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Selbsteuropäisierung durch Aneignung des Fremden

Lars Schäfers

Veröffentlicht am 12.02.2019.

Mit Blick auf die Europäische Union wird nicht selten das Bild vom gemeinsamen Haus Europa bemüht. Doch aus welchen Baustoffen ist es eigentlich zusammengesetzt? Sein Fundament scheint jedenfalls brüchig geworden zu sein. Brexit, erstarkender Nationalismus und nicht zuletzt die jüngste Flüchtlingskrise werfen neu die Frage nach dem Selbstverständnis der in der Europäischen Union zusammengeschlossenen Staaten auf. Angesichts der zunehmenden Multikulturalität durch das neue Ausmaß an Flüchtlingsmigration überwiegend aus islamisch geprägten Ländern werden zudem Befürchtungen immer lauter, dass die kulturelle Identität Europas und die der jeweiligen Nationalstaaten akut gefährdet seien. Es ist in den letzten Jahren deutlich geworden: An der Flüchtlingsbewegung scheiden sich die Geister. Die einen wollen das „christliche Abendland“ verteidigen, die anderen Weltoffenheit und Hilfsbereitschaft zeigen. Das Meinungsklima oszilliert zwischen Aneignung und Ablehnung im Hinblick auf die und dem Fremden.

Der französische Philosoph Rémi Brague, emeritierter Inhaber des Guardini-Lehrstuhls für christliche Weltanschauung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, nimmt im Diskurs über die Identität Europas eine bemerkenswerte Position ein. Europas Programm nach Brague: die Aneignung des Fremden. Europas Ziel: wieder römisch werden.

Rémi Bragues Ansatz möchte ich im Folgenden als eine Inspiration für eine narrative Identität Europas vorstellen und vor dem Hintergrund des aktuellen Zustandes der EU weiterdenken, durch die Europa gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht durch Abgrenzung definiert wird, zu dessen Wurzeln seiner Identität es vielmehr von Anfang an gehört, sich dem Fremden gegenüber zu öffnen und sich bereichern zu lassen. [1]

Jerusalem, Athen – vor allem aber Rom

„Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“ [2] – So lautet ein berühmtes Diktum des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss zur Frage nach dem Ursprung der Identität Europas. Auch Rémi Brague sieht diese drei Hügel und die jüdisch-christlichen, griechischen und römischen Kulturtraditionen, für die sie stehen, als die Ursprünge Europas an. Allerdings vertritt Brague diese klassische Drei-Quellen-Theorie aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Das Römische ist für ihn nämlich die Voraussetzung dafür, dass aus den anderen beiden Quellen überhaupt geschöpft werden konnte: „Ich behaupte, weit radikaler, dass wir nur deshalb ‚griechisch‘ oder ‚jüdisch‘ sind oder sein können, weil wir zuallererst ‚römisch‘ sind.“ [3]

Die griechische Philosophie und der jüdisch-christliche Glaube seien von den alten Römern aufgenommen worden, weil diese sich beiderlei Traditionen gegenüber als kulturell minderwertig verstanden haben, so seine These. [4] Daher nennt er diese Haltung der Offenheit dem Fremden gegenüber die römische Haltung[5]. Durch diese Haltung sei das kulturelle Konstrukt „Europa“ entstanden. Der Kontinent entwickelte seine Identität demnach über die Jahrhunderte hinweg durch eine Aneignung des Fremden. [6] Es schöpfte aus Quellen außerhalb seiner selbst. Dies geschah auch in den verschiedenen Renaissancen in der europäischen Geschichte, bei denen man neu aus alten Quellen schöpfte. [7] Brague sieht in diesen kreativen Auseinandersetzungen mit dem Fremden sogar das unterscheidend Europäische an: „Mit der Formel ‚schöpferisches Fremdheitserlebnis‘ wird das Eigene der europäischen Kultur sehr treffend ausgedrückt.“ [8] Die kulturelle Armut Europas ist demnach das eigentliche Geheimnis seiner Größe. Die europäisch-römische Haltung der kulturellen Exzentrizität kann entsprechend als xenosophische Haltung [9] begriffen werden.

Brague schildert diese unterschiedlichen Weisen, Fremdes aufzunehmen, indem er zwischen Aneignung und Verdauung unterscheidet: [10] Bei der Verdauung wird etwas nach und nach einverleibt und verliert seine Eigenständigkeit. Die Aneignung umschließt den fremden Körper, belässt ihm aber seine Andersartigkeit und seinen bleibenden Eigenwert. Genau dies mache den Kern der römischen Haltung, der exzentrischen Identität Europas aus.

Wie sind Bragues Thesen einzuschätzen? Wenn Europa in seiner Geschichte so sehr davon profitiert hat, dass es aus fremden Quellen geschöpft hat, dann kann dies als kulturelle Matrix auch für die Gegenwart und Zukunft gelten. Doch ein Blick in die Geschichtsbücher lehrt, dass Europas Geschichte bei weitem nicht nur eine der Aneignung, sondern ebenso eine der Vernichtung des Fremden ist. Gerade das Römische Reich, nach dem Brague die römische Haltung benannt hat, führte zahlreiche Eroberungsfeldzüge zur Erweiterung seiner Grenzen durch. Der Terminus Aneignung des Fremden erhält angesichts des römischen Imperialismus eine gänzlich negative Färbung. So wird deutlich, dass die römische Haltung bei den antiken Römern wohl einzig auf den kulturellen Bereich beschränkt blieb. Europa und seine Geschichte sind deshalb nicht nur exzentrisch, sondern vielmehr doppelgesichtig. Das macht eine Relativierung der Thesen Bragues notwendig.

Aus dieser ambivalenten Geschichte kann Europa zumindest für die Zukunft lernen. Die letzten 70 Jahre der zunehmenden europäischen Einigung und des konstanten Friedens in und zwischen den Ländern der Europäischen Union belegen diese Möglichkeit, aus der Geschichte zu lernen. Eine neue Situation ist die Frage des europäischen Umgangs mit der jüngsten Flüchtlingsbewegung. Von dem Grundsatz eines als kulturell exzentrisch, offen und lernfähig verstandenen Europas ausgehend, liegt eine Absage an pauschaler Ausgrenzung und Abschottung nahe. Europa kann fremdenfreundlich sein, um neue Quellen für seine wandelbare Identität zu erschließen.

Angesichts der bisherigen öffentlichen Debatten über die teils problematischen Wertvorstellungen aus der von den Geflüchteten mitgebrachten islamisch-arabischen Kultur ist indes die Frage berechtigt, wo das richtige Maß für eine kulturell exzentrische Haltung liegt. Sollten angesichts der jüngsten scharfen Debatten auch in Offenheit dieser spezifischen religiös geprägten Kulturtradition gegenüber Fremdheitserlebnisse zu einer positiven Aneignung des Fremden führen können oder doch eher die Bewahrung und Stärkung des Eigenen im Vordergrund stehen? [11] Letzteres dispensiert zumindest nicht von einer Abkehr von Voreingenommenheit, um sich nicht Pauschal- und Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen sowie einseitigen Zerrbildern der islamischen Religion hinzugeben, [12] wie sie besonders im rechtspopulistischen Denken auszumachen sind und waren. Dies würde eine ergebnisoffene Suche nach positiven Anknüpfungspunkten in den kulturellen Vorstellungen der Flüchtlinge von vornherein verhindern. Letztlich verstellt eine solche Haltung auch den Blick auf die reale Not der Mehrheit der Flüchtlinge, die nach Europa gekommen, wie es sich zuletzt besonders abgründig in der Debatte um die Seenotrettung im Mittelmeer gezeigt hat.

Wie Europa sich selbst europäisieren kann

Rémi Brague bietet einen weiteren diskussionswürdigen Denkanstoß: Die europäische Kultur bestehe in der universalen Berufung, „daß man das, was über einen hinausgeht, sich anzuverwandeln sucht“ [13]. Daher könne man auch nicht als Europäer geboren und irgendwann mit seinem Europäischsein fertig werden. Selbsteuropäisierung lautet in diesem Sinne die Aufgabe eines jeden in Europa geborenen und lebenden Menschen. [14] Selbsteuropäisierung meint demnach die Einübung in die römische Haltung: keine Abgrenzung und kein Abwerten fremder Kulturen, sondern die kritische Auseinandersetzung mit diesen sowie die Fähigkeit, das Eigene zu transzendieren, denn „auf dem Umweg über das Vorhergegangene und das Fremde hat der Europäer Zugang zum Eigenen.“ [15]

Brague stellt noch weitergehender die These auf, jede Kultur ist für das Individuum, das ihr angehört, von Zweitrangigkeit geprägt: „Selbst wenn die Kultur in frühester Kindheit erworben wurde, was sie ‚ganz natürlich‘ erscheinen lässt, bleibt sie eben doch erworben und ist nicht angeboren. Auf kollektiver Ebene ist außerdem jede Kultur Erbe der vorangegangenen.“ [16] Demnach ist auch die europäische Kultur den hier Geborenen zunächst fremd. Sie sind gleichsam selbst Einwanderinnen und Einwanderer und haben die Aufgabe, sich die Kultur ihres jeweiligen Geburtslandes anzueignen. Das ist eine ungewöhnlicher, nicht zu unterschätzender Wechsel der Perspektive, was den Umgang mit Fremden von außerhalb Europas angeht.

Europa als Heimat der Verschiedenheit

Welches Potenzial hat Bragues Europa-Narration nun mit Blick auf die Flüchtlingskrise? Wenn Europa in seiner Geschichte so sehr davon profitiert hat, dass es aus fremden Quellen geschöpft hat, dann kann es das heute und in Zukunft auch. Europa kann fremdenfreundlich sein, um neue Quellen für seine wandelbare Identität zu erschließen und damit die Selbsteuropäisierung fortführen. Die Auseinandersetzung mit diesen neuen Quellen und ihrem möglichen Beitrag zur Identität Europas muss differenziert und ehrlich sein. Das impliziert auch, den Blick einmal darauf zu richten, wie Musliminnen und Muslime Europa im Guten prägen könnten. Was bringt die islamische Religion und Kultur mit, was einen Mehrwert hätte, der im interkulturellen und interreligiösen Dialog identifiziert werden könnte? Danach sollte mehr gefragt werden. Dass etwa das Frauenbild oder die Unterdrückung anderer Religionen, wie in islamisch-arabischen Ländern üblich, und andere vieldiskutierte Probleme nicht dazugehören, ist schließlich hinlänglich bekannt und vielfach gesagt worden. Viele der seit langem in Europa lebenden Musliminnen und Muslime, die sich engagieren, sich in die Gesellschaft integrieren, sich für Frieden und interreligiösen Dialog einsetzen, bezeugen hingegen, dass Anhängerinnen und Anhänger des Islam nicht selten weit besser sind als ihr Ruf.

Sicherlich, die Flüchtlingskrise hat den europäischen Integrationsgedanken hin zu einer immer engeren Vereinigung der Staaten Europas ebenfalls in eine Krise gezogen. Nicht wenige Unionsbürgerinnen und -bürger, gerade in den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern, die eine restriktive Haltung gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen befürworten, fragen vermehrt die Legitimation und Vorteilhaftigkeit einer weiteren europäischen Einigung an. Hier zeigt sich: „Globalisierung darf nur so schnell gehen, wie die Menschen sich selbst mental der Welt öffnen können.“ [17] Die römische Haltung der Offenheit für Fremdes bedarf der Einsicht, dass kultureller Austausch für beide Seiten ein Gewinn darstellen kann. Unersetzlich sind dafür die Begegnung und der Dialog von Mensch zu Mensch. Nur wenn auf dieser konkreten Ebene diese Haltung gelebt, kann auch Europas kulturexzentrische Identität mit Leben gefüllt werden.

Dürfen Geflüchtete also ins Haus Europa einziehen? Aus kulturphilosophischer Sicht kann man sagen: nihil obstat, dem steht nichts entgegen. Das Eigene zu bewahren ist wichtig. Unsere in Europa geltenden Grundwerte und -freiheiten sowohl gegenüber fundamentalistischen Strömungen im Islam als auch gegenüber dem fremdenfeindlichen Rechtspopulismus zu verteidigen, ist unverzichtbar. Noch herausfordernder und kreativer kann es indes sein, zusätzlich eine Offenheit gegenüber Menschen anderen Glaubens und ihren kulturellen Reichtum zu hegen. Durch die Aneignung neuer fremder Quellen ohne Assimilation kann die Narration von Europa als exzentrischer Kultur fortgeführt, kann die römische Haltung als einer xenosophischen im Sinne der Selbsteuropäisierung entfaltet werden. Schöpferische Fremdheitserlebnisse sind im interkulturellen Dialog möglich. Die Befähigung, das Eigene immer wieder neu zu transzendieren und den Horizont der je eigenen kulturellen Einbettung auf die Begegnung mit dem Fremden hin zu öffnen, entspricht demnach dem Lebensprinzip Europas. Dann hat Europa die Chance, von seinem Selbstverständnis her immer mehr das werden, was es faktisch schon ist: Heimat der Verschiedenheit.


[1] Vgl. dazu die diesem Essay zugrunde liegende ausführliche Studie Schäfers, Lars, Europa, Flüchtlinge und die Aneignung des Fremden. Eine christlich-sozialethische Analyse auf der Grundlage des Europabildes Rémi Bragues, Berlin 2016; vgl. auch Schäfers, Lars, Europa und das Fremde. Zwischen Aneignung und Ablehnung, in: Bonacker, Marco/Geiger, Gunter (Hgg.), Grenzen – der demokratische Rechtsstaat und die Herausforderung der Migration, Paderborn 2018.

[2] Heuss, Theodor, Reden an die Jugend, Tübingen 1956, 32.

[3] Brague, Rémi, Europa – seine Kultur, seine Barbarei, Wiesbaden 22012, 38.

[4] Brague, Europa – seine Kultur, seine Barbarei, a.a.O., 45.

[5] Brague, Europa – seine Kultur, seine Barbarei, a.a.O., 45.

[6] Vgl. Brague, Europa – seine Kultur, seine Barbarei, a.a.O., 99.

[7] Brague, Rémi, Sohnland Europa, in: Brague, Rémi/Koslowski, Peter (Hgg.), Vaterland Europa. Europäische und nationale Identität im Konflikt, Wien 1997, 19–40, hier 37.

[8] Brague, Sohnland Europa, a.a.O., 35.

[9] Vgl. Klein, Constantin, Welche Formen von Religiosität verringern Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? Einsichten aus 70 Jahren sozialwissenschaftlicher Forschung, in: Strube, Sonja Angelika (Hg.), Das Fremde akzeptieren. Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit entgegenwirken. Theologische Ansätze, Freiburg i.Br. 2017, 169–184, hier 179 f.

[10] Vgl. dazu Brague, Europa – seine Kultur, seine Barbarei, a.a.O., 113 f.

[11] Vgl. exemplarisch Nemo, Philippe, Was ist der Westen? Die Genese der abendländischen Zivilisation, Tübingen 2005.

[12] Vgl. dazu etwa Çakir, Naime, Islamfeindlichkeit. Anatomie eines Feindbildes in Deutschland, Bielefeld 2014.

[13] Brague, Rémi, Die Geschichte der europäischen Kultur als Selbsteuropäisierung, in: Böckelmann, Frank/Kamper, Dietmar/Seitter, Walter (Hgg.), Tumult. Schriften zur Verkehrswissenschaft. Bd. 22, Bodenheim, 1996, 94–100, hier 98.

[14] Vgl. Brague, Die Geschichte der europäischen Kultur als Selbsteuropäisierung, a.a.O., 98.

[15] Brague, Europa – seine Kultur, seine Barbarei, a.a.O., 141.

[16] Brague, Europa – seine Kultur, seine Barbarei, a.a.O., 128.

[17] Mack, Elke, Was hält Europa und den Westen zusammen? (Kirche und Gesellschaft Nr. 441), Köln 2017, 11 f.


Autor
Lars Schäfers
Mag. theol., Wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach sowie Wissenschaftliche Hilfskraft am Seminar für Christliche Gesellschaftslehre an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
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Zitiervorschlag
Lars Schäfers: Selbsteuropäisierung durch Aneignung des Fremden. Veröffentlicht am 12.02.2019 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/28391.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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