Feedback geben klingt einfach – und ist in der Praxis eines der anspruchsvollsten Führungsinstrumente überhaupt. Prof. Dr. Frank Unger (Hochschule Fulda) zeigt, worauf es wirklich ankommt: wann Rückmeldungen wirken, wann sie schaden und wie eine klare Feedbacksprache zur echten Führungskompetenz wird.
Inhalt- Feedback: Ein zentraler Hebel in der Führungsarbeit
- Feedback in der Praxis: Fehler und wie man sie vermeidet
- Folgende Grundprinzipien können die Wirksamkeit des Feedbacks stärken:
- Feedback als Führungskultur: Vom Einzelgespräch zur organisationalen Lernfähigkeit
- Fazit
Wer Personalverantwortung hat, gibt Feedback – das klingt (beinahe) selbstverständlich. Und doch zeigt die Praxis, dass Feedback entweder nicht gegeben wird, unbeabsichtigt Menschen verletzt oder schlicht wirkungslos bleibt. Dabei ist Feedback eines der wirkungsvollsten und zugleich am häufigsten unterschätzten Instrumente moderner Führung. Es entscheidet mit darüber, ob Menschen wachsen oder stagnieren, ob sie sich gesehen oder übersehen fühlen, ob sie sich binden oder innerlich kündigen.
Dieser Beitrag geht der Frage nach, was wirksames Feedback ausmacht und wie eine klare Feedbacksprache als Führungskompetenz gezielt eingesetzt werden kann.
Feedback: Ein zentraler Hebel in der Führungsarbeit
Die Führungsforschung ist in diesem Punkt eindeutig: Regelmäßiges, qualitativ hochwertiges Feedback zählt zu den stärksten Einflussfaktoren auf Arbeitsleistung, Lernbereitschaft und Mitarbeiterbindung (Anseel & Sherf, 2025; London, 2015; Hattie & Timperley, 2007; s.a. Unger, 2025, S. 85ff.). Analysen belegen, dass konstruktives Feedback die individuelle Leistungsentwicklung signifikant fördern kann – vorausgesetzt, es ist gut gestaltet (z. B. Kluger & DeNisi, 1996).
Feedback erfüllt in der Führung mehrere Funktionen gleichzeitig: Es informiert über Wirkung und Qualität von Handlungen, es orientiert auf Ziele hin, es reguliert Verhalten und es stärkt – oder schwächt – die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden. Gerade diese Mehrschichtigkeit macht Feedback so bedeutsam und zugleich so anspruchsvoll.
Feedback in der Praxis: Fehler und wie man sie vermeidet
Was in der Forschung regelmäßig betont wird, jedoch nicht immer so klar bei den Anwender:innen ankommt: Feedback kann problematische Wirkungen erzielen und mitunter gar ein gegenteiliges Verhalten auslösen (z. B. Enttäuschung, Abwehr, Demotivation, Misstrauen). Einige Untersuchungen betonen, dass in bis zu 1/3 der Feedback-Fälle die Leistung sogar sinkt, v.a. weil Feedback zu sehr personenbezogen ist („Du bist unzuverlässig“), den Selbstwert bedroht und die Aufmerksamkeit von der Aufgabe bzw. dem eigentlichen Thema weglenkt (Kluger & DeNisi, 1996). Vor allen das sog. Personenfeedback – also Aussagen über Eigenschaften, Charakterzüge oder Persönlichkeitsmerkmale – aktiviert Schutzreaktionen und erzeugt emotionalen Stress, ohne handlungsleitend zu sein.
Auch ein Feedback nach dem Motto „Ich sage Dir, wie du es besser machen kannst“ oder gar unerwünschtes Feedback (ungefragte Ratschläge) wirken Reaktanz fördernd, ignorieren die persönliche Situation und hemmen Wachstum (z. B. Unger, 2025; Buckingham & Goodall, 2019).
Hinzu kommt: Die Wirkung des Feedbacks hängt auch von der individuell wahrgenommenen Fairness, der Beziehungsqualität, organisationalen Feedbackkultur und persönlichen Feedbackorientierung wie des Selbstwirksamkeitsempfindens der Adressat:innen ab (Anseel & Sherf, 2025; Barends et al. 2022; Pitt & Winstone 2020; Swift & Peterson 2018; Martocchio & Dulebohn, 1994). Individualisierung, Klarheit und Respekt sind somit zentrale Aspekte erfolgreicher Rückmeldungen. Zudem muss Feedback Sinn für den/die Feedbackempfänger:in ergeben – dies gelingt dialogisch weitaus besser als in einem bewertenden Monolog.
Folgende Grundprinzipien können die Wirksamkeit des Feedbacks stärken:
- Zeitliche Nähe
Rückmeldungen in engem zeitlichem Zusammenhang zur Beobachtung geben. Sofern jedoch starke Emotionen im Spiel sind, zunächst die Situation etwas „abkühlen lassen“. - Klarheit
Beobachtungen und Erwartungen transparent formulieren und Verstehen absichern. Das Einbetten von Kritik zwischen zwei Lob-Aussagen erscheint freundlich, führt aber häufig dazu, dass die eigentliche Botschaft nicht ankommt oder als unehrlich erlebt wird. Gleichzeitig kann die Betonung positiver Aspekte in kritischen Situationen eine wertschätzende Grundhaltung vermitteln. - Individualität, Beziehung und Fairness
Psychologische Sicherheit, erlebte Gerechtigkeit, Transparenz der Kriterien und ein respektvoller, autonomiestützender Stil sind keine „Soft Factors“, sondern zentrale Wirkbedingungen. Es lohnt sich, Feedbackstil, Tonalität und Dosis an Person und Aufgabe anzupassen (etwa vorsichtiger mit negativem Feedback bei hoher Frustration und/oder geringer Kontrollierbarkeit der Situation). - Empathie
Gerade kritische Rückmeldungen können starke Gefühle auslösen. Dies muss man „spüren“, bewusst anerkennen und ggf. thematisieren (aktives Zuhören). - Verhaltensorientiert & entwicklungsförderlich
Auf Verhalten sowie Aufgabe (konkrete, beobachtbare Beispiele) und nächste Schritte konzentrieren (nur Kritik oder Lob ohne klare Handlungsorientierung wirkt deutlich schwächer – oder gar kontraproduktiv). - Regelmäßigkeit
Feedback als kontinuierliches Element, nicht als einmalige Maßnahme. Zugleich Feedback gezielt, nicht permanent einsetzen. - Dialog
Mitarbeitende aktiv einbeziehen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Formulierungen, die Strategien, nächste Schritte und Selbstregulation adressieren („Was könntest du als Nächstes ausprobieren?“), sind deutlich wirkungsvoller und führen zu einem besseren „Sinnerleben“. Zu einem gelingenden Dialog kann auch zunächst das Einholen der Erlaubnis, eine Rückmeldung geben zu dürfen, entscheidend mit beitragen.
Feedback als Führungskultur: Vom Einzelgespräch zur organisationalen Lernfähigkeit
Feedback ist nicht nur ein Instrument für das Einzelgespräch – es ist ein Kulturmerkmal. Organisationen, in denen Feedback zur gelebten Praxis gehört, zeigen nachweislich höhere Anpassungsfähigkeit, stärkere Mitarbeiterbindung und eine ausgeprägtere Lernkultur (Edmondson, 2004; Buckingham & Goodall, 2019).
Dies bedeutet: Führungskräfte sind nicht nur Feedbackgebende – sie sind „Kommunikations-Kulturgestalter:innen“. Indem sie selbst regelmäßig, klar und wertschätzend Rückmeldungen geben, normalisieren sie Feedback als alltäglichen Teil der Zusammenarbeit. Und indem sie auch selbst Feedback einfordern und annehmen, signalisieren sie, dass niemand – unabhängig von Hierarchie und Erfahrung – fertig mit dem Lernen ist. Besonders wirksam: Führungskräfte, die ihren Mitarbeitenden erklären, wie sie Feedback am liebsten erhalten möchten und die Mitarbeitenden zugleich fragen, wie diese Rückmeldungen wünschen, schaffen Transparenz und laden zum wechselseitigen Dialog ein. Feedback wird so zur Gemeinschaftsaufgabe – nicht zur einseitigen Evaluation von oben.
Fazit
Feedback ist kein Nice-to-have, sondern ein zentrales, anspruchsvolles Führungsinstrument. Richtig eingesetzt, fördert es Motivation, Orientierung sowie Bindung und stärkt die Kompetenzentwicklung in Teams. Der Dreiklang der Motivierenden Führungskommunikation – Klarheit, Empathie, Sinn – bietet einen verlässlichen Rahmen für eine wertschätzende wie wirksame Rückmeldung in der Führungspraxis.
Ausblick: Der nächste Artikel widmet sich schwierigen Führungsgesprächen – wie man Konflikte und Leistungsprobleme konstruktiv adressiert, ohne Beziehung oder Motivation zu zerstören.
Autor
Prof. Dr. Frank Unger
Sozial-/Verwaltungsmanagement und Arbeitsökonomie
Hochschule Fulda
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Weiterführende Quellen:
- Anseel, F., & Sherf, E. N. (2025). A 25-year review of research on feedback in organizations: From simple rules to complex realities. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 12, 19–43
- Barends, E., Rousseau, D., Wietrak, E., & Cioca, I. (2022). Performance feedback: an evidence review. Scientific summary. London: Chartered Institute of Personnel and Development.
- Buckingham, M., & Goodall, A. (2019). The feedback fallacy. Harvard Business Review, 97(2), 92–101.
- Edmondson, A. C. (2004). Psychological safety, trust, and learning in organizations: A group-level lens. In Kramer, R. M., & Cook, K. S. (Hrsg.), Trust and distrust in organizations. New York: Sage, 239–272.
- Hattie, J., & Timperley, H. (2007). The power of feedback. Review of Educational Research, 77(1), 81–112.
- Kluger, A. N., & DeNisi, A. (1996). The effects of feedback interventions on performance. Psychological Bulletin, 119(2), 254–284.
- London, M. (2015). The Power of Feedback: Giving, Seeking, and Using Feedback for Performance Improvement. New York: Routledge.
- Martocchio, J. J., & Dulebohn, J. (1994). Performance feedback effects in training: The role of perceived controllability. Personnel Psychology, 47(2), 357–373.
- Pitt, E., & Winstone, N. (2020). Towards technology enhanced dialogic feedback. In Bearman, M., Dawson, P., Ajjawi, R., Tai, J., & Boud, D. (Hrsg.), Re-imagining university assessment in a digital world. The Enabling Power of Assessment. Springer, Cham, Switzerland, S. 79-94.
- Shute, V. J. (2008). Focus on formative feedback. Review of Educational Research, 78(1), 153–189.
- Swift, V., & Peterson, J. B. (2018). Improving the effectiveness of performance feedback by considering personality traits and task demands. PloS one, 13(5), e0197810. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0197810
- Unger, F. (2025). Personalführung mit Wirkung – das Workbook für Führungskräfte. Tedition
- Unger, F., Martin, C., & Sann, U. (2022). Personalführung in Organisationen der Sozialwirtschaft. Ein Studienbuch. Springer




