Mehr Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung in der Pflege, eine erfreuliche Entwicklung. Doch reicht das aus, um den wachsenden Fachkräftebedarf zu decken? Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Der Nachwuchs wächst, die strukturelle Herausforderung bleibt. Für Träger und Personalverantwortliche wird damit eine Frage immer wichtiger: Wie gelingt es, aus mehr Auszubildenden auch langfristig mehr Pflegefachkräfte zu gewinnen und zu binden?

Inhalt
  1. Die Ausbildungszahlen steigen
  2. Die strukturelle Lücke bleibt
  3. Was bedeutet dies für die Personalarbeit?
  4. Eine Zielgruppe mit Potenzial, Menschen über 30
  5. Drei Fragen, die sich Träger stellen sollten
  6. Fazit: die Ausbildung kann der Anfang sein

Es gibt einen Grund zur Zuversicht und zugleich einen Anlass, genauer hinzuschauen: Die Zahl der Menschen, die eine Pflegeausbildung beginnen, steigt. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftebedarf eine der größten Herausforderungen für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft.

Für Personalverantwortliche ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Mehr Ausbildung ist ein wichtiger Schritt. Entscheidend wird jedoch sein, ob es gelingt, die neu gewonnenen Pflegekräfte langfristig im Beruf und in der eigenen Organisation zu halten.

Die Ausbildungszahlen steigen

Nach den endgültigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamts (Destatis) haben 2025 rund 63.900 Menschen einen neuen Ausbildungsvertrag zur Pflegefachfrau beziehungsweise zum Pflegefachmann abgeschlossen. Das entspricht einem Anstieg von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr und ist das dritte Wachstumsjahr in Folge.

Zum Jahresende 2025 befanden sich insgesamt knapp 157.200 Menschen in der Pflegeausbildung. Damit wurde ein neuer Höchststand seit Einführung der Pflegeausbildung erreicht.

Die Entwicklung ist ein wichtiges Signal, denn der Pflegeberuf gewinnt offenbar wieder an Attraktivität. Ausbildungsvergütung, öffentliche Aufmerksamkeit und gezielte Nachwuchsgewinnung können Wirkung entfalten. Doch steigende Ausbildungszahlen allein lösen den Fachkräftemangel noch nicht.

Die strukturelle Lücke bleibt

Zwischen einem neuen Ausbildungsvertrag und einer dauerhaft verfügbaren Fachkraft liegen mehrere Jahre. Hinzu kommt: Nicht alle Auszubildenden schließen ihre Ausbildung erfolgreich ab, und längst nicht alle bleiben anschließend dauerhaft im Pflegeberuf.

Die Pflegekräftevorausberechnung des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2024 verdeutlicht die langfristige Dimension. Je nach zugrunde gelegtem Szenario könnten bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen.
Ein wesentlicher Faktor liegt bereits in der näheren Zukunft. Viele erfahrene Pflegekräfte erreichen in den kommenden Jahren das Rentenalter. Die Herausforderung beginnt deshalb nicht erst im Jahr 2049, sondern bereits heute.

Dabei ist wichtig, die Zahlen richtig einzuordnen. Destatis bezeichnet die Berechnungen ausdrücklich als "Wenn-Dann-Szenarien und nicht als Prognosen". Wie sich der tatsächliche Arbeitskräftebedarf entwickelt, hängt unter anderem davon ab, welche Maßnahmen Politik, Gesellschaft und Träger ergreifen.

Was bedeutet dies für die Personalarbeit?

Die Kombination aus steigenden Ausbildungszahlen und anhaltendem Fachkräftebedarf macht eines deutlich, die Ausbildung muss stärker als Teil einer langfristigen Personalstrategie verstanden werden.

Für Träger wird es künftig nicht nur darum gehen, genügend Ausbildungsplätze anzubieten. Ebenso entscheidend ist die Frage, wie aus Auszubildenden langfristig Mitarbeitende werden.
Wer Nachwuchskräfte während der Ausbildung gut begleitet, ihnen früh Verantwortung ermöglicht und eine Arbeitskultur schafft, in der sie sich entwickeln und langfristig bleiben möchten, verschafft sich einen strategischen Vorteil.
Denn mit steigenden Abschlusszahlen dürfte auch der Wettbewerb um gut ausgebildete Pflegefachkräfte weiter zunehmen.

Eine Zielgruppe mit Potenzial, Menschen über 30

Interessant ist die Altersstruktur der neuen Auszubildenden: Der Anteil der 22- bis 29-Jährigen ist seit 2020 kontinuierlich gewachsen und liegt 2025 bei 31 Prozent. Ein deutliches Zeichen, dass Pflege zunehmend auch als bewusste Berufswahl im jungen Erwachsenenalter wahrgenommen wird, nicht nur als klassischer Einstieg direkt nach der Schule. Etwa 18 Prozent der Neuverträge entfallen auf Personen, die 30 Jahre oder älter sind. Eine Gruppe, die den Beruf als Neustart wählt und häufig besondere Lebenserfahrung mitbringt.
Für Träger kann darin ein bislang unterschätztes Potenzial liegen. Flexible Ausbildungsmodelle, eine individuelle Begleitung und familienfreundliche Rahmenbedingungen können dabei zu wichtigen Argumenten für die eigene Einrichtung werden.

Drei Fragen, die sich Träger stellen sollten

  1. Wie erfolgreich ist unsere Ausbildung und was passiert danach?
    Die Zahl der Ausbildungsplätze allein sagt wenig über den langfristigen Erfolg aus. Entscheidend ist auch, wie viele Auszubildende nach ihrem Abschluss als Fachkräfte im eigenen Unternehmen bleiben.
  2. Wie sprechen wir Menschen über 30 gezielt an?
    Wer sich mitten im Berufsleben für einen Wechsel in die Pflege entscheidet, benötigt möglicherweise andere Rahmenbedingungen und Unterstützungsangebote als Berufseinsteiger:innen.
  3. Wie begleiten wir neue Pflegekräfte in den ersten Monaten?
    Gerade die Übergangsphase von der Ausbildung in den Beruf ist entscheidend. Eine strukturierte Einarbeitung, verlässliche Ansprechpartner und Entwicklungsperspektiven können dazu beitragen, frühe Fluktuation zu vermeiden.

Fazit: die Ausbildung kann der Anfang sein

Die steigenden Ausbildungszahlen sind eine gute Nachricht. Sie zeigen, dass es möglich ist, mehr Menschen für die Pflege zu gewinnen. Für die Personalstrategie der kommenden Jahre reicht das jedoch nicht aus. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur wie mehr Nachwuchs gewonnen werden kann, sondern auch wie gelingt es diesen Nachwuchs langfristig zu gewinnen?
Für Träger der Sozial- und Gesundheitswirtschaft bedeutet das die Ausbildung, Recruiting, Einarbeitung, Führung und Mitarbeiterbindung stärker zusammenzudenken.
Wer heute in diese gesamte Kette investiert, schafft die Voraussetzungen dafür, dass aus steigenden Ausbildungszahlen tatsächlich mehr dauerhaft verfügbare Pflegefachkräfte werden.

Quellen

Verfasst von
Cläre McDaniel
Freiberuflerin für Kommunikationsberatung, Text und Design
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