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Thesen zu Opaschowski

Deutschland 2010

Michael Klawitter

Veröffentlicht am 01.10.2002.

Die folgendenThesen zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland beziehen sich auf
Opaschowski, Horst: Deutschland 2010. Wie wir morgen arbeiten und leben - Voraussagen der Wissenschaft zur Zukunft unsrer Gesellschaft, Hrsg. BAT Freizeit-Forschungsinstitut GmbH, Hamburg: Germa Press, 2. Auflage 2001, 357 Seiten, ISBN 3-924865-35-3, EUR 20,40.

In nur 8 Jahren wird das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hinter uns liegen. Die noch zu erwartenden Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik lassen sich entgegen der weitverbreiteten Meinung nicht ohne weiteres aus bestehenden Trends ableiten. Die massive Veränderung des Bevölkerungsprofils in Deutschland wird zu Strukturbrüchen im Zusammenleben der Menschen genauso wie in der Ausgestaltung unseres Wirtschafts- und Sozialsystems führen. Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski versucht dies in seinem Buch Deutschland 2010 mit empirischen Forschungsergebnissen aufzuzeigen. Ziel des Buches ist, eine Sensibilisierung von Politik und Gesellschaft für das Thema Zukunft zu erreichen.

In 12 Kapiteln versucht Opaschowski die wichtigen gesellschaftlichen Aspekte von Arbeit, Konsum, Freizeit und allgemeine gesellschaftliche Wertesysteme in ihrer zukünftigen Entwicklung zu skizzieren. Es gelingt ihm recht gut, einen Überblick über den Stand der aktuellen Diskussion zu geben. Dies gilt vor allem für die Entwicklung von Wertesystemen und gesellschaftlichen/familiären Strukturen. Doch ähnlich der politischen Diskussion um die Zukunft der Rente verbleibt ein fader Nachgeschmack, und wesentliche Fragen bleiben unbeantwortet. Als Leitfaden für politische Entscheidungsträger ist das Buch nur mit erheblichen Abstrichen zu gebrauchen.

So blendet Opaschowski einen der wesentlichsten Aspekte der zukünftigen Entwicklung Deutschlands aus: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einer rapide alternden Gesellschaft. Dass diese Entwicklung zu einem deutliche niedrigeren Wirtschaftswachstum in Deutschland genauso wie in anderen Teilen Europas führen wird, steht außer Frage. Die aktuelle wirtschaftliche Schwäche dürfte die Norm, eher als die Ausnahme werden, und die Frage, wie der immer kleiner werdende aktive Teil der Bevölkerung die stark zunehmende Zahl der Rentenempfänger finanzieren kann, muss in den Mittelpunkt einer Zukunftsanalyse treten. Auch die Frage der Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems muss beantwortet werden.

Ohne eine Analyse dieser ökonomischen Rahmenbedingungen erscheinen viele von Opaschowskis Schlussfolgerung über die Entwicklung der Gesellschaft aber deutlich zu einseitig und optimistisch. Überlegungen, wie die sich angeblich verlängernde arbeitsfreien Zeit im Alter sinnvoll genutzt werden kann, erscheinen doch eher von akademischem Interesse. Denn diese Frage wird sich nur für einen Bruchteil der Rentner stellen. Die meisten werden versuchen, über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ihre fallenden Rentenansprüche aufzubessern. Die aktuelle Generation der Rentner dürfte die letzte sein, die ein gesichertes und gleichzeitig zufriedenstellendes Einkommen im Alter noch als selbstverständlich erwarten kann.

Ohne entsprechende ökonomische Ressourcen ist auch der Abschied von Deutschlands egalitärem Gesellschaftsansatz vorprogrammiert. Eng damit verknüpft ist die Frage, wie trotz stark rückläufiger Ressourcen ein Mindeststandard in der Sozialversorgung erhalten bleiben kann. Opaschowski gibt nur ungenügende Antworten zu diesen zentralen Problemfeld der Zukunftsforschung. Kommentare wie “in den ärmsten Ländern der Welt kommt es zu einer Bevölkerungsexplosion und gleichzeitig zu riesigen Migrationen aus armen in reiche Länder. Daran wird sich nichts ändern solange der Lebensstandard in kalifornischen Gefängnissen höher ist als in mexikanischen Dörfern“ disqualifizieren das Buches weiter. Zeigen sie doch, dass der Zukunftsforscher Opaschowski in alten Denkstrukturen gefangen ist, in denen Migration als Bedrohung gesehen wird. Gerade aber die Migration aus Mexiko nach Kalifornien trägt wesentlich zur wirtschaftlichen Prosperität dieser Region bei und ein Umdenken wird auch in Deutschland unumgänglich sein.

Was sind die eigentlichen Problemfelder der Zukunft?

Fallende Geburtenraten und die fortlaufende Zunahme der Lebenserwartung lässt die Gesellschaft in fast allen Industriestaaten rapide altern. Lag das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung 1980 noch bei 36.4 Jahren liegt es aktuell schon bei 41 Jahren und wird bis zum Jahr 2010 auf 44 Jahre ansteigen. Die Zahl der Rentenempfänger steigt in den nächsten 8 Jahren um knapp 20% an und 2010 werden nur noch 2.9 Einzahler in die Sozialkassen einem Rentenempfänger gegenüber stehen (aktuell 3.7). Neben der Rentenversicherung stellt diese Entwicklung auch den Bestand des öffentlich rechtlichen Gesundheitssystems in der uns bekannten Form in Frage. In beiden Bereichen werden die Leistungen signifikant zurückgeschnitten werden müssen. Weitverbreitete Altersarmut sowie ein straff gemanagetes Gesundheitssystem in dem die Leistungsvielfalt stark eingegrenzt ist, wird die Folge sein. In diesem Zusammenhang erscheint die aktuelle emotionale Diskussion um die Einführung von Positiv-/Negativlisten recht lächerlich.

Angesichts des aufgrund der Globalisierung zunehmenden Wettbewerbs nicht nur im Bereich handelbarer Güter sondern auch bei Dienstleistungen besteht für die Kostenträger des deutschen Sozialsystems keine Möglichkeit, die steigenden Ausgaben über höhere Beitragssätze zu kompensieren. Die von Seiten der EU Kommission auf dem EU Gipfel in Lissabon (März 2000) geäusserte Erwartung, dass ein starker Anstieg in der Arbeitsproduktivität die wirtschaftlichen Auswirkungen des demographischen Wandels dämpfen wird, erscheint gleichermaßen unrealistisch.

In diesem Szenario ist ein deutliches Auseinanderklaffen des Einkommens in der Gesellschaft unvermeidlich. Nicht nur wird der Generationenvertrag nicht mehr aufrecht zu erhalten sein und damit die Wohlstandsgrenze in vielen Fällen zwischen alt und jung verlaufen, sondern gleichzeitig wird auch die Kluft zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen immer größer. Die Ansätze der Harz Kommission weisen in diese Richtung.

Allerdings werden sich auch innerhalb der Gruppe der Beschäftigten die Einkommensunterschiede deutlich ausweiten. Wie von Opatschowski richtig aufgezeigt, werden die Löhne im Bereich der Industrie deutlich fallen müssen, um international wettbewerbsfähig bleiben zu können. Angesichts der rückläufigen Bevölkerung in Europa und damit fallender Güternachfrage müssen sich Unternehmen auch die Frage stellen, ob die Aufrechthaltung von Produktionsstätten in Deutschland noch gerechtfertigt ist. Es erscheint wahrscheinlicher, dass Investitionen in potentielle Wachstumsregionen wie die USA oder aber auch Teile Asiens verlagert werden.

Der Dienstleistungssektor wird den Stellenabbau im verarbeitenden Gewerbe nicht auffangen können. Schon heute herrscht in vielen Bereichen, die eine hohe Qualifikation erfordern, Beschäftigtenmangel. Umschulungen erscheinen kaum das geeignete Mittel, diese Lücken zu schließen, so dass die Arbeitsbelastung einiger weniger weiter steigen wird, während die Arbeitslosigkeit trotz eines fallenden Beschäftigungspotentials anhaltend hoch bleibt.

Auch wenn dieses Forum nicht der Platz für eine detaillierte Analyse ist, so lässt sich doch recht einfach aufzeigen, dass viele der ökonomischen Zukunftsszenarien, die von Seiten der Politik verwandt werden, auf Sicht der nächsten 10-15 Jahre zum Scheitern verurteilt sind. Zu eindeutig ist das statistische Zahlenmaterial. Aufgrund der Länge und Stabilität demographischer Zyklen besteht von Seiten der Politiker auch nur wenig Anreiz, mit realistischen Szenarien zu hantieren. Dies gilt um so mehr, als eine realistische Einschätzung der Zukunft eine sofortige deutliche Kürzung bestehender Besitzstände (Gesundheits-/Rentensystem) nach sich ziehen würde. Da ein solcher Schritt kaum die Wahrscheinlichkeit der Wiederwahl steigert, muss er aus der Logik des Systems heraus unterbleiben.

Diese Ignoranz führt allerdings zu einer Potenzierung der künftigen Probleme, da die heute schon knappen Ressourcen aufgrund viel zu optimistischer Entwicklungsszenarien fehlgeleitet werden. Gerade im Bereich der Sozialfürsorge ist es zudem nicht möglich, neue Systeme innerhalb kurzer Zeit bereit zu stellen, so dass auch unter diesem Gesichtspunkt ein frühzeitiges Erkennen zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen entscheidend ist.

Ein Buch, dass sich zum Ziel setzt zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen aufzuzeigen, darf diese Punkte nicht marginalisieren. Als Entschuldigung Opaschowskis kann auch nicht angeführt werden, dass diese Entwicklungen an Brisanz jenseits von 2010 deutlich zunehmen werden. Denn das Wesen eines Zukunftsforschers besteht zu einem wesentlichen Teil darin, neue Trends aufzuzeigen, bevor sie im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Das Buch Deutschland 2010 können wir deshalb nur eingeschränkt empfehlen. Insbesondere Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Politik und Verbänden empfehlen wir eine realistischere Analyse der zu erwartenden Veränderungen. Je früher die entsprechende Sensibilisierung erfolgt, um so eher können Entscheidungen getroffen werden, mit denen es gelingen kann, die Strukturbrüche in Wirtschaft und Gesellschaft abzufedern – sie zu ignorieren wird nicht möglich sein.


Autor
Michael Klawitter
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Zitiervorschlag
Michael Klawitter: Thesen zu Opaschowski. Deutschland 2010. Veröffentlicht am 01.10.2002 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/30.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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