginalisierter und diskriminierter Gruppen führt.“ (ebd., 266) Die erhöhte Vulnerabilität in Verbindung mit einem risikobereiten Gesundheitsverhalten, das verstärkt mit erhöhten Substanzmissbrauch einhergeht, legt nahe, dass die fokussierte Zielgruppe resilienzfördernde Angebote bedarf, um kompensierende oder gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen zu reduzieren. Anhand einer Befragung schwuler Jugendlicher von Timmermanns (2013) zeigen sich auf die Frage nach „Wünschen“ verschiedene Antworten wie z.B. Akzeptanz, Toleranz, Gleichgesinnte. Diese Wünsche finden sich ähnlich in den Ergebnissen einer Kieler Studie (Bachmann, 2010) zur Lebenssituation und Diskriminierungserfahrungen wieder, in der deutlich wird, dass trotz einer Verbesserung der gesetzlichen Lage weiterhin „öffentlich wirksame Maßnahmen zum Abbau von Diskriminierung notwendig sind.“ (ebd., 3) Um der Stigmatisierung und der sozialen Ausgrenzung sexuell gleichgeschlechtlich Orientierter entgegen zu wirken, muss in Bereichen der Gesellschaftspolitik, der Forschung bis hin zur pädagogischen Praxis noch viel erreicht werden, damit eine akzeptierende Haltung und ein neues Verständnis von Normalität sexueller und geschlechtlicher Vielfalt entsteht. Anerkennung zwischen gleichberechtigt Verschiedenen beeinflusst positiv die Entwicklung von Identitäten und Selbstbewusstsein. Ein junger Mensch, der keine Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung hat und Anerkennung durch die Familie, peers und Gesellschaft erhält, kann sein Selbstwertgefühl aufbauen und selbstbewusst auf seinen Körper und seine Gesundheit achten. Im breiten Feld der Pädagogik von Schule bis Sozialarbeit empfiehlt sich die Entwicklung von Leitbildern, die den Schutz vor Diskriminierung aufnehmen und gezielt die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt integrieren (Timmermanns, 2015, 266). Im Sinne eines gesundheitsfördernden Verhaltens können präventive und resilienzfördernde Angebote kompensatorische Verhaltensweisen wie Substanzmissbrauch vorbeugen bzw. abbauen, um dauerhaft riskantes Verhalten einzuschränken. Bei der Entwicklung der Angebote ist die partizipative Beteiligung homosexueller peers einzubeziehen, um den integrativen Gedanken von vornherein aufzunehmen und nicht Gefahr zu laufen „ausgrenzende Angebote“ zu schaffen, die die Akzeptanz der Zielgruppe verfehlen und ggf. Diskriminierung auslösen bzw. verstärken.

Literaturangaben:

Bachmann, Anne, 2010: Lebenssituation und Diskriminierungserfahrungen schwuler und bisexueller Männer. Kiel.

Behrends, Christoph, 1999: Homosexualität und sexuelle Identität als Thema in der Jugendhilfe. IN: Jugendnetzwerk Lambada Nord e.V. und Landesjugendring Schleswig-Holstein e.V. (Hg): homo hetero bi-normal?! Sexuelle Orientierung-Methoden für die Jugendarbeit. Braunschweig, 6-9.

Brassel-Ochmann, Andrea, 2016: Die trügerische Aktzeptanz von Islam, Homosexualität und Suizid. Das doppelte Meinungsklima in Deutschland. Wiesbaden.

Buba, H.P./ Vaskovics, L.A.; Bundesministerium der Justiz (Hrsg.), 2001: Benachteiligung gleichgeschlechtlich orientierter Personen und Paare, Köln.

Czollek, Leah Carola/ Perko, Gudrun/ Weinbach, Heike, 2012: Social Justice und Diversity Training. IN: Buttner, Peter (Hrsg.): ARCHIV für Wissenschaften und Praxis der Sozialen Arbeit 1/2012, 31-40.

Dreier, Katrin/ Kugler, Thomas/ Nordt, Stephanie, 2012: Sexuelle Identität – Glossar zum Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt im Kontext von Antidiskriminierung und Pädagogik. Bildungsinitiative Queerformat und Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Handreichung für Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, Berlin.

Hatzenbuehler, Mark L./ Phelan, Jo C./ Link, Bruce J., 2013: Stigma as a Fundamental Cause of Population Health Inequalities. American Journal of Public Health, (1) 5.2013, 813-821.

Hatzenbuehler, Mark L./ Keyes, Katherine, 2012: Inclusive Anti-bullying Policies and Reduced Risk of Suicide Attempts in Lesbian and Gay Youth. Journal of Adolescent Health (53) 2013, 21-26.

Heite, Catrin, 2010: Anerkennung von Differenz in der Sozailen Arbeit. Zur professionellen Konstruktion des Anderen. IN: Kessl, Fabian/ Plößer, Melanie (Hrsg.): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen. Wiesbaden. 187-220.

Hormel, Ulrike/ Scheer, Albert (Hrsg.), 2010: Diskriminierung. Grundlagen und Forschungsergebnisse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 7-20.

Hurrelmann, Klaus, 2013: Lebensphase Jugend: Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, 12. Auflg., Weinheim.

Köllen, Thomas, 2010: Bemerkenswerte Vielfalt: Homosexualität und Diversity Management. Münschen/ Mering: Hampp Verlag.

Krell, Claudia/ Oldemeier, Kerstin, 2015: Coming out – und dann…?! Ein DJI-Forschungsprojekt von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen. München.

Mecheril, Paul/ Plößere, Melanie, 2011: Diversity und Soziale Arbeit. IN: Otto, Hans-Uwe/ Thiersch, Hans (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. Grundlagen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. München. 278-287.

Rauchfleisch, Udo, 2001: Schwule, Lesben, Bisexuelle – Lebensweise, Vorurteile. Göttingen/ Zürich, 3. Auflg.

Sander, Dirk, 2006: Man kann’s therapieren, aber man wird’s nie los – Kontexte von HIV-Infektionen bei jungen schwulen Männern in Deutschland. AIDS-Forum Bd. 50 Berlin: Deutsche Aids-Hilfe e.V.

Sander, Dirk/ Kruspe, Martin, 2013: Wie geht’s Euch? Seelische Gesundheit bei schwulen und bisexuellen Männern. Fakten-Check 1/2013. Berlin: Deutsche Aids-Hilfe e.V.

Sielert, Uwe, 2015: Sexuelle Vielfalt als Thema der Sexualpädagogik. IN: Huch, Sarah; Lücke, Martin (Hrsg.): Sexuelle Vielfalt im Handlungsfeld Schule. Bielefeld, 93-109.

Sielert, Uwe / Timmermanns, Stefan, 2011: Expertise zur Lebenssituation lesbischer und schwuler Jugendlicher in Deutschland – Eine Sekundäranalyse vorhandener Untersuchungen. München: Deutsches Jugendinstitut.

Sigma Research, London School of Hygiene & Tropical Medicine (Hrsg.), 2014: Die ChemSex-Studie. Berlin. Deutsche Aids-Hilfe e.V.

Timmermanns, Stefan, 2013: Sehnsucht nach Wärme in kalten Zeiten. Forschungsergebnisse und Betrachtungen zur Lebenssituation schwuler Jugendlicher in Deutschland, IN: Forum Sexualaufklärung und Familienplanung, Heft 1-2013, Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 23-26.

Wilke, Thomas/ Timmermanns, Stefan, 2015: HIV/STI, Vulnerabilität und sexuelle Vielfalt. Epidemiologische Situation und Ansätze zur Förderung sexueller Gesundheit in Schule und Jugendhilfe. IN: Huch, Sarah; Lücke, Martin (Hrsg.) Sexuelle Vielfalt im Handlungsfeld Schule. Bielefeld, 257-291.

Woltersdorff, Volker/ Schmidt, Robert, 2008: Symbolische Gewalt. Herrschaftsanalyse nach Bourdieu. Konstanz: UVK. IN: Thiesen, Andreas, 2011: Wie die Kultur in den Stadtteil kommt. Diversity Management in der Quartiersentwicklung. Berlin: LIT Verlag.

https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Datenreport/Downloads/Datenreport2016K, Zugriff: 29.9.2016

Verfasst von
Prof. Dr. Regina Kostrzewa
Professorin für Soziale Arbeit an der MSH Medical School Hamburg
Website
Mailformular

Es gibt 2 Materialien von Regina Kostrzewa.

Zitiervorschlag anzeigen

Lexikonartikel zum Thema

Rezensionen

Buchcover

Klaus M. Beier, Maximilian von Heyden: Das tabuisierte eine Prozent. Vandenhoeck & Ruprecht Brill Deutschland GmbH (Göttingen) 2025.
Rezension lesen   Buch bestellen

zu den socialnet Rezensionen

Urheberrecht
Dieser Beitrag ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, helfen wir Ihnen gerne weiter. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Materialien für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.