Psychoanalyse auf dem Marktplatz
Anmerkungen zur öffentlichen Bewertung therapeutischer Beziehungen
Inhalt
- 1 Einleitung
- 2 Hass in den sozialen Netzwerken
- 3 Die polarisierte Gesellschaft
- 4 Sozialanalytische Aspekte
- 5 „Kundenrezension“ auf Bewertungsportalen für Ärzt:innen – exemplarische Bewertungen
- 6 Therapeutische Interventionen
- 7 Resümee
- 8 Literatur
Zusammenfassung
Bei der Gewinnung einer „inneren Einstellung“ zu meinem Thema überfiel mich schnell der Zweifel, ob der Kampf gegen die gesellschaftliche „Verrohung“ nicht schon längst verloren ist und es daher nicht verständlich wäre, darüber wegzusehen. Was hilft es, sich Gedanken zu machen und diese in Worte zu fassen, wenn doch die gesellschaftliche Normalität unumstößlich zu sein scheint und jede Reflexion erstickt. Doch: Es geht nicht weg, wenn man wegsieht. Daher setze ich mich in meinem Beitrag mit dem Phänomen auseinander, dass die therapeutische Beziehung auf einschlägigen Bewertungsportalen in den sozialen Medien wie Bewertungen eines Warentauschs behandelt werden. Dabei rückt als zentrale Emotion neben unrealistischen Idealisierungen vor allem Hass in den Mittelpunkt. Ich ordne dies ein als Ausdruck eines gesellschaftlichen Umbruchs, in dem wegen des Verlusts alter Werte, Normen und menschlicher Haltungen die öffentliche Präsentation der eigenen Befindlichkeit, auch des Hasses zu einem identitätsstiftenden Lebensgefühl beitragen. Ich analysiere exemplarisch verschiedene öffentliche Bewertungen von Patienten und führe mögliche, imaginierte Antworten von Psychotherapeut:innen auf. Schließlich will ich dazu anregen, sich mit dem Phänomen „Hate speech“ intensiver zu beschäftigen.
1 Einleitung
Die öffentliche Bewertung von Handels- und Warenbeziehungen wird inzwischen als selbstverständlich angesehen und praktiziert und erfolgt in der Absicht, durch eine positive Bewertung das eigene Ansehen und damit den wirtschaftlichen Erfolg auf dem Markt zu verbessern. Auch die ärztliche bzw. therapeutischen Beziehung wird häufig öffentlich bewertet. Bewertungsportale für Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen werben mit dem Slogan, dass sie die Interessierten „zum genau richtigen Arzt“ führen. „Dabei helfen ihnen die Erfahrungsberichte und Empfehlungen anderer Patienten.“ [1] Damit wird unterschwellig ein Eindruck von Objektivität suggeriert.
Zwischen den verschiedenen Portalen besteht ein essentieller, wenig beachteter Unterschied. Wird ein Handwerksbetrieb danach beurteilt, ob er seine Aufträge vollständig und zufriedenstellend ausgeführt hat, verabredete Zeiten eingehalten hat, Reklamierungen Auftraggebegender respektiert und im Kontakt einen freundlichen Umgang pflegt, können solche Beurteilungen dazu beitragen, den Service der Firma zu verbessern und Kund:innen zufriedenzustellen. Im Onlinehandel erscheint eine Beurteilung, ob die bestellte Ware qualitativ den Vorstellungen der Kund:innen entspricht, im vereinbarten Zeitrahmen geliefert wurde und unbeschädigt eingetroffen ist, der Natur des Warenverkehrs angemessen, denn hier entfällt die persönliche Begegnung als Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs. Die persönliche Beziehung ist gerade zwischen Patient:in und Analytiker:in das Wesentliche und eine vertraute und belastbare Beziehung als Voraussetzung für den Therapieprozess entscheidend. Obwohl die psychotherapeutische Beziehung weder mit der Dienstleistung eines Handwerksbetriebes noch mit Warenhandel vergleichbar ist, wird sie mit dem Auftritt auf einem Bewertungsportal wie eine Handels- bzw. Geschäftsbeziehung behandelt und dadurch mit ihr gleichgesetzt. Dem Selbstverständnis einer Dienstleistung entspricht es, Anderen „zu Diensten zu sein“, das heißt, ihre Erwartungen und Wünsche zu erfüllen. Dies impliziert eine sich unterordnende Einseitigkeit, die einer therapeutischen Beziehung in keiner Weise entspricht, in der es nicht um die Befriedigung der neurotischen, sich in der Übertragung zeigenden Wünsche der Patient:innen geht, sondern um die aufdeckende Analyse der hinter den Widerständen verborgenen unbewussten Bedürfnisse. Diese Aufgabe können Analytiker:innen nur erfüllen, wenn sie ihre Unabhängigkeit von den Bedürfnissen der Patient:innen bewahren. Diese Unabhängigkeit wiederum ist gebunden an den privaten Charakter der therapeutischen Dualbeziehung, die durch die ihr zugehörigen Techniken ihres öffentlichen Charakters weitgehend entkleidet, „beraubt“ (privare) ist. Mit den öffentlichen Bewertungen werden hingegen gerade jene Phänomene, die sich in der Intimität, im Reich der Verborgenheit, erschließen, die überhaupt nur im Privaten leben und gedeihen können, quasi „entzaubert“.
Je nachdem, ob sie öffentlich oder privat geübt werden, ändern Tätigkeiten ihren Charakter. So kann eine unverstandene Konfrontation oder Deutung im Rahmen der therapeutischen Dualbeziehung Anlass zur reflexiven Vertiefung geben, während sie, öffentlich in der digitalen Welt vorgetragen, subjektiv und neurotisch entstellt erhalten bleibt und der „Nachwelt“ kontextlos überliefert wird. Gleichzeitig erhalten die Dinge, deren Erscheinungsorte im Privaten und Intimen liegen, dadurch, dass sie in den öffentlichen Bereich gestellt werden, eine andere Wirklichkeit. Die imaginierte Gegenwart Anderer dient der Versicherung der inneren Realität und der Steigerung des subjektiven Fühlens und privaten Empfindens. Wird in negativen Bewertungen erfahrenes Unbehagen dargestellt und als vermeintliches Unrecht deklariert, so erhält diese Erfahrung als Unrecht tatsächlich Wirklichkeit. Werden die im Warenverkehr üblichen Beurteilungen auf die psychotherapeutische-Beziehung übertragen, so kann dies zu einer tiefgreifenden Beeinträchtigung der therapeutischen Potenz, der Haltung der analytischen Abstinenz und Neutralität führen und die Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehung beeinflussen und damit auch dem zukünftigen therapeutischen Prozess abträglich sein.
Das psychoanalytische Interesse an den öffentlichen Bewertungen therapeutischer Beziehungen richtet sich sowohl auf die unbewussten Phantasien der Patient:innen, Analytiker:innen „sich zu Diensten machend“ wie Objekte gebrauchen und verwerten zu wollen, als auch auf die hierdurch ausgelösten bewussten, bzw. unbewussten Phantasien der Analytiker:innen, bzw. die Abwehr gegen die Bedrohung der ihrer Tätigkeit inhärenten Neutralität und abstinenten Integrität.
2 Hass in den sozialen Netzwerken
In Bewertungsportalen und auf Social-Media-Plattformen öffnet sich eine Bodenluke in die Welt des Hasses, denn sie dienen häufig als Projektionsfläche für unverarbeitete Affekte, unbewusste Triebwünsche und Konflikte. Sie haben das Leben in der postmodernen Gesellschaft stark verändert. Hass im Internet unter dem Begriff des „Cybermobbing“ beschäftigt die Öffentlichkeit schon seit längerem. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht in den Medien einen Bericht vorfinden, in dem über die verschiedenen Facetten des Hasses im gesellschaftlichen Zusammenleben berichtet wird. Dazu zählen Berichte über Politiker:innen, die sich wegen Anfeindungen aus ihren öffentlichen Ämtern zurück ziehen, Umfragen, nach denen die Hälfte der 12- bis 19-jährigen Jugendlichen Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht haben oder in Sorge ist, in sozialen Netzwerken beleidigt, bedroht oder belästigt zu werden, aber auch das Phänomen, dass sich inzwischen gemeinnützige Organisationen gebildet haben, die Betroffene von Online-Hassreden – sog. „Hatespeech“ – darin beraten, wie sie sich schützen können. Diesen Hass durch Patient:innen erleben inzwischen zunehmend auch Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen in ihren Praxen. Während Psychotherapeut:innen den aggressiven verbalen Impulsdurchbrüchen ihrer Patient:innen im geschützten Rahmen der therapeutischen Beziehung in der Regel aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung konstruktiv begegnen können, sind sie in den sozialen Netzwerken – zu nennen sind Bewertungsportale wie Jamedo, Docinsider, Sanego oder Google – als selbst Betroffene eher schutzlos der möglichen Stigmatisierung ausgeliefert.
3 Die polarisierte Gesellschaft
Die sozialen Kräfte, die uns umgeben, formen auch den psychoanalytischen Prozess. In den sozialen Netzwerken bildet sich die Verrohung der Gesellschaft ab. Dies ist nicht in einem pauschalen Sinn gemeint, sondern symptomatisch zu verstehen und offenbart sich beim täglichen Blick in die Medien. Zwar ist die Vision einer polarisierten Gesellschaft nicht neu, wie das Konzept des Klassenkampfes im Marxismus oder die Theorien der politischen Spaltung in den 1960er-Jahren zeigen. Die affektive Polarisierung, die emotionalen Aspekte, die beschreiben, dass wir positive Gefühle für die Gruppe hegen, die unsere Position vertritt, und negative Gefühle für die Gruppen, die anderer Ansicht sind, scheint jedoch eine neue Qualität bekommen zu haben. So lässt sich eine Zunahme archaischer Formen der Affektverarbeitung feststellen. Hass manifestiert sich in verschiedenen Erscheinungsformen. Dies spiegelt sich u.a. darin wider, dass Politiker:innen und ihre Mitarbeitenden zunehmend von Beschimpfungen und Bedrohungen, Ärzt:innen von verleumderischen Einträgen auf Bewertungsportalen betroffen sind. „Cancel Culture“ beherrscht zunehmend auch den akademischen Betrieb. Die Bereitschaft, Repressionen auszuüben, wenn sich jemand mit dem Diskussionsgegenstand oder der verwendeten Sprache nicht wohl fühlt, ist gewachsen. Das Ausmaß der digitalen Bedrohung wird auch daran deutlich, dass eine nationale Notfallnummer für Wissenschaftler:innen („Scicomm-Support“) gegründet wurde. Bei „Hatespeech“ im Netz handelt es sich längst um ein Massenphänomen. Im Netz gelten keine Regeln mehr. Teenager:innen, die chatten, sexten, mobben, liefern sich erst online eine Schlacht, dann offline. „Ghosting“ greift nicht nur in der Arbeitswelt um sich, sondern kann auch die Beziehungen in der Schule, mit Ärzt:innen oder Psychotherapeut:innen verändern.
4 Sozialanalytische Aspekte
Es ist charakteristisch für das gegenwärtige Leben in der postmodernen Gesellschaft, dass es von Vertreibung oder Bindungszerstörungen geprägt ist, von Negt als „kulturelle Erosionskrise“ bezeichnet (Negt 2010).
„Das heisst also eine Krise, in der alte Werte, Normen, menschliche Haltungen nicht mehr unbesehen und deshalb auch nur noch schwer tradiert werden können. Sie können nur noch schwer überliefert werden, weil sie ihre Überzeugungskraft verloren haben und neue Haltungen, Normen und Werte noch nicht da sind, aber intensiv gesucht werden. Wir leben in einer Zeit intensiver kultureller Suchbewegungen. Die Menschen wissen nicht mehr, was richtig ist oder können es nicht mehr einschätzen. Was sie wissen ist aber, dass vieles von dem, was an Normen existiert, keine Gültigkeit mehr beanspruchen kann.“ (Negt 2010, S. 13)
Eine Folge der Modernisierung sind Individualisierung, soziale und psychische Desintegration (Frankenberger 2007).
Der Rückgriff auf Online-Bewertungen zum Zweck der Orientierung kann den auf Wertschätzung und unmittelbarer Begegnung basierenden persönlichen Erfahrungsaustausch ersetzen. Es kann auch angenommen werden, dass das Forum der Bewertungsportale einem Bedürfnis nach Wirkmächtigkeit (Fromm 1955a) entgegenkommt, das durch den Wegfall herkömmlicher, tradierter Orientierungen nicht befriedigt wird. Schließlich kann als psychischer Niederschlag dieser Erosionskrise auch eine Erosion der Über-Ich-Inhalte und der Ich-Ideale angenommen werden, die dazu beiträgt, dass Hemmschwellen wegfallen und Schamgrenzen aufgehoben sind.
Das Leben in einer Gesellschaft, die auf den drei Säulen Privateigentum, Profit und Macht ruht, fördert eine psychische Entwicklung, die auf Herrschen und Identifikation mit Macht aufgebaut ist (Gruen 2001) und begünstigt eine Spaltung der psychischen Organisation, vor allem zwischen Denken und Fühlen (Gruen 2003). Verlieren in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs, wirtschaftlichen und politischen Chaos alte Werte, Normen, menschliche Haltungen ihre Bedeutung, reagieren Menschen verwirrt, wissen nicht mehr, wo sie stehen, und fühlen sich bedroht. Basierte die menschliche Identität auf der Identifikation mit Rollen und Symbolen, die jetzt keinen Halt mehr geben, werden sie durch ein Raster von Verhaltensformen zu ersetzt, von denen Anerkennung für „richtiges“ Verhalten und für die „richtigen“ zur Schau gestellten Gefühle erhofft wird. Diese übergestülpten Identitäten basieren auf einer Identifikation mit angstauslösenden Autoritäten. „Diese Übernahmen von Erwartungen erzeugt Aggressionen gegen die eigenen, unerfüllten Erwartungen, Hass auf andere Opfer und ein Gefühl von Leere im Selbst.“ (Gruen 2011, S. 82) Die Folge der Identifikation mit Aggressor:innen ist, dass Mitgefühl unterdrückt und die Übernahme von Verantwortung erudiert. Das ist der Kern des Selbstzerstörerischen in unserer Gesellschaft und wird in idealisierenden und entwertenden Bewertungen ausgedrückt, deren Gemeinsamkeit darin gesehen werden kann, dass die Bewertenden nicht erkennen lassen, dass sie sich für den dokumentierten Therapieprozess auch selbst verantwortlich fühlen.
Der Hauptantrieb des modernen Menschen ist das Bedürfnis nach Tausch (Fromm). Er erlebt sich als Ding, das auf dem Markt erfolgreich eingesetzt wird, und sein Identitätserleben gewinnt er durch Einpassung in den allgemeinen Betrieb. Sein Selbstbewusstsein basiert auf der Erfahrung, dass der gesamte Lebensprozess wie die gewinnbringende Investition von Kapital erlebt wird, „wobei mein Leben und meine Person das investierte Kapital darstellen“ (Fromm 1955a, S. 111). Auf dieser psychischen Prädisposition basierend, spiegeln sich die erfüllten oder nicht erfüllten Erwartungen an eine „erfolgreiche“ therapeutische Beziehung als Warentausch in Form des „Zueinanderpassens“ wider. Dies ist insofern bemerkenswert, als eine Passung – manche Patient:innen sprechen davon, dass die „Chemie“ stimmt bzw. nicht stimmt – kein zentrales Merkmal einer gelungenen therapeutischen Beziehung sein kann, da sich ja zwei Menschen begegnen, die sich in unterschiedlicher Hinsicht – nicht nur fachlich, sondern auch in ihrem Wesen und Lebenserfahrung – unterscheiden. Gerade die Unterschiedlichkeit bedingt schließlich die Kreativität der Begegnung und die therapeutische Potenz.
5 „Kundenrezension“ auf Bewertungsportalen für Ärzt:innen – exemplarische Bewertungen
Aus welchen individuellen und vor allem unbewussten Beweggründen wollen Patient:innen die Vertraulichkeit der therapeutischen Beziehung aufheben, indem sie Psychotherapeut:innen öffentlich bewerten? Eine kursorische Übersicht der öffentlichen Bewertungen einiger nach dem Zufallsprinzip ausgewählter Psychotherapeut:innen zeigt beispielhaft typische Bewertungsstile. Es lässt sich dabei feststellen, dass Patient:innen die behandelnden Therapeut:innen nicht nur sachlich bewerten, sondern auch „über den grünen Klee loben“ oder „abgrundtief“ verurteilen. In solchen exemplarischen Bewertungen spiegeln sich vermutlich sowohl entstellt wiedergegebene Sachverhalte, als auch Idealisierungen und Entwertungen wider, die auf latente oder manifeste Selbstwertkonflikte hinweisen können. Kann eine idealisierende „Lobhudelei“ der narzisstischen Selbsterhöhung dienen, so hat der „Verriss“ eher die Funktion, eine narzisstische Kränkung zu verarbeiten.
Das Anliegen meines Beitrages bezieht sich einerseits auf die „kollektive Phantasietätigkeit“, die durch jene dem Primärvorgang und seinen Triebkomponenten nahen Impulse, sich der Öffentlichkeit darstellen zu können, ausgelöst wird. Es soll ein Versuch unternommen werden, die latenten Übertragungskonflikte und Widerstandsphänomene sichtbar aufzuzeigen, die die Analyse innerseelischer Konflikte verhindern.
In einer kursorischen Übersicht über die Bewertungen von Psychotherapeut:innen auf Google und Jameda habe ich im Folgenden exemplarisch drei Gruppen von Bewertungen ausgewählt: (a) Idealisierende Bewertungen, charakterisiert durch ausschließlich einseitig positive Formulierungen. Die Idealisierung kann als Abwehr- und Kompensationsmechanismus dazu dienen, das eigene Selbstwertgefühl zu stärken, indem man sich mit der bewunderten Person verbunden fühlt, sich an sie bindet und sich mit ihr – oder mit Teilaspekten von ihr – identifiziert. Bewunderung wird unbewusst oft zur Abwehr der eigenen Weiterentwicklung in Richtung von mehr Autonomie und Eigenverantwortung eingesetzt.
(b) Entwertende Bewertungen, charakterisiert durch ausschließlich einseitig negative Formulierungen. Die Abwertung dient meist der Stabilisierung des eigenen Selbst und nimmt damit die Qualität eines psychischen Abwehr- und Kompensationsmechanismus an. Indem man andere ab- oder entwertet, kann man das eigene Selbst vor (weiteren) Kränkungen schützen bzw. das Gefühl des eigenen Selbstwerts aufrechterhalten. Entwertung dient nach Kernberg v.a. der Abwehr von Neid, z.B. indem das abgewertet wird, worum andere beneidet werden.
(c) Sachliche Bewertungen Rationalisierungen – charakterisiert durch Kommentare, die organisatorische Abläufe, Ausstattung etc. ansprechen. Die Rationalisierung ermöglicht eine gewisse innere und äußere Distanzierung gegenüber emotional aufwühlenden Impulsen, Erfahrungen und Themen. Man kann über etwas Wichtiges reden, ohne sich selbst und anderen die emotionale Betroffenheit und die Beteiligung peinlicher Motive und Affekte eingestehen zu müssen.
An vier Fallbeispielen für eine idealisierende Bewertung soll gezeigt werden, dass die Wahrnehmung des therapeutischen Prozesses insofern eingeschränkt ist, als Differenzierungen und Ambivalenz verleugnet werden.
a. „Ich habe bereits mehrere Sitzungen bei Frau H. genossen und mich immer gut aufgehoben gefühlt. Frau H. ist einfühlsam, bringt Sachen recht zügig auf den Punkt, bildet sich stets weiter und hat ein großes Repertoire an Behandlungstools, so dass sie jederzeit auf die sinnvollste und zum Thema passende Methode zurück greifen kann, was die Behandlungen schnell und effektiv gestalten. Außerdem wurde mir im Vorwege immer genauestens erklärt, was auf mich zukommt und auch hinterher wurden meine Fragen ausreichend und verständlich erklärt. Deshalb kann ich Frau H. jedem wärmstens empfehlen, der schnellere, effektive und vor allem auf Dauer wirkende Lösungen sucht.“
Interpretation:
Die Darstellung, dass die therapeutischen Sitzungen „genossen“ wurde, deutet daraufhin, dass hier ein therapeutischer Prozess als positiv erlebt wurde, weil Anstrengungen und Enttäuschungen von der Therapeutin erspart wurden. Die Beschreibung der Therapeutin als einfühlsam, obwohl sie gleichzeitig „recht zügig“, vermutlich im Sinne von konfrontativ, gearbeitet habe, erscheint zunächst als Widerspruch. Dann heißt es, dass die Therapeutin „immer genauestens erklärt“. Die Hervorhebung der als positiv erlebten „Erklärungen“ der Therapeutin legt die Vermutung nahe, dass es sich nicht um Psychotherapie, sondern um Beratung gehandelt hat, die als positiv erlebt wurde, weil sie die anstrengende Bearbeitung der Widerstände gegen eine Aufdeckung unbewusste Konflikte erspart hat. Der verwendete Ausdruck „Behandlungstool“ legt die Vermutung nahe, dass dies ein von der Therapeutin verwendeter Ausdruck ist, die damit ihren Arbeitsstil charakterisiert hat und die der behandelten Person vermutlich auch erklärt hat, dass sie sich weiterbildet. Wiederholt erwähnt und positiv hervorgehoben wird, dass die Therapeutin „schnell und effektiv“ arbeite. Nicht erwähnt wird hingegen eine Bearbeitung von Ängsten, Konflikten oder Ambivalenzen. Die in der Bewertung angedeutete Behandlungstechnik lässt sich eher als simulierender und suggestiver Interaktionsstil verstehen und nicht als aufdeckende Bearbeitung von Konflikten oder inneren Strukturen.
Die Bewertung bringt zum Ausdruck, dass es der:dem Bewertenden um schnelle Symptomlinderung ohne Anstrengung geht. Die Übertragung scheint von der Abhängigkeit von Hilfs-Ich, Hilfs-Über-Ich und Hilfs-Ich-Idealen geprägt gewesen zu sein. Damit verbunden war vermutlich ein erheblicher Widerstand gegen eine langwierige Arbeit an unbewussten Konflikten. In Kollusion mit den Widerständen der behandelten Person hat die Therapeutin mit Informationen, Ratschlägen und Selbstdarstellung die Idealisierung der:des Patient:in gefördert. Ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, mit dem die:der Bewertende die behandelnde Therapeutin vermutlich anfangs aufgesucht hat, wird verleugnet.
b. „Ich bin Frau S. sehr dankbar. In einer schwierigen Lebensphase hat sie mich sehr professionell und einfühlsam begleitet. In der Therapie sind mir wesentliche Dinge durch ihre Hilfe klar geworden. Ihr ist es gelungen, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der es mir leicht gefallen ist, mich zu öffnen. Ich kann sie jederzeit weiterempfehlen.“
Interpretation:
Hier wird die Professionalität und Empathiefähigkeit der Behandlerin besonders hervorgehoben. Beides sollten jedoch Selbstverständlichkeiten sein. Die Hervorhebung kann daraufhin deuten, dass unangenehme Gefühle, evtl. aber auch Diskrepanzen zwischen den Erwartungen des Patienten und den Interventionen der Behandlerin vermieden wurden. Aus diesem Grund vermutlich wird auch hervorgehoben, dass die Aufdeckung zentraler, unbewusster Konflikte („wesentliche Dinge“) leichtgefallen sei.
c. „Guten Abend! Ich war nach schwerer Krankheit mit für mich stark belastenden psychischen Problemen bei Herrn Dipl.-Psych. R. Es war eine sehr freundliche, nette und vertrauensvolle Atmosphäre und wir haben meine Probleme zusammen aufgearbeitet und er hat mir durch kompetente Beratung/​Hilfe Wege aufgezeigt auch in Zukunft stabil zu bleiben! Es waren für mich sehr angenehme Termine! Ich möchte mich bedanken und werde Herrn R, auf jedenfall weiter-empfehlen! Danke für alles! M.R.“
Interpretation:
Auch in dieser Beurteilung wird mit Ausrufezeichen hervorgehoben, dass die Gespräche ohne unangenehme Gefühle, die in einer aufdeckenden Therapie zu erwarten sind, verlaufen sind. Dabei scheint es sich nicht um eine Psychotherapie, sondern um Beratungsgespräche gehandelt zu haben, in denen „Wege aufgezeigt“ wurden und nicht innere Konflikte bearbeitet worden sind. Idealisierend wird geäußert, dass die Probleme beseitigt („aufgearbeitet“) wurden.
d. „Top in jeder Hinsicht. Vor allem wirksam, umsichtig und sehr professionell. Mein großer Dank an Frau Dr. med. R. T. und ihr Praxisteam! Ich bin knapp 50 Jahre und muss sagen: Frau Dr. T. zählt definitiv zu den besten Ärzt*innen, die ich jemals hatte. Die Praxis ist sehr professionell organisiert und strahlt ein warmes Ambiente aus, es ist sehr geschmackvoll eingerichtet, sodass man sich wohl fühlt. Ich hatte das große Glück, dass ich von der vielseitigen Expertise von Frau Dr. T. profitieren durfte: sowohl als Psychiaterin, als Psychotherapeutin und als Neurologin. Der Patient als Ganzes steht im Vordergrund. Das Fachwissen und Methodenwissen sowie vielseitige Therapiearten der Praxis ermöglichten eine Behandlung und Heilung meiner Beschwerden, die ich so nicht für möglich gehalten hätte. Meine Behandlungen umfassten u.a. auch Akupunktur und Biofeedback, wodurch sich auch Herz- und Lungenbeschwerden spürbar verbesserten. Frau Dr. T. ist sehr emphatisch, hoch engagiert und eine leidenschaftliche Ärztin. Sie hat es sehr gut verstanden, mich jederzeit -unabhängig von meiner Verfassung- optimal „abzuholen“, zu stärken und mir Kompetenzen vermittelt, die mich nun befähigen, mein Leben und mein Wohlbefinden auf einem ganz neuen Niveau zu meistern und selbst gegenzusteuern, falls sich belastende Dinge ereignen. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance hatte, so intensiv und ausführlich von Frau Dr. T. behandelt zu werden. Selbst psychische Beeinträchtigungen, die mich jahrzehntelang begleitet haben, konnte ich mit ihrer Überstützung überwinden und hinter mir lassen. Noch vor einem halben Jahr hätte ich das nicht für möglich gehalten.
Kommentar von Dr. T. am 09.12.2021
Vielen, vielen Dank ???? für dieses großartige Lobespaket. Das freut mich außerordentlich, auch mein Team ist begeistert! Wie wunderbar, wenn wir mit unseren Patienten – auch und vielleicht gerade in diesen schweren Zeiten – solche Ziele erreichen. Danke, dass Sie sich die Zeit für diese ausführliche Bewertung genommen haben!
Interpretation:
Hier fällt zunächst die ungewöhnliche Länge des Textes auf. Wird dadurch zunächst der Eindruck erweckt, dass es sich um einen komplexen Therapieprozess eines stark chronifizierten Krankheitsbildes gehandelt hat, wird am Ende knapp festgestellt, dass es eine Kurzzeitherapie war, die mit technischen Hilfsmitteln durchgeführt wurde, die bei der beurteilenden Person offensichtlich großen Eindruck hinterlassen hat. Hier zeichnet sich das Bild einer als omnipotent erlebten Behandlerin ab, der „jahrzehntelang“ bestehende psychosomatische Beschwerden vollständig zum Abklingen bringen kann. Die bei solch chronifizierten Störungsbilder zu erwartenden Wiederholungszwänge und Widerstände scheinen umgangen worden zu sein, da sie nicht erwähnt werden. Die Überhöhung der Therapeut:in hat vermutlich die Funktion der Selbstaufwertung der:des Bewertenden.
Im Kommentar der Behandlerin wird der Narzissmus der behandelten Person noch verstärkt („wie wunderbar“, „Lobespaket“) und erfüllt vermutlich den Zweck, die Angst vor einer negativen Bewertung abzuspalten und ins Gegenteil zu verkehren.
5.1 Beispiele für entwertende Bewertungen
„Herablassend, unverschämt, ich war nach diesem Gespräch so fertig das ich mir das Leben nehmen wollte, aber ich bin aus dem Loch ALLEINE wieder rausgekommen und diese Frau hat rein garnichts dazu beigetragen ganz im Gegenteil, nur wegen ihr war ich überhaupt so tief unten. Ich werde immer noch wütend wenn ich an ihre Worte denke. Ich bin so ein starker Mensch aber man muss wohl selber auch ein starker Mensch sein um es zu sehen. Sie hat es auf jedenfall nicht getan. Nicht weiterzuempfehlen!!!!! Tut euch selbst einen Gefallen und sucht euch einen Therapeuten mit Herz!“
Interpretation:
Die bewertende Person scheint sich in ihrer Omnipotenz („ein starker Mensch“) gekränkt zu fühlen und nimmt ein Erstgespräch zum Anlass, die Behandlerin völlig zu entwerten. Die unbewussten Wünsche nach einer idealisierend überhöhten Therapeutin kommt darin zum Ausdruck, dass ihr die Macht zugesprochen wird, die behandelte Person durch ein einziges Gespräch fast in den Suizid gebracht zu haben. Die eigene neurotische Erfahrung wird verabsolutierend als Rat an andere, die sich an die Behandlerin wenden könnten ausgesprochen. Die Fähigkeit einer angemessenen Realitätsprüfung scheint so stark eingeschränkt zu sein, dass der:die Beurteilende die Möglichkeit, es könne andere Sichtweisen als die eigene geben, erst gar nicht erst in Erwägung ziehen kann.
b. Super unfreundlich! Frau Dr. T. ist eine maßlos unfreundliche Person, die einem patzige Kommentare um die Ohren haut! Ich frage mich, wie jemand mit so wenig Empathie, in diesem Job landen konnte. Sie hat zwar Ahnung, von dem was sie tut, aber die Art und Weise, wie sie es vermittelt, lässt zu wünschen übrig. Ich war jedes Mal total verstört, wenn ich die Praxis verlassen hab. Kann diese Ärztin absolut nicht empfehlen Der Termin meiner Mutter in der vergangenen Woche war alles andere als angenehm.
Interpretation:
Hier wird die Bewertung mit einem Superlativ eingeleitet, der auch durch den Respekt vor der fachlichen Kompetenz der Behandlerin nicht abgemildert wird. Vermuten lässt sich, dass die als „patzig“ erlebten Kommentare der Behandlerin konfrontative Interventionen waren, die nicht den Erwartungen der behandelten Person entsprachen. Ob und aus welchem Grund die geschilderte „Verstörung“ von der „fachlich“ kompetenten Behandlerin nicht bemerkt wurde bleibt ebenso unklar, wie die Ursache der Verstörung der:des Bewertenden. Insgesamt entsteht der Eindruck einer nicht verarbeiteten und nicht besprochenen Kränkungsreaktion, die zum Abbruch der Gespräche geführt hat.
c. Dr. A. zog es vor meiner Mutter Vorwürfe und Gemeinheiten an den Kopf zu werfen, anstatt sich vernünftig mit Ihren Sorgen und Problemen auseinander zu setzen. Kommentare wie: „Sie lassen Andere für sich arbeiten“ oder „Ihre Tochter ist mit Sicherheit froh, wenn Sie Ihr Studium beendet hat und endlich ausziehen kann“ sind nur zwei Beispiele die ich hier nennen möchte. Wie kann man als Arzt so sein??? Alle Diagnosen anderer Ärzte scheinen nicht seiner Meinung zu entsprechen und wirklich äußern durfte sich meine Mutter auch nicht. Jeder hat mal einen schlechten Tag, aber so etwas muss nun wirklich nicht sein. Eine Entschuldigung ist mehr als angebracht.
Interpretation:
Die Tochter scheint sich hier stellvertretend für ihre Mutter zu äußern, deren Darstellung sie vermutlich in Identifikation mit ihr unkritisch übernommen hat. Die Kritik wird plakativ vorgetragen und inhaltlich nicht ausgeführt. Mit den Ausdrücken „Vorwürfe“ und „Gemeinheiten“ scheinen Interventionen des Behandlers gemeint zu sein, die als Kritik empfunden wurden und Kränkungsreaktionen ausgelöst haben, ohne dass es zu einer Klärung gekommen ist.
5.2 Beispiele für sachliche Bewertungen
Ich war sehr zufrieden mit der Therapie. Die Parkplatzsituation könnte besser sein.
Interpretation:
In dieser Bewertung stehen zwei knappe Kommentare unterschiedlicher Art nebeneinander. Die pauschale Feststellung der Zufriedenheit lässt eine Reflexion eines möglichen Behandlungserfolgs vermissen. Der sachliche Hinweis auf die Parkplatzsituation hebt eine organisatorische Nebensächlichkeit als der Qualität der Therapie gleichwertig hervor. Darin wird eine latente Entwertung der Therapie, bzw. der therapeutischen Fachkraft zum Ausdruck gebracht.
b. Nicht zu erreichen. Beim Anruf geht während den kurzen zu erreichenden Zeiten nur der Anrufbeantworter ran und eine Email adresse kann ich nicht finden
Interpretation:
In dieser Bewertung bleibt unklar, ob es überhaupt eine persönliche Begegnung zwischen Behandler:in und bewertender Person gegeben hat. Es stellt sich die Frage, ob die:der Bewertende eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hat der wiederum unbeantwortet geblieben ist. Möglicherweise will die:der Bewertende auf diese Weise Ärger darüber ausdrücken, dass die Bemühungen um eine Kontaktaufnahme vergeblich geblieben sind, bzw. dass die Person sich überhaupt der Mühe unterziehen musste, wiederholt und vergeblich anrufen zu müssen.
c. Gute und zentralgelegene Praxis in Hannover. Die Terminfindung im letzten Sommer ging unkompliziert über die Bühne. Frau W. ging in den Sitzungen sehr einfühlsam auf meine Probleme ein. Die Harmonie/das Vertrauen stimmte, was in diesem Bereich doch sehr wichtig ist. Man erzählt ja doch mehr, als man anderen Menschen so erzählt. Ich habe mich trotzdem immer gut aufgehoben gefühlt. Deshalb 5 Sterne von mir.
Interpretation:
In dieser Bewertung werden unter anderem äußerliche Aspekte erwähnt, die den Zugang zur Therapie betreffen. Der wesentliche Aspekt ist, dass der räumliche und zeitliche Zugang zur Therapie mühelos war. Auch der Hinweis auf die Harmonie in der therapeutischen Beziehung scheint den Zweck zu erfüllen, hervorzuheben, dass es keine Schwierigkeiten bzw. Widerstände gab, die die Therapie anstrengend gemacht hatten.
6 Therapeutische Interventionen
Wird die Intimität und damit die Vertraulichkeit der therapeutischen Beziehung aufgehoben, indem sie quasi coram publico von Patient:innen fortgeführt wird, kann dies für Psychotherapeut:innen zum Anlass werden, zu prüfen, ob und mit welchem Selbstverständnis sie darauf reagieren wollen. Die Analyse ausgewählter Bewertungen zeigt, dass Ärzt:innen selten auf kritische Bewertungen oder auf positive Bewertungen eingehen und auf diese Weise in Beziehung zu Patient:innen treten. Psychotherapeut:innen, die als Spezialist:innen für Beziehungen gelten, scheinen hingegen die erhaltenen Bewertungen zu ignorieren. Zwar lässt sich ihr Schweigen auch als Ausdruck eines Selbstverständnisses verstehen, den therapeutischen Raum zu schützen. Eine Antwort auf die erhaltene Bewertung bietet jedoch die Möglichkeit, den von einer:m Patient:in im Fall einer negativen Bewertung abgebrochenen Kontakt bzw. im Fall einer positiven Bewertung die in unrealistischer Weise idealisierende Beziehung im Sinne eines Containing des Unerträglichen und Abgespaltenen als Angebot zu halten. Würden die Analytiker:innen auf die Bewertungen antworten, könnten sie nicht nur das Selbstverständnis der Psychoanalyse in ihrem Bemühen um Aufhellung von Konflikthaftigkeit und Widersprüchlichkeit vermitteln, sondern auch zeigen, dass sie nicht beschädigt werden können und autonom auf Kritik reagieren.
Aus einer anderen Perspektive vertrat Freud bekanntlich die Auffassung, von Psychoanalytiker:innen sei zu fordern, dass sie „in gewissen analytischen Situationen als Vorbild“ wirken sollen (Freud 1937c, S. 94), aber auch öffentlich vertreten sollen, was sie in der Behandlungstechnik tun (Jones 1957, zit. N. Cremerius 1987). Die Antwort auf die erhaltene Bewertung könnte daher auch eine Möglichkeit sein, Freuds Empfehlung vorzuleben.
Wie könnte nun eine kreative und originelle Antwort im Sinne einer direkten Begegnung, einer Bezogenheit aus der Mitte aussehen? Hierzu einige eigene Interventionsvorschläge auf ausgewählte Bewertungen.
6.1 Beispiel für idealisierende Bewertungen
Ich war zwei mal über mehrere Monate bei Frau S. wegen einer Angststörung in Behandlung und habe mich sehr gut aufgehoben gefühlt bei ihr. Durch die gezielten Fragen in der Therapie habe ich neue Denkanstöße bekommen und einiges über das Zusammenspiel von Gedanken und Körperreaktionen gelernt. Ich empfehle Frau S. gerne weiter.
Imaginierte Intervention:
Gerade Angststörungen benötigen mitunter mehrere Anläufe, bis Veränderungen in Bewegung kommen und gerade in der Anfangsphase kann ein strukturiertes Vorgehen wie in diesem Fall Sicherheit bieten, um sich auch auf ungewohnte, neue Situationen einlassen zu können, die dann später nach erfolgreicher Ablösung von der psychotherapeutischen Fachkraft auch allein aus eigener Motivation bewältigt werden.
b. Frau F. ist mir seit der Therapie in sehr guter Erinnerung geblieben. Sehr einfühlsam und sehr freundlich. Kann sie nur weiterempfehlen ♥️
Imaginierte Intervention:
Gute Erinnerungen können in schwierigen Seiten ein tragendes Element sein. Sie können aber auch darüber hinwegtäuschen, dass im Laufe eines Therapieprozesses mitunter schwierige Zeiten erlebt werden, deren Bedeutung erst später ins Bewusstsein tritt.
6.2 Beispiele für entwertende Bewertungen
c. Ungemütlicher Therapie Raum. Habe mich nicht wohlgefühlt😐
imaginierte Intervention:
Eine neutrale Umgebung kann den Blick nach innen unterstützen und so für die oft schmerzvolle Begegnung mit inneren Konflikten förderlich sein.
d. Schließe mich den anderen Reviews an, er ist herablassend und nicht auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft (autismus). Er versuchte nicht einmal sich in das Problem hineinzuversetzen und war unfreundlich und unprofessionell. Der Termin hat nachhaltig die psychische Situation verschlechtert.
Imaginierte Intervention:
Hier hat es offensichtlich eine Enttäuschung gegeben, die noch nachhaltig wirkt. Wie groß die Enttäuschung offensichtlich war, ist an der Bemerkung festzustellen, dass ein einziges Gespräch die psychische Situation nachhaltig verschlechtert habe. Die Enttäuschung auszusprechen, könnte eine Nachhaltigkeit verhindern. Sollte es für eine persönliche Begegnung noch zu früh sein, so bieten schriftliche Wege möglicherweise einen angemessenen Ersatz.
E… mir wurde gesagt, er könne mir nicht helfen dabei kann ein Therapeut eigentlich immer helfen Sehr negativer Eindruck! Nicht zu empfohlen!
Imaginierte Intervention:
Hier waren die Hoffnungen und Erwartungen offensichtlich größer, als sie von der Wirklichkeit erfüllt werden konnten. Unbegrenzte Erwartungen an die therapeutische Beziehung können leider nicht erfüllt werden, denn es begegnen sich zwei Menschen, die Veränderungen nur gemeinsam bewältigen können und in ihren tatsächlichen Möglichkeiten immer auch begrenzt sind. Eine realistische Einschätzung der Möglichkeiten ist tatsächlich eine schwierige Aufgabe.
7 Resümee
Soziale Medien bieten die Möglichkeit, die eigene Seele zur Schau zu stellen. Die öffentliche Präsentation der eigenen Befindlichkeit kann daher zu einem identitätsstiftenden Lebensgefühl beitragen. Äußern sich Patient:innen scheinbar unbefangen über Therapeut:innen und bringen damit zum Ausdruck, dass sie diese nicht mehr als „Halbgötter in Weiß“ akzeptieren, so lässt sich dies nur eingeschränkt als Ausdruck von Autonomie von der Autorität der Therapeut:innen verstehen. Sowohl kritische als auch positive Bewertungen werfen Fragen nach der Natur der Beziehung, auf die sie gerichtet sind, und der mit ihnen verbundenen unbewussten Phantasien auf. Dokumentiert wird in den öffentlichen Bewertungen vermutlich auch ein frühes Scheitern einer Übereinkunft bezüglich des Therapiezieles. Dies ist möglich, wenn die Begegnung von Patient:in und Psychotherapeut:in von Übertragungen und unreflektierten Gegenübertragungen verzerrt waren. Deutet eine negative Bewertung nach wenigen Gesprächen daraufhin, dass Patient:innen nicht mit einem Vertrauensvorschuss, sondern mit einer Abwehrhaltung, bzw. Widerstand in die Beziehung gegangen sind, die von Analytiker:innen im Fall einer projektiven Verzerrung nicht erkannt wurde, so spiegeln sich in idealisierenden positiven Bewertungen narzisstische Wünsche nach Selbsterhöhung im Zusammenhang mit der phantasierten Resonanz der Öffentlichkeit wider. Wurden eigene aggressive, schambesetzte oder tabuisierte Affekte in der bewertenden Person abgespalten und später in der öffentlichen Bewertung zum Ausdruck gebracht, so erfüllt dies nicht nur die Funktion, „alle Brücken abzubrechen“, denn paradoxerweise geschieht das Gegenteil, die Beziehung wird im Internet quasi „verewigt“. Dies kann als Ausdruck eines unbewussten Wunsches verstanden werden, denn sie wirken noch in die nun nur noch imaginierte therapeutische Beziehung hinein, ohne dass diese Wirkung einer Reflexion und Aussprache zugänglich ist. Dabei lassen sich idealisierende Bewertungen als Ausdruck des Wunsches nach Fortsetzung der Beziehung verstehen, während entwertende Bewertungen die Funktion haben, den enttäuschten Wunsch nach Anerkennung und Zuwendung zu verleugnen.
Die Bewertungen ehemaliger Patient:innen können Anlass zur Reflexion des Therapieprozesses, der Übertragungen und Gegenübertragungen, aber auch zur Reflexion der im eigenen Charakter der Analytiker:innen angelegten gesellschaftlichen und kulturellen Werte und Normen sein. Öffentliche Bewertungen können somit Analytiker:innen die Möglichkeit bieten, Rechenschaft abzulegen über das theoretische Fundament ihres Handelns und dem ihnen in der therapeutische Beziehung eingeräumten Machtspielraum. Damit begeben sie sich fast zwangsläufig in eine kritische Auseinandersetzung mit den von gesellschaftlichen Einflüssen geprägten Gegenübertragungsreaktionen, für die eine Haltung charakteristisch ist, die von Fromm als „gentlemen’s agreement zwischen Patient und Analytiker“ bezeichnet wird. Er bringt damit zum Ausdruck, dass keine der beiden Seiten wirklich durch ein fundamental neues Erlebnis aufgerüttelt werden möchte. „Sie sind mit kleinen ‚Besserungen‘ zufrieden und unbewusst einander dafür dankbar, dass die unbewusste ‚Kollusion‘, um R.D. Laings Bezeichnung zu gebrauchen, nicht ans Tageslicht gebracht wird.“ (Fromm 1970c, S. 49) Lässt sich diese Gegegnübertragungsreaktion erfolgreich analysieren und überwinden, sollten Analytiker:innen zu den erhaltenen Bewertungen Stellung beziehen, denn wer auf die Nachrichten in den sozialen Netzen schweigt („Silencing“) trägt dazu bei, dass das Gift des Anprangerns wirkt.
Die in digitalen Netzwerken verfügbaren Informationen über Psychotherapeut:innen geben schließlich auch Anlass, die bisherigen Konzepte zu Abstinenz, Neutralität und Anonymität in Aus-, Fort- und Weiterbildungen zu überdenken.
8 Literatur
Beck, U. (1986): Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne; Frankfurt a.M.
Fromm,E. (1955a): Wege aus einer kranken Gesellschaft; GA Bd. IV
Fromm, E., Maccoby, M. (1970c): Psychoanalytische Charakterologie in Theorie und Praxis. Der Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes. GA Bd. III
Frankenberger, R. (2007): Die postmoderne Gesellschaft und ihr Charakter; in: Frankenberger,R., Frech, S., Grimm, D. (Hg.): Politische Psychologie und politische Bildung, Schwalbach/Ts.
Gruen, A. (2003): Verratene Liebe – Falsche Götter. Stuttgart
Gruen, A. (2011): Der Verlust des Mitgefühls, München
Negt, O. (2010): Subjektivität in der Erosionskrise; in: Demirović,A./Kaindl,C./Krovoza,A. (Hrsg.) Das Subjekt –zwischen Krise und Emanzipation; Münster
Verfasst von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Dipl.-Supervisor
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