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Junge Menschen als Humankapital?

Herausforderungen und Widersprüche des Aktivierungsparadigmas im Kontext einer europäischen Politik zur Integration arbeitsmarktferner Jugendlicher

Jan Bertram

veröffentlicht am 24.02.2022

Zusammenfassung
Innerhalb der Europäischen Union kommt aus sozialpolitischer Sicht der Jugend eine besondere Bedeutung zu. Sie wurde am härtesten getroffen, sowohl von der Wirtschafts- und Finanzkrise als auch von der Corona-Pandemie. Gerade auch im Hinblick auf die europäischen Spaltungstendenzen zählt die Entwicklung einer beruflichen und sozialen Perspektive für die Jugend Europas zu den zentralen Herausforderungen dieses und des letzten Jahrzehnts. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, wie die europäischen Institutionen auf die krisenhaften Entwicklungen reagieren, welches theoretische Verständnis ihrem Handeln dabei zugrunde liegt und welche Folgen und Handlungserfordernisse sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben.

Inhalt

  1. 1 Jugendarbeitslosigkeit in der EU: Empirische Bestandsaufnahme und politische Handlungsstrategien
  2. 2 Junge Menschen als Humankapital: Theoretische Annäherung an ein europäisches Inklusionsverständnis
  3. 3 Auswirkungen auf die Praxis Sozialer Arbeit
  4. 4 Schlussfolgerungen
  5. 5 Quellenangaben

1 Jugendarbeitslosigkeit in der EU: Empirische Bestandsaufnahme und politische Handlungsstrategien

Die Europäische Union sieht sich derzeit mit multiplen Herausforderungen konfrontiert, die sich insbesondere im Kontext der Corona-Pandemie weiter verschärft haben. Vor Ausbruch der Pandemie befand sich die Staatengemeinschaft insgesamt in einer Phase der wirtschaftlichen Erholung, die auch zu einer deutlichen Verringerung der Arbeitslosigkeit seit dem Höhepunkt der Finanz- und Staatsschuldenkrise im Jahr 2013 geführt hatte. Der Rückgang der Arbeitslosenquote beschränkte sich dabei nicht nur auf Erwachsene, sondern konnte insbesondere auch bei jungen Menschen beobachtet werden (vgl. Eurostat, 2021). Gerade Europas Jugendliche wurden nun jedoch mit aller Wucht von der Corona-Pandemie getroffen, sodass mit Blick auf diese Personengruppe bereits von einer „Lost-Generation“ (vgl. Tamesberger/​Bacher, 2020) gesprochen wird. Dabei sollte die Corona-Krise jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass junge Menschen in Europa bereits seit vielen Jahren mit erheblichen Herausforderungen hinsichtlich ihrer arbeitsmarktlichen und auch gesellschaftlichen Integration zu kämpfen haben. So lag etwa die Jugendarbeitslosenquote innerhalb der letzten 10 Jahre dauerhaft mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote (vgl. Eurostat, 2021). Hinzu kommt, dass auch die Armutsgefährdungsquote für junge Menschen deutlich oberhalb des europäischen Durchschnitts liegt.

Jugendarbeitslosigkeit und allgemeine Arbeitslosigkeit in der EU in Prozent
Abbildung 1: Jugendarbeitslosigkeit und allgemeine Arbeitslosigkeit in der EU in Prozent (Eurostat, 2021)

Von dieser besonderen Vulnerabilität junger Menschen haben die europäischen Institutionen Kenntnis und versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten darauf einzuwirken. Die Europäische Kommission zielt mit ihrem Ansatz auf eine bestimmte Personengruppe, auf die sogenannten „NEETs“ (Not in Education, Employment or Training). Sie erweitert damit ihren ursprünglichen Indikator der Jugendarbeitslosenquote um den Anteil der ökonomisch inaktiven jungen Menschen, also um jene, die nicht bei einer öffentlichen Arbeitsvermittlung als arbeitssuchend gemeldet sind und die aus diesem Grund in Teilen als besonders arbeitsmarktfern und in besonderem Ausmaß von gesellschaftlicher und materieller Deprivation betroffen gelten können. NEETs weisen häufig neben einer fehlenden Arbeitsmarktintegration diverse zusätzliche individuelle Vulnerabilitäten auf, die einer zukünftigen Arbeitsmarktintegration entgegenstehen können. Dazu zählen ein schwacher soziokultureller Hintergrund wie etwa Eltern, die ebenfalls von Arbeitslosigkeit oder geringqualifizierter Arbeit betroffen sind (vgl. Spielhofer et al., 2009, S. 26 ff.; Vancea/​Utzet, 2018; Thompson, 2011), ein geringes Bildungsniveau der Eltern, aber auch der Jugendlichen selbst (vgl. Bacher et al., 2014; Tamesberger/​Bacher, 2014; Vancea, 2018), vorzeitige Schulabbrüche (vgl. Luca et al., 2020) sowie psychische Erkrankungen (vgl. Goldman-Mellor et al., 2016; Rodwell et al., 2018) und Suchtabhängigkeiten (vgl. Manhica et al., 2019; Goldman-Mellor et al., 2016).

Seit dem Jahr 2013 nehmen die NEETs einen wichtigen Stellenwert innerhalb des Agenda-Settings der Europäischen Kommission ein. Die Union ist sich also der Dringlichkeit dieser Herausforderung bewusst: Will sie, gerade auch im Kontext der anhaltenden krisenhaften Entwicklungen innerhalb Europas, den sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhalt der Union nicht gefährden, so muss sie zeigen, dass sie in der Lage ist, der europäischen Jugend eine Perspektive zu bieten. Das zentrale politische Instrument, mit dem die Kommission dieser Herausforderung begegnet, ist die Europäische Jugendgarantie. Kernstück dieses Programm ist das Versprechen an junge Menschen auf einen Arbeitsplatz, Ausbildungsplatz oder hochwertigen Praktikumsplatz innerhalb von vier Monaten ab der Registrierung bei einer öffentlichen Arbeitsvermittlung (vgl. Rat der Europäischen Union, 2013).

2 Junge Menschen als Humankapital: Theoretische Annäherung an ein europäisches Inklusionsverständnis

Bevor eine Bewertung des europäischen Ansatzes zur Integration von NEETs möglich erscheint, gilt es zunächst zu analysieren, unter welcher theoretischen Perspektive sich die Kommission dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit nähert. Dies soll im Folgenden anhand eines Zitates verdeutlicht werden, welches an dieser Stelle exemplarisch für viele weitere Stellungnahmen der EU-Institutionen dieser Art steht. In der Auseinandersetzung mit europäischer Sozial-, Beschäftigungs- und Jugendpolitik ist dieser Duktus allgegenwärtig.

„Investitionen, die heute in das Humankapital der jungen Europäerinnen und Europäer getätigt werden, tragen dazu bei, die sozialen Marktwirtschaften in Europa zukunftsfähig zu machen […]. Der Union werden aktive, innovationsfreudige und qualifizierte Arbeitskräfte zugutekommen und sie kann gleichzeitig hohe Kosten für junge Menschen vermeiden, die weder einen Arbeitsplatz haben noch eine schulische oder berufliche Ausbildung absolvieren“ (Europäische Kommission, 2020, S. 19).

Deutlich wird an diesem Zitat, dass hier junge Menschen weniger ein Sorgeobjekt hinsichtlich ihrer individuellen Problemlagen darstellen, sondern diese tauchen als „Humankapital“ auf, das es zu fördern gilt, damit dieses einen produktiven Beitrag zur europäischen Wirtschaftskraft leisten kann. Mit dieser Sichtweise bezieht die Kommission sich auf einen prominenten bildungsökonomischen Ansatz, der eine Weiterentwicklung des neoklassischen Standardmodells in der Volkswirtschaftslehre darstellt.

Der Humankapitalansatz geht davon aus, dass Individuen, in diesem Fall also NEETs, selbstständig und aus ihrem eigenen Interesse heraus in ihr Humankapital, d.h. im weitesten Sinne in ihre Beschäftigungsfähigkeit, etwa in Form von Bildung (z.B. Ausbildung, Praktikum), investieren (vgl. Sesselmeier et al., 2010, S. 145 f.). Damit zählt der Humankapitalansatz zu den Rational-Choice-Theorien, denen das Menschenbild des „Homo Oeconomicus“, also eines grundsätzlich rational handelnden und nutzenmaximierenden Individuums, zugrunde liegt. Dies bedeutet, dass junge Menschen rational in ihr Humankapital investieren, weil sie sich davon eine sogenannte „Bildungsrendite“ (Hummelsheim/​Timmermann, 2010, S. 125), d.h. einen späteren Einkommensstrom versprechen. In dieser Vorstellung wird also das Individuum selbst zum Kapitalisten. Es investiert solange in das eigene Humankapital, „bis die Grenzkosten der Investitionstätigkeit gleich dem Gegenwartswert der sich daraus ergebenden Grenzerträge sind“ (Sesselmeier et al., 2010, S. 146).

Die Europäische Kommission setzt damit auf ein Konzept, dass die Vermittlung in den Arbeitsmarkt über die Aneignung von Humankapital letztlich als die entscheidende Hürde zur gesellschaftlichen Integration ansieht. Diese gilt dann als geglückt, wenn das Individuum durch Erwerbsarbeit seinen Teil zur gesellschaftlichen Reproduktion und damit zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Aus Sicht der Kommission treten in diesem Zusammenhang sowohl die Union als auch ihre jungen Bürger und Bürgerinnen als Investor:innen in Humankapital auf und letztlich sollen auch beide Seiten profitieren: die Union durch Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Wirtschaftsstandorten und das Individuum selbst durch einen Arbeitsplatz bzw. Lohnzuwächse.

Die Vorstellungen einer gelingenden Integration des NEET-Personenkreises über Investition in Humankapital weisen einerseits ohne Zweifel ein rationales Moment auf, schließlich setzt in einer ausdifferenzierten Industriegesellschaft der Erwerb eines Arbeitsplatzes häufig eine umfangreiche formale Qualifikation voraus. Probleme ergeben sich jedoch, wenn rational vorgenommene Humankapitalinvestitionen zur alleinigen Voraussetzung einer gelingenden Teilhabe betrachtet werden. Wem es nicht gelingt, ausreichend in sein Humankapital zu investieren, der hat nach dieser Vorstellung die entsprechenden Konsequenzen, dem Rational-Choice-Ansatz folgend, dann auch selbst zu verantworten. Insofern ließe sich der Humankapitalansatz auch als „voluntaristisches Konzept sozialer Ungleichheit am Arbeitsmarkt“ (Weingärtner, 2019, S. 32) bezeichnen. Arbeitslosigkeit oder geringe Bezahlung sind aus dieser Perspektive das Ergebnis eines rationalen Entscheidungsprozesses junger Menschen. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit hat im Rahmen dieses Modells keinen Platz (vgl. Lärm, 1982, S. 136). Insofern werden durch den Humankapitalansatz Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt und damit in einer auf Erwerbsarbeit fußenden Gesellschaft auch soziale Ungleichheiten insgesamt theoretisch legitimiert.

Der zentrale Förderansatz der EU zur Integration arbeitsloser Jugendlicher ist vor dem Hintergrund dieser theoretischen Annäherung an das europäische Inklusionsverständnis nur konsequent. Die Jugendgarantie soll gesicherte Investitionsmöglichkeiten in Humankapital wie etwa einen Ausbildungsplatz oder Fortbildungsplatz innerhalb von vier Monaten zur Verfügung stellen, die dann aber selbstständig ergriffen werden müssen. Ein solcher Ansatz weist im Bereich arbeitsloser Jugendlicher damit notwendigerweise erhebliche Limitierungen auf. Junge Menschen, die in ihr eigenes Humankapital investieren sollen, etwa durch die Aufnahme eines Ausbildungs- oder Fortbildungsplatzes, müssen auch über die entsprechenden Investitionsmittel, d.h. also die Fähigkeiten verfügen, eine solche Chance auch für sich nutzbar zu machen. Derartige Investitionsmittel können aber gerade bei besonders arbeitsmarktfernen NEETs nicht selbstverständlich unterstellt werden, da diese häufig die oben genannten Vulnerabilitäten (z.B. Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeiten usw.) aufweisen. Diesen jungen Menschen Möglichkeiten der Aneignung von kulturellem Kapital bereitzustellen, etwa in Form von Bildung oder Ausbildung, ist letztlich nicht ausreichend, da viele arbeitsmarktferne Jugendliche überhaupt erst dazu befähigt werden müssen, entsprechende Angebote auch wahrnehmen zu können. Es müssen also zunächst die individuellen Voraussetzungen zur (Human-)Kapitalaneignung geschaffen werden. Aus diesem Grund geht der humankapitalistisch orientierte Förderansatz der Kommission in Form der Jugendgarantie in Teilen insbesondere an jenen Jugendlichen vorbei, die in besonderem Ausmaß von gesellschaftlichem und materiellem Ausschluss betroffen sind. Diesen Umstand räumt die Kommission mittlerweile auch ein. So ist zwar die NEET-Quote im Kontext der wirtschaftlichen Erholung seit dem Jahr 2013 kontinuierlich gesunken (bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie), zugleich ist jedoch die Quote der inaktiven NEETs, also jener, die nicht bei einer öffentlichen Arbeitsvermittlung registriert sind, nahezu konstant geblieben (vgl. Europäische Kommission, 2020, S. 3). Bereits im Jahr 2018 bemerkte sie zu diesem Umstand:

„Despite significant efforts, the most vulnerable young people are under-represented among Youth Guarantee beneficiaries and Youth Guarantee interventions often remain insufficiently adapted to the needs of those facing multiple barriers, such as poverty, social exclusion, disability and discrimination.“ (European Commission, 2018c, S. 8)

Um den tatsächlichen Herausforderungen Europas Jugend gerecht werden zu können, sollte aus diesem Grund der Humankapitalansatz deutlich modifiziert werden. In der Bildungstheorie werden entsprechende Erweiterungen bereits diskutiert. So wird etwa zwischen „Humankapital“ einerseits und „Humanvermögen“ andererseits differenziert. Humanvermögen wird dabei definiert als „die Summe aller vorhandenen Kompetenzen aller Mitglieder einer Gesellschaft und damit das gesamte, d.h. aggregierte individuelle Handlungspotenzial einer Bevölkerung“ (Hummelsheim/​Timmermann, 2016, S. 14). Es handelt sich also um eine Erweiterung des Humankapitalansatzes um informelle Qualifikationen und damit insbesondere auch um die Fähigkeit, überhaupt in das eigene Humankapital zu investieren, d.h. selbst als rationaler Bildungsinvestor auftreten zu können.

3 Auswirkungen auf die Praxis Sozialer Arbeit

Die humankapitalistische Sichtweise und der darauf fußende Ansatz der Jugendgarantie hat indes auch bedeutsame Auswirkungen auf die Praxis der Sozialen Arbeit. Diese ist mit dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit zwar nicht auf der gesamteuropäischen Ebene konfrontiert, letztlich wirkt jedoch das Agenda-Setting der Kommission bis in die Kommune hinein und tangiert insofern auch Sozialarbeiter:innen in ihrer täglichen Arbeit. Der Europäische Sozialfonds (ESF) spielt in diesem Kontext eine bedeutsame Rolle, da durch ihn viele der Projekte zur Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt (insbesondere auch im Rahmen der Jugendgarantie) finanziert werden. Zu den Auswirkungen der europäischen Strukturförderung auf die Soziale Arbeit und ihre Klient:innen wurde durch den Autor eine qualitative Studie anhand von 9 systematisierenden Experteninterviews (Bogner/Menz, 2009, S. 64) innerhalb von 5 beteiligten Projekten in NRW durchgeführt (Bertram, 2021, im Erscheinen).

Anhand der Studie wird deutlich, dass die Projekte vornehmlich von besonders arbeitsmarktfernen NEETs wahrgenommen werden, die häufige multiple Problemlagen aufweisen wie etwa Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeiten, Schulverweigerung, Straffälligkeit oder familiäre Schwierigkeiten. Eine Interviewpartnerin bringt die Zusammensetzung der Klientel gut auf den Punkt:

„Also wenn man das jetzt mal grundsätzlich runterbrechen wollte, dann finde ich, sind es doch in der Regel Jugendliche, die zu Hause rausgeflogen sind und auch schon sehr viel vor die Wand gelaufen sind bei ihren Versuchen, sich selbst irgendwie zu helfen, und dann kommen die irgendwann zu uns und wir arbeiten hier mit denen zusammen und versuchen auch einen richtigen Plan zu entwickeln“.

Die zentrale Schwierigkeit ergibt sich für die Praktiker:innen daraus, dass bei ihnen zwar ein umfangreiches Verständnis der pädagogischen Erfordernisse im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit entsprechenden Jugendlichen vorliegt. Zugleich lassen sich die fachlichen Ansprüche der Sozialarbeiter:innen jedoch häufig nicht in Einklang bringen mit den europäischen Fördervorgaben. So setzt eine Zusammenarbeit mit der Klientel aus Sicht der Expert:innen insbesondere eine Kommunikation auf Augenhöhe und einen, zumindest mittelfristigen, Beziehungsaufbau zu den jungen Menschen voraus. Es geht aus ihrer Sicht darum, mittel- und langfristig auf habituelle Veränderungen hinzuwirken, da diese Veränderungen bei besonders arbeitsmarktfernen Jugendlichen die notwendige Voraussetzung für eine sich anschließende Vermittlung in Beschäftigung oder Ausbildung darstellen. D.h. vor der eigentlichen Investition in Humankapital in Form einer Ausbildungsstelle muss zunächst überhaupt eine Investitionsfähigkeit hergestellt werden. Diese aus Sicht der Praktiker:innen notwendigen Bemühungen erfahren jedoch innerhalb der ESF-Förderung keine ausreichende Würdigung. Alle beteiligten Projekte sind zu einer Dokumentation ihrer Arbeit angehalten, innerhalb derer zentrale Erfolgsindikatoren erhoben werden. So werden insbesondere der Arbeitsmarktstatus und der Bildungsstatus zum Zeitpunkt der Aufnahme in das Projekt und bei Beendigung bzw. nach Entlassung des Jugendlichen dokumentiert. Darin spiegelt sich ein Stück weit das europäische Integrationsverständnis über den Arbeitsmarkt bzw. durch die Aneignung von Humankapital wider. Weiche Indikatoren wie etwa die Förderung von Humanvermögen, also entsprechender Softskills bzw. informeller Qualifikationen, werden nicht erfasst.

„Als Erfolg wird erfasst, ob jemand nun eine Ausbildung macht, wenn er schulmüde gewesen ist, ob er nun wieder zur Schule geht und so weiter. Das sind eigentlich so die Erfolgskriterien. Für unsere Klientel, die wir hier so haben, sind diese Erfolgsfragen eigentlich nicht sinnvoll“.

Da die Projekte dazu angehalten sind, bestimmte „Erfolgsquoten“ zu erfüllen, auch um ihre Chancen bei einer Verlängerung der Finanzierung zu verbessern, begünstigt dieses Vorgehen einen „Creaming-Effekt“, also eine Konzentration auf solche Klient:innen, die mit dem geringsten Aufwand in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden können, da durch sie die notwendigen Quoten erfüllt werden können. Die Aufnahme von Jugendlichen mit multidimensionalen Problemlagen, bei denen ein solcher „Erfolgsindikator“ nicht absehbar erreicht werden kann, erscheint vor diesem Hintergrund als ein wirtschaftliches Risiko für die beteiligten Projekte.

„Also wir sind ja als Sozialarbeiter nicht damit einverstanden, dass erfolgreich nur bedeutet, ein Jugendlicher ist in einer Ausbildung oder in einer beruflichen Maßnahme. Es hängt doch auch davon ab, auf welchem Level wir den Jugendlichen kennengelernt haben. Wenn jemand wohnungslos ist und drogenabhängig ist und wir haben nach ein paar Monaten erreicht, dass der eine stationäre Therapie macht und nicht mehr wohnungslos ist, dann ist das für uns doch eine hoch erfolgreiche Arbeit gewesen.“

Die untersuchten Projekte waren in ihrer praktischen Arbeit dennoch erfolgreich. Dies allerdings nicht aufgrund der europäischen Vorgaben, sondern vielmehr trotz dieser. Die Untersuchung konnte zeigen, dass dieser Erfolg in großen Teilen ein Verdienst der beteiligten Sozialarbeiter:innen ist, die sich in Teilen über die Fördervorgaben hinwegsetzen und, so könnte man es ausdrücken, einem hidden curriculum folgen, das explizit auch besonders arbeitsmarktferne Jugendliche einschließt. Dieses hidden curriculum dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass es das Professionsverständnis der Sozialen Arbeit selbst ist, das mit den Fördervorgaben, d.h. der einseitigen Fokussierung auf die unmittelbare Vermittlung in Arbeit oder Ausbildung, in Konflikt gerät. Die befragten Praktiker:innen lösten diesen Widerspruch durch den Versuch auf, die an sie herangetragenen Erfolgsindikatoren entsprechend weit auszulegen oder, wo dies möglich war, hintanzustellen.

4 Schlussfolgerungen

Die Analyse zeigt, dass sich die Auswirkungen der europäischen Ebene auf die Soziale Arbeit im Bereich von Jugendlichen, die von Armut, Erwerbslosigkeit sowie weiteren multiplen Problemlagen betroffen sind, aus Sicht der Praktiker:innen widersprüchlich verhalten; sie sind Ermöglichung und Beschränkung zugleich. Ermöglichung, weil mithilfe der europäischen Fördergelder die untersuchten Projekte zwar nicht neu entstanden sind, sie in ihrem Umfang jedoch teilweise erheblich ausgebaut werden konnten. Beschränkung insofern, als die mit der Förderung verknüpften Nachweis- und Dokumentationspflichten der Arbeit gerade mit jenen jungen Menschen entgegenstehen, die den umfangreichsten Hilfebedarf aufweisen und aus diesem Grund in besonderem Maße auf sozialarbeiterische Unterstützung angewiesen sind. Vieles spricht aus sozialarbeiterischer Sicht aus diesem Grund für eine Reform der europäischen Förderung im Bereich der NEETs. Ziel sollte es sein, der kommunalen Ebene und damit auch den dort tätigen Sozialarbeiter:innen und ihren Organisationen im Kontext des Agenda-Settings der Kommission mehr Gehör zu schenken, um die Förderstrategie sowie ihre Evaluation stärker an den Bedürfnissen der Zielgruppe auszurichten.

Tatsächlich hat die Kommission im Frühjahr 2020 den Versuch unternommen, die in die Umsetzung involvierten Stakeholder im Rahmen eines breiten Konsultationsprozesses an der Neuausrichtung der Jugendgarantie zu beteiligen (vgl. European Commission, 2020a). Dazu zählten europaweit auch 37 Organisationen der Zivilgesellschaft, darunter die Eurodiaconia sowie Caritas Europa. Insbesondere die zivilgesellschaftlichen Akteure haben sich im Rahmen der Anhörungen für einen verstärkten Fokus auf besonders arbeitsmarktferne Jugendliche mit multiplen Risikofaktoren im Kontext der Jugendgarantie ausgesprochen. Ihre Forderungen innerhalb der Konsultationsprozesses wurden von der Kommission wie folgt zusammengefasst:

„The more vulnerable need additional support to what is currently offered as a part of the Youth Guarantee. People with disabilities require a truly individualised approach as each type of disability is characterised by different barriers towards labour market integration. To better support employability of young people in vulnerable situation, it is important to raise awareness about discrimination issues […]“ (European Commission, 2020b, S. 2).

Basierend auf den Konsultationen hat die Kommission im Juli 2020 schließlich die ursprüngliche Jugendgarantie aus dem Jahr 2013 durch das Dokument Eine Brücke ins Arbeitsleben – Stärkung der Jugendgarantie (Europäische Kommission, 2020) ersetzt. Und tatsächlich beinhaltet die Reform eine ganze Reihe von Anpassungen und einen verstärkten Fokus auf besonders arbeitsmarktferne junge Menschen mit multiplen Problemlagen. Es wird eingeräumt, dass die bisherige Förderung insbesondere „junge Menschen, oftmals aus benachteiligten sozioökonomischen Verhältnissen“ (ebd., S. 2), die besondere Schwierigkeiten im Übergang von der Schule in den Beruf aufwiesen, nicht ausreichend adressiert hat. Damit geht auch ein grundsätzliches Umdenken hinsichtlich der gesellschaftlichen Integration dieser Personengruppe einher. Die Kommission erkennt an, dass sich die Förderung dieser Klientel nicht darauf beschränken darf, lediglich Gelegenheiten zur Aneignung von Humankapital im Bereich von Beschäftigung oder Bildung zu schaffen, die dann aber selbstständig ergriffen werden müssen, sondern innerhalb eines „holistic approach“ (ebd., S. 4) sollen nun auch die individuellen Voraussetzungen z.B. für eine Arbeitsaufnahme geschaffen werden (Förderung von Humanvermögen als Voraussetzung einer anschließenden selbstständigen Aneignung von Humankapital).

„Young people in vulnerable situations often have personal challenges that could affect their engagement (e.g. being homeless, having a disability, having childcare responsibilities or belonging to discriminated ethnic minorities). These challenges need to be addressed before proceeding with any work on improving their skills or thinking about getting a job“ (ebd., S. 48).

Es wird also deutlich, dass der NEET-Status, d.h. Erwerbslosigkeit bzw. mangelnde Bildungspartizipation fortan nicht mehr als das alleinige Hindernis für eine gesellschaftliche Integration betrachtet wird. Vielmehr ist ein solcher Status nun als ein Symptom umfassender, multidimensionaler Problemlagen zu begreifen.

Inwiefern sich die Reform der Jugendgarantie letztlich in der Kommune und damit innerhalb der praktischen Sozialen Arbeit bemerkbar macht, bleibt abzuwarten, systematische Evaluationen stehen hier noch aus. Allerdings zeigt der Konsultationsprozess und sein Ergebnis deutlich, welche Potenziale die Rückkoppelung zwischen europäischer und kommunaler Ebene aufweist und in welchem Umfang das Agenda-Setting der Kommission auch von der Sichtweise und den Erfahrungen der Praktiker:innen profitieren kann, die ganz unmittelbar in den Integrationsprozess von besonders marginalisierten jungen Menschen involviert sind. Neben der einmaligen Möglichkeit im Rahmen des Konsultationsprozesses im Jahr 2020 besteht jedoch bislang kein systematischer und dauerhafter Dialog zwischen den zivilgesellschaftlichen Akteuren sowie den dort beschäftigten Sozialarbeiter:innen und der europäischen Ebene. Auf einen solchen Austausch, von dem beide Seiten umfangreich profitieren können, gilt es aus diesem Grunde in der Zukunft vermehrt hinzuarbeiten.

5 Quellenangaben

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Weingärtner, Simon (2019), Soziologische Arbeitsmarkttheorien. Ein Überblick, Wiesbaden.


Autor
Prof. Dr. Jan Bertram
Professor für Sozialpolitik und Sozialökonomie an der Katholischen Hochschule Mainz
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Zitiervorschlag
Jan Bertram: Junge Menschen als Humankapital?. Herausforderungen und Widersprüche des Aktivierungsparadigmas im Kontext einer europäischen Politik zur Integration arbeitsmarktferner Jugendlicher. Veröffentlicht am 24.02.2022 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/29423.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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