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Erfolg in der Sozialen Arbeit

Norbert Herriger, Harro Kähler

veröffentlicht am 01.03.2009

Auszüge aus der Monographie: Norbert Herriger, Harro Dietrich Kähler: Erfolg in der Sozialen Arbeit. Gelingendes berufliches Handeln in der sozialen Praxis. Ein Forschungsbericht. socialnet Verlag (Bonn) 2003. 168 Seiten, ISBN 3-936978-00-X, EUR 16,90.

Die Qualität Sozialer Arbeit steht auf dem Prüfstand. Im Spiegel des allgemeinen Trends hin zu einer fortschreitenden Ökonomisierung und Dienstleistungsorientierung auch in der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage nach den Kriterien, an denen der „Erfolg“ beruflich-sozialer Praxis zu bemessen ist, mit neuer Dringlichkeit.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen die subjektiven Erfahrungs- und Interpretationsmuster, auf die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sozialer Dienste und Einrichtungen zurückgreifen, um gelingendes berufliches Handeln in der Sozialen Arbeit zu vermessen. Im Rahmen einer qualitativen Studie wurden insgesamt 30 Praktikerinnen und Praktiker aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit nach ihren subjektiven Erfolgskriterien und -erfahrungen befragt.

Die Forschungsbefunde, die in unserem Buch durch vielfältige Zitate im ,Originalton“ bebildert sind, liefern eine bunte und differenzierte Übersicht über die produkt-, prozess- und strukturbezogenen Dimensionen des Erfolgserlebens der Befragten und markieren auf diese Weise zentrale Anknüpfungspunkte für weiterführende Konzepte der Qualitätsentwicklung in der Sozialen Arbeit.

In 30 leitfadengestützten qualitativen Interviews mit Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit haben wir mehr erfahren wollen über die Koordinaten, in denen die Praktiker gelingendes berufliches Handeln vermessen und damit Arbeitszufriedenheit und Arbeitsmotivation definieren. Einer unserer zentralen Forschungsbefunde war hier folgender: Die Mehrzahl der Erfolgsbeschreibungen der befragten PraktikerInnen thematisiert positive Veränderungen in der Lebenslage und der Lebensführung der Klienten (ergebnisorientierte Erfolgserfahrung). Die Soziale Arbeit - so die Grundmelodie der Aussagen - dokumentiert ihre Fachlichkeit überall dort, wo es ihr im Verlauf der begleitenden und unterstützenden Hilfe gelingt, konstruktive Veränderungen in der Lebensgestaltung ihrer Klienten herzustellen. Die materielle Verbesserung der Lebenslage (Existenzsicherung und Schuldenregulierung; Vermittlung von gesetzlich garantierten Sozialleistungen; Vermittlung von Arbeit und Wohnraum); die Verbesserung von sozialen Beziehungen und die Stabilisierung von alltagsweltlichen Beziehungsnetzwerken; die Normalisierung konflikthafter Verhaltensmuster und die Einübung von sozialverträglichen Beziehungsformen sowie die Veränderung von Lebensperspektiven und das Entdecken von neuen Lebenszielen - alles dies sind Veränderungen von Lebensentwürfen und Lebenssettings, die von den befragten PraktikerInnen als mutmachende berufliche Erfolge wahrgenommen werden.

Der folgende Materialtext ist ein Auszug aus Kap. 3 unseres Buches (Herriger/Kähler 2003, S. 46-62). Er dokumentiert in differenzierter Form, in welcher Weise die von uns befragten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sozialer Dienste und Einrichtungen die produktiven Lebensveränderungen ihrer KlientInnen auf ihrem beruflichen Erfolgskonto abbuchen.

1. Materielle Verbesserung der Lebenslage

I: Materielle Verbesserung der Lebenslage(…) B: Ja natürlich, (Lachen) das kann ich rundweg mit ja beantworten, das ist ein großer Erfolg. Wenn jemand Arbeit bekommt, die er vorher nicht hatte, wenn er eine angemessene Wohnung bekommt, wenn er ein höheres Einkommen erzielt, dann freue ich mich, weil ich weiß, dass der Klient dann auch zufriedener wird. (ambulante erzieherische Dienste)

Eine signifikante Verbesserung der materiellen Lebenslage - dies dokumentiert das hier wiedergegebene Zitat - ist für die Mehrzahl der befragten SozialarbeiterInnen eine Lebensveränderung, die auf dem Erfolgskonto verbucht werden kann. Zwar gehört die Beratung in Sachen Existenzsicherung (Vermittlung, Beantragung, Gewährung von materiellen Hilfen, insbesondere Sozialhilfe), zählen Schuldnerberatung und die Vermittlung weiterer gesetzlich garantierter sozialer Dienstleistungen zum „Alltagsgeschäft“ jedweder Sozialen Arbeit. Und dennoch: Dort, wo es im Verlauf von Betreuungsprozessen gelingt, den Klienten existenzsichernde und -unterstützende Hilfen zu vermitteln (im Sinne eines materiellen Unterstützungsmanagements), dort erleben sich die Praktiker der Sozialen Arbeit unmittelbar als erfolgreich und erfahren den Dank und die Anerkennung ihrer Adressaten.

In den, dieser Kategorie zurechenbaren Aussagen spiegelt sich eine einfache alltagstheoretische Gleichung: Eine brüchige Existenzgrundlage, mangelnde finanzielle Verfügungskraft in Alltagsdingen, ein kaum in die Zukunft hinein reichender finanzieller Planungshorizont - alles dies ist in der Einschätzung der Befragten ein Stresspotenzial, das sich belastend sowohl auf die subjektive Lebenszufriedenheit als auch belastend auf die familiären Beziehungsstrukturen niederschlägt. Berufliche Beiträge zu einer Verbesserung der materiellen Ausstattung der Klienten sind ihnen daher stets auch Beiträge zu einem Mehr an personaler und sozialer Lebensqualität.

1.1 Existenzsicherung und Schuldenregulierung

Die Mehrzahl der Nennungen, die beruflichen Erfolg in Kategorien einer materiellen Besserstellung vermessen, beziehen sich auf gelingende Verfahren der Schuldenregulierung. Die rechtliche Prüfung von Gläubigeransprüchen, die Entwicklung eines strukturierten Entschuldungsplanes und dessen schrittweise Umsetzung, der Abschluss von Vergleichen und Schuldenerlassen, die Budgetierung und strukturierte Verausgabung des verfügbaren Familieneinkommens u.a.m. - dies alles sind für die Befragten Beiträge zu einem materiellen Unterstützungsmanagement, das in unmittelbarer Weise Lebensbelastungen abfedert und Entlastung schafft.

Ich habe es sehr häufig mit Sozialhilfeempfängern zu tun, für die eine Verbesserung der materiellen Lebenssituation eine notwendige Existenzsicherung bedeutet. Diese Klienten haben in der Regel überhaupt kein Geld, um Schulden zu zahlen. Sie erliegen aber oft dem Gläubigerdruck und zahlen im Monat 200, 300 Mark und mehr von ihrer Sozialhilfe. Hier sehe ich es als meine Aufgabe, sie über ihre Verpflichtungen aufzuklären und ihnen zu sagen, dass so etwas wie Miete, Lebensunterhalt und Strom absoluten Vorrang hat und dass Gläubiger auch einmal warten können, bis sich ihre finanzielle Situation verbessert hat. Also Existenzsicherung - das Stichwort fällt mir hier ein. Ebenso das Schuldenbereinigungsverfahren, d.h. einen Plan aufzustellen und sukzessive Schulden zu tilgen - solche einfachen Techniken sind oft schon hilfreich, um die Familien finanziell zu stabilisieren, so dass dann die Miete gezahlt werden kann und genügend Essen auf den Tisch kommt und Stromschulden nicht wieder auflaufen, solche Geschichten. Das ist hier mein tägliches Brot. (Schuldnerberatung / Wohnungsnotfallhilfe)

Ein großer Teil unserer Beratung ist die Beratung von verschuldeten Mitarbeitern, und da geht es einfach darum, die materielle Situation zu verbessern. Ca. 20 % unserer Beratung gilt der Beschäftigung mit diesem Thema. Insbesondere bei Mitarbeitern, die im unteren Tarifbereich arbeiten, spielen finanzielle Probleme immer wieder in die Beratung mit hinein. (…) Wenn uns jemand berichtet, ich komme mit meinem Einkommen in irgendeiner Art und Weise nicht aus, ich überziehe ständig mein Konto, dann gehen wir im Rahmen der Schuldnerberatung auf diese Dinge ein und versuchen diesen finanziellen Druck zu vermindern. Die Verminderung materieller Belastungen ist ein unverzichtbarer Anteil einer ganzheitlichen Beratung. Und dann ist es sicherlich ein Teilerfolg, wenn ich einen Mitarbeiter in diesem Aspekt entlasten kann. (Betriebssozialarbeit).

Schuldenregulierung - d.h. wir verhandeln mit Gläubigern, und wenn wir einen Vergleich geschlossen haben, dann freue ich mich immer total. Also: Dass das geklappt hat und die Bewohner dann irgendwann schuldenfrei sind. (stationäre Einrichtung der Wohnungslosenhilfe)

Wir arbeiten mit den Familien an der Einteilung von zur Verfügung stehenden Mitteln, d.h. wir geben Hilfestellung bei der Budgetierung der eigenen Mittel, erstellen Haushaltspläne und dergleichen mehr. Das ist ein Nebenaspekt meiner Arbeit, aber es macht sich direkt positiv bemerkbar, wenn die Leute mehr Geld in der Tasche haben. (Mieterberatung / Wohnungsbauträger)

1.2 Vermittlung von gesetzlich garantierten Sozialleistungen

Soziale Arbeit ist aber nicht nur in der unmittelbaren Bearbeitung von Schulden erfolgreich. Die hier genannten Definitionen von beruflichem Erfolg beziehen sich des weiteren auch auf die Vermittlung von gesetzlich garantierten Sozialleistungen, die durch andere Träger der kommunalen Dienstleistungslandschaft (Sozialamt; Jugendamt; Pflege- und Krankenversicherung; Wohnungswirtschaft) erbracht werden. Die Befragten sehen sich hier in unterschiedlichen Rollen: Sie liefern (1) Information und Aufklärung über garantierte Sozialleistungen und hiermit verbundene Anspruchsvoraussetzungen; sie sind (2) Wegweiser im Dickicht von institutionellen Verfahren und amtlichen Zuständigkeiten; und sie sind (3) Advokaten und parteiliche Fürsprecher für ihre Klienten immer dann, wenn rechtliche Ermessensspielräume und Dienstleistungsumfänge strittig sind und von der dienstleistenden Einrichtung restriktiv interpretiert werden. Hier einige ausführliche Zitate, in denen die Inanspruchnahme von Leistungen der Sozialhilfe, der Jugend- und Familienhilfe sowie der Pflege- und Krankenversicherung thematisiert werden.

Sozialhilfe, Arbeitslosenhilfe, Jugendhilfe:

Erfolg mache ich daran fest, dass die Frauen für die Wahrnehmung ihrer persönlichen Rechte eintreten - vor allem im Bereich der lebensnotwendigen Grundversorgung. Dass die Bewohnerinnen in der Lage sind, beim Sozialamt ihre Rechte einzufordern, dass sie beim Arbeitsamt Anträge auf Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe stellen oder sich regelmäßig melden, damit die Zahlungen nicht eingestellt werden - das ist durchaus ein Erfolg. (Betreutes Wohnen für wohnungslose Frauen)

Das ist ein sehr mühseliges Unterfangen - Menschen in verwaltungsrechtlichen Belangen, in Konfliktstellungen mit dem Sozialamt unter die Arme zu greifen. D.h. ihnen Hinweise geben, wie sie auftreten sollten, wie sie Ansprüche durchsetzen können und dergleichen mehr. Das ist ein mühseliger und zäher Prozess. (Mieterberatung / Wohnungsbauträger).

Also ich kenne Kinder, deren Familien existieren an der Armutsgrenze. Was das für ein schwieriges Leben ist, und was das auch für die Kinder bedeutet, nämlich einfach ein sehr hoher Stresspegel. (…) Angesagt ist hier die Zusammenarbeit mit Sozialamt oder Jugendamt. Wenn ich z.B. im Gespräch erfahre, dass da eine Familie Sozialhilfeempfänger ist und von der Sozialhilfe noch viele Schulden bezahlt werden müssen, dann kann ich den Eltern Anstöße geben, weitere Hilfen einzufordern. Da noch einmal genau mit der Jugendhilfe oder dem Sozialamt zu gucken, was an Verbesserungen möglich ist. Da stößt man dann aber auf mehr oder weniger Erfolg (Lachen) bei den Behörden. (Schulsozialarbeit)

Pflegeversicherung und Krankenversicherung:

Unser Eintreten für die Belange der Senioren konzentrieren wir nicht nur auf deutsche Senioren, weil inzwischen auch ausländische Senioren, die erste Generationen, hier alt wird und hier auch bleibt - insbesondere die türkischen Senioren, weil die Pflegeversicherung in der Türkei als Nicht-EU-Land nicht greift. Von daher ist es der erste Schritt in der Auseinandersetzung mit diesem Personenkreis, für eine Verbesserung der materiellen Lebenslage einzutreten, da diese Menschen die Möglichkeiten der Pflegeversicherung bisher überhaupt nicht kennen, obwohl sie auch dort Zwangsmitglied sind und eingezahlt haben. Von daher ist es für meine türkischen Kolleginnen und Kollegen immer ein Erfolg, wenn sie diesem Kundenkreis eine materielle Besserstellung in der Pflege ermöglichen. (verbandliche Beratung für alte Menschen / Wohnraumanpassung)

Da wir hier im Krankenhaus sind, ist für uns die Absicherung und d.h. in erster Linie der Krankenversicherungsschutz immer ein Thema. Das sind Dinge, die wir überprüfen und wenn nicht vorhanden, versuchen wir, uns mit den Kassen auseinander zu setzen. Das ist schon ein Erfolg, wenn man es schlussendlich geschafft hat, einen Patienten wieder in eine Krankenversicherung hinein zu bekommen, oder die Absicherung über das Sozialamt und gleichzeitig die grundlegende Lebenssicherung für ihn erreicht hat. (Krankenhaussozialdienst / Psychiatrie)

1.3 Wohnungsvermittlung und Wohnraumanpassung

Verbesserung der Lebenslage lässt sich schließlich auch im Hinblick auf die Wohnsituation der Klienten der Sozialen Arbeit realisieren. Erfolgreich erleben sich die befragten SozialarbeiterInnen dort, wo es ihnen gelingt, Problemgruppen des Wohnungsmarktes (Strafentlassene; langfristig wohnungslose Menschen; alte Menschen mit Behinderungen) geeigneten und bezahlbaren Wohnraum zu vermitteln. Der Abschluss eines Mietvertrages auf dem „ersten“ Wohnungsmarkt und das konfliktfreie Fortbestehen dieses Mietverhältnisses ist ihnen Erfolg. Erfolg erleben sie aber auch dort, wo insbesondere bei älteren Menschen aufgrund eines veränderten gesundheitlichen Status (körperliche Behinderung; Pflegebedürftigkeit; Demenz u.a.m.) bestehende Ansprüche auf Wohnungsanpassung erfolgreich eingelöst werden können und diese Menschen trotz zum Teil gravierender gesundheitlicher Einschränkungen in ihrem gewohnten alltäglichen Lebensumfeld verbleiben können.

Die Wohnungssuche ist immer eine gemeinsame Aktion - und dann freut es mich auch immer, wenn wir eine Wohnung gemeinsam gefunden haben, und der Bewohner dann später dort auch einziehen kann. Das ist für mich ein großer Erfolg. (stationäre Einrichtung der Wohnungslosenhilfe)

Wir sind hier achtzehn Jahre lang eine Untersuchungshaftanstalt gewesen, die an das hiesige Amtsgericht angegliedert war. Und die Leute, die hier eingesessen haben, kamen alle aus diesem Gerichtsbezirk. In den Jahren hatte ich zu dem kommunalen Umfeld hier eine gute Beziehung aufgebaut. Das kommt einfach mit den Jahren. Am Anfang kennt man Leute nur vom Telefon, später hat man sie auch mal besucht, dann weiß man, was man voneinander zu halten hat. Ich kannte also die entsprechenden Mitarbeiter auf den Ämtern, beim Sozialamt, beim Arbeitsamt, ich kannte die Leute von der Bewährungshilfe und den freien Verbänden. Ich kannte auch ein paar Wohnungsgeber, die möblierte Zimmer vermieten. (…) In der U-Haft hat man immer mit blitzartigen Entlassungen zu rechnen. Da geht jemand bei einer geprüften Haftbeschwerde vielleicht plötzlich nach Hause. Es ist mir dann in der Vergangenheit eigentlich immer gelungen, dass keiner auf die Straße entlassen werden musste. Im schlechtesten Fall gab es zwar nur eine Wohnheimadresse, aber zumindest die hat es gegeben. (Justizvollzugsanstalt)

Eine materielle Verbesserung der Wohnsituation des Klienten bedingt auch eine Verbesserung der Lebensqualität. Für mein Handlungsfeld bedeutet das, dass ich z.T. Drittmittel loseisen muss. Wohnungsanpassungsmaßnahmen für Senioren, für Behinderte, dergleichen mehr müssen manchmal gegen die Widerstände des Sozialamtes rechtlich durchgesetzt werden. (Mieterberatung / Wohnungsbauträger)

1.4 Widerstände gegen eine materielle Verbesserung der Lebenslage

In unserem Interviewmaterial finden sich schließlich auch Statements mit einem skeptischen Unterton. Die Befragten sind zwar der Meinung, dass eine nachhaltige materielle Besserstellung hilfreich sei und ein Mehr an Lebensqualität zur Folge habe. Skeptisch aber ist ihre Einschätzung im Hinblick auf die gesellschaftspolitische Reichweite der Sozialen Arbeit: Genannt werden zum einen Schließungsprozesse auf dem Arbeitsmarkt, die eine berufliche Integration ihres Klientels erschweren und damit einer materiellen Verbesserung ihrer Lebenslage im Wege stehen. Genannt werden zum anderen die engen Leistungsgrenzen, die durch das Sozialhilfe-Recht gesetzt werden (z.B. im Hinblick auf das Kostenniveau eines „zumutbaren Wohnraumes“).

Eine materielle Verbesserung ist in vielen Fällen gar nicht mehr möglich. Da bin ich ein wenig desillusioniert. Der Arbeitsmarkt gibt heute auch nicht so viel her, als dass ich Frauen, die langzeitarbeitslos sind, wirklich in ein abgesichertes Beschäftigungsverhältnis vermitteln könnte. Natürlich versuchen wir das bei jungen Frauen, bei sehr jungen Frauen, die noch keine Ausbildung haben. Da versuchen wir, sie in Ausbildung zu vermitteln, soweit sie daran Interesse haben. Das läuft hier im betreuten Wohnen über Motivationsgespräche. Wenn sie kein Interesse daran haben, ja dann werden sie vom Arbeitsamt oder eventuell Arbeit statt Sozialhilfe in irgendwelche Arbeiten vermittelt, aber diese Verträge sind befristet. Bei Frauen hingegen, die schon eine Berufsausbildung haben und die auch bis zu ihrer Lebenskrise gearbeitet haben, da ist es durchaus möglich, sie auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Aber das ist doch ein kleinerer Teil derer, die ich hier im betreuten Wohnen habe. (Betreutes Wohnen für wohnungslose Frauen)

Eine Arbeitsstelle aus der Haft heraus zu vermitteln - das war fast nie möglich. Ich bin jetzt zwanzig Jahre hier, da hat sich auf dem Arbeitsmarkt vieles geändert. Ich erinnere mich, dass ich einem Lokal hier in der Nachbarschaft einen Koch vermittelt habe. Der ist hier aus dem Vollzug dorthin gegangen, hat ein möbliertes Zimmer bekommen und hat als Koch angefangen zu arbeiten, weil er irgendwann in seiner Knastkarriere mal eine Kochausbildung gemacht hatte. So etwas hat es ganz früher gegeben, aber später nicht mehr. Heute ist es so, dass man den Leuten behilflich ist, ihnen sagt, wie sie ihre Papiere ordnen, damit sie die Unterlagen haben, um sich z.B. direkt arbeitslos zu melden und sonstige Ansprüche geltend zu machen. (Justizvollzugsanstalt)

2. Verbesserung sozialer Beziehungen

2.1 Stabilisierung von partnerschaftlichen und familiären Bindungen

Soziale Arbeit ist Beziehungsarbeit. Ziel der beratenden und lebensbegleitenden Arbeit ist es, Belastungen auf der Ebene der persönlichen Bindungen im familiären System abzubauen und die Suche nach im Alltag lebbaren Beziehungen zu unterstützen. Entsprechend dieser Zielsetzung wird in der Mehrzahl unserer Interviews ein gelingendes Beziehungsmanagement im Alltag der partnerschaftlichen und familiären Bindungen als Meßlatte von Erfolg benannt. Diese Unterstützung der Bindungen in der privaten Welt hat viele Gesichter: das Neu-Anknüpfen von abgerissenen Beziehungsfäden; das Werben um Verständnis und Sensibilität für die besonderen Lebensbelastungen z.B. psychisch kranker und pflegebedürftiger Angehöriger; die Entlastung der Beziehungen von strukturellem Druck (z.B. bei Überschuldung des familiären Systems) und von emotionalem Ballast; die Einübung von veränderten Kommunikationsstilen, die es Menschen möglich machen, eigene Bedürfnisse, Anliegen und Interesse zu artikulieren und in einer balancierten Interaktion reziprok zu befriedigen.

Die sozialen Beziehungen meiner Klientinnen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie gar nicht mehr existieren. Familie existiert so gut wie gar nicht mehr, viele sind aus ihrer Familie ausgegrenzt worden. Nur bei einem ganz geringen Teil der Frauen besteht eine Familienbindung fort, die dann gestärkt oder wieder aufgenommen werden kann. Viele Frauen haben ja auch Kinder und sie wollen diese Kontakte wieder aufnehmen nach einer Zeit, wenn es ihnen wieder besser geht. Daran arbeite ich mit diesen Frauen, und das ist natürlich ein großer Erfolg, wenn es dann auch funktioniert. Diese Wiederaufnahme von Familienbeziehungen ist aber oft auch von Enttäuschungen und Zurückweisungen gekennzeichnet. (Betreutes Wohnen für wohnungslose Frauen)

Beziehungsverbesserungen bei den Klienten - wir versuchen das durch Familiengespräche und durch die Angehörigengruppe. Unser Ziel ist es, dass sich auch von Seiten der Angehörigen mehr Verständnis für die Patienten einstellt, dass wieder Kommunikation zwischen den Betroffenen stattfindet. Gelingt uns das, dann ist das sicherlich auch eine Art von Erfolg. Nur passiert das bei psychisch Erkrankten nicht oft, weil man bei Angehörigen, Freunden, Arbeitgebern auf sehr viel Unverständnis stößt. Eine solche Reintegration ist schwierig, es passiert selten, dass man das hin bekommt durch die Arbeit, aber wenn man es schafft, dann freue ich mich immer sehr. (Krankenhaussozialdienst / Psychiatrie)

Die Patienten kommen hier zur Aufnahme, und vielfach ist den Angehörigen nicht bewusst, was die Erkrankung bedeutet. Wenn man Angehörige dafür sensibel machen kann, ihnen hilft, das verstehen zu können und dadurch die Beziehung zum Angehörigen sich wieder bessert, dann würde ich das als Erfolg werten. Angehörigenarbeit hat in unserem Haus einen hohen Stellenwert. (Krankenhaussozialdienst / Gerontopsychiatrie)

Beziehungsfähigkeit im System Familie - das spielt auch in der Schuldnerberatung eine Rolle, weil unter dem Druck der Schuldenlast die Beziehungen in der Familie häufig sehr stark leiden. Wenn es dann gelingt, eine Entlastung im finanziellen Bereich zu schaffen, dann bessern sich auch die Partnerbeziehungen. (…) Wenn man dann nach einem halben Jahr oder einem Jahr merkt, dass die Familienbindungen stabiler geworden sind, ist das sicherlich auch ein Aspekt, den ich als Erfolg bezeichnen würde. (Schuldnerberatung / Wohnungsnotfallhilfe)

Soziale Beziehungen und deren Störungen sind ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Die Klienten, mit denen wir es zu tun haben, leben häufig recht isoliert, sie haben wenig an Beziehungen, häufig auch gestörte Beziehungen. Und da ist es schon recht erfolgreich, wenn wir sehen, die Beziehungen innerhalb der Familie werden besser, wenn Kontakte zu anderen Gruppen geschaffen werden können. Wir machen selbst ja auch einiges an Gruppenarbeit. Wir haben z.B. zwei Frauengruppen hier, die intensiv an diesem Thema arbeiten. (Sozialpädagogische Familienhilfe)

2.2 Schaffung und Stabilisierung von informellen Netzwerk-Strukturen

Die beziehungsgestaltende Arbeit geht in vielen Handlungsfeldern über den kleinen Kreis der Partnerschaft und der Familie hinaus. Viel­fach steht die Soziale Arbeit vor der Situation, dass Beziehungsnetzwerke ausdünnen, neue Freundschaften nur schwer geschlossen werden können und Einsamkeit zur vorherrschenden Lebenserfahrung wird. Hier kommt der So­zialen Ar­beit die Aufgabe zu, Gegenrezepte gegen eine durchgreifende Vereinsamung zu erfinden und Gemeinschaft neu zu insze­nieren, indem sie Men­schen mit­einander in Kontakt bringt und durch diese initiale Vernetzung das Fundament für wechselseitigen Austausch und Freundschaft legt. In der methodischen Literatur hat sich hier der Begriff des „networking“ eingebürgert - Soziale Arbeit also als eine beziehungsschaffende Leistung, die Auswege aus sozialem Rückzug aufzeigt, neue soziale Zusammenhänge stiftet und erweiterte informelle Netzwerke fördert.

Unser Arbeitsprodukt ist Stabilisierung, Knüpfung sozialer Netze, und wann immer ich sehe, dass da Leute eingebundener sind und sich wohler fühlen in sozialen Zusammenhängen, dann ist das für mich ein großer Erfolg. (Service-Büro Selbsthilfe im Altenbereich)

Insbesondere die Frauen, die ja in der Regel länger leben (Lachen) als die Männer, sind sehr isoliert. Daher ist es ein fester Bestandteil unserer Arbeit zu versuchen, diese Isolation aufzubrechen, weil wir merken, dass dies dann einher geht mit einer Verbesserung des körperlichen Gesamtzustandes. (verbandliche Beratung für alte Menschen / Wohnraumanpassung)

Hier im Hort und im Tagesstättenbereich regen wir stark an, Freundschaften auch außerhalb der Kindertagesstätte weiter zu leben. Auf diese Weise kann u.U. ein tragendes neues Netzwerk entstehen, so dass Eltern sich z.B. abwechseln mit dem Abholen, dass sie sich gegenseitig unter die Arme greifen, wenn der eine oder der andere einmal in Schwierigkeiten ist. (kommunale Kindertageseinrichtung)

2.3 Schaffung von neuen Bindungen und Beziehungsqualitäten

Ein letzter Aspekt: Insbesondere im Kontext von stationären und teilstationären Angeboten ist es Anspruch der Sozialen Arbeit, neue Bindungen und Beziehungsqualitäten zu schaffen zwischen Menschen, die sich in diesen pädagogischen Umwelten begegnen. Die von uns befragten SozialarbeiterInnen formulieren diesen Anspruch so: Mut machen, sich (auch mit der lebensgeschichtlichen Hypothek belasteter Beziehungserfahrungen) „offen und mit einem Vertrauensvorschuss“ auf neue Beziehungen einlassen zu können; soziale Nähe und gemeinsame Interessen neu entdecken; Freundschaft stiften und Menschen neue Räume der sozialen Bindung eröffnen. Gemeinsam ist ihren Argumenten ein pädagogisches Vertrauen in die Kraft der Selbstsozialisation. Wo in oftmals dynamischen und konflikthaften Prozessen Bindung und soziale Verankerung gelingt, schöpfen Menschen neue personale Ressourcen, die eine stabilisierende Kraft im Hinblick auf Lebensgleichgewicht und Lebenszufriedenheit entfalten.

Hier im betreuten Wohnen lege ich sehr viel Wert auf das Instrument der Gruppenarbeit und versuche dadurch, dass die Frauen sich innerhalb der Gruppe stabilisieren, dass eine Gruppendynamik entsteht und sie sich gegenseitig unterstützen. Das funktioniert auch. Es gibt natürlich auch Streit und Ausgrenzung. Es sind Übertragungen da. Kinder, Vater, Mutter, Onkel, Tanten, alles ist vorhanden, diese Konflikte werden ausagiert und hieran anknüpfend werden Lösungsstrategien entwickelt. (…) Zu Anfang, wenn eine Gruppe sich neu formiert im betreuten Wohnen, zuerst ist da eitel Sonnenschein. Es ist eine Harmonie, es ist wirklich zuckersüß, so süß, dass man davon (Lachen) Zahnschmerzen bekommt. Es ist nicht real. Es ist eine Idealisierung, und irgendwann fängt das Ganze an zu dampfen, und dann explodieren die Konflikte. Es finden Übertragungen statt, und dann entwickeln diese Frauen Lösungsmöglichkeiten. Sie lernen, mit Schwächen umzugehen, und stabilisieren sich darüber, lernen soziale Beziehungen wieder aufzunehmen und zu pflegen. (Betreutes Wohnen für wohnungslose Frauen)

Ich erlebe viele Jugendliche, die zu Beginn einer Maßnahme über ganz wenige oder über sehr schwierige soziale Bindungen verfügen. Wenn sich das dann mit der Zeit harmonisiert und neue Bindungen hinzukommen, auch untereinander unter den Teilnehmern oder unter deren Familien - dann finde ich das eine sehr erstrebenswerte, eine sehr positive Geschichte. Ich bestärke diese neuen sozialen Kontakte, dazu mache ich den Leuten Mut - und wenn das funktioniert, ist das für mich natürlich ein Erfolg. (Jugendberufshilfe)

Beziehungsverbesserungen bei den Klienten - das ist eigentlich das Wichtigste an unserer Arbeit. Ohne zwischenmenschliche Beziehungen, glaube ich, kann der Mensch nicht leben. Jeder braucht Bindungen und das Gefühl, jemandem zuzugehören und nicht ausgeschlossen zu sein, und mit unseren Aktionen versuchen wir, das zu fördern. Gerade jene Kinder, die große Probleme haben auf andere zuzugehen, sollen bei uns eingebunden sein durch Kreativangebote, durch gemeinsame Spiele, aber auch durch Dinge, die sie persönlich auszeichnen und sie interessant für andere Kinder machen. Wir versuchen, dass diese Kinder sich ihrem eigenen Bedürfnis entsprechend einbinden können. Nicht, dass wir die Ziele vorgeben, wir schaffen einfach Nischen für neue Beziehungen. (…) Wir versuchen auch, die Nachbarschaft einzubinden: Wenn z.B. Spielplätze von uns geplant werden, dann wollen wir mit unseren Kindern und ihren Projekten nicht eine Polarisierung in der Wohnbevölkerung herbeiführen, sondern setzen auf Sozialverträglichkeit. Nachbarschaft vielleicht wieder zu initiieren, ja, sich verantwortlich fühlen, auch für die Kinder, die dort vor Ort sind, dass umgekehrt die Kinder sich auch verantwortlich fühlen für ältere Menschen, die im Umfeld leben. Ich denke schon, dass wir eine soziale Vernetzung von Menschen in Ansätzen bewerkstelligen, gerade durch unsere Beteiligungsprojekte. (mobile Freizeitangebote für Kinder)

Der überwiegende Teil der Kinder und Jugendlichen bei uns ist nicht in der Lage, eine gesunde, normale soziale Bindung aufzubauen, ihre Beziehungen laufen häufig über sehr hierarchische Strukturen, Abhängigkeit - und da eine Grundlage zu schaffen, Selbstbewusstsein aufzubauen, um offen und mit Vertrauensvorschuss in neue Kontakte gehen zu können, das ist uns ganz wichtig. (stationäre Einrichtung der Jugendhilfe)

3. Veränderung von Lebensperspektiven - die Suche nach neuem Lebenssinn

Soziale Arbeit ist nicht nur die Unterstützung des subjektiven Lebensmanagements des Klienten in der Jetzt-Zeit. In die helfende Beziehung geht stets auch ein zukunftsweisendes utopisches Element ein. Soziale Arbeit ist hier Orientierungsarbeit: Auf der Grundlage einer stellvertretend-hermeneutischen Deutung von Biographie und Lebenslage verlängert sie die subjektiven Lebensfäden des Klienten in die Zukunft hinein und liefert ihrem Adressaten so Orientierungen bei der Suche nach neuen Lebensperspektiven und wünschenswerten Lebensveränderungen.

3.1 Lebensfortschritte: Schritte in eine neue Lebensautonomie

Das hier angesprochene utopische Element von Sozialer Arbeit - die Thematisierung von Lebenszielen, biographischen Kurswechseln und Lebensveränderungen also, die für die Praktiker vor dem Hintergrund ihrer je eigenen Normativität „wünschenswerte Lebensfortschritte“ ausmachen und an deren Erreichen sich erfolgreiche berufliche Arbeit bemisst - kommt in einer Vielzahl unserer Interviews zur Sprache. Freilich: In der Fülle der Interviewmaterialien fällt es schwer, einen gemeinsamen Nenner aufzufinden. Zu unterschiedlich sind die Problemzuschnitte der einzelnen Handlungsfelder, zu unterschiedlich damit auch, was „ein wünschenswert besseres Leben“ der Klienten ausmacht. Sucht man in diesen Texten ein gemeinsames Motiv, so ist es vielleicht dieses: Erfolg im Hinblick auf die zukünftige Lebensgestaltung der Klienten bemisst sich im Urteil der beruflichen Helfer daran, ob es ihnen im Rahmen der beratenden und begleitenden Arbeit gelingt, dass ihre Adressaten die Kraft und das Selbstvertrauen schöpfen, um neue Lebensziele zu entwickeln, biographische Kurswechsel einzuleiten und sich in ihrem Alltag selbstbewusst ein Mehr an Selbstbestimmung und Lebensautonomie zu erobern. Die folgenden Interviewauszüge geben einen Einblick in die bunte Erfahrungsvielfalt zum Thema „Lebensfortschritte“.

Lernen, die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren und selbstbewusst einzufordern

Die Frauen, die zu uns kommen, haben vielfach ein mangelndes Selbstwertgefühl, sie sind autoritätshörig, und darauf achte ich im Erstgespräch. Nach Abschluss der Anamnese kenne ich die Familiengeschichte und die Lebensgeschichte, und ich denke, es ist dann ein Erfolg oder zumindest ein Teilerfolg, wenn diese Frauen lernen, mir zu widersprechen. Es klingt vielleicht jetzt überheblich, aber wenn sie lernen z. B. zu sagen: Nein, das gefällt uns aber nicht, wir wollen das aber anders haben. Das ist für mich ein erster Erfolg. Dass wirklich Widerspruch kommt, dass sie ihre Bedürfnisse einfordern und dies auch begründen können. Dies ist für mich ein Erfolg, denn wenn sie hier bei uns Einspruch und Widerstand formulieren können, dann können die das draußen auch. Es ist ein Übungsfeld. (Betreutes Wohnen für wohnungslose Frauen)

Die Entwicklung von Lebenszufriedenheit und Unabhängigkeit

Wenn der junge Mensch am Ende der Beratungsarbeit sagt: Aufgrund der Erfahrungen und Erlebnisse, die ich hier in den Gruppen mit Gleichaltrigen gemacht habe, geht es mir jetzt damit besser, ich bin zufriedener, weil ich Lebensperspektiven entwickeln kann, weil ich mich unabhängiger mache - das ist Erfolg, nicht nur meiner, sondern auch der Klienten. (verbandliche Jugendberatung)

Erfolgreicher Schulbesuch bei Kindern aus benachteiligten Milieus

Erfolg hier in der Brennpunkt-Arbeit ist es, wenn Kinder es dann geschafft haben, nach der Grundschule z.B. die Realschule zu besuchen oder die Gesamtschule. Das war für uns immer ein Supererfolg. Diese Kinder erfahren eine deutliche soziale Benachteiligung, weil sie nicht so gut mit Material ausgestattet sind, nicht die Gelegenheiten haben zu lernen wie andere, nicht die Unterstützung haben von ihren Eltern. Wenn diese Kinder aber die Intelligenz und die Durchsetzungskraft haben, um es in der Schule zu schaffen - das ist für uns dann ein Erfolg. (kommunale Kindertageseinrichtung)

Das Aufzeigen von neuen Lebensperspektiven

Die Klienten entdecken einen neuen Lebenssinn und schmieden Pläne. Das ist sicherlich ein Merkmal für Erfolg, denn viele unserer Klienten befinden sich doch in ziemlich belastenden Lebenssituationen, sie sehen oft wenig an Perspektive, und da ist es schon ein Erfolg, wenn innerhalb des Einsatzes solche neuen Sichtweisen aufgetan werden. (Sozialpädagogische Familienhilfe)

Die Aktivierung und die Entwicklung von Eigenverantwortlichkeit im Alter

Ein wichtiger Anteil unserer Arbeit ist die Zusammenarbeit mit Senioren kurz vor bzw. nach der Pensionierung. Weil viele Senioren ja in dieses berühmte schwarze Loch fallen, nachdem sie das Gartenhäuschen viermal aufgeräumt haben, und dann oft eine Leere erfahren. Dies wird im Rahmen unseres Verbandes durch die Initiative Ehrenamt (Initiative ZWAR „Zwischen Arbeit und Ruhestand“) aufgearbeitet, d.h. die Förderung der eigenen Verantwortlichkeit bzw. der eigenen Aktivitäten im Alter. Es ist für mich ein wichtiger Gradmesser für Erfolg, Menschen zu aktivieren, die jetzt eben keine eigenen Perspektiven mehr haben. (verbandliche Beratung für alte Menschen / Wohnraumanpassung)

Lernen, auch im hohen Alter selbstbewusst die Dienstleistungen der Pflege und anderer Sozialdienste in Anspruch zu nehmen

Gerade im Bereich der Sozialen Arbeit mit Senioren geht es darum, deren Selbständigkeit möglichst lange zu erhalten, ein Selbstbewusstsein zu wahren. Die Senioren stehen vor Pflegesituationen. Je älter sie werden, desto abhängiger werden sie von pflegenden und versorgenden Einrichtungen. Und den älteren Menschen hier so eine Portion Selbstbewusstsein mitzugeben, aus der Vielzahl der Angebote selbstbewusst das Richtige zu wählen und zu sagen: Das will ich nicht. Diesen Pflegedienst will ich überhaupt nicht. Das halte ich für absolut wichtig. (Service-Büro Selbsthilfe im Altenbereich)

3.2 Lebensbegleitung: „ein Stück gemeinsam gehen“

Neue Lebensorientierung, biographische Kurswechsel, das Erreichen von Lebenszielen, die ein Mehr an Selbstbestimmung, sozialer Integration und struktureller Sicherung versprechen - dies wird auch in den folgenden Interviewpassagen als Erfolg Sozialer Arbeit ausgewiesen. Was diese Texte von den vorangehenden unterscheidet, ist dieses: Positive Lebensveränderungen - so die Einschätzung der befragten PraktikerInnen - sind in erster Linie persönliche Erfolge der Klienten selbst. Es sind subjektive Lebensleistungen der Adressaten, die mit Mut, Kraft und Beharrlichkeit positiv konnotierte Lebenswünsche in die Wirklichkeit übersetzen. Die professionelle Leistung der Sozialen Arbeiter tritt gegenüber dieser Eigenleistung der Klienten zurück. Die hier zu Wort kommenden beruflichen Helfer beschreiben ihren fachlichen Beitrag als Anschubhilfe und begleitende Assistenz. In einer eher bescheidenen Interpretation der Funktion und der Reichweite des eigenen professionellen Handelns beschreiben sie sich in der Rolle von „Wegweisern“ und „Orientierungshelfern“, die ihren Adressaten im gemeinsamen Abschreiten eines Stückes Lebensweg Ermutigungen geben, machbare Perspektiven eröffnen und Zugang zu hilfreichen Ressourcen der Lebensveränderung erschließen und auf diese Weise auf Seiten ihrer Adressaten eigendynamische Prozesse der Selbstgestaltung anstoßen.

Soziale Arbeit als Wegweiser zu neuen Lebensperspektiven

Lebensperspektiven - das nehme ich nicht als meinen eigenen persönlichen Erfolg wahr. Wenn jemand eine neue Lebensperspektive gewinnt - und das ist in der Regel nach einer sehr intensiven und kontinuierlichen Beratung der Fall - dann ist das für mich ein Ergebnis, das der Einzelne sich tatsächlich auch alleine erarbeitet hat. Beispielsweise im Suchtbereich haben wir Mitarbeiter, die kontinuierlich zu uns kommen, die Beratung dauert in der Regel mehr als ein Jahr. Wenn dann innerhalb dieser Zeit deutlich wird, dass der Mitarbeiter sich entwickelt, dass er seine Lebensgestaltung, seine Freizeit, seine Berufssituation wirklich verändert, dann ist das sicherlich für ihn ein Erfolg, aber nicht für mich. Ich fühle mich daran nicht so beteiligt. Ich denke, ich bin vorher erfolgreich gewesen, dass ich ihm das mögliche Rüstzeug gegeben habe, bestimmte Dinge zu tun, ihm dabei geholfen habe, beispielsweise im Suchtbereich abstinent zu werden und eventuell die passende Klinik, Selbsthilfegruppen usw. zu finden. Aber an allem anderen, was dann wirklich in eine gravierende Veränderung einmündet, daran bin ich nicht mehr beteiligt. Das ist nicht mehr mein Erfolg. Aber das andere, ihn wieder auf die Beine gestellt zu haben, das rechne ich mir als Erfolg an. (Betriebssozialarbeit)

Lebensbegleitung und subjektive Neuorientierung der Adressaten

Biographische Veränderungen - das hört sich ja schon nach einem etwas größeren durchdachten Lebensentwurf an. Wenn ich erkennen kann, dass dieser kleine Teil des Lebensausschnittes, den die Jugendlichen hier bei uns in einem Lehrgang oder in einer Arbeitsmaßnahme verbracht haben, zu diesen biographischen Kursänderungen beigetragen haben, dann denke ich, dass wir nicht erfolglos gearbeitet haben. Aber das ist so weit weg und eigentlich außerhalb meiner primären Intention, so dass ich denke: Ganz pragmatisch machen wir uns hier ein Jahr auf einem ganz langen Weg und auch nur in der Zeit von morgens um halb acht bis nachmittags um vier oder bis um fünf. Das Wichtigste passiert vorher und nachher und manchmal auch zwischendurch. Insofern denke ich wenig daran, dass wir mit unserer Arbeit so langfristige Auswirkungen haben. Aber es ist natürlich sehr erfreulich wenn junge Leute hier für sich einen neuen Lebenssinn entdecken. (Jugendberufshilfe)

Verbesserung der Lebensqualität und die Suche nach neuen Lebenszielen

Oft fällt von den Jungen dann, wenn sie zu uns kommen, eine ganz große Last ab, wenn also entschieden worden ist, dass sie die Familie verlassen, dass also eine Trennung erfolgt und sie in die stationäre Erziehungshilfe gehen. Dann kann man verfolgen, wie es den Jungen körperlich besser geht, wie sie aufatmen, wie sie sich neue Ziele setzen, eine neue Lebensperspektive entwickeln (…) Aber wir können dies nur nach verfolgen, so lange sie hier in der Einrichtung sind. (stationäre Einrichtung der Jugendhilfe / Inobhutnahme)

Lebensorientierung als Aufgabe der Sozialen Arbeit

Die Jugendlichen und die Klienten entscheiden selber, wie ihr Lebensweg weitergeht. Mein Beitrag ist es, sie ein Stück weit dahin zu bringen, klar zu bekommen, was sie wollen, eine Perspektive für sich zu entwickeln. Und wenn sie diesen Weg dann einschlagen - sei es im beruflichen Bereich, sei es im schulischen Bereich - und dann ihr Glück finden in Anführungsstrichen, dann ist das schon o.k. Aber das ist für mich kein Erfolgsdokument (…) Ich versuche, den Jugendlichen klar zu machen, was für sie vernünftig ist, und welchen Weg sie gehen können. Aber da bin ich auch nur ein Rad im System, ich kann Rat geben, aber den Rat, den müssen die Jugendlichen für sich reflektieren und umsetzen. (Jugendgerichtshilfe)

3.3 Die Unsichtbarkeit von langfristigen Lebensveränderungen

In unseren Interviews findet sich eine letzte Kategorie von Antworten: Thematisiert wird in diesen Aussagen die institutionelle Unsichtbarkeit von langfristigen Lebensveränderungen auf Seiten der Adressaten. Soziale Arbeit - so das Urteil unserer Gesprächspartner - geht nur ein kurzes Stück Lebensweg gemeinsam mit ihren Adressaten. In dieser Zeit kann die (oftmals sehr beziehungsintensive) begleitende Arbeit Einfluss auf erste Wegentscheidungen und Kurssetzungen nehmen. In welcher Weise aber diese ersten Veränderungsschritte über das Ende der Beziehungsarbeit hinaus fortgesetzt werden und zu neuen Formen von Stabilität und Lebensgelingen führen, das bleibt zum einen für die institutionelle Hilfe unsichtbar (das Fehlen eines institutionalisierten Verfahrens der nachgehenden Erfolgsevaluation) und ist zum anderen abhängig von vielfältigen, kontingenten Lebenseinflüssen jenseits der beruflichen Hilfe. Aus diesen Gründen - so die Praktiker weiter - können langfristig sich einstellende Lebensveränderungen der Adressaten Sozialer Arbeit nicht oder nur zu geringen Teilen auf dem eigenen Erfolgskonto verbucht werden. Allenfalls spätere (eher zufällig zustande kommende) Rückmeldungen der Klienten, in denen sie über jene Anteile der helfenden Arbeit berichten, die ihnen auf ihrem späteren Lebensweg hilfreich und handhabbar waren, sind hier ein Gradmesser für berufliches Gelingen.

Die institutionelle Unsichtbarkeit von biographischen Veränderungen

Es ist ja hier im Vollzug so, dass man die Lebensentwicklung der ehemaligen Inhaftierten eigentlich nie weiterverfolgen kann. Ich habe also eine Zeitlang mit Menschen zu tun, mit manchen sehr intensiv, mit andern nur ganz sporadisch und mit einigen überhaupt nicht, die ich aber dann nach der Haftentlassung völlig aus dem Auge verliere und ich weiß nichts mehr über sie. Ich werde nie erfahren, ob derjenige irgendwo wieder gut Fuß gefasst hat, ob der nachher wieder in den Vollzug gekommen ist. Das erfahre ich höchstens, wenn er hier wieder auftaucht. (Justizvollzugsanstalt)

Über den weiteren biographischen Lebensablauf, da bekommen wir hier eigentlich gar keine Rückmeldung. Das ist sicher ein Problem, dass man Dinge hier vorbereitet und versucht, gemeinsam Perspektiven zu erarbeiten - und wenn der Klient dann auf den Weg geht, bekommt man ihn nicht mehr mit. Wenn ein Patient in der Lage ist, seine Lebenssituation konkret zu verändern, wenn er jetzt auf eigenen Füßen versucht das umzusetzen, was wir gemeinsam überlegt haben - über alles dies bekommen wir hier in der Regel keine Rückmeldung mehr, und somit kann ich das überhaupt nicht messen. (Krankenhaussozialdienst / Psychiatrie)

Rückmeldungen über Lebenserfolge nach Abschluss der Hilfen

Positive biographische Kursveränderungen kann ich nur in den Fällen mit verfolgen, in denen ich Klienten zwei, drei, vier oder noch längere Jahre betreue. Bei kurzfristigen Unterstellungen rechne ich mir diese Veränderungen nicht an, weil ich den eigenen Anteil nicht überprüfen kann. In manchen Fällen gibt es im Nachhinein noch Kontakte, wo mir als Feedback sehr deutlich gesagt wird, das und das hat mich so und so stark beeinflusst. Und solche Rückmeldungen sind immer ein schönes Erlebnis. (Bewährungshilfe)

Schön wäre natürlich, wenn es Rückmeldungen über die Langzeitwirkungen unserer Arbeit geben würde. Die sind aber sehr selten. Ich erinnere mich da an einige Aspekte aus der Arbeit, die ich vor meinem Studium gemacht habe: Damals wurde uns oft von ehemaligen Klienten gesagt: Wenn ihr nicht gewesen wäret, dann hätte mein Leben, glaube ich, einen anderen Dreh genommen, weil ich nicht gewusst habe, welche schulische Laufbahn ich noch hätte einschlagen können. Oder: Wenn ich die Fähigkeiten, die ich habe, nicht bei euch entdeckt hätte, hätten mir viele Möglichkeiten nicht offen gestanden. Auch in der Arbeit hier bekommen wir Rückmeldungen, klar, wenn wir z.B. zu Großveranstaltungen kommen und uns die Eltern bzw. auch die Kinder sagen, die und die Sachen habe ich immer noch aufbewahrt. Das ist schon Erfolg. (mobile Freizeitangebote für Kinder)

Oft ist es so, dass man dann, wenn sich für den Klienten wirklich nachhaltig etwas verbessert hat, wenn er das selbst als Hilfe empfunden hat, dass man dann auch über Jahre hinaus noch in Kontakt bleibt. Dass man sich zu bestimmten Festlichkeiten wie Weihnachten Grüße zukommen lässt oder dass die mich besuchen und man weiter Anteil an ihrem Leben hat.(ambulante erzieherische Dienste)


AutorInnen
Prof. Dr. Norbert Herriger
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Professor für Soziologie sozialer Probleme, Soziologie der Lebensalter, Theorie der Sozialen Arbeit
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Prof. Dr. Harro Kähler
Bis zur Emiritierung Fachhochschullehrer an den Hochschulen Hagen, Dortmund und Düsseldorf. Bis 2019 Redakteur der socialnet Rezensionen, Mitarbeiter in der Redaktion des socialnet Lexikons.
Website www.socialnet.de/ueber-socialnet/team/hkaehler.html
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Zitiervorschlag
Norbert Herriger, Harro Kähler: Erfolg in der Sozialen Arbeit. Veröffentlicht am 01.03.2009 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/62.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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