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Wollen als eigene Analysekategorie

Warum eine reine Defizitlogik bei langzeitarbeitslosen Menschen mit multiplen Beeinträchtigungen zu kurz greift

Andreas Herteux

veröffentlicht am 15.05.2026 | Aufsatz


https://doi.org/10.60049/erxzt4wa

Eine mehrjährige, engmaschige und ganzheitliche Analyse langzeitarbeitsloser Menschen im SGB-II-Bezug mit multiplen Beeinträchtigungen zeigt, dass eine reine Defizitlogik zu kurz greifen könnte. Sichtbar werden nicht nur erhebliche Belastungen, sondern auch Unterschiede in Arbeitswille, Therapiebereitschaft, Milieuzugehörigkeit und digitaler Konditionierung.

Inhalt

  1. 1 Problemstellung
  2. 2 Materialbasis und Studiendesign
  3. 3 Was die Daten über das Können zeigen
  4. 4 Die „Black Box“ zwischen Lage und Verhalten
  5. 5 Digitalität als zusätzlicher Einflussfaktor
  6. 6 Das Milieumodell: Heterogenität systematisch fassen
    1. 6.1 Die sechs Milieus und ihre praktische Bedeutung
  7. 7 Einordnung in den Fachdiskurs
  8. 8 Konsequenzen für Praxis und Sozialpolitik
  9. 9 Schluss
  10. 10 Literatur

Zusammenfassung

Die Zielgruppenauswertung von LEILArehaktiv, einem rehapro-Modellprojekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, zeigt bei langzeitarbeitslosen Menschen im SGB-II-Bezug zunächst ein vertrautes Bild: große Distanz zum Arbeitsmarkt, niedrige formale Qualifikation sowie erhebliche psychische, körperliche und soziale Belastungen. Das Durchschnittsalter liegt bei 46,5 Jahren, 20,1 % verfügen über keinen Schulabschluss, 49,2 % über keine abgeschlossene Berufsausbildung; hinzu kommen 701 dokumentierte soziale und persönliche Problemlagen in 227 auswertbaren Datensätzen.

Über diese Defizitseite hinaus rekonstruiert die mehrjährige Begleitung auch jene Faktoren, die zwischen objektiver Lage und beobachtetem Verhalten liegen: Arbeitswille, Therapiebereitschaft, normative Orientierung, digitale Einflussfaktoren und ein daraus entwickeltes Milieumodell mit sechs Typen. 39,40 % erleben Internetnutzung als persönlichkeitsaufwertend oder zumindest tendenziell bereichernd. Damit wird nahegelegt, Wollen, Milieus und digitale Konditionierung in Diagnostik, Beratung, Reha und Arbeitsmarktpolitik systematisch mitzudenken.

1 Problemstellung

Langzeitarbeitslosigkeit wird in Forschung, Verwaltung und Praxis regelmäßig als Bündel kumulierter Defizite beschrieben: fehlende Abschlüsse, unterbrochene Erwerbsbiografien, gesundheitliche Belastungen, Sucht, Überschuldung, soziale Isolation oder familiäre Konflikte. Für hoch belastete SGB-II-Populationen ist diese Diagnose nicht falsch; sie markiert reale Integrationshemmnisse. Problematisch wird sie dort, wo aus der Summe der Belastungen bereits vollständig auf die Dynamik von Teilhabe‑ und Reintegrationsprozessen geschlossen wird. Genau hier könnte ein blinder Fleck vieler Deutungen liegen und auch deren mangelnden Erfolg miterklären.

Bei langzeitarbeitslosen Menschen mit multiplen Beeinträchtigungen muss daher – vereinfacht ausgedrückt – nicht nur das Können, sondern ebenso das Wollen als eigenständige Analysekategorie berücksichtigt werden. Der folgende Beitrag stützt sich auf umfangreiches Material aus dem rehapro-Modellprojekt LEILArehaktiv des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Die zugrunde liegende Gesamtauswertung wurde in der Monografie „Langzeitarbeitslose mit multiplen Beeinträchtigungen. Wer sie sind. Was sie denken – und was sie beeinflusst. Wie mit ihnen umzugehen ist“ veröffentlicht. Alle im Folgenden berichteten projektbezogenen Fall‑ und Prozentzahlen entstammen dieser Auswertung, sofern nicht anders angegeben.

Die Datengrundlage beruht darauf, dass hier eine über Jahre angelegte, vollumfängliche Begleitung nicht nur als Hilfeformat organisiert, sondern auch in eine verknüpfte Datengrundlage zu Belastungen, Einstellungen, Normorientierungen, Verhaltensmustern, digitalen Einflussfaktoren und einem eigens entwickelten Milieumodell übersetzt wurde.

Im Mittelpunkt stehen daher zwei Schritte. Zum einen werden Studiendesign und Materialbasis eigenständig und ausdrücklich auch kritisch rekonstruiert. Zum anderen ist zu klären, welchen Ertrag die Befunde für die Aktivierungs-, Reha‑ und Teilhabedebatte haben. Dabei geht es nicht darum, strukturelle Benachteiligungen zu individualisieren. Es geht vielmehr darum, die verbreitete Verkürzung zu korrigieren, wonach sich aus Defiziten, Hemmnissen und gesundheitlichen Einschränkungen bereits hinreichend erklären lasse, wie Menschen auf Arbeit, Therapie, Unterstützung und Veränderung reagieren.

2 Materialbasis und Studiendesign

LEILArehaktiv ist ein Modellprojekt des Bundesprogramms rehapro des BMAS. Die offizielle Projektdarstellung nennt einen Förderzeitraum vom 01.01.2022 bis 31.12.2026, eine Zielgruppe langzeitarbeitsloser Menschen im SGB-II-Bezug mit gesundheitlichen und komplexen Beeinträchtigungen sowie mindestens 365 Teilnehmende (Bundesministerium für Arbeit und Soziales o.J.). Die hier ausgewertete Gesamtdarstellung versteht sich nicht als Abschlussbewertung des Projekts, sondern als eigenständige Analyse der Zielgruppe bis Mai 2025 mit stetigen – teilweise wöchentlichen – Erhebungen.

Methodisch arbeitet die Untersuchung mit einem Mixed-Methods-Ansatz. Die Datenbasis ist für diese Zielgruppe ungewöhnlich breit: In der Gesamtauswertung werden 340 erschlossene Datensätze unterschiedlicher Vollständigkeit ausgewertet. Hinzu treten modulbezogene Teilstichproben, darunter 238 Auswertungen zu psychischen, 231 zu körperlichen Beeinträchtigungen, 227 Auswertungen zu weiteren sozialen und persönlichen Problemlagen, 258 Langzeitbeobachtungen zum Arbeitswillen, 226 zur Therapiebereitschaft sowie 97 EDEDKI-Interviews zur digitalen Konditionierung, von denen 93 auswertbar waren. Die Erhebung beschränkt sich damit gerade nicht auf einige wenige Kernvariablen. Sie umfasst demografische und erwerbsbiografische Merkmale, Schul‑ und Berufsbildung, Wohn‑ und Haushaltslagen, psychische und körperliche Belastungen, Sucht, weitere soziale Problemlagen, Grad der Behinderung und gesetzliche Betreuung sowie innere Einstellungen und Verhaltensindikatoren wie Normorientierung, Arbeitswille, Therapiebereitschaft, Motivation, Zuverlässigkeit, Eigeninitiative, Mitarbeit, digitale Nutzungsmuster und Milieuzugehörigkeit.

Kennzeichnend ist dabei nicht nur die verknüpfte Breite, sondern die Tiefe der Datenerhebung. LEILArehaktiv ist ausdrücklich als langfristige, ganzheitliche und individualisierte Maßnahme konzipiert. Teilnehmende können bis zu fünf Jahre begleitet werden; pro Person stehen bis zu 3,25 Stunden Betreuung pro Woche zur Verfügung, die flexibel an den Bedarf angepasst werden können. Die Begleitung erfolgt nicht nur in einer Beratungsstelle, sondern vor Ort, aufsuchend, begleitend und vermittelnd; das LEILA-Fallmanagement fungiert als feste Bezugsperson in nahezu allen Lebenslagen. Genau diese Projektarchitektur schafft eine empirische Nähe, die in der Forschung zu dieser Population selten ist: Über längere Zeit werden Krisen, Ausweichbewegungen, Öffnungen, stabile Routinen und widersprüchliche Selbstauskünfte nicht punktuell, sondern im Verlauf sichtbar. Arbeitswille und Therapiebereitschaft wurden deshalb nicht über einmalige Selbstauskünfte, sondern über längerfristige Beobachtungen, Selbstdarlegungen und Gespräche im Projektverlauf eingeschätzt. Für die Analyse digitaler Einflüsse wurde zusätzlich der angepasste Fragebogen EDEDKI (Evaluation digitaler Einflüsse des kollektiven Individualismus) eingesetzt, ergänzt um Beobachtungen des Fallmanagements.

Ein weiterer Punkt liegt in der Verknüpfung der Daten. Die Gesamtauswertung versteht die einzelnen Erhebungsmodule nicht als unzählige, lose nebeneinanderstehende Teilstudien, sondern als integrative Betrachtung verschiedener Datenquellen, die demografische Merkmale, gesundheitliche Belastungen, soziale Problemlagen, digitale Prägungen sowie Einstellungen und Verhaltensmuster zusammenführen. So entsteht ein konsistentes und zugleich heterogenes Bild der Teilnehmenden. Sichtbar werden nicht nur einzelne Indikatoren, sondern ihre Beziehungen zueinander – also etwa, wie Belastungen, Milieu, Normorientierung, Arbeitswille, Therapiebereitschaft und digitale Rezeptionsweisen gemeinsam Integrationsverläufe prägen.

Tabelle 1: Beispiele für die Materialbasis und Erhebungsmodule

Analysemodul

Verfahren/​Operationalisierung

n

Soziodemografie und Erwerbsbiografie

Auswertung projektbezogener Datensätze unterschiedlicher Vollständigkeit

bis 340

Belastungsprofile

Dokumentierte psychische, körperliche sowie soziale/persönliche Problemlagen

238/231/227

Arbeitswille

Langzeitbeobachtung durch Fallmanagement; fünf Kategorien von „voll vorhanden“ bis „nicht vorhanden“

258

Therapiebereitschaft

Langzeitbeobachtung; zwei Kategorien; weiter Therapiebegriff

226

Digitale Konditionierung

EDEDKI-Fragebogen (15 Fragen) plus Kontrollfragen und Beobachtungen

97 Interviews, 93 auswertbar

Milieumodell

Gewichtete Modellierung entlang Veränderungsbereitschaft und Aktivitätsgrad

228

Quelle: Zusammenstellung auf Grundlage der projektbezogenen Gesamtauswertung LEILArehaktiv

Damit sind zugleich die Grenzen des Materials zu nennen, denn eine solche Dichte wird nur in bestimmten Konstellationen möglich: Die Evaluation war direkt im Projekt verankert; die Gesamtauswertung diskutiert selbst eine Personalunion von operativer und wissenschaftlicher Projektleitung. Das schafft Nähe zum Feld, tiefe Fallkenntnis und Zugang zu dichten Verlaufsdaten, birgt aber auch Risiken fehlender Distanz, möglicher Voreingenommenheit und eingeschränkter Generalisierbarkeit, wobei die Projektleitung nie selbst in der Fallarbeit tätig war. Hinzu kommt, dass die Grundgesamtheiten je nach Untersuchungsmodul variieren und dass der Milieuansatz ausdrücklich als erster, noch weiter zu prüfender Modellierungsversuch vorgestellt wird. Für den Fachdiskurs ist das kein Grund, die Befunde zu verwerfen; wohl aber ein Grund, sie als prüfungsbedürftiges Material zu lesen und ggf. auch kritisch zu hinterfragen.

3 Was die Daten über das Können zeigen

Auf der Ebene des Könnens bestätigt das Material zunächst in aller Deutlichkeit, warum defizitbezogene Diagnosen plausibel erscheinen. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden liegt bei 46,5 Jahren; 49,5 % sind zwischen 40 und 55 Jahre alt, weitere 21,8 % älter als 55. 20,1 % verfügen über keinen Schulabschluss, 49,2 % über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Die durchschnittliche Berufserfahrung beträgt lediglich 7,1 Jahre.

Hinzu kommt eine erhebliche Distanz zum Arbeitsmarkt. Für 37,5 % der Teilnehmenden lag die letzte längerfristige Beschäftigung sechs bis zehn Jahre zurück; 13,9 % hatten seit elf bis zwanzig Jahren keinen längerfristigen Arbeitsplatz mehr. 10,2 % waren noch nie länger als sechs Monate am Stück beschäftigt. Das verweist nicht nur auf unterbrochene Erwerbsbiografien, sondern auch auf Qualifikationsverluste, Entfremdung vom Arbeitsmarkt und die Möglichkeit, dass Erwerbsarbeit im Alltag längst keine strukturierende Rolle mehr spielt.

Tabelle 2: Zentrale Befunde zu „Können“ und „Wollen“

Indikator

Befund

Durchschnittsalter

46,5 Jahre

Kein Schulabschluss

20,1 %

Keine Berufsausbildung

49,2 %

Durchschnittliche Berufserfahrung

7,1 Jahre

Letzte Beschäftigung 6–10 Jahre zurück

37,5 %

Noch nie länger als 6 Monate beschäftigt

10,2 %

Schwere psychische Beeinträchtigung

29,4 % (70/238)

Schwere körperliche Beeinträchtigung

19,0 % (44/231)

Weitere soziale/persönliche Problemlagen

701 Nennungen in 227 Datensätzen

Positive Bewertung bürgerlicher Normen

40,9 %

Arbeitswille voll oder teilweise vorhanden

54,2 %

Therapiebereitschaft vorhanden

65,9 %

Quelle: Zusammenstellung auf Grundlage der projektbezogenen Gesamtauswertung LEILArehaktiv.

Auch die gesundheitliche und soziale Belastungslage ist massiv. Unter 238 ausgewerteten Fällen finden sich diagnostizierte schwere psychische Beeinträchtigungen bei 29,4 % der Teilnehmenden, unter 231 Fällen schwere körperliche Beeinträchtigungen bei 19,0 %. Hinzu kommen 701 dokumentierte soziale und persönliche Problemlagen in 227 Datensätzen. Die Gesamtauswertung macht zugleich deutlich, dass sich die Belastungslage nicht auf schwere Diagnosen reduziert, sondern breiter ausfällt.

Auch wenn hier nur ein kleiner Ausschnitt der Daten genannt wird, ist die Richtung klar. Gerade weil diese Befunde so eindeutig sind, ist der nächste analytische Schritt entscheidend. Aus Belastungen und Einschränkungen allein folgt noch nicht, wie Menschen Unterstützung deuten, wie sie ihre Lage normativ einordnen und ob Erwerbsarbeit für sie überhaupt noch ein realistischer oder erwünschter Bezugspunkt ist. Die Defizitlogik erklärt daher einen Teil des Problems – aber womöglich, und dies ist zu diskutieren, nicht dessen gesamte Binnenstruktur.

4 Die „Black Box“ zwischen Lage und Verhalten

Das vorliegende Material gibt die Möglichkeit, genau diese „Black Box“ zwischen objektiver Lage und beobachtetem Verhalten zu öffnen. Die Gesamterhebung erfasst hierzu mehrere Indikatoren: Einstellung zu bürgerlichen Normen, Arbeitswille, Therapiebereitschaft sowie ergänzend Motivation, Zuverlässigkeit, Eigeninitiative und Mitarbeit. Entscheidend ist dabei, dass diese Variablen nicht als voneinander isolierte Momentaufnahmen behandelt werden. Sie beruhen auf wiederholten Interaktionen, teilweise quartalsweisen Einschätzungen, Selbsteinschätzungen und kumulierten Erfahrungswerten des Fallmanagements im Projektverlauf. Im Schnitt betrug der Betrachtungszeitraum für die Aufbereitung etwa 1,7 Jahre pro Person. Gerade dadurch entsteht ein konsistenteres Bild dessen, was Personen wollen, wozu sie bereit sind und an welchen Punkten Unterstützung angenommen, selektiv genutzt oder abgewehrt wird.

Besonders aussagekräftig ist der Arbeitswille. Die Einschätzungen beruhen auf Beobachtungen und Gesprächen des Fallmanagements im Projektverlauf; berücksichtigt wurden verbale Äußerungen und beobachtetes Verhalten in Bezug auf die Bereitschaft, Arbeit aufzunehmen oder fortzusetzen. Die Grundgesamtheit umfasst 258 Personen. 24,4 % wurden als „voll vorhanden“, 29,8 % als „teilweise vorhanden“, 21,7 % als „wenig vorhanden“ und 19,8 % als „nicht vorhanden“ eingeschätzt; 4,3 % waren noch nicht verlässlich abschätzbar. Gerade die längerfristige Beobachtung ist hier zentral, weil sie nicht einen bloß temporären Stimmungswert, sondern einen sich im Verlauf herauskristallisierenden Grundzustand erfassen soll. Wer mit Menschen über Jahre und in nahezu allen Lebenslagen arbeitet, sieht nicht nur das Gesagte, sondern auch das wiederholt Gezeigte.

Ähnlich relevant ist die Therapiebereitschaft. Auch sie wurde nicht punktuell, sondern im Verlauf der Projektarbeit eingeschätzt. Der Begriff wird bewusst weit gefasst und umfasst nicht nur klassische Therapie, sondern allgemeine Vorgehensweisen zur Stärkung persönlicher Ressourcen und zur Bearbeitung multipler Belastungen. Von 226 erhobenen Datensätzen zeigen 65,9 % eine grundsätzliche Bereitschaft, entsprechende Unterstützung anzunehmen, 34,1 % dagegen nicht. Das Material warnt ausdrücklich davor, fehlende Therapiebereitschaft vorschnell als Uneinsichtigkeit zu lesen. Genannt werden vielmehr langjährige Verweildauern im Sozialsystem, frühere Misserfolge, Resignation, Misstrauen, offene oder verdeckte Verweigerung sowie die Möglichkeit eines „Einrichtens“ in der bestehenden Lage. Gerade hier zeigt sich der Wert der langen Beobachtung: Ob Ablehnung stabil, situativ, schambesetzt oder bearbeitbar ist, lässt sich häufig erst nach intensiver und nicht selten mehrjähriger Begleitung belastbar einschätzen.

Abbildung 1
Abbildung 1: Verteilung von Arbeitswille und Therapiebereitschaft (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage der projektbezogenen Gesamtauswertung LEILArehaktiv)

Hinzu kommt die normative Ebene. 40,9 % der Teilnehmenden bewerten bürgerliche Normen positiv, 39,1 % neutral und 12,8 % ablehnend; kleinere Restgruppen sind unbekannt oder noch nicht einschätzbar. Die Gesamtauswertung deutet diese Verteilung nicht moralisch, sondern diagnostisch: Ein Teil der Population bleibt normativ anschlussfähig; ein anderer bewegt sich in einem Zwischenraum; bei einer kleineren Gruppe deutet sich eine verfestigte Abwendung an. Mit den Begriffen „Normverschiebung“ und „Normalitätsneubildung“ schlägt die Monografie hierfür eigene Deutungskategorien vor.

Aktivierende Arbeitsmarktpolitik operiert häufig mit der stillen Annahme, dass Motivation und Mitwirkung im Wesentlichen aus verbesserten Ressourcen, passenden Anreizen und institutionellen Erwartungen folgen. Demgegenüber zeigen Forschungen zur sozialen Norm der Erwerbsarbeit, zur Handlungsfähigkeit unter Langzeitarbeitslosigkeit und zu Kontrollverlust bzw. sozialem Rückzug, dass Arbeitsmarktdistanz nicht nur funktional, sondern auch normativ und psychosozial verarbeitet wird (Dingeldey 2006; Dingeldey 2011; Kerschbaumer 2019; Roex und Rozer 2018; Soral et al. 2024). Genau an dieser Stelle lassen sich die Ergebnisse einordnen: Die Gesamtauswertung macht diese Ebene nicht nur theoretisch plausibel, sondern versucht, sie im Projektkontext systematisch zu beobachten.

5 Digitalität als zusätzlicher Einflussfaktor

Eine zusätzliche Analyseebene bietet die Auswertung digitaler Einflussfaktoren. Methodisch kombiniert die Gesamtauswertung Beobachtungen des Fallmanagements mit dem Fragebogen EDEDKI, einem Instrument zur Erfassung digitaler Einflüsse des kollektiven Individualismus, das im Projektkontext angepasst wurde und aus 15 Fragen besteht. Erhoben werden damit nicht nur Nutzungsfrequenzen, sondern auch Präferenzen, Aufmerksamkeitsmuster, Lernverhalten und Modi der Informationsbeschaffung. Gerade darin liegt mehr als ein Zusatzkapitel: Digitalität wird als bislang vernachlässigte Umfeldvariable behandelt, die Wahrnehmung, Lernmuster, Aufmerksamkeit und damit auch Beratungs-, Qualifizierungs‑ und Integrationschancen mitprägt.

Die Ergebnisse sprechen gegen die verbreitete Annahme, es handle sich primär um „digital Abgehängte“. 93,81 % der Befragten geben an, das Internet regelmäßig zu nutzen; 90,90 % nutzen ein Smartphone. WhatsApp (89,33 %) und YouTube (86,9 %) sind klare Alltagsmedien, Facebook spielt mit 64,7 % zumindest gelegentlicher Nutzung ebenfalls eine erhebliche Rolle. Zugleich verschieben sich die Rezeptionsweisen: 49,43 % bevorzugen häufig kompakte Zusammenfassungen, 56,47 % Erklärvideos; vollständiges Lesen längerer Texte ist deutlich seltener. Die Pointe liegt damit nicht nur in der Techniknutzung, sondern in einer veränderten Umweltstruktur des Alltags. Hinzu kommt, dass 39,40 % Internetnutzung als persönlichkeitsaufwertend oder zumindest tendenziell bereichernd erleben.

Wer daher informieren, qualifizieren oder beraten will, hat es womöglich nicht einfach mit einem zusätzlichen Kanal, sondern mit anders konditionierten Zugängen zu Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung und Plausibilitätsbildung zu tun. Für Beratung, Qualifizierung, Reha-Kommunikation und Informationsvermittlung ist das hoch relevant, weil textlastige und abstrakt formulierte Angebote einen Teil der Zielgruppe systematisch verfehlen können, wenn sie nicht durch kurze, visuelle und verdichtete Formate ergänzt werden.

Zugleich ist methodische Zurückhaltung geboten. Die Gesamtauswertung markiert die Methodologie zur Erfassung digitaler Konditionierung als noch frühes Feld und versteht ihre Ergebnisse eher als theoretisch fundiertes und empirisch gestütztes Plädoyer für weitere Forschung denn als endgültigen Nachweis kausaler Wirkungen. Deshalb sollten die digitalen Befunde nicht überdehnt werden. Ihr Wert liegt weniger in starken Ursache-Wirkung-Behauptungen als in der Öffnung einer bislang weitgehend unterbelichteten Analyseebene.

6 Das Milieumodell: Heterogenität systematisch fassen

Die stärkste Verdichtung dieser Perspektiven findet sich im entwickelten Milieumodell. Es basiert auf 228 detailliert auswertbaren Datensätzen und segmentiert die Population entlang der Dimensionen Veränderungsbereitschaft und Aktivitätsgrad. Identifiziert werden sechs Milieus: Skeptische (7 %), Eingerichtete (17 %), Orientierungslose (15 %), Orientierungssuchende (24 %), Veränderungsgehemmte (7 %) und Veränderungswillige (30 %). Methodisch wichtig ist dabei, dass das Modell gerade nicht aus einem einzelnen Testwert abgeleitet wird, sondern aus der integrativen Betrachtung verschiedener Datenquellen zu Lage, Verhalten, Normen und Aktivität entsteht.

Es entsteht eine Typologie, die aber ausdrücklich als Erstversuch und Diskussionsmaterial bezeichnet wird. Sie deutet an, dass gleiche Belastungslagen womöglich nicht automatisch zu gleichen Haltungen führen und gleiche Haltungen nicht automatisch gleiche Handlungschancen erzeugen. Skeptische und Eingerichtete unterscheiden sich beispielsweise von Veränderungswilligen oder Orientierungssuchenden nicht primär durch geringere Problemdichte, sondern durch andere Konstellationen von Aktivität, normativer Orientierung, Hilfebeziehung und Veränderungsbereitschaft. Gerade weil die zugrunde liegenden Daten aus einer tiefen, mehrjährigen Begleitung stammen, gewinnt das Modell seinen Wert aus verdichteter Projekterfahrung.

6.1 Die sechs Milieus und ihre praktische Bedeutung

Die Milieus nur zu benennen, würde ihrem analytischen Wert nicht gerecht. Sichtbar werden unterschiedliche Ausgangslagen und Interventionslogiken, die die Heterogenität der Zielgruppe praktisch lesbar machen.

Tabelle 3: Die sechs Milieus in Kurzform und ihre analytischen Ableitungen

Milieu

Kurzprofil

Analytische Ableitung für Praxis und Politik

Skeptische (7 %)

Aktiv, aber nicht im Sinne der Arbeitsmarktintegration; Hilfe wird angenommen, solange der Status quo nicht grundlegend infrage steht.

Nicht primär Qualifizierung, sondern Bearbeitung von Status-quo-Orientierung, Beziehung und Veränderungsdistanz.

Eingerichtete (17 %)

Seit Langem in der Situation eingerichtet; geringe Eigenaktivität und wenig Veränderungswille.

Vertrauensaufbau allein genügt nicht; zentral ist die Arbeit an Passivität, Routinen und Zukunftsbezug.

Orientierungslose (15 %)

Gering aktiv, wenig selbstständig, hohe Gefahr weiterer Passivierung.

Zuerst Struktur, Verlässlichkeit und alltagspraktische Stabilisierung; arbeitsmarktnahe Schritte sind nachgeordnet.

Orientierungssuchende (24 %)

Eher aktiv und offen, aber häufig ohne klare Richtung oder tragfähige Struktur.

Großes Potenzial für Förderung, wenn Orientierung, Verbindlichkeit und realistische Zwischenschritte früh aufgebaut werden.

Veränderungsgehemmte (7 %)

Veränderungsbereit, aber zu passiv, unsicher oder beschämt, um eigenständig ins Handeln zu kommen.

Intensive Begleitung, kleinschrittige Aktivierung und Hemmnisabbau sind wichtiger als abstrakte Appelle.

Veränderungswillige (30 %)

Aktiv und veränderungsbereit, aber durch persönliche und strukturelle Barrieren gebremst.

Hier sind Qualifizierung, Reha, Vermittlung und konkrete Integrationsschritte am ehesten anschlussfähig.

Quelle: Zusammenstellung auf Grundlage der projektbezogenen Gesamtauswertung LEILArehaktiv

Abbildung 2
Abbildung 2: Milieumodell langzeitarbeitsloser Menschen im SGB-II-Bezug mit multiplen Beeinträchtigungen (Eigene Darstellung auf Grundlage der projektbezogenen Gesamtauswertung LEILArehaktiv)

Methodisch ist das Modell zugleich ausdrücklich als erster Versuch markiert. Limitationen werden benannt und weitere Erforschung empfohlen. Gerade deshalb ist es sinnvoll, das Modell als heuristisches Instrument zu lesen: nicht als endgültige Klassifikation, sondern als empirisch gewonnenen Vorschlag zur systematischen Erfassung von Binnenheterogenität.

Die Grafik macht damit den Kernbefund des Modells sichtbar: Aktivitätsgrad und Veränderungsbereitschaft müssen gemeinsam betrachtet werden. Gerade diese zweidimensionale Lesart hilft, zwischen oberflächlich ähnlichen, praktisch aber sehr unterschiedlichen Fallkonstellationen zu unterscheiden.

7 Einordnung in den Fachdiskurs

Im Lichte des Fachdiskurses lässt sich der Ertrag des Materials in fünf Punkten zusammenfassen.

Erstens dokumentiert das Material eine Form projekt‑ und alltagsnaher Langzeitbeobachtung, die in der Forschung zu langzeitarbeitslosen Menschen mit multiplen Beeinträchtigungen selten ist. Hier geht es nicht bloß um wiederholte Kontakte, sondern um eine vollumfängliche Betreuung über Jahre, mit flexiblen, aufsuchenden und begleitenden Settings und einem hohen zeitlichen Betreuungsschlüssel. Gerade diese Struktur erzeugt eine Datentiefe, die über klassische Interview‑ oder Verwaltungsdaten hinausgeht: Sie erlaubt Einblicke in Routinen, Krisen, Abwehrhaltungen, Öffnungsmomente und stabile Deutungsmuster. Für schwer zugängliche, stark belastete Populationen ist das methodisch relevant, auch wenn gerade dadurch neue Fragen nach Distanz und Objektivität entstehen.

Zweitens stärkt das Material eine Perspektive auf Handlungsfähigkeit, die nicht mit Ressourcenausstattung identisch ist. Kerschbaumer (2019) hat gezeigt, dass Handlungsofferten der Arbeitsvermittlung von Langzeitarbeitslosen häufig nicht als realistisch oder passend erlebt werden. Die LEILArehaktiv-Befunde verschärfen diesen Punkt, indem sie zeigen, dass selbst bei vergleichbarer Belastungslage sehr unterschiedliche Orientierungen zu Arbeit, Therapie und Veränderung vorliegen können.

Drittens ergänzt das Material die Diskussion um Erwerbsnormen. Studien zur sozialen Norm der Erwerbsarbeit weisen darauf hin, dass Arbeitslosigkeit auch deshalb belastend oder integrationsrelevant ist, weil Erwerbstätigkeit sozial normativ aufgeladen ist (Roex und Rozer 2018). Die rekonstruierten Befunde gehen darüber hinaus, weil sie nicht nur die Fortgeltung dieser Norm, sondern auch ihre Erosion, Verschiebung oder Ablösung innerhalb einer besonders belasteten Population thematisieren.

Viertens präzisiert das Material die Aktivierungsdebatte. Aktivierende Politik setzt typischerweise auf Beschäftigungsfähigkeit, Mitwirkung, Anreize und institutionelle Steuerung (Dingeldey 2006; Dingeldey 2011; Bundesagentur für Arbeit 2023). Die LEILArehaktiv-Auswertung widerlegt diesen Zugang nicht. Sie zeigt aber, dass die Annahme einer linearen Kette – Hemmnisse abbauen, Motivation steigt, Reintegration folgt – empirisch zu grob ist. Belastungen, innere Einstellungen, digitale Routinen und milieuspezifische Lebenswirklichkeiten greifen ineinander.

Fünftens wird die digitale Welt als direkter Einflussfaktor auf Verhalten, Fähigkeiten und Persönlichkeit verstanden und gerade nicht aus der Perspektive von Teilhabe und technischer Umsetzung betrachtet.

8 Konsequenzen für Praxis und Sozialpolitik

Für die Praxis der Sozialen Arbeit, der Jobcenter, der Reha und der Bildungsträger folgt daraus zunächst keine Abkehr von Defizitbearbeitung. Niedrige formale Bildung, Gesundheitsprobleme, psychische Erkrankungen, soziale Isolation, Überschuldung und instabile Erwerbsbiografien bleiben zentrale Barrieren. Die Befunde legen jedoch nahe, dass diese Barrieren allein noch keine hinreichende Reintegrationsdiagnostik ergeben.

Erforderlich ist vielmehr eine präzisere Verbindung von Belastungslage, innerer Einstellung, digitaler Rezeptionsweise und milieuspezifischer Lebenswirklichkeit. Das bedeutet erstens, dass Arbeitswille, Therapiebereitschaft, Motivation und Normorientierung nicht als bloße „weiche Faktoren“ behandelt werden sollten. Zweitens müssen Kommunikations-, Lern‑ und Beratungsformate stärker an tatsächliche Rezeptionsmuster anschließen. Drittens spricht das Milieumodell gegen standardisierte Aktivierungslogiken: Nicht für jede Gruppe ist derselbe Einstieg sinnvoll, und nicht jede geringe Aktivität verweist auf dieselbe Ursache. Viertens sollte Diagnostik stärker als verknüpfte Diagnostik verstanden werden, in der gesundheitliche, soziale, einstellungsbezogene und digitale Variablen zusammen gelesen werden, statt nebeneinander herzulaufen. Fünftens muss die digitale Welt auch bei Erwachsenen als Einflussfaktor anerkannt werden.

Für die Sozialpolitik bedeutet das vor allem, vorsichtiger mit pauschalen Aktivierungslogiken umzugehen. Das Milieumodell macht plausibel, dass „one size fits all“-Strategien an einer heterogenen Population vorbeigehen. Zugleich darf diese Einsicht nicht dazu führen, strukturelle Probleme zu psychologisieren oder fehlende Integrationschancen einzelnen Personen zuzuschreiben. Am Ende geht es nicht um eine Moralisierung des Wollens, sondern in der präziseren Beschreibung realer Konstellationen, unter denen Reintegrationsprozesse gelingen, stocken oder abbrechen.

9 Schluss

Die Befunde sprechen nicht gegen die Relevanz von Qualifikation, Gesundheit, sozialer Lage oder Arbeitsmarktdistanz. Sie zeigen vielmehr, dass diese Variablen nur einen Teil der Integrationsfrage beantworten. Wer langzeitarbeitslose Menschen mit multiplen Beeinträchtigungen verstehen will, muss neben dem Können auch das Wollen, die normativen Orientierungen, die digitale Alltagspraxis und die milieuspezifische Lebenswirklichkeit in den Blick nehmen.

Der Text macht damit sichtbar, dass Qualifikation, Gesundheit, soziale Lage und Arbeitsmarktdistanz nur einen Teil der Integrationsfrage beantworten. Weil LEILArehaktiv auf vollumfängliche, langfristige und alltagsnahe Begleitung setzt, wird sichtbar, was in punktuellen Erhebungen meist verborgen bleibt: wie Menschen ihre Lage deuten, welche Hilfen sie annehmen oder abwehren, wann Veränderungsbereitschaft entsteht und warum sie wieder kippen kann. Die Befunde sind wegen der Projektnähe, der variierenden Teilstichproben und der offenen Fragen der Übertragbarkeit kritisch zu lesen. Zwischen objektiver Lage und beobachtetem Verhalten liegt keine Leerstelle, sondern ein Feld von Einstellungen, Deutungen, digitalen Prägungen und verfestigten Alltagsordnungen. Dieses Feld entscheidet mit darüber, ob Unterstützung als Chance, Zumutung, Druck oder bedeutungslos erlebt wird. Eine ernsthafte Diskussion über Langzeitarbeitslosigkeit muss es daher systematisch mitdenken.

10 Literatur

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Wollen als eigene Analysekategorie. Warum eine reine Defizitlogik bei langzeitarbeitslosen Menschen mit multiplen Beeinträchtigungen zu kurz greift © 2026 von Andreas Herteux ist lizenziert unter CC BY 4.0

Verfasst von
Andreas Herteux
Wirtschafts- und Sozialforscher
Leiter der Erich von Werner Gesellschaft
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ORCID: https://orcid.org/0000-0002-2822-3957

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Michael Görtler, Stefan Schäfer (Hrsg.): Politische Bildung in der Sozialen Arbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2025.
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