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„Denn sie wissen (nicht), was sie tun.“

Von der Notwendigkeit jugendlicher Rebellion

Manuel Neisch

veröffentlicht am 12.02.2010

Abstract

Folgender Artikel stellt die Wichtigkeit einer umfassenden Befähigung, Akzeptanz und Teilhabe Heranwachsender als Grundlage für gelingende gesellschaftliche Entwicklungen dar. Beleuchtet werden dazu hinderliche Aspekte, wie beispielsweise tradierte Wertesysteme und Institutionen. Zudem werden in einem philosophischen Streifzug das Erwachsen-werden und Autonomiebegriffe im historischen Wandel thematisiert. Davon ausgehend werden Einfluss von Familienverbund, Peergroups und Schule auf jugendliche Lebenswelten hinterfragt.

Einleitung

Als im Jahr 1955 der Film „denn sie wissen nicht was sie tun“ (Originaltitel: Rebel without a Cause) erstmals über die Leinwände lief, wurde wohl erstmals in dieser Art medial das Thema jugendlichen Ungehorsams deutlich dargestellt. Der Film basiert auf einer Fallstudie über jugendliche Straffällige des amerikanischen Soziologen Dr. Robert Lindner aus dem Jahr1944 (Lindner: Rebel without a Cause: The Hypno-Analysis of a Criminal Psychopath). Geschildert wird das verzweifelte Bemühen des Suchens nach Sinn und Halt Jugendlicher, welche versuchen sich aus der Umklammerung elterlichen Despotismus, einer zerrissenen Lebenswelt und einer unaufrichtigen gesellschaftlichen Moral zu befreien – anders gesagt, mündig im Sinn von autonom zu werden. Titel und Inhalt des Filmes erschienen deshalb thematisch dem Aufsatz besonders zu entsprechen. Obwohl die Handlung des Filmes, als auch nachfolgende Betrachtungsweisen stellenweise plakativ erscheinen mögen, soll der Versuch unternommen werden, scheinbar widersprüchliche Aspekte differenter Lebenswelten und Ansichten zu beleuchten. Die Ausführungen beanspruchen keine Exklusivität, schützen allerdings auch nicht davor, persönliche Meinungen verteidigen und gegebenenfalls revidieren zu müssen.

Tradierte Wertsysteme und die Bedeutung des „Erwachsenseins“

In der Einleitung wurden bewusst die Fünfziger Jahre angeführt. Etwa zu dieser Zeit formierte sich erstmals in den Industriestaaten jugendlicher Widerstand in einer bis dahin nicht gekannten Dimension gegen die damals vorherrschenden autoritären Normen, Werte und Regeln der sogenannten Erwachsenen. Zum einen stellt sich an dieser Stelle die Frage nach den genannten Parametern und zum anderen, was es bedeutet „Erwachsener“ zu sein. In erster Linie tragen autoritäre Normen, Werte und Regeln ein Höchstmaß an Strenge, Kontrolle und emotionalem Missverhältnis in sich. In dessen Folge kann sich die Entwicklung des/der Heranwachsenden nur zu einer bedingten Mündigkeit bzw. eingeschränkten Autonomie und nur innerhalb dieser Reglementierungen entwickeln. Die vormals allgemein anerkannten gesellschaftlichen Verhaltens- und Handlungsstandards sind beziehungsweise waren auf tradierten Werten aufgebaut. Jene linearen Wertesysteme bestanden in erster Linie im Glauben an von den Altvorderen übernommenen historischen Konstrukten, wie beispielsweise der Allmacht des Herrschaftssystems, die des religiösen Glaubens oder auch der Unbedingtheit der Institution Familie. Dieses historische dreigliedrige Referenzsystem bildete sozusagen die Basis des überwiegend repressiven Machtanspruches der Erwachsenen. Aufgrund ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Wandlungsprozesse wurden diese Strukturen zunehmend aufgeweicht. Exemplarisch zu erwähnen sind an dieser Stelle Schlagwörter wie Industrialisierung, Säkularisierung, Individualisierung und in dessen Folge soziale Entkopplungsprozesse aufgrund einer sich fortschreitend ausdifferenzierenden Gesellschaft (vgl. Speck: 49). Als Folge daraus stellte sich eine wohl bis in die heutige Zeit anhaltende normative Orientierungslosigkeit sowohl auf Seiten der Heranwachsenden als auch auf Seite der Erwachsenen ein.

Was bedeutet es nun „Erwachsener“ zu sein? Eine eindeutige Antwort darauf erscheint nicht eindeutig und nur im Kontext mit anderen Attributen möglich. Dazu zählen insbesondere Aspekte wie die rechtliche Mündigkeit, historischer Kodex, körperliche und geistige Reife und nicht zuletzt die Kulturzugehörigkeit. In unserem Kulturkreis allgemein anerkannt ist zumindest der Beginn des „Erwachsenseins“ durch das Erreichen der Volljährigkeit. Juristisch gesehen beginnt diese Mündigkeit mit Vollendung des 18. Lebensjahres (Bürgerliches Gesetzbuch § 2). Das allein sagt allerdings qualitativ bekanntermaßen nicht allzu viel aus. Erwachsensein hat zunächst einmal demnach keine ethische Wertigkeit, dazu bedarf es keiner besonderen Leistung. Wichtiger erscheint im Zusammenhang mit dem Erwachsenwerden das Realisieren von Autonomie im Sinne Kants: „der Mensch soll sich seiner eigenen Vernunft bedienen, statt sich von fremden Autoritäten und der Tradition bestimmen zu lassen” (vgl. http://www.phillex.de/autonom.htm). Gelingt dies, kann Erwachsensein abseits allgegenwärtiger Mittelmäßigkeit bedeutsam sein.

Erwachsen-Werden und Autonomie – ein philosophischer Streifzug

Interessant erscheint es, im Zusammenhang mit dem Terminus des ‘Erwachsen-Werden‘ auf die Begrifflichkeit der Autonomie einzugehen. Wie auch das ‘Erwachsen-Sein‘ kann Autonomie verschieden interpretiert werden. Schon vor Beginn der sich ab dem 20sten Jahrhundert bildenden sozialwissenschaftlichen Erziehungs- und Bildungsforschung beschäftigten sich Gelehrte intensiv mit entsprechenden philosophisch-ethischen Fragestellungen.

So konstatiert schon im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus Immanuel Kant in der ‘Rechtslehre‘ seiner ‘Metaphysik der Sitten‘, „daß durch den Akt der Zeugung (…) eine Person ohne ihre Einwilligung auf die Welt gesetzt wird und eigenmächtig in sie herübergebracht wird“ (Kant: 289). Eine Parallele zu dem aktuellen Spruch Jugendlicher „ihr habt mich nicht gefragt ob ich leben will, also sagt mir nicht, wie ich zu leben habe“ lässt sich nicht verleugnen und verdeutlicht das der Autonomie gewissermaßen angeborene intergenerative Spannungsverhältnis. Des weiteren geht Kant von einer ‘Autonomie des Willens‘ aus: „Was der Mensch im moralischen Sinne ist, oder werden soll, oder böse, dazu muss er sich selbst machen oder gemacht haben.“ (Kant : 694). „Der Mensch als vernünftiges Wesen aber ist dazu berufen, keinem Gesetz zu gehorchen als dem, das er zugleich selbst gibt“ (Kant: 67).

Dieser naturalistische Ansatz wurde bereits von Rousseau in Zeiten eines morbiden Feudalsystems vertreten. Er empfiehlt darüber hinaus einen gleichsam selbst gesteuerten Vorgang versus pädagogische Autorität auf dem Weg zur Autonomie. „Erteilt eurem Zögling keine Lehren durch Worte, er muß sie durch Erfahrung lernen“(Rousseau: 79). Die vernünftige Selbststeuerung (Autonomie) erhält dabei allerdings nicht ohne Abhängigkeiten von Notwendigkeiten (Heteronomie) ihre Gültigkeit (vgl. Speck: 90).

Noch stärker betont der französische Soziologe Emile Durkheim die Bedeutung von Heteronomie. So anerkennt er auch die persönliche Autonomie, stellt diese aber als begrenzt und unzulänglich dar. Im Zusammenhang mit den sich abzeichnenden Veränderungen aufgrund der aufkommenden Industrialisierung stellt er fest, dass der ‘Heiligkeit der menschlichen Person‘ übergeordnet die Heteronomie eines allgemeingültigen Moralgesetzes sei, welches der Gesellschaft entspränge (vgl. Durkheim: 139).

Im historischen Rückblick stellt sich die Legitimierung dieser moralische ‘Überinstanz‘ als äußerst problematisch dar. Verwiesen sei in diesem Kontext auf die Auswüchse staatlicher Autorität in nationalsozialistischen und kommunistischen Diktaturen.

Ein Vertreter der moderneren Moralphilosophie John Rawl sieht, in Anlehnung an den Ansätzen Kants, als wichtigstes Prinzip die Gerechtigkeit und Fairness innerhalb des Verhältnisses des Individuums und gesellschaftsnormativer Verpflichtungen. Diese Verpflichtungen seien berechtigt „wenn die Institution gerecht ist, d.h. den Grundsätzen der Gerechtigkeit (Fairness) entspricht und wenn der Einzelne im Sinne seiner Interessen Vorteile aus der Institution (Gruppe) zieht“ (Speck: 93). Als Voraussetzung für Fairness wird in dieser Betrachtungsweise die Selbstachtung angeführt. Diese entstünde durch Anerkennung und Wertschätzung durch andere. Entsprechend dieses Ansatzes könne in einer öffentlich dem Utilitarismus verschriebenen Gesellschaft „das Grundgut der Selbstachtung und damit der Achtung vor der Würde des Kindes und der Jugendlichen kann grundsätzlich nicht hoch genug eingeschätzt werden“ (Speck: 94).

In der bisherigen Ausführung wurde nun dem egologischen ‘Selbst‘ im Zusammenhang mit der Förderung von Autonomie eine große Bedeutung beigemessen. Angesichts eines sich mehrenden Egoismus, stellt sich nun aber tendenziell ein Ungleichgewicht zwischen hedonistischer Lebenseinstellung und Solidarität, Gerechtigkeit und Fairness ein. Zunehmende Vereinsamung, soziale Spaltung und Desintegration belegen dies eindringlich. Davon betroffen sind in erster Linie die Schwächsten der Gesellschaft, zu denen aufgrund ihrer Abhängigkeiten auch die Heranwachsenden zählen. Neue Ansätze sind vonnöten.

Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas begegnet den klassischen Autonomieansätzen mit Skepsis. So konstatiert er: „Der Schwachpunkt eines solchen Autonomiebegriffs liege in der Selbstsicherheit und ihrer inneren Logik (…) Sie ist aber, was Europa betrifft, geschichtlich äußerst belastet durch ungeheuerliche Unmenschlichkeiten. Lévinas spricht vom ‘Skandal der Gleichgültigkeit‘ gegenüber den Leiden der Opfer und einem ‘Man-selbst‘ als einer ‘in sich selbst verknäulten Selbstsicherheit‘, die als ursprünglich und autark gelte: Selbstgerechtigkeit des Einzelnen als Absicherung und Ignoranz gegenüber dem Anderen und seiner Not!“ (Speck: 98).

Eine Antwort aus diesem Zweifel heraus bietet eine „Postmoderne Ethik“ (vgl. Baumann). Im Modell des polnisch-englischen Soziologen Zygmunt Baumann wird gefordert, das ‘das Andere‘ keinen Widerspruch auf dem Weg zur Selbstverwirklichung und der Freiheit des Einzelnen darstellen darf. „So müsse die postmoderne Ethik den Anderen aus dieser Verbannung herausholen und ‘in den inneren Kreis des moralischen Selbst‘ zurückholen“ (Baumann In: Speck: 98). Und was wäre dazu besser geeignet, als die Einbeziehung angeborenen, jugendlichen Strebens zur Umsetzung eigener moralischer Grundwerte, eingebettet im achtungsvollen Miteinander.

Sozialisation und Jugendliche Lebenswelten

Jugendliche Lebenswelten und die Lebenswelten Erwachsener stehen oftmals in einem widersprüchlichen Spannungsverhältnis. „Das Gleiche läßt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht” (Johann Wolfgang von Goethe). Davon ausgehend soll, der Versuch einer Interpretation unternommen werden. Dies aus der Position des Erwachsenen heraus zu tun, hat einerseits den Nachteil eventuell aufgrund von polarisierenden Erfahrungen und Vorurteilen, einseitig oder sogar verzerrt zu erscheinen. Andererseits bietet das eigene Durchleben der adoleszenten Lebensphase, der zeitliche und emotionale Abstand dazu und persönliche (Lebens-) Erfahrungsaufschichtung, Vergleichsmöglichkeiten und so die Möglichkeit kritischer und soweit authentischer Analyse.

Familien

Die früheste Sozialisation des Menschen findet auf der Mikroebene des familiären Umfeldes statt. Aufgrund eines „autopoietischen Paradoxon“ (Briggs, Peat: 230)haben diese wechselwirkenden Beziehungen einen entscheidenden Einfluss auf jugendliches Leben. Nun erweist sich allein schon der Versuch, das postmoderne Bezugssystem Familie genauer zu definieren, als sehr kompliziert. So werden in der aktuellen Debatte unter anderem Bezeichnungen wie: Adoptiv-Familie, Ein-Eltern-Familie, Fortsetzungsfamilie, Großfamilie, Kernfamilie, Kleinfamilie, Kommune, Lebensabschnittspartnerschaften, Living-apart-together, Mehrgenerationenfamilie, nichteheliche Lebensgemeinschaften, Patchwork-Familie, Regenbogenfamilie, Pflegefamilie, SOS-Kinderdorf-Familie, Stief-Familie, Wohngemeinschaft, Zweitfamilie, Zwei-Kern- Familien, geteilte Familien, postfamiliale Familien und noch viele mehr verwendet.

Die bewusst vielgestaltige Darstellung zeigt unterschiedlichste Typen und entsprechend differente wissenschaftliche Zuordnungen und Betrachtungsweisen auf. Deutlich wird jedoch, dass sich ein Wandel des klassischen Typus vollzieht. In dessen Folge treten familiäre und darüber hinaus soziale Entkopplungsprozesse auf. Ein Risiko stellt, durch die Zunahme dieser chaotischen Verhältnisse, die Zunahme destruktiver Gewalt dar (vgl. Speck: 20). So befürchten die ‘Kulturpessimisten‘ eine gesellschaftliche Krise, ja sogar die Auflösung der Familie. Die ‘Modernisten‘ wiederum sehen im Wandel der Lebensformen eine Chance zur allgemeinen Modernisierung gesellschaftlicher Entwicklung und die ‘Utopisten‘ erhoffen sich einen grundlegenden Wandel der zentralen gesellschaftlichen Institution.

Ungeachtet dessen ist die Bedeutung des Familiensystems, trotz oder gerade aufgrund seiner Ausdifferenzierung unbestritten. Demzufolge gaben in einer repräsentativen Untersuchung von Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren aus dem Jahr 2006 an, dass: „Die Familie ist für einen Großteil der Jugendlichen sehr wichtig, sogar 72 % der jungen Menschen denken man braucht eine Familie um glücklich leben zu können“ (Daten: Shell Jugendstudie 2006). Die Entscheidung, in welcher Art von Familiensystem Menschen leben wollen, kann nur entsprechend den individuellen Erfordernissen getroffen werde. Stattliche Reglementierungen und gesellschaftliche Normierungen haben in diesem Prozess keine übergeordnete Rolle zu spielen. Trotz des noch großen Handlungsbedarfs, stellt ein positives Signal zur Überwindung dieser Einschränkungen beispielsweise die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften dar.

Peergroups

Im Zusammenhang mit einem Diskurs und dem Ansatz, dass „Erziehung die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend ist" (Mark Twain), kommt den Peers gewissermaßen eine existenzielle Bedeutung zu. Moralischen Werte müssen beidseitig geprüft und rekonstruiert werden. Aufgrund der Fragilität der Strukturen innerhalb der Postmoderne sind

die Gleichaltrigen-Gruppen mit ihren Halt und Orientierung bietenden Werten dabei besonders bedeutsam, bieten sie doch ein die Möglichkeit zur moralischer Mündigkeit und infolge dessen zu einer autonomen Entscheidungsfähigkeit. „Außerdem stellen die Peers in einer Zeit, in der der Jugendliche die elterliche Autorität immer mehr in Frage stellt und versucht sich von den Ansichten der Erwachsenenwelt zu distanzieren, aber noch nicht über die nötigen Erfahrungen verfügt um völlig selbstständig zu handeln, eine Unterstützung beim Treffen von Entscheidungen dar. In der Adoleszenz ziehen die Teenager vermehrt Vergleiche zwischen ihnen und ihren Freunden und finden dadurch leichter zu ihrem Selbstbild. Solange es ihnen an Selbstsicherheit fehlt kann der Jugendliche auch eine vorübergehende Identität in der Gruppe finden“ (vgl. Mietzel: 363). Diese gesellschaftlich weitestgehend konformen Teilkulturen sind also oftmals für die Heranwachsenden „ zur einzigen Sphäre geworden, in der Selbsterfahrung möglich ist, in der man seine eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten ausprobieren und kreative Beziehungen zu seinen Mitmenschen entwickeln kann“ (Frith: 30). „Sie sind in einer langen und hochgradigen ambivalenten Jugendphase wichtige Bindungsangebote; sie prägen Lebensgefühle, Haltungen und Einstellungen“ (Hafeneger In: Mulott, Schmidt: 951).

Jugendliche (Sub)Kulturen

Distanziertere Zusammenschlüsse von Gleichaltrigen-Gruppen stellen die sogenannten jugendlichen Kontra- oder Subkulturen dar. Dabei wirkt der Begriff schon problematisch, da er eine normative Diskrepanz zur dominierenden Kultur, sowie eine Diskreditierung der bezeichneten Kultur impliziert (vgl. Dollinger, Raithel: 86). Diese Disparität entstand ursprünglich als Reaktion auf soziale Entfremdung und den Anspruch auf gesellschaftliche Freiheit. Subkulturelle Hauptströmungen sollen im Folgenden als Gegenkultur im Sinn von Jugendszenen nähern beleuchtet werden.

Der Wendepunkt des Verhältnisses einer Mehrheit von Jugendlichen zu Erwachsenen und dem Staat begann in den eingangs schon erwähnten 50er Jahren. Die Position der damaligen ‘Halbstarken‘ drückte sich im Kampf um die Anerkennung der Jugend als homogene Gruppe und nicht nur in der Anerkennung der Jugend als reine Phase aus. Dabei beanspruchten die Heranwachsenden ihren eigenen Anteil an der tabuisierten Erwachsenenwelt. Grundsätzlich wurde das zukünftigen Lebens als normale Erwachsene aber nicht in Frage gestellt. Ab Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre kam es in der Folge der Wirtschaftskrise und des Vietnamkrieges ("Make Love not War") zur Formierung einer alternativen und progressiven Subkultur, den Hippies. Diese lehnten die Lebenswelt der Erwachsenen gänzlich ab. „Das Ziel der Hippies war eine antiautoritäre und enthierarchisierte Welt- und Wertordnung ohne Klassenunterschiede, Leistungsnormen, Unterdrückung, Grausamkeit und Kriege“ (Hollstein: Als ab etwa 1975 sich die Punkszene entwickelte, lag deren Fokus auf dem Beharren auf unbedingte Geltung der eigenen Autonomie und des bedingungslosen Bruchs zwischen den Generationen. Das ging soweit, dass es zur Bekräftigung dessen zu weitgehenden gesellschaftlichen Tabubrüchen kam. Die Grundeinstellung ‘No Future‘ markierte dies und wurde entsprechend aggressiv, unversöhnlich, nonkonformistisch und illusionslos gelebt. Aus dieser Jugendkultur entwickelten sich weitere mehr oder weniger progressive oder regressive Formierungen heraus, unter anderem Heavy Metal, Gothic, New Wave, Skinheads, Autonome, Emo, Rockabilly und viele andere Untergruppen.

Eine Gemeinsamkeit haben alle genannten jugendkulturellen Formationen, sie setzen sich mehr oder weniger politisch aktiv mit wahrgenommenen gesellschaftlichen Defiziten auseinander, um mittelfristig Ihre Leitideen und Ideale umzusetzen. Letztlich lässt sich dazu feststellen: „Freiwillige Subkulturen wollen bessere soziale Lebensbedingungen sowie alternative Wert- und Normenstrukturen. Progressive Gruppen streben nach Veränderung bzw. Aufhebung bestehender Herrschaftsverhältnisse und regressive wollen die Erhaltung bzw. Wiederherstellung traditioneller gesellschaftlicher Standards“ (vgl. Reinhold: 661 ff). Dazu fungieren Allianzen Heranwachsender, die sich durch die Entwicklung neuer Lebensformen, Ideologien und Verhaltensmuster gegenseitig im Kampf um die ihnen „verwehrte Rechte“ und gegen die als unangemessen empfundenen Pflichten unterstützen, aber auch einen Kampf gegen gesellschaftliche Missstände führen (vgl. Schenk, Danzinger: 354).

Nachfolgende Jugendszenen (Techno, House, Hip Hop) hatten diesen Anspruch nicht in diesem Maß. Auch hier handelt es zwar um eine bewusste Verweigerung und kollektive Abgrenzung zu den Erwachsenen, allerdings nicht im engeren Zusammenhang mit der Ablehnung ungerechter bürgerlicher Werte.

Die momentane Situation ist geprägt von einer großen Pluralität und dem Nebeneinanderbestehen der verschiedenen Richtungen. Dabei ist eine zunehmende Kommerzialisierung und Vereinnahmung dieser Lebenswelten durch die Erwachsenen zu beobachten. Im Zuge dessen geraten die schöpferischen Kräfte dieser Bewegungen in Gefahr abzuflachen. Im Zusammenhang mit der Herstellung einer gleichberechtigten Synergie der Generationen zur Zukunftsbildung hätte das fatale Folgen.

Schule

Nach Fend sind die klassischen Funktionen von Schule die Qualifikation zur Vorbereitung auf private, berufliche und gesellschaftliche Anforderungen. Des Weiteren soll die Sozialisation gesellschaftlich erwünschtes Verhalten vermitteln. Eine weitere Funktion besteht in der Selektion, also der Auslese und Zuweisung von sozialer Stellung. Nicht zuletzt hat die Funktion der Legitimation die Vermittlung gesellschaftlicher Grundwerte zur Sicherung der Loyalität und zur Integration zur Aufgabe (aus Fend: Neue Theorie der Schule). Durchgesetzt werden diese Aufgaben mit organisatorischen Strukturen, welche noch aus hierarchischen Preußischen Erziehungstraditionen stammen. Folgend daraus haben sich große Ungerechtigkeiten erhalten und weiter fortgesetzt. Im Zusammenhang mit der Selbstbefähigung sprich Autonomiebildung hat das Bildungssystem einen grundlegenden Einfluss auf Inklusion oder eben auf Ausschlüsse. Aufgrund der selektierenden Struktur des vierstufigen deutschen Schulsystems werden nicht allen Kinder und Jugendlichen die gleichen Voraussetzungen für einen gelingenden Start ins Leben mitgegeben. Im Gegenteil, ab der vierten Klassenstufe wird nach Leistungsunterschieden aufgrund einer im Ermessen der Lehrerschaft liegenden Beurteilungen degradiert oder eben in höher qualifizierende Schulabteilungen delegiert. Diese oftmals nur auf punktuellen Leistungsnachweisen beruhende, einseitige Unterscheidung der Persönlichkeit der Heranwachsenden durchzieht im Weiteren das gesamte deutsche Bildungssystem. Anstatt eine Inklusion durch Bildung und Erziehung zu bewirken, treten in diesem Zusammenhang aussondernde und in dessen Folge stigmatisierende Mechanismen in den Vordergrund. Faktoren wie die soziale Herkunft, gemessen an sozialökonomischen und sozialkulturellen Zuordnungen, regionalräumliche Bedingungen, aber auch latenter geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen wirken hierbei entsprechend fördernd oder hemmend.

Gerechtfertigterweise wird das deutsche Bildungssystem national und im internationalen Bezug stark kritisiert. Repräsentative Studien (OECD, PISA, UN Studien, IGLU Studien u.v.m.) belegen eindrücklich die Missstände. Besonders durch das schon frühzeitig aussondernde dreigliedrige Systems und die großen regionalen Unterschiede qualitativer Standards aufgrund der Kultushoheit der Länder, entsteht eine starke Bildungsbenachteiligung für immer mehr Betroffene. In dessen Folge kommt es zu einer Verschwendung von Begabungs- und Humankapital. Anhand dieser Missstände wird das Ungleichgewicht zwischen jugendlichen Bedürfnissen und institutionellem Auftrag und Umsetzung deutlich. Hier besteht dringend Handlungsbedarf.

Fazit

In seiner „Philosophie der Lebenskunst“ bezeichnet Wilhelm Schmid die gegenwärtige Situation als „die extreme Beschleunigung und Übersteigerung der Moderne. Als Kultur der Krisis markiert sie den Punkt innerhalb der Moderne, an dem die Verhältnisse umschlagen […] In der Postmoderne geht es um ein bloßes ‘Existenzdesign‘, das die soziale Selbstinszenierung von Individuen meint, bei der das Bedürfnis nach Gestaltung und Führung seiner selbst nur im Dekor zum Ausdruck kommt“ (Schmid: 95).

Um diese Verhältnisse zu reformieren, bedarf es einer Vision. Im Sinn einer progressiven Prägung dieses Prozesses sollten die zukünftigen Generationen beständig gegen überholte repressive Muster und Submission rebellieren. Dabei ist ‘Rebellion‘ nicht zu verwechseln mit

übertriebener narzisstischer Befriedigung tyrannischer Forderungen, aufgrund von kindlichen und jugendlichen Allmachtsansprüchen, gewissermaßen als Folge mangelhafter Autonomie (vgl. Speck: 127).

Vielmehr sollte gerade in chaotischen evolutionären Entwicklungsprozessen die angeborene Kreativität und die Willensfreiheit ihre Chancen erhalten (vgl. Davis: 270 f.). Und im Zusammenspiel mit der kreativen Kraft, der emotionalen Reinheit und der Unverdorbenheit der Jugend könnte das aus der momentanen Sinnkrise in eine hoffnungsvollere Zukunft führen. Dazu sind aber zuallererst einmal eine umfassende Befähigung, Akzeptanz, Teilhabe und das Mitbestimmungsrecht der Jugend als gesellschaftliche Gruppe vonnöten.

Im geschichtlichen Rückblick und ebenso in der aktuellen Situation wird das Ausmaß an Unrecht und Unterdrückung den heranwachsenden Generationen gegenüber deutlich. Und wenn diese dagegen rebellieren, wissen sie genau was sie tun!

Literaturverzeichnis

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Schenk-Danzinger, L. (1993) Entwicklungspsychologie. Linz

Schmid, W. (2009) Philosophie der Lebenskunst. Berlin

Speck, O. (1997) Chaos und Autonomie in der Erziehung. Erziehungsschwierigkeiten unter moralischem Aspekt. München, Basel


Autor
Manuel Neisch
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Zitiervorschlag
Manuel Neisch: „Denn sie wissen (nicht), was sie tun.“. Von der Notwendigkeit jugendlicher Rebellion. Veröffentlicht am 12.02.2010 in socialnet Materialien unter https://www.socialnet.de/materialien/91.php, Datum des Zugriffs 27.09.2021.


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