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Die Viernheim-Studie

Eine psychologische Untersuchung zur Integration von Geflüchteten in einer deutschen Gemeinde

Angelika Groterath (Hrsg.)

Veröffentlicht am 24.05.2018.

socialnet Materialien. Reihe 6: Forschungsprojekte

Hintergrund und Zusammenfassung

Über die kleine Stadt Viernheim in Südhessen und ihr Engagement für Geflüchtete, das Projekt „Ich bin ein Viernheimer“ (URL 1) und die „Helping Hands“ (URL 2), die erste Selbsthilfegruppe von Geflüchteten in Deutschland, ist schon oft berichtet worden und dies nicht nur in Deutschland (URL 3). Die Stadt, „fast so bekannt wie Lampedusa“, so eine Studentin der Hochschule Darmstadt, war auch dazu bereit, sich auf ein deutsch-italienisches Experiment einzulassen. 2016/17 konnten zwei Psychologiestudent*innen der Sapienza Universität Rom, die ein ERASMUS-Semester am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt absolvierten, hier Praxiserfahrung in der Arbeit mit Geflüchteten sammeln. Giorgia Marinelli kehrte ein Jahr danach nach Darmstadt und Viernheim zurück, um unter der Anleitung von Prof. Dr. Viviana Langher, Sapienza Universität Rom, und Prof. Dr. Angelika Groterath, Hochschule Darmstadt, ihre Masterarbeit in Klinischer Psychologie anzufertigen. Das Thema ihrer Arbeit war „Migranti e territorio Ricerca intervento in una cittadina tedesca“ (Marinelli 2017).

Von „Migrant*innen“ spricht man in Italien im Zuge der gesamteuropäischen Flüchtlingsdebatte erst seit 2015; und gemeint sind damit Geflüchtete. Nicht-geflüchtete bzw. vor 2015 geflüchtete in Italien ansässige Menschen aus anderen Ländern werden als „stranieri“ / Ausländer bezeichnet. Diejenigen, die in Deutschland „Illegale“ heißen, sind in Italien „stranieri temporaneamente presenti“ (STP); und das heißt Ausländer, die vorübergehend (auf italienischem Territorium) anwesend sind. Giorgia Marinelli und ihr Kommilitone waren über die deutsche Terminologie entsprechend erstaunt und fragten Angelika Groterath, italienischsprachig, oft nach Bedeutungen und Begründungen. Insbesondere erstaunt hat sie der Gebrauch des Wortes „Integration“. Die Frage, die sie am meisten beschäftigte, war, wieso in Deutschland von „Integration“ auch in Gruppen und Kursen gesprochen wird, in denen zwar diejenigen, die integriert werden sollen, anwesend sind, diejenigen, die integrieren sollen, die Einheimischen, aber eher fehlen.

Marinellis wesentliche Frage, die Frage, mit der sie sich in ihrer Masterarbeit beschäftigen wollte, war daher, wie die community der Einheimischen, die Gemeinde Viernheim in diesem Fall, selbst integriert bzw. welche Haltung zur „Integration“ von Geflüchteten sie hat. Das war eine Frage, der sie aufgrund nur begrenzter Sprachkenntnisse im Deutschen alleine nicht nachgehen konnte. Hier brauchte sie Hilfe von deutschsprachigen Partner*innen, die sehr gut Englisch sprechen (common language bzw. Lingua Franca). Geeignet waren Studierende des internationalen Studiengangs Soziale Arbeit Plus – Migration und Globalisierung im letzten (vierten) Studienjahr. Sie hatten ihr das für den Studiengang obligatorische Auslandsjahr, das „Plus“-Jahr, absolviert, waren an ein Studium in englischer Sprache gewöhnt und an den Themen Migration und Flucht qua Schwerpunktsetzung des Studiengangs nicht nur interessiert, sondern auch darin erfahren. Groterath, die diesen Studiengang leitet, fragte im Sommer 2017 per Mail in Jordanien, Indien, Brasilien und in einigen anderen Ländern an, wer im Wintersemester Interesse daran hat, das für den Studiengang obligatorische Seminar M 120 Forschungsmethoden Sozialer Arbeit im WS 2017/18 bei ihr zu belegen, um zusammen mit Giorgia Marinelli zu dieser Frage der Integration in Viernheim zu forschen. Es gab acht Interessierte, zu denen sich ein Student im zweiten Jahr des Plus-Studiengangs gesellte, und ein Absolvent des Regelstudiengangs in Sozialer Arbeit, der zwei ERASMUS- Austauschsemester in Krakau absolviert hatte und ebenfalls Englisch sprach. Das sind die Namen der Studierenden, die diesen Forschungsbericht mit erstellt haben und mitverantworten:

  • Franziska Blanz
  • Lennart Esselbrügge
  • Joanna Kaiser
  • Christina Katsampouka
  • Jannike Keil
  • Claudégio Messias Filho
  • Clara Neumann
  • Lena Pschiuk
  • Gabriel Weber
  • Sascha Wellmann

Wir haben mit Theorien und Methoden gearbeitet, die in Italien in der Klinischen Psychologie bekannt und verbreitet sind, mit der Theorie der bi-logic of the mind von Ignacio Matte-Blanco, den Konzeptionen zur local culture von Renzo Carli und den computer tools zur linguistisch-psychologischen Textanalyse, der Software T-LAB, die der Psychologe und Informatiker Franco Lancia entwickelt hat. Studierende der Sozialen Arbeit haben in der Regel zwar nur psychologisches Basiswissen. Sehr vertraut sind sie aber – anders als die meisten der individualorientierten Psycholog*innen in Deutschland – mit Konzepten von community und/oder sozialem Raum. Es gibt in Deutschland zwar auch die „Gemeindepsychologie“, die aber nur wenigen bekannt ist und kaum praktiziert wird. Im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen BDP gibt es keine Sektion Gemeindepsychologie, wohl aber eine Sektion, die sich mit „Schriftpsychologie“ beschäftigt. Sucht man in einschlägigen Suchmaschinen unter den Stichworten Geflüchtete / Flüchtling / Flucht und Psychologie, findet man Webseiten, die sich mit Trauma und psychologischen Störungen einerseits und der Betreuung, Beratung und Behandlung von Geflüchteten oder ihren Betreuer*innen andererseits beschäftigen. Auch die kleine Gesellschaft für Gemeindepsychologische Forschung und Praxis GGFP scheint sich noch nicht mit der Erforschung von Gemeinden, die Geflüchtete integrieren bzw. aufnehmen, beschäftigt zu haben.

Da sich die andererseits zahlreichen soziologischen Studien, die es zum Thema der Integration von Geflüchteten gibt, wesentlich auf Strukturdaten stützen und Integration über per Strukturdaten definierte Indikatoren messen und vieles von dem, was wir über diese Integration wissen möchten, nicht aufklären können, wollten wir den Versuch wagen und „die Psychologie der Gemeinde“ untersuchen. Wir haben das mit den genannten Methoden und Konzepten getan und konnten nach Auswertung der Textproduktion von 21 Interviewpartner*innen, die in Viernheim Schlüsselfiguren im Bereich der Arbeit mit Geflüchteten sind, vier Themen identifizieren, die die Menschen eher unbewusst zu beschäftigen scheinen. Wir haben den Viernheimer*innen bzw. einigen von ihnen, wie ebenfalls in Italien üblich, unsere Ergebnisse ‚restituiert‘ und stießen auf großes Interesse: „Das ist doch mal etwas anderes! Darüber sollten wir weiter nachdenken“ – so lautete der Kommentar einer Teilnehmerin. Und wie wir als Vertreter*innen der Sozialen Arbeit hinzufügen würden: Diese Ergebnisse könnten eine Basis für die Konzeption von neuen „Integrationskursen“ oder -projekten sein.

Wir „Deutschen“ konnten hier nicht alleine arbeiten und haben das auch nicht getan. Außer uns waren am Zustandekommen dieser Forschung und des Forschungsberichts beteiligt:

  • Dr. Andrea Caputo, Mitarbeiter von Prof. Langher, Universität La Sapienza Rom
  • Prof. Dr. Viviana Langher, Universität La Sapienza Rom
  • Giorgia Marinelli, MA in Klinischer Psychologie, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Forschungsberichts wissenschaftliche Praktikantin von Prof. Dr. Angelika Groterath

„Wir Hochschulangehörige“ wiederum hätten diese Arbeit ohne die Hilfe von Kibreab „Kebi“ Habtemichael vom Integrationsbüro (der Helping Hands) in Viernheim nie durchführen können. Er ist an diesem Forschungsbericht beteiligt – und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Forschungsberichts selbst „Hochschulangehöriger“: Lehrkraft für Besondere Aufgaben am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt.

Quellenangaben

Marinelli, G. (2017): Migranti e territorio Ricerca intervento in una cittadina tedesca. Tesi di Laurea Magistrale in Psicologia Clinica, Università la Sapienza, Roma, Facoltà di Medicina e Psicologia. Cattedra di Progettazione e Verifica dell’Intervento Psicologico. Anno Academico 2016/2017.

URL 1: http://www.ich-bin-ein-viernheimer.de/home.html; aufgerufen am 20.05.2018.

URL 2: http://www.sankt-himi.de/integration/viernheimer-integrationsbuero/helping-hands.html; aufgerufen am 20.05.2018.

URL 3: https://www.uwplatt.edu/news/professor-assists-syrian-refugees-germany; aufgerufen am 20.05.2018.

Anlagen

  1. Die Viernheim-Studie (pdf)

Herausgeber
Prof. Dr. rer. soc. Angelika Groterath
Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Professorin für Psychologie und Leiterin des Studiengangs Soziale Arbeit Plus - Migration und Globalisierung am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt.
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Zitiervorschlag
Angelika Groterath (Hrsg.): Die Viernheim-Studie. Eine psychologische Untersuchung zur Integration von Geflüchteten in einer deutschen Gemeinde. Veröffentlicht am 24.05.2018 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/28146.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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