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Landwirtschaft als Beschäftigungsfeld für Menschen mit Behinderung

Martina Carl

Veröffentlicht am 01.03.2005.

socialnet Materialien. Reihe 2: Akademische Abschlussarbeiten

Der Aufsatz beruht auf der gleichlautenden Diplomarbeit vom Februar 2005, Universität Kassel, Fachbereich 04 Sozialwesen. Die Arbeit wurde unter Betreuung von Prof. Dr. Ewald Rumpf erstellt und mit 1 benotet.
Die vollständige Diplomarbeit (121 Seiten) kann gegen 10,00 EUR per E-Mail bestellt werden.

Im Rahmen einer Diplomarbeit am Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel wurden die Bedeutung und die Funktionen von landwirtschaftlicher Arbeit für Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung untersucht. Besondere Beachtung wurde hierbei sowohl den therapeutischen Wirkungsweisen und Potentialen als auch den Schwierigkeiten und Grenzen von sogenannten „grünen“ Beschäftigungsbereichen wie Land- und Gartenbau geschenkt.

Die Diplomarbeit will aufzeigen, wo die Chancen und wo die Potenziale der landwirtschaftlichen Arbeit mit Behinderten liegen. Es stehen dabei vor allem folgende Fragen im Mittelpunkt:

  • Wie wirkt die landwirtschaftliche und gartenbauliche Arbeit auf den Menschen, insbesondere auf den geistig und seelisch behinderten Menschen?
  • Wo liegen die Grenzen der landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Arbeit mit geistig und seelisch Behinderten; welche Schwierigkeiten und Problemsituationen können auftreten und mit welchen Maßnahmen kann man ihnen entgegentreten?

Grundbegriffe

Als geistig behindert gelten Personen, deren Lernverhalten wesentlich hinter der auf das Lebensalter bezogenen Erwartung zurückbleibt und durch ein andauerndes Vorherrschen des anschauend-vollziehenden Auflehnens, Verarbeitens und Speicherns von Lerninhalten und eine Konzentration des Lernfeldes auf direkte Bedürfnisbefriedigung gekennzeichnet ist.

Die Ursachen einer geistigen Behinderung sind organischer Natur. Vorrangig sind dies Schädigungen des Gehirns sowie Chromosomenaberrationen (Abweichungen der Chromosomenanzahl) sowie Infekte oder Vergiftungen der Mutter während der Schwangerschaft. Außerdem kann eine geistige Behinderung auch im Zusammenhang mit psychischen Störungen wie frühkindliche Schizophrenie oder Autismus gesehen werden sowie durch Einflüsse der Umwelt verursacht sein (HENSLE 2000, S. 131 ff.).

Kennzeichnend für eine psychische Behinderung ist ein breites Spektrum von Einschränkungen im sozioemotionalen sowie kognitiven Funktionsbereich. Dies können insbesondere Funktionseinbußen in Antrieb, Motivation, Interesse, Ausdauer, Belastbarkeit, Selbsthilfepotential, Selbstvertrauen, Kritikfähigkeit, Entscheidungskraft sowie auch in Wahrnehmung, Konzentration und Merkfähigkeit sein. Nicht eingeschränkt ist in der Regel das intellektuelle Leistungspotential des psychisch Behinderten. Kennzeichnend für eine psychische Erkrankung ist außerdem, dass diese in Phasen verläuft und nur schwer vorhersehbaren Schwankungen unterliegt. Die Fähigkeit des Betroffenen, Einsicht in seine Krankheitssituation zu haben und diese beurteilen zu können, ist oftmals erheblich eingeschränkt und die erforderlichen therapeutischen Maßnahmen erfordern meist mehr Zeit als bei anderen Behinderungsarten (Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. 2002).

Die Bedeutung von Arbeit für den Menschen wird von verschiedenen theoretischen Positionen ähnlich groß eingeschätzt. JAHODA beschreibt bei seinen Ausführungen fünf Strukturmerkmale von Arbeit. Demnach hat organisierte Arbeit eine Zeitstruktur, der sich der Beschäftigte nicht entziehen kann und die sein Zeiterleben strukturiert. Arbeit erweitert den sozialen Horizont des Arbeitenden und lässt ihn seine soziale Existenz erleben, da am Arbeitsplatz viele Kontakte geknüpft werden können. Außerdem bestimmt Arbeit den gesellschaftlichen Status sowie die Identität eines Menschen und verschafft ein Gefühl von persönlichem Erfolg und Sicherheit durch die gelungene Bewältigung von äußeren Anforderungen und die Erfüllung der Erwartungen anderer (SONNENTAG 1991).

Diese Funktionen und Wirkungsweisen von Arbeit gelten auch für Menschen mit Behinderung. Das Verrichten einer Arbeit oder Beschäftigung kann wesentlich dazu beitragen, dass Menschen mit einer Behinderung ein Leben führen können, welches so normal wie möglich verläuft. Durch eine den persönlichen Neigungen entsprechende Tätigkeit wird dem Beschäftigten Normalität vermittelt, indem ihm Akzeptanz und Anerkennung zuteil wird.

Arbeit bringt dem Menschen mit Behinderung einen täglichen Lebensrhythmus und bietet die Möglichkeit, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln und immer wieder neu auszubauen. Durch das Wahrnehmen eigenständiger Aufgabenbereiche kann ein Leistungsfähigkeits- und Selbstwertgefühl aufgebaut werden und eine emotionale Ausgeglichenheit und Zufriedenheit bei dem Beschäftigten erreicht werden.

Durch die ständige Zusammenarbeit mit anderen Beschäftigten sowie Betreuern können am Arbeitsplatz wichtige Kontakte geknüpft werden und ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl erlebt werden (AERNOUT 1992).

In Abhängigkeit von der Behinderungsart und Behinderungsschwere sowie auch der Krankheitsgeschichte und den beruflichen Vorerfahrungen des Betreuten kommen für Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung verschiedene Möglichkeiten in Betracht, einer regelmäßigen Beschäftigung nachzugehen. Dies sind vor allem die Beschäftigung in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), Firmen für psychisch Kranke, Arbeitsbereiche in Dorf- und Lebensgemeinschaften sowie auch vereinzelt Betriebe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Anforderungen an Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung in der Landwirtschaft

Um dem Menschen mit Behinderung bei seiner Beschäftigung in der Landwirtschaft nicht zu schaden, sondern zur Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten beizutragen, müssen bestimmte Anforderungen an den jeweiligen Arbeitsplatz erfüllt sein:

Grundsätzlich sollte der Arbeitsplatz von dem Betreuten auch gewollt sein. Der gewählte Arbeitsplatz sollte Gelegenheit geben, während des gemeinsamen Arbeitens mit anderen in Kontakt zu kommen. Das Eingehen einer persönlichen Beziehung zu anderen Mitarbeitern kann für den geistig oder seelisch Behinderten eine wichtige Möglichkeit sein, die Persönlichkeit positiv entfalten zu können. Durch die Anpassung des Arbeitsplatzes an die Fähigkeiten des Betreuten sowie die Interaktion mit anderen Menschen hat die Arbeit eine entwickelnde und stabilisierende Funktion. Unter der Beachtung von Prinzipien der Anschaulichkeit und des Sinnzusammenhangs sollten die verschiedenen Arbeitsvorgänge miteinander verknüpft werden und dem arbeitenden Menschen auf diese Weise das eigene Können sowie der Weg zum Endprodukt kognitiv erfahrbar gemacht werden. Gerade in der Landwirtschaft wird dies äußerst erfolgreich praktiziert, indem es den Betreuten ständig möglich ist, das Gedeihen von Pflanzen, das Reifen von Früchten und das Wachsen von Kälbern oder anderen Nutztieren zu verfolgen. Wichtig ist außerdem die Wertschätzung, die Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung durch ihre Arbeit erfahren. Dies kann geschehen, indem der Beschäftigte in die Vermarktungsmöglichkeiten der Produkte einbezogen wird und bei der Arbeit im betriebsinternen Hofladen Kontakt zu Kunden pflegen und Lob an der Qualität der erzeugten Produkte erfahren kann (AGÖL 1994).

Damit Arbeit für den geistig und seelisch Behinderten einen rehabilitativen und persönlichkeitsfördernden Charakter hat, sollten folgende Kriterien erfüllt sein:

  • Es müssen Entscheidungsspielräume bei der Arbeit gegeben sein, die jedoch nicht zu groß sein dürfen.
  • Die Arbeit muss eine gewisse Variabilität aufweisen.
  • Die Arbeitsaufgaben müssen mindestens Handlungsniveau haben.
  • Die Arbeitsanforderungen müssen klar und überschaubar sein.
  • Generell müssen die Anforderungen den individuellen Voraussetzungen angepasst sein.

Um Überforderungen entgegen zu wirken, sollten bei der Arbeitsgestaltung die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten des Betreuten berücksichtigt werden und belastende Faktoren wie Zeitdruck, mangelnde emotionale Unterstützung, fehlende Rückzugsmöglichkeiten, Arbeitsumgebungsbelastungen und unangemessene Arbeitszeiten vermieden werden (SONNENTAG 1991).

Therapeutische Aspekte des Land- und Gartenbaus

Arbeiten in Land- und Gartenbau eignen sich in besonderer Weise für die Förderung geistig und seelisch Behinderter und unterscheiden sich in verschiedener Hinsicht von der in geschlossenen Räumen stattfindenden Industriearbeit. In Land- und Gartenbau sind die Sinnzusammenhänge für den Beschäftigten meist einfacher zu erkennen. Dem behinderten Mitarbeiter fällt es leicht, einen unmittelbaren Bezug zu seiner Arbeit herzustellen und sich damit zu identifizieren.

Dem ausgeprägten Bewegungsbedürfnis vieler Beschäftigter kommt die Auslastung durch körperliche Arbeiten entgegen. Vereinzelt gelten Betreute als besonders aggressiv und sind für einen industriellen Arbeitsbereich nicht tragbar. Nach einem Wechsel in einen der sogenannten „grünen Arbeitsbereiche“ werden solche Beschäftigte oftmals zu wichtigen Leistungsträgern.

Besonders wichtig für den Menschen mit Behinderung sind die natürlichen Regelmäßigkeiten, die bei der Arbeit im Land- und Gartenbau erlebt werden. Sowohl die Tierhaltung als auch der Anbau und die Ernte von Pflanzen erfordern regelmäßige und immer wiederkehrende Arbeiten. Der überwiegende Aufenthalt im Freien lässt den Wechsel von Tages- und Jahreszeiten als etwas Elementares erleben und die Zeit wird für den Beschäftigten begreifbar als Wachstums-, Reife- und Erntezeit.

Feld- und Gartenarbeit

Unter Feldarbeit ist die landwirtschaftliche Pflanzenproduktion auf Grünland oder Acker zu verstehen (Gras, Futterrüben, Getreide etc.). Der Begriff Gartenarbeit umfasst die gartenbauliche Produktion wie den Anbau von Schnittblumen, Stauden, Gemüse, Kräutern, Pilzen, Obst und Beeren sowie die gartenbaulichen Dienstleistungen (Landschaftspflege, Floristik und Friedhofsgärtnerei).

Bei der Förderung des behinderten Mitarbeiters kann mit den entsprechend anfallenden Arbeiten auf die vorhandenen Eignungen und Neigungen eingegangen werden. So bieten der Zierpflanzen- und Gemüsebau die Möglichkeit, soziale, kognitive, methodische und psychomotorische Kompetenzen der unterschiedlichsten Intensität zu fördern. (AGÖL 2000).

Die bei der Arbeit in der Natur gewonnenen Erfahrungen können genutzt werden, um sich selbst näher zu kommen und sich der eigenen Natur vertraut zu machen. Die Arbeit auf dem Feld und im Garten bringt den Klienten durch die lebendige Auseinandersetzung mit den Pflanzen in Kontakt mit seinen eigenen Fähigkeiten zu Wachstum und Veränderung. Vor allem Menschen mit seelischer Behinderung haben Probleme mit Beziehungen. Therapeutisch angewandte Feld- und Gartenarbeit geht davon aus, dass ein beziehungsgestörter Mensch in gewisser Weise „entwurzelt“ ist. Durch Orientierung an und Arbeit in der Natur können Ruhe, Zufriedenheit und Motivation gefördert und die Beschäftigung mit den eigenen Unzulänglichkeiten verringert werden. Gartenarbeit ermöglicht es dem Betreuten, sich auf etwas anderes als nur sich selbst zu konzentrieren. Bei den vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten können die bestehenden gesunden „Anteile“ und Fähigkeiten bestens beobachtet werden. Es werden persönliche Entwicklungen angeregt. Entwicklungsdefizite werden nachgeholt und das Neugelernte wird langsam in die Persönlichkeit integriert.

Die Feld- und Gartenarbeit ist eingebettet in ein eindeutiges, in der Natur vorgegebenes Handlungsschema. Dass Pflanzen regelmäßig gegossen werden müssen und aufmerksamer Pflege bedürfen, ist für den Betreuten leicht einsehbar und nachzuvollziehen. Solche Erlebnisse machen den Aufforderungscharakter von Feld- und Gartenarbeit deutlich und dienen als Motivationshilfe.

Arbeit mit Nutztieren

Genauso wie die Arbeit mit Pflanzen und Erde kann auch die Beschäftigung mit Tieren einen heilenden Einfluss auf den Menschen haben. Der Anblick eines Tieres oder der Hautkontakt beim Streicheln kann beim Menschen Reaktionen und Gefühle der Zuneigung auslösen.

Bei der Beschäftigung Behinderter kann der Tierkontakt als wichtige Grundlage für die therapeutische Arbeit genutzt werden. Der Umgang mit Tieren macht es dem Betreuten möglich, verschiedene Verhaltensweisen zu erproben. Durch Versorgung und Pflege eines Tieres wird das Selbstvertrauen gestärkt, Verantwortung sowie Rollenverständnis bezüglich des eigenen Arbeitsbereiches erprobt. Die Arbeit mit Nutztieren dient dem Menschen mit Behinderung dazu, Zusammenhänge in der Nahrungskette besser begreifen und eine reale Vorstellung über die Herkunft von Lebensmitteln gewinnen zu können (AGÖL 1994).

Hinsichtlich der therapeutischen Aspekte von Tieren können die psychologischen, physischen und sozialen Wirkungen auf den Menschen unterschieden werden. Zu den psychologischen Wirkungen gehört die Förderung eines positiven Selbstbildes. Die Versorgung eines Tieres kann dazu beitragen, das eigene Leben zu strukturieren und den Aufbau eines festen Tagesablaufes zu ermöglichen. Der Betreute erfährt im Umgang mit dem Tier Ermutigung und Begeisterung für das eigene Handeln und wird außerdem zu Pünktlichkeit, Ordnung und Selbstdisziplin erzogen.

Die Sensibilisierung für die eigenen Ressourcen sowie die Kontrolle über sich selbst und die Umwelt werden gefördert. Beim Tierkontakt wird das emotionale Wohlbefinden des Betreuten positiv beeinflusst. Er erfährt Zuwendung, Bestätigung, Trost und spontane Zuneigung. So ermöglicht es ein Nutztier dem Behinderten, Körperkontakt zu erleben, Distanzen abzubauen und Nähe herzustellen. Die vielfältigen Lernerfahrungen im Zusammenhang mit Tieren und Tierhaltung tragen zu kognitiver Anregung und Aktivierung bei.

Anhand von physiologischen Reaktionen beim Menschen kann nachgewiesen werden, dass Tiere dem Menschen ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrautheit vermitteln. Schon die reine Präsenz eines Tieres kann beruhigend auf den Menschen wirken. Bei regelmäßigem Umgang mit einem Tier werden Herzfrequenz und Blutdruck gesenkt sowie der Kreislauf stabilisiert.

Eine wichtige soziale Wirkung von Tieren auf den Menschen ist die Aufhebung von Einsamkeit und Isolation. Durch die Nähe eines Tieres wirkt ein Mensch offenbar zugänglicher und in diesem Zusammenhang fördern Tiere auch den sozialen Kontakt zu anderen Menschen. Dabei dient das Tier als Kommunikationshilfe, als eine Art Vermittler beim Aufbau von sozialen Kontakten (GREIFFENHAGEN 1991, OTTERSTEDT 2001).

Probleme und Grenzen der Beschäftigung von Behinderten in der Landwirtschaft

Trotz aller positiven und therapeutisch sinnvollen Aspekte des Land- und Gartenbaus mit geistig und seelisch Behinderten, können bei der praktischen Arbeit in einem solchen Beschäftigungsbereich auch diverse Schwierigkeiten auftreten.

Bei der Arbeit mit Behinderten in Land- und Gartenbau sollen einerseits die Beschäftigten individuell betreut und deren Persönlichkeit gefördert werden, andererseits existieren gewisse betriebswirtschaftliche Zwänge, die beachtet werden müssen. Der Konflikt zwischen Produktion und Pädagogik wird hier deutlich. Eine völlige Rationalisierung und Mechanisierung der Betriebe wird nicht angestrebt, da gerade manuelle Arbeit diverse Beschäftigungsmöglichkeiten für die unterschiedlich qualifizierten Mitarbeiter bietet. Allerdings gilt es, betriebswirtschaftliche Standards zu beachten und termingerechte Auftragsarbeiten fertig zu stellen. Das wirtschaftliche Ergebnis und die leistbare pädagogische Arbeit werden in hohem Masse durch Art und Schwere der vorhandenen Behinderungen bestimmt. Aufgrund des wirtschaftlichen Drucks sehen sich viele Gruppenleiter gezwungen, die besonders leistungsfähigen Menschen mit Behinderung in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich zu halten, was die betriebsinterne Konkurrenz verstärkt und zu Konflikten unter den Betreuten führt. Um einer heilpädagogischen Betreuung gerecht zu werden und gleichzeitig wirtschaftlich arbeiten zu können, wäre die Zusammensetzung der Arbeitsgruppen gemäß der Leistungsfähigkeit und dem sozialen Verhalten der Betreuten wünschenswert. Für besonders komplexe Arbeiten (z. B. Melken) sollte überlegt werden, Fachkräfte anzustellen. Monotone und bei den Behinderten weniger beliebte Arbeiten könnten vollständig mechanisiert werden, damit die Arbeitsmotivation bei den Betreuten gesteigert werden kann. Die Gegensätze zwischen Pädagogik und arbeitswirtschaftlichen Erfordernissen können vor allem dann überwunden werden, wenn der Betreuer von dem Sinn und Wert der verrichteten Arbeiten überzeugt ist und dies den behinderten Mitarbeitern auch vermitteln kann. Die Wertschätzung der geleisteten Arbeit sowie die damit verbundenen Hochgefühle über den eigenen Erfolg sind wichtige Erfahrungen für den Betreuten, die eine konstante und zufriedenstellende Beschäftigung gewährleisten (AGÖL 1994).

Geregelte Arbeitszeiten sind in Betrieben des Land- und Gartenbaus kaum zu realisieren. Die Versorgung und Pflege der landwirtschaftlichen Nutztiere ist auch am Wochenende und in Ferienzeiten unabdingbar, was zu Überbeanspruchungen des behinderten Mitarbeiters führen kann. Wetterabhängige Saisonarbeiten mit „Arbeitsspitzen“ können vor allem im Hochsommer nicht vermieden werden. Um einerseits einen optimalen Betriebsablauf zu gewährleisten, jedoch auch den Bedürfnissen der Betreuten gerecht zu werden, kann in einem sogenannten Schichtdienstverfahren gearbeitet werden. Dabei arbeiten zwei Gruppen im Wechsel an Vormittagen bzw. Nachmittagen. Auf diese Weise wird eine Wochenarbeitszeit von 36 Stunden nicht überschritten und den Behinderten ist weiterhin die Teilnahme an Freizeitaktivitäten in Wohnbereich und sozialem Umfeld möglich. Sonder- und Mehrarbeit am Wochenende wird mit einer zusätzlichen Vergütung oder alternativ durch Freizeitausgleich entlohnt.

Relativ unbeliebte Beschäftigungsbereiche wie Melken -und das damit verbundene frühe Aufstehen- können zu ausgesprochen verantwortungsvollen Positionen erklärt werden, indem dem Betreuten die Wichtigkeit und Notwendigkeit der verrichteten Arbeit vermittelt wird (AGÖL 1994).

Viele pädagogische Mitarbeiter nennen den als zu eng empfundenen Betreuungsschlüssel von 1:12 als große Schwierigkeit bei der Arbeit mit Behinderten in Landwirtschaft und Gartenbau. Die Weitläufigkeit der zu bewirtschaftenden Fläche lässt kaum zu, auf jeden Betreuten individuell einzugehen. Eine Veränderungsmöglichkeit diesbezüglich wäre die individuelle Festlegung des Betreuungsschlüssels für den jeweiligen Werkstattbereich. Somit würde sich der Betreuungsschlüssel in einem Bereich mit geringerem Betreuungsbedarf (z.B. Montage) verschlechtern zugunsten des landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Arbeitsbereiches. Solche Änderungen des Betreuungsschlüssels sind mit dem Träger der Einrichtung auszuhandeln (AGÖL 1994).

Viele Einrichtungen mit landwirtschaftlichem und gartenbaulichem Arbeitsbereich für behinderte Menschen stehen vor dem Problem, qualifiziertes Betreuungspersonal zu finden, welches den unterschiedlichen Anforderungen eines solchen Beschäftigungsfeldes entspricht. Gruppen- oder Betriebsleiter sollten u.a. Führungsqualitäten, pädagogische Fähigkeiten, Fähigkeit zur Teamarbeit, soziales Engagement, gute Produktkenntnisse und betriebswirtschaftliches Wissen vorweisen können. Die Diskrepanz zwischen diesen Anforderungen an die Position des Betriebsleiters einerseits und dessen finanzieller Entlohnung andererseits wird auch als „Betriebsleiterproblem“ bezeichnet (HERMANOWSKI 1992).

Ein weiteres Problem aus dem Bereich des pädagogischen Personals ist die mangelnde Kommunikation mit anderen Arbeitsbereichen der Einrichtung. Organisatorische Absprachen zwischen dem Sozialen Dienst oder Wohnbereich mit dem Werkstattbereich finden oftmals entweder gar nicht oder nur unzureichend statt. Als Lösungsansätze für dieses Problem könnten regelmäßige Zusammenkünfte für das gesamte Personal sowie gegenseitige Hospitationen in den verschiedenen Arbeitsbereichen sein (AGÖL 1994).

Die Art und der Aufwand der Betreuung kann bei psychisch Behinderten anders sein als bei geistig Behinderten. So erfordern psychisch Behinderte einen erhöhteren Betreuungsaufwand und fühlen sich schneller überfordert als geistig Behinderte. Psychisch Behinderte lehnen eine Zusammenarbeit mit geistig Behinderten häufig ab, weisen höhere Fehlzeiten auf und zeigen schlechtere bzw. schwankendere Arbeitsleistungen als geistig Behinderte. Ein erster Lösungsansatz für diese Problemsituation besteht im Aufbau einer eigenen Werkstatt für psychisch Behinderte bzw. einer separaten Abteilung innerhalb der Werkstatt (SONNENTAG 1991).

Der Umgang mit landwirtschaftlichen Nutztieren birgt einige Gefahren und das Risiko einer Krankheitsübertragung oder einer Verletzung. Verletzungen wie Kratzen, Beißen, Treten oder Umrennen von Menschen durch Tiere können durch nicht artgerecht gehaltene und folglich aggressiv und unberechenbar gewordene Tiere verursacht werden. Über die Ausdrucksformen und die Ansteckungsgefahr von Tollwut sollten alle Beschäftigte ausreichend aufgeklärt werden. Um Wurmparasiten zu verhindern, ist es wichtig, ausreichende hygienische Maßnahmen zu treffen. Unzureichend gereinigte Futternäpfe und Tierbehausungen beeinträchtigen die Gesundheit des Tieres wie des Menschen gleichermaßen (AGÖL 1994).

Durch die Abhängigkeit von Wetter und Jahreszeiten kann es schwierig sein, den Beschäftigten in Land- und Gartenbau ganzjährig eine sinnvolle Arbeit zu bieten. Bei der Gestaltung der Produktionsbereiche ist darauf zu achten, dass genügend Schwerpunkte vorhanden sind, die auch im Winter konstante Arbeiten ermöglichen. Eine Konstanz an Beschäftigung zu jeder Jahreszeit kann erreicht werden durch Viehhaltung (tägliches Füttern und Misten), Kartoffelschälbetriebe sowie Verpackungsbereiche (HERMANOWSKI 1992).

Begehung der landwirtschaftlichen Einrichtungen

Am Beispiel von sechs verschiedenen Behinderteneinrichtungen mit landwirtschaftlichem oder gartenbaulichem Arbeitsbereich wurde die Bedeutung und die Funktion von Arbeit sowie auch die Chancen und Probleme für Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung in der Landwirtschaft mit Hilfe qualitativer Forschungsmethoden untersucht. Die besuchten Einrichtungen wurden nach der Erreichbarkeit vom Universitätsstandort Kassel ausgewählt und befinden sich in der Region Nordhessen.

Es wurden qualitative Interviews mit Einrichtungs- und Werkstattleitern über deren Arbeitsbereiche und Erfahrungen durchgeführt. Der verwendete Fragebogen umfasste allgemeine Fragen zur Organisation und zum Angebot der Einrichtung sowie offene Fragen, die dem Interviewten genügend Raum geben sollten, über die abgesteckten Themenbereiche frei sprechen zu können.

Die erhobene Stichprobe ist zu klein, um den Anspruch auf Repräsentativität zu erfüllen. Die Ergebnisse sollen jedoch exemplarisch in Bezug gesetzt werden zu den oben dargestellten Chancen und Problemen von Land- und Gartenbau mit geistig und seelisch Behinderten.

Jede der interviewten Personen nennt den bewussten Umgang mit Pflanzen, Tieren und Erde einen therapeutisch sehr wertvollen Aspekt der Behindertenarbeit in Land- und Gartenbau. Durch die abwechslungsreichen, der Jahreszeit entsprechenden Arbeiten wird bei dem Menschen mit Behinderung das Interesse für natürliche Kreisläufe geweckt. Drei der interviewten Betreuungspersonen betonen in diesem Zusammenhang die Ganzheitlichkeit, die beim Erleben jahreszeitlicher Zyklen und beim Umgang mit den Elementen erreicht wird.

Auch betreffend der Wirkungsweisen und Funktionen von landwirtschaftlicher und gartenbaulicher Arbeit mit Behinderten besteht weitestgehend Einigkeit bei den Befragten:

Durch die Wertschätzung der eigenen Arbeit wird das Selbstwertgefühl des Beschäftigten gestärkt und verborgene Ressourcen geweckt. Das Schaffen individueller Betätigungsfelder für jeden behinderten Mitarbeiter fördert die Eigenständigkeit, das Verantwortungsbewusstsein sowie die Arbeitsmotivation. Bei der Arbeit in der Natur findet für den Betreuten eine unmittelbare Visualisierung der Arbeitsergebnisse statt, was helfen kann, die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit begreifen zu lernen. Außerdem können bei Arbeiten in Land- und Gartenbau Geduld und Ausdauer erprobt sowie eine bessere Zugänglichkeit der Betreuten gefördert werden.

Die sozialen Beziehungen innerhalb der Arbeitsgemeinschaft werden für Menschen mit Behinderung als sehr wichtig eingeschätzt. Die Kommunikation am Arbeitsplatz und das gegenseitige aufeinander Angewiesensein fördere die Fähigkeit zu Gemeinschaftsarbeit und den Erwerb von sozialer Kompetenz.

Bei den von den Interviewten genannten Problemen und Grenzen des Land- und Gartenbaus mit Behinderten unterscheiden sich die Angaben vor allem nach den vorhandenen Arbeitsbereichen in den Institutionen.

Einigkeit besteht insbesondere darüber, dass der Konflikt zwischen Pädagogik und Wirtschaftlichkeit zu den dringlichsten Problemen zählt. Aus Zeitgründen ist eine individuelle Betreuung der Beschäftigten nicht immer möglich. Dieses Problem ergibt sich vor allem zu saisonal bedingten Spitzenzeiten und bei Termindruck durch Auftragsarbeiten. In diesem Zusammenhang wird von nahezu allen befragten Personen der in Land- und Gartenbau übliche und als unangemessen bezeichnete Betreuungsschlüssel von 1:12 kritisiert. Die Doppelfunktion von Pädagoge und landwirtschaftlicher oder gartenbaulicher Fachkraft wird von den betreuenden Personen als belastend empfunden und durch den Mangel an qualifiziertem Personal noch verstärkt.

Als Grenzbereiche bei der Beschäftigung Behinderter in Land- und Gartenbau gelten ausgeprägte Tendenzen zu Aggressivität bei den Betreuten sowie starke psychische Instabilitäten und Gemütsschwankungen der seelisch behinderten Menschen.

Bei Einrichtungen mit Viehhaltung nennen die Befragten das Problem der Wochenendarbeit, welche oftmals als äußerst unattraktiv bei den Betreuten gilt.

Der Standort des landwirtschaftlichen oder gartenbaulichen Betriebes kann problematisch sein, wenn die Lage zu abgeschieden ist. Wie am Beispiel mehrerer Einrichtungen deutlich wird, kann eine schlechte Verkehrsanbindung die Direktvermarktung erzeugter Produkte schwierig machen und außerdem die Anreise von Betreuern und Betreuten zum Arbeitsplatz erschweren.

Auf einem der besuchten landwirtschaftlichen Betriebe ist die Besonderheit gegeben, dass die pädagogischen Betreuer des Gutshofes auch vor Ort wohnen. In diesem Zusammenhang nennt die dort befragte Person das Problem der bei vielen Pädagogen nicht vorhandenen Abgrenzungs-Kompetenz. Die hohe Mitarbeiterfluktuation ist ein Hinweis für das Bestehen dieser Problematik.

Die durchgeführte Befragung zeigt, dass die bereits in den theoretischen Grundlagen erarbeiteten Bedeutungsaspekte und Funktionen von Arbeit sowie die therapeutischen Wirkungsweisen des Land- und Gartenbaus bestätigt werden können.

Insgesamt kann aus den geführten Interviews der Schluss gezogen werden, dass landwirtschaftliche Arbeit für Menschen mit geistiger und seelischer Behinderung geeigneter ist als industrielle Arbeit. Gerade die durch landwirtschaftliche Arbeit ermöglichte Tagesstrukturierung kann dem Betreuten zu Selbständigkeit und der Erfüllung eigener Aufgaben verhelfen. Die Möglichkeiten sinnvoller und vielfältiger Beschäftigung sowie die körperliche Betätigung fördern sowohl geistige als auch motorische Fähigkeiten des Betreuten. Die Eignung landwirtschaftlicher Arbeiten für einen Menschen mit Behinderung wird außerdem durch den offensichtlichen Nutzen der eigenen Arbeit beim Umgang mit Tieren und Pflanzen sowie der Erzeugung gesunder Lebensmittel bestätigt.

Weiterführende Literatur

Aernout, J.R.(1992): Arbeitstherapie - Eine praxisorientierte Einführung, Weinheim/ Basel

Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau ( AGÖL) (Hrsg.) (2000) : Leitfaden Ökologischer Landbau in Werkstätten für Behinderte, Frankfurt/Main

Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau ( AGÖL) und Evangelische

Landjugendakademie Altenkirchen (Hrsg.) (1994): Land- und Gartenbau mit Behinderten, Stiftung Ökologie und Landbau (SÖL), Bad Dürkheim

Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V. (2002): WfB Handbuch, 10. Auflage, Marburg

Greiffenhagen, S. (1991): Tiere als Therapie - Neue Wege in Erziehung und Heilung, München

Hermanowski, R. (1992): Ökologischer Land- und Gartenbau mit Behinderten, Schrift Nr. 350 des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e.V., Darmstadt

Hensle, U. / Vernooij, M. (2000): Einführung in die Arbeit mit behinderten Menschen, 6. Auflage, Wiebelsheim

Neuberger, K. (1993): Die Arbeit im Garten als Metapher und Ausschnitt der Wirklichkeit - Anregungen für die Gartenarbeit mit Patienten, Praxis Ergotherapie, 4/1993, S. 88-93

Otterstedt, Dr. C. (2001): Tiere als therapeutische Begleiter - Gesundheit und Lebensfreude durch Tiere - eine praktische Anleitung, Stuttgart

Sonnentag, S. (1991): Arbeit und Persönlichkeitsentwicklung bei geistig und psychisch Behinderten - Eine empirische Untersuchung zur Arbeitssituation in Werkstätten für Behinderte, Europäische Hochschulschriften, Bd. 345, Frankfurt/ Main


Autorin
Martina Carl
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Zitiervorschlag
Martina Carl: Landwirtschaft als Beschäftigungsfeld für Menschen mit Behinderung. Veröffentlicht am 01.03.2005 in socialnet Materialien unter http://www.socialnet.de/materialien/60.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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