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Barrierefrei Beraten – Wir für Sie und zwar für alle!

Bericht über ein Projekt, durchgeführt im Diakonischen Werk Heilbronn und dem Diakonieverband Schwäbisch Hall

Hannelore Göttert, Gunda Rosenauer

veröffentlicht am 01.06.2021

1. Die Rahmenbedingungen

Der Kreisdiakonieverband Heilbronn und das Diakonische Werk Schwäbisch Hall haben sich auf den Weg gemacht, um Barrieren aller Art in ihrem Arbeitsfeld zu erkennen und Lösungen dafür zu finden. Der Aktionsplan „Inklusion leben“ der evangelischen Kirche Württemberg und ihrer Diakonie unterstützte das Projekt finanziell. Für die wissenschaftliche Begleitung konnte die Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg gewonnen werden. Das Projekt wurde in den Jahren 2018 bis 2020 durchgeführt.

In dem Projekt „Barrierefrei Beraten“ wurden beispielhaft zwei Abteilungen der Diakonie Heilbronn bzw. Schwäbisch Hall auf mögliche Barrieren in ihren Beratungsangeboten untersucht. Dabei ging es um Barrieren im weitesten Sinne, denn Barrieren in der Beratungsarbeit gibt es nicht nur in Form von baulich bedingten Hindernissen, durch die Menschen daran gehindert werden, ihr Recht auf Teilhabe zu verwirklichen. Barrierefreiheit bedeutet viel mehr. Es wurden verschiedene große und kleine Barrieren aus dem Beratungsalltag identifiziert. Gleichzeitig wurden Wege gesucht und eingeübt, um diese Barrieren zu beseitigen oder überwindbar zu machen.

Im Folgenden geht es zuerst um Auftrag, Durchführung und Ergebnisse des zweijährigen Projekts. Anschließend wird das Projekt im Blick auf wichtige Erkenntnisse und offene Fragen reflektiert. Der Artikel soll sowohl zur Nachahmung als auch zu Diskussion und Forschung anregen.

2. Der Projektverlauf

2.1 Projektauftrag, Durchführung und Ergebnisse

Der Projektauftrag bezog sich auf jeweils ein konkretes Beratungsangebot. In der Diakonie Heilbronn war dies die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung und in der Diakonie Schwäbisch Hall das Frauen- und Kinderschutzhaus. Es ging darum, beispielhaft an diesen beiden Abteilungen darzustellen, wie Barrierefreiheit aussehen und wie sie erreicht werden kann. Gleichzeitig sollten nicht nur die Ergebnisse, sondern der ganze Prozess, der im Laufe des Projekts stattfand, dokumentiert werden. Die Dokumentation war so zu gestalten, dass andere Abteilungen bzw. Träger die nötigen Werkzeuge für einen ähnlichen Prozess fertig vorfinden würden und sozusagen nur noch nach ihnen greifen müssten.

Die Leitung des Projekts wurde von den beiden Geschäftsführern an Professorin Dr. Gunda Rosenauer von der Hochschule für Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg übergeben. Sie arbeitete gemeinsam mit ihnen sowie Mitarbeitenden der Diakonie an dem Ziel, größtmögliche Barrierefreiheit in den gut etablierten Angeboten zu erreichen.

Das Projektteam ging von Anfang an von einer weiten Definition des Begriffs „Barrierefreiheit“ aus: „Barrierefreiheit heißt, dass […] Dienstleistungen […] so gestaltet werden, dass sie für alle ohne fremde Hilfe zugänglich sind.“ [1] Gesetzliche Grundlage dafür sind u.a. die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), in denen der Begriff der Teilhabe eine zentrale Rolle spielt. Im Projekt Barrierefrei Beraten ging es demnach darum, dass jede Person, bei der ein entsprechender Bedarf besteht, von den Beratungsangeboten profitieren kann – unabhängig von den jeweils individuellen physischen, psychischen, finanziellen, sprachlichen, sozialen oder sonstigen Ressourcen. Im Hintergrund stand dabei immer auch der Inklusionsbegriff. [2]

Konkret geht es folglich neben Menschen mit Beeinträchtigungen z.B. auch um einen Auszubildenden, der nur abends und am Wochenende Zeit hat. Gibt es in der Beratung keine für ihn passenden Termine, kann das eine Barriere sein, die ihn daran hindert, das Beratungsangebot wahrzunehmen. Genauso geht es der Frau, die den kritischen Blick einer Beraterin auf ihre traditionelle Kleidung und das Kopftuch bemerkt und deshalb beschließt, nicht noch einmal dort hinzugehen. Auch sie ist auf ein Hindernis gestoßen, das sie von der Nutzung des Angebots abhielt. Nicht zuletzt gibt es für viele Ratsuchende Barrieren in der (normalerweise mündlichen) Kommunikation. Zum einen sind davon Menschen mit Lern-, Sprach- oder Hörbeeinträchtigung betroffen und zum anderen, in noch weit größerer Zahl, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen.

In Form von Workshops und verschiedenen Befragungen wurden sowohl bestehende Barrieren als auch bewährte Abhilfen erfasst und systematisiert. Dabei wurden neben den Geschäftsführern und Mitarbeitenden auch (ehemalige) Ratsuchende befragt sowie wichtige Netzwerkpartner*innen.

Bei der systematischen Erfassung der Ergebnisse kristallisierten sich fünf Hauptbereiche heraus:

  1. Mitarbeitende (Haltungen und Kompetenzen)
  2. Gebäude (Erreichbarkeit und Bauliches)
  3. Organisation (Struktur und Ressourcen)
  4. Klient*innen (Partizipation und Empowerment)
  5. Kommunikation (Mediale Präsenz und Netzwerk)

Für jeden der fünf Bereiche wurden im weiteren Verlauf des Projekts Aufgabenpakete erstellt und nach und nach bearbeitet.

Im Bereich Mitarbeitende war neben der Personalabteilung ganz konkret jede*r einzelne Mitarbeiter*in gefragt. Denn die Barrieren in unseren Köpfen können wir meistens nur selbst erkennen und verringern. So standen im Mittelpunkt dieses Bereichs Workshops, die für Mitarbeitende geplant und durchgeführt wurden. Ganz bewusst wurden dabei nicht nur die unmittelbar in der Beratung arbeitenden Personen mit einbezogen, sondern zum Beispiel auch die Mitarbeiter*innen vom Empfang sowie ehrenamtlich Tätige. Die Inhalte der Workshops reichten von der Sensibilisierung für eigene Vorurteile über das Erkennen und Bekämpfen von Diskriminierung bis zu Fragen der Selbstfürsorge. Neben theoretischen wurden auch ganz praktische Fragen besprochen, zum Beispiel wie in konkreten Situationen mit den eigenen Grenzen umgegangen werden kann („Eine meiner Klientinnen wäscht sich nie und wenn ich mit ihr in einem Zimmer bin, dann halte ich das nicht lange aus. Was soll ich da machen?“).

Der Bereich des Gebäudes (Erreichbarkeit und Bauliches) wurde vor allem mit den Geschäftsführern besprochen. Neben dem Gebrauch von Checklisten war eine Begehung der Räumlichkeiten mit häufig selbst von Hindernissen betroffenen Expert*innen hilfreich. Einer der Experten war z.B. blind und zeigte uns anschaulich, an welchen Stellen er im Gebäude ohne fremde Hilfe völlig orientierungslos war. Seine Vorschläge waren sehr praktisch: So lassen sich z.B. Treppengeländer mit kleinen Plättchen bekleben, auf denen in Brailleschrift das jeweilige Stockwerk oder weitere Hinweise stehen. Weitere Expert*innen waren: Eine Frau im Rollstuhl und ein Mann mit Gehbehinderung. Für nötige größere bauliche Umbaumaßnahmen wurden Förderprojekte gesucht und gefunden.

Im Blick auf Struktur und Ressourcen der Organisation ergaben sich mehrere Aufgabenpakete, z.B.:

  • die Erstellung eines Sprachkompass, auf dem die verschiedenen Sprachkompetenzen aller Mitarbeitenden zu erkennen waren
  • Informationsmaterial für Ratsuchende in Leichter Sprache (zum Teil im Internet verfügbar, zum Teil selbst hergestellt)
  • Recherche betreffs hilfreicher Software zur Sprachübersetzung

In diesem Bereich wurde deutlich, dass eine der wichtigsten Ressourcen für Barrierefreiheit die Zeit der Mitarbeitenden ist. Es braucht Zeit, um Barrieren zu erkennen. Und es braucht Zeit, um sie abzubauen.

Perspektive und Ressourcen der Klient*innen waren von Anfang an ein wichtiger Bereich. Sie kennen die Barrieren im Beratungsalltag und haben teilweise schon Ideen zu deren Beseitigung oder Überwindung. Diese wurden mit einbezogen.

Die kritische Aussage eines Sozialarbeiters, dass man den Klient*innen ja auch nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen könne, machte nochmals deutlich, dass Barrierefreiheit in manchen Situationen in direktem Zusammenhang mit dem Empowerment von Klient*innen steht. So ist es in manchen Gesprächen richtig und wichtig, (ehrenamtliche) Sprachmittler mit einzubeziehen (= Abbau von Sprachbarrieren). Gleichzeitig kann die Sprachbarriere jedoch nachhaltiger bearbeitet werden, wenn Klient*innen immer wieder erleben, dass sie mit geringen Deutschkenntnissen durchaus in der Lage sind, mit eine*r einfühlsamen und geduldigen Berater*in wichtige Inhalte zu kommunizieren und erkennen, dass sich Sprache zu lernen lohnt (Empowerment).

Kommunikation im Sinne von medialer Präsenz und Netzwerken war ein weiterer Bereich, mit einer Vielzahl an möglichen Hindernissen. So stellte sich hier die Frage, ob die Menschen, die von einer Beratung profitieren würden, überhaupt Kenntnis von dem betreffenden Beratungsangebot haben. Es wurde deutlich, dass durch Handzettel und Zeitungsartikel nur ein Teil der potenziellen Klient*innen erreicht wird. Hier gibt es viel Raum für kreative und zielgruppenspezifische Informationskampagnen, die gemeinsam mit Netzwerkpartnern durchgeführt werden können.

2.2 Reflexion des Projekts und offene Fragen

Wurde das Projektziel Barrierefreiheit erreicht? Diese Reflexionsfrage lässt sich nicht so einfach beantworten. Offensichtlich ist, dass völlige Barrierefreiheit nicht hergestellt werden konnte. Stattdessen wurde deutlich, dass Barrierefreiheit nicht nur ein Ziel, sondern vor allem ein Prozess ist. Dieser Prozess gelingt nur in einer Zusammenarbeit von Geschäftsführung, Mitarbeitenden und Klient*innen. Gleichzeitig hat es jede*r einzelne Mitarbeiter*in in der Hand, einen Beitrag zu mehr Barrierefreiheit zu leisten. Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, ob völlige Barrierefreiheit in der Beratungsarbeit überhaupt erreichbar ist. Spätestens wenn es um die Barrieren in unseren Köpfen geht, ist ein andauernder (Selbst-)Reflexionsprozess gefordert, der uns immer wieder neu in die Lage versetzt, in der konkreten Situation Barrierefreiheit herzustellen. Auch die Frage, was von Seiten der Beratung zu leisten ist und was von Klient*innen erwartet werden kann und darf, lässt sich unter Umständen nur in der jeweils konkreten Situation klären und erfordert von den Fachkräften ein hohes Maß an Sensibilität gegenüber der Vielfalt der Klient*innen.

Einige der im Laufe des Projekts bearbeiteten Aufgabenpakete hatten mit dem Einsatz von Leichter Sprache zu tun. Diese stammt ursprünglich aus der Arbeit mit und für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Sie wird häufig auch für Menschen mit geringen Deutschkenntnissen empfohlen. Bei dem Versuch der Gestaltung der Homepage in Leichter Sprache blieben jedoch mehrere Fragen offen, z.B.: Welche Möglichkeiten gibt es, eine Homepage mit Übersetzungen in Leichter Sprache zu gestalten, ohne dass die EDV-Struktur für eine völlig neue Homepage angelegt werden muss und dadurch doppelte Kosten entstehen?

In der Durchführung des Projekts stießen die Beteiligten regelmäßig auf zeitliche Grenzen bei den Mitarbeitenden. Nicht erst in der Corona-Pandemie, sondern bereits vorher wurde immer wieder deutlich, dass sie bereits voll ausgelastet waren. So war es für sie fast unmöglich darüber nachzudenken, wie Barrieren abgebaut werden könnten, damit noch mehr Personen Zugang zur Beratung bekommen. Es wurde deutlich, dass Barrierefreiheit neben der Bereitschaft der Mitarbeitenden auch von den (politischen) Rahmenbedingungen abhängt. Interessant wäre hier die Frage, welche konkreten Maßnahmen der Barrierefreiheit gleichzeitig zu einer Entlastung der Mitarbeitenden führen kann. Im Projekt wurde dies z.B. durch die Erstellung von zwei Info-Broschüren in Leichter Sprache versucht, die grundlegende Inhalte aus der Schwangerenberatung aufnehmen. Dadurch soll die Beratung nicht nur effektiver werden (die Klientinnen verstehen mehr), sondern im Idealfall kann Zeit in der Beratung gespart werden, weil grundlegende Informationen bereits bekannt sind.

Bei einer (nicht repräsentativen) Befragung von Bürger*innen in der Fußgängerzone wurde deutlich, dass die Diakonie allgemein vor allem mit (Alten- oder Kranken-)Pflege in Verbindung gebracht wird. Weniger bekannt sind dagegen die vielfältigen Beratungsangebote. Hier stellt sich die Frage nach zielgruppenspezifischen Kommunikationsmethoden jenseits von Homepage und Flyern.

Im Blick darauf, dass völlige Barrierefreiheit kaum herstellbar ist, bleibt die Frage, welche Barrieren vielleicht doch „zumutbar“ sind? Im Gespräch mit Expert*innen in eigener Sache wurde deutlich, dass es hier keine klare Antwort gibt. Dies hängt zum einen mit den jeweils individuellen Fähigkeiten zusammen und zum anderen mit der jeweiligen inneren Haltung sowohl bei Klient*innen als auch Beratenden. So kann eine freundlich und zuvorkommend gewährte Hilfe beim Öffnen einer schweren Türe für den einen Rollstuhlfahrer durchaus eine akzeptable Lösung sein, während es für andere als erniedrigende Sonderbehandlung erlebt wird. Hier ist es entscheidend, in einer wertschätzenden Beziehung zu den Klient*innen immer wieder individuelle Lösungen zu finden und dabei deutlich zu machen, dass die Verantwortung für (noch immer) bestehende Barrieren ganz bei der Beratungsstelle liegen und dadurch entstehende Unannehmlichkeiten für Klient*innen bedauert werden. Neben den individuellen Lösungen wäre hier die Frage nach generellen Begegnungs- und Diskussionsformaten zwischen den Trägern von Beratungsangeboten und den verschiedenen Interessenvertreter*innen der Klient*innen (z.B. Behindertenverbände, Migrantenorganisationen).

3. Fazit

Im Projektverlauf wurden an verschiedenen Stellen Schritte in Richtung größerer Barrierefreiheit in den Beratungsangeboten gegangen. Entscheidend wird allerdings sein, dass der angestoßene Prozess gemeinsam mit den Klient*innen weitergeht. Das wird nicht zuletzt davon abhängen, ob im hektischen Beratungsalltag immer wieder Zeit für die Reflexion sowie dem Ausprobieren von Neuem bleibt. Hilfreich wäre dafür eine andauernde Begleitung des Prozesses durch eine Inklusionsstelle innerhalb der Trägerorganisationen.

Es bleibt zu hoffen, dass der vom Projektteam erstellte „Werkzeugkoffer“ von vielen Fachkräften gelesen und ausprobiert wird und damit Schritt für Schritt noch bestehende Barrieren in Beratungsangeboten gemeinsam mit den Klient*innen erkannt und abgebaut werden können.

Der Werkzeugkoffer steht kostenlos im Internet zur Verfügung.


[1] Aktion Mensch (2021). Barrierefreiheit – was heißt das? Verfügbar unter https://www.aktion-mensch.de/dafuer-stehen-wir/​was-ist-inklusion/​barrierefreiheit-bedeutung.html) [29.03.2021].

[2] Besonders hilfreich fanden wir in diesem Zusammenhang ein von der AWO erstelltes Handbuch (AWO Bundesverband e.V.) (2016). Inklusion als Leitidee der Organisationsentwicklung: Handbuch zur Planung Gestaltung und Umsetzung inklusiver Veränderungsprozesse.)


AutorInnen
Hannelore Göttert
M.A. Kindheits- und Sozialwissenschaften, Sozialarbeiterin bei der Diakonie Heilbronn
Website www.diakonie-heilbronn.de
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Prof. Dr. Gunda Rosenauer
Professorin für Psychologie an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg
Website www.gundarosenauer.de
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Zitiervorschlag
Hannelore Göttert, Gunda Rosenauer: Barrierefrei Beraten – Wir für Sie und zwar für alle!. Bericht über ein Projekt, durchgeführt im Diakonischen Werk Heilbronn und dem Diakonieverband Schwäbisch Hall. Veröffentlicht am 01.06.2021 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/29259.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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