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Entwicklungsperspektiven im Nord-Süd-Kontext

Das Konzept Soziale Entwicklung im Spiegel von Entwicklungszusammenarbeit und Sozialer Arbeit

Lia Calvelo

Veröffentlicht am 17.10.2017.

socialnet Materialien. Reihe 2: Akademische Abschlussarbeiten

Abschlussarbeit zur Erlangung des Akademischen Grades „Master of Arts“ (M.A.) im Studiengang „Soziale Arbeit - International Relations and Social Policy“ an der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Erfurt
Erstgutachterin: Dr. Christine Rehklau
Zweitgutachter: Prof. Dr. Ronald Lutz
Sommersemester 2014
Note: 1,0.

Exposé

Im Rahmen der disziplinären Auseinandersetzung Sozialer Arbeit in Deutschland mit dem Diskurs internationaler Sozialer Arbeit und dem Konzept Sozialer Entwicklung wird in der vorliegenden Masterarbeit die Möglichekeit einer entwicklungsbezogenen, machtkritischen, transnationalen Sozialen Arbeit erörtert. Während der Ansatz „Soziale Entwicklung“ im internationalen Kontext Sozialer Arbeit von grundlegender Bedeutung ist, hat er im deutschsprachigen Raum bisher wenig Beachtung gefunden. Obwohl der Begriff der Entwicklung in Deutschland diskutiert und über alternative Entwicklungskonzepte nachgedacht wird, muss konstatiert werden, dass dies kaum in Bezug zur nationalen Professionsdebatte über Soziale Arbeit gestellt wird und es im Grunde keinen eigenen Diskurs über Soziale Entwicklung gibt (vgl. Homfeldt und Reutlinger 2009). Dabei könnte dieses Konzept als Orientierungsgrundlage einer transnationalen Arbeit „[…] eine neue Entwicklungsperspektive jenseits wohlfahrtsstaatlicher Logik eröffnen“ (Homfeldt und Schmitt 2011, S. 16), ohne dass dadurch nationale und lokale Gegebenheiten bedeutungslos, geschweige denn dass soziale Besonderheiten vereinheitlicht würden (vgl. Reutlinger 2008). Indem die klassische bzw. ursprüngliche nationalstaatliche und territoriale Ausgestaltung und normative Orientierung an „industriekapitalistischen Produktionsprozesse[n]“ (Reutlinger 2008, S. 237) sowie die damit verbundene, auf gesellschaftlicher Rollenteilung basierende Normalisierungsaufgabe im Sinne einer gesellschaftlichen Integration durch Erwerbsarbeit hinterfragt und neu überdacht würden, könnte sich Soziale Arbeit durch eine transnationale Verortung angesichts aktueller globaler Herausforderungen in Folge einer „postnationalen Konstellation“ (Seitz 2005, 60 in Reutlinger 2008, S. 237) neu positionieren und handlungsfähiger werden.

Neben einer umfassenden theoretischen Erörterung Sozialer Entwickung (vgl. Midgley 2009, Homfeldt und Reutlinger 2009, Reutlinger 2008) werden in der vorliegenden Arbeit daher zunächst gängige und gültige Entwicklungstheorien der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) in einer historischen und zeitgenössischen Betrachtung umrissen (vgl. Stockmann, Menzel und Nuscheler 2010) und um die entwicklungskritischen, postkolonialen Ansätze des Post-Development und Degrowth ergänzt (vgl. Castro, Varela und Dhawan 2005, Ziai 2012, Muraca 2013), um danach eine Skizze der sogenannten „Sozialarbeit des Südens“ (vgl. Lutz und Rehklau 2009a) und einer international ausgerichteten bzw. transnational gedachten Sozialen Arbeit nachzuzeichnen (vgl. Homfeldt und Schmitt 2011, Homfeldt, Schröer und Schweppe 2008, Reutlinger 2008). Dies stellt den theoretischen Hintergrund für die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit dar, welche im forschungsmethodologischen Teil ausgeführt wird und wie folgt lautet: Welches Verständnis von „Entwicklung“ verbirgt sich hinter dem Begriff „Soziale Entwicklung“ bzw. „social development“, wie wird im Vergleich dazu „Entwicklung“ im deutschsprachigen Organisationskontext der EZ verstanden und welche Bedeutung können beide Blickwinkel für die Praxis und das Selbstverstädnis Sozialer Arbeit haben?

Das Erkenntnisinteresse der Autorin besteht dabei darin, Soziale Entwicklung als international etabliertes, aber, wie oben schon erwähnt, im deutschsprachigen Raum kaum rezipiertes Konzept, näher zu beleuchten und in seinen theoretischen und praktischen Grundzügen zu erfassen. Dies wird von der Annahme getragen, dass eine Auseinandersetzung mit diesem Thema im Hinblick auf die professionelle Ausgestaltung Sozialer Arbeit im deutschsprachigen Raum potenziell erkenntnis- und lehrreich sein könnte, in jedem Fall aber sinnvoll im Sinne eines sprichwörtlichen Blickes über den Tellerrand ist. Diese Annahme fußt unter anderem auf dem von James Midgley vorgeschlagenen, globalen Dialog im internationalen Nord-Süd-Kontext und den Entwürfen einer transnational zu verortenden Sozialen Arbeit nach Hans Günther Homfeldt und Christian Reutlinger et al. (vgl. Midgley 2009b, Homfeldt und Schmitt 2011, Homfeldt, Schröer und Schweppe 2008, Reutlinger 2008). Anhand einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Entwicklung“ im hegemonialen Nord-Süd-Gefälle von Entwicklungszusammenarbeit und im Rahmen des internationalen Ansatzes „Soziale Entwicklung“, wird also versucht herauszufinden, welches immanente Verständnis von Entwicklung in beiden Bereichen vorherrscht und welche Schlussfolgerungen daraus für Soziale Arbeit als angewandte Wissenschaft gezogen werden können.

Die dabei zugrunde gelegte, sozialarbeiterische und praxisbezogene Hypothese ist, dass der globale Süden aufgrund seines ganzheitlich orientierten, sozialen Entwicklungsansatzes von Sozialer Arbeit, insbesondere bezüglich des erläuterten Konzeptes „Sozialer Entwicklung“ (vgl. Midgley 2009b), dem globalen Norden etwas voraus hat. Unter anderem in Form einer größeren Handlungsfähigkeit gegenüber den aktuell zu bewältigenden ökonomischen und sozialen Problemen, auch im Sinne einer „Umkehrung der Entwicklungsproblematik“ (Menzel 2010, S. 154), wonach nun eben der Norden, inklusive dem west- und mitteleuropäischen Raum, seine bestehenden gesellschaftspolitischen Systeme, also auch die Ausgestaltung Sozialer Arbeit, überdenken und verändern muss (vgl. Lutz und Rehklau 2009a). In diesem Zusammenhang wird auch ein Entwurf transnationaler Sozialer Arbeit als Möglichkeit und Notwendigkeit diskutiert, wodurch ein dialogisches Lernen vom gegenwärtig praxiserfahreneren, aber nach wie vor diskursiv und reell degradierten globalen Süden stattfinden kann. Vor allem wird hierfür das Argument angeführt, dass die im Norden zu verortende, „expertenhafte“ Wissensproduktion, nicht nur im EZ-Bereich, immer noch vorherrschend ist, ebenso wie der entsprechende Wissenstransfer von Nord nach Süd (vgl. Ziai 2012). „Die Vorstellung, dass Wissen aus dem Süden notwendig wäre, um die gesellschaftlichen Probleme des Nordens zu bewältigen, erscheint den meisten absurd“ (Ziai 2012, S. 28).

Der empirische Teil der vorliegenden Arbeit wurde methodisch anhand einer Dokumentenanalyse und einer qualitativen, strukturierend-zusammenfassenden und in diesem Fall diskursanalytisch orientierten Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring umgesetzt (vgl. Mayring 2010, Flick 2009). Die hierfür zugrunde gelegten Dokumente umfassen die zum Zeitpunkt des Untersuchungsbeginns jeweils aktuellsten Jahresberichte sowie die Selbstbeschreibungen und Satzungspapiere der drei deutschen, entwicklungspolitischen Organisationen AWO International, Brot für die Welt und Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Zudem wurden auf theorie- und literaturbezogener Forschungsebende wissenschaftliche Beiträge der einschlägigen Autorinnen im Spektrum Sozialer Entwicklung, Leila Patel, James Midgley und Ndangwa Noyoo, studiert und als Diskussions- und Vergleichsrahmen für die Ergebnisse der oben genannten Textanalysen genommen. Schließlich kommt die Autorin nach der Auswertung des Untersuchungsmaterials und der theoriebezogenen Betrachtung bzw. Interpretation der Ergebnisse zu dem Fazit, dass die herasugearbeiteten Entwicklungsverständnisse, trotz vielversprechender, emanzipativer Ansätze, nach wie vor tendenziell von der Annahme eines überlegenen Gebers bzw. Gönners und Experten, eines „entwickelten“ Nordens und eines unterlegenen Empfängers bzw. Begünstigten und Laien, eines „unterentwickelten“ Südens geprägt sind (vgl. Ziai 2012). Zudem kommt dem herrschenden, ökonomischen Wachstumsparadigma trotz hoher Nachhaltigkeitsansprüche eine zentrale Rolle zu (vgl. Stockmann 2010). Beides wird dann im Zusammenhang Sozialer Arbeit, ihrer institutionellen Einbettung in den national- sowie wohlfahrtsstaatlichen Kontext und ihres durchaus üblichen, professionellen Selbstverständnisses als „aktives, expertenhaftes Helfersubjekt“ gegenüber „passiven, defizitären Hilfsobjekten“ kritisch erörtert (vgl. Lutz und Rehklau 2009a). Zuletzt wird der Vorschlag gemacht, diese Überlegungen angesichts aktueller globaler Problemlagen, insbesondere der zunehmenden Klima- und Ungleichheitsproblematik, im Sinne des Degrowth- und des Post-Development-Ansatzes um ein wachstums- und herrschaftskritisches Verständnis zu ergänzen. Die Dringlichkeit eines dialogischen, transnationalen Lernens wird hervorgehoben und es wird versucht, den Entwurf einer entsprechend selbst- und machtreflexiven, dialogisch-emanzipativen, ressourcen- und prozess- bzw. entwicklungsorientierten, transnationalen Sozialen Arbeit zu skizzieren, auch und gerade weil dies als utopische Idee anmutet.

Literaturverzeichnis (Auswahl)

Castro Varela, María do Mar und Nikita Dhawan, 2005. Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Cultural Studies. Band 12. Bielefeld: transcript Verlag. ISBN 978-3-89942-337-2

Flick, Uwe, 2009. Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. 2. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag. ISBN 978-3-499-55694-4 [Rezension bei socialnet]

Homfeldt, Hans Günther und Caroline Schmitt, 2011. Transnationale Forschungsfelder und Schaltstellen transnationaler Sozialer Arbeit. In: Hans Günther, Homfeldt, Hrsg. Soziale Arbeit als Entwicklungszusammenarbeit. Soziale Arbeit Aktuell. Band 16. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. S. 4 ff. ISBN 978-3-8340-0833-6 [Rezension bei socialnet]

Homfeldt, Hans Günther und Christian Reutlinger, Hrsg., 2009. Soziale Arbeit und Soziale Entwicklung. Grundlagen der Sozialen Arbeit. Band 20. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. ISBN 978-3-8340-0575-5

Homfeldt, Hans Günther, Wolfgang Schröer und Cornelia Schweppe, Hrsg., 2008. Soziale Arbeit und Transnationalität. Herausforderungen eines spannungsreichen Bezugs. Weinheim: Juventa Verlag. ISBN 978-3-7799-1737-3 [Rezension bei socialnet]

Lutz, Ronald und Christine Rehklau, 2009a. Partnerschaft oder Kolonisation? Thesen zum Verhältnis des Nordens zur Sozialarbeit des Südens. In: Leonie, Wagner und Ronald, Lutz, Hrsg. Internationale Perspektiven Sozialer Arbeit, Dimensionen – Themen – Organisationen. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 33-53. ISBN 978-3-531-16423-6

Mayring, Philipp, 2010. Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Weinheim und Basel: Beltz Verlag. ISBN 978-3-407-25533-4

Menzel, Ulrich, 2010. Entwicklungstheorie. Teil I. In: Reinhard, Stockmann, Ulrich, Menzel und Franz Nuscheler. Entwicklungspolitik. Theorien, Probleme, Strategien. München: Oldenbourg Verlag. S. 11 ff. ISBN 978-3-486-58998-6

Midgley, James, 2009b. Social Work and Social Development – towards a Global Dialogue. In: Hans Günther, Homfeldt und Christian, Reutlinger, Hrsg. Soziale Arbeit und Soziale Entwicklung. Grundlagen der Sozialen Arbeit. Band 20. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. S. 12 ff. ISBN 978-3-8340-0575-5

Muraca, Barbara, 2013. Décroissance: A Project for a Radical Transformation of Society. In: Environmental Values. [online] Vol. 22. No. 2. S. 147-169. Isle of Harris: The White Horse Press. [Zugriff am 31.05.2014] Verfügbar unter: http://www.whpress.co.uk/EV/EV22.html

Reutlinger, Christian, 2008. Social development als Rahmentheorie transnationaler Sozialer Arbeit. In: Hans Günther, Homfeldt, Wolfgang, Schröerund Cornelia Schweppe, Hrsg. Soziale Arbeit und Transnationalität. Herausforderungen eines spannungsreichen Bezugs. Weinheim: Juventa Verlag. S. 235 ff. ISBN 978-3-7799-1737-3 [Rezension bei socialnet]

Stockmann, Reinhard, Ulrich Menzel und Franz Nuscheler, 2010. Entwicklungspolitik. Theorien, Probleme, Strategien. München: Oldenbourg Verlag. ISBN 978-3-486-58998-6

Ziai, Aram, 2012. Post-Development: Fundamentalkritik der „Entwicklung“. In: Geographica Helvetica [online]. 67. S. 133-138 [Zugriff am: 19.05.2017]. Vefügbar unter: https://doi.org/10.5194/gh-67-133-2012

Anlagen

  1. Masterarbeit (pdf)

Autorin
Lia Calvelo
Master of Arts in Social Work/ Sozialarbeiterin
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Zitiervorschlag
Lia Calvelo: Entwicklungsperspektiven im Nord-Süd-Kontext. Das Konzept Soziale Entwicklung im Spiegel von Entwicklungszusammenarbeit und Sozialer Arbeit. Veröffentlicht am 17.10.2017 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/27920.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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