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„Hier drehen gerade alle etwas am Rad …“

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Soziale Arbeit aus Sicht dual Studierender an der Fakultät Sozialwesen der DHBW in Villingen-Schwenningen – einige Schlaglichter

Daniela Steenkamp

Veröffentlicht am 08.07.2020.

Die Autorin bedankt sich ausdrücklich bei allen Studierenden, die ihr ihre Erfahrungen zurückgemeldet haben.

Überblick

  1. 1 Zusammenfassung
  2. 2 Hintergrund
  3. 3 Ausgewählte Ergebnisse der Befragung von dual Studierenden an der DHBW VS zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie
    1. 3.1 Systemrelevanz der Sozialarbeit anerkennen und für gute Arbeitsbedingungen sorgen
    2. 3.2 Strukturelle Benachteiligung von Frauen und besondere Belastungsspitzen bei Alleinerziehenden
    3. 3.3 Das Wohl vieler Kinder und Jugendlichen ist beeinträchtigt: Insbesondere Kinder und Jugendliche in der stationären Kinder- und Jugendhilfe sind betroffen
    4. 3.4 Selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen jederzeit gewährleisten
    5. 3.5 Menschen mit Suchtverhalten auch unter Infektionsschutzbedingungen bedarfsgerecht beraten und begleiten
    6. 3.6 Positive Effekte infolge der Corona-Pandemie auf die Soziale Arbeit
  4. 4 Fazit
  5. 5 Literatur

1 Zusammenfassung

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Soziale Arbeit aus? Das war die Leitfrage, auf die (dual) Studierende der Sozialen Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen (DHBW VS, Fakultät Sozialwesen) gebeten wurden, im Juni 2020 schriftlich zu antworten. Die Teilnahme war freiwillig. Angeschrieben wurden 239 Studierende, 16 meldeten sich zurück. Zusätzlich wurden zwei Beiträge, die in einem DHBW- internen digitalen Erfahrungsforum von Studierenden eingestellt wurden, berücksichtigt. Die Auswertung erfolgte in Form einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, deduktiv kategorisiert entlang zentraler Forderungen, die Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung (SAGE) im Mai 2020 in die gesellschaftspolitische Debatte eingebracht haben. [1] Die Erfahrungen der Studierenden wurden im Licht einiger dieser Forderungen gespiegelt. Anhand der Rückmeldungen wurde herausgearbeitet, welche gesellschaftlichen Gruppen besonders betroffen sind und wie die Soziale Arbeit reagiert. Zusätzlich wurde aber auch (induktiv) analysiert, welche positiven Aspekte sich durch die Corona-Pandemie und den gesellschaftlichen Umgang mit ihr in der Sozialen Arbeit zeigen.

2 Hintergrund

Seit dem im Januar 2020 ersten bestätigten Covid-19 Fall in Deutschland und dem weitgehenden „Lockdown“ im März 2020 sind erste Forschungsergebnisse hinsichtlich der Folgen der Corona-Pandemie zu verzeichnen. Diese beziehen sich aktuell jedoch insbesondere auf die Folgenabschätzung bezüglich besonders vulnerabler Personengruppen, die für die Soziale Arbeit von Bedeutung sind (Steinert; Ebert 2020; Andresen et al. 2020). [2] Menschenrechtlich gilt es, Personen in verletzlichen Lebenslagen besonders in den Blick zu nehmen (Deutsches Institut für Menschenrechte (DIMR) 2020, S. 8). Soziale Arbeit verstanden als Menschenrechtsprofession (Staub-Bernasconi 2007) sollte laut der International Federation of Social Workers (IFSW) eine Aufgabe in „[…] disaster response for the vulnerable (elderly, breast feeding/ pregnant mothers, people with disability, and children) […]“ übernehmen und die Deckung menschlicher Grundbedürfnisse organisieren (IFSW) 2020, o. S., zit. in Schmitt 2020, o. S.).

Unstrittig ist, dass sich infolge der Corona-Pandemie, verstanden als soziale Krise, die Unterschiede der sozialen Lagen und der damit verbundenen Chancen und Risiken für viele Menschen verschärfen und die Corona-Pandemie ein kritisches Ereignis im Lebenslauf darstellt (Schmitt 2020, o. S.; Kühne; Liebig 2020). Die Corona-Pandemie verdeutlicht alte und neue Exklusionsmechanismen (Schmitt 2020, o. S.). Verteilungsunterschiede führen zu Unrechtserfahrungen.

Gleichzeitig ist Soziale Arbeit vielerorts nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Zurecht weisen Karakaşoğlu und Mecheril als Vorsitzende des Rats für Migration darauf hin, wie dringlich es aktuell geboten ist, sich für eine ökonomische, ökologische, soziale (Welt-) Ordnung, in der die allgemeine Gleichheit des Menschen in Strukturen und Praktiken globaler Solidarität konkret wird, einzusetzen und gleichzeitig sozialdarwinistische Argumentationsfiguren zu entlarven (Karakaşoğlu; Mecheril für den Rat für Migration 2020, o. S.).

Entlang zentraler ungleicher Verteilungsrisiken hat die wissenschaftliche Community SAGE (2020, S. 3) hierzu Vorschläge in die gesellschaftspolitische Debatte eingebracht, die es gilt, umzusetzen:

„Care-Arbeit aufwerten – der Ausbeutung nachhaltig begegnen; Struktureller Benachteiligung von Frauen entgegenwirken und eine geschlechtergerechte Politik umsetzen; Gesundheitsfachberufe und Soziale Arbeit als zentrale Teile des Gesundheitssystems während und nach der Pandemie anerkennen; Lebenswelt- und ressourcenorientierte Ansätze im öffentlichen Gesundheitsdienst konsequent und interdisziplinär verfolgen; Unteilbar und solidarisch: Niemanden zurücklassen; Bildung gerecht gestalten; Kindeswohl gewährleisten – familienfreundliche Umwelten durch öffentliche Infrastruktur (wieder-)herstellen; Selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen jederzeit gewährleisten; Menschen in existenziellen Armutslagen schützen; Menschen mit Suchtverhalten auch unter Infektionsschutzbedingungen bedarfsgerecht beraten und begleiten und institutionelle Unterstützungsangebote mit verstärkten Schutzmaßnahmen aufrechterhalten.“

3 Ausgewählte Ergebnisse der Befragung von dual Studierenden an der DHBW VS zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie

Die Vorschläge der wissenschaftlichen SAGE-Community (SAGE 2020, S. 3) dienten als analytisches Raster, um die Rückmeldungen der dual Studierenden einzuordnen.

3.1 Systemrelevanz der Sozialarbeit anerkennen und für gute Arbeitsbedingungen sorgen

Arbeitsverdichtung und Komplexitätssteigerung in der Sozialen Arbeit haben sich durch die Corona-Pandemie verschärft. Es fehlt zudem Fachpersonal, um dem Bedarf aufgrund der Corona-Pandemie zu entsprechen und den fachlich-ethischen Ansprüchen gerecht zu werden (SAGE 2020, S. 4):

„Da mittlerweile viele Dienstschichten durch zusätzliche Personalstärke gedeckt werden müssen, wird ein gewisser Mangel an Fachpersonal latent sichtbar. Spätestens, wenn das Personal sämtliche gesammelte Überstunden wieder abbauen muss, ist der fortwährende Personalengpass offen sichtbar.“

„Aufgrund des Infektionsrisikos gab es keine Dienstbesprechungen mehr, was zunehmend Missverständnisse auslöste, wie mit bestimmten Klient*innen in der aktuellen Situation umzugehen ist. Außerdem wurde das Team in zwei Gruppen aufgeteilt, die sich im 5-tägigen Rhythmus abwechseln. Innerhalb der 5 Tage musste jede*r immer den gleichen Dienst machen, was zur Folge hatte, dass mehrfach die gleichen Fachkräfte 5 Nachtdienste hintereinander machen mussten, da für diesen Dienst nicht alle in Frage kommen. Außerdem waren wir anfangs weniger Personal in den einzelnen Schichten bis wir Verstärkung aus der Werkstatt und dem Kindergarten erhielten.“

„Die Kommunikation in dieser Krisensituation war von hierarchischen Strukturen geprägt. In den Ärztekonferenzen wurden die Maßnahmen beschlossen. Die anderen Professionen wurden über die Entscheidungen nur schrittweise informiert, was zu weiteren Unsicherheiten führte.“

„Die Handlungsfähigkeit der Sozialen Arbeit empfinde ich nach wie vor als eingeschränkt. Es kann meiner Meinung nach keine 100 % angemessene Betreuung der Klient*innen stattfinden. Dies spiegelt sich unter anderem im psychischen Wohlbefinden der Klient*innen wider.“

„Sozialpädagog*innen wurden zum Aushelfen in anderen Abteilungen eingesetzt.“

„Hausbesuche sind untersagt.“

„Einschätzung des Wohnumfeldes fehlt (gerade im Bereich der Pflegeberatung sind Hausbesuche sehr sinnvoll).“

„Prozesse verzögern sich im Allgemeinen.“

„Teilweise sind Träger wie z.B. DRV, Agentur für Arbeit, usw. schwer zu erreichen.“

„Begutachtungsverfahren ungenau, da nur per Akten begutachtet wird […] z.B. beim MDK.“

„In manchen Handlungsfeldern weniger Beratungsprozesse […] z.B. in Pflegebereich. In anderen Handlungsfeldern mehr Beratungsprozesse […] psychisch Kranke, Krebskranke […].“

3.2 Strukturelle Benachteiligung von Frauen und besondere Belastungsspitzen bei Alleinerziehenden

Care-Arbeit wird meistens von Frauen übernommen. Besondere Belastungsspitzen zeigen sich bei Frauen, insbesondere bei alleinerziehenden Müttern. Sie sind durch die Corona-Pandemie überproportional armutsgefährdet oder von Armut betroffen (SAGE 2020, S. 5):

„Besonders eine alleinerziehende Mutter, die als Altenpflegerin arbeitet, war stark von der Krise betroffen. Ihre beiden Kinder durften zwar die Notfallgruppe besuchen, jedoch war dies nur bis zum Mittag möglich, da die Beträge für beide Kinder in der Ganztagesbetreuung zu teuer wären. Somit kann sie nur am Vormittag für einige Stunden arbeiten, in denen die Kinder betreut werden.“

„In meiner bisherigen Zeit im Jugendamt konnte ich […] die Erfahrung machen, dass es Alleinerziehende, welche häufig Frauen sind, nicht einfach haben. Oft fühlen sie sich als Versager*innen und vertrauen sich nicht mit ihren Problemen an. In Gesprächen im Jugendamt finden wir dann oft heraus, dass nicht nur Scheidungs- oder Erziehungsprobleme, sondern auch andere, wie beispielsweise finanzielle, im Raum stehen.“

3.3 Das Wohl vieler Kinder und Jugendlichen ist beeinträchtigt: Insbesondere Kinder und Jugendliche in der stationären Kinder- und Jugendhilfe sind betroffen

Durch einen weitgehenden „Lockdown“ der sozialen Infrastruktur im Gemeinwesen wurden Kinder auf sich selbst, den privaten Raum und damit insbesondere auf ihre jeweiligen Lebens-, Wohn- und Einkommensbedingungen zurückgeworfen (SAGE 2020, S. 8). Die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wurden insbesondere im stationären Kinder- und Jugendhilfebereich negativ spürbar:

„‚Hier drehen gerade alle etwas am Rad‘, war eine der ersten Aussagen als […] ich mit einer Kollegin auf das Thema Wohnen in der Wohngruppe mit Kindern und Jugendlichen während Corona zu sprechen kam. Vor allem den Kindern fehle es an Struktur im Alltag. Das ständige ‚Aufeinandersitzen‘ innerhalb der Wohngruppe ist für viele Kinder und auch für einige Jugendliche schwer zu verstehen und noch schwerer zu akzeptieren. Die Dienstbesetzung musste gruppenweise erhöht werden […] und die Kinder und Jugendlichen mussten irgendwie beschult werden. Bzgl. Schule, Prüfungen/​Klassenarbeiten und Ausbildung tun sich auch einige Fragen auf. Das Heim, in welchem ich arbeite, verfügt natürlich über einen Internetzugang, weswegen die Lernstoffvermittlung vorangebracht werden konnte. Ein weiterer Punkt ist allerdings der Besuch von Eltern. Der musste bei den meisten Kindern zumindest temporär ausgesetzt werden. V.a. Kinder und Jugendliche, deren familiäre Bezugsperson die Großeltern sind, sind zurzeit betroffen. Bei Fragen über ‚wieso‘ und ‚warum‘ (z.B. warum man nicht wenigstens auf den Spielplatz gehen könne) ist den Mitarbeiter*innen lediglich möglich, die Lage altersgerecht (und möglichst genau) zu erklären. Durch fehlenden Ausgleich zum Heimalltag äußern sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Verhaltensauffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen zunehmend.“

„Kinder dürfen keine anderen Kinder treffen und sind mit Erwachsenen in einem Haushalt zusammengepfercht, was zu einer noch größeren Belastung der familiären Ressourcen führt. So ist nicht nur häusliche Gewalt ein Thema.“

„Wegen der Corona-Pandemie blieben die Schulen nach den Osterferien für weitere zwei Wochen geschlossen. Diese Zeit im April wird normalerweise von uns Jugendberufsbegleiter*innen dafür genutzt mit den Schüler*innen der beruflichen Schulen Bewerbungen zu schreiben. Durch diese intensive Zeit des Bewerbungsverfahrens mussten die Schüler*innen alleine durch, wir konnten ihnen ausschließlich Tipps über Mail oder Telefon geben. Viele Schüler*innen konnten wir nicht erreichen. Nach der zweiwöchigen Schließung durften die Abschlussklassen 2–3 Tage die Woche für ungefähr 3 Stunden am Tag an die Schule zurückkehren. Es war eine sehr intensive und sehr stressige Zeit, da die Schüler*innen einiges an Unterrichtsstoff nachzuholen hatten. Hinzu kam jetzt das Bewerbungsverfahren, welches sich als sehr schwierig erwies, da viele Betriebe keine Praktikant*innen während der Corona-Pandemie aufnahmen, nur wenige Vorstellungsgespräche stattfanden und sogar viele Betriebe ihre Anzahl an Ausbildungsplätzen verringerten. Auch der Übergang in eine zweijährige Berufsfachschule ist in diesem Schuljahr nur begrenzt möglich, da alle Schüler*innen des letzten Jahrgangs die Möglichkeit der Klassenwiederholung haben, was im Normalfall nicht möglich ist. Die meisten Klassen sind daher schon besetzt und unsere Schüler*innen der berufsvorbereitenden Klassen, haben es schwer, einen passenden Anschluss zu finden. Hinzu kamen die Hygiene-Vorschriften, welche unser tägliches Arbeiten extrem erschwerten. Gruppenarbeiten, Besichtigungen, die Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit etc. blieben aus und auch bei Schüler*innen- und Elterngesprächen oder Bewerbungsschreiben, mussten besondere Maßnahmen, wie das Tragen eines Mundschutzes oder die Abstandsregelung berücksichtigt werden.“

3.4 Selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen jederzeit gewährleisten

Menschen mit Beeinträchtigungen haben ein Recht auf gleichberechtigte Teilhabe. Aktuell drohen nicht nur erreichte Fortschritte im Umbau zu einer inklusiven Gesellschaft verloren zu gehen, sondern es entstehen zusätzliche Barrieren (SAGE 2020, S. 8 ff.):

„Ich habe in einer Wohngruppe für ‚geistig behinderte‘ Menschen gearbeitet, die sehr viel Pflegebedarf beanspruchen, aber unter normalen Umständen in einer Behindertenwerkstatt oder in einem FuB (Förder- und Betreuungsbereich) betreut werden. Ab Mitte März konnten alle Bewohner nicht mehr zur Arbeit. Das hieß, tagsüber waren nicht nur die 6 Senioren zu betreuen, sondern 24 Bewohner*innen mit gleichbleibendem Personal. Es wurden zwar einige von ihren Familien nach Hause genommen aber dennoch hatten wir im Schnitt 15 Bewohner*innen im Haus. Die Förderung und die Abwechslung durch die Arbeit konnten wir nicht bieten, da die Bewohner das Haus nicht verlassen durften. Dadurch lief sehr oft der Fernseher. Mir stellte sich oft die Frage, wie die Bewohner*innen beschäftigt, gefördert und ausgelastet werden können. Denn dies war meiner Meinung nach der Hauptpunkt, den die Arbeit normalerweise leistet. Die Bewohner*innen waren nun 24h in einem Raum was schnell zu Konflikten untereinander führte. Und so wurde schnell klar, dass es 1. mehr Personal braucht und 2. die Bewohner*innen wieder in ihren Gruppen betreut werden sollten.“

„Von Seiten der Klient*innen war eine große Unsicherheit und teilweise auch Angst zu spüren, die überwiegend bis heute anhält. Geprägt waren diese vor allem durch die Ungewissheit, wann sie wieder eine Tagesstruktur haben, sowie mangelndes Verständnis für die Corona-Informationen durch die Medien. Diesbezüglich mussten wir Sozialarbeitende viel Aufklärungsarbeit leisten.“

„[…] Des Weiteren fällt mir immer wieder auf, wie unverständlich Nachrichten sein können und sind. Ich arbeite mit Menschen mit Behinderung zusammen. Diese haben oft Schwierigkeiten geäußert, was Informationen aus Fernsehen und Presse betreffen (ganz abgesehen von den vielen Fakenews, die zusätzlich verwirren). Ein Mann, welcher von uns betreut wird, fragte nach einiger Zeit, was eigentlich ‚Normalität‘ sei. Hier wird besonders in dieser Zeit deutlich, wie sehr es an verständlichen, leicht zugänglichen Inforationen fehlt, sowohl Corona betreffend, als auch ganz allgemein. Natürlich gibt es Informationen in Leichter Sprache, diese sind für die Klientel, die ich betreue jedoch meist alles andere als leicht zugänglich, da sie erst im Internet auf geeigneten Seiten gesucht werden müssen. Dadurch sind diese Personen von mir und meinen Kolleg*innen abhängig.“

„Durch fehlende, falsche, manchmal auch ungefilterte Nachrichten kommt es bei verschiedenen Personen auch zu extremen Ängsten oder sonstigen psychischen Problemen.“

„Eine weitere Problematik in meinem Arbeitsfeld stellen auch die sich immer wieder ändernden Daten dar. Bspw. die Öffnung der WfbM, erst heißt es voraussichtlich 04.05., dann voraussichtlich 11.05., dann dürfen die einen Arbeiten gehen die anderen nicht. Ich habe hierbei erlebt, dass verschiedene Personen sich auf die Daten fixiert haben, für sie war klar, dann geht es weiter und dann immer wieder die Enttäuschung und mit dieser folgte eine Krise. Das Wort ‚voraussichtlich‘ wird einfach überlesen oder gar nicht verstanden, da es nicht zum alltäglichen Sprachgebrauch gehört.“

„Außerdem ist das Thema ‚Freiheit‘ bei uns im Team immer ein Thema. Sei es die Freiheit selbst zu entscheiden, wann und mit wem sich die Personen (im ambulant betreuten Wohnen) treffen, oder ob sie die Wohnung überhaupt verlassen. Immer wieder auch die Frage, was lassen wir zu. Hier ist eigentlich ganz klar, wir können nichts verbieten, wir können nur maximal unsere Bedenken äußern und Aufklärungsarbeit leisten, und doch ist es immer wieder Thema.“

3.5 Menschen mit Suchtverhalten auch unter Infektionsschutzbedingungen bedarfsgerecht beraten und begleiten

Suchtkranke Menschen treffen Kontaktverbote extrem. Gerade deshalb müssen Suchtrehabilitation oder stationäre Eingliederungshilfe weiterhin erfolgen. Die Aufrechterhaltung Sozialer Arbeit in Suchtberatungs- und sonstigen Anlaufstellen ist wichtig, damit sich suchterkrankte Menschen nicht zurückziehen oder rückfällig werden (SAGE 2020, S. 10):

„In dieser Praxisphase war ich in einer weiterführenden Station der Forensischen Psychiatrie (Suchtkranke Rechtsbrecher*innen nach § 64 StGB) eingesetzt. Sozialarbeitende bei uns übernehmen meist sowohl den sozialadministrativen Teil der Arbeit, als auch die therapeutische Arbeit. Die Auswirkungen der Coronakrise sind und waren stark zu spüren. Vor allem konnte man dies in der Stimmung unter den Patient*innen wahrnehmen. Durch die Coronakrise war es allen Patient*innen, auch mit entsprechender Ausgangsstufe verwehrt, sich draußen außerhalb des Klinikgeländes aufzuhalten. Dies war nur in Einzelbegleitung durch Pflegepersonal zum Beispiel zum Supermarkt möglich. Tagesausgänge, auch z.B. zu Familienangehörigen oder ähnliches sind aktuell immer noch nicht, oder nur in einem sehr begrenzten Radius erlaubt. Auch Besuche der Familienangehörigen konnte lange gar nicht, jetzt nur unter strengen Auflagen stattfinden. Dies hat viele Patient*innen, v.a. als die Einschränkungen noch stärker waren als aktuell, in ein großes Motivationsloch getrieben (viele haben mehr als 18 Monate + vorhergegangene Haftzeit darauf hingearbeitet wieder mehr ‚Freiheiten‘ zu haben, durch die Einschränkungen, konnten diese erlangten Freiheiten nicht genutzt werden). Dadurch hat sich auch die allgemeine Stimmung auf Station stark ins Negative verändert. Aktuell entspannt sich durch die Lockerungen die Situation etwas. Die angestellten Sozialarbeitenden und Therapeut*innen hatten sehr viel Arbeit während der akuten Krisenzeit. Es mussten viele Krisengespräche stattfinden, in den Gruppentherapien sowie bei den Stationsversammlungen war die Stimmung vieler Patient*innen sehr schlecht, wodurch viele Interventionen nötig waren. Auch die Orientierung nach außen von den Patient*innen, die kurz vor ihrer Entlassung stehen, gestaltet sich nach wie vor schwierig, dadurch dass die wirtschaftliche Lage die Jobsituation verschlechtert. Auch bei Patient*innen, die nach der Entlassung in betreute Wohnformen sollen, ist die Lage schwierig. Viele Einrichtungen bieten immer noch keine Vorstellungsgespräche an oder haben gar einen Aufnahmestopp.“

3.6 Positive Effekte infolge der Corona-Pandemie auf die Soziale Arbeit

Die Studierenden weisen auch auf positive Effekte infolge der Corona-Pandemie hin:

„Es gibt aktuell mehr Online-Angebote, die Versicherten angeboten werden können.“

„Mehr Kreativität: Durch Telefontermine mussten Beratungen anders gestaltet werden. Der Einsatz unserer Dokumente ist offener nutzbar.“

„Angehäufte Überstunden konnten gut abgebaut werden.“

„Anfangs herrschte natürlich großes Chaos aber durch eine sehr gute Zusammenarbeit der Ämter untereinander konnte schnell eine Art ‚Krisen-Plan‘ entwickelt werden. Ämter wie das Jobcenter, Jugendamt, Amt für Migration halfen sich untereinander aus und vor allem das Gesundheitsamt nahm Mitarbeiter*innen aus anderen Ämtern für anfallende Aufgaben zur Hilfe. Telefondienste und eine Corona-Hotline wurden eingerichtet und freiwillige aus anderen Ämtern, die aufgrund der Situation kaum Arbeit hatten, konnten sich dort melden und aushelfen. Im Jobcenter bzw. Fallmanagement, dort bin ich tätig, wurde nach sehr kurzer Zeit sichtbar, dass es deutlich mehr Neuanträge gab. Die Umstellung auf vereinfachte Anträge und telefonische Erstgespräche erfolgte.“

„Mit dem eingeführten Besuchsverbot habe ich zunehmend wahrnehmen können, dass die Klient*innen ein gesteigertes Bedürfnis an Nähe und eine höhere Mitteilungsbedürftigkeit hatten. Klient*innen, die vorher sehr wenig bis gar nicht mit Worten kommuniziert haben, suchten nun vermehrt das Gespräch und den Austausch. Außerdem habe ich während, aber auch außerhalb der Pflege häufig Situationen gehabt, in denen mich die Klient*innen überraschend umarmt haben. Dies ist vorher so nie vorgekommen.“

4 Fazit

Die Auswertung zeigt, dass die Corona-Pandemie die Soziale Arbeit in besonderem Maße betrifft. Infolge dieser kommt es zu einer Arbeitsverdichtung und Komplexitätssteigerung, die sich vielerorts negativ auf die Fachlichkeit auswirkt. Auch scheinen hierarchische Strukturen in der Krisenkommunikation und Abhängigkeitsproblematiken auf der Beziehungsebene begünstigt zu werden. Es sind aber auch positive Effekte zu verzeichnen, wie ein Digitalisierungsschub, ein Abbau von Bürokratie und intensivierte Beziehungserfahrungen.

Bei besonders vulnerablen und/oder auf professionelle Unterstützungssysteme angewiesene Personengruppen zeigen sich infolge der Corona-Pandemie deutliche Belastungsspitzen. Dies betrifft beispielsweise Kinder und Jugendliche, alleinerziehende (Mütter) und Menschen mit Beeinträchtigungen sowie psychisch erkrankte und suchtkranke Menschen, die in ihrer Begleitung des Alltags nur ungenügend von Sozialer Arbeit aufgefangen werden können: Mit zunehmender Dauer der Krise ist zu befürchten, dass sich deren Situation verschärfen wird (Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V. (DVSG 2020, S. 1).

Nicht nur aus der Perspektive von Frauen- und Geschlechterforschung ergibt sich die Notwendigkeit einer intensivierten Debatte um Sorgearbeit (DGfE 2020, S. 1). Bedeutsam ist auch eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Corona-Pandemie: „Ein gesellschaftliches Lernen aus der Pandemie wird von vielen Seiten gefordert. Häufig steht dabei jedoch eine Konservierung von Strukturen im Vordergrund, deren Funktionieren Menschen aufgrund ihrer (nicht nur) geschlechtlichen Positionierung unterschiedlich vulnerabel macht. Das Anliegen wissenschaftlicher Reflexion muss es sein, die Erkenntnisse aus der Krisenerfahrung ‚systemrelevant‘ werden zu lassen“ (DGfE 2020, S. 2).

Der vorliegende Artikel möchte hierzu einen Beitrag leisten.

5 Literatur

Andresen, S.; Lips, A.; Möller, R.; Rusack, T.; Schröer, W.; Thomas, S.; Wilmes, J. (2020): Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen. Erste Ergebnisse der bundesweiten Studie JuCo. https://hildok.bsz-bw.de/frontdoor/​index/​index/​docId/1078. Letzter Abruf 12.06.2020

Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE); Sektion Frauen-und Geschlechterforschung (2020): Geschlechterverhältnisse der Krise und ihrer Bewältigung. Statement zum Umgang mit der Corona-Pandemie https://www.dgfe.de/fileadmin/​OrdnerRedakteure/​Sektionen/​Sek11_FuGFiEW/​2020_Statement_Corona_SektionFGF.pdf. Letzter Abruf 12.06.2020

Deutsches Institut für Menschenrechte (DIMR) (2020): Stellungnahme Corona-Krise: Menschenrechte müssen das politische Handeln leiten. März 2020. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/​user_upload/​Publikationen/​Stellungnahmen/​Stellungnahme_Coronakrise_Menschenrechte_muessen_das_politische_Handeln_leiten.pdf. Letzter Abruf 12.06.2020

Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen e.V. (DVSG) (2020): Psychosoziale Unterstützung und pflegerische Versorgung der Bevölkerung muss sichergestellt sein. März 2020. https://dvsg.org/fileadmin/​dateien/​07Publikationen/​01StellungnahmenPositionen/​2020-03-31_DVSG_Statement_in_der_Coronakrise_final.pdf. Letzter Abruf 12.06.2020

International Federation of Social Workers (IFSW) 2020: COVID-19: The uninvited guest on the month of social work. News Topic vom 16. März 2020. https://www.ifsw.org/covid-19-the-uninvited-guest-on-the-month-of-social-work/. Letzter Abruf 12.06.2020

Karakaşoğlu, Y.; Mecheril, P. als Vorsitzende des Rats für Migration (2020): Sars-CoV-2 und die (un) gleiche Vulnerabilität von Menschen (Stellungnahme vom 14. April 2020). https://ratfuermigration.files.wordpress.com/2020/04/rfm-stellungnahme_sars-cov-2-1-3.pdf. Letzter Abruf 12.06.2020

Kühne, S.; Liebig, S. (2020): Sozioökonomische Faktoren und Folgen der Verbreitung des Corona-Virus in Deutschland. https://www.soep-cov.de/Berichte/. Letzter Abruf am 12.06.2020.

SAGE-Verbund an der Alice Salomon Hochschule Berlin (2020): SAGE-Wissenschaftler_innen in gesellschaftspolitischer Verantwortung. Eine Stellungnahme zur Corona-Pandemie und ihren Folgen. https://ash-berlin.eu/fileadmin/​Daten/News/2020/SAGE_Stellungnahme_Corona/​SAGE-Stellungnahme_Corona.pdf. Letzter Abruf 12.06.2020.

Schmitt, C. (2020): COVID-19. Soziale Arbeit auf der Suche nach ihrem Auftrag im Katastrophenfall. In: Sozial Extra. Open Access und DOI: https://doi.org/10.1007/s12054-020-00284-5. Letzter Abruf 12.06.2020

Staub-Bernasconi, S. (2007): Vom beruflichen Doppel- zum professionellen Tripelmandat. Wissenschaft und Menschenrechte als Begründungsbasis der Profession Soziale Arbeit. Sozialarbeit in Österreich (SIÖ). 2. S. 8–17.

Steinert, J.; Ebert, C. (2020): Gewalt an Frauen und Kindern in Deutschland während COVID-19-bedingten Ausgangsbeschränkungen: Zusammenfassung der Ergebnisse. https://drive.google.com/file/d/19Wqpby9nwMNjdgO4_FCqqlfYyLJmBn7y/view. Letzter Abruf 12.06.2020


[1] SAGE steht für Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung. Es handelt sich um eine interdisziplinäre wissenschaftliche Arbeitsgruppe, die 2019 von der Alice Salomon Hochschule Berlin gemeinsam mit der Evangelischen Hochschule Berlin und der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin gegründet wurde.

[2] Im April 2020 hat Prof. Dr. Meyer von der Internationalen Hochschule Frankfurt am Main eine Umfrage zu Folgen der Corona-Pandemie auf die Soziale Arbeit initiiert. Ergebnisse dieser stehen bislang noch aus.


Autorin
Prof. Dr. Daniela Steenkamp
Professorin für Soziale Arbeit an der DHBW in Villingen-Schwenningen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/daniela-steenkamp.html
E-Mail Mailformular


Zitiervorschlag
Daniela Steenkamp: „Hier drehen gerade alle etwas am Rad …“. Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Soziale Arbeit aus Sicht dual Studierender an der Fakultät Sozialwesen der DHBW in Villingen-Schwenningen – einige Schlaglichter. Veröffentlicht am 08.07.2020 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/29063.php, Datum des Zugriffs 07.08.2020.


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