socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

100% Barrierefreiheit – ein Projekt des ABiD

Carsten Rensinghoff

veröffentlicht am 17.01.2021

Zusammenfassung

Der Beitrag ist die Dokumentation einer Zukunftswerkstatt, die sich mit der Herstellung einer 100 %igen Barrierefreiheit befasst. Es handelt sich hierbei um ein Projekt des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland (ABiD), welches im Mai 2020 begonnen hat. Die Teilnehmerinnen an dieser Zukunftswerkstatt waren Studierende des Matrikels 2017, die an der Hochschule Magdeburg/​Stendal Angewandte Kindheitswissenschaften studieren und bei dem Verfasser ein Seminar zur Inklusionspädagogik besuchten. Eine besondere Herausforderung war, aufgrund der Coronakrise, die Durchführung der Zukunftswerkstatt in Onlineveranstaltungen.

Einleitung

Eine einhundertprozentige Barrierefreiheit will der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland (ABiD), ein Jahresziel für 2020, erreichen. Der Journalist Sigurd Seifert hat dazu mit Marcus Graubner, dem Vorsitzenden des ABiD, ein Interview geführt, welches über die URL https://www.youtube.com/watch?v=y3WQBzEmnfk [Download 28.05.2020] abrufbar ist.

Ausschlaggebend für die Initiierung dieses Projekts sind die Behinderungserfahrungen der von einer Behinderung betroffenen Menschen. Im Interview nennt Marcus Graubner alltägliche Barrieren, auf die behinderte Menschen stoßen, als da beispielsweise wären unzugängliche Bahnhöfe, unzugängliche Züge oder ein nicht zu nutzender, weil barrierebehafteter öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV).

Die – von Betroffenen – auf den Weg gebrachte Forderung nach einer einhundertprozentigen Barrierefreiheit richtet sich an Verantwortliche in Behörden und Regierungen, insbesondere die Bundesregierung.

Für die Mobilität muss gesetzlich sichergestellt werden, dass der ÖPNV eine einhundertprozentige Barrierefreiheit aufweist. Hierzu zählen z.B. für den ländlichen Raum barrierefreie Taxen.

Zum Thema Bauen führt Graubner aus, dass sämtliche öffentlichen Gebäude, z.B. Rathaus, Bibliothek oder Theater grundsätzlich barrierefrei sein müssen und ohne Barrierefreiheit von den Verantwortlichen nicht genehmigt werden dürfen.

Für den privaten Bereich fordert der ABiD, so Marcus Graubner, zukünftig ein barrierefreies Bauen von Wohnungen. Letzteres ist auch dem demografischen Wandel geschuldet, denn, so Graubner, „älter werden wir alle“. Es handelt sich also um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Auch das Gesundheitssystem muss Barrierefreiheit aufweisen. Graubner fordert eine Barrierefreiheit in Arztpraxen. Hier müssen beispielsweise die Stufen beseitigt werden, die zu einer Arztpraxis führen. Manche Praxen, vielleicht die des spezialisierten Facharztes für spezifische Erkrankungen, sind aus den vorgenannten oder auch anderen Gründen, zu denken ist da an das Fehlen einer rollstuhlgängigen Toilettenanlage, unerreichbar. Neu errichtete Arztpraxen müssen zukünftig barrierefrei sein. Die kassenärztlichen Vereinigungen dürfen so in Zukunft keine Arztpraxis genehmigen, die für Behinderte, aufgrund von Barrieren, nicht betretbar ist.

Auch die Infrastruktur soll für alle, also auch für Behinderte, uneingeschränkt nutzbar sein.

Zukunftswerkstatt der Hochschule Magdeburg/​Stendal

Graubner führt aus, dass für die Forderungen des ABiD Partnerinnen und Partner notwendig sind, die bei der Umsetzung behilflich sind und diese unterstützen. Mit dieser Unterstützung haben sich im Sommersemester 2020 Studierende des Matrikels 2017 der Angewandten Kindheitswissenschaften im Modul Inklusionspädagogik und strukturelle Ungleichheit in der Kindheit, Schwerpunkt Inklusionspädagogik, an der Hochschule Magdeburg/​Stendal im Rahmen einer Zukunftswerkstatt befasst.

Bei einer Zukunftswerkstatt handelt es sich um eine soziale Problemlösemethode, die fantasiereich auf kreative Weise ein gesellschaftliches Problem bearbeitet. Sie tut dies in drei aufeinander ablaufenden Phasen:

In der Problem- und Kritikphase werden die Knackpunkte, das Problembehaftete, das zu Kritisierende, auf den Tisch gelegt. Hier wird der Ist-Zustand thematisiert. Am Ende dieser Phase steht eine gründliche Bestandsaufnahme des Gesamtanliegens.

In der folgenden Fantasie- und Utopiephase wird das vorher Genannte mit Fantasie und Kreativität angereichert und etwas unter Umständen Utopisches konstruiert. Hier spielen Geld und Macht keine Rolle. Ein Wunschhorizont wird entwickelt. „Im Mittelpunkt dieser Phase steht das Hinter-sich-Lassen realer Begrenzungen, das ungezwungene Ausspinnen eigener Phantasien“ (Kuhnt/Müllert 1996, 78).

Schließlich bekommt man in der Projekt- und Realitätsphase wieder Boden unter den Füßen. Wir gelangen in das Hier und Jetzt und müssen vielleicht mit begrenzten Mitteln auskommen. Der Wunschhorizont verdichtet sich zu Forderungen bzw. Projektansätzen. „In dieser Phase muß die Gruppe Farbe bekennen, ob sie ‚praktisch‘ werden will. Umsetzen heißt Sichbewegen, Ausprobieren, Experimentieren und Verändern, also in letzter Konsequenz Zukunft auszuformen“ (ebd., 95).

Problem- und Kritikphase

In der Problem- und Kritikphase haben sich die Studierenden in drei Dreiergruppen zusammengefunden und den kritikbehafteten Ist-Zustand mit folgenden Nennungen umschrieben:

  • Unwissenheit über Beeinträchtigung => Ausgrenzung
  • Neubauten oft barrierebehaftet, z.B. in Wohnheimen der Hochschule
  • Freunde in nicht barrierefreien Wohnungen unerreichbar
  • Parkmöglichkeiten schwer erreichbar
  • Am Stadtteilbüro ist der Parkplatz für Behinderte direkt an einer Treppe
  • Tür zum Stadtteilbüro lässt sich nur nach außen öffnen
  • In der Innenstadt haben fast alle Geschäfte Treppen
  • Bars/Kneipen mit Treppen
  • Schwimmbad
  • Theater
  • Kino
  • WC
  • Keine Familientoiletten
  • Keine Wickelräume für Erwachsene
  • Taktile Bodenbeläge fehlen häufig
  • Akustische Ampelsignale
  • Ampelphase zu kurz
  • Kreisverkehr oft überfüllt
  • Aufzugsituation, z.B. im Rathaus
  • ÖPNV unzureichend
  • Haltestellen keine Niederflurtechnik
  • Kopfsteinpflaster

In einem zweiten Schritt haben die Teilnehmenden der Zukunftswerkstatt bedeutungsvolle Punkte ermittelt und in Dreiergruppen näher untersucht:

  • Unwissenheit über Beeinträchtigung und Ausgrenzung
  • Gebäude sind durch fehlende Aufzüge, Rampen u.ä. barrierebehaftet
  • Öffentlicher Raum, z.B. WC, ÖPNV, Parken nicht in ausreichender Zahl vorhanden
  • Unpassendes Verhalten gegenüber einer Person mit Beeinträchtigung
  • Gebäude mit Barrieren ermöglichen keine Chancengleichheit
  • Sicherheitsstandards in Gebäuden nicht barrierefrei
  • Neubauten habe nicht unbedingt die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung im Blick
  • Menschen ohne Behinderung sagen, wo Menschen mit Behinderung wohnen können/sollen/dürfen
  • Neu gebaute Restaurants haben oft keine behindertengerechten WCs
  • Zugang zu Restaurants barrierebehaftet (Treppen o.ä.) => Rampe nicht vorhanden/​vergessen
  • Eingeschränktes Sozialleben => asymmetrisches Beziehungsverhältnis
  • Freizeit: Zugang zu gesellschaftlichen Veranstaltungen erschwert/​verunmöglicht
  • Man wird ins Private ausgeschlossen
  • Hoher Planungs- und Informationsbeschaffungsaufwand
  • Freizeitgestaltung institutionenabhängig
  • Denkmalschutz der Inklusion nicht zuträglich

Fantasie- und Utopiephase

„In dieser Phase soll man sich im Wort- und übertragenen Sinne beflügeln lassen“ (Koch 1999, 18) und „das Phantasieren, Träumen will auch gelernt sein; denn es wird uns im gesellschaftlichen Diskurs nicht als lobenswertes Vorgehen gestattet“ (Koch 1999, 7)!

Nachdem die Teilnehmenden der Zukunftswerkstatt mit dem Negativ-Positivspiel aufgelockert waren, wurden die Knackpunkte in etwas Positives oder Wünschenswertes umgewandelt:

  • Unwissenheit über Beeinträchtigung und Ausgrenzung => Aufklärung, im Kindergarten, in der Schule (z.B. im Fach Sozialleben), Kinderbücher über Behinderung, Fernsehen, Darstellung von Behinderung in den Medien
  • Die Gründe für unpassendes Verhalten gegenüber Menschen mit Behinderung ermitteln => Aufklärung über das Anderssein

Projekt- und Realitätsphase

In dieser Phase hat die Gruppe Punkte aufgeführt, die sie dem Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland mit auf den Weg geben möchte, damit die ersten Schritte für eine einhundertprozentige Barrierefreiheit getan werden können. In Kleingruppen wurden folgende Projektvorschläge erarbeitet:

  • Verpflichtung, Neubauten im öffentlichen Raum barrierefrei gestalten => höhere Geldstrafen bei Nichtbeachtung und stärkere Kontrolle
  • Zahl der Behindertenparkplätze und Behinderten-WC erhöhen
  • Vermeidung der Zusammenlegung von Behinderten-WC und Mädchen/​Damen-WC. Männer oder Jungen mit Behinderung können sich benachteiligt fühlen oder Frauen/Mädchen und Jungen/Männer fühlen sich als geschlechtslose Menschen
  • Sicherheitsstandards barrierefrei gestalten (Feuertüren automatisch öffnen)
  • Freizeitaktivitäten barrierefrei gestalten (z.B. Schaukel für Rollstuhlfahrer)
  • Automatische Türöffnung (z.B. im Krankenhaus Köthen, Hochschule)
  • Akustische Ampelsignale einheitlich programmieren. Uneinheitlichkeit kann bei blinden- und sehbehinderten Menschen zu Verwirrung führen
  • Ampeltaster einheitlich in der Vibration programmieren. Auch hier kann Uneinheitlichkeit zu Verwirrung führen
  • In jedem Kreisverkehr soll ein Zebrastreifen vorhanden sein
  • Bodenbeläge blindengerecht gestalten;
  • Denkmalschutzgesetze in Richtung Barrierefreiheit lockern
  • Mehr Aufklärung über Behinderung in sozialen Berufen (Aus-, Fort- und Weiterbildung)
  • Ableismus (dieser Terminus bezeichnet „die ungerechtfertigte Ungleichbehandlung (‚Diskriminierung‘) wegen einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung oder aufgrund von Lernschwierigkeiten. Es ist also ‚Ableismus‘, wenn ein Mensch wegen einer bestimmten, oft äußerlich wahrnehmbaren Eigenschaft oder einer Fähigkeit – seinem ‚Behindertsein‘ – bewertet wird“ [Fachstelle EUTB 2020]) in der Öffentlichkeit stärker thematisieren
  • Mehr Unterstützung zur barrierefreien Berufsausübung
  • Barrierefreie Mobilität (Straßen, Wege, Öffentlicher Personennahverkehr).

Fazit

Die Studierenden der Angewandten Kindheitswissenschaft, die an der vorgenannten Sozialen Problemlösemethode Zukunftswerkstatt beteiligt waren, haben ein umfangreiches Wissen zur Problemlage von Menschen mit einer Behinderung erkannt. Dieses Wissen haben sie kritisch benannt, fantasiereich bearbeitet und realisierbaren Lösungen zugeführt. Diese Arbeit soll dem ABiD bei der Umsetzung zur Herstellung einer einhundertprozentigen Barrierefreiheit zur Verfügung gestellt werden.

Literatur

Fachstelle EUTB: Ableismus. URL: https://www.teilhabeberatung.de/woerterbuch/​ableismus [Download: 18.06.2020].

Koch, Gerd: Die Methode „Zukunftswerkstatt“ in der Sozialpädagogik. Berlin ²1999.

Kuhnt, Beate/Müllert, Norbert R.: Moderationsfibel Zukunftswerkstätten. Das Praxisbuch zur Sozialen Problemlösemethode Zukunftswerkstatt. Münster 1996.


Autor
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Website www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdienst-ev-projektbuero-stendal
E-Mail Mailformular


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff: 100% Barrierefreiheit – ein Projekt des ABiD. Veröffentlicht am 17.01.2021 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/29159.php, Datum des Zugriffs 13.05.2021.


Urheberrecht
Dieser Beitrag ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, helfen wir Ihnen gerne weiter. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Materialien für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.

Zur Übersicht über alle Materialien