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Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.): Sexuelle Verwahrlosung

Cover Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.): Sexuelle Verwahrlosung. Empirische Befunde - Gesellschaftliche Diskurse - Sozialethische Reflexionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-531-17024-4. 24,95 EUR.
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Thema

Das Sexualverhalten von Heranwachsenden und Jugendlichen kann als Indikator für den Wandel der Sexualmoral gelten, da die nachwachsende Generation ihr Intimleben in jenes Geflecht sozialer Beziehungen einbettet, das sie über die Sozialisation verinnerlicht hat. Seit einigen Jahren geistert jedoch durch die Vorstellung einer „sexuellen Verwahrlosung“ durch die Medien: An die Stelle einer selbstbestimmten Annäherung an die eigene Sexualität trete bei der „Generation Porno“ das durch mediale Angebote vorgespielte und aufgrund familiärer Vernachlässigung interessant geworden Ausleben exzessiver Sexualität. Pornokonsum, frühe Schwangerschaften, ständiger Partnerwechsel, Gewalt und Desinteresse an der emotionalen Basis sexuellen Handelns sind die Symptome der vermeintlichen Verwahrlosung. Der vorliegende Sammelband nimmt diesen Befund kritisch unter die Lupe.

Herausgeber

Michael Schetsche ist habilitierter Soziologe und arbeitet am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. Renate-Berenike Schmidt ist habilitierte Erziehungswissenschaftlerin. Beide unterrichten an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband stellt eine erste umfassende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Thesen zur Jugendsexualität dar, die 2007 durch die Veröffentlichung eines „Stern“-Artikels („Voll Porno!“, 14. Juli 2007) und 2008 aufgrund des Buches von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher („Deutschlands sexuelle Tragödie“) zu bundesweiter Prominenz gelangt sind. 2010 folgte von Johannes Gernert das Buch „Generation Porno“. Der raschen Verbreitung dieser partiell überaus spekulativen und plakativen Behauptungen und ihrem reißerischen Charakter stellt das Buch von Schetsche und Schmidt empirisches Forschungsmaterial entgehen, das die historische und die ideologiekritische Perspektive berücksichtigt.

Aufbau

Die zwölf Beiträge, die auf die Einleitung der Herausgeber folgen, sind in drei Kategorien einsortiert:

  1. Zunächst geht um Diskurse,
  2. im zweiten Abschnitt um Befunde,
  3. schließlich im letzten Teil um Reflexionen.

Die Einführung stellt das Rahmenthema und die einzelnen Texte vor, während der letzte Artikel – von Rüdiger Lautmann – ein synoptisches Resümee der gebotenen Argumentationsstränge liefert.

Inhalt

Was ist richtig und was ist falsch im Bereich der (Jugend-)Sexualität? Mit welchem Alter darf/kann/soll/muss man „anfangen“? Wie viele Geschlechtspartner sind akzeptabel? Solche Fragen sind gesellschaftlich in ein „Bermuda-Dreieck“ aus Sexualverhalten, Moral und Sozialisation verortet (7). Der zunehmenden Liberalisierung zum Trotz weist der Sektor Sexualität nach wie vor diverse Mystifikationen auf. Dazu gehört die Vorstellung, dass der soziale Wandel vom Abrutschen in eine kulturfreie Tiefzone bedroht ist, die mit den Mitteln der hochzivilisierten Lebensführung abgewehrt werden muss. Die Frage, „auf Grundlage welcher ethisch-moralischen Prämissen Unwerturteile ausgesprochen werden sollten und könnten“ (12), ist jüngst aufgrund der Verbreitung der Verwahrlosungssemantik heftig debattiert worden.

Ein genauer Blick in die Geschichte der Jugenderziehung offenbart, dass solchen Parolen schon vor Jahrhunderten ihre Propagandisten und Anhänger gefunden haben – besonders akzentuiert in der NS-Zeit, wo „sexuelle Frühreife“ als Volksschädigung galt (37). Christian Niemeyer, der bei seiner Spurensuche in der Historie der Bewahrpädagogik von wiederkehrenden „Moralpaniken“ spricht (27), bringt den gegenwärtigen Diskurs mit einem unwissenschaftlichen Bekehrungsimpetus in Verbindung, der Sensationsgier mit einem spezifischen Wunschweltbild verknüpft (43f.). Lorenz Böllinger zeigt, dass das Rechtsgut der „sexuellen Selbstbestimmung“ schon seit geraumer Zeit rhetorisch dazu umfunktioniert wird, der „Inflationierung des Sexualstrafrechts“ Vorschub zu leisten (52). Kurt Starke wiederum demonstriert, dass das „sexuologische“ Schriftgut der DDR zwar die Idee der Verwahrlosung kennt, nicht aber die empirische Bestätigung. Das könnte zwar der fehlenden Gelegenheit angelastet werden, hängt aber wohl stärker mit der liberaleren Einstellung (beispielsweise gegenüber der Nacktheit) zusammen (82f.). Aus dem Beitrag von Alexandra Klein und Christin Sager wird deutlich, dass eines der Kernmomente der Verwahrlosungshypothese – die Aufhebelung der Sexualsymmetrie zwischen den Partnern, die einer pornografisch angeleiteten Heteronormativität Platz macht – sich in empirischen Studien zur Jugendsexualität nicht nur nicht bestätigen, sondern sogar widerlegen lässt. Zentrale Motivlagen für Jugendliche sind heute vielmehr die „sexuelle Ebenbürdigkeit“ und die Romantisierung der Beziehung zum Partner (109f.). Silja Matthiesen und Gunter Schmidt zeigen in ihrem Beitrag anhand von Interviews mit jungen Frauen unter 18 Jahren auf, dass Jugendschwangerschaften keineswegs Anzeichen für sexuelle Verwahrlosung sind, sondern dass die Betroffenen ein durchaus hohes Maß an Reflexivität an den Tag legen, wenn es in Partnerschaft und Sexualität zu Krisen, Irritationen und Unfällen kommt.

Das vielleicht am häufigsten vorgebrachte Argument für den Niedergang der Sexualkultur unter Jugendlichen ist die Omnipräsenz der Pornografie. Die Auswirkungen und vor allem die vermeintlichen oder tatsächlichen Nachahmungseffekte des Pornografiekonsums sind kaum evaluierbar; auch das vorliegende Buch bietet – was wenig überraschend ist – uneinheitliche Einschätzungen (vgl. 54, 119f., 156). Als Methode der Kapitalisierung einer ansonsten schwer ausbeutbaren Ressource (vgl. 148) ist Pornografie zweifellos ein Kulturphänomen (und Konsumgut) mit einer etablierten sozialen und ökonomischen Funktion. Über das Internet und andere Kommunikationsformen sind viele Jugendliche mit sexuellen Darstellungen vertraut; daraus lässt sich indes pauschal weder Zustimmung, noch häufige Nutzung ablesen. Der Medienbericht, der die Tatsache als Schreckensmeldung verbreitet, dass 36% der 15jährigen Jungen regelmäßigen Pornos anschauen, lässt sich aus sexualwissenschaftlicher Sicht sogar mit der Gegenfrage konterkarieren: „Warum nur so wenige?“ (120), wo doch Bilder sexueller Handlungen gerade in diesem Alter Neugier und Interesse wecken dürften.

Überhaupt ist unklar, ob Pornografiekonsum mit einem Mehr an sexuellen Fantasien einhergeht oder ob eine größere Bandbreite an Fantasien (was üblicherweise positiv besetzt ist) vielleicht sogar das Resultat des Konsums sein könnte (178). Die „‘Aufheizung‘ des elektronischen Raums der Medien“ (185) bringt zwangsläufig das Internet ins Spiel. Birgit Richard macht anhand von „usergenerierten“ Selbstdarstellungen in social networks deutlich, dass „sex“, „nude“ und „sexy“ verschlagwortete Attribute vor allem weiblicher User sind (197). (Das ist bemerkenswert angesichts des Umstandes, dass der Topos von der sexuellen Verwahrlosung hingegen ausschließlich von männlichen Autoren propagiert wird; vgl. 167.) Das Zusammenspiel „zweier historisch bewährter Gefährdungskonstruktionen“ (ebd.), nämlich: Medien und Sexualität, hat zu der (gleichsam in die Bresche der Verwahrlosungssemantik schlagenden) Behauptung geführt, Pornografie sei die „Leitkultur der Unterschicht“ (208). Indes heißt sehen, wie Konrad Weller herausstellt, nicht befürworten, und neben der sexuellen Motivation spielt bei der Rezeption pornografischer Offerten eben auch die „verbotene Grenzüberschreitung“ (211) eine Rolle.

Im letzten Teil des Buches widmen sich die Beiträge explizit dem Verwahrlosungsbegriff und seiner sexualpädagogischen Konturierung, wobei sich zeigt, dass der Ausdruck kein „analytisches Konzept“ darstellt (261); er lässt sich jedoch offenbar vortrefflich zum Zweck der „Diabolisierung des Sexuellen“ (273) verwenden, als ließe sich in diesem Bereich eine benennbare Differenz zwischen „gut“ und „böse“ ausmachen.

Diskussion

Das Lauern der sexuellen Verderbnis findet in den Augen derer statt, die sich selbst fernab dieser Verderbnis wähnen. „Sexuelle Verwahrlosung“ steht, so gesehen, für einen Kulturkampf auf der Begriffsebene, bei dem ein moralisch und ideologisch besetzter Terminus als Diagnose eines vermeintlich drohenden (oder bereits erfolgten) Rückfalls in die archaisch-kulturlosen Niederungen der „primitiven“ Sexualität dienen soll. Solche Appelle stoßen in den Medien auf Resonanz. Dabei drängt sich indes die Frage auf: Wenn die in Feuilletons und Großschlagzeilen beschriebenen Zustände – sie lassen sich bruchlos durch andere „Verwahrlosungsbelege“ ersetzen (vor einigen Jahrzehnte zählte beispielsweise die Homosexualität noch zu den Bedrohungen jugendlicher Sexualorientierungen dazu) – tatsächlich zeigen, dass die Jugendlichen in Deutschland, oder zumindest Heranwachsende in bestimmten sozialen Schichten, davon bedroht sind, jeden Halt zu verlieren; wie sieht dann der Gegenentwurf aus? Was ist „legitime“ Sexualität, wie lustvoll darf Lust sein, und vor allem: wer entscheidet, wo die Grenzen verlaufen? Soll Jugendsexualität von Eltern oder Sozialarbeitern gesteuert werden, die ihr persönliches „besseres Wissen“ ins Spiel bringen (und sich natürlich selbst fernab der Vorstellung wähnen, ihre eigene Sexualität zur Debatte zu stellen)? Das Problem der moralischen Bewertung von fremder Intimität ist so alt wie die Menschheit und noch lange nicht vom Aussterben bedroht, wie das vorliegende Buch anhand eines aktuellen Diskurses eindrucksvoll beweist. Es macht en passant evident, wie schwer das außermoralische Denken der Sexualität vielen Menschen auch heute noch fällt.

Fazit

Ein gut lesbares, streckenweise sogar sehr unterhaltsames Buch, das der Virulenz eines sozialen Schreckgespenstes sachliche Nachfragen und nüchterne Aufklärung entgegen stellt.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 03.09.2010 zu: Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.): Sexuelle Verwahrlosung. Empirische Befunde - Gesellschaftliche Diskurse - Sozialethische Reflexionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17024-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10001.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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