Suche nach Titel, Autor:in, Schlagwort
socialnet Logo

Entwickelt sich Weisheit in allen Bereichen gleichermaßen? Befunde aus der Sozialen Arbeit

Weisheit in der Sozialen Arbeit – unterschiedliche Ausprägungsmuster verschiedener Weisheitsdimensionen in Studium und Berufspraxis

Petra Wolf

veröffentlicht am 02.09.2026 | Aufsatz


https://doi.org/10.60049/5ltrgbw6

Weisheit gilt als zentrale Ressource professionellen Handelns. Eine Mixed-Methods-Studie mit Studierenden und erfahrenen Fachkräften der Sozialen Arbeit untersucht, ob berufliche und persönliche Weisheit sowie einzelne Weisheitsdimensionen über verschiedene Ausbildungs‑ und Erfahrungsstufen hinweg unterschiedliche Ausprägungsmuster zeigen.

Inhalt

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Methodik
  3. 3 Ergebnisse
  4. 4 Diskussion
  5. 5 Limitationen
  6. 6 Fazit
  7. 7 Referenzen

Zusammenfassung

Die Studie untersucht, ob sich berufliche und persönliche Weisheit sowie einzelne Weisheitsdimensionen über verschiedene Ausbildungs‑ und Erfahrungsstufen der Sozialen Arbeit hinweg unterschiedlich darstellen. An der quantitativen Untersuchung nahmen 217 Studierende und 197 berufserfahrene Fachkräfte teil. Persönliche Weisheit wurde mit der Situated Wise Reasoning Scale erfasst. Eine Teilstichprobe von 24 Personen bearbeitete zudem zwei videobasierte sozialpädagogische Dilemmasituationen, deren verbalisierte Überlegungen von zwei unabhängigen Rater*innen hinsichtlich Perspektivenwechsel, Kontingenzbewusstsein, intellektueller Bescheidenheit, Reflexion und Resolution bewertet wurden. Höhere Expertisegrade gingen mit höheren Werten beruflicher Weisheit einher; für persönliche Weisheit zeigte sich dagegen kein statistisch belastbarer Zusammenhang mit dem Expertisegrad. Perspektivenwechsel erreichte die höchsten, Reflexion die niedrigsten performanzbasierten Werte. Persönlichkeitsmerkmale standen je nach Weisheitsform unterschiedlich mit den Ergebnissen in Zusammenhang. Aufgrund des querschnittlichen Designs, der kleinen performanznah untersuchten Teilstichprobe, unterschiedlicher Messmethoden und verkürzter Instrumente sind die Befunde vorsichtig zu interpretieren. Sie unterstützen ein mehrdimensionales Verständnis von Weisheit und liefern Ansatzpunkte für Ausbildung, Supervision und weitere Forschung.

1 Einleitung

Soziale Arbeit ist durch Situationen geprägt, in denen eindeutige Lösungen häufig nicht verfügbar sind. Fachkräfte müssen Entscheidungen unter Bedingungen von Unsicherheit treffen, widersprüchliche Interessen berücksichtigen und die Folgen ihres Handelns für unterschiedliche Personengruppen abschätzen. Solche Anforderungen machen Fähigkeiten erforderlich, die über fachliches Wissen hinausreichen und eine reflektierte Auseinandersetzung mit komplexen Problemlagen ermöglichen (Dewe & Otto, 2012; Schön, 1983). Zur Beschreibung dieser Fähigkeiten wird zunehmend auf das Konzept der Weisheit zurückgegriffen. Weisheit gilt als eine Form des Denkens, die Menschen dazu befähigt, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, die Grenzen des eigenen Wissens anzuerkennen und langfristige Konsequenzen von Entscheidungen abzuwägen (Grossmann, 2017; Sternberg & Glück, 2022). Forschungsergebnisse zeigen, dass weisheitsbezogene Denkprozesse zur Bewältigung komplexer sozialer Herausforderungen beitragen können und mit Reflexionsfähigkeit, Perspektivenübernahme sowie intellektueller Bescheidenheit verbunden sind (Ardelt, 2003; Grossmann, 2017; Zacher & Kunzmann, 2019).

In der psychologischen Forschung besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Weisheit kein eindimensionales Merkmal darstellt. Vielmehr setzt sie sich aus mehreren Komponenten zusammen, die unterschiedliche kognitive, reflexive und affektive Prozesse abbilden (Ardelt, 2003; Clayton, 1976; Sternberg, 1998; Baltes & Staudinger, 2000; Webster, 2007). Modelle weisheitsbezogenen Denkens unterscheiden unter anderem zwischen Perspektivenwechsel, Kontingenzbewusstsein, Reflexionsfähigkeit, intellektueller Bescheidenheit und der Fähigkeit zur Entwicklung ausgewogener Lösungsansätze (Grossmann et al., 2010; 2016).

Die Mehrdimensionalität des Konstrukts wirft die Frage auf, ob sich sämtliche Dimensionen gleichermaßen entwickeln. Theoretische Überlegungen legen nahe, dass Weisheit nicht automatisch durch Lebensalter oder Erfahrung entsteht, sondern von der Verarbeitung und Reflexion von Erfahrungen abhängen kann (Baltes & Staudinger, 2000; Webster, 2007; Weststrate & Glück, 2017). Theoretisch erscheint dies nicht selbstverständlich. Einzelne Komponenten könnten stärker von beruflicher Erfahrung profitieren als andere. Perspektivenwechsel oder die Fähigkeit zur Entwicklung differenzierter Handlungsoptionen könnten beispielsweise durch wiederholte Konfrontation mit komplexen Praxissituationen gefördert werden (Baltes & Staudinger, 2000; Grossmann, 2017). Andere Dimensionen, etwa intellektuelle Bescheidenheit, könnten stärker von individuellen Persönlichkeitsmerkmalen oder biografischen Erfahrungen beeinflusst sein (Glück & Bluck, 2013; Weststrate & Glück, 2017).

Bisherige Untersuchungen konzentrierten sich überwiegend auf globale Weisheitswerte oder die allgemeine Beziehung zwischen Weisheit und Erfahrung (Glück & Weststrate, 2022). Die Entwicklung einzelner Weisheitsdimensionen wurde dagegen nur selten differenziert betrachtet. Unklar bleibt daher, ob die verschiedenen Bestandteile von Weisheit ähnliche Entwicklungsmuster aufweisen oder ob bestimmte Dimensionen früher beziehungsweise stärker ausgeprägt sind als andere. Insbesondere wird angenommen, dass Selbstreflexion eine bedeutsame Voraussetzung für die Entwicklung weisheitsbezogener Fähigkeiten darstellt, sodass einzelne Dimensionen von unterschiedlichen Entwicklungsprozessen beeinflusst werden könnten (Weststrate & Glück, 2017).

Gerade für die Soziale Arbeit besitzt diese Fragestellung eine hohe Relevanz. Die Profession ist auf reflektierte Urteilsbildung, Perspektivenübernahme und den Umgang mit Unsicherheit angewiesen (Dewe & Otto, 2012; Schön, 1983). Erkenntnisse über die Entwicklung einzelner Weisheitsdimensionen könnten dazu beitragen, professionelle Lernprozesse besser zu verstehen und Ausbildungsangebote gezielter auszurichten.

Untersucht wird daher die Entwicklung verschiedener Weisheitsdimensionen über unterschiedliche Ausbildungs‑ und Erfahrungsstufen hinweg. Hierzu werden sowohl Selbstberichtsdaten als auch performanzbasierte Bewertungen herangezogen. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Frage, ob sich Perspektivenwechsel, Kontingenz, intellektuelle Bescheidenheit, Reflexion und Resolution in vergleichbarer Weise beobachten oder unterschiedliche Entwicklungstendenzen erkennen lassen.

2 Methodik

Ein kombiniertes quantitatives und qualitatives Forschungsdesign bildete die methodische Grundlage der Untersuchung. Die Erhebung der Daten erfolgte zu einem Zeitpunkt und verfolgte das Ziel, Unterschiede und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Erfahrungsgruppen innerhalb der Sozialen Arbeit zu analysieren. Der quantitative Untersuchungsteil basierte auf einer standardisierten Onlinebefragung. Für den qualitativen Untersuchungsteil wurden videobasierte Fallsituationen aus dem sozialpädagogischen Arbeitsfeld sowie halbstrukturierte Interviews eingesetzt.

Im Fokus der Untersuchung stand Weisheit als mehrdimensionales Merkmal. Die Operationalisierung umfasste die Dimensionen Perspektivenwechsel, Kontingenzbewusstsein, intellektuelle Bescheidenheit, Reflexion und Resolution (Grossmann et al., 2010; 2016). Zur Differenzierung der Teilnehmenden wurden vier Erfahrungsstufen berücksichtigt: Studierende im ersten Fachsemester, Studierende im dritten Fachsemester, Studierende nach Absolvierung des Praxissemesters sowie Sozialarbeiter*innen mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung.

An der quantitativen Untersuchung beteiligten sich insgesamt 414 Personen aus der Sozialen Arbeit. Die Gruppe der Berufspraktiker*innen bestand aus 197 Personen mit einem Durchschnittsalter von 50,47 Jahren (SD = 9,37). Die mittlere Dauer der Berufstätigkeit lag bei 22,41 Jahren (SD = 8,86). Die Studierendenstichprobe umfasste 217 Personen mit vollständigen Datensätzen. Das Durchschnittsalter dieser Gruppe betrug 22,35 Jahre (SD = 3,85). Für die qualitative Untersuchung wurde eine Teilstichprobe von 24 Personen herangezogen, die sich aus 12 Studierenden und 12 berufserfahrenen Fachkräften zusammensetzte.

Die Onlinebefragung umfasste 77 Items. Zur Erfassung weisheitsbezogenen Denkens wurde die Situated Wise Reasoning Scale (SWIS; Brienza et al., 2018) verwendet. Berufliche Handlungskompetenz wurde mithilfe des Kompetenz-Reflexions-Inventars (KRI; Kauffeld, 2021) in verkürzter Form erhoben. Das Instrument bildet Fach-, Methoden-, Sozial‑ und Selbstkompetenz ab. Die Erhebung von Persönlichkeitsmerkmalen und motivationalen Dispositionen erfolgte durch die Big5-Skala (B5T; Satow, 2020), welche Neurotizismus, Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Offenheit sowie Leistungs-, Macht‑ und Sicherheitsmotive umfasst, ebenfalls aus erhebungsökonomischen Gründen in verkürzter Form. Die Kurzskala der Arbeitszufriedenheit (SAZK; Fischer & Lück, 1972, 2014) diente der Erfassung der allgemeinen Arbeitszufriedenheit.

Zur Analyse professioneller Urteilsprozesse bearbeiteten die Teilnehmenden zwei videobasierte sozialpädagogische Dilemmasituationen mit offenem Ausgang. Während der Bearbeitung sollten sie ihre Überlegungen verbalisieren sowie mögliche Entwicklungen und Handlungsmöglichkeiten reflektieren. Die Aussagen wurden digital aufgezeichnet und transkribiert. Anschließend erfolgte eine Einschätzung durch zwei unabhängige Rater*innen, die hinsichtlich der Forschungsannahmen verblindet waren. Die Bewertung orientierte sich an standardisierten Kodierregeln. Für jede Weisheitsdimension konnten Werte zwischen 0 und 3 vergeben werden. Die Überprüfung der Bewertungsübereinstimmung erfolgte mittels Cohens Kappa und Intraklassenkorrelationen. Die ermittelten Kennwerte lagen im guten bis exzellenten Bereich.

Ergänzend wurden leitfadengestützte Interviews durchgeführt. Inhaltlich standen persönliche sowie berufliche Erfahrungen im Mittelpunkt. Nach der Transkription wurden die Interviewdaten anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2022) ausgewertet. Die Entwicklung des Kategoriensystems orientierte sich an den theoretisch definierten Dimensionen von Weisheit.

Die technische Umsetzung der quantitativen Befragung erfolgte über SoSci Survey. Zur Auswertung der Daten wurden Korrelationsanalysen und Regressionsmodelle berechnet. Das Signifikanzniveau wurde auf α =.05 festgelegt. Zur Kontrolle von Alpha-Fehler-Kumulationen bei multiplen Testungen wurde eine Bonferroni-Korrektur vorgenommen. Die statistischen Analysen wurden mit IBM SPSS Statistics Version 29.0.0 sowie R Core Team Version 4.5.2 durchgeführt.

3 Ergebnisse

Zur Untersuchung der Frage, ob sich die verschiedenen Weisheitsdimensionen gleichermaßen entwickeln, wurden zunächst die Ausprägungen beruflicher und persönlicher Weisheit über die unterschiedlichen Expertisestufen hinweg analysiert. Die beobachterbasierten Ratings der beruflichen Weisheit (N = 24) zeigten einen Anstieg der Mittelwerte vom ersten Semester über fortgeschrittene Studierende bis zur Expert*innengruppe. Die Kendall’s-Tau-Korrelation ergab einen signifikanten positiven Zusammenhang mittlerer Stärke zwischen Expertisegrad und beruflicher Weisheit (τ =.34, 95 % CI [.04,.57], p = .036). Höhere Expertisegrade gingen somit mit höheren Ausprägungen beruflicher Weisheit einher.

Für die persönliche Weisheit ergab sich ein anderes Bild. Die Analyse der quantitativen Gesamtstichprobe (N = 414) zeigte über alle Expertisestufen hinweg vergleichbare Mittelwerte ohne systematischen Anstieg. Die Kendall’s-Tau-Korrelation zwischen Expertisegrad und persönlicher Weisheit war nicht signifikant (τ = −.05, 95 % CI [−.12,.01], p =.169). Die Ergebnisse weisen folglich auf Unterschiede zwischen der Entwicklung beruflicher und persönlicher Weisheit hin.

Die qualitative Analyse der fünf Weisheitsdimensionen ergab unterschiedliche Ausprägungsmuster. Perspektivenwechsel erreichte in den beobachterbasierten Ratings die höchsten Werte. Die Teilnehmenden berücksichtigten häufig verschiedene Sichtweisen und bezogen unterschiedliche Interessen in ihre Überlegungen ein. Kontingenz, intellektuelle Bescheidenheit und Resolution lagen überwiegend im mittleren Bereich. Für die Dimension Reflexion wurden die niedrigsten Werte festgestellt. Vereinzelt erfolgte nur eine begrenzte Auseinandersetzung mit den eigenen Annahmen, Unsicherheiten oder alternativen Deutungsmöglichkeiten. Die Interviews der Expert*innengruppe bestätigten die hohe Bedeutung von Perspektivenwechsel und Reflexion für professionelles Handeln. Zwischen Selbstbeschreibung und beobachteter Leistung zeigten sich jedoch Unterschiede, da Reflexion in den Interviews häufig ausführlich thematisiert wurde, während die beobachteten Reflexionsleistungen niedriger ausfielen.

Die Analysen zu den Persönlichkeitsmerkmalen ergaben mehrere signifikante Zusammenhänge mit persönlicher Weisheit. Offenheit (τ =.11, p =.012) und Verträglichkeit (τ =.13, p =.002) korrelierten positiv mit persönlicher Weisheit. In den Regressionsanalysen erwies sich Neurotizismus als signifikanter Prädiktor persönlicher Weisheit (β =.13, p =.028). Für die berufliche Weisheit konnten in den Korrelationsanalysen keine signifikanten Zusammenhänge mit den Persönlichkeitsmerkmalen festgestellt werden. Die Regressionsanalyse identifizierte ausschließlich Gewissenhaftigkeit als signifikanten Prädiktor beruflicher Weisheit (β =.63, p =.040).

Die Prüfung weiterer Einflussgrößen ergab keine signifikanten Zusammenhänge zwischen beruflicher Weisheit und Arbeitszufriedenheit (ρ = −.19, p =.377), beruflicher Handlungskompetenz (r =.21, p =.325) oder beruflicher Vorerfahrung während des Studiums. Zwischen beruflicher und persönlicher Weisheit bestand ebenfalls kein signifikanter Zusammenhang (r = −.27, 95 % CI [−.62,.13], p =.205). In der untersuchten Stichprobe konnte kein statistisch belastbarer Zusammenhang zwischen den beiden Konstrukten nachgewiesen werden.

4 Diskussion

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass sich die verschiedenen Dimensionen von Weisheit nicht in gleicher Weise entwickeln. Zwar zeigte sich für die berufliche Weisheit ein signifikanter Anstieg über die unterschiedlichen Expertisestufen hinweg, für die persönliche Weisheit konnte ein solcher Zusammenhang jedoch nicht festgestellt werden. Die Annahme einer einheitlichen Entwicklung aller Formen von Weisheit wird durch die Befunde somit nicht gestützt. Vielmehr sprechen die Ergebnisse für unterschiedliche Entwicklungsverläufe einzelner Weisheitsbereiche.

Die qualitativen Analysen liefern zusätzliche Hinweise auf diese Unterschiede. Perspektivenwechsel erreichte die höchsten Ausprägungen und war sowohl in den beobachterbasierten Ratings als auch in den Interviews deutlich erkennbar. Viele Teilnehmende berücksichtigten verschiedene Sichtweisen und reflektierten konkurrierende Interessen. Reflexion erreichte dagegen die niedrigsten Werte in den Leistungsbewertungen. Obwohl Reflexion in den Interviews überwiegend als bedeutsam beschrieben wurde, spiegelte sich dies nicht in gleichem Umfang in den beobachteten Leistungen wider. Zwischen dem Wissen über reflektiertes Handeln und dessen tatsächlicher Anwendung scheinen Unterschiede zu bestehen.

Die Befunde stehen im Einklang mit theoretischen Modellen, die Weisheit als multidimensionales Konstrukt verstehen und davon ausgehen, dass einzelne Weisheitsdimensionen durch unterschiedliche personale und erfahrungsbezogene Faktoren beeinflusst werden (Baltes & Staudinger, 2000; Glück & Bluck, 2013). Perspektivenwechsel und die Entwicklung differenzierter Handlungsmöglichkeiten könnten stärker durch wiederholte Auseinandersetzungen mit komplexen Praxissituationen gefördert werden. Andere Dimensionen scheinen weniger eng mit beruflicher Erfahrung verknüpft zu sein. Dies gilt insbesondere für die persönliche Weisheit, deren Ausprägung unabhängig vom Expertisegrad auf einem vergleichbaren Niveau blieb.

Auch die Analysen zu den Persönlichkeitsmerkmalen sprechen gegen eine einheitliche Entwicklung aller Weisheitsdimensionen. Offenheit, Verträglichkeit und Neurotizismus standen mit persönlicher Weisheit in Zusammenhang, während für die berufliche Weisheit ausschließlich Gewissenhaftigkeit als signifikanter Prädiktor identifiziert werden konnte. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass einzelne Weisheitsbereiche stärker mit Persönlichkeitsmerkmalen verbunden sind als andere. Berufliche Weisheit scheint dagegen weniger durch stabile Persönlichkeitsmerkmale als durch Anforderungen professioneller Handlungssituationen geprägt zu sein.

Arbeitszufriedenheit, berufliche Handlungskompetenz und berufliche Vorerfahrung während des Studiums zeigten keine signifikanten Zusammenhänge mit beruflicher Weisheit. Auch zwischen beruflicher und persönlicher Weisheit bestand kein signifikanter Zusammenhang. Hohe Ausprägungen in einem Bereich gingen folglich nicht automatisch mit hohen Ausprägungen im anderen Bereich einher. Die Ergebnisse sprechen gegen die Annahme eines einheitlichen Weisheitskonstrukts und legen nahe, dass unterschiedliche Formen von Weisheit voneinander abgegrenzt betrachtet werden sollten.

Für die Ausbildung in der Sozialen Arbeit ergeben sich daraus mehrere Konsequenzen. Lern‑ und Reflexionsprozesse scheinen einzelne Weisheitsdimensionen unterschiedlich stark zu fördern. Ausbildungs‑ und Supervisionsformate könnten daher gezielt auf jene Bereiche ausgerichtet werden, die in den Analysen geringere Ausprägungen zeigten. Dies betrifft insbesondere Reflexionsprozesse sowie den bewussten Umgang mit Unsicherheit, Ambivalenz und den Grenzen des eigenen Wissens.

5 Limitationen

Die Ergebnisse sind vor dem Hintergrund mehrerer methodischer Einschränkungen zu interpretieren. Erstens basiert die Untersuchung auf einem querschnittlichen Design. Die Unterschiede zwischen den Ausbildungs‑ und Erfahrungsstufen bilden daher keine individuellen Entwicklungsverläufe ab. Insbesondere kann aus dem positiven Zusammenhang zwischen Expertisegrad und beruflicher Weisheit nicht geschlossen werden, dass zunehmende Berufserfahrung ursächlich zu höheren Weisheitswerten führt. Unterschiede zwischen den Gruppen könnten auch durch Alter, Kohorteneffekte, berufliche Sozialisation oder weitere nicht kontrollierte Merkmale beeinflusst worden sein. Die Befunde sind somit als Unterschiede zwischen Erfahrungsgruppen und nicht als Nachweis einer Entwicklung im zeitlichen oder kausalen Sinne zu verstehen.

Zweitens beruhen die Analysen der performanznah erfassten beruflichen Weisheit auf einer kleinen Teilstichprobe von 24 Personen. Dadurch sind die statistische Teststärke und die Präzision der Schätzungen eingeschränkt. Insbesondere nicht signifikante Ergebnisse belegen daher weder das Fehlen eines Zusammenhangs noch die Unabhängigkeit der untersuchten Konstrukte. Auch einzelne signifikante Befunde, etwa zum Expertisegrad oder zu Gewissenhaftigkeit, sollten aufgrund der kleinen Stichprobe zunächst als vorläufig betrachtet und in größeren unabhängigen Stichproben repliziert werden. Darüber hinaus erlaubt die Stichprobenziehung keine gesicherte Übertragung der Ergebnisse auf sämtliche Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit.

Drittens wurden berufliche und persönliche Weisheit mit unterschiedlichen Methoden erfasst. Während die persönliche Weisheit auf Selbstberichten anhand der SWIS beruhte, wurde die berufliche Weisheit durch Fremdbewertungen der Bearbeitung zweier standardisierter Dilemmasituationen operationalisiert. Ausbleibende Zusammenhänge zwischen beiden Weisheitsformen können daher teilweise auf Methodeneffekte zurückzuführen sein. Die Verwendung von lediglich zwei Fallsituationen begrenzt zudem die inhaltliche Breite der performanznahen Messung. Unterschiede in der Vertrautheit mit den dargestellten Handlungsfeldern, in der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit oder im Verständnis der Aufgabenstellung könnten die Bewertungen beeinflusst haben. Die gute bis exzellente Übereinstimmung der Rater*innen spricht zwar für eine zuverlässige Bewertung, stellt jedoch für sich allein noch keinen Nachweis der Konstruktvalidität des Verfahrens dar.

Schließlich wurden das KRI und der B5T aus erhebungsökonomischen Gründen in verkürzter Form eingesetzt. Die psychometrischen Eigenschaften und Validitätsnachweise der jeweiligen Langfassungen können nicht uneingeschränkt auf diese Kurzformen übertragen werden. Eine geringere Reliabilität oder eine eingeschränkte inhaltliche Abdeckung könnte insbesondere Zusammenhänge mit beruflicher Handlungskompetenz oder einzelnen Persönlichkeitsmerkmalen abgeschwächt haben. Auch die niedrigen performanzbasierten Reflexionswerte sind vorsichtig zu interpretieren: Die unmittelbare Bearbeitung der Dilemmasituationen erfasste vor allem Reflexion während des Handelns, während zeitversetzte Reflexionsprozesse, beispielsweise im Rahmen von Supervision oder nachträglicher Fallanalyse, nicht abgebildet wurden. Zukünftige Untersuchungen sollten deshalb größere und heterogenere Stichproben, längsschnittliche oder experimentelle Designs, mehrere Dilemmasituationen aus unterschiedlichen Praxisfeldern sowie eine weiterführende Validierung der eingesetzten Messverfahren vorsehen.

6 Fazit

Die Untersuchung liefert Hinweise darauf, dass sich die untersuchten Weisheitsbereiche zwischen den Erfahrungsstufen unterschiedlich darstellen.

Höhere Expertisegrade gingen mit höheren Werten beruflicher Weisheit einher, während persönliche Weisheit über die verschiedenen Erfahrungsstufen hinweg weitgehend stabil blieb. Auch auf Ebene der einzelnen Weisheitsdimensionen zeigten sich deutliche Unterschiede.

Perspektivenwechsel erreichte die höchsten Ausprägungen, während Reflexion in den beobachterbasierten Bewertungen die niedrigsten Werte aufwies. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass einzelne Bestandteile von Weisheit unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen unterliegen und nicht als einheitlicher Prozess verstanden werden können.

Persönlichkeitsmerkmale standen nur teilweise mit Weisheit in Zusammenhang. Offenheit, Verträglichkeit und Neurotizismus waren mit persönlicher Weisheit verbunden, während für berufliche Weisheit lediglich Gewissenhaftigkeit eine signifikante Vorhersage ermöglichte. Arbeitszufriedenheit, berufliche Handlungskompetenz und berufliche Vorerfahrung zeigten keine signifikanten Zusammenhänge mit beruflicher Weisheit.

Die Befunde stützen ein mehrdimensionales Verständnis von Weisheit. Einzelne Weisheitsdimensionen entwickeln sich offenbar unterschiedlich und reagieren auf verschiedene persönliche sowie berufliche Einflussgrößen. Für die Soziale Arbeit ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Weisheit nicht als einheitliche Eigenschaft, sondern als Zusammenspiel mehrerer voneinander unterscheidbarer Kompetenzen zu betrachten.

7 Referenzen

Ardelt, M. (2003).Empirical assessment of a three-dimensional wisdom scale. Research on Aging, 25, 275–324. https://doi.org/10.1177/0164027503025003004

Baltes, P. B., & Staudinger, U. M. (2000). Wisdom: A metaheuristic (pragmatic) to orchestrate mind and virtue toward excellence. American Psychologist, 55(1), 122–136. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.122

Brienza, J. P., Kung, F. Y. H., Santos, H. C., Bobocel, D. R., & Grossmann, I. (2018). Wisdom, bias, and balance: Toward a process-sensitive measurement of wisdom-related cognition. Journal of Personality and Social Psychology, 115(6), 1093–1126.https://doi.org/10.1037/pspp0000171

Clayton, V. (1976). A multidimensional scaling analysis of the concept of wisdom [Doctoral dissertation]. University of Southern California.

Dewe, B., & Otto, H.-U. (2012). Reflexive Sozialpädagogik: Grundstrukturen eines neuen Typs dienstleistungsorientierten Professionshandelns(2., aktualisierte Aufl.). Springer VS.

Fischer L., & Lück H.E. (1972). Allgemeine Arbeitszufriedenheit. Unveröffentlichtes Manuskript.

Fischer, L., & Lück, H. E. (2014). Allgemeine Arbeitszufriedenheit. In Zusammenstellung sozialwissenschaftlicher Items und Skalen (ZIS). https://doi.org/10.6102/zis1

Glück, J., & Bluck, S. (2013). The MORE Life Experience Model: A theory of the development of personal wisdom. In M. Ferrari & N. M. Weststrate (Eds.), The scientific study of personal wisdom (pp. 75–97). Springer.

Glück, J., & Weststrate, N. M. (2022). The wisdom researchers and the elephant: An integrative model of wise behavior. Personality and Social Psychology Review, 26, 342–374.https://doi.org/10.1177/10888683221094650

Grossmann, I., Na, J., Varnum, M. E. W., Park, D. C., Kitayama, S., & Nisbett, R. E. (2010). Reasoning about social conflicts improves into old age. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(16), 7246–7250.https://doi.org/10.1073/pnas.1001715107

Grossmann, I., Gerlach, T. M., & Denissen, J. J. A. (2016). Wise reasoning in the face of everyday life challenges. Social Psychological and Personality Science, 7(7), 611–622.https://doi.org/10.1177/1948550616652206

Grossmann, I. (2017). Wisdom in context. Perspectives on Psychological Science, 12, pp. 233–257. https://doi.org/10.1177/1745691616672066

Kauffeld, S. (2021). Das Kompetenz-Reflexions-Inventar (KRI) – Konstruktion und erste psychometrische Überprüfung eines Messinstrumentes. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 52, 289–310. https://doi.org/10.1007/s11612-021-00580-y

Mayring, P. (2022). Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (13., überarb. Aufl.). Beltz.

R Core Team (2025). _R: A Language and Environment for Statistical Computing_. R Foundation for Statistical Computing, Vienna, Austria. <https://www.R-project.org/>.

Satow, L. (2020). B5T® Big-Five-Persönlichkeitstest: Testmanual und Normen. https://www.drsatow.de/tests/persoenlichkeitstest/

Schön, D. A. (1983). The reflective practitioner: How professionals think in action. Basic Books.

Sternberg, R. J. (1998). A balance theory of wisdom. Review of General Psychology, 2, 347–365. https://doi.org/10.1037/1089-2680.2.4.347

Sternberg, R. J., & Glück, J. (2022). The psychology of wisdom. Cambridge University Press.

Webster, J. D. (2007). Measuring the character strength of wisdom. International Journal of Aging and Human Development, 65(2), 163–183.https://doi.org/10.2190/AG.65.2.d

Weststrate, N. M., & Glück, J. (2017). Hard-earned wisdom: Exploratory processing of difficult life experiences is positively associated with wisdom. Developmental Psychology, 53(4), 800–814. https://doi.org/10.1037/dev0000286

Zacher, H., & Kunzmann, U. (2019). Wisdom in the workplace. In R. J. Sternberg, H. C. Nusbaum, & J. Glück (Eds.), Applying wisdom to contemporary world problems (pp. 255–292). Palgrave Macmillan. https://doi.org/10.1007/978-3-030-20287-3_10

Verfasst von
Petra Wolf
Doktorandin an der OTH Regensburg
Mailformular

Es gibt 3 Materialien von Petra Wolf.

Zitiervorschlag anzeigen

Lexikonartikel zum Thema

Rezensionen

Buchcover

Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2026.
Rezension lesen   Buch bestellen

zu den socialnet Rezensionen

Urheberrecht
Dieser Beitrag ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, helfen wir Ihnen gerne weiter. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Materialien für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.