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Empowerment als normative Orientierung der Sozialbegleitung

Johannes Schmuck

Veröffentlicht am 22.06.2017.

Empowerment ist zum Schlagwort geworden. Unternehmen „empowern“ ihre Mitarbeitenden, aber auch Unterrichtseinheiten in der Sozialen Arbeit werden so bezeichnet. In der Sozialen Arbeit definieren die einen Empowerment eher als Übernahme der Macht und Verantwortung über das eigene Leben (Betroffenenperspektive), die anderen eher als spezifische Form gezielter professioneller Unterstützung auf mehr Selbstbestimmung hin.

Im Folgenden wird anhand von ausgewählten Fragestellungen zentralen Perspektiven vom Empowerment für die Sozialbegleitung nachgegangen.

Braucht es beim Empowerment zwingend professionelle sozialbegleiterische oder sozialarbeiterische Unterstützung?
Nein. Empowerment als Selbstermächtigung hat in seiner Geschichte (amerikanische Bürgerrechtsbewegung und Selbsthilfe-Bewegung) nicht nur eine Fülle von erfolgreichen Vorgehensweisen der Selbstermächtigung entwickelt, sondern auch ein differenziertes Sensorium gegenüber fürsorglicher Belagerung bzw. sozialarbeiterischer Kolonisation der Lebenswelt.

Ist Empowerment eine Methode?
Galuske betont in seinem Standardwerk „Methoden der Sozialen Arbeit“ zu Recht, dass Empowerment keine Methode im engeren Sinn ist, sondern „eine konzeptionelle, normative Orientierung“ [1] der sozialen Arbeit darstellt. Stark nennt es ein „praxisorientiertes Konzept“ [2] und Herriger eine „Sammelkategorie für (…) Arbeitsansätze“ [3].

Wie ist eine Definition für die sozialbegleiterische Arbeit?
„Empowerment (Selbstermächtigung) ermutigt Menschen dazu die Macht und Verantwortung für die Lebensvollzüge in die eigenen Hände zu nehmen. Sie setzt sich dafür ein, dass grundsätzlich Menschen selber Experten in ihren eigenen Sachen sind. Sie umfasst die 1. individuelle Ebene, die 2. Ebene der sozialen Netzwerke und Nachbarschaften, die 3. institutionelle Ebene und die 4. lokalpolitische Ebene.“ [4]
Empowernd wirkt Sozialbegleitung also dann, wenn sie zum Beispiel durch überlegte Biografiearbeit die Menschen dabei unterstützt, sich ihre Biografie anzueignen (individuelle Ebene) und durch die Stärkung der nachbarschaftlichen Unterstützung gleichzeitig neue Ressourcen erschliesst (soziale Netzwerke und Nachbarschaften). Ebenso durch ihr Eintreten für institutionelle Vorgaben und Abläufe, bei denen die Betroffenen nicht zum Objekt gemacht und entmündigt werden. Kein Recht, über den Einzug der neuen Mitbewohnenden in der Wohngemeinschaft mitzubestimmen, gehört ebenso hierhin wie Fragen der Bevormundung bzgl. der Wahl des Arbeitsortes, der Feriendestination oder der eigenen Ernährung (institutionelle Ebene). So setzt sich Sozialbegleitung schliesslich dafür ein, dass die Betroffenen im Quartier oder Dorf politisch auch Verantwortung übernehmen können und öffentlich gehört werden (lokal- und gesellschaftspolitische Ebene; vergl. als Beispiel unten Radioarbeit).

Ist Empowerment als normative Orientierung für die Sozialbegleitung einfach die Summe von diversen ressourcenorientierten, biografieorientierten und selbstbestimmungsorientierten Methoden und Techniken?
Empowerment betrifft mehr, als nur die individuelle oder soziale Ebene. Es bedeutet zu hinterfragen, wo die institutionelle Praxis durch Fremdbestimmung Verhandeln erschwert oder Resignation und Ängste stärkt. Und es meint die gezielte Stärkung, Verantwortung und lokalpolitische Macht z.B. durch den Aufbau von Selbsthilfegruppen zu übernehmen.
Dies sagt nichts dagegen aus, als SozialbegleiterIn mit Menschen ressourcenorientiert oder biografieorientiert zu arbeiten. Begrifflich ist es jedoch irreführend, dies als Empowerment zu bezeichnen.

Und wie liesse Empowerment sich sonst noch beschreiben?
Empowerment bedeutet, die Personen dabei zu begleiten, die Subjekte – und nicht die Objekte – des eigenen Lebens zu sein. Empowerment ist deswegen auch nicht prinzipiell anti-institutionell, aber wendet sich gegen institutionelle Strukturen und Abläufe, die Betroffene zu Objekten machen.

Was ist ganz sicher nicht empowernd?

  • Menschen von ihrer Biografie abzuschneiden, auf ihre Defizite zu reduzieren und von der Gestaltung ihrer Lebensbedingungen abzuhalten
  • Menschen grundsätzlich ihre Entscheidungskompetenz für das eigene Leben abzusprechen
  • Menschen auf das eigene Standardmass von Menschsein abzurichten
  • Die eigenen Methoden und Techniken mehr zu schätzen als die Betroffenen
  • Durch immer verfeinerte Methoden und Perspektiven immer neue Ziele formulieren, bei denen noch zu begleiten wäre (Beispiel der Kolonisation der Lebenswelt)
  • Betroffenen die Schuld für Krankheit oder Ausgrenzung zuzurechnen

Was gibt es eigentlich für innovative Empowermentprojekte in der Schweiz?
Zum Bespiel eine Stimme erhalten, indem man Radio macht.
Menschen mit Biografiebrüchen durch Flucht, Krankheit oder Langzeitarbeitslosigkeit, Menschen mit Sinnesbeeinträchtigung, kognitiven oder psychischen Beeinträchtigung eignen sich mit eigenen Radiosendungen den öffentlichen Raum an und lassen von sich hören. In begleiteten Projekten der Radioschule klipp+klang gestalten bei Gemeinschaftsradios Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung (Happy Radio), einer psychischen Beeinträchtigung (Radio loco-motivo), einer Sinnesbeeinträchtigung (Redaktion Sichtpunkt) oder MigrantInnen (Vitamin B) Sendungen.

Und wo finde ich mehr Informationen?

Bücher:

  • Empowerment in der Sozialen Arbeit: Eine Einführung von Norbert Herriger; Kohlhammer W., GmbH; Auflage: 5 (2014)
  • Empowerment und Recovery von Andreas Knuf; Psychiatrie Verlag; Auflage: 5 (2016)
  • Inklusion, Partizipation und Empowerment in der Behindertenarbeit: Best Practice-Beispiele: Wohnen – Leben – Arbeit – Freizeit von Helmut Schwalb und Georg Theunissen (Herausgeber); Kohlhammer W., GmbH; Auflage: 2 (2012)

Internet:

Radioarbeit

Weitere Veröffentlichung zur Sozialbegleitung: Grundlagen und Geschichte der Sozialbegleitung in der Schweiz. in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/27592.php


[1] Georg Singe. Rezension vom 14.07.2011 zu: Michael Galuske: Methoden der sozialen Arbeit. Eine Einführung. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 9., ergänzte Auflage. ISBN 978-3-7799-1441-9 [Rezension bei socialnet]. Reihe: Grundlagentexte Sozialpädagogik, Sozialarbeit.

[2] Stark, W. (2017). Empowerment. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie. Abgerufen am 09.03.2017, von https://portal.hogrefe.com/dorsch/empowerment/

[3] Herriger, N. (2017). Was ist Empowerment?. Abgerufen am 9.3.2017, von http://www.empowerment.de/

[4] Wegleitung Sozialbegleitung. Abgerufen am 9.3.2017, von http://www.sozialbegleitung-berufspruefung.ch/pics_docs_sekretariat/dokumente/wegleitung%20berufsprufung%20sozialbegleitung_08_01_16.pdf


Autor
Johannes Schmuck
Dipl. Soz. päd., mag. phil.
Geschäftsführung Beratung Bildung Management, Supervisor (BSO)
Homepage www.johannesschmuck.ch
E-Mail Mailformular


Zitiervorschlag
Johannes Schmuck: Empowerment als normative Orientierung der Sozialbegleitung. Veröffentlicht am 22.06.2017 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/27833.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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