socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christian Mürner: Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen

Cover Christian Mürner: Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen. Sensationslust und Selbstbestimmung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. 205 Seiten. ISBN 978-3-407-57200-4. D: 26,00 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 51,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Zum Thema des Buches

Wie werden behinderte Menschen in den Medien dargestellt? Als Anfang Juli 2003 die chirurgische Trennung der am Kopf zusammen gewachsenen Schwestern Ladan und Laleh Bijani nach 50 Stunden mit deren Tod endete, zeigte sich die Öffentlichkeit tief bewegt vom tragischen Schicksal der iranischen Zwillinge. Beide Frauen hatten allen Schwierigkeiten zum Trotz im "Gottesstaat" Iran an der Universität Teheran studiert. Als Hauptgrund dafür, sich dem riskanten medizinischen Eingriff zu unterziehen, der an erwachsenen "Siamesischen Zwillingen" bisher nicht versucht worden war, gaben sie ihre unterschiedlichen Berufswünsche an. Ladan Bijani wollte nach der Trennung Anwältin werden und Laleh Journalistin. Weltweit wurde ausführlich über die Behinderung des Geschwisterpaares und ihren Wunsch, unabhängig voneinander zu leben, berichtet. Die geschickte Inszenierung ihrer Geschichte zwischen gesellschaftlich-religiöser Emanzipation und medizinisch technischem Fortschrittsglauben, ließen die Operation und ihren ungewissen Ausgang zu einem mit Spannung erwarteten Medienereignis werden, in dem das tatsächliche Lebensdrama der Frauen allerdings nur noch eine Nebenrolle spielte.

Nachdem in den Medien lange Zeit vornehmlich über Behinderung und behinderte Menschen berichtet worden ist, kommen die Betroffenen heute in Talkshows, Interviews und Reportagen vermehrt selbst zu Wort und nutzen die Medienöffentlichkeit, um auf ihre Lebenssituation, ihre besonderen Ansprüche, Interessen und Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Aus der Bürgerrechtsbewegung der späten 1960er Jahre und den Debatten um einen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung für bestimmte gesellschaftlich benachteiligte Gruppen, die in Deutschland u.a. von der "Krüppelbewegung" und Vereinigungen von Eltern und Angehörigen behinderter Menschen aufgegriffen und weitergeführt wurden, ist mittlerweile eine selbstbewusst geführter Diskurs entstanden, zu dessen zentralen Momenten Forderungen nach mehr Selbstbestimmung, gesellschaftlicher Teilhabe und einer rechtlichen Gleichstellung behinderter Menschen gehören. Dazu zählt auch das Recht am eigenen Bild und die Kritik eines bestimmten Behinderungsbildes in Zeitungen, im Fernsehen und in der Werbung, deren Darstellungsweise behinderter Menschen eher einer Zurschaustellung entspricht, die mit der Sensationslust des Publikums spielt und deren tatsächlicher Situation kaum gerecht wird.

Überblick

In diesem Spannungsfeld, zwischen Sensationslust und Selbstbestimmung, bewegen sich auch die historischen Rückblenden und Analysen, die Christian Mürner in seinem Buch Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen vorlegt. Christian Mürner, 1948 in Zürich geboren, ist promovierter Behindertenpädagoge und lebt seit 1977 als frei schaffender Publizist in Hamburg. Zu seinen neueren Veröffentlichungen zählen u.a. ein Sammelband mit kommentierten Texten zum Lebensrecht behinderter Menschen aus der Geschichte der Philosophie (Philosophische Bedrohungen. Frankfurt/M. 1996), ein Buch über Künstlerinnen und Künstler, deren Werke in der NS-Zeit als "Entartete Kunst" diffamiert wurden (Gebrandmarkte Gesichter. Herzogenrath 1997), sowie eine Sammlung biographischer Porträts berühmter Persönlichkeiten, über deren Behinderung oft wenig bekannt ist (Verborgene Behinderungen. Neuwied; Berlin 2000).

Auch in seinem neuesten Buch behält Mürner die in den beiden zuletzt genannten Veröffentlichungen entwickelte biographisch-problemgeschichtliche Perspektive bei. Es ist in elf lose miteinander verbundene Kapitel aufgeteilt, die jeweils auch ohne Kenntnis der anderen Kapitel gelesen werden können. Acht Kapitel sind bereits in Ausschnitten oder Vorfassungen als Einzelartikel in verschiedenen Fachzeitschriften, Zeitungen und Aufsatzsammlungen veröffentlicht worden. Nur bei drei Kapiteln, sowie dem einleitenden Vorwort, handelt es sich um Originalbeiträge. Die Texte widmen sich jeweils unterschiedlichen medialen Vermittlungsformen und Inhalten, an denen nachvollziehbar gemacht werden soll, warum in der Medien- und Kulturgeschichte bei Darstellungen behinderter Menschen das Seltsame und nicht das Selbstverständliche überwiegt, wie Vorurteile und Verklärungen gleichermaßen einen offenen Blick auf das Erscheinungsbild von Behinderung und die Subjektivität behinderter Menschen verstellen.

Einzelne Inhalte und kritische Diskussion

Seinen Streifzug durch die Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen beginnt Mürner im ersten Kapitel mit einem Vergleich der Gemeinsamkeiten von Darstellungen sogenannter "Wundergeburten" in Flugblättern des 16. Jahrhunderts mit Abbildungen genetischer Krankheitsbilder in medizinischen Fachbüchern der Gegenwart. "Wundergeburten", d.h. Neugeborene, die mit bestimmten körperlichen Fehlbildungen zur Welt gekommen sind, galten im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als Zeichen für die Macht und den Zorn Gottes. Ihre Darstellung auf Flugblättern, den ersten Massenmedien der Neuzeit, war meist mit der moralischen Absicht verbunden, das Publikum zu bekehren und zu ermahnen. An deren Stelle, so Mürner, sind heute, vierhundert Jahre später, die Schreckbilder der Humangenetik getreten, die an die Gesundheit versprechende Macht medizinischer Vorsorgeuntersuchungen und den "Zorn der Humangenetik" gemahnen.

Solche eher sprunghaft-assoziativen, denn ideen- oder kulturgeschichtlich begründeten Schlussfolgerungen bestimmen auch den Argumentationsgang der nachfolgenden Kapitel. Gerade aus einer medien- und kulturgeschichtlichen Perspektive wäre hier die Frage interessant, wie sich der noch relativ junge Behinderungsbegriff in einer Kultur wie der unsrigen historisch konstituiert hat, statt heutige Sichtweisen von Behinderung unreflektiert auf vergangene Zeitalter zu projizieren. In z.T. durchaus bemerkenswerten Detailanalysen von Bildern und Textausschnitten greift Mürner immer wieder einzelne Aspekte, wie das Erscheinungsbild von Behinderung, Wunschbilder und Wirklichkeitsmodelle, Missachtung, Mystifizierung und Anerkennung behinderter Menschen, heraus und versucht daran zu zeigen, wie die Medien bestimmte Wahrnehmungsweisen und Vorstellungsbilder von Behinderung bedingen, die tendenziell eine Ausgrenzung und Entmündigung behinderter Menschen zur Folge haben.

Man könnte dieses Vorgehen als "exemplarisch" bezeichnen, wenn zwischen den heran gezogenen historischen Beispielen ein innerer Zusammenhang kenntlich gemacht würde. Dieser wird jedoch beinahe ausschließlich durch eklektizistisch anmutende Verweise auf höchst unterschiedliche medien- und kulturtheoretische Positionen anderer Autoren hergestellt, die oft unkommentiert aneinander gereiht sind. Insofern ist der Buchtitel etwas irreführend: Wer hier eine systematisch aufgearbeitete "Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen" im Sinne einer historischen Gesamtdarstellung erwartet, wird vermutlich eine Enttäuschung erleben. Eher handelt es sich bei Mürners Texten um essayistische Annäherungsversuche an die Vergangenheit, um fallweise Beschreibungen und historische Analysen, die sich in Bezügen zur aktuellen Diskussion um die Rechte behinderter Menschen auf Selbstbestimmung und Autonomie brechen.

Am Beispiel von Texten Michel de Montaignes und Egon Erwin Kischs über Doppelbildungen (sogenannte "Siamesische Zwillinge") werden im zweiten Kapitel der Essay und die Reportage als zwei Vermittlungsformen vorgestellt, die der persönlichen Erfahrung besonderen Wert beimessen. U.a. problematisiert Mürner in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Distanz und Nähe und die oft fließenden Grenzen zwischen Selbstdarstellung und Zurschaustellung behinderter Menschen in den Medien. Die Suggestivität von Bildern ist Gegenstand des dritten Kapitels, in dem unterschiedliche Darstellungen geistig behinderter Menschen auf ihre Tendenz zur Stereotypisierung hin verglichen werden. Im vierten und fünften Kapitel wird die Rolle behinderter Menschen in Fabeln und Märchen untersucht. Weitere Inhalte des Buches sind Darstellungen in Schulfibeln und Bildwörterbüchern, die Zurschaustellung behinderter Menschen auf Jahrmärkten und im Anatomischen Theater, das Thema des "Monstrums", die mediale Inszenierung fehlgebildeter Föten, die Vermarktung von Behinderung in der Werbung, behinderte Menschen als Künstler und Behinderung als Abschreckungsmodell.

Diese Vielzahl unterschiedlicher Aspekte, von denen hier nur ein Ausschnitt angedeutet werden kann, regt durchaus dazu an, sich mit einzelnen historischen Fragestellungen intensiver auseinander zu setzen. Ein Hauptmangel des Buches besteht jedoch vielleicht gerade in seiner inhaltlichen Fülle. Denn dem von Mürner zusammen getragenen Sammelsurium von Beispielen und Themen fehlt oft der allgemeine Bezugsrahmen. So entsteht trotz der wohlmeinenden und kritischen Absicht des Autors die Gefahr, dass die einzelnen Texte einer "schlechten Verdoppelung von Wirklichkeit" (Horkheimer/Adorno) Vorschub leisten, indem sie dazu neigen, historische Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen selbst wiederum als Schauobjekte zu instrumentalisieren, um eine gewisse Sensationslust des Publikums an geschichtlichen Monstrositäten und "Wundergeburten" zu befriedigen. Durch seine vorschnellen Bezüge zur aktuellen Medienrealität vergibt Mürner darüber hinaus die Chance, den Bedeutungsgehalt der von ihm analysierten Aussagen und Bilder vor dem sozio-kulturellen Hintergrund ihrer Zeit nachvollziehbar zu machen, statt sie moralisch zu verurteilen und dadurch sowohl ein Verständnis der Vergangenheit, als auch unserer Gegenwart zu erschweren.

Fazit

Mürners Buch bietet einen materialreichen Streifzug durch die Geschichte und Gegenwart der Darstellung behinderter Menschen in den Medien. Seine oft oberflächlichen und sprunghaften historischen Analysen können den im Buchtitel formulierten Anspruch einer "Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen" zwar nicht einlösen, geben dafür aber zahlreiche Anregungen und interessante Hinweise, die dazu einladen, selber in den historischen Quellen nachzulesen und weiter zu forschen. Im Kontext der politischen Diskussion um mehr Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und Autonomie behinderter Menschen, vermittelt das Buch einige brauchbare Argumentationshilfen und vermag möglicherweise das kritische Bewusstsein dafür zu schärfen, in welcher Weise die Massenmedien die gelebte Erfahrung und das öffentliche Erscheinungsbild von Behinderung verfremden und manipulieren.


Rezension von
Dipl.-Soz. Thomas Hoffmann
Universität zu Köln
Heilpädagogisch-Rehabilitationswissenschaftliche Fakultät
Seminar für Geistigbehindertenpädagogik


Alle 2 Rezensionen von Thomas Hoffmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Thomas Hoffmann. Rezension vom 10.02.2004 zu: Christian Mürner: Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen. Sensationslust und Selbstbestimmung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. ISBN 978-3-407-57200-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1001.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht