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Qualitätssicherung wissenschaftlicher Veröffentlichungen – Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum Lektorat in Verlagen

Thomas Elkeles

Veröffentlicht am 22.05.2017.

Einleitung

Vor bzw. seit einiger Zeit erregten bzw. erregen Plagiatsvorwürfe gegenüber wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten einige öffentliche Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit wurde dadurch gesteigert, dass es sich bei den beschuldigten Autoren und Autorinnen dieser Arbeiten meist um aktive und häufig recht bekannte und hochrangige Politiker und Politikerinnen handelte und dass einige von ihnen in der Folge ihre Ämter unter teilweise hochdramatischen Umständen einbüßten. Ohne diese dramatischen Abläufe hätte sich daran vermutlich weniger öffentliches Interesse entzündet. Gleichwohl waren diese Affären für den Wissenschaftsbetrieb Anlass, seine Kontroll- und Sanktionsmechanismen gegenüber dieser Sonderform von mangelnder Qualität wissenschaftlicher Arbeiten zu überprüfen und zu verschärfen. Sie zogen auch einige empirische Arbeiten zur Häufigkeit des Plagiierens, z.B. nach Selbstauskünften befragter Studierender, nach sich. [1]

Abgesehen von der Sonderform des Plagiierens, die von den wissenschaftlichen Verhaltensregeln abweicht, gibt es auch andere Formen und Kriterien, anhand derer die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten gemessen werden kann. Diese interessieren in der Regel nicht die breite Öffentlichkeit, sind im Wissenschaftsbetrieb aber fest verankert. Im weitesten Sinne könnte man sie Qualitätssicherung wissenschaftlicher Veröffentlichungen nennen. Dazu gehört, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen – seien es Qualifizierungsarbeiten oder ebenso auch andere – orthographisch, grammatikalisch und stilistisch korrekt sein sollten und die Argumentationsweise (hinsichtlich Thesen bzw. Hypothesen, Methodik, Auswertung, Schlussfolgerungen etc.) für die Leserschaft nachvollziehbar und überprüfbar sein sollte. [2]

Nicht nur Verfasserinnen und Verfasser von Qualifizierungsarbeiten (wie: Bachelor-, Master-, Diplom-, Magister-, Promotionsarbeiten) können dabei in ihren Selbstkontrollmöglichkeiten leicht überfordert sein. Neben dem bekannten Hinweis, doch wenigstens Freunde, Eltern, Kollegen als Korrektoren einzubinden, gibt es für diese Hilfestellung auch institutionalisierte Formen, nämlich das Lektorat.

Die Tätigkeit des Lektors bzw. der Lektorin, insbesondere im wissenschaftlichen Verlagslektorat, geht weit über die eines Korrektors hinaus. Zu den Aufgaben des Verlagslektorates gehört es, Vorschläge über die Annahme eines Buchprodukts zu machen und hierfür bei Bedarf Umarbeitungen zu veranlassen, die den Band anschlussfähig(er) für die laufende Fachdiskussion machen. Eine exakte Abgrenzung der Aufgaben des Verlagslektorats ist allerdings nirgends zu finden. Nicht zuletzt wird diese von der jeweiligen Verlagspolitik abhängen, mit welcher der Verlag seinerseits Zeichen für seine eigene Qualität(ssicherung) geben kann. Autorinnen und Autoren sind von daher gut beraten, diese Verlagspolitik auch anhand des Lektorats hinsichtlich ihres Verlagslektorates zu prüfen, bevor sie sich für einen Verlag entscheiden. Es ist davon auszugehen, dass die meisten dies ohnehin auch tun, denn mehr oder weniger bekannt ist schon, welcher Verlag als renommierter Verlag und welcher eher nicht als renommierter Verlag gilt. Der folgende Aufsatz will u.a. auch einen Beitrag dazu leisten, dass solche Optionen bewusster als bisher geschehen können, indem Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zur Qualität des Verlagslektorats in überwiegend sozialwissenschaftlichen Verlagen vorgestellt und erörtert werden.

Fragestellung und Methodik der empirischen Untersuchung

Eine Möglichkeit, die Qualität wissenschaftlicher Veröffentlichungen empirisch zu untersuchen, erschien darin, Buchrezensionen daraufhin zu analysieren, ob und ggf. welche Hinweise die Rezensenten und Rezensentinnen auf die Lektorierung bzw. deren Qualität gegeben hatten.

Hierzu wurde die im Internet zugängliche Datenbank der Buchrezensionen von socialnet als Quelle benutzt. socialnet versteht sich als „Das Netz für die Sozialwirtschaft“ und stellt auf verschiedenen Portalen Fachinformationen zur Verfügung, darunter die Rezensionen („16 000 mal Fachinformationen und Entscheidungshilfe“). Nach Kenntnis des Autors dürfte es kaum eine andere derart große Anzahl an verfügbaren verlagsübergreifenden Buchrezensionen in einem Fachportal – und damit eine für diese Zwecke brauchbare Datenquelle – geben, wenngleich es sich dabei natürlich nicht um eine Vollerhebung im engeren Sinne handelt.

Die Datenbank bietet die Möglichkeit, sie mit Suchbegriffen zu durchsuchen. Für den hiesigen Zweck wurde der Begriff „Lektor“ als Suchbegriff gewählt und vom verantwortlichen Redakteur des Rezensionsportals ein derart gefilterter Datensatz für Detailauswertungen zur Verfügung gestellt.

Nach eigener Zählung wies der Datensatz 290 Meldungen zum Suchbegriff „Lektor“ zwischen 2001 und Oktober 2016 auf. Dies entsprach in den einzelnen Jahren etwa einem Prozentsatz von 2%. Für die Auswertung wurden die 290 Meldungen einzeln gesichtet und tabellarisch dokumentiert: Laufende Nummer, Nummer des Dokuments in der Datenbank von socialnet (unter der das Dokument reidentifizierbar ist), Kurzbewertung Lektorat (+/-) mit den Unterkategorien formales und inhaltliches Lektorat, Zitat/Beispiel, Verlag, Sonstiges.

In einem ersten Schritt wurde festgestellt, dass der Suchbegriff „Lektor“ nicht immer die gewünschte Suche traf (Beispiele: „reflektorische“, „arbeitete als …, heute als Lektorin“, „ist gleichzeitig Universitätslektor“). Letzteres erfasst eine in Deutschland unübliche, aber in Österreich übliche Berufs- bzw. Tätigkeitsbezeichnung und betraf die von den Rezensenten und Rezensentinnen beschriebene Person der Autoren oder Herausgeberinnen, nicht die Qualität des (Verlags-)Lektorats. Diese Treffer (n=138) wurden daher aussortiert.

Als neue Datenbasis verblieben damit 152 Dokumente.

Ergebnisse

Von den 152 Dokumenten hatten 15 (9,87%) eine positive, 137 eine negative Aussage der Rezensenten und Rezensentinnen zum Verlagslektorat.

Bezieht man Aussagen ein, die nicht oder nicht nur die Verlage selbst, sondern auch die Autoren bzw. Herausgeber betreffen (Unterkategorie „Herausgeberlektorat“), erhöhen sich die positiven Anmerkungen um 4 auf insgesamt 19, die negativen um 9 auf 146. Die Abweichungen gegenüber der Zahl 152 kommen daher zustande, dass ein besprochenes Werk mehrere entsprechende Anmerkungen der Rezensenten bzw. Rezensentinnen haben konnte. Der Prozentsatz sämtlicher negativer Anmerkungen zum Lektorat erhöht sich dann auf 96%.

In 92 Fällen gab es negative Anmerkungen zum formalen und in immerhin 69 Fällen zum inhaltlichen Verlagslektorat. In 32 Fällen gab es sowohl negative Aussagen zum formalen wie auch zum inhaltlichen Verlagslektorat.

Beispiele

Positive Bewertungen des Verlagslektorates

Neben allgemeinen Anmerkungen („lobenswerte und wohlüberlegte Lektorierung“; Anm. d. Verf.: Beltz-Verlag, socialnet Rezension 9287), die wenig Auskünfte über Details und Kriterien der Bewertung geben, finden sich auch Lobesworte, die Details erkennen lassen, wie z.B.:

  • „lebendige und ansprechende Gestaltung“ (Anm. d. Verf.: Ernst Reinhardt Verlag, socialnet Rezension 13514)
  • „Mit der Zusatzleistung des Verlags, englischsprachige Titel im Anhang zu übersetzen …, liegt das Lektorat des Verlages goldrichtig!“ (Anm. d. Verf.: Verlag Hans Huber, socialnet Rezension 11547).

Negative Bewertungen des Verlagslektorates

Wurde das Lektorat von den Rezensentinnen und Rezensenten erwähnt, dann war dies, wie bereits dargestellt, weit überwiegend negativ. Man könnte auch sagen, dass ein unauffälliges Lektorat wohl kaum erwähnenswert erschienen sein mag.

An erster Stelle standen Kritiken formaler Art, die – wenn nicht die Autoren oder Herausgeber – spätestens das Lektorat hätte bemerken und für Behebung sorgen müssen. Auch hier gibt es Kritiken, die recht allgemein gehalten und damit nicht für die Leserschaft im Detail nachvollziehbar sind, z.B.:

  • „ein wenig Lektorat gut getan hätte“ (Anm. d. Verf.: Hammonia-Verlag, socialnet Rezension 714)
  • „Ein gutes Lektorat hätte über manche Ungenauigkeit hinweghelfen können.“ (Anm. d. Verf.: transcript, socialnet Rezension 20118)

Häufig werden jedoch auch Gründe für derartige Kritiken genannt und hierbei gibt es auch Unterschiede dahingehend, ob die Beanstandung sich auf wenige Stellen oder das gesamte Werk beziehen, z.B.:

  • „Auch hätte ich mir ein sorgfältigeres Lektorat gewünscht, sind doch unvollständige Sätze und falsche Fallkonstruktionen ziemlich ärgerlich“ (Anm. d. Verf.: Klartext Verlag, socialnet Rezension 3256)
  • „Sowohl das Layout als auch die diversen Rechtschreibfehler sorgen für ungewollte Auflockerung der Lektüre. Hier würde man dem Verlag einen (besseren?) Lektor wünschen.“ (Anm. d. Verf.: dgvt-Verlag, socialnet Rezension 5386)
  • „Rechtschreibfehler, unvollständige Sätze“ (Anm. d. Verf.: Schlütersche, socialnet Rezension 7718)
  • „Eine Kritik geht nicht an die Autoren, sondern an das Lektorat: ein paar Kommas an passender Stelle mehr und einige (Tipp-)Fehler weniger würden das Lesen erleichtern.“ (Anm. d. Verf.: Lambertus, socialnet Rezension 12355)
  • „Man hätte diesem Buch ein sorgfältiges Lektorat gewünscht. Vielleicht hätten dann die vielen sprachlichen Ungenauigkeiten und Druckfehler vermieden werden können. Dass der Gliederungspunkt 5.1 doppelt erscheint, bleibt demgegenüber unerheblich.“ (Anm. d. Verf.: Tectum-Verlag, socialnet Rezension 13362)
  • „In formaler Hinsicht ist allerdings mancher Tadel auszusprechen. Die Arbeit ist nicht frei von Fehlern, insbesondere fehlerhaft gesetzte – wohl auf Umformatierungen zurückzuführende – Trennungsstriche inmitten eines Wortes (z.B. S. 29, 67, 78 f., 90, 129 und 147), die ein sorgfältiger Lektor eigentlich nicht hätte übersehen dürfen. …“ (Anm. d. Verf.: Wochenschau-Verlag, socialnet Rezension 14455)
  • „Der Lektorierung des Buches sind leider Verwechslungen zwischen dem relativen ‚das‘ und dem finalen ‚dass‘ in einer Häufung durchgegangen, die den orthografisch sattelfesten Leser erschüttern.“ (Anm. d. Verf.: Vandenhoeck & Ruprecht, socialnet Rezension 12365)
  • „Eine kleine Einschränkung zum Schluss: es verwundert etwas, dass bei einer durchgesehenen Neuauflage durch das Lektorat des Verlages dennoch einige Fehler im Satzbau bzw. Layout übersehen wurden.“ (Anm. d. Verf.: Julius Klinckhart Verlagsbuchhandlung, socialnet Rezension 15501)

Die Kritik an formalen Fehlern richtet sich nicht allein an das Lektorat, sondern zunächst auch einmal an das Korrektorat durch die Autoren selber:

  • „Bleibt am Ende nur die Frage, warum kein Hochschullehrer oder Verlagslektor den jungen Autoren beiseite genommen hat, um ihm die Basics fairen und sauberen wissenschaftlichen Arbeitens zu vermitteln, seine etwas linkische Sprache zu glätten oder ihm zu erklären, was eine wissenschaftliche Disziplin oder ein Curriculum ist. So wird für teueres Geld ein Buch angeboten, das den Anspruch seines Titels nicht einmal ansatzweise einlösen kann.“ (Anm. d. Verf.: VDM Verlag Dr. Müller, socialnet Rezension 4812)

So unterschiedlich das Ausmaß der Kritik von Rezensentinnen und Rezensenten am Lektorat teilweise ausfällt (indem die Qualität der Veröffentlichung dadurch teilweise oder aber in hohem Masse bzw. insgesamt eingeschränkt werde), gibt es dabei doch eine Tendenz, nämlich die Kritik daran, dass Verlage den Lektoratsaufwand systematisch und aus Kostengründen zunehmend einschränkten:

  • „ … von einigen kleinen Fehlern, für die aber das kaum noch existierende Lektorat in den Verlagen verantwortlich zu sein scheint, auch optisch ansprechend.“ (Anm. d. Verf.: Oldenbourg, socialnet Rezension 3519)
  • „Eine bei Verlagen offenbar um sich greifende Verringerung des Lektoratsaufwandes führt leider zu einer ganzen Reihe die Lesbarkeit beeinträchtigender Schreib- und Setzfehlern …“ (Anm. d. Verf.: Duncker & Humblot, socialnet Rezension 20481)
  • „Und der Rezensent denkt an die guten alten Zeiten, als es noch fleißige, kluge und gewissenhafte Lektorinnen und Lektoren gab.“ (Anm. d. Verf.: Velbrück, socialnet Rezension 19384).

In der Tat geht, wie oben bereits erwähnt, der Beitrag von Lektorinnen und Lektoren zur Qualitätssicherung wissenschaftlicher Veröffentlichungen über das Korrekturlesen hinaus und schließt auch inhaltliche Aspekte ein. Die Rezensentinnen und Rezensenten kritisieren hierbei wiederum unterschiedliche Mängel in unterschiedlichem Ausmaß:

  • „Weitere Kritikpunkte, die auf offensichtlichen Zeitdruck bei Autoren, Lektorat und Verlag bei der Drucklegung des Buches zurückzuführen sind (siehe dazu ausführlich die Rezension des Buches von in …) sollen hier nicht wiederholt werden, da dies den guten Gesamteindruck nur marginal tangiert.“ (Anm. d. Verf.: C. H. Beck, socialnet Rezension 5175)
  • „kritisch anzumerken … Wiederholungen, z.T. schlichte Doppelungen, die vom Lektorat nicht beseitigt wurden“ (Anm. d. Verf.: Lit Verlag, socialnet Rezension 5768)
  • „unklare Bestimmungen, nicht immer ertragreiche Holperwege … Ärgernis eines offenbar kaum lektorierten Buches“ (Anm. d. Verf.: Waxmann Verlag, socialnet Rezension 15016)
  • „Wünschenswert wäre ein intensiveres Lektorat … roter Faden fehlt, Formulierungen …“ (Anm. d. Verf.: Dohrmann Verlag, socialnet Rezension 15711)
  • „Hinweise auf weiterführende Literatur wären daher hilfreich gewesen …“ (Anm. d. Verf.: Carl Auer Verlag, socialnet Rezension 3436)
  • „Das Buch hätte dringend ein Fachlektorat gebraucht … Begriffliche Irrtümer … nur ärgerlich“ (Anm. d. Verf.: Universitätsverlag Brockmeyer, socialnet Rezension 10492)
  • „Manches hätte der Lektorierung durchaus zum Opfer fallen dürfen und damit zur Straffung des Buches beigetragen … langwierige Ausführungen …“ (Anm. d. Verf.: Nomos, socialnet Rezension 17850)
  • „Er gliedert das Buch in drei Kapitel, die er jedoch nicht näher kategorisiert; so dass der Eindruck entsteht, dass ein Verlagslektor die Texte, die auf dem Tisch lagen, zusammen sammelte und ‚irgendwie‘ sortierte.“ (Anm. d. Verf.: Berlin Verlag, socialnet Rezension 11396)
  • „Mehrzahl der Beiträge wird dem Anspruch nicht gerecht. … Ein kritisches Lektorat wäre sicherlich hilfreich gewesen. (…) Ein überflüssiges Werk“ (Anm. d. Verf.: Verlag Ferdinand Schöningh, socialnet Rezension 19349)

Diskussion, Schlussfolgerungen und Empfehlungen

Diese empirische Untersuchung hat gezeigt, dass Rezensentinnen und Rezensenten deutlich häufiger Mängel am Verlagslektorat in ihren Buchbesprechungen feststellen und darüber berichten, als dass gute und hervorragende Lektoratsarbeit bei Verlagen von ihnen hervorgehoben wird.

Ein genaues Ausmaß ist daraus nicht oder nicht direkt ableitbar. Zum einen ist, wie bereits gesagt, socialnet weder eine Vollerhebung noch eine repräsentative Stichprobe sämtlicher (sozialwissenschaftlicher) Buchrezensionen. Es hängt also von den einzelnen Rezensentinnen und Rezensenten ab, ob ihnen Besonderheiten oder Auffälligkeiten an der Qualität des Lektorates auffallen und sie diese im Rahmen ihrer Rezension für berichtenswert halten.

Die Datenbank der socialnet Rezensionen ist eine recht gut geeignete Datenquelle für die hier vorgenommene empirische Untersuchung. Es wäre abwegig, ihr den Anspruch einer Vollerfassung vorzuhalten, den sie für sich selbstredend nicht haben kann und auch nicht hat. Die Informationen zur Qualität des Lektorats haben in ihr sozusagen qualitativen Charakter mit den üblichen Einschränkungen und Begrenzungen, daraus quantitative Verhältnisse abzuleiten, die verallgemeinbar wären. 16 000 Titel sind aussagekräftig. Allerdings hat sich spätestens bei der Auswertung herausgestellt, dass die Masse der Titel wiederum viel zu klein dafür ist, Häufungen zugunsten oder zulasten bestimmter einzelner Verlage festzustellen – etwas, was die Leserinnen und Leser und die potentiellen Autorinnen und Autoren natürlich besonders interessieren würde und sicher auch einem Qualitätskriterium nahekäme. Es konnten bei der Auswertung zwar leichte Tendenzen zur Häufung von Qualitätsbeurteilungen des Lektorats einzelner Verlage festgestellt werden. Es gab aber auch einige Verlage, die sowohl eine positive als auch eine negative Bewertung in den Rezensionen erhalten hatten. Um solche Auszählungen auf halbwegs sichere Füße zu stellen, wird man abwarten müssen, bis in der Datenbank von socialnet noch erheblich mehr Rezensionen als die derzeit 16 000 bzw. 152 mit Anmerkungen zum Lektorat enthalten sind.

Um die Beurteilungen der Lektoratsqualität systematischer zu machen, könnte überlegt werden, Rezensentinnen und Rezensenten per Rezensierungsrichtlinien zusätzlich dazu anzuhalten, als einen Aspekt der Veröffentlichung die Lektoratsqualität in die Buchbesprechung aufzunehmen. Jeglicher Versuch einer Verpflichtung dürfte jedoch schon deshalb schwierig sein, weil der Qualitätsbegriff bei Veröffentlichungen (wie woanders allerdings auch) nicht so einfach zu definieren, zu operationalisieren und zu überprüfen ist.

Das hängt, wie auch die Untersuchung gezeigt hat, unter anderem auch damit zusammen, dass die Abgrenzung von Korrektur und Lektorat einerseits, der Aufgaben der Autorinnen und Autoren sowie Herausgeberinnen und Herausgebern einerseits und der Verlagslektorinnen und Lektoren andererseits nicht eindeutig ist, wie auch formales und inhaltliches Lektorat teilweise ineinander übergeht:

  • „Die Artikel sind meistens nicht allzu lang und in der Regel in einer verständlichen Sprache verfasst, was das Buch gut lesbar macht. Kritisch anzumerken bleibt die mangelhafte Wahrnehmung von Herausgeberaufgaben.“
    (Anm. d. Verf.: Pabst Science Publishers, socialnet Rezension 19569)

Als eine erste Schlussfolgerung könnte man daher formulieren, was sich auch bei einigen Rezensionen fand: Unabhängig davon, wie die Aufgabe des Verlagslektorates wahrgenommen wird, entbindet dies weder die Autorinnen und Autoren von der Verpflichtung zum Korrekturlesen (oder zumindest zum Erlernen der Benutzung der Rechtschreibkontrolle ihres Textverarbeitungsprogramms) noch die Herausgeberinnen und Herausgeber von ihren Herausgeberpflichten.

Insbesondere für junge Autorinnen und Autoren kann sich auch empfehlen, Dienstleister in Anspruch zu nehmen. Dienste wie Korrekturlesen und Wissenschaftslektorat werden gegen Honorar auch von Büros freier Lektoren angeboten.

Wünschenswert – zweite Schlussfolgerung – wäre es natürlich dennoch, die Verlage nicht aus ihrer Verantwortung für ein qualitativ hochwertiges Lektorat zu entlassen. Autoren und Herausgeber können auf dem Markt von Angebot und Nachfrage hier in bestimmtem Masse darauf Einfluss nehmen, wie die Verlagspolitik sich in puncto Lektorat entwickelt. Wie stets, steht auch hier am Beginn zunächst einmal die Sensibilisierung gerade von jungen Autorinnen und Autoren für die Fragen der Lektoratsqualität. Ein nächster Schritt kann sein, sich anhand der socialnet Rezensionen über einen bestimmten Verlag und dessen Verlagspolitik bei Fragen des Lektorats zu informieren.

Zum Schluss sei noch ein kurzer Blick auf die Zukunft des Buchmarkts und des Veröffentlichens geworfen. Ein Rezensent von socialnet hatte sich eines Buchtitels angenommen, der sich damit beschäftigt [3]. Er resümiert in seiner Rezension, dass durch Selfpublishing sich ein deutlicher Wandel beim Veröffentlichen abzeichne:

„Für eine zunehmende Anzahl von AutorInnen stellt sich somit die Frage nach einem Verlag überhaupt nicht mehr. Sie können mittlerweile fast alles von spezialisierten Dienstleistern einkaufen, was zur Buchproduktion und Vermarktung eines Titels notwendig ist: Herstellung, Lektorat, Korrektorat, Marketing, Vertrieb und Pressearbeit – sofern sie nicht selbst über das notwendige Know-how verfügen. Allerdings nimmt lediglich die Hälfte der Selfpublisher solche externen Dienste in Anspruch, weshalb die Qualität selbst publizierter Bücher durchschnittlich weit unterhalb der Produktion traditioneller Verlage liegt. Es ist unbestritten, dass die Verlage bei gedruckten Büchern nach wie vor den Diskurs bestimmen, dass für viele AutorInnen das Renommee wichtig ist, das mit einer Verlagspublikation nach wie vor verbunden ist. Doch die Anzeichen mehren sich, dass den Verlagen ein Bedeutungsschwund droht, wenn sie nicht umgehend neue Strategien entwickeln und ihr Leistungsspektrum deutlicher als bisher kommunizieren.“

(Anm. d. Verf.: Verlag Lambert Schneider, socialnet Rezension 19244)

In diesem Sinne kann mit dem Rezensenten als dritte Schlussfolgerung aus dieser Untersuchung gefolgert werden, dass nicht allein die Autorinnen und Autoren ein Interesse daran haben sollten, die Qualität des Verlagslektorates kritisch zu begleiten, sondern dass die Verlage – über kurzfristige Gewinnoptimierungsstrategien hinaus – selbst hier auch Erhebliches zu verlieren oder aber zu gewinnen haben.


[1] Sebastian Sattler: Plagiate in Hausarbeiten. Erklärungsmodelle mit Hilfe der Rational Choice Theorie. Mit einem Vorwort von Andreas Diekmann. Hamburg 2007
Gerhard Reichmann: Textplagiate in der Wissenschaft und deren Verhinderung. In: Information. Wissenschaft & Praxis 64.2013,4, S. 179–181; beide zitiert nach Wikipedia

[2] Vgl. Barbara Budrich: Erfolgreich Publizieren. Grundlagen und Tipps für Autorinnen und Autoren aus den Sozial-, Erziehungs- und Geisteswissenschaften. 2. Aufl., Opladen 2015; Doris Berger-Grabner: Wissenschaftliches Arbeiten in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2016

[3] Vgl. Detlef Bluhm (Hrsg.): Bücherdämmerung. Über die Zukunft der Buchkultur. Darmstadt 2014


Autor
Prof. Dr. Thomas Elkeles
Hochschule Neubrandenburg FB Gesundheit, Pflege, Management
Homepage www.hs-nb.de/ppages/elkeles-thomas
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Zitiervorschlag
Thomas Elkeles: Qualitätssicherung wissenschaftlicher Veröffentlichungen – Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum Lektorat in Verlagen. Veröffentlicht am 22.05.2017 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/27820.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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