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Der Club of Rome ist 40

Jos Schnurer

Veröffentlicht am 01.10.2008.

40jährige haben nicht selten den Ruf, in der vollen Kraft ihres Lebens zu stehen, dynamisch zu sein, innovativ und richtungsweisend zu denken und zu handeln. Wenn man über 40jährige spricht, spielt selten die Vergangenheit eine Rolle, sondern viel mehr die Gegenwart. Ihren Geburtstag feiern die 40jährigen eher mit dem festen Blick auf die Zukunft und auf das, was im weiteren Leben zu tun ist. Aktivität ist angesagt!

Eine Einrichtung, die 2008 vierzig Jahre alt ist, kann man als „in vollem Saft stehend, aktiv, jung und bedeutsam“ bezeichnen. Und prominent, weil als „Mahner der Mächtigen“ geachtet und gefürchtet. Der CLUB OF ROME ist eine unabhängige, global agierende Organisation, die im Frühjahr 1968 von dem italienischen Industriellen Aurelio Peccei (4. Juli 1908 – 14. März 1984) und dem schottischen Wissenschaftler Alexander King (26. Januar 1909 – 28. Februar 2007) gegründet wurde. Sie waren der Überzeugung, dass es, für eine humane Weiterexistenz der Menschheit notwendig ist, sich mit den aktuellen Problemen der menschlichen Entwicklung auf der Erde wissenschaftlich und politisch auseinander zu setzen und sie zu benennen, um ein öffentliches Bewusstsein dafür zu schaffen, dass ein ganzheitliches Denken notwendig und „ein tieferes Verständnis für die Wechselwirkungen von politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen“ erforderlich ist. Nicht zuletzt aufgrund der vielfältigen Initiativen des Club of Rome haben sich daraus die beiden Leitlinien einer notwendigen Veränderung menschlichen Denkens und Verhaltens für Hier, Heute und Morgen entwickelt:

GLOBAL DENKEN, LOKAL HANDELN [1]und

SUSTAINABLE DEVELOPMENT – NACHHALTIGE ENTWICKLUNG[2].

Der Club of Rome als internationale Einrichtung umfasst 100 Mitglieder aus allen Erdteilen. Es sollen unabhängige Persönlichkeiten sein, die in der Lage sind, aufgrund ihrer Integrität, ihrem wissenschaftlichen Fachwissen und als Weltbürger darauf hinzuweisen, dass es Probleme in der Entwicklung der Menschheit gibt („World Problematique“), die einer globalen Lösung („World Resolutique“) bedürfen. Der erste Bericht an den Club of Rome, den 1972 sieben junge Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technologiy (MIT) verfasst haben, wirkte in der Weltöffentlichkeit wie eine Verstörung. Von den Grenzen des Wachstums [3] war da die Rede. Der Appell zur Veränderung des menschlichen, ökonomischen Verhaltens traf tatsächlich den Nerv der Zeit. Bei den Menschen entstand diffus eine Ahnung, dass es mit dem „Immer-schneller-immer-mehr-immer-höher-immer-weiter“ auf allen Gebieten menschlichen Denkens und Handelns nicht weiter gehen könne. Die bis dahin geltende Vision, dass grenzenloses Wachstum Wohlstand für alle Menschen auf der Erde schaffen würde, wurde vom Wissenschaftlerteam des MIT in Frage gestellt. Ihre zentrale Aussage in der Studie lautete:

Weil die Rohstoffvorräte nicht unendlich sind, sondern zu Ende gehen, wird es zu einer Verringerung der industriellen Produktion kommen; weil gleichzeitig Ackerland und die Wasservorräte knapp werden, wird es zu Nahrungsmittelmangel und Hungersnöten auf der Erde kommen; nimmt das Bevölkerungswachstum weiter zu, unternehmen die Menschen nichts entscheidendes gegen das Wirtschaftswachstum und die Umweltverschmutzung, wird die Erde kollabieren[4].

Doch Meadows und sein Team wollte mit dem Bericht keine Weltuntergangsstimmung verbreiten und auch keinen Abgesang für die Menschheit anstimmen; vielmehr zeigten sie in einem Weltmodell auf, dass die von ihnen vorgefundenen Faktoren für eine falsche Entwicklung mit Regelkreisen zusammen hängen und korrigiert werden können: „Je eher die Menschheit sich entschließt, diesen Gleichgewichtszustand herzustellen, und je rascher sie damit beginnt, um so größer sind die Chancen, dass sie ihn auch erreicht“, denn „Maßnahmen, die erst ergriffen werden, wenn sich schädliche Wirkungen gezeigt haben, kommen viel zu spät“. Diese Warnung von vor 36 Jahren klingt heute wie eine eingetretene Vorhersage.

1978 wurde die Deutsche Gesellschaft Club of Rome von Eduard Pestel in Hamburg gegründet, nachdem er 1974 bereits den zweiten Bericht an den Club of Rome vorgelegt hat[5]. Dabei plädieren die Autoren für einen Paradigmenwechsel „vom undifferenzierten zum organischen Wachstum“. Pestel, der bis zu seinem Tod (1989) den Vorsitz in der Deutschen Sektion des Club of Rome innehatte, relativierte in seinem weiteren Bericht an den Club of Rome[6] die im MIT-Weltmodell dramatisch aufgestellten Faktoren dadurch, dass er ein Programm entwickelt, wie das Weltproblem gemeistert werden könnte, nämlich durch eine beispiel- und vorbildhafte Entwicklung in den Industrieländern, und zwar durch „Abrüstung in einem vertrauensvollen politischen Klima“, durch partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den so genannten Entwicklungsländern, durch Verringerung des Verbrauchs von Kohle und Erdöl weltweit und durch die Intensivierung der Forschungs- und Technologiepolitik.

Die heutige Arbeit des Club of Rome ist einerseits geprägt von den von Anfang an definierten Zielen der Organisation, eine globale Betrachtungsweise der Weltentwicklung durchzusetzen, ein ganzheitliches Denken für die Menschheitsentwicklung zu etablieren und interdisziplinäre, langzeitliche Lösungsansätze für die „World Problematique“ vorzuschlagen. In bisher mehr als 30 Berichten an den Club of Rome, in denen die gesamte Bandbreite der menschlichen Entwicklung auf der Erde thematisiert wird und Alternativen zur aktuellen Lage der Welt vorgestellt werden[7], wird deutlich, dass die „globale Denkfabrik“ ein unverzichtbarer Initiator und Anreger für die Vision darstellt, dass es gelingen kann und muss, eine gerechtere, friedlichere und humanere Weiterentwicklung der Menschheit in unserer EINEN WELT[8] zu garantieren.

Die heutigen Mitglieder des Club of Rome haben erkannt, dass eine solche Bewusstseinsschaffung alle Menschen auf der Erde erreichen muss, Junge und Alte, Frauen, Männer und Kinder. Deshalb hat der Club of Rome im Sommer 2001 eine Initiative ergriffen, in den globalen Dialog für eine bessere Welt stärker auch junge Menschen einzubeziehen: TT30 soll für Think Tank stehen und Menschen mit dem Durchschnittsalter 30 in besonderer Weise ansprechen, z. B. mit dem Club of Rome-Bildungsprojekt „ganzheitlich denken lernen“, bei dem in 25 Club of Rome-Schulen Schülerinnen und Schüler lernen, die Zukunft positiv mit zu gestalten.

Es besteht in den wissenschaftlichen Gremien und internationalen Zusammenschlüssen heute kein Zweifel mehr daran, dass die Menschheit, wie dies bereits im ersten Bericht an den Club of Rome 1972 gefordert wurde, einen Perspektivenwechsel beim menschlichen Denken und Handeln auf der Erde vollziehen muss. In dem 1995 von der UN-Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ vorgelegten Bericht über die Lage der Welt wird „unsere kreative Vielfalt“ als Vision benutzt, um eine globale Ethik in der Welt und für die Welt zu fordern: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“[9]. Der Optimismus, dass die Menschheit in der Lage ist, in den Dimensionen zu denken, zu leben und zu handeln, die von der Erkenntnis bestimmt sind, dass die Grenzen des Wachstums auf der Erde erreicht seien[10], wird nicht von allen Menschen geteilt. Der Londoner Astrophysiker Martin Rees z. B. geht davon aus, dass die Menschen endlich begreifen müssten, in einer „kosmischen Gesellschaft“ zu existieren, was bedeutet, dass das Überleben der Menschheit entscheidend davon abhängt, wie die Menschen auf der Erde mit ihren Ressourcen und ihrer Umwelt umgehen. Zwar sei das Gehirn der Menschen, so Rees, eher für das Überleben in der afrikanischen Savanne als im Kosmos gemacht [11], doch eine Besinnung auf eine globale Verantwortungsethik sei möglich und notwendig.

Es bleibt die Frage, was zu tun ist, damit die Menschen auf der Erde begreifen, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, um Alternativen zum bisherigen wachstumsorientierten Denken und Tun zu entwickeln und sie zu leben. Der Club of Rome ist eine der Einrichtungen, die uns Wegweisung und Richtschnur dafür liefern können – tun müssen wir es schon selbst!

[1] Agenda 21, Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeire

[2] WCED, Our Common Future (Der Brundtland-Bericht), Oxford 1987; Volker Hauff (Hrsg.), Unsere Gemeinsame Zukunft. Der Brundtlandt-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven 1987

[3] Dennis L Meadows, u.a., Die Grenzen des Wachstums, Stuttgart, 16. Aufl. 1994, 183 S.

[4] Dennis L. Meadows, Der Kollaps kommt; Interview in DIE ZEIT, Nr. 9 vom 19. 2. 1998, S. 25; sowie: Ute Watermann, Ein Szenario zum Erschrecken; DIE ZEIT, Nr. 2 vom 5. 1. 2000, S. 19

[5] Mihailo Mesarović / Eduard Pestel, Menschheit am Wendepunkt. 2. Bericht an den Club of Rome zur Weltlage, Stuttgart 1974, 184 S.

[6] Eduard Pestel, Jenseits der Grenzen des Wachstums, Stuttgart 1988, 208 S.; vgl. dazu auch: Fritz Vorholz, Vorschläge zum Jahrestag. Der neue Bericht an den Club of Rome ist ein Appell für eine bessere Politik; DIE ZEIT, Nr. 16 vom 15. 4. 1988, S. 40

[7] z. B.: Goals For Mankind (1977), Road Maps To The Future (1980), Africa Beyond Famine (1989), Faktor vier. Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch (1995), Wie wir arbeiten warden (1989), Die Kunst, vernetzt zu denken (2002), Grenzen der Privatisierung (2005), Wie wir lernen wollen (2006)

[8] Jos Schnurer, Für Eine Welt – in Einer Welt. Überlebensfragen bei der Weiterentwicklung von Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Schule; Verlag Dialogische Erziehung / Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2003, 267 S.

[9] Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (Kurzfassung), 2. erweiterte Ausgabe, Bonn 1997, S.18

[10] Robert Goodland, Die Welt stößt an Grenzen. Das derzeitige Wachstum der Weltwirtschaft ist nicht mehr verkraftbar; in: Goodland u.a. (Hrsg.), Nach dem Brundtland-Bericht: Umweltverträgliche wirtschaftliche Entwicklung, Bonn 1992, S. 15ff

[11] ZEIT MAGAZIN LEBEN,24.07.2008 Nr. 31


Autor
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer: Der Club of Rome ist 40. Veröffentlicht am 01.10.2008 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/49.php, Datum des Zugriffs 02.04.2020.


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