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Erfahrungsbericht: Planung eines Wohnprojekts

für alte, wohnungslose Menschen in Mecklenburg-Vorpommern

Anja Peters

veröffentlicht am 02.01.2006

Einleitung

Der Regionalverband Neubrandenburg/Mecklenburg-Strelitz des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) gründete sich nach jahrzehntelanger, geschichtlich bedingter Pause erneut am 17.07.1992 in Neubrandenburg. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist seit etlichen Jahren die Wohnungslosenhilfe. Der Verband betreibt im Auftrag der Stadt das Obdachlosenhaus und die Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit. Außerdem hält der ASB ambulante Betreuungs- und Beratungsangebote für Bürgerinnen und Bürger mit besonderen sozialen Schwierigkeiten in zwei Stadtvierteln vor, die durch Plattenbebauung und enge Besiedlung gekennzeichnet sind. Während der jahrelangen Arbeit mit wohnungslosen Menschen wurde immer deutlicher, dass es im Land an speziellen Angeboten für alte, wohnungslose Menschen fehlt. Eine studentische Projektstudie an der Hochschule Neubrandenburg im Studiengang Pflege und Gesundheit kam zum gleichen Ergebnis.

Deshalb beauftragte der ASB eine Pflegewirtin mit der Aufgabe, eine entsprechende Einrichtung zu konzeptionieren und zu realisieren und schuf dafür die Stelle einer Projektleiterin mit 20 Wochenarbeitsstunden. Über die Arbeitsagentur wurde außerdem für sechs Monate eine Stelle als Ein-Euro-Job gefördert, über den ein Sozialpädagoge/Sozialarbeiter eine landesweite Bedarfsanalyse erstellte.

Im Folgenden werden diese Analyse, das Konzept und der derzeitige Stand des Projektes vorgestellt.

Besteht der Bedarf für eine spezielle Einrichtung für alte, wohnungslose Menschen in Mecklenburg-Vorpommern?

Der Neubrandenburger Dipl.-Sozialpädagoge/-Sozialarbeiter (FH) Enzio Dressel gliederte seine Analyse in mehrere Teile:

  1. die Definition von Wohnungslosigkeit
  2. kausale Faktoren
  3. die Auswertung statistischen Materials der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. - www.bag-wohnungslosenhilfe.de
  4. Aussagen zum Gesundheitszustand Wohnungsloser
  5. die Darstellung des Forschungsdesigns für die Befragung in M-V
  6. die Analyse der Befragung
  7. das Fazit

An dieser Stelle wird auf die Punkte 1, 6 und 7 eingegangen werden.

Dressel stellt mehrere Definitionen vor. die der BAG Wohnungslosenhilfe, Definitionen im ordnungsrechtlichen, sozialhilferechtlichen und im Zuwanderungssektor, sowie die nach Weber und Ridderbusch, Faust und Holtmannspötter sowie nach Kellinghaus, Eikelmann, Ohrmann und Reker. Er selbst fasste zusammen, „dass Wohnungslosigkeit bzw. Obdachlosigkeit ein komplexes und kontextabhängiges Problem ist. Die Begriffe meinen einen größeren Personenkreis, nicht nur Menschen ohne „Obdach“. Im weiteren Text werden beide Begriffe in diesem Sinne verwendet.“ (Dressel, Enzio: Analyse zum Bedarf einer speziellen Wohnform für ältere wohnungslose Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Neubrandenburg. 2005. S. 6)

Im Zuge der gemeinsamen Arbeit mit Dipl.-Pflegewirtin (FH) RbP Anja Peters setzte sich im Projekt die Definition nach Weber und Ridderbusch durch: „Obdachlos ist, wer nicht über mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt. Dazu gehören unter anderem Personen, die nach Ordnungsrecht in Wohnräume oder Notunterkünfte eingewiesen wurden, die in Frauenhäusern, Übernachtungsheimen oder Billigpensionen wohnen, die vorübergehend bei Bekannten untergebracht sind oder die ohne jegliche Unterkunft auf de Straße leben. in der Fachöffentlichkeit wird heute dafür eher der Begriff „Wohnungslose“ verwendet. Wohnungslose im weiten Sinne sind darüber hinaus Personen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind oder die in unzumutbaren Wohnverhältnissen leben (…). die Unterversorgung in einem so zentralen Lebensbereich wie dem Wohnen zieht vielfältige Belastungen nach sich oder verstärkt bestehende (Krankheit, Verwahrlosung, psychosoziale Schwierigkeiten, u.a.). Das wiederum erschwert dann die Überwindung der Obdachlosigkeit.“ (a.a.O., S. 7 f.)

Im Frühling 2005 versandte Dressel Fragebögen an 24 Obdachlosenhäuser und –heime in Mecklenburg-Vorpommern. Davon sandten neun Einrichtungen die Bögen ausgefüllt zurück. Es wurden Informationen zu Wohnungslosen ab 50 Jahre erhoben. Die Altersfestlegung erfolgte definitorisch im Projekt und wurde bis jetzt beibehalten. allerdings ist im Konzept enthalten, dass diese Grenze nicht dogmatisch zu betrachten ist. Bei Bedarf können auch jüngere Menschen aufgenommen werden, wenn ihr Zustand dem eines über 50-jährigen entspricht. Die Altersfestlegung resultierte aus Daten u.a. der BAG Wohnungslosenhilfe, die belegen, dass Wohnungslose schneller körperlich altern.

In den neun sich beteiligenden Einrichtungen wurden 2004 insgesamt 1055 wohnungslose Menschen beherbergt, davon 952 Männer und 103 Frauen. Geht man von einer statistischen Bereinigung durch die Berücksichtung Durchreisender aus, kommt man etwa auf 1000 Beherbergungen.

Von den genannten 1055 Wohnungslosen waren 188 Männer und 4 Frauen 50 Jahre alt oder älter. Insgesamt hatten 135 Personen eine Pflegestufe: 132 Pflegestufe 0, zwei Pflegestufe 1 und ein Mensch Pflegestufe 1. Keine der Einrichtungen beschäftigte Pflegepersonal. Werden Bewohnerinnen oder Bewohner pflegebedürftig wird ein Pflegedienst ins Obdachlosenhaus geholt bzw. die Einweisung in ein Pflegeheim organisiert. An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass Kolleginnen und Kollegen aus der praktischen Arbeit immer wieder darüber klagen, wie schwer es ist, Pflegeheimplätze für diese Klientel zu finden. Auch rechtfertigen die meist niedrigen Pflegestufen und das junge Alter keine Aufnahme in ein Pflegeheim.

Auf die Frage nach der Notwendigkeit einer speziellen Wohnform für alte, wohnungslose Menschen antworteten vier Einrichtungen mit sehr wichtig, drei mit wichtig und zwei mit unwichtig. (alles a.a.O., S. 28 ff.) Im Zuge der Befragung riefen zwei Einrichtungsleiter beim ASB an, um zu fragen, ab wann Bewohner aufgenommen werden würden.

Aufgrund der Auswertung fremder wie eigener Daten kam Dressel – ebenso wie der Katholische Männerfürsorgeverein München e.V. (www.obdachlosenhilfe.de), Fichter sowie Reifferscheid und Lutzenberger – zu dem Schluss, dass eine weitere Differenzierung des Hilfeangebotes für Wohnungslose und damit eine spezielle Wohnform für alte, wohnungslose Menschen in Mecklenburg-Vorpommern „sehr wünschenswert“ wäre (a.a.O., S. 43 f.)

Wie könnte eine solche Wohnform gestaltet werden?

Seit etwa einem Jahr existiert beim ASB ein Konzept für ein Wohnheim für alte, wohnungslose Menschen. Der Leistungstyp der Einrichtung orientiert sich an LRV M-V C.3. Leistungstyp 3, d.h., es handelt sich um ein Heim für nasse Alkoholkranke. Die Wohnform Heim ergibt es sich aus ökonomischen und synergetischen Gründen.

Das Haus soll Platz für etwa 16 Bewohnerinnen und Bewohner bieten. Die Unterbringung wird in barrierefreien möblierten Einzelzimmern erfolgen, die mit einer Nasszelle ausgestattet sein werden. Zusätzlich wird jede Wohngruppe über ein Pflegebad verfügen. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden in zwei Wohngruppen wohnen. Es sind u.a. Rezeption, Cafeteria, Gemeinschafts- und Funktionsräume geplant.

An Personal sind geplant:

  • 1 Heimleitung
  • 1 Sozialarbeiter/in + Tagesbetreuung
  • 1 weitere/r Tagesbetreuer/in
  • 2 Nachtwachen/Springer
  • 1 Hausdienst/Ergotherapeut/in
  • 1 ZDL/FSJ/Praktikant/in

Die Kombination aus Hausdienst und Ergotherapie ergibt sich aus dem konzeptionellen Gedanken, dass die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner in alle Erhaltungsmaßnahmen ihres Zuhauses eingebunden werden sollen. Aufgrund der zu erwartenden Geschlechterverteilung soll ein Großteil des Personals männlich sein. Da die Klientel selbst schon älter ist, sollen mindestens zwei Stellen explizit für über 50-jährige sein.

Das Konzept baut auf dem ATL-Modell von Juchli auf. Dieses an sich pflegewissenschaftliche Modell wird auch auf Sozialarbeit und Ergotherapie übertragen. Soweit bekannt, wäre dies die erste Einrichtung dieser Art in Deutschland, die – obwohl definitiv kein Pflegeheim – nach pflegewissenschaftlichen Gesichtspunkten gestaltet wird. Weitere Modelle wie das Selbstpflegemodell nach Orem sollen im Laufe der Entwicklung in das Konzept integriert werden.

Wie erwähnt sollen Erwachsene über 50 Jahre aufgenommen werden, die wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Diese Menschen sind häufig

  • chronisch alkoholkrank
  • chronisch mehrfach krank
  • und haben Defizite in der Tagessstrukturierung und Selbstpflege.
  • In Einzelfällen sind sie als pflegebedürftig eingestuft.

Es soll ihnen u.a. Folgendes geboten:

  • Wohnen und Verpflegung
  • Einzelberatung
  • Hilfen im Umgang mit Behörden und Institutionen
  • Unterstützung bei der Selbstpflege
  • Einleitung und Unterstützung von Krankenbehandlung
  • Medikamenteneinteilung
  • Einteilung der finanziellen Mittel
  • Vermittlung von Kontakten zu Beratungsstellen, SeelsorgerInnen, Familienangehörigen usw.
  • Beschäftigungs- und Freizeitangebote.

Die Bewohner/innen sollen vermittelt werden durch

  • die Obdachlosenhäuser des Landes
  • die Fachstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit
  • Vereine der Wohnungslosenhilfe.

Im Vorfeld wird es ein Erstgespräch und eine Hausbesichtigung geben. Die Kostenübernahme muss gesichert sein.

Die Finanzierung erfolgt im Rahmen des SGB XII. Eventuelles Einkommen hat die/der Bewohner/in nach den Richtlinien des SGB XII einzusetzen.

Ziel ist es, die vorhandenen Probleme der Bewohner/innen lindern, eine Verschlechterung verhindern und sie zu unterstützen, Selbsthilfefähigkeiten zu aktivieren. Sie sollen höchstmögliche soziale Integration erreichen und ein Leben in Würde führen können. Die Aufenthaltsdauer soll unbegrenzt möglich sein.

Der Stand der Dinge

Erste Verhandlungen mit dem Kostenträger haben schon stattgefunden. Der ASB hat eine geeignete Immobilie gefunden, wobei allerdings für den Verkauf erhebliche Widerstände in der Stadtverwaltung Neubrandenburg überwunden werden müssen. Um den fachlichen Austausch zu gewährleisten und das Projekt der Fachöffentlichkeit vorzustellen, organisierte der ASB mit Förderung durch die Glücksspirale im August 2005 die „1. Neubrandenburger Fachtagung Alter und Wohnungslosigkeit“. Es nahmen etwa 50 Fachleute und Interessierte aus ganz Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Bayern teil. Eine Folgeveranstaltung ist für 2006 bereits in Planung. Hauptaufgabe ist derzeit die politische Lobbyarbeit innerhalb der Stadt Neubrandenburg. Zudem versucht der ASB derzeit Fördermittel einzuwerben, um den weitern Bestand des Projektes bis zur Eröffnung des Heimes zu sichern. Ziel ist die Eröffnung Ende des ersten Quartals 2007.

Ausblick

Es ist nicht zu verhehlen: Der Widerstand, der dem ASB zurzeit entgegengebracht wird, ist erheblich. Die zahlreichen Gespräche mit HeimleiterInnen und Kolleginnen und Kollegen aus der Wohnungslosenhilfe bestätigen uns aber in der Notwendigkeit unsers Tuns. Wir sind deshalb guter Dinge, die EntscheidungsträgerInnen in den kommenden Monaten überzeugen zu können.

Für Fragen zum Projekt steht die Autorin gerne zur Verfügung.


Autorin
Anja Peters
Dipl.-Pflegewirtin (FH) RbP
ASB RV Neubrandenburg/Mecklenburg-Strelitz e.V.
Website www.asb-nb-mst.de
E-Mail Mailformular


Zitiervorschlag
Anja Peters: Erfahrungsbericht: Planung eines Wohnprojekts. für alte, wohnungslose Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Veröffentlicht am 02.01.2006 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/56.php, Datum des Zugriffs 23.09.2021.


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