Suche nach Titel, Autor:in, Schlagwort
socialnet Logo

Systemische Theorie als Handlungstheorie in der Jugendhilfe

Profitieren vernachlässigte oder traumatisierte Jugendliche von systemischen Interventionsstrategien in stationären Einrichtungen?

Dr. phil. Ulrich Kießling

veröffentlicht am 16.03.2023

Die verfahrensübergreifende Perspektive zur (psycho- und sozial-) therapeutischen Arbeit mit Jugendlichen in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe soll untersucht und ausdifferenziert werden. Im folgenden Text wird Systemische Therapie mit psychodynamischen Konzepten untersucht und ergänzt; in späteren Arbeiten sollen auch die Verhaltenstherapie und die sogenannten Humanistischen Verfahren einbezogen werden. Dies ist ein Versuch, das unproduktive Nebeneinander verschiedener Behandlungsformen integrativ zu bewältigen bzw. zu überwinden (ohne in einen fragwürdigen Eklektizismus zu verfallen).

Inhalt

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Einordnung ins Feld
  3. 3 Stärken und Schwächen systemischer Theorie und Praxis
  4. 4 Das Strukturniveau als therapeutischer Richtungsgeber
  5. 5 Trauma und Ethik
  6. 6 Theoretische Ergänzung
  7. 7 Fallbeispiel Jugendhilfe
  8. 8 Schlussfolgerungen
  9. 9 Literatur

Zusammenfassung

Dieser Text versucht, eine Erweiterung systemischen Handelns in der Jugendhilfe durch die Hinzuziehung psychodynamischer Konzepte zu begründen. Dabei werden die Stärken und Schwächen des systemischen Ansatzes für die sozial- und psychotherapeutische Perspektive untersucht und die Vorteile des psychodynamischen Modells zur Lösung von systemimmanenten Begrenzungen dieser Handlungstheorie beleuchtet. Implizit wird eingeräumt, dass auch das psychodynamische Modell solche Begrenzungen aufweist und systemische Konzepte nicht einfach ersetzen könnte. Die kritische Bestandsaufnahme systemischer Konzepte in der Jugendhilfe wird anhand einer anonymisierten Kasuistik illustriert.

Für diesen Betrag ist ein kritischer Kommentar aus der Perspektive eines systemischen Lehrtherapeuten und Supervisors in Vorbereitung. In der Zukunft sollen auch Analysen aus kognitiv-verhaltenstherapeutischer und humanistischer Sicht als Möglichkeiten eines verfahrensübergreifenden Ansatzes beschrieben werden.

Gleichzeitig stellen diese Beiträge einen Rückblick auf fast 25 Jahre erfolgreicher therapeutischer Lehrtätigkeit an einem sozialarbeiterischen Hochschul(-an-)instituts dar, das am Ende der Übergangszeit des Psychotherapeutengesetzes aus dem Jahr 1998 (1.1.1999 in Kraft getreten) seine Grundlage verliert, nämlich die Ausbildung von Sozialarbeiter:innen und Sozialpädagog:innen zu Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen. In Zukunft wird es nur noch ein Psychotherapiestudium geben, das an psychologischen Fachbereichen angesiedelt ist, die große Tradition der Pädagog:innen als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen wird damit zumindest in Deutschland ausgelöscht. In der Einleitung (1) werden die wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen meines Beitrags dargestellt. Abschnitt 2 untersucht den Status der systemischen Theorie im Feld der humanwissenschaftlichen Konzepte, während im Abschnitt 3 die erkenntnistheoretischen Stärken und Grenzen der systemischen Theorie aufgezeigt werden. Abschnitt 4 erweitert den Diskursrahmen, indem der systemischen Perspektive eine psychodynamische Dimension hinzugefügt wird (Strukturniveau), die als prognostisches Kriterium unter anderem klären kann, welche Klient:innen wahrscheinlich von der angebotenen Intervention profitieren können. Abschnitt 5 klärt die behandlungstheoretischen und ethischen Konsequenzen einer akuten oder chronischen Traumagenese der Problematik der Klient:innen für die Behandlung. Im Abschnitt 6 wird der systemische Diskurs psychodynamisch ergänzt und die so entstandene neue Perspektive vor dem Hintergrund der Affektlogik an der Erfahrung des Soteriakonzepts bewertet. Unter Punkt 7 wird die ‚Begrenzung‘ des systemischen Konzepts an einem Fallbeispiel aus dem Feld der Jugendhilfe exemplarisch dokumentiert. Schlussfolgerungen (9) schließen den Beitrag ab.

1 Einleitung

Mit dem Dodo-Bird-Verdict argumentierte Saul Rosenzweig schon 1936, dass alle Psychotherapieverfahren vergleichbar wirksam seien; die methodenspezifischen Effekte sind eher gering. Passung und Beziehungsqualität machen einen großen Teil der Wirkung aus. Lester Luborsky et al. (2002) fanden diese Annahme auf der Grundlage umfassender neuerer Forschungsbefunde bestätigt. Dennoch zeigen einzelne Personen mit speziellen Störungen bei unterschiedlichen Methoden größere Behandlungserfolge.

Am Sächsischen Institut für Methodenübergreifende Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der Hochschule Mittweida sind wir auf Dozent:innenebene in intensivem Austausch miteinander: Kolleg:innen aus den Bereichen Verhaltenstherapie, systemische Therapie, den sog. humanistischen Verfahren (personzentrierte Psychotherapie, Psychodrama und Gestalttherapie) und psychodynamische Therapie erörtern die differenzierten Wirkmechanismen und die Anschlussfähigkeit der unterschiedlichen Therapiekonzepte. Dabei treten immer wieder Fragen zur Differentialindikation der jeweiligen Methode auf[1].

Im folgenden Text möchte ich beleuchten, welche Möglichkeiten die systemische Theorieund Therapie für die Behandlung emotional vernachlässigter Kinder und Jugendlicher bieten. Dies erfolgt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die hierauf fußenden Beratungs- und Therapieformen in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe immer mehr zum Orientierungsmaßstab werden und somit den Rahmen für die Planung von Interventionen im sozialpädagogischen Kontext bilden.

Diesem Text liegen eine Evaluation systemischer Quellen und eigene Erfahrungen während meiner Ausbildung zum systemischem Therapeuten sowie darauffolgend in eng supervidierten Lehrbehandlungen, eigenständigen Behandlungen und solchen Therapien, die in Co-Therapie geführt wurden, zugrunde.

2 Einordnung ins Feld

Das systemische Konzept, als idealtypisches Konstrukt betrachtet, ist (post-)modern, gut beforscht (Überblick bei wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie 2008 und von Sydow et al. 2007) und zeigt eine klare professionelle Handlungsorientierung; vermutlich liegt eine Stärke auch in der strikten Auftragsgebundenheit. Eine Systemische Therapie folgt nicht einer ICD-10-Diagnose wie VT-Behandlungen, die sich als störungsspezifisch verstehen und oft in Behandlungsmanualen die Aktivitäten der Therapeutin Stunde für Stunde dokumentieren, sondern einem Behandlungsvertrag zwischen Klient:innen und Behandler:innen, inzwischen häufig auch externen Auftraggebenden wie Jugendämtern (vgl. Conen 2007), nicht selten sogar im Zwangskontext.

Nachdem über einen längeren Zeitraum auch psychodynamisch-systemische (Richter, Sperling, G. Reich), strukturelle (Minuchin), strategische (Haley), transgenerationale Konzepte (Böszörményi-Nagy) und die selbstwertbezogene („wachstumsorientierte“) Arbeit Virginia Satirs einbezogen wurden, steht heute das radikal konstruktivistische Paradigma im Vordergrund, wie es ursprünglich von den Akteuren des Mailänder Modells (Selvini Palazoli, Boscolo, Cecchin) entwickelt und später auch von Stierlin, Simon und anderen Vertretern der Heidelberger Schule übernommen wurde. Ergänzt wird es oft durch hypnotherapeutische (z.B. Gunther Schmidt) oder auch körpertherapeutische Methoden (George Downing, Martin Kirschenbaum), nicht selten auch durch esoterische Konzepte wie die von Maturana (Autopoiesis) oder autoritäre Ideologien wie Hellingers Methode des Familienstellens (vgl. Golder 2003). Diesen gemeinsam sind die Grundpostulate der Lösungsorientierung versus Problembearbeitung[2]; Letztere wird von systemisch Orientierten theoretisch als unmöglich und praktisch als Problemtrance betrachtet, was mit der Vorstellung einer zirkulären vs. kausalen Problemverursachung einhergeht. Die Idee der Ressourcenorientierung bzw. -aktivierung zeigt, dass im System immer auch auf Entwicklung ausgerichtete Kompetenzen zu finden sind. Techniken der Veränderung zielen darauf ab, verfestigte kommunikative Muster infrage zu stellen, z.B. durch zirkuläres Fragen, und bisherige emotionale Erfahrungen z.B. durch Aufstellungen und Skulpturarbeit zu erweitern. Systemische Techniken sind aktiv, direktiv, erlebnisorientiert und aktualisieren auch letztlich biografische Probleme ins Hier und Jetzt.

3 Stärken und Schwächen systemischer Theorie und Praxis

Kann die systemische Theorie den Anspruch einlösen, das Feld der psychosozialen Beratung bzw. Therapie angemessen abzubilden? Meiner Ansicht nach kann sie das ausschließlich im Zusammenwirken.

Was zunächst auffällt: Systemische Verfahren bieten zahlreiche unmittelbar einsatzfähige und praktische Techniken für die Arbeit mit einer Familie oder Einzelperson (zirkuläres Fragen, Skulpturarbeit, Rollenspiele, imaginative und suggestive Techniken, Genogrammarbeit, Reflecting Team). Viele Systemiker:innen operieren mit einem relativ kleinen Zeitkontingent, gleichzeitig können zwischen den Sitzungen durchaus mehrere Wochen liegen. Weber und Stierlin (1997) sprechen von langen Kurztherapien; selten werden mehr als 15 Sitzungen genutzt. Es gibt ein Paul Watzlawick zugeschriebenes Postulat: „Was sich in 15 Stunden nicht verändern lässt, soll als unveränderbar akzeptiert werden“.

Die systemische Theorie ist hoch relevant. Sie beschreibt Veränderungsprozesse mit nachvollziehbarer Evidenz; gleichzeitig blendet sie bestimmte Probleme systematisch aus, weil diese sich nicht gut im systemischen Diskurs problematisieren lassen. Wie alle ideologisierten ‚Großkonzepte‘ (z.B. der Marxismus) muss auch der radikale Konstruktivismus scheitern, wenn er als Universalerklärung einen archimedischen Punkt der Welterklärung gefunden zu haben glaubt. Im Fall der systemischen Theorie heißt das: Sie eignet sich nicht oder nur begrenzt zur Bearbeitung individueller psychischer, kultureller und sozialökonomischer Probleme, bei denen eine ausschließlich zirkuläre Betrachtung das Wesen des Problems nicht ausreichend erfasst. So ist eine Arbeitslose nicht erwerbslos, weil sie es versäumt hätte, ihre Fähigkeiten zur Unternehmensgründung zu nutzen; sie ist arbeitslos, weil sie entlassen wurde. Gibt es einen blinden Fleck in der systemischen Perspektive? Ja, den gibt es: Systemische Theorie konzeptualisiert final und nicht genetisch. Für das Verstehen sozialer Prozesse in der Realität und auch psychosozialer Entwicklungen des Individuums versagt der Konstruktivismus. Bedeutungsvolle Ursache-Wirkungs-Kausalitäten lassen sich systemisch nicht gut abbilden. Der radikale Konstruktivismus der Systemlogik greift auf emotionaler Ebene zu kurz, weshalb auch wohlgesinnte Menschen systemische Interventionen manchmal als manipulativ empfinden. Systemische Betrachtung von Problemen blendet biografische Erfahrungen und Sinnhorizonte zugunsten pragmatischer Veränderungsmöglichkeiten aus.

Für die Gestaltung psychosozialer, aber auch psychotherapeutischer Prozesse ist das Erfahrungswissen von mindestens zwei weiteren komplementären Theorien unabdingbar:

Die Bindungstheorie lässt sich als Grenzkonzept zwischen biologischer und psychologischer Perspektive nicht gut zirkulär oder systemisch fassen; sie stellt ein eigenständiges Konzept in den Humanwissenschaften dar. Bindungsdiagnostik ermöglicht vertieftes Verstehen psychiatrischer Pathologie, sozialen Scheiterns, fehlender Erziehungskompetenz und weiterer Probleme, die mit Armut und Ressourcenmangel assoziiert sind (vgl. Strauß 2008). Bindung ist in wesentlichen Grundannahmen linear[3] und geht jeweils von den Eltern aus (und den vorangegangenen Generationen); alle Forschungen zu diesem Thema belegen das hartnäckig. Gerade das Still-Face-Experiment von Tronick zeigt sehr eindeutig, dass fröhliche Kinder depressive Mütter nicht aufwecken können; im Gegenteil, sie selbst fallen am Ende in einen depressiven Stupor.

Die psychodynamische Theorie wurde lange als Hauptgegner der Systemischen Therapie stilisiert. Das lässt sich nicht mehr behaupten seit dem gemeinsamen Kolloquium Heidelberger Systemiker:innen um Fritz Simon mit den KollegInnen des Lou Andreas Salomé Instituts in Göttingen, seinerzeit unter Leitung Karl Königs (vgl. König & Simon 2001). Vielmehr ist festzustellen, dass systemische und psychodynamische Theorien in einem geradezu komplementären Verhältnis zueinander stehen, was vermutlich auch erklärt, warum viele überzeugte Analytiker:innen heimliche Systemiker:innen sind und umgekehrt (Horst Eberhard Richter, Virginia Satir, George Downing, Carole Gammer, Martin Kirschenbaum, Helm Stierlin, Jörg Willi, Günter Reich, Kirsten von Sydow, um nur einige zu nennen).

Grundsätzlich kann wohl gesagt werden: Die innere (vor- und unbewusste) Welt lässt sich nicht systemisch begreifen, ist sie doch eine Selbsthervorbringung (Idiosynkrasie) der Subjekte[4]. Eng damit verbunden ist die Vorstellung von Menschen, die nicht ausreichend gut mentalisieren können, sie seien nicht (manchmal ungewollte, aber dennoch) Urheber:innen der eigenen Gefühle. Daraus ist gefolgert worden, dass die Entstehung einer Störung eher psychodynamisch verstanden und ihre Überwindung eher systemisch betrieben werden könne (vgl. Fürstenau 2001).

4 Das Strukturniveau als therapeutischer Richtungsgeber

Ich möchte folgende Perspektive vorschlagen: Systemische Therapie kann ihre Stärken vor allem bei Klient:innen mit einem mindestens mäßigen psychostrukturellen Niveau entfalten (ohne sogenannte strukturelle [Entwicklungs-]Störungen). Beispielsweise nach konflikthaften Trennungen und bei Traumafolgestörungen von Menschen, die zuvor ein gutes emotionales Funktionsniveau hatten, kann ein Perspektivenwechsel helfen, die Opferperspektive zu verlassen; überhaupt kann für diese Menschen Systemische Therapie die Behandlungsform der Wahl sein. Chronische Verstrickung etwa in hochmanipulativen Beziehungssystemen dagegen ist nicht unbedingt das Feld der Systemischen Therapie, auch wenn frühe Systemiker wie etwa Stierlin und Watzlawick diese zur Auflösung von Double-Bind-Störungen (sogar bei Psychotiker:innen) als eine Hauptindikation der Systemischen Therapie ansahen. Chronische Verstrickung geht oft mit schweren Persönlichkeitsstörungen der Akteure einher; die Kommunikationsstörung ist Folge einer mangelhaften Mentalisierung, zuweilen aber auch die Folge maligner Destruktivität. Psychotische Menschen können besonders in der Akutphase von systemisch inspirierten Behandlungsstrategien profitieren; die schizophrene oder auch narzisstisch-depressive Grundstörung dagegen lässt sich kausal nicht systemisch behandeln.

5 Trauma und Ethik

An dieser Stelle möchte ich die Bedeutung des Traumakonzepts hervorheben. Natürlich gibt es auch Systemische Traumatherapie. (Psychosoziales) Trauma ist aber eindeutig kein systemisches Konstrukt. Eine zirkuläre Betrachtung des Geschehens wäre geradezu moralisch verwerflich: Der Täter bleibt der Täter auch dann, wenn das Opfer einen kurzen Rock anhatte, und selbst wenn die Frau die Vergewaltigung unbewusst (!) provoziert haben sollte, ist selbstverständlich nicht das Opfer, sondern der Täter verantwortlich. Eine zirkuläre Betrachtungsweise führt auch erkenntnistheoretisch in die Irre. Denn was würden wir verstehen, wenn wir verstanden hätten, dass der Täter die Tat begangen hätte, weil er selbst einstmals vergewaltigt wurde, und sich indirekt an seinem Täter rächen wollte. Es wäre wissenschaftlich ein Kategorienfehler und moralisch ein Versagen vor der Verantwortung für den Schutz Schwächerer in der Gesellschaft (Kießling 2004).

Neben den unbestreitbaren Vorzügen des systemischen Konzepts, seiner Kürze, seiner Auftragsgebundenheit, der Veränderungsorientierung, möchte ich auf einen meines Erachtens gravierenden Mangel hinweisen. Die Systemikerin Silvia Staub-Benasconi hat uns auf die Rolle der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsdisziplin aufmerksam gemacht. Soziale Arbeit ist in der moralischen Verantwortung, mit den Schwächeren solidarisch zu sein. Das geht nur, wenn wir einen Standpunkt einnehmen, der Gerechtigkeit anstrebt und Partei für Benachteiligte ergreift. Die Schwächeren mögen sich unbewusst selbst verachten und umso großspuriger auftreten. Ihnen die Verantwortung an ihrem Elend zuzuweisen, ist vielleicht systemisch möglich, dennoch wäre es ungerecht. Das Konzept sollte erkennbar auf einer Grundlage stehen, die Überlegungen zu Gerechtigkeit, Ausbeutung, Gewalt und Diskriminierung ausdrücklich fordert; nennen wir sie hier Parteilichkeit für die Opfer unserer wettbewerbsförmigen Gesellschaft[5].

Das Repertoire der Systemischen Therapie sollte um psychodynamische und bindungstheoretische Inhalte erweitert werden; auch Psychotraumatologie muss konzeptuell Raum finden.

6 Theoretische Ergänzung

An dieser Stelle möchte ich auf ein übergreifendes theoretisches Konzept verweisen, das hochgradig praktisch ist und gewissermaßen parallel zum Berner Soteriaprojekt entwickelt wurde: Die Affektlogik von Luc Ciompi (1982/1997). Hier werden biologische, psychodynamische und systemische Forschungs- und Handlungsansätze integriert. Auch wenn Ciompi später mehr systemtheoretische Ansätze vertrat, ist gerade die ursprüngliche Fassung der Affektlogik der späteren überlegen, da sie sehr unterschiedliche Wissenskulturen miteinander verbindet und ihre jeweiligen Stärken sichtbar macht. NB: Es wäre eine krasse Leugnung der Realität, wenn Patient:innen ihre Subjekthaftigkeit abgesprochen würde, wie die einseitig naturwissenschaftliche Perspektive der Medizin und Psychiatrie das immer wieder versuchen.

Wie das praktisch geht, lässt sich gut am Soteria-Haus in Bern zeigen, einem milieutherapeutischen Projekt für akut psychotische, vor allem schizophrene Menschen. Eine (inzwischen manualisierte) Bearbeitung der psychodynamischen Hintergründe der Psychose wäre im Zustand akuter Erregung und dem krankheitsbedingten Zusammenbruch der Realitätsprüfung nicht möglich. Die stationäre Aufnahme erfolgt natürlich spontan (wenn ein Platz zu Verfügung steht); alternativ ist die Aufnahme auch in der Sozialpsychiatrischen Universitätsklinik möglich. Die eigentliche Behandlung im Hier und Jetzt erfolgt also nicht als psychoanalytisch fundierte Therapie, sondern als systemisch inspirierte Milieutherapie (vgl. Ciompi 2017). Erregte Patient:innen kommen zunächst ins „weiche Zimmer“ und werden eins zu eins begleitet. Loren Mosher und Alma Menn, die Leiterin der ersten Soteria in der Nähe von San Francisco, haben diese ressourcenorientierte, auch auf innere Deeskalation angelegte Phase der Begleitung „To be with“ genannt und mit weiteren Autor:innen in einem Manual beschrieben (vgl. Mosher et al. 1992). Verkürzt kann gesagt werden, dass dem akut Kranken eine besonders ausgebildete Betreuungskraft für jeweils 24 Stunden zur Verfügung steht. Die Interventionen reichen von basaler Pflege wie Füttern, Unterstützung bei der Körperhygiene bis hin zu Gesprächen, Massagen und anderen Entspannungstechniken, alle im Sinn einer achtsamen Distanz im Sinne von: Ich versuche zu sehen, wenn Du etwas brauchst. Auch ohne Medikation klingen die psychotischen Akutsymptome in der Regel nach spätestens einem Monat ab; passiert das nicht, kann vorsichtig ein Neuroleptikum eindosiert werden. Der Aufenthalt dauerte früher bis zu einem Jahr. Nach dem Verlassen des weichen Zimmers geht es vor allem um Krankheitsbewältigung und Ressourcenaktivierung zur (Wieder-)Aufnahme eines selbstständigen Lebens; in der Regel erfolgt die Entlassung nach einigen Monaten in voll remittiertem Zustand; viele ehemalige Besucher der Soteria absolvieren im Anschluss eine psychodynamische Psychosentherapie. Inzwischen gibt es Soteriastationen an vielen Orten auf der Welt, beispielsweise auch in München und Berlin. Sie haben unser Verständnis von der psychiatrischen Akutbehandlung nachhaltig beeinflusst.

Das Soteria-Modell kann auch als Prototyp systemischer Beziehungsgestaltung mit psychotischen Menschen gelten: Es arbeitet strikt ressourcenorientiert im Hier und Jetzt und ist auf kurze Frist angelegt: zur Zeit maximal 6 Monate, oft nur wenige Wochen.

7 Fallbeispiel Jugendhilfe

Welche fatalen Auswirkungen dagegen eine systemische Blickeinengung bei emotional verwahrlosten Jugendlichen hat, möchte ich am folgenden Fallbeispiel erläutern:

Der 16-jährige Zehntklässler Jonas[6] ist ein idealtypischer Jugendlicher mit einer narzisstisch depressiven Entwicklungsstörung: Seine Eltern sind geschieden. Vater hat mit seiner neuen Partnerin, die sich als Stiefmutter versteht, eine kleine (Halb-)Schwester; Jonas‘ Mutter hat keinen Kontakt zu ihm. Seit einigen Monaten lebt er in einem Heim, das sich auch als systemische Therapieeinrichtung versteht. Die Leiterin ist Dipl. Psychologin, systemische Therapeutin und Supervisorin. Ihr Ruf ist dadurch geprägt, dass sie einen Fall von jahrelanger sexueller Misshandlung durch einen Mitarbeiter polizeilich angezeigt und konsequent aufgearbeitet hat, woraufhin sie in ihre heutige Position befördert wurde. Sie ist nicht die einzige Systemikerin in der Einrichtung; alle Leitenden innerhalb des Trägers müssen eine Weiterbildung in systemischer Sozialarbeit/Beratung durchlaufen haben. Neben dieser inhaltlichen Orientierung ist das Heim auch Vorreiter auf dem Gebiet des Qualitätsmanagements, wozu neben akribischer Dokumentation aller relevanten Vorgänge auch ein zertifiziertes Beschwerdemanagement gehört: Die Bewohner:innen können ihre Beschwerden auch anonym vorbringen (es gibt einen entsprechenden Briefkasten) und können jederzeit das Leitbild und den neuesten Qualitätsbericht der Einrichtung einsehen. Jonas ist ein ausgesprochen gut aussehender, sportlicher Jugendlicher, der von gleichaltrigen Mädchen bewundert wird. Er ist stets teuer und so originell angezogen, als würde er von einem professionellen Kostümbildner eingekleidet, und seine Sneaker stammen stets aus einer limitierten Edition der unter Jugendlichen angesagtesten Marke. Seine Stiefmutter ist eine ebenso attraktive Erscheinung, die bei ihren Besuchen zuerst gegen Verwahrlosungszeichen bei „ihrem Jungen“ vorgeht: Trägt er z.B. unterschiedliche Socken, führt das nicht selten zu einem heftigen Zornesausbruch, oft verbunden mit gestrichenem Wochenendurlaub. Jonas zeigt eine ausgeprägte Mentalisierungsstörung und erfüllt auch die ICD-10-Kriterien für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung: Er hat nur sehr vage Vorstellungen davon, wie er von anderen gesehen wird. Er kann die emotionale Verfassung seines Gegenübers kaum einschätzen. In kritischen Situationen regrediert er in den sogenannten Äquivalenzmodus, das heißt, er glaubt, die Welt außerhalb von ihm sei identisch mit seinen Empfindungen. Von den Erziehenden wird er zu Recht als „Problemjugendlicher“ wahrgenommen, obwohl er oberflächlich durchaus angepasst erscheint. Er ist bei anderen Jugendlichen jedoch durchaus beliebt und hat in der Hierarchie der Peergruppe einen hohen Status, was möglicherweise auch mit Klamotten, Handys und Geld zur Drogenbeschaffung zusammenhängt. In der der Einrichtung angeschlossenen Förderschule für sozial-emotionale Entwicklung wiederum gilt Jonas als boshaft und oppositionell, weil er angeblich andere Schüler manipulativ dazu bringe, den Unterricht zu stören und Regeln zu brechen. Jonas fühlt sich von seinem Mathelehrer regelrecht gehasst und drangsaliert; er ist subjektiv überzeugt davon, dass die Schulleiterin ihn am liebsten ohne Abschluss „rausschmeißen“ würde. Der Aufenthalt in der Schule wird mehrmals in der Woche vorzeitig beendet. Das wiederum führt dazu, dass Jonas als „Konsequenz“ allein in seinem Zimmer schulischen Stillbeschäftigungen nachgehen soll. Dagegen verstößt er systematisch, z.B. indem er sich aufs Fensterbrett setzt und raucht, was wiederum zu noch massiveren Sanktionen führt: Er darf dann nicht zur externen Therapie kommen und muss teilweise mehrere Stunden dem Hausmeister zu Hand gehen und auf dem Gelände Zigarettenstummel aufsammeln. Paradox erscheint in diesem Zusammenhang, dass die Leiterin selbst Raucherin ist und ihre Pausen durchaus lustvoll rauchend und für die Jugendlichen gut sichtbar auf der Terrasse verbringt.

Die Sanktionen des Heims werden den Jugendlichen nicht vom diensthabenden Erzieher verkündet, sondern sind Gegenstand eines (systemischen) Elterngesprächs[7], bei dem die Eltern die Sanktionen des Heims stellvertretend verkünden und gleichzeitig den nächsten Wochenendausgang nach Hause absagen, weil der Jugendliche mit seinen Regelverstößen das Recht zu Heimfahrt verwirkt habe (dieser Praxis haben die Eltern bei Aufnahme ihres Kindes zuzustimmen). Die Jugendlichen erleben diese Vorgehensweisen als außerordentlich manipulativ (dabei werden sie als Teil der sogenannten Elternarbeit definiert). Die „Sanktionshierarchie“ sieht auf ihrem Höhepunkt vor, dass dem Jugendlichen alle persönlichen Gegenstände weggenommen werden und er in seinem nackten Zimmer wie in einer Zelle hausen muss. Selbst Mitarbeiter:innen der Einrichtung helfen manchmal (also willkürlich) Jugendlichen dabei, bei Disziplinarverstößen den Sanktionen zu entkommen, die sie als sadistisch empfinden. Das Rauchen ist in dieser Einrichtung zum Symbol freiheitlichen Verhaltens geworden, was von vielen Erzieher:innen toleriert wird. Wer sanktioniert wird, und wer unbehelligt Rauchen darf, ist kaum vorhersagbar; wie in den klassischen „Totalen Institutionen“ Goffmans ist es aber ein Statusausweis. Diese systemisch begründete Machtausübung führt unausweichlich regelmäßig zu Pattsituationen, bei der Jugendliche die Kooperation verweigern und eine symmetrische Eskalation[8] entsteht (vgl. Watzlawick 1969).

Jonas hat schnell gelernt, sich diesem Szenario zu entziehen. Mehrfach hatte seine Stiefmutter an Familiengesprächen teilgenommen (der Vater war als Pilot kaum greifbar) und die Konsequenzen (so wurden Sanktionen genannt) verkündet, was zur Folge hatte, dass Jonas die Partnerin seines Vaters nicht nur hasste, sondern er zu einer realen Gefahr für sie wurde. Einer toxischen Eskalation entging er jedoch, indem er der Vorstellung der Erziehenden zur Teilnahme an regionalen Freizeitangeboten entsprach und sich im Handballverein anmeldete. Hier fand er eine Partnerin für seine erste Liebesbeziehung, die ihm fortan half, dem Heimregime weitergehend zu entkommen. Auf dem Höhepunkt einer systematischen Spaltung, die sowohl intern in der Einrichtung zwischen den Mitarbeiter:innen stattfand als auch zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern, wurde Jonas entlassen, da er als „Störer der Heimordnung ohne Behandlungsauftrag“ galt. Er brach auch seine Psychotherapie ab, und so verlor ich ihn aus den Augen.

Ich kann hier nur vermuten, dass die Leiterin in manchen Vorgehensweisen eine sehr persönliche Interpretation der systemischen Theorie hatte. Ich habe gelegentlich nicht nachvollziehen können, wie sie ihre Interventionen im Lichte einer klinischen Theorie beschrieben hätte. An verschiedenen Stellen wird jedoch deutlich, dass es tatsächlich die systemische Perspektive war, die verhinderte, dass typische Probleme adäquat betrachtet werden konnten. So war evident, dass die Regularien ein Sanktionieren der Bewohner:innen verlangten, die jedoch strukturell[9] zu vulnerabel waren, um sich in der gewünschten Weise zu verhalten. Ihnen wurde gewissermaßen eine reife Subjekthaftigkeit zugeschrieben, die ihre psychischen Fähigkeiten weit überstieg. Auch bindungstheoretische Überlegungen könnten hier nützlich sein. Das Team wurde nicht als „Container“ verstanden mit der Aufgabe, die Destruktivität der Insassen aufzunehmen, zu verdauen und entwicklungsfördernd zu spiegeln. Somit wurden alle Spaltungen, die die emotional gering oder verstrickt integrierten Jugendlichen zur Selbstregulation benötigten, interpersonell (mit-)agiert. In diesem Zusammenhang wurden regelmäßig Sündenböcke ausgewählt, die dann die Einrichtung verließen, Mitarbeiter:innen sowie Jugendliche (das „entfesselte Böse“ sollte nicht aufgenommen, ausgehalten, integriert, sondern entfernt werden). Jonas‘ sehr kompetente Bezugserzieherin pendelte gegenüber der Heimleiterin zwischen heftiger Bewunderung und nahezu paranoider Angst, was aber nicht als Gegenübertragungsphantasie gedacht werden konnte, sondern nur dazu führte, dass diese Frau, die die emotionale Realität der Einrichtung empfinden und treffend artikulieren konnte, ihren Job aufgab und ein Studium aufnahm.

8 Schlussfolgerungen

Die systemische Theorie als Konzept therapeutischer Veränderung kann ad hoc Hypothesen über die Realität eines Systems aufstellen. Sie scheint mir dagegen zumindest noch nicht in der Lage, langfristige therapeutische Beziehungen zu gestalten. In einem Setting wie dem beschriebenen Kinderheim reinszenieren Jugendliche bedeutsame bzw. prägende Beziehungsmuster ihrer Biografie und sollten damit auf Interesse und Verstehensbemühungen treffen, auf therapeutische und pädagogische Bezugspersonen, die ihnen helfen, neue Formen der Selbstinszenierung auszuprobieren und sich in ihren selbst-regulatorischen und interaktionellen Kompetenzen weiterzuentwickeln.

Durchaus kann ein systemisch-familientherapeutisches Konzept in der Jugendhilfe Anwendung finden, etwa während eines kurzen Heimaufenthalts (der sich nicht vermeiden lässt, wenn es in der Familie zu malignen Konfrontationen gekommen ist): Die Eltern bleiben die Hauptbezugspersonen und es findet eine intensive Elternarbeit statt, die sicherstellt, dass die Eltern einen deutlichen Zuwachs an erzieherischer und emotionaler Kompetenz erfahren. Regelmäßige Familiensitzungen ermöglichen Erfahrungstransfer.

Eine Grenzsituation ist die aufsuchende Familientherapie. Nicht nur, dass sie regelmäßig im Zwangskontext stattfindet (z.B. bei angedrohter Heimunterbringung der Kinder); die Grenze zwischen öffentlich und privat wird bewusst übertreten. Klient:innen haben nicht mehr die Möglichkeit, ihr Gesicht zu wahren, die szenische Inszenierung ihrer Wohnung verrät mehr über sie als sie jemals sagen könnten, würden sie völlig offen über ihre Probleme sprechen. Wer nicht mehr in der Lage ist, seinen privaten Raum zu verteidigen, verliert gewissermaßen den Subjektstatus. Minuchin et al. haben in den 1960er-Jahren mit der gleichen Population in einer Art Therapiemobil gearbeitet; wenn Marie-Luise Conen sich auf Minuchin beruft, um seine Parteilichkeit für die Besitzlosen hervorzuheben, ist das m.E. ein nicht zu vernachlässigender Aspekt. Die Tatsache, dass aufsuchende Familientherapie häufig die Heimeinweisung von Kindern verhindere, ist vor allem unter Kostengesichtspunkten von neoliberalen Sozialpolitikern favorisiert worden. Die Sicherheit und die Grenzen eines gut geführten Heims sind häufig diskreditiert worden; Heime sind jedoch nicht zwangsläufig Brutstätten der Gewalt. Bezugspersonenkontinuität und die Wahrung einer angemessenen Privatsphäre sollten auch bei Kindern selbstverständlich sein.

Dauert ein Heimaufenthalt jedoch mehr als 6 Monate, sollten die Erziehenden die unausweichlichen Übertragungsphänomene an- und aufnehmen und im Dienst der Entwicklung der Jugendlichen nutzen. Die wichtigste Kompetenz dafür scheint die langfristige Stabilität eines Teams zu sein, das gut supervidiert sein muss (vgl. v. Klitzing 2022). Neben psychodynamischen Modellen des Problemverständnisses sind grundsätzlich auch andere Konzepte vorstellbar (personzentriere, gestalttherapeutische, psychodramatische); jedenfalls sind langfristige Perspektiven nötig, die von einer mehrjährigen Entwicklung in einem sicheren Rahmen ausgehen: Bezugspersonenkontinuität und, wenn irgend möglich, Halten des jungen Menschen ‚no matter what‘. Modell für eine solche Einrichtung ist das Jerusalem Hills Children´s Home, wie es sich unter der Leitung von Yecheskiel Cohen über mehr als dreißig Jahre entwickelt und ausdifferenziert hat.

9 Literatur

Ciompi, Luc (1982): Affektlogik. Über die Struktur der Psyche und ihre Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta

Ciompi, Luc (1997): Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Ciompi, Luc (2017): Soteria Berne, 32 years of experience. An alternative approach to acute schizophrenia, in: Swiss Arch. Neurol Psychiat., 168. Jg., Heft 3, S. 10–13

Conen, Marie-Luise mit Gianfranco Cecchin (2007): Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Therapie und Beratung in Zwangskontexten. Heidelberg: Carl Auer

Cohen, Yecheskiel (2014): Das traumatisierte Kind: Psychoanalytische Therapie im Kinderheim. Mit dem Film „Die zweite Geburt“. Gießen: Psychosozial

Goffman, Erving (1961): Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Goldner, Colin (Hrsg. 2003): Der Wille zum Schicksal. Die Heilslehre des Bert Hellinger. Wien: Ueberreuter

Fürstenau, Peter (2001): Psychoanalytisch verstehen, systemisch denken, suggestiv intervenieren. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta

Kießling, Ulrich (2004): Vorarbeiten zu einer Handlungstheorie beziehungsanalytischer Sozialarbeit und Sozialpädagogik, in: Psychoanalytische Familientherapie, 5. Jg., Heft 1

Kießling, Ulrich und Susanne Flor (2019): Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe – eine unendliche Geschichte von Missverständnissen, fehlendem Vertrauen und Kompetenzstreit. Ideen zur Befriedung in Form einiger Fallstudien, in: Sozialpsychiatrische Informationen, 48. Jg., Heft 3

Klitzing, Kai von (2022): Vernachlässigung. Betreuung und Therapie von emotional vernachlässigten und misshandelten Kindern. Stuttgart: Klett-Cotta

König, Karl und Fritz Simon (2001): Zwischen Couch und Einwegspiegel. Heidelberg: Carl Auer

Minuchin, Salvador; Braulio Montalvo, Bernard G. Guerney (1967): Families Of The Slums. New York: Basic Books

Lempa, Günter; Dorothea von Haebler, Christiane Montag (2017): Psychodynamische Psychotherapie der Schizophrenien: Ein Manual, Gießen: Psychosozial

Rudolf, Gerd (2014): Psychodynamische Psychotherapie. Die Arbeit an Konflikt, Struktur und Trauma. 2., überarb. Auflage. Stuttgart: Schattauer

Staub-Bernasconi, Silvia (2019): Menschenwürde, Menschenrechte, Soziale Arbeit. Heidelberg: Budrich

Streeck-Fischer, Annette (2014): Trauma und Entwicklung. Folgen in der Adoleszenz. 2., überarb. Auflage. Stuttgart: Schattauer Verla

Mosher, Loren; Voyce Hendrix, Deborah F. Fort (1992): Dabeisein. Das Manual zur Praxis in der Soteria. Bonn: Psychiatrieverlag

Schmidt, Gunther (2018, 8. Aufl.): Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Heidelberg: Carl Auer

Simon, Fritz (1984/2004): Die Sprache der Familientherapie: Ein Vokabular. Überblick, Kritik und Integration systemtherapeutischer Begriffe, Konzepte und Methoden. Stuttgart: Klett-Cotta

Strauß, Bernhard (Hg., 2008): Bindung und Psychopathologie. Stuttgart: Klett-Cotta

Sydow, Kirsten v.; Stefan Beher, Rüdiger Retzlaff & Jochen Schweitzer-Rothers (2007). Die Wirksamkeit Systemischer Therapie/Familientherapie. Göttingen: Hogrefe Verlag

Tonnick, Edward (2009): Still Face Experiment Dr Edward Tonnick. https://www.youtube.com/watch?v=YTTSXc6sARg

Watzlawick,Paul; Janet Beavin, Don Jackson (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Hans Huber

Weber, Gunthart und Helm Stierlin (1997): In Liebe entzweit. Ein Heidelberger Familientherapie der Magersucht. Reinbek: Rowohlt

Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie (2008): Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Systemischen Therapie, in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 106, Heft 5


[1]Interessanterweise werden dagegen Diskussionen über die Überlegenheit der eigenen Methode gründlich vermieden. In einem Lehrformat wird alle zwei Jahre die fiktive Behandlung eines bestimmten Klienten mit allen fünf Methoden demonstriert, um den Ausbildungsteilnehmer:innen das jeweils Spezifische der unterschiedlichen Zugänge zu verdeutlichen.

[2]In der psychodynamischen Therapie wird etwa an einem Konflikt-, Struktur- oder Traumafokus gearbeitet (vgl. Rudolf (2014).

[3]Dornes‘ Idee des kompetenten Säuglings zeigt, dass auch sehr junge Kinder durchaus über teilweise schon angeborene Kompetenzen verfügen, um die Bindung zu sichern; das sind Fähigkeiten, die sich durchaus auch zirkulär beschreiben lassen. Es ist dem Säugling aber trotzdem nur schwer möglich, eingeschränkte elterliche Feinfühligkeit zu bewältigen.

[4]An dieser Stelle steht die Praxis der systemischen Theorie gar der modernen Verhaltenstherapie nahe. Obwohl Konstruktivismus und psychodynamische Theorie beide interpretative Wissenschaften sind, bestreitet die systemische Theorie die Möglichkeit des Verstehens der inneren Welt des Subjekts sogar (vgl. Simon), was an die Ablehnung des Wissenschaftsstatus der Psychoanalyse durch Vertreter der modernen VT erinnert.

[5]Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist die Kontroverse von Marie-Luise Conen (http://www.context-conen.de/aktuelles/DGSF-2016-Vortrag-Jugendhilfetag-Koeln.pdf) und Jochen Schweizer (http://www.dgsf.org/ueber-uns/jahrestagung/weitere-tagungsberichte/fachtag-systemische-praxis-2016/offener-brief-an-marie-luise-conen)

[6]Name geändert

[7]Die Idee ist, die Eltern als Auftraggeber der Jugendhilfemaßnahme nicht zu entlassen. Geschieht das etwa wenn die Eltern erklären, ihr Kind sein ihnen gegen ihren Willen weggenommen worden, ist häufig auch der Behandlungsauftrag der Kinder oder Jugendlichen gefährdet.

[8]In einem mir bekannten Fall konnte erst die Heimaufsicht den schlimmstvorstellbaren Ausgang verhindern, indem sie anordnete, dass die Einrichtung die Privatgegenstände ihrer Bewohner:innen in deren Verfügung belassen muss.

[9]Gemeint ist hier eine geringe strukturelle Integration nach OPD, oder Identitätsdiffusion nach Kernberg, die einem Vorherrschen unreifer Abwehrmechanismen folgt, die alle auf Spaltung basieren (z.B. omnipotente Kontrolle).

Verfasst von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker, tätig als niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen (Projekt Jona) und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter bei SIMKI und an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) von 2004 bis heute. Psychotherapiegutachter der KVB
Mailformular

Es gibt 2 Materialien von Ulrich Kießling.

Zitiervorschlag
Kießling, Ulrich, 2023. Systemische Theorie als Handlungstheorie in der Jugendhilfe [online]. socialnet Materialien. Bonn: socialnet, 16.03.2023 [Zugriff am: 14.06.2024]. Verfügbar unter: https://www.socialnet.de/materialien/29742.php

Urheberrecht
Dieser Beitrag ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, helfen wir Ihnen gerne weiter. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Materialien für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.