socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Das Ressentiment des Populismus

Richard Utz

Veröffentlicht am 02.06.2017.

Vortrag auf dem Fachtag „Soziale Arbeit und Rechtspopulismus“ an der Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen, 30. Mai 2017.

Zur Einführung

Worauf gründet der Erfolg der rechtspopulistischen Strategie?

In meinem Text will ich einen Aspekt zur erklärenden Variablen machen, der zwar häufig in Verbindung mit den Erfolgen der Rechtspopulisten genannt, aber nicht weiter aufgeklärt wird: Rechtspopulisten seien, so wird gesagt, deshalb so erfolgreich, weil sie an Stimmungen, genauer an Verstimmungen appellieren, die man seit Friedrich Nietzsches „Genealogie der Moral“ als „Ressentiments“ bezeichnet.

Zwei Punkte will ich machen:

Erstens kurz etwas zur Psychogenese des Ressentiments und zu den Entstehungsbedingungen auf der Ebene der betroffenen Subjekte sagen.

Zweitens etwas länger zur Soziogenese des Ressentiments und zum Ressentiment derjenigen gesellschaftlichen Gruppen als solchem sagen, aus denen sich die Protestwähler der AfD rekrutieren.

Ich komme zum 1ten Punkt und zur Psychogenese des Ressentiments

Am Anfang des Ressentiments steht ein »Nein«, das ein »Ego« Leiden macht. Ursache dieses Leidens am Nein ist zunächst ein äußeres Objekt, das »Ego« begehrt, aber nicht bekommt, oder eine Anerkennung Dritter, die »Ego« begehrt, aber nicht erhält. »Ego« reagiert auf diese Versagung nicht reflexiv-rational sondern spontan-affektiv, ohne dass sich diese Affektivität offen ausdrücken oder aktiv äußern kann, sondern innerpsychisch ablaufen muss. Das unbefriedigt und unerfüllt bleibende Begehren kompliziert sich dadurch, dass »Ego« die begehrten Objekte nicht aufgibt, sondern an sie fixiert bleibt. Deshalb muss es sowohl sein »nach außen« gerichtetes Begehren verneinen und also unterdrücken und auf das jeweils begehrte Objekt verzichten als auch zu sich selbst »Nein« sagen. Resultat ist das, was man umgangssprachlich als Groll oder Verbitterung bezeichnet.

Weshalb erfüllt »Ego« nicht sein Begehren, warum unterbleibt die Aneignung des begehrten Objekts und die Werbung um Anerkennung? Warum nimmt das Leiden am Nein seinen Weg ins Ressentiment? Sie unterbleibt, weil es eine übermächtige Gegenreaktion seitens eines Alter Egos oder einer Instanz fürchtet, welche die Aneignung des Objekts verhindern und dem Ego erheblichen Schaden zufügen und sein Leiden somit verdoppeln würden. So muss »Ego« die Befriedigung seines Begehrens auf einen späteren Zeitpunkt vertagen. Dies aber hat wiederum zur Folge, dass die ganze psychische Energie dieses Reflexbogens negativ geladen bleibt und, da ihr der nach außen gerichtete Ausdruck verwehrt ist, sich letztlich gegen »Ego« selbst, gegen seine eigene Affektivität wenden muss.

Wiederholt sich dieser Vorgang häufig und über eine längere Zeitspanne hinweg, entsteht ein Ohnmachtsgefühl, in dem sich der unerfüllt bleibende und gegen sich selbst gerichtete Affekt wiederholt, zum Gegenstand des Grübelns werden und sich als solcher verfestigen und einleben kann. Eine solchermaßen eingelebte Selbstverneinung verändert nun die Wahrnehmung der Außenwelt, auf die eine allgemeine Unterdrückungs- und Übermachtqualität projiziert wird, die dann als Begründung für diese Selbstverneinung funktioniert. Folge ist ein allmählich allgemein werdender Selbstverneinungsaffekt, der komplementär zu sich einen allgemein werdenden Weltverneinungsaffekt ausbildet.

Halten wir fest: Unter dem Gesichtspunkt seiner psychischen Ökonomie betrachtet, ist das Ressentiment der vorläufige Endpunkt eines Prozesses abnehmender Intensität und Spezifität eines spontanen Gefühls, das sich nach und nach in eine zunehmend extensiver und diffuser werdende Affektivität negativer Art verwandelt, um schließlich in die Latenz einer Stimmung ohne Bewusstsein ihrer Intentionalität abzusinken. Dabei verwandeln sich ein primäres Gefühl der Verletzung und Kränkung in eine sekundäre Verletzbarkeit und Kränkbarkeit solange, bis sie zu einer ihrer selbst unbewussten Stimmung der Verletztheit und Gekränktheit erstarren und als habitueller Teil die Empfindungsweise der betroffenen Personen negativ stimmen. Im Ergebnis färbt das Ressentiment sowohl die Selbst- wie die Weltempfindung negativ, ein verletztes und gekränktes Selbst lebt in einer Welt voller Bedrohung, Betrug und Lüge.

II. Soziogenese des Ressentiments

Das bringt mich zum zweiten Punkt und zu der Frage: Was ist der Grundkonflikt, der zur Ressentimentbildung auf der Ebene der Gesellschaft führt? Welche gesellschaftlichen Gruppen wählen die AfD? Und worin besteht ihr Ressentiment, das die populistische Demagogie der AfD aus ihrer Latenz erlöst und manifest werden lässt, indem sie ihr über eine Deutung ihrer Ursachen und durch eine Markierung der dafür Verantwortlichen einen emotionalen Ausdruck ermöglicht?

Max Scheler behauptet in seiner Studie „Das Ressentiment im Aufbau der Moralen“ eine besondere Ressentiment-Affinität moderner Demokratien: In modernen Demokratien mit ihren verfassungsmäßig und formell verbürgten Gleichheitsrechten, so Scheler, sei die Bevölkerung besonders für die Bildung von Ressentiments anfällig (Scheler 2004). Denn auf ihrem Boden gerät rechtliche Gleichheit immer mit sozialer, ökonomischer und kultureller Chancenwirklichkeit in einen offensichtlichen und spannungsreichen Konflikt. Und dieser Konflikt bildet einen strukturell günstigen Nährboden des Ressentiments. Denn die wahrgenommene Diskrepanz zwischen Rechtsanspruch und gesellschaftlicher Anspruchswirklichkeit sensibilisiert für soziale Unterschiede nach unten wie nach oben. Der Gleichheitsanspruch motiviert und legitimiert einen Vergleich, genauer: einen wertenden Statusvergleich und in dieser wertenden Vergleichsperspektive ist das „Ressentiment“ eine Größe, mit der man in demokratischen Verfassungsstaaten überall rechnen muss.

Die Frage ist: Welche Gesellschaftsschichten entwickeln unter diesen sozialen Bedingungen eine Diskrepanzwahrnehmung und in der Konsequenz welches kollektiv geteilte Ressentiment? Und konkret bezogen auf die politische Situation in der Bundesrepublik: Bei welchen Sozialgruppen fällt das ressentimentpolitische Angebot des AfD-Populismus auf fruchtbaren Boden? Denn die AfD betreibt dezidiert Ressentimentpolitik, wie an dem Ergebnis ihres inneren Machtkampfes abzulesen ist: Nicht die, wie gesagt wird, grundsätzlich koalitionsbereite und »realpolitische« Frauke Petri, sondern Gauland und Meuthen haben sich bundespolitisch durchgesetzt. Und sie stehen für reine Protestpolitik, die polemisieren und nicht regieren will, um auf diese Weise ihr Wählerklientel fester an sich zu binden und sich als politische Partei am rechten Rand dauerhaft zu etablieren.

Fangen wir mit der Frage an: Wer wählt die AfD? Antwort: In den Landtagswahlen der letzten drei Jahre waren das überwiegend Nichtwähler und Wechselwähler von denen die AfD im Vergleich zur CDU/CSU, SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen und FDP am meisten profitierte. Allerdings ist dieser Trend inzwischen unterbrochen. Denn: Seit die AfD in die Landtage einzieht, hat sich die politische Landschaft zunehmend polarisiert, was mit einem deutlichen Anstieg der Wahlbeteiligung einher ging, der zunächst der AfD zu Gute kam. Bei den Wahlen im Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen konnten CDU und SPD allerdings deutlich mehr Nicht- und Wechselwähler für sich mobilisieren als die AfD. Trotz dieser Entwicklung stellen bisherige Nichtwähler und Wechselwähler als Protestwähler nach wie vor die Hauptmasse der AfD-Wähler.

Wer sind die Nichtwähler und Wechselwähler? Die Wahlforschung lokalisiert die Nichtwähler vor allem in den prekären Lebenslagen, die Wechselwähler finden sich hingegen über alle Schichtsegmente der Gesellschaft allerdings ungleich verteilt. Für das Prekariat gibt es den immer wieder bestätigten Befund, dass Menschen, die in dieser Soziallage ihr Leben leben müssen, objektiv z.B. bezüglich Einkommen, Beruf und Gesundheitszustand von der allgemeinen Wohlstandsentwicklung abgehängt sind und sich auch von ihr abgehängt fühlen. Die Wechselwähler der Mittelschichten fühlen sich dagegen als Stützen der Gesellschaft und fühlen sich nach dem Befund z.B. von Heinz Bude nicht mit der begehrten Wertschätzung für ihre gesellschaftlichen Verdienste anerkannt und zunehmend von sozialem Abstieg bedroht (Bude 2015).

Wie lassen sich diese Befunde auf die AfD-Wähler beziehen?

Erstens: Die stärkste Wähler-Gruppe der AfD umfasst in der Tat vor allem Nichtwähler. Die für die AfD zu Protestwählern gewordenen Nichtwähler bestehen bei der AfD überwiegend aus Angehörigen prekärer Lebenslagen urbaner Problemquartiere und in geringerem Maße aus unzufriedenen Angehörigen der Mittelschichtlagen

Zweitens: Die andere große Gruppe der AfD-Wähler sind Wechselwähler, die ihre Stimmen je nach Wahlthema, je nach Partei-Haltung zu diesem Thema und je nach Spitzenkandidaten wechselnd einer der etablierten Parteien ihre Stimme geben. Die Wechselwähler finden sich vorwiegend im Bereich der Mittelschichten, denen es im Vergleich zu den prekären Lebenslagen materiell gut geht. In der Wahlforschung häufen sich indessen die Hinweise dafür, dass es vor allem die Wechselwähler der mittleren und unteren Segmente der Mittelschicht sind, die auf die AfD anspringen.

Zu dieser Einordnung der typischen AfD-Wähler nach Schichtzugehörigkeit hat die Wahlforschung zwei weitere Merkmale als typisch identifiziert: Mittleres bis höheres Alter und männliches Geschlecht. So kann man zusammenfassend sagen: Typische AfD-Wähler sind vor allem Männer mittleren bis höheren Alters, die als mittlere und kleinere Selbständige, Handwerksmeister und Facharbeiter ihren Lebensunterhalt verdienen und dem mittleren und unteren Mittelstand zuzurechnen sind – das ist die Gruppe der Wechselwähler. Der andere Wähler-Typus der AfD ist gleichfalls männlichen Geschlechts und mittleren Alters, der als ungelernter und angelernter Arbeiter erwerbstätig ist und in prekären Lebensumständen im Vorhof der Armut sein Leben fristen muss – das ist die Gruppe der bisherigen Nichtwähler, die jetzt für die AfD votiert.

Befragt man die Forschung nach den Motiven dieser Wähler-Gruppen, der AfD ihre Stimme zu geben, so gibt es dafür bislang nur eine plakative Antwort: Sie fühlen sich im Leben benachteiligt, so ist bei der Forschungsgruppe Wahlen zu lesen, und sie halten die AfD für diejenige Partei, der sie unter den Parteien im Hinblick auf die so genannte Flüchtlingskrise die höchste Kompetenz zuschreiben.

Die ressentimentale Latenz dieses Benachteiligtseins wird in diesem Gefühl der Benachteiligung manifest, die der AfD-Rechtspopulismus auf eine Weise deutet, dass er diese Wählergruppen über einen wertenden Vergleich zu den Asyl suchenden Menschen auf der Flucht vor Krieg und Elend in Beziehung setzt. Zum Sinngehalt dieses Benachteiligungsgefühls gibt es keine Studien. Was es gibt, sind allerdings zahlreiche YouTube-Videos, auf denen AfD-Sympathisanten und bekennende AfD-Wähler sowie Pegida-Läufer zu Wort kommen. Mit Hilfe dieser Clips lässt sich dieses Gefühl der Benachteiligung als Ergebnis eines wertenden Vergleichs ganz gut auf seinen Sinngehalt hin interpretieren und darüber auch verstehen, was das Motiv für ein AfD-Votum sein kann. Was solche YouTube-Videos natürlich nicht leisten können, sind eine belastbare Zurechnung der Interviewten auf eine prekäre Lebenslage und die mittleren und unteren Mittelschichten sowie die auf sie zugeschriebenen typischen Berufe, die Nichtwähler und Wechselwähler soziologisch charakterisieren.

Daher spekuliere ich an dieser Stelle und frage: Was kann die AfD Männern mittleren bis höheren Alters, und nur ihre Aussagen ziehe ich hier in Betracht, in prekären Soziallagen bieten, die faktisch sozial abgehängt sind und sich subjektiv auch abgehängt fühlen, und Männern mittleren und höheren Alters in mittleren und unteren Mittelschichtlagen, die sich in ihrem Ansprcuh auf soziale Geltung frustriert fühlen, als Situationsdeutung anbieten, mit deren Hilfe sie ihrer ressentimentalem Stimmung des Benachteiligtseins endlich einen emotionalen Ausdruck verschaffen können? Antwort: Die AfD bietet zum einen als Parteiorganisation und Bewegung eine Gegenöffentlichkeit an, zum anderen bietet sie ein nationalistisches Narrativ an, das eine nationalistische Identifikation und eine Zugehörigkeitsidee ermöglicht, die sich in scharfer Abgrenzung gegen Fremde: derzeit Asylsuchende und Muslime ergibt.

Diese Situationsdeutung trifft deshalb bei Männern in prekären Lebenslagen auf Zustimmung,

  • weil sie ihnen erstens erlaubt, sich zu einem Kollektiv der Eigenen zugehörig und nicht mehr von diesem „abgehängt“ zu fühlen, da sie sich auch leicht als partikularistisch: ethnisch, kulturell, biologisch definierte Deutsche verstehen können und auch wollen – das drückt die Parole „Wir sind das Volk!“ am deutlichsten aus; und
  • weil sie ihnen zweitens plausibel erscheinen lässt, dass ihre materiellen und ideellen Probleme nicht selbstverschuldet, sondern durch eine Politik fremdverschuldet ist, die diese Anderen, nicht zur partikularistisch definierten Nation Gehörenden, positiv, also materiell privilegieren und zwar auf Kosten einer materiellen Deprivation ihrer selbst;
  • schließlich verschafft es ihnen über die nationalistische Höherrangigkeitvorstellung des deutschen Volkes das Gefühl des Stolzes, eine Form der Selbsterhöhung, die sich über den abwertenden Vergleich mit „den“ Flüchtlingen leicht herstellen lässt.

Diese Situationsdeutung mittels nationalistischem Narrativ trifft bei Männern in mittleren und unteren Mittelschichtlagen auf Zustimmung,

  • weil sie nicht die gesellschaftliche Wertschätzung und Protektion seitens Politik und Medien erfahren, die ihnen nach ihrem Selbstverständnis als Stützen der Gesellschaft verdienter- und berechtigterweise zustehen, da der erwirtschaftete Wohlstand auf ihrer Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit beruhe. Und genau diese Wertschätzung und Protektion erhalten ihrer Wahrnehmung nach im Namen der Menschenrechte unberechtigterweise die um Asyl nachsuchenden Menschen auf der Flucht vor Krieg und Elend, die außerdem noch durch materielle Güter und Geld Unterstützung erführen, während sie selbst doch ihr Leben lang schuften und schaffen haben müssen und nichts geschenkt bekommen haben im Leben – so die immer wiederkehrenden Aussagen, die sich leicht über YouTube verifizieren lassen.

Die AfD hatte mit einem solchermaßen ausgelegten Nationalismus bisher deshalb so großen Erfolg, weil er

  • diesen Wählergruppen durch Bezug auf die im Vergleich zur eigenen negativen Privilegierung angeblich materiell und ideell positiv privilegierten „Fremden“ und „Flüchtlingen“ eine plausible Deutung anbot. Dieser wertende Vergleich politisiert ihre ressentimentträchtige Diskrepanzwahrnehmung, indem er die In-Group der Deutschen im Vergleich zur Out-Group der Fremden durch die Politik als ungerecht benachteiligte darstellt. Auf diese Weise verschaffte die AfD diesen Wählergruppen die Chance, ihrer ressentimentalen Verstimmung der Benachteiligtheit in dem Gefühl der Benachteiligung gegenüber konkreten Fremden einen emotionalen Ausdruck zu verschaffen, der durch die AfD und Pegida quasi rechtspopulistisch autorisiert und dadurch öffentlich artikulierbar geworden ist.
  • Zum anderen bietet der AfD-Populismus eine starke politische Position an, die dem Begehren dieser Wählergruppen nach materiellem Wohlstand und ihrem Begehren nach ideeller Wertschätzung eine politisch vernehmbare Stimme gibt, die in der politischen Arena gegen die etablierte Politik und die mediale Berichterstattung in ihrem Namen protestiert. Auf der anderen Seite eröffnet sich diesen Wählergruppen mit dem Votum für die AfD die Chance auf ein Votum gegen das etablierte Parteiensystem. In diesem Protestvotum manifestiert sich gewissermaßen die vertagte Vergeltung für das ohnmächtige Leiden am Nein, das, bis zur Unkenntlichkeit zerduldet, im Gefühl der Benachteiligung vor sich hin schwelte – alles unter Berufung auf das Grundrecht auf Meinungsfreiheit und ohne Furcht vor negativen Sanktionen.

III.

Ich komme zum Ende. Ressentiments sind individuelle und kollektive Stimmungszustände ohne bestimmte Richtung und Gegenstände, also Latenzzustände ohne Bewusstsein ihrer Intentionalität. In den westlichen Demokratien verwendet die rechtpopulistische Demagogie nationalistische Narrative, um die latenten Ressentiments der Benachteiligung, die man vielleicht als frustrierten Neid und frustriertes Geltungsbedürfnis ansprechen könnte, in manifeste Emotionen zu transformieren, die sich auf Demonstrationen politisieren und durch die sich Nichtwähler und Wechselwähler als Protestwähler gewinnen lassen.

Schaut man in ihre Programme, hört man ihren Rednern zu und liest ihre Intellektuellen, so zeigt sich rasch, dass rechtspopulistische Politik nichts weniger als materielle Emanzipation und ideelle Anerkennung im Namen der demokratischen Gleichstellungsrechte derjenigen Menschen im Sinn hat, die sie wählen. Denn für den Rechtspopulismus löst sich das Problem der sozialen Ungleichheit bei rechtlich verbürgter Gleichstellung durch die ethnisch und kulturell als Einheit gedachte „Kulturnation“, die materielle und ideelle Ungleichheiten durch den Bezug auf die überempirische Gemeinsamkeitsvorstellung der absolut gesetzten Wertidee der „deutschen Nation“ zu versöhnen vorgibt. Denn für Rechte und Rechtspopulisten sind staatsbürgerrechtliche Gleichheit und soziale wie ökonomische Gleichheitsansprüche und kulturelle „Liberalität“ nur Signaturen der Dekadenz, sie müssen weg und durch autoritäre und hierarchische Gesellschaftsmodelle ersetzt werden.

Doch das hat mit dem, was Menschen sich für sich wünschen, die "Wir sind das Volk!" skandieren, wenig bis gar nichts zu tun. Die populistische Ressentimentdemagogie konstruiert letztlich eine Wirklichkeit jenseits von „Lügenpresse“, „Establishment“ und offener Gesellschaft. In ihr findet die ressentimentale Verstimmtheit der Nichtwähler und Wechselwähler als Protestwähler zwar politisch eine emotional ihr adäquate Ausdrucksmöglichkeit, aber ein höchst zweifelhaftes, weil unwirkliches Unterkommen, das sich zwar als Befreiung, Schutz und Anerkennung ausgibt, tatsächlich aber auf eine nationalistische Instrumentalisierung hinausläuft. Der Rechtspopulismus narkotisiert Groll durch Stolz und blendet diejenigen gesellschaftlichen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aus, die das Ressentiment der gesellschaftlich Abgehängten und Gekränkten immer wieder aufs Neue hervorbringen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Quellenangaben

Bude, Heinz, 2015. Das Unbehangen in der bürgerlichen Mitte. Bonn: bpb. In; Hradil, Stefan, Hrsg.: Oben – Mitte – Unten. Zur Vermessung der Gesellschaft. Bonn: bpb, S. 197-205

Scheler, Max 2004. Das Ressentiment im Aufbau der Moralen. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Klostermann. ISBN 978-3-465-01200-9


Autor
Prof. Dr. Richard Utz
Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen
Homepage utzr.twoday.net
E-Mail Mailformular


Zitiervorschlag
Richard Utz: Das Ressentiment des Populismus. Veröffentlicht am 02.06.2017 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/27829.php, Datum des Zugriffs 26.06.2017.


Urheberrecht
Dieser Beitrag ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, helfen wir Ihnen gerne weiter. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Materialien für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Übersicht über alle Materialien

Immer auf dem Laufenden?

socialnet ist das Fachportal für Sozialwirtschaft und Nonprofit-Management. Das Branchenbuch, die Rezensionen und weitere Dienste werden laufend ausgebaut. Damit Sie nichts verpassen, informieren wir Sie gerne monatlich über neue Angebote. Bestellen Sie unseren kostenlosen Newsletter.

Förderverein

Damit wir Ihnen künftig noch mehr kostenlose Fachinformationen zur Verfügung stellen können, benötigen wir Ihre Unterstützung. Sie können uns über den Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. steuerbegünstigt Spenden zukommen lassen.