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Wächst Weisheit mit Erfahrung? Befunde aus der Sozialen Arbeit

Persönlichkeitsentwicklung in der Sozialen Arbeit - die Entwicklung von Weisheit in der beruflichen Praxis

Petra Wolf

veröffentlicht am 22.06.2026 | Aufsatz


https://doi.org/10.60049/fttceztv

Mehr Berufserfahrung bedeutet nicht automatisch mehr Weisheit. Die vorliegende Studie untersucht erstmals den Zusammenhang von Expertise, beruflicher und persönlicher Weisheit in der Sozialen Arbeit. Während berufliche Weisheit mit zunehmender Erfahrung wächst, bleibt persönliche Weisheit weitgehend unverändert – ein Befund mit weitreichenden Konsequenzen für Professionalisierung und Ausbildung.

Inhalt

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Methodik
  3. 3 Ergebnisse
  4. 4 Diskussion
  5. 5 Fazit
  6. 6 Referenzen

Zusammenfassung

Ob und in welchem Ausmaß Weisheit mit zunehmender beruflicher Erfahrung einhergeht, ist bislang empirisch nicht hinreichend geklärt, insbesondere im Kontext angewandter Professionen wie der Sozialen Arbeit. Berufliche Weisheit wird dabei als die Fähigkeit verstanden, komplexe berufliche Problemsituationen unter Berücksichtigung unterschiedlicher Perspektiven reflektiert, ausgewogen und kontextsensibel zu beurteilen und zu bewältigen. Ziel der vorliegenden Mixed-Methods-Studie war es daher, zu untersuchen, ob berufliche Expertise mit beruflicher und persönlicher Weisheit zusammenhängt und inwiefern sich beide Konstrukte empirisch voneinander unterscheiden.

Die Stichprobe umfasste Studierende der Sozialen Arbeit auf drei Expertisestufen (N = 205) sowie berufserfahrene Fachkräfte mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung (N = 185). Weisheit wurde sowohl über beobachterbasierte Performanz Ratings anhand standardisierter sozialpädagogischer Dilemmasituationen als auch mittels der Situated Wise Reasoning Scale (SWIS) erhoben. Zusätzlich wurden berufliche Handlungskompetenz (KRI), Persönlichkeitsmerkmale (Big Five) und Arbeitszufriedenheit erfasst.

Die Ergebnisse legen einen signifikanten positiven Zusammenhang zwischen Expertisegrad und beruflicher Weisheit nahe, was auf eine Zunahme berufsbezogener Weisheitsleistungen mit wachsender Erfahrung hinweist. Im Gegensatz dazu zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Expertisegrad und persönlicher Weisheit. Auch zwischen beruflicher und persönlicher Weisheit bestand kein signifikanter Zusammenhang. Persönlichkeitsmerkmale wie Offenheit, Verträglichkeit und Neurotizismus standen in schwachem Zusammenhang mit persönlicher Weisheit, während Gewissenhaftigkeit mit beruflicher Weisheit assoziiert war. Die Befunde sprechen dafür, dass berufliche Weisheit ein erfahrungsabhängiges, kontextspezifisches Kompetenzkonstrukt darstellt, das sich von persönlicher Weisheit unterscheidet und nicht automatisch mit zunehmender Berufserfahrung generalisiert.

1 Einleitung

Berufliche Entwicklung in der Sozialen Arbeit wird in Forschung und Praxis häufig vor allem unter dem Blickwinkel von Belastung und Risiko diskutiert. Insbesondere Themen wie emotionale Erschöpfung, Stress und Burnout stehen im Zentrum vieler Studien zu Arbeitsbedingungen sozialer Fachkräfte (Hussein, 2018; Kim & Stoner, 2008). Diese Perspektive ist angesichts der hohen Anforderungen sozialer Berufe nachvollziehbar, greift jedoch möglicherweise zu kurz, wenn berufliche Entwicklung ausschließlich als potenzieller Belastungsprozess betrachtet wird. Berufliche Erfahrung kann auch mit Lernprozessen verbunden sein, in denen Fachkräfte ein differenzierteres Verständnis komplexer sozialer Situationen entwickeln und ihr professionelles Urteilsvermögen erweitern. In professionsbezogenen Tätigkeiten wie Beratung oder Psychotherapie wurde wiederholt gezeigt, dass sich mit zunehmender Erfahrung nicht nur Fachwissen, sondern auch Formen reflexiver professioneller Kompetenz weiterentwickeln (Orlinsky & Rønnestad, 2005). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob berufliche Praxis auch in der Sozialen Arbeit zu einer solchen vertieften Form professionellen Urteilens beitragen kann. Ein möglicher theoretischer Rahmen zur Beschreibung dieser Entwicklung ist das Konzept der Weisheit. Weisheit wird dabei als Fähigkeit verstanden, komplexe und moralisch ambivalente Situationen reflektiert zu beurteilen und unterschiedliche Perspektiven sowie langfristige Konsequenzen in Entscheidungen einzubeziehen.

Gesellschaften und Organisationen sehen sich zunehmend mit komplexen, unsicheren und moralisch mehrdeutigen Entscheidungssituationen konfrontiert, die sich nicht durch standardisierte Regeln oder rein analytische Verfahren lösen lassen (Sternberg et al., 2019; Sternberg, 2021). Solche sogenannten ill-strukturierten Probleme sind durch unvollständige Informationen, konkurrierende Interessen und langfristige Konsequenzen gekennzeichnet und erfordern Fähigkeiten, die über fachliches Wissen hinausgehen (Kessler & Bailey, 2007; Sternberg & Glück, 2022). In diesem Kontext wird Weisheit als eine psychologische Ressource betrachtet, die es ermöglicht, Unsicherheit zu tolerieren, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und Entscheidungen unter Berücksichtigung individueller und gesellschaftlicher Konsequenzen zu treffen (Grossmann et al., 2020; Glück et al., 2019; Zacher & Kunzmann, 2019). Forschungsergebnisse zeigen, dass weises Denken mit erhöhter Reflexionsfähigkeit, Perspektivenübernahme und intellektueller Bescheidenheit verbunden ist und zur Bewältigung komplexer sozialer Probleme beiträgt (Ardelt, 2003; Grossmann, 2017; Zacher & Kunzmann, 2019).

Weisheit wird in der psychologischen Forschung als multidimensionales Konstrukt verstanden, das kognitive, reflexive und affektive Komponenten umfasst (Ardelt, 2003; Clayton, 1976; Sternberg, 1998). Diese Komponenten ermöglichen es Individuen, eigene Wissensgrenzen zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen und Entscheidungen im Hinblick auf langfristige Konsequenzen zu reflektieren (Glück et al., 2019; Zacher & Kunzmann, 2019). Im Gegensatz zu reinem Fachwissen oder Intelligenz beinhaltet Weisheit eine integrative Form des Denkens, die es erlaubt, individuelle und kollektive Interessen auszubalancieren und angemessene Lösungen in komplexen sozialen Situationen zu entwickeln (Freeman et al., 2007; Karami & Parra-Martinez, 2021). Gleichzeitig wird Weisheit nicht ausschließlich als stabile Persönlichkeitseigenschaft betrachtet, sondern auch als kontextabhängige Fähigkeit, die in spezifischen Situationen aktiviert und entwickelt werden kann (Grossmann, 2017; Santos et al., 2017).

Trotz der wachsenden Bedeutung von Weisheit für Entscheidungen in komplexen sozialen Kontexten konzentrierte sich ein Großteil der bisherigen Forschung auf Weisheit als allgemeines Persönlichkeitsmerkmal oder als abstraktes theoretisches Konzept (Ardelt, 2004; Glück & Weststrate, 2022; Sternberg & Karami, 2021). Parallel dazu existiert ein eigenständiger Forschungsstrang zur organisationalen Weisheit, der sich mit der Integration individuellen Wissens in kollektive Entscheidungsprozesse befasst (Cortez & Johnston, 2019; Kessler, 2006). Diese beiden Perspektiven unterscheiden sich jedoch in ihrem Fokus: Während organisationale Weisheit auf kollektive Prozesse abzielt, beschreibt persönliche Weisheit individuelle kognitive und reflexive Eigenschaften (Ardelt, 2003; Kessler, 2006). Forschung, die untersucht, wie Weisheit als individuelle Fähigkeit in konkreten beruflichen Entscheidungssituationen ausgeprägt ist und mit beruflicher Erfahrung zusammenhängt, ist bisher begrenzt (Glück & Weststrate, 2022; Zacher & Kunzmann, 2019).

Die Unterscheidung zwischen persönlicher und kontextgebundener Weisheit ist von besonderer Bedeutung, da Weisheit nicht notwendigerweise als global stabile Eigenschaft verstanden werden muss, sondern situationsabhängig variieren kann (Grossmann, 2017; Grossmann et al., 2020). Weisheitsbezogenes Denken kann in spezifischen Kontexten aktiviert werden und ist eng mit der Fähigkeit verbunden, komplexe soziale Situationen zu interpretieren und zu reflektieren (Glück et al., 2019; Zacher & Kunzmann, 2019). Daraus ergibt sich die Frage, ob Weisheit im beruflichen Kontext mit zunehmender Expertise zunimmt und ob diese Entwicklung auch mit einer allgemeinen Zunahme persönlicher Weisheit einhergeht.

Die vorliegende Studie untersucht daher den Zusammenhang zwischen beruflicher Expertise, beruflicher Weisheit und persönlicher Weisheit in der Sozialen Arbeit. Auf Grundlage eines Mixed-Methods-Designs werden sowohl performanzbasierte Ratings beruflicher Weisheit als auch Selbstberichtsdaten zur persönlichen Weisheit analysiert. Ziel der Untersuchung ist es, zu klären, ob sich berufliche und persönliche Weisheit in ihrer Ausprägung unterscheiden und ob berufliche Erfahrung mit höheren Weisheitswerten assoziiert ist.

2 Methodik

Die Datenerhebung erfolgte anhand eines querschnittlichen, quantitativen und qualitativen Forschungsdesigns. Die quantitative Erhebung wurde mittels einer Onlinebefragung mit einem vierteiligen Fragebogen durchgeführt, bestehend aus der Situated Wise Reasoning Scale (SWIS; Brienza et al., 2018), dem Kompetenz-Reflexions-Inventar (KRI; Kauffeld, 2021), der Big5-Kurzskala (B5T; Satow, 2020) und der Kurzskala der Arbeitszufriedenheit (SAZK; Fischer & Lück, 1972, 2014). Die qualitative Untersuchung umfasste eine beobachterbasierte Leistungserhebung anhand videobasierter sozialpädagogischer Praxissituationen sowie ein halbstrukturiertes Interview. Die abhängige Variable war Weisheit in fünf Dimensionen: Perspektivenwechsel, Kontingenz, intellektuelle Bescheidenheit, Reflexion und Resolution (Grossmann et al., 2010; 2016). Die unabhängige Variable war der Expertisegrad mit vier Stufen: Studierende im ersten Semester, Studierende im dritten Semester, Studierende nach dem Praxissemester sowie Expert*innen mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung.

Die Gesamtstichprobe setzte sich aus Studierenden und Expert*innen der Sozialen Arbeit zusammen. Die Expert*innengruppe umfasste 185 Sozialarbeiter*innen mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung. Das Durchschnittsalter betrug 50,47 Jahre (SD = 9,37), und die durchschnittliche Berufserfahrung lag bei 22,41 Jahren (SD = 8,86). Die Studierendengruppe umfasste 205 Studierende der Sozialen Arbeit mit vollständigen Datensätzen. Das Durchschnittsalter betrug 22,35 Jahre (SD = 3,85). Die qualitative Teilstichprobe bestand aus insgesamt 24 Teilnehmenden, darunter 12 Studierende und 12 Expert*innen, die sowohl an der qualitativen als auch an der quantitativen Untersuchung teilnahmen.

Die quantitative Untersuchung wurde mittels eines Fragebogens mit insgesamt 77 Items durchgeführt. Weisheit wurde mit der Situated Wise Reasoning Scale erfasst, die weisheitsbezogenes Denken in fünf Dimensionen misst. Die berufliche Handlungs-kompetenz wurde mit dem Kompetenz-Reflexions-Inventar erhoben, das Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz umfasst. Persönlichkeitsmerkmale und Grundmotive wurden mit der Big5-Skala erhoben, die Neurotizismus, Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Offenheit sowie Leistungs-, Macht‑ und Sicherheitsmotiv misst (Satow, 2020). Arbeitszufriedenheit wurde mit der Kurzskala der Arbeitszufriedenheit erhoben (Fischer & Lück, 2014).

Die qualitative Leistungserhebung erfolgte anhand zweier videobasierter sozialpädagogischer Praxissituationen mit offenem Ausgang. Die Teilnehmenden wurden gebeten, ihre Gedanken laut zu verbalisieren und mögliche Entwicklungen sowie Handlungsoptionen zu reflektieren. Die Aussagen wurden audioaufgezeichnet, transkribiert und von zwei unabhängigen, geschulten und hypothesenblinden Rater*innen eingeschätzt. Die Bewertung erfolgte anhand standardisierter Bewertungsrichtlinien auf einer vierstufigen Skala von 0 bis 3 Punkten für jede der fünf Weisheitsdimensionen. Die Inter-rater-Reliabilität wurde mittels Cohens Kappa und Intraklassenkorrelation überprüft und lagen im guten bis exzellenten Bereich.

Zusätzlich wurden halbstrukturierte Interviews durchgeführt, die sich auf persönliche und berufliche Erfahrungen bezogen. Die Interviews wurden audioaufgezeichnet, transkribiert und mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2022) ausgewertet. Die Auswertung erfolgte deduktiv entlang der fünf Weisheitsdimensionen.

Die quantitative Datenerhebung fand über die Onlineplattform SoSci Survey statt. Für die statistische Auswertung wurden Regressionsmodelle und Korrelationsanalysen verwendet.

Das Signifikanzniveau wurde auf α =.05 festgelegt. Bei mehrfachen Tests wurde eine Bonferroni-Korrektur durchgeführt. Die Datenanalyse erfolgte mit IBM SPSS Statistics Version 29.0.0 sowie Software R Core Team, Version 4.5.2.

3 Ergebnisse

Zunächst wurden die deskriptiven Kennwerte der persönlichen Weisheit in der Expert*innengruppe (4. Expertisegrad; N = 185) analysiert. Der Gesamtscore der persönlichen Weisheit, gemessen mit der Situated Wise Reasoning Scale (SWIS), lag im Mittel bei M = 9.11 (SD = 1.93) und damit im mittleren Bereich der Skala. Die interne Konsistenz der Gesamtskala war hoch (Cronbachs α =.91; McDonald’s ω =.91). Die Verteilung der Werte zeigte, dass die Mehrheit der Teilnehmenden eine durchschnittliche Ausprägung persönlicher Weisheit aufwies (n = 134), während nur kleinere Anteile überdurchschnittliche (n = 25) oder unterdurchschnittliche Werte (n = 26) erreichten. Insgesamt zeigte sich eine annähernd normalverteilte Streuung mit Schwerpunkt im mittleren Wertebereich, ohne Hinweis auf außergewöhnlich hohe persönliche Weisheitsausprägungen trotz langjähriger Berufserfahrung (M = 22.41 Jahre, SD = 8.86).

Zur Überprüfung der Hypothese, dass berufliche Weisheit mit zunehmendem Expertisegrad zunimmt, wurde der Zusammenhang zwischen Expertisegrad und beruflicher Weisheit anhand beobachterbasierter Performanz Ratings analysiert (N = 24). Die deskriptiven Ergebnisse zeigten einen graduellen Anstieg der Mittelwerte beruflicher Weisheit vom ersten Semester über fortgeschrittene Studierende bis hin zur Expert*innengruppe. Dieser Zusammenhang war statistisch signifikant. Eine Kendall’s Tau Korrelation ergab einen positiven Zusammenhang mittlerer Stärke zwischen Expertisegrad und beruflicher Weisheit (τ =.34, 95 % CI [.04,.57], p =.036). Mit zunehmender beruflicher Erfahrung nahm somit die beobachtbare berufliche Weisheit signifikant zu.

Im Gegensatz dazu zeigte sich kein entsprechender Zusammenhang zwischen Expertisegrad und persönlicher Weisheit. Die Analyse der quantitativen Gesamtstichprobe (N = 414) ergab, dass die Mittelwerte persönlicher Weisheit über alle Expertisestufen hinweg auf einem vergleichbaren Niveau lagen, ohne systematischen Anstieg mit zunehmender Erfahrung. Die Kendall’s Tau Korrelation zwischen Expertisegrad und persönlicher Weisheit war nicht signifikant (τ = −.05, 95 % CI [−.12,.01], p =.169), was auf das Fehlen eines Zusammenhangs hinweist. Dieser Befund zeigt, dass persönliche Weisheit im Gegensatz zur beruflichen Weisheit nicht mit zunehmender beruflicher Expertise zunimmt.

Zusätzlich wurde der Zusammenhang zwischen beruflicher und persönlicher Weisheit direkt untersucht (N = 24). Die Korrelationsanalyse ergab keinen signifikanten Zusammenhang zwischen beiden Konstrukten (r = −.27, 95 % CI [−.62,.13], p =.205). Individuen mit hoher beruflicher Weisheit zeigten somit nicht notwendigerweise hohe Werte in persönlicher Weisheit und umgekehrt.

4 Diskussion

Die Ergebnisse zeigen eine klare Differenz zwischen beruflicher und persönlicher Weisheit im Kontext professioneller Entwicklung in der Sozialen Arbeit. Während berufliche Weisheit mit zunehmendem Expertisegrad signifikant zunimmt, bleibt persönliche Weisheit über die verschiedenen Erfahrungsstufen hinweg stabil. Berufliche Erfahrung scheint somit spezifisch mit der Entwicklung professioneller Weisheit verbunden zu sein, ohne dass sich diese Entwicklung auf die persönliche Weisheit überträgt.

Der Anstieg beruflicher Weisheit mit zunehmender Expertise steht im Einklang mit theoretischen Modellen professioneller Kompetenzentwicklung, die davon ausgehen, dass komplexe kognitive und reflexive Fähigkeiten durch wiederholte Konfrontation mit beruflichen Entscheidungssituationen ausgebildet werden. Die beobachtete Zunahme der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, zur Reflexion und zur Berücksichtigung multipler Handlungsmöglichkeiten lässt sich als Ergebnis wiederholter professioneller Praxis interpretieren. Professionelle Weisheit entwickelt sich somit im Kontext spezifischer Anforderungen und unterliegt einem domänenspezifischen Lernprozess.

Im Gegensatz dazu zeigt persönliche Weisheit keinen Zusammenhang mit beruflicher Erfahrung. Auch Fachkräfte mit durchschnittlich mehr als zwei Jahrzehnten Berufserfahrung erreichten keine höheren Werte in persönlicher Weisheit als Studierende. Dieser Befund widerspricht der verbreiteten Annahme, dass Lebenserfahrung oder berufliche Erfahrung automatisch zu einer allgemeinen Zunahme von Weisheit führt. Erfahrung allein scheint nicht ausreichend zu sein, um persönliche Weisheit zu fördern. Persönliche Weisheit könnte stattdessen stärker von individuellen Entwicklungsprozessen, Persönlichkeitsmerkmalen oder reflektiven Lebensprozessen abhängen, die nicht automatisch durch berufliche Tätigkeit ausgelöst werden.

Auch der fehlende Zusammenhang zwischen beruflicher und persönlicher Weisheit spricht gegen die Annahme eines einheitlichen Weisheitskonstrukts. Personen mit hoher beruflicher Weisheit zeigten nicht zwangsläufig hohe persönliche Weisheit. Dieses Ergebnis legt nahe, dass berufliche Weisheit als kontextgebundene Kompetenz verstanden werden sollte, die sich innerhalb professioneller Rollen entwickelt und nicht notwendigerweise mit allgemeinen Formen weisheitsbezogenen Denkens identisch ist. Berufliche Weisheit kann daher als performanzbasierte Fähigkeit interpretiert werden, die an spezifische berufliche Anforderungen gebunden ist.

Diese Differenzierung hat theoretische Konsequenzen für das Verständnis von Weisheit. Weisheit erscheint nicht als globale Persönlichkeitseigenschaft, die sich automatisch mit Erfahrung entwickelt, sondern als teilweise domänenspezifische Kompetenz. Professionelle Ausbildung und Berufserfahrung fördern offenbar vor allem jene Formen von Weisheit, die unmittelbar für berufliche Entscheidungsprozesse relevant sind. Persönliche Weisheit folgt dagegen möglicherweise anderen Entwicklungsmechanismen, die stärker mit individueller Selbstreflexion, biografischer Verarbeitung oder Persönlichkeitsentwicklung verbunden sind.

Neben den theoretischen Implikationen ergeben sich auch praktische Konsequenzen für Ausbildung und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit. Die Entwicklung beruflicher Weisheit scheint gezielt durch professionelle Praxis unterstützt zu werden. Dies spricht für die Bedeutung von praxisnaher Ausbildung, Supervision und reflexiven Lernformaten. Gleichzeitig legen die Ergebnisse nahe, dass persönliche Weisheit nicht automatisch durch berufliche Tätigkeit gefördert wird. Programme zur Förderung reflexiver Selbstentwicklung könnten daher eine eigenständige Rolle in der Ausbildung spielen.

5 Fazit

Berufliche Expertise geht mit einer signifikanten Zunahme beruflicher Weisheit einher, nicht jedoch mit einer Zunahme persönlicher Weisheit. Berufliche Weisheit entwickelt sich im Kontext professioneller Anforderungen und reflektiert eine spezifische Form domänenspezifischer Kompetenz. Persönliche Weisheit bleibt über verschiedene Erfahrungsstufen hinweg stabil und zeigt keinen Zusammenhang mit beruflicher Erfahrung.

Diese Befunde sprechen gegen die Annahme, dass Erfahrung automatisch zu allgemeiner Weisheit führt. Weisheit erscheint vielmehr als multidimensionales Konstrukt mit unterschiedlichen Entwicklungsverläufen.

Berufliche Weisheit kann als kontextgebundene performative Fähigkeit verstanden werden, die durch professionelle Praxis geformt wird, während persönliche Weisheit unabhängig davon verläuft.

Die Ergebnisse tragen zu einem differenzierteren Verständnis von Weisheit in professionellen Kontexten bei und unterstreichen die Notwendigkeit, zwischen beruflicher und persönlicher Weisheit zu unterscheiden. Professionalisierungsprozesse fördern spezifische Formen weisheitsbezogenen Denkens, ohne automatisch eine umfassende persönliche Weisheitsentwicklung zu bewirken.

6 Referenzen

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Verfasst von
Petra Wolf
Doktorandin an der OTH Regensburg
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