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„Give Peace a Chance“

Eine Auseinandersetzung mit „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ (S. Freud)

Dr. Hans-Adolf Hildebrandt

veröffentlicht am 21.01.2026


https://doi.org/10.60049/vwwt6itj

Angesichts einer Welt, die zunehmend von Krieg, Hass und Regression geprägt ist, fragt dieser Text nach den psychischen Wurzeln menschlicher Destruktivität. Ausgehend von Freuds pessimistischem Menschenbild werden alternative psychoanalytische Perspektiven von Fromm, Winnicott, Gruen und Wurmser entfaltet, die Destruktivität nicht als schicksalhaften Trieb, sondern als Folge von Selbstentfremdung und Spaltung begreifen. Daraus ergeben sich weitreichende therapeutische Konsequenzen – und die vorsichtige Hoffnung, dass menschliche Aggression verstehbar und veränderbar ist.

Inhalt

  1. 1 Freuds Zweifel an der Kultureignung des Menschen
  2. 2 Mitscherlichs Hoffnung
  3. 3 Ein unzulänglicher Erklärungsversuch
  4. 4 Vergessene Ansichten zur menschlichen Destruktivität
  5. 5 Antisoziales Verhalten und Zerstörungswut
  6. 6 Pathologie der Normalität
  7. 7 Biophilie und Nekrophilie
  8. 8 Negative therapeutische Reaktion
  9. 9 Konsequenzen für die Behandlung?
  10. 10 Literatur

Zusammenfassung

„In dieser Welt gibt es nicht so viel Menschlichkeit, wie man sich wünschen würde, aber es gibt genug.“ (James Baldwin)

Die Anzeichen dafür, dass die menschliche Gemeinschaft sich auf dem Weg zurück in Zeiten vor der Aufklärung befindet, nehmen zu. Dies sollte uns motivieren, über die Ursachen menschlicher Irrationalität und Destruktivität und die Antworten der Psychoanalyse nachzudenken. Während aus Freuds Sicht die ursprüngliche Natur des Menschen gebändigt werden muss und jederzeit durchzubrechen droht, rücken die Erklärungsmodelle von E. Fromm, L. Wurmser, A. Gruen und D. W. Winnicott einen Spaltungsprozess in den Mittelpunkt. Lösen wir uns von Freuds Ansicht, dass es „keine Ausrottung des Bösen“ gibt, und übernehmen die These, dass die durch die sozi-ökonomischen Verhältnisse bedingte Selbstentfremdung zu einer Spaltung des Selbst führt, dann ergeben sich daraus therapeutische Konsequenzen.

1 Freuds Zweifel an der Kultureignung des Menschen

Vor über fünfzig Jahren (1969) sorgte ein Song von John Lennon, dem ehemaligen Mitglied der Band The Beatles, weltweit für Furore. Er trug den Titel „Give Peace a Chance“. Mit ihm identifizierten sich junge Menschen in der Erwartung, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, des Koreakriegs, des Vietnamkriegs und des Sechstagekriegs in Zukunft mitzubestimmen für eine friedliche Welt. Schien sich die Hoffnung zunächst zu erfüllen, ist die Weltlage heute weitaus bedrohlicher geworden. Die Nachrichten werden täglich von Kriegen und Krisen bestimmt, der Tod in vermeintlich kultivierter Form als Krimi im Fernsehen gehört zum Alltag. Das ist für mich Anlass, Freuds Schrift „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ (S. Freud 1915), im März 1915 und damit rund acht Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs[1] verfasst, neu zu lesen und kritisch zu überdenken.

„Von dem Wirbel dieser Kriegszeit gepackt“ (S. Freud (2022), S. 7), angesichts der furchtbaren Destruktivität des Ersten Weltkrieges suchte Freud eine Erklärung dafür, dass die für einzelne aufgestellten hohen sittlichen Normen, „nach denen er [der Mensch, Hi] seine Lebensführung einzurichten hatte, wenn er an der Kulturgemeinschaft teilnehmen wollte,“ (S. Freud (2022), S. 9) versagt hatten. Das kaum begreiflichen Phänomen, „dass die Kulturvölker einander so wenig kennen und verstehen, dass sich das eine mit Hass und Abscheu gegen das andere wenden kann“ (S. Freud (2022), S. 12), versuchte er zunächst mit der Überlegung zu verstehen, dass der Staat zwar Gehorsam von seinen Bürger:innen verlangt, sie jedoch zugleich entmündigt und manipuliert, sodass sie das staatliche Machtstreben als Patriotismus befürworten, ihre eigenständige kritische Urteilsfähigkeit dabei verlieren, um schließlich ratlos der Zerstörung gegenüberzustehen. Freud verwarf jedoch diese Möglichkeit und kam zu der Auffassung, dass es eine Illusion sei, anzunehmen, der Mensch sei „von Geburt und von Anfang an gut und edel,“ (S. Freud (2022), S. 15) denn die Neigung zum Bösen lasse sich nicht durch Erziehung und Kulturgemeinschaft ersetzen. Daher stellte er fest: „In Wirklichkeit gibt es keine Ausrottung des Bösen.“ (S. Freud (2022), S. 15) Er begründete das mit angeborenen, in Gegensatzpaaren auftretenden Triebregungen. Destruktive Triebregungen können zwar durch libidinöse in soziale umgewandelt und durch Erziehung und kulturelle Umgebung als Verzicht auf Triebbefriedigung neutralisiert werden. Freud kam jedoch zu der Feststellung, dass es keine Entwicklung gibt und dieses Triebschicksal nicht überwunden werden kann, d.h., „… die primitiven Zustände können immer wieder hergestellt werden; das primitive Seelische ist im vollsten Sinne unvergänglich.“(S. Freud (2022), S. 22)

2 Mitscherlichs Hoffnung

Fünfzig Jahre später sah sich A. Mitscherlich mit weltweiten Bedrohungen in noch größerem Ausmaße konfrontiert:

„Radioaktive Staubwolken, von Menschen hervorgerufen, überqueren die Kontinente; Kriege und Bürgerkriege flammen über die Erde verstreut auf und schwelen fort; Millionen Menschen leben in Hunger und ohne Recht; in Folterkammern werden aus einer nie versiegenden Phantasie neue Techniken des Quälens und Erniedrigens bereitgehalten. Das alles sind Demonstrationen von Herrschaftsformen, die menschliche Kultur repräsentieren und zugleich ihre Folgen. Um die ‚richtige‘ Form menschlichen Zusammenlebens ist ein Machtkampf universalen Ausmaßes entbrannt. Er bedroht die Menschheit mit Vernichtung.“ (A. Mitscherlich (1964), S. 57)

Mitscherlich greift Freuds Zweifel an der Kultureignung des Menschen auf und führt seine Überlegungen dazu aus. (A. Mitscherlich (1964)) Zunächst erinnert er daran, dass der Mensch schon immer imstande war, „rücksichtslos, einsichtslos, gewissenlos das zu zerstören, was er mit Rücksicht, Einsicht und Verantwortung errichtet hat,“ (A. Mitscherlich (1964), S. 57) und erinnert somit daran, dass die Neigung, destruktive Triebimpulse und Phantasien auszuleben, kein Phänomen der Neuzeit ist. Die Zerstörungskraft der gewachsenen technischen Fähigkeiten habe das Bedrohungspotential erheblich vergrößert. Mitscherlich zieht verschiedene Möglichkeiten in Betracht, mit denen sich eine aggressive Entladung verhindern und Triebbeherrschung erreichen lassen könnte. Aus seinen tiefgehenden und ausführlichen Überlegungen seien die mir wesentlich erscheinenden erwähnt. Triebbeherrschung durch Einsicht versteht er als „potentielle Fähigkeit“ und nicht als „ausreifende Anlage,“ deren Wirksamkeit dadurch eingeschränkt wird, dass die destruktiven Tendenzen „sich die rationalen Kräfte des Ichs dienstbar (…) machen.“ (A. Mitscherlich (1964), S. 59) Die für die Kultureignung erforderliche Lernfähigkeit, so Mitscherlich, sei durch den ständigen Triebüberschuss begrenzt. Dies führt er darauf zurück, dass im Gegensatz zu den arteigentümlichen Verhaltensschemata der Tiere die Triebäußerungen des Menschen nicht durch angeborene, vererbte Triebrituale bestimmt werden, sondern kulturell zugewiesenen tradierten Objekten der Außenwelt folgen. Daher lasse sich die Neigung zu Grausamkeit und Rohheit weder durch normative Grenzen der Gesellschaft noch durch einen Lernprozess der Einübung des Affektausdrucks in die gesellschaftlichen Anforderungen einüben. Dies bedeute eine affektiv leicht störbare Trieblenkung oder Triebveredelung. Der Mensch als Gesellschaftswesen befinde sich im Konflikt, sich an die herrschende Gruppenmoral anzupassen, um zu überleben, und der Fähigkeit, durch den Einsatz eines kritischen Ichs und des Gewissens die Fähigkeit zu entwickeln, „in erregenden, verwirrenden Lebenslagen, im Zusammenbruch der äußeren Gewalten und der Vorurteilssysteme, die unser Gewissen lenken, den Verstand und das mitmenschliche Gefühl zu bewahren.“ (A. Mitscherlich (1964), S. 65) Freud zustimmend, „… die primitiven Zustände können immer wieder hergestellt werden, das primitive Seelische ist im vollsten Sinne unvergänglich“(A. Mitscherlich (1964), S. 67), resümiert er mit der Feststellung, „dass eine offensichtlich kaum eindämmbare Aggressionsneigung die Menschheit beherrscht …“ (A. Mitscherlich (1964), S. 71). Ernüchternd sind schließlich seine Überlegungen, wie es den „industriell-technisierten Kulturen der Menschheit“ gelingen kann, ihre endgültige Vernichtung zu verhindern:

„… wir müssen uns um das Schicksal kümmern, das wir durch die Art unserer gesellschaftlichen Forderungen unserer Triebnatur bereiten – von Beginn unseres Lebens an. Noch so edel gemeinte sittliche Forderungen können das Problem nur verdecken, solange wir nicht die Dynamik verstehen, die solche Sittlichkeit zu durchkreuzen vermag.“ (A. Mitscherlich (1964), S. 72 f.)

Sowohl Freud als auch Mitscherlich lassen in ihren Ausführungen eine Ambivalenz erkennen, die sich in halbherzig optimistisch wirkenden Überlegungen zeigt. Freud: „Je mehr die Individuen sich also untereinander und miteinander identifizieren können, indem sie bedeutsame Gemeinsamkeiten entdecken und diese kultivieren, desto geringer ist die Gefahr aggressiv ausgetragener Konflikte.“ (S. Freud (2022), S. 97) Mitscherlich: „… dass die Erziehung, welche die Menschen sich angedeihen lassen, in Zukunft ihr Schwergewicht bei der Schulung haben muss, ‚Warum‘-Fragen nach Einsicht und nicht nach Ansicht zu beantworten.“ (A. Mitscherlich (1964), S. 73) Ich meine, dass beide versuchen, auf diese Weise dem als unentrinnbar scheinenden Triebschicksal noch eine Hoffnung entgegenzusetzen.

Weitere sechzig Jahre später, in unserer Zeit, ist die Analyse Mitscherlichs zur Bedrohungslage unverändert aktuell. Müssen wir uns also mit Freuds und Mitscherlichs Feststellung abfinden, dass dem Menschen ein Trieb zum Vernichten und Hassen innewohnt, müssen wir tatsächlich die utopische Hoffnung aufgeben, das destruktive Triebleben ließe sich durch Vernunft oder Erziehung wenigstens vorübergehend unterwerfen? Müssen wir hinnehmen, dass ein dünner Firnis der Zivilisation unser einziger Schutz ist? Bevor ich versuchen will, eine Antwort zu finden, soll Mitscherlichs Warnung vor der „schöngeistige(n) Verleugnung“ des Vernichtungstriebes als „Kennzeichen der unbewältigten Aggressionslust“ (A. Mitscherlich (1964), S. 71) nicht unerwähnt bleiben. So weist er uns daraufhin, dass wir uns schnell in einem Dilemma befinden zwischen einem Erlösungsglauben und einem fatalistischen Kulturpessimismus, wenn wir uns dem Thema der wahren Natur des Menschen zuwenden.

 

3 Ein unzulänglicher Erklärungsversuch

Dem Vorwurf einer kurzsichtigen Neubetrachtung von Freuds „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ muss sich H.-J. Wirth stellen. (H.-J. Wirth (2025)) Mit der Intention, Freuds triebtheoretisches Konzept zu widerlegen, kritisiert er, dass dieser ein „spekulatives Bild des Urmenschen“ entwerfe. Wirth bemüht für seine pauschal und plakativ wirkende Kritik („spekulative Theorie über die Psyche und die psychosozialen Beziehungen des Urmenschen“) und Argumentation gegen Freuds vermeintlich pessimistisches Menschenbild die Ergebnisse der modernen Säuglings- und Bindungsforschung – allerdings ohne weitere Ausführung – in der Absicht, der Triebtheorie der klassischen Psychoanalyse ein „Bild des Menschen als eines primär sozial orientierten Wesens …“ entgegenzustellen. Dabei übersieht er meiner Meinung nach unter anderem, dass diese Forschungsergebnisse aus jüngerer Zeit und aus einem eingegrenzten Kulturkreis stammen. Ich bezweifele, dass junge Menschen in früheren Zeiten, die unter den von Philippe Ariés (Geschichte der Kindheit) beschriebenen destruktiven Methoden der Kindererziehung und den noch grausameren der Nazi-Zeit (Johanna Haarer: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind) aufwachsen mussten, sich zu einem „primär sozial orientierten Wesen“ entwickeln konnten.

Wirth greift zur Erklärung der Destruktivität auf die Narzissmustheorie der Psychoanalyse zurück, die seiner Auffassung nach „eine herausragende Bedeutung für die psychoanalytische Theorieentwicklung im Allgemeinen und für das Thema Krieg und Tod im Besonderen“ hat. Er arbeitet diese Bedeutung jedoch nicht heraus, sondern konstatiert lediglich, es gebe einen pathologischen und einen „gesunden“ Narzissmus und es obliege der aus dem „gesunden“ Narzissmus resultierenden Willensfreiheit, zu einem angemessenen Umgang mit sich selbst, in einer bewussten Entscheidung zwischen dem Guten und dem Bösen, zu kommen, und propagiert damit zugleich eine Verharmlosung der tatsächlichen Wirkkräfte, zumal er eine Erklärung für die Destruktivität schuldig bleibt. Es kann vermutet werden, dass er selbst der Abwehr erliegt, das ganze Ausmaß an Destruktivität, zu der Menschen fähig sein können, nicht anerkennen zu wollen. Wirth setzt dem Gegensatz der libidinösen und destruktiven Triebregungen Freuds den Antagonismus eines pathologischen und gesunden Narzissmus entgegen und konstruiert damit den vermeintlich „Anti-pessimistischen Hoffnungsträger“ einer freien Willensentscheidung, um der Wiederkehr der destruktiven Kräfte zu entkommen. Doch gibt er damit zugleich den äußeren Faktor, nämlich die direkte Einwirkung des Kulturmilieus, auf, den Freud dem inneren Faktor der Beeinflussung der eigensüchtigen Triebe durch die erotischen Triebe zur Seite stellt. Seine Argumentation überzeugt mich nicht, ich sehe in ihr den Versuch, der vermeintlichen Unausweichlichkeit der menschlichen Destruktivität zu entkommen. Wir können seine Ausführungen somit als Beispiel für den Erlösungsglauben verstehen.

4 Vergessene Ansichten zur menschlichen Destruktivität

Freuds Enttäuschung über die Verblendung der Menschen angesichts der Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs und sein Pessimismus angesichts der Feststellung, dass sich diese Destruktivität durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch zieht, weisen auf eine Wesenseigenschaft des Menschen hin, über deren Natur es entgegen der Auffassung von Freud unterschiedliche Ansichten gibt. Freuds Feststellung, „alles was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg“, stimme ich zu. Hier ist allerdings zu bedenken, ob dies im Sinne eines „dünnen Firnis“, der destruktive Impulse lediglich verdeckt, zu verstehen ist. Gehen wir historisch weit zurück, dann stoßen wir hierzu im Talmud auf ein überraschend positives Menschenbild.

Leon Wurmser zitiert aus dem Talmud: „Rava sagte: Wenn die guten Menschen (die Gerechten, tzaddique) es wollten, könnten sie die Welt erschaffen“. (L. Wurmser/H. Gideon (1999), S. 92). Er fügt hinzu: „Die Schöpfung eines Golems (im Sinne eines dummen, dumpfen, taktlosen Menschen, Anm. Hi.) bestätigt also in gewisser Weise die produktive und schaffende Kraft des Menschen. Sie wiederholt, wenn auch in kleinstem Maßstab, das Schöpfungswerk …“, (L. Wurmser/H. Gideon (1999), S. 93) Hier wird dem Menschen also eine ursprüngliche, „konzentrierte schöpferische Energie“ zugeschrieben, eine Urkraft, die in den Golem ausstrahlt. Der Golem im Talmud ist ein künstliches Geschöpf, das der Herrschaft des ihn Erschaffenden entrinnt und verheerendes Unheil stiftet, eine Form der Dehumanisierung also. Im Golem-Mythos ist der Selbsterhaltungstrieb (Libido) also primär und der Drang, zu zerstören, (Destrudo) sekundär.

Wurmser folgt diesem Gedanken und beschreibt ein Phänomen des „doubling“:

„eine Form der Identitätsspaltung, eine Form maligner Dissoziation, in das ‚mörderische Selbst‘ und das ‚normale Selbst‘ als zwei autonome, voneinander unabhängig funktionierende Strukturen. Im Kleinen wie im Großen ist die Verdopplung der Identität Ausdruck einer Doppelheit und Spaltung im Über-Ich, die Gegensätzlichkeit zwischen dem Gehorsam, der Loyalität gegenüber anerzogenen, konventionellen Idealen und einem Ideal, das jede Schwäche, mithin jede Scham verbietet, in der Tat zur Todsünde stempelt.“ (L. Wurmser./H.Gideon (1999), S. 20).

5 Antisoziales Verhalten und Zerstörungswut

Einen ähnlichen Gedanken finden wir bei Winnicott, der das wahre Selbst als „Naturzustand“ (Zwiebelmetapher) konzipiert, der immer wieder durch ein falsches Selbst überlagert, quasi unkenntlich gemacht wird. In Winnicotts Konzept tritt anstelle der triebtheoretischen Antagonisten die primitive und magische Zerstörung des Säuglings, mit der er lernt, „Ich“ von „Nicht-Ich“ zu unterscheiden. „Wenn man es so betrachtet, dann ist das Ausdrücken von Aggression ein Fortschritt.“ (D. W. Winnicott (1984), S. 131)

Ätiologisch leitet Winnicott die frühkindliche Aggressivität von der ursprünglichen, als lustvoll erlebten Motorik des Säuglings ab, die der Bewegung und Erkundung der Umwelt, aber auch des Ausdrucks von Wut, Hass und der Kontrolle von Hass dienen. „Auf diese Weise hat die Aggression immer mit der Errichtung einer klaren Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht-Selbst zu tun.“ (D. W. Winnicott (1984), S. 125) Winnicott fragt, „wie es kommt, dass ein Säugling unter Umständen schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt die Welt zerstört.“ (D. W. Winnicott (1984), S. 130) Er führt völlig sinnlose Destruktivität auf mangelnde mütterliche Fürsorge zurück, wodurch der Integrationsprozess der Persönlichkeit und der Erfahrung, die Welt außen nicht magisch kontrollieren zu können, erschwert oder verhindert wird. Versagen die Eltern darin, die Reifungsprozesse ihres Kindes zu fördern, misslingt der Wandel von subjektiven Phänomenen magischer Zerstörung in objektiv wahrgenommene, nicht magisch zu kontrollierende Welt, wird die infantile Destruktivität – die kindliche Zauberwelt, in der das Schließen der Augen die Welt vernichtet und beim Öffnen neu erschafft – nicht aufgelöst, so ist der Keim für späteres antisoziales Verhalten und Zerstörungswut gelegt.

Das wahre Selbst bezeichnet Winnicott als Kern der Persönlichkeit, der, eng mit der Vorstellung des Primärvorgangs verknüpft und bereits existiert, bevor der Säugling auf äußere Reize reagiert. Es entwickelt sich aus der Gesamtheit der sensomotorischen Lebendigkeit des Individuums und tritt in Erscheinung, sobald es eine psychische Organisation gibt. Rasch an Komplexität zunehmend tritt es mit der äußeren Realität in Beziehung.

„Durch die Stärke, die das schwache Ich des Säuglings dadurch bekommt, dass die Mutter die Omnipotenzäußerungen des Säuglings praktisch zur Wirkung bringt, beginnt ein wahres Selbst zum Leben zu erwachen. Die Mutter, die nicht gut genug ist, kann die Omnipotenz des Säuglings nicht praktisch zur Wirkung bringen, deshalb unterläßt sie es wiederholt, der Geste des Säuglings zu begegnen; stattdessen setzt sie ihre eigene Geste ein, die durch das Sich-Fügen des Säuglings sinnvoll gemacht werden soll. Diese Gefügigkeit auf Seiten des Säuglings ist das früheste Stadium des falschen Selbst und gehört zur Unfähigkeit der Mutter, die Bedürfnisses des Säuglings zu spüren.“ (D. W. Winnicott (1990), S. 189)

Ist die Anpassung der Mutter an die Halluzinationen und spontanen Impulse des Säuglings gut genug, ermöglicht dies, dass sich der Säugling mit dem mütterlichen Teil-Objekt verbindet und dies wiederum ist die Grundlage der Symbolbildung. Ist die Anpassung der Mutter mangelhaft, kommt der Prozess zur Entwicklung der Fähigkeit des Symbolgebrauchs nicht in Gang, der Säugling bleibt isoliert und „das klinische Bild zeigt allgemeine Reizbarkeit und (…) andere Funktionsstörungen.“ (D. W. Winnicott (1990), a.aO.)

Das falsche Selbst schiebt sich wie eine Hülle zwischen wahres Selbst und Umwelt und entwickelt Verhaltensmuster, die mit dem Fehlverhalten der Umwelt korrespondieren, wie Winnicott ausführt:

„Durch dieses falsche Selbst baut der Säugling ein falsches System von Beziehungen auf, und mit Hilfe von Introjektionen gelingt ihm sogar der Anschein, real zu sein, sodass das Kind aufwachsen und genau wie die Mutter (…) werden kann… (…) Sich-Fügen ist also das Hauptmerkmal, mit Nachahmung als spezieller Ausprägung.“ (D. W. Winnicott (1990), S. 191)

„Anstelle kultureller Aktivitäten beobachtet man bei solchen Menschen äußerste Ruhelosigkeit, Konzentrationsunfähigkeit und ein Bedürfnis, aus der äußeren Realität störende Einflüsse auf sich zu ziehen, so dass die Lebenszeit des Individuums mit Reaktionen auf diese Störungen ausgefüllt werden kann.“ (D. W. Winnicott (1990), S. 196)

Dieser Zustand bedeutet jedoch gleichzeitig, dass es von realer Erfahrung abgeschnitten ist. Deswegen verarmt das wahre Selbst. Das falsche Selbst wiederum ist nicht in der Lage, reale Erfahrungen zu machen. Weil das falsche Selbst die Verhaltensmuster der Umwelt nachahmt und abbildet, täuscht es eine trügerische Ich-Stärke und Integrität vor, die in Krisen rasch zusammenbricht (Khan, M. Masud R. (1977). Hierin können wir den Ursprung von antisozialen Tendenzen, etwa in Form von destruktiver Aggressivität sehen. Winnicott bezeichnet es als „leeren Popanz“ (D. W. Winnicott (1990), S. 188), wenn ein Individuum, bei dem sich ein falsches Selbst entwickelt hat, versucht, sein Problem intellektuell zu lösen. In diesem Zusammenhang spricht er davon, dass „solche Individuen sich auf die eine oder andere Weise zerstören“. (D. W. Winnicott (1990), S. 188)

6 Pathologie der Normalität

Während Winnicott seine Erkenntnisse durch die klinische Beobachtung von Säuglingen und Kleinkindern gewonnen hat, entwickelte Gruen seine Theorie der menschlichen Destruktivität durch die Analyse dessen, das wir Normalität zu nennen gewohnt sind, und gewinnt seine Erkenntnisse sowohl durch die Analyse seiner erwachsenen Patient:innen als auch durch Personen der Zeitgeschichte. Er grenzt dabei seine Ansicht sowohl gegenüber Freuds Triebtheorie als auch gegenüber Fromms nekrophiler Charakterorientierung ab.

Auch für Gruen ist der Druck, sich an die soziale Realität anzupassen, die Ursache für die Spaltung des Selbst und tritt an die Stelle des Ringens um Selbstverwirklichung. Um diese Spaltung aufrechtzuerhalten, entwickelt sich ein Hass auf alles, was die eigene Hilflosigkeit hervorrufen könnte. Dieser Hass und die Verachtung des eigenen Selbst fördern die Entwicklung einer kompensierenden Ideologie der Macht und des Herrschens. (A. Gruen (1994a u. 2001)) Wird dem Selbst versagt, sich auf der Grundlage eigener Reaktionen zu entwickeln und wird es stattdessen durch den Willen der Mutter geprägt, lernt es auch nicht, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen. Stattdessen lernt es, dass nichts aus Eigenem kommt und entwickelt Angst vor den eigenen Bedürfnissen, die als bedrohlich erlebt werden. Zugleich geht Empathiefähigkeit verloren.

Gruen stimmt mit Winnicott darin überein, dass der Ursprung der menschlichen Destruktivität in einem Mangel an mütterlicher Fürsorge begründet ist, der als solcher jedoch nicht erkannt wird. Er weist daraufhin, dass in unserer Kultur eine gesellschaftliche Ideologie von Alles-unter-Kontrolle-Haben vorherrscht und Menschen, die sich daran orientieren, als Autoritäten und Leitfiguren zur Identifikation dienen. Dies bedeutet unter anderem, dass das Selbstwertgefühl der Frauen und Mütter auf der Teilhabe an der männlichen Macht beruht, sie dieses Ziel aber tatsächlich nicht erreichen und deshalb versuchen, das Gleichgewicht ihrer psychischen Struktur dadurch zu erhalten, dass sie den männlichen Machtmythos ihren eigenen Kindern als Objekte einer unechten Zuneigung aufzwingen. Daraus resultiert schließlich eine verzerrte Mutter-Kind-Beziehung:

„Die Mutter, die real in ihren schlechten Seiten erlebt wurde, muß als gute Mutter gesehen werden. Denn die Vision der wirklich guten Mutter, auf die das Kind gehofft hat, ist verbunden mit der Erinnerung an die Verzweiflung und wird daher als Bedrohung der psychischen Einheit empfunden, die keine Ambivalenz erträgt.“ (A. Gruen (2000), S. 105)

Die in ihrer existentiellen Abhängigkeit von der Zuwendung der Eltern abhängigen Kinder sind gezwungen, sich den Bedürfnissen der Eltern anzupassen. Die vernachlässigende und bestrafende Mutter wird als vermeintlich gute Mutter idealisiert. Dabei bleibt die Sehnsucht nach einer wirklich guten, fürsorglichen Mutter bestehen, wird jedoch als Gefahr gefürchtet. Dies führt dazu, dass es in der kindlichen Psyche zu einer Spaltung kommt, da die Kinder die Idealisierung der Eltern und ihre Wahrnehmung des tatsächlichen elterlichen Verhaltens nicht im Bewusstsein integrieren können. Dieser Widerspruch der Realität ist eine ständige Quelle der Angst. Gruen bezeichnet diese Spaltung des Bewusstseins als einen zentralen Organisator vieler psychischer Strukturen. Zugleich wird der daraus resultierende Selbsthass zur Quelle der menschlichen Destruktivität.

„Die wirklich guten Mütter oder alles, was an sie erinnert, erregen höhnischen Haß. Denn sie rühren an die tiefen echten Bedürfnisse und Sehnsüchte, die die reale Mutter einmal geweckt, aber nicht erfüllt hat und die darum getötet werden müssen.“ (A. Gruen (2000), S. 113)

In Zeiten sozialer Umwälzungen wird das auf Spaltung beruhende Selbst bedroht. „Beginnt sich die soziale Struktur aufzulösen, bricht die unterdrückte Wut hervor. Dann offenbaren sich die mörderischen Impulse und das innere Chaos, die nur mittels eines äußeren ‚Feindes‘ kanalisiert werden können.“ (A. Gruen (2000), S. 115)

Auch in der Gegenwart können wir an vielen Orten in der Welt, in der Ukraine und Russland, im Nahen Osten, aber auch in den USA die Zerstörung der Fähigkeit zu Kooperation, der Fürsorge und empathischen Wahrnehmung sowie der Erkenntnis der eigenen Gefühle und Bedürfnisse im Anderen erkennen. So stellt M. Thumann die Frage, warum zehntausende russische Männer freiwillig in den Krieg ziehen, obwohl die meisten von ihnen an der Front sterben. Die von ihm zitierten Mütter, Ehefrauen und andere Personen aus Politik und Öffentlichkeit bringen unmissverständlich zum Ausdruck, dass in einer Welt, in der Kampf, Eroberung und Unterdrückung zum Leitmotiv geworden sind, alles was auf empathische Wahrnehmung gründet, als schwach eingestuft wird und Leid, Schmerz und Trauer aus dem Bewusstsein verdrängt werden.

So erzählt eine frisch vermählte Frau über ihren Mann: „Der geht in den Krieg, ich registriere meine Kinder auf ihn, ich bekomme die Prämien von 50.000 Euro. Und danach wird er umgebracht …“, sie unterdrückt ein Lachen. „Dann kauf ich vielleicht ein Haus, mal sehen.“ (M. Thumann (2025), S. 3)

Ein Mann zögert, bei der Arme zu unterschreiben und sagt: „Verstehst du, Mama, ich werde da zu 90 Prozent in der ersten Woche sterben.“ Die Mutter: „Nun, dafür stirbst du als Mann, und alle werden stolz auf dich sein, deine Frau wird die Witwe eines Helden.“ (M. Thumann (2025))

Hierin spiegelt sich wider, dass die Angst zum Kern des eigenen Seins geworden ist, und zwar „die Angst, den Erwartungen der Autoritätspersonen nicht zu genügen; aber auch die Angst, eigene Gefühle zu haben; und schließlich die Angst, weil Selbst-Sein ungehorsam zu sein bedeutet.“ (A. Gruen (2013), S. 36)

Von Gruen unerwähnt bleibt die Auswirkung dieser unbewussten Psychodynamik auf die Übertragung in der therapeutischen Situation. Wir können eine Übertragung annehmen, dass nicht die Person als „guter“ Therapeut im Sinne eines „guten“ Vaters gilt, die zum eigenen Selbst verhilft, sondern diejenige, die den inneren Konflikt erspart, der die Destruktivität erlaubt und den Kampf mit dem eigenen Gewissen erspart. „Der ‚gute‘ Vater (auch: Therapeut, Hi.) ist der böse Vater, der die Reste der tatsächlich guten Mutter vollends vernichtet. Also übernimmt Angst, nicht Liebe die Herrschaft.“ (A. Gruen (2000), S. 116)

7 Biophilie und Nekrophilie

Fromm setzt sich mit der menschlichen Destruktivität sehr ausführlich auch in Abgrenzung zu Instinkt- und Trieblehren und Behaviorismus auseinander. (E. Fromm (1973)) An dieser Stelle können nur die wichtigsten Aspekte zusammenfassend genannt werden. Für Fromm ist der Mensch ein primär soziales Wesen, phylogenetisch und ontogenetisch von den sozialen Bedingungen geprägt, in denen er lebt. Freuds Theorie eines Dualismus von Lebens- und Todestrieb stellt er eine differenzierte Wertung von Feindschaft, Aggression, Zerstörung und Sadismus gegenüber und widerspricht der Instinkthaftigkeit des Todestriebes. Den Todestrieb versteht er als Ausdruck des Fehlschlagens der normalen Entwicklung und in diesem Sinne als einen pathologischen, wenn auch tief verwurzelten Antrieb. Fromm versteht den Charakter als ein Substitut für den triebhaften Instinkt. Fromm kommt aufgrund seiner klinischen Erfahrung zu der Feststellung, dass es grundsätzlich zwei gegensätzliche Tendenzen der Charakterorientierungen gibt. Er unterscheidet produktive und nicht-produktive Orientierungen: „Die eine Tendenz ist auf die höchstmögliche Realisierung der Liebe zum Leben ausgelegt; die andere Tendenz zielt auf die Verhinderung des Lebens und ist destruktiver Art“. (R. Funk (1978), S. 76) Diese beiden Ausrichtungen der Charakterorientierung werden von Fromm als Wachstums- und Verfallssyndrom – Biophilie und Nekrophilie – bezeichnet. Entfremdete sozio-ökonomischer Verhältnisse tragen wesentlich zur Entwicklung einer nicht-produktiven Charakter-Orientierung bei. Eine von ihnen bezeichnet er als nekrophil-destruktive Orientierung.

Mit dem Ausdruck Nekrophilie bezeichnet Fromm keine perverse Handlung, sondern einen Charakterzug. Im charakterologischen Sinn definiert er Nekrophilie

„als das leidenschaftliche Angezogenwerden von allem, was tot, vermodert, verwest und krank ist; sie ist die Leidenschaft, etwas, was lebendig ist, in etwas Unlebendiges zu verwandeln; zu zerstören, um der Zerstörung willen; das ausschließliche Interesse an allem, was rein mechanisch ist. Es ist die Leidenschaft, lebendige Zusammenhänge mit Gewalt entzweizureißen“. (E. Fromm (1973a), S. 301)

Die Affinität zum Toten lässt sich sowohl in den Träumen nekrophiler Menschen als auch in ihrer Sprache erkennen, durch häufige Benutzung von Worten, die sich auf Zerstörung, Exkremente und Fäkalien beziehen. In Gestik und Mimik zeigt sich der nekrophile Mensch häufig unlebendig, steif, kalt und unbeteiligt. Sein Leben wird von allem, was tot und mechanisch ist, beherrscht, also von Institutionen, Gesetzen und Traditionen und von allem, was der Vergangenheit angehört.

Die nekrophile Orientierung Fromms und den anal-sadistischen Charakter sowie den Todestrieb Freuds verbindet das Interesse am Unlebendigen und Toten. Fromm wendet jedoch vor allem ein, dass der Todestrieb zur Psychopathologie und nicht – wie Freud annahm – zur normalen Biologie des Menschen gehört. Während die Biophilie – und analog dazu Freuds Lebenstrieb – für Fromm die primäre Potentialität des Menschen repräsentieren, stellen die Nekrophilie und der Todestrieb die sekundäre Potentialität dar. Während Freud annahm, dass die Stärke von Lebenstrieb und Todestrieb konstant ist und der Einfluss der sozialen Verhältnisse sich darauf beschränkt, ob sich der Todestrieb mehr gegen die eigene Person oder gegen andere richtet, hängt für Fromm weder die Entwicklung der Nekrophilie an sich noch ihre Intensität von biologischen Faktoren ab, sondern vom emotionalen Klima, in dem der Mensch aufwächst.

8 Negative therapeutische Reaktion

Zu welchen Schlussfolgerungen kommen wir nun bei einer Neubetrachtung von Freuds „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“? Hier ist auch die Frage bedeutsam, welche therapeutischen Konsequenzen wir aus unserer Betrachtung gewinnen können.

Zwar weist Freud wiederholt daraufhin, dass die Macht des Todestriebes reduziert werden könne, zeigt sich jedoch zugleich überzeugt: „Infolge dieser primären Feindseligkeit der Menschen gegeneinander ist die Kulturgeschichte beständig vom Zerfall bedroht.“ (S. Freud (1927), S. 471) Der Mensch sei beherrscht von einem Impuls, entweder sich selbst oder andere zu zerstören, und er könne dieser tragischen Alternative nicht entrinnen. Damit hinterlässt uns Freud zumindest ratlos, wenn nicht resignativ, vor einem unentrinnbaren Schicksal. Mit diesem Resümee unzufrieden, bin ich beim Nachforschen in Das Ich und das Es auf eine interessante Notiz gestoßen, die Freud in einem ganz anderen Kontext verfasst hatte. Hier schreibt er:

„Es gibt Personen, die sich in der analytischen Arbeit ganz sonderbar benehmen. Wenn man ihnen Hoffnung gibt und ihnen Zufriedenheit mit dem Stand der Entwicklung zeigt, scheinen sie unbefriedigt und verschlechtern regelmäßig ihr Befinden. (…) Sie zeigen die sogenannte negative therapeutische Reaktion.“ (S. Freud: Das Ich und das Es; Studienausgabe, Bd. III, S. 316 f.)

Freud versteht diese Reaktion als Ausdruck eines Schuldgefühls, „welches im Kranksein seine Befriedigung findet und auf die Strafe des Leidens nicht verzichten will. (…) Es ist auch besonders schwierig, den Kranken von diesem Motiv seines Krankbleibens zu überzeugen …“ Durch die negative therapeutische Reaktion sollen nicht nur Behandlungsfortschritte verhindert werden, sie ist auch darauf gerichtet, Therapeut:innen zumindest symbolisch zu zerstören. Freuds Überlegungen richten sich in seinen Ausführungen auch auf die Natur des Über-Ich und er stellt fest: „Was nun im Über-Ich herrscht, ist wie eine Reinkultur des Todestriebes, und wirklich gelingt es diesem oft genug, das Ich in den Tod zu treiben, wenn das Ich sich nicht vorher durch den Umschlag in Manie seines Tyrannen erwehrt.“ (S. Freud (1927), S. 319 f.) Schien Freud bezüglich des Kampfes gegen die negative therapeutische Reaktion noch wenig zuversichtlich zu sein (S.Freud, a.a.=O)), vollzieht er dann eine überraschende Wendung:

„Die Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es ermöglichen soll. Aber andererseits sehen wir dasselbe Ich als armes Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge des Über-Ich (…) Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht unparteiisch. (…) Es hat sich zu Zwecken der Hilfeleistung selbst mit Libido füllen müssen, wird dadurch selbst Vertreter des Eros und will nun leben und geliebt werden.“ (S. Freud (1927) S. 322 f.)

Wie kommt er dazu, im selben Zusammenhang von negativer therapeutischer Reaktion und Todestrieb zu sprechen. Ist darin eine – möglicherweise unbewusste – Gleichsetzung und damit im Keim die Überlegung gemeint, beides einer analytischen Bearbeitung zuführen zu können?

Winnicotts Ausführungen haben grundlegende Konsequenzen für die Analyse. Weil das falsche Selbst das wahre Selbst wie eine Maske verbirgt und überlagert, wird von Winnicott als Grundsatz jeder Psychoanalyse formuliert: „Nur das wahre Selbst kann analysiert werden“ (D. W. Winnicott (1990), S. 173). Eine Analyse des falschen Selbst kann zwar zur vorübergehenden Besserung führen, da sie sich aber lediglich auf die internalisierte Umwelt richtet, bedeutet dies nur einen Scheinerfolg. Damit Analytiker:innen mit dem wahren Selbst kommunizieren können, müssten sie es Patient:innen ermöglichen, die Last der internalisierten Umwelt abzulegen und zu einem realen, unreifen und abhängigen Kind zu werden. Erst dann können Psychoanalytiker:innen mit der Analyse des wahren Selbst beginnen. Auf diesem Hintergrund spiele „gute Lenkung“ im Sinne von Ich-Versorgung, damit das wahre Selbst die Es-Forderungen integrieren kann, eine wichtige Rolle. (D. W. Winnicott (1990))

Damit stellt Winnicott den Analytiker vor eine grundlegende Aufgabe:

„Wenn Analytiker Fälle für die Analyse auswählen, müssen sie also die allgemeine Existenz des falschen Selbst berücksichtigen. Die Auswahl erfordert, dass der Kliniker die Abwehr des falschen Selbst entdecken kann, und wenn sie entdeckt ist, muß der Kliniker entscheiden, ob es wahrscheinlich ist, dass sie eine positive Hilfe in der Analyse ist oder ob sie in einem bestimmten Fall von pathologischer Stärke ist und eine so schwere anfängliche Behinderung der emotionalen Entwicklung anzeigt, dass man Psychoanalyse besser erst gar nicht erst erwägen sollte.“ (D. W. Winnicott (1990), S. 173 f.)

Er fügt hinzu: „Die Diagnose ‚falsche Persönlichkeit‘ ist hier wichtiger als die Diagnose des Patienten nach üblichen, psychiatrischen Klassifikationen.“ (D. W. Winnicott (1990), S. 187)

Auch Gruen unterscheidet zwei Kategorien von Patient:innen. Zur ersten Kategorie gehören jene, die schon früh Mühe hatten, sich dem Anpassungsdruck zu unterwerfen. Sie richten ihre Wut über die erfahrene Unterdrückung gegen sich selbst. Sie hoffen, „mit Hilfe der Therapie zu dem gemacht zu werden, was wir übrigen sind: gehorsam, erfolgreich, als Bürger frei, zerstörerisch zu wirken.“ (A. Gruen (2001), S. 132) Von ihren Schuldgefühlen befreit, können sie zu willfährigen Mitgliedern der Gesellschaft gemacht werden. Einige von ihnen wollen jedoch den Dingen auf den Grund gehen: „Sie werden oft als ‚Grenzfälle‘ angesehen, zu krank, als dass ihnen wirklich zu helfen wäre. (…) Ich persönlich finde die Zusammenarbeit mit ihnen am hoffnungsvollsten.“ (A. Gruen (2001), S. 133) Zur zweiten Kategorie zählen jene, „die sich plötzlich mit Gefühlen konfrontiert sehen, die sie durch die offizielle, kulturell bedingte Bewusstseinsspaltung bisher vermieden haben …“ (A. Gruen (2001), S. 133) Auch in dieser Kategorie unterscheidet Gruen zwei Gruppen. Zur ersten würden jene gehören, die in den Zustand des Nichtfühlens zurückkehren wollen („… die Lieblingspatienten von Psychotherapeuten …“). Die anderen suchen eine Neuorientierung und wollen ihre Spaltung überwinden („… können zu echten Kämpfern werden …“).

Wir erkennen, dass sowohl Winnicott als auch Gruen realistische, wenn auch nicht uneingeschränkte Möglichkeiten sehen, die durch die Spaltung des Selbst hervorgerufene Destruktivität zu überwinden.

Auch die sozialanalytische Konzeption von Fromm eröffnet Möglichkeiten zur Überwindung der Destruktivität. Zunächst sei daran erinnert, dass die menschliche Natur nach Fromm nicht durch Instinkte oder Triebe geprägt wird, sondern durch existentielle Widersprüche, die in sich zugleich die Möglichkeit zur Überwindung tragen. Diese existentiellen Konflikte schaffen psychische Bedürfnisse – das Bedürfnis nach Bezogenheit, das Bedürfnis nach Transzendenz, das Bedürfnis nach Verwurzeltsein, das Bedürfnis nach Idenitäts- und Einheitserlebnis, das Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe, und das Bedürfnis nach Wirkmächtigkeit –, die allen Menschen gemeinsam sind. Sie müssen unbedingt befriedigt werden. Die verschiedenen Antworten auf die existentiellen Bedürfnisse äußern sich als unterschiedliche Charakterzüge und Charakterorientierungen. Die Reaktion auf die existentiellen Bedürfnisse kann entweder produktiv und biophil oder nicht-produktiv und nekrophil sein. Eine Änderung der Umstände, die eine spezifische Charakterorientierung geprägt haben, kann dazu führen, dass eine bisher latente Orientierung dominant wird. Und von dieser Möglichkeit der Änderung hängt für Fromm jede psychotherapeutische Bemühung ab.

9 Konsequenzen für die Behandlung?

Wenn wir uns als Resümee von Freuds Ansicht, dass es „keine Ausrottung des Bösen“ gibt, lösen und davon ausgehen, dass nicht die angeborene Triebhaftigkeit, sondern der von Menschen gemachte Hass die Quelle der Destruktivität ist, dass die durch die sozio-ökonomischen Verhältnisse bedingte Selbstentfremdung zu einer Spaltung des Selbst und damit zur Quelle der Destruktivität führt, dann eröffnen sich Konsequenzen für die Psychotherapie, die über die Vorstellung von Mitscherlich – „… dass die Erziehung, welche die Menschen sich angedeihen lassen, in Zukunft ihr Schwergewicht bei der Schulung haben muss …“ (A. Mitscherlich (1964), S. 73) – hinausgehen. Mein Eindruck ist, dass Mitscherlich der Psychoanalyse als Behandlungsmethode zur Aufdeckung unbewusster Prozesse in diesem Zusammenhang wenig zutraut, wenn er von Schulung spricht.

Zunächst sei noch einmal daran erinnert, dass Fromm in diesem Zusammenhang in Übereinstimmung mit Gruen und Winnicott von der Notwendigkeit spricht, zu klären, ob der Konflikt, der einen Menschen zu Psychoanalytiker:innen führt, ein fiktiver oder ein wirklicher Konflikt ist (Fromm 1991, S. 102 ff.). Aus meiner Erfahrung stelle ich fest, dass dieser entscheidenden Frage in der Praxis kaum Beachtung geschenkt wird. Dieses Versäumnis wird nicht zuletzt dadurch genährt, dass eine oberflächliche Symptomorientierung mehr Aufmerksamkeit findet.

Der tiefste und am weitesten verbreitete unbewusste Konflikt entsteht aus dem frühkindlichen, demütigenden Terror gegen das ursprüngliche, als schwach erlebte Selbst. Er wird durch die Abspaltung der Angst vor einer möglichen Vernichtung und durch Identifikation mit dem Täter abgewehrt. Weil die wahren Gründe der Demütigung und Entwertung nicht erkannt werden dürfen, wiederholt sich dieser Prozess und das Individuum wendet sich mit Hass gegen alle, die die Erinnerung an diesen unbewussten Konflikt wachrufen. Mit diesem Widerstand haben Analytiker:innen zu rechnen.

Die Aufgabe der Psychoanalyse und zugleich ihr Vermögen ist es daher nicht, „den dünnen Firniss der Zivilisation“ zu stabilisieren, sondern den bedeutsamen, wesentlichen unbewussten inneren Konflikt aufzudecken.

10 Literatur

Freud, S. (1915/2022): Zeitgemäßes über Krieg und Tod, Nördlingen

Freud, S.: Das Ich und das Es; Studienausgabe, Bd. II, FischerI

Freud, S. (1927): Die Zukunft einer Illusion, G. W. Bd. 14, Fischer

Fromm, E. (1973): Anatomie der menschlichen Destruktivität, GA Bd. 7, DVA

Funk, R. (1978): Mut zum Menschen. Stuttgart

Gruen, A. (1994a u. 2001): Der Verrat am Selbst. München

Gruen, A. (2000): Der Wahnsinn der Normalität. München

Gruen, A. (2013): Dem Leben entfremdet. Stuttgart

Khan, M. (1977): Selbsterfahrung in der Therapie. München

Mitscherlich, A. (1964): Psychoanalytische Anmerkungen über die Kultureignung des Menschen; in: Bremer Beiträge zur freien Volksbildung, Heft 6

Thumann, M. (2025): Von Schmerz ist nie die Rede, DIE ZEIT, Nr. 36, 2.8.2025

Wirth, H.-J. (2025): Neubetrachtung von Freuds „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“; in: Psychodynamische Psychptherapie, www.pdp-online.info

Winnicott,D.W. (1984): Aggression. Stuttgart

Winnicott, D.W. (1990): Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Frankfurt am Main

Wurmser, L./Gideon, H. (1999): Die eigenen verborgensten Dunkelgänge. Göttingen


Verfasst von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Dipl.-Supervisor
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Es gibt 5 Materialien von Hans-Adolf Hildebrandt.

Zitiervorschlag
Hildebrandt, Hans-Adolf, 2026. „Give Peace a Chance“ [online]. socialnet Materialien. Bonn: socialnet, 21.01.2026 [Zugriff am: 19.02.2026]. https://doi.org/10.60049/vwwt6itj

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