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Private Altersvorsorge

Der Teufel liegt im Detail

Michael Klawitter

veröffentlicht am 02.01.2003

Zusammenfassung
Der Erfolg einer privaten Rentenversicherung hängt wesentlich von Inflationsrate, Zinssatz und Einzahlungsdauer ab. Die konkrete Wirkung dieser Faktoren dürfte den wenigsten Menschen bewusst sein.

Das bisherige öffentlich rechtliche Rentensystem wird seine Leistungen in den nächsten Jahren weit deutlicher zurückschneiden müssen, als dies bisher diskutiert wird. Das Auseinanderklaffen der Zahl der Beitragszahler und der der Rentenempfängern lässt kaum eine andere Wahl. Liegt aktuell die durchschnittliche Rentenhöhe bei 68% des letzten Einkommens, ist es recht wahrscheinlich, dass im Jahre 2015 die Durchschnittsrente bei nur noch 55% liegt. In vielen Fällen wird dies weniger als der Sozialhilfesatz sein.

Private Altersvorsorge ist vor diesem Hintergrund sicherlich sinnvoll. Allerdings erscheinen die Renditeversprechungen der meisten Finanzdienstleister deutlich überzogen zu sein, Enttäuschungen auch bei der privaten Altersvorsorge sind wahrscheinlich. Materielle Sicherheit im Alter wird in diesem Umfeld deshalb keine Selbstverständlichkeit sein.

Auch wenn die Prospekte der Anbieter von privaten Altersvorsorgemodellen durchweg mit hohen Rentenversprechungen beeindrucken, der Teufel liegt im Detail. So sind häufig die in den Modellrechnungen getätigten Annahmen kaum auf die Realität übertragbar. Entweder werden zu hohen Kapitalmarktrenditen angesetzt oder die Einzahlungszeiträume werden zu lang angesetzt. Die Dynamik der Rentenberechnung beinhaltet allerdings, dass schon kleine Abweichungen der Inputfaktoren die am Ende verfügbare Rente stark verändern. Nur den wenigsten Anlegern dürfte dies tatsächlich bewusst sein.

Neben der Höhe der monatlichen Einzahlungen und der Einzahlungsdauer ist die Kapitalmarktrendite der entscheidende Bestimmungsfaktor für die Höhe der später zu beziehende private Rente. Unter der Annahme, dass über 40 Jahre monatlich 200 Euro eingezahlt werden, ergibt sich im Fall einer jährlichen Kapitalmarktrendite von 6% eine monatliche Rente von 2567 Euro für einen Zeitraum von 25 Jahren. Läge der Kapitalmarktzins bei 8%, könnte die Rentenhöhe sogar auf 5200 Euro pro Monat steigen. Umgekehrt würde eine Rendite von nur 4%, die Rente auf monatlich 1265 Euro absinken lassen. Die Schwankungsbreite ist damit recht beträchtlich.

Während der letzten 12 Jahre lag die durchschnittliche Kapitalmarktrendite bei etwa 6.2%, während der letzten 5 Jahre sogar nur bei 4.9%. Angesichts niedriger Inflationsraten ist damit kaum zu erwarten, dass die Renditeniveaus in der Zukunft wieder deutlich ansteigen werden, während gleichzeitig das Beispiel Japan zeigt, dass auch niedrigere Renditeniveaus durchaus möglich sind. Die von Seiten vieler Anbieter von privaten Altersvorsorgemodellen benutzten Renditeerwartungen von deutlich über 6% sind damit grundsätzlich mit einem hohen Maß an Misstrauen zu betrachten. Auch das häufig benutzte Argument, dass über eine verstärkte Beimischung von Aktien eine höhere Rendite zu erzielen sei, ist äußerst zweifelhaft. Die Aktienperformance zwischen 1995 und März 2000 war die Ausnahme und nicht die Regel. Auf eine Wiederholung zu hoffen wäre naiv. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt zudem, dass eine Seitwärtsbewegung bei Aktien durchaus 10 Jahre anhalten kann (so geschehen in den 70ger Jahren).

Die wenigsten Anleger sind sich zudem darüber im klaren, dass die saftigen Renditeversprechungen sich nur für Einzahlungszeiträume von mindestens 40 Jahren ergeben. Diese können aber zum heutigen Zeitpunkt nur von Berufseinsteigen erreicht werden. Ansonsten sind 30 Jahre oder sogar nur eine zwanzigjährige Einzahlungsdauer realistischer. Reduziert sich aber die Einzahlungszeit von 40 auf nur 30 Jahre, beläuft sich die monatliche Rente (6% Rendite, 200 Euro monatliche Einzahlung) auf nur noch 1311, statt der vorher prognostizierten 2567 Euro. 20 Jahre Einzahlung ergeben nur 610 Euro, und nach 10 Jahren beläuft sich der Rentenanspruch auf gerade einmal 219 Euro. Für die breite Mehrheit der heute über 40 Jährigen fällt damit die private Altersvorsorge als wirkungsvoller Ausgleich für die schwindenden Zahlungen der öffentlichen Rentenversicherung aus und die sogenannte Versorgungslücke bleibt bestehen.

Angesichts der hohen Bedeutung des Einzahlungszeitraums für die Rentenhöhe, ist es gleichermaßen verständlich, dass sich die Anlagestrategien je nach Anlagezeitraum unterscheiden müssen. Ein Standardprodukt für die private Altersvorsorge gibt es nicht. Je kürzer der Einzahlungszeitraum, um so geringer sollte aufgrund der höheren Volatilität die Aktienquote der Anlage sein.

Gleichzeitig wird häufig vergessen, dass aufgrund der Inflationsrate die Kaufkraft eines Euros heute deutlich höher ist als die eines Euros in 30 Jahren. Unter der Annahme einer Inflationsrate von nur 2% pro Jahr, was unter dem langjährigen Durchschnitt in Deutschland liegt, entsprächen die nach 30 Jahren Einzahlung erworbenen Rentenansprüche von 1311 Euro nur noch einem heutigen Gegenwert von 723 Euro. Die rein nominale Höhe der Rentenzahlung verzerrt damit häufig ihre reale Kaufkraft.

All dies ist kein Argument, auf private Rentenvorsorge zu verzichten! Denn die öffentliche Rente wird in jedem Fall signifikant zurückgehen, so dass vor diesem Hintergrund nur private Ersparnis eine Abfederung dieser Entwicklung gewährleisten kann. Auch darf nicht vergessen werden, dass sich die Beiträge zur privaten Altersvorsorge teilweise von der Steuer absetzen lassen, was abhängig vom persönlichen Grenzsteuersatz die Vorteilhaftigkeit der privaten Altersvorsorge erhöht.

Allerdings ist insgesamt festzuhalten, dass angesichts der Komplexität des Themenbereichs, die relevanten Details einem Grossteil der Bürger weiterhin unbekannt sind.


Autor
Michael Klawitter
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Zitiervorschlag
Michael Klawitter: Private Altersvorsorge. Der Teufel liegt im Detail. Veröffentlicht am 02.01.2003 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/28.php, Datum des Zugriffs 28.10.2021.


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