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Elke Driller, Ute Karbach u.a.: Ambient assisted living

Cover Elke Driller, Ute Karbach, Petra Stemmer, Udo Gaden, Holger Pfaff, Frank Schulz-Nieswandt: Ambient assisted living. Technische Assistenz für Menschen mit Behinderung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2009. 152 Seiten. ISBN 978-3-7841-1948-9. 19,00 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Über den Einfluss von Technik auf die Lebensführung

Technik, so wird von manchen Autoren behauptet, ist die zweite Natur des Menschen. Die Dominanz der technischen Mittel auf das Leben der Menschen wäre demnach nichts anderes als das Wirklichwerden eines Teils der menschlichen Natur – Technik als Evolution.

Das menschliche Verhaltensrepertoire wird durch technische Errungenschaften nicht nur Stück für Stück erweitert, sondern auch beschnitten. Es ist ein Mythos, dass die technische Entwicklung dem Menschen nur neue Optionen gebracht hat … der Tribut technischer Entwicklung und technischer Anwendung ist das Akzeptieren technischer Notwendigkeiten.

Bei dem deutschen Phänomenologen Martin Gessmann kann man nachlesen, was es braucht, um der technischen Entwicklung nicht kritiklos zu folgen: „Man muß nämlich einsehen, daß ein gelingender Umgang mit Technik nichts ist, was einfach vom Himmel fällt und das Glück, sich in einer technisch geprägten Umwelt wohl zu fühlen, eines ist, das zwar momentan gefühlt und geschätzt wird, aber auch nicht ohne gewisse Vorbereitung denkbar ist.“ (Gessmann 2010, 10) Diese Vorbereitungen sind konzeptioneller Art – Was ist Technik? Was für Notwendigkeiten stecken in der technischen Anwendung? Wie sieht ein gelingender Umgang mit Technik aus?

Was hat das mit Ambient-Assited Living (AAL) zu tun? „Der Begriff „Ambient Intelligence“ bezeichnet ein Paradigma der Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Alltagsumgebung, die Vision einer Welt, in der wir von intelligenten, intuitiv bedienbaren Geräten umgeben sind, die uns bei der Organisation und Gestaltung unseres täglichen Lebens – beruflicher und häuslicher Arbeit, Erziehung, Bildung, Freizeit, Urlaub, aber auch bei Krankheit – unterstützen.“ (Norgall 2009, 300) AAL ist die Fortführung dieses Paradigmas - „Unter dem Begriff Ambient Assisted Living (AAL) werden weltweit (senioren-)spezifische technische Anwendungen entwickelt. Diese Anwendungen sollen die alltägliche Wohn- und Lebenswelt so gestalten, dass sie das selbstständige Leben der Technikanwender möglichst optimal unterstützen“ (S.29)

AAL ist also ein Konglomerat verschiedener technischer Anwendungen, die einen konkreten Zweck verfolgen – Unabhängigkeit in der Lebensführung soll bis ins hohe Alter und auch im Zuge einer Erkrankung erhalten werden. Das Buch von Elke Driller et al. beleuchtet die Anwendung von AAL auf den Lebensbereich von Menschen mit Behinderung.

Technik ist aber auch immer mit Kosten verbunden – das Zusammenspiel zwischen einer immer stärker alternden Gesellschaft und den Kosten für das Gesundheitswesen ist offensichtlich - „The ageing population as well as the tight labor market put pressure on future health care.” (Schikhof 2010, 420). Wenn AAL als Lösung für bestimmte Probleme in der Wahrung von Unabhängigkeit und Selbstständigkeit sein soll, dann sollte auch dieser Aspekt kritisch begutachtet werden.

Autoren

Das Buch erscheint als wissenschaftliche Studie im Auftrag des Brüsseler Kreises (www.bruesseler-kreis.de) – einem Zusammenschluss großer evangelischer und katholischer Sozialunternehmen in Deutschland. Elke Driller, Ute Karbach und Petra Stemmer. sind am Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) der Humanwissenschaftlichen Fakultät und der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln, tätig.

Udo Gaden ist Projektkoordinator am Sozialwerk St. Georg Holger Pfaff leitet das Zentrum für Versorgungsforschung Köln (ZVFK) (www.zvfk.de). Frank Schulz-Nieswand ist Dekan der Wirtschafts-und Sozialwissenschaftlichen Fakultät (WiSo) Köln.

Ambient-Assisted Living – Ein Themenspektrum

Das Buch stellt sich dem Thema Ambient-Assisted Living (AAL) als Ergänzung und Unterstützung für die Betreuung und Versorgung von Menschen mit Behinderung. Es gliedert sich in sieben Kapitel, die sehr unterschiedlich sind, was Systematik, Duktus und Umfang angeht.

Das erste inhaltliche Kapitel – Zum Wandel der Behindertenhilfe (S.13-22) – greift kursorisch die Innovationsnotwendigkeiten und –möglichkeiten auf, die sich in den letzten Jahren herauskristallisiert haben. „Gesellschaftliche Veränderungen, rechtliche Neuerungen sowie Einführung des persönlichen Budgets haben einen Perspektivenwandel in der Behindertenhilfe erforderlich gemacht.“ (S.13)

Das einzige Kapitel zu ethischen Fragestellungen – Ethik und Achtsamkeit als Normmodell professionellen Handelns (S.23-27) – bleibt nicht nur vom Umfang her weit hinter den anderen Kapiteln zurück. Es werden Allgemeinplätze formuliert, höchstens ein paar Schlagwörter, die selbst wenig zum Verständnis der wirklichen moralischen Diskussionspunkte des Einsatzes von AAL im Behindertenbereich liefern – mehr noch: die von den tatsächlichen Ansatzpunkten einer prägnanten rationalen Kritikpunkten beim Einsatz von AAL im Behindertenbereich ablenken. „Die Implementation assistierender Technologien für Menschen mit Behinderungen ist zu verstehen als eine Spezialproblematik im Kontext des allgemeinen und grundsätzlichen Problemzusammenhangs, wie sich die Beziehungsmuster zwischen den Professionen und den Menschen mit Behinderung im Kontext der Angebotslandschaften der Sozialunternehmen und ihren betrieblichen Einrichtungen weiter entwickeln sollen. Die Potenziale der assistierenden Technologien werfen Ambivalenzprobleme auf, die vor dem Hintergrund der kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Entwicklung … allgemeine Entwicklungsprobleme der sozialen Professionen … betreffen.“ (S.23)

Das Folgekapitel – Technische Assistenz (S.29-90) – ist der umfassendste Teil des Buches. Es liefert in einem Unterkapitel einen theoretischen Blick auf den Einsatz von AAL im Behindertenbereich, desweiteren einen Blick in ausgewählte Länder, in denen AAL bereits in einigen Institutionen eingesetzt wird, sowie einen Blick auf fünf ausgewählte Projekte des Brüsseler Kreis. Das Kapitel ist somit das Kernstück des Buches – hier werden konkrete Projekte angesprochen, tatsächliche Schwierigkeiten in der Etablierung von AAL-Systemen besprochen, und schließlich gezeigt, was für gesellschaftliche (bzw. institutionelle) Rahmenbedingungen vorhanden sein müssen, damit es zu einem gelingenden Einsatz dieser technischen Hilfsmöglichkeiten kommen kann.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich daher auch mit der Technikakzeptanzforschung (S.91-104). Es liefert allgemeine Punkte zur Frage, was es bedeutet, wenn man von Technikakzeptanz spricht, über die Frage, anhand welcher Kriterien man feststellen kann, dass Technik tatsächlich akzeptiert wird, und einige Bemerkungen zur Innovationsfreudigkeit.

Im darauf folgenden Kapitel wird diese Perspektive dann auf den Behindertenbereich ausgedehnt – Technikakzeptanz in der Behindertenhilfe (S.105-133) – und referiert Ansätze zur Technikakzeptanzforschung mit den drei Gruppen: Mitarbeiter, Angehörige, Menschen mit Behinderung.

In den Schlussfolgerungen (S.135-140) werden die Implikationen für die Forschung und Praxis noch einmal kurz zusammengefasst.

Diskussion: Der Einsatz neuer Technologien in der Behindertenbetreuung – Systematische Aufarbeitung, oder doch nicht?

Der Brüsseler Kreis hat folgende These formuliert: „Eine soziale Vernetzung und die Möglichkeit einer Technischen Assistenz sichern Menschen mit Behinderungen ein unabhängiges Leben.“ (S.7) Sie stellt den Ausgangspunkt für die Bemühungen dar, mit Hilfe derer diese Sozialunternehmen den Menschen mit Behinderung in ihrer Obsorge ein besseres Leben gewährleisten möchten.

Dieser Ausgangspunkt wird auch konkretisiert: Die Autonomie und Würde behinderter Menschen hänge ab von (a) Der „Entwicklung und Inanspruchnahme von Netzwerken“ und (b) Den „Chancen und Möglichkeiten Technischer Assistenz“ (S.7)

Der Brüsseler Kreis stellt fest, dass „Sozialunternehmen der Behindertenhilfe … derzeit in Deutschland einem hohen Innovationsdruck [unterliegen]“ (S.13) und fügt sich damit einem Denken, dass durchaus als steigernde Ökonomisierung des Gesundheitswesens klassifiziert werden kann, und auch in Fachjournalen immer wieder bemüht wird: “The smart home concept is a promising and cost-effective way of improving access to home care for the elderly and disabled. Many research and development projects are ongoing, funded by international and governmental organizations.” (Chan 2008, 57)

Diese Kosteneffektivität alleine wird selten als entscheidender Grund vorgestellt: Es geht um Würde des Menschen, Selbstständigkeit, Empowerment, Autonomie … „Gegenwärtig ist Selbstbestimmung in der Behindertenhilfe und –politik wie auch in der Rehabilitationswissenschaft neben dem Begriff der Teilhabe das vorherrschende Konstrukt.“ (S.16) Der Technikeinsatz wird extern legitimiert – die Umstände sind es, die Technik notwendig machen und die Innovation fordern : Die bereits angesprochenen demographischen Entwicklungen (Alterspyramide), der Verfall der Kernfamilie, wachsender Individualisierungsdruck, sogar die Globalisierung werden angeführt (S.30-31), um den Einsatz von Technik als nicht nur möglich und dienlich, sondern sogar als notwendig zu formulieren. Der deutsche Philosoph Hans Jonas hat dieses Denken in der Maxime zum Ausdruck gebracht: "Handle so, dass keine der Dir zu Gebote stehenden technischen Möglichkeiten ungenutzt bleibt." und damit systematisch Raum geschaffen, dieses Denken auch zu kritisieren. Im Buch von Elke Driller et al. wird darauf nicht einmal Bezug genommen.

Für die Autoren muss Technik vor allem einfach sein (Usability) (S.37 ff.) und von den Anwendern muss erwartet werden können, dass sie neuer Technologie gegenüber aufgeschlossen sind (Technikakzeptanzforschung). Damit bleiben sehr wesentliche Punkte in der Diskussion von Technikanwendung außen vor, die unter Stichworten wie Technikfolgenabschätzung (technology assessment), Technikphilosophie oder Antiquiertheit des Menschen vor allem in der philosophischen Forschung thematisiert werden. Der Blick auf AAL, den die Autoren liefern bleibt eindimensional auf die Etablierung (Verkauf- und Marketing) von AAL-Systemen beschränkt. Die Konsumenten (behinderte Menschen) müssen einfach nur richtig auf Innovation vorbereitet werden (Technikakzeptanzforschung), und dann stehen den hehren Zielen wie „Autonomie“, „Würde“, Selbstständigkeit“ und „Empowerment“ nichts mehr im Wege – schon gar nicht die Technik selbst!

Natürlich trifft es zu, dass die Lebensgewohnheiten und die Lebensumstände behinderter Menschen durch den Einsatz von Aal-Systemen zu mehr Selbstständigkeit verändert werden können, was auch einschlägige Studien zeigen - „These findings give clear evidence that assisted living residents retained a strong value for independence and that independence had multiple dimensions of meaning. Independence in most cases was reduced to performing everyday ADLs, but the multidimensional nature of its meaning–as well as the ability of some residents to redefine particular dimensions–allowed residents with significant disability both to continue to perceive themselves as independent and to find satisfaction in their remaining abilities.“ (Ball 2004, 479). Von einem Buch, das aber AAL für einen bestimmten Lebensbereich vorstellen möchte, muss mehr erwartet werden können, als ausschließlich positive Jubelmeldungen über den Erfolg der Technik und die Innovationsgehemmtheit alter, oder behinderter Menschen.

Den Autoren gelingt es im ganzen Buch über nicht, eine Systematik zu entwickeln, die es ermöglicht, den Einsatz von AAL im Behindertenbereich angemessen diskutieren zu können. Es fehlen wichtige Verweise auf die aktuelle internationale Forschungsliteratur (das Thema AAL ist bereits Gegenstand mehrere internationaler Kongresse gewesen, vor allem im Bereich der Computerforschung, der Informatik, und der Kognitionswissenschaften). Philosophische oder soziologische Positionen, die Technik und deren Einsatz (systematisch) kritisch hinterfragen blieben gänzlich ausgespart. Ebenso ausgespart wurde die Frage, wie es mit Menschengruppen ist, die aufgrund ihrer Behinderung oder Erkrankung nicht mehr entscheidungsfähig sind (zur Diskussion um den Personenbegriff: z.B. Kersting 2001)

Fazit – Eine vergebene Chance

AAL-Systeme verfolgen ein einfaches, nachvollziehbares Ziel: “The majorIndependence in assisted living." Journal of Aging Studies 18(4): 467-483

  • Chan, M., D. Estève, et al. (2008). "A review of smart homes–Present state and future challenges." Computer Methods and Programs in Biomedicine 91(1): 55-81
  • Demiris, G. (2008). "Smart Homes and Ambient Assisted Living in an Aging Society. New Opportunities and Challenges for Biomedical Informatics." Methods of Information in Medicine 47(1): 56-57
  • Gessmann, M. (2010). Was der Mensch wirklich braucht - Warum wir mit Technik nicht mehr zurechtkommen und wie sich aus unserem Umgang mit Apparaten wieder eine sinnvole Geschichte ergibt. München (GER), Wilhelm Fink Verlag
  • Kersting, W. (2001). Der Personenbegriff im Kontext der Praktischen Philosophie. Person. Philosophiegeschichte - Theoretische Philosophie - Praktische Philosophie. D. Sturma. Paderborn (GER), Mentis: 325-336
  • Norgall, T. (2009). "Fit und selbstständig im Alter durch Technik." Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 52(3): 297-305
  • Schikhof, Y., I. Mulder, et al. (2010). "Who will watch (over) me? Humane monitoring in dementia." International Journal of Human-Computer Studies 68(6): 410-422

    Rezensent
    Mag. Harald G. Kratochvila
    Homepage www.kompetenz-coaching.at
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    Zitiervorschlag
    Harald G. Kratochvila. Rezension vom 13.09.2010 zu: Elke Driller, Ute Karbach, Petra Stemmer, Udo Gaden, Holger Pfaff, Frank Schulz-Nieswandt: Ambient assisted living. Technische Assistenz für Menschen mit Behinderung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2009. ISBN 978-3-7841-1948-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10020.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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