Die gesellschaftslose Psychotherapie
socialnet Materialien. Reihe 14: Kritische Psychologie, Psychotherapie und emanzipatorische Praxis
Zusammenfassung
Obwohl das biopsychosoziale Modell (BPS) heute die am weitesten verbreitete Art und Weise ist, psychisches Leiden zu erklären und zu behandeln, deuten einige Studien darauf hin, dass im Gesundheitsbereich ein biomedizinisches Krankheitsmodell vorherrscht. Die soziale Ebene wird dabei vernachlässigt. Gerade bei komplexen psychischen Leiden wie Erschöpfungsphänomenen scheint dieser Ansatz unzureichend. In qualitativen Interviews wurde untersucht, ob und wie das Modell in der psychotherapeutischen Praxis für Fragen der Ätiologie und der Behandlungspraxis von Erschöpfungsphänomenen genutzt wird. Die Analyse deutet einerseits darauf hin, dass die befragten Psychotherapeut:innen heute Leistungsmotive und Beziehungsweisen als zentrale Bestandteile von Erschöpfung verstehen. Andererseits kann ein Missverhältnis festgestellt werden: Bei der ätiologischen Klärung von Erschöpfungsphänomenen ist ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedingtheit dieses Leidens erkennbar, die Behandlung erfolgt jedoch tendenziell auf der individuellen Ebene. Sozialstrukturelle Perspektiven auf Gesundheit und Krankheit können ein Ansatz sein, die identifizierte Lücke zu schließen. Dabei zeigt sich, dass die Warenförmigkeit der kapitalistischen Produktion, die die Beziehungsweisen der Subjekte prägt, sowie aktuelle Subjektivierungsprozesse, die immer mehr Leistung einfordern, ein Grund für die Erschöpfung der Subjekte sein können.
Verfasst von
Julian Dicks
Tiefenpsychologischer Psychotherapeut in Ausbildung
Dozent an der Fresenius Hochschule in Köln
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Zitiervorschlag
Dicks, Julian, 2024.
Die gesellschaftslose Psychotherapie [online]. socialnet Materialien.
Bonn: socialnet, 09.12.2024 [Zugriff am: 14.02.2026].
https://doi.org/10.60049/6fzutkno
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