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Widerspruch und Einspruch

Gernot Koneffkes materialistische Bildungstheorie und deren Explikation von Pädagogik als kritische Instanz der Gegenwart

Katharina Herrmann

veröffentlicht am 08.09.2022

Zusammenfassung

Gernot Koneffkes (1927–2008) pädagogische Arbeit wird durch den Anspruch charakterisiert, die unabweisbare Verstrickung von Bildungstheorie in ihren Gegenstand analytisch herauszustellen und sie dennoch als reflektierte weiterzuführen. Dieses ambitionierte Bemühen um eine selbstkritische und engagierte Bildungspraxis macht seine theoretischen Arbeiten zugleich anspruchsvoll und ansprechend. Koneffkes pädagogische Studien verbinden die systematische Aufdeckung der immanenten Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Bildungswesens mit der pädagogischen Vermittlung der prinzipiellen Veränderbarkeit gesellschaftlicher Zustände.

Die vorliegende Arbeit entwickelt zunächst auf der Basis von Koneffkes Studien die verschiedenen Ausprägungsebenen der Widerspruchskategorie und stellt dar, wie der Grundwiderspruch bürgerlicher Gesellschaft als Widerspruch von Integration und Subversion in die Bildungsinstitution sowie als Dialektik von Autonomie und Bedingung in das Subjekt eingeht.

Koneffkes Explikation der Widersprüche bürgerlicher Mündigkeit ist jedoch nicht nur eine analytische Betrachtung, sondern insbesondere eine Erläuterung von Pädagogik, die von einem ganz spezifischen politischen Selbstverständnis von Pädagogik ausgeht. Das Aufzeigen des widersprüchlichen Zusammenfallens der integrativen und der subversiven Funktion von Mündigkeit ist somit letztlich ein Einspruch gegenüber einem einseitigen, verkürzten Verständnis von Pädagogik. Es wird deswegen untersucht, inwiefern Koneffkes Bildungstheorie Ausdruck eines pädagogisch-politischen Einspruchs ist und in welcher Hinsicht dies ein zentrales Moment pädagogischen Handelns darstellt. Hierbei wird die solidarische Praxis von Pädagogik als diejenige beleuchtet, die am wirkmächtigsten der individualisierenden Logik der neoliberalen Vereinnahmung von Gesellschaft, Politik, Sozialem und auch der Pädagogik entgegenzutreten vermag.

Um die Politizität der unter pädagogischer Perspektive verhandelten Gegenstände nicht nur aufzuzeigen, sondern auch wirksam werden zu lassen, bedarf es deswegen neben der analytischen, erkenntnisgenerierenden Ebene ebenso der bildungspraktischen Dimension. Pädagogisches Handeln muss neben der Vermittlung von Einsicht in widersprüchliche Verhältnisse empathisch an der konkreten Lebenswelt des Individuums ansetzen, Einspruchs- und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen und somit Hoffnungsmomente als Ausgangspunkt der gemeinsamen Verwirklichung realer Veränderungen generieren.

Verfasst von
Katharina Herrmann
Pädagogin und Bildungswissenschaftlerin, M.A.
Wissenschaftslektorin, freie Wissenschaftlerin und Referentin

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Zitiervorschlag
Herrmann, Katharina, 2022. Widerspruch und Einspruch [online]. socialnet Materialien. Bonn: socialnet, 08.09.2022 [Zugriff am: 29.09.2022]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/materialien/29551.php

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