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Gabriel Falk, Jörg Meese (Hrsg.): Briefe an die Soziale Arbeit

Cover Gabriel Falk, Jörg Meese (Hrsg.): Briefe an die Soziale Arbeit. Ausgewählte Beiträge. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2010. 144 Seiten. ISBN 978-3-89918-183-8.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Autor/innen dieses Bandes setzen sich in Briefform mit „der“ Sozialen Arbeit in Deutschland auseinander. Sie reflektieren den Wandel Sozialer Arbeit im Zeitverlauf sowie die Herausforderungen, denen sich die Profession angesichts vorherrschender neosozialer Transformationsprozesse zu stellen hat. Die Herausgeber verorten sich mit ihrem Band innerhalb der laufenden Debatte um den „Zustand“ Sozialer Arbeit in Deutschland. Zur Realisierung des Projektes wurden Vertreter/innen unterschiedlicher Professionen gewonnen, die in drei von den Herausgebern verfassten Briefen (im Buch als „Anhang“ abgedruckt) folgende Aufgabe gestellt bekamen: „Was wollten Sie der Sozialen Arbeit schon immer einmal sagen?“ (S. 134). Die Herausgeber verfolgen damit das Ziel, Orientierungspunkte für die Praxis und eine Grundlage für die Weiterentwicklung Sozialer Arbeit zu schaffen (vgl. S. 132).

Herausgeber

Gabriel Falk ist Musiker und Yogalehrer (BDY), er lebt und arbeitet in Berlin.

Jörg Meese hat nach einem Studium der Sozialarbeit/Sozialpädagogik diverse Zusatzqualifikationen (Mediation, Qualitätsmanagement) erworben. Er ist u.a. Leiter der Stabsstelle Qualitätsmanagement im Landesverband der AWO Berlin.

Aufbau

Der erste Teil des Bandes enthält Briefe von acht Autor/innen an „die“ Soziale Arbeit.

Im zweiten Teil („Nachschau, kritische Würdigung und Perspektiven“) finden sich zwei Stellungnahmen bzw. Kommentierungen der Briefe.

In einem „Anhang“ sind die Anschreiben der Herausgeber an die Autor/innen abgedruckt. Kurzbiografien aller Autor/innen runden den Band ab.

Erster Teil

Brief 1: Autor Jürgen Mühl

Mühl verbindet in seinem Brief persönliche und fachliche Reflexion (basierend auf seiner 25-jährigen Berufspraxis in der Sucht- und Drogenhilfe) mit kurzen historischen Einsprengseln (z.B. zur Entstehung Sozialer Arbeit). Ausgehend von der Diagnose eines tiefgreifenden gesellschaftlichen (Werte-)Wandels (vgl. S. 9) gruppiert er seine Betrachtungen um die Begriffe „Menschenwürde“ und „Sinn“. Als aktuelle Spannungsfelder der Sozialen Arbeit benennt und beschreibt Mühl die Differenzen zwischen vorherrschenden, neoliberal geprägten gesellschaftlichen Werten auf der einen und einer an der Menschenwürde orientierten Praxis Sozialer Arbeit auf der anderen Seite. Abschließend fordert er von seinem imaginären Gegenüber ein selbstbewussteres, sich einmischendes Auftreten (vgl. S. 16), eine konstruktive Adaption von Managementinstrumenten (vgl. S. 18) sowie ein dialogorientiertes, strategisches Anpassen an sich verändernde Rahmenbedingungen (vgl.ebd.).

Brief 2: Autor Karlheinz Ortmann

Der Sozialpädagoge und promovierte Soziologe Ortmann (Professor für Gesundheitsorientierte Soziale Arbeit an der KHS Berlin) beginnt seinen Brief mit einer Rückschau auf seine ersten, 30 Jahre zurück liegenden und durchaus ambivalenten Erfahrungen mit „der“ Sozialen Arbeit: So sei ihm „im Studium und lange Zeit danach nie so ganz klar [gewesen, M.S.], was für eine Du [die Soziale Arbeit, M.S.] bist und was ich von Dir zu halten und zu erwarten habe.“ (S. 21). Während Ortmann mittlerweile zu einer beruflichen Identität und Fachlichkeit gefunden hat (vgl. S. 27f.) problematisiert er fehlende Entwicklungen bezogen auf Themen, Aufgaben und Rolle Sozialer Arbeit. Exemplarisch kritisiert er die marginalisierte Rolle Sozialer Arbeit, die sich – (hier: im Gesundheitswesen als „klinische Sozialarbeit“) – vermeintlich „stärkeren“ Disziplinen (Medizin, Psychologie, Soziologie) mangels autonomer Fachlichkeit unterordne (vgl. S. 22f.). Ortmann plädiert für eine selbstbewusste(re) Positionierung auf Basis „eigene[r] -„sozialarbeitsspezifische[r] – Verstehensmodelle und Handlungskonzepte“ (S. 25). Dabei findet er deutliche Worte für das in seinen Augen oftmals unprofessionelle Agieren der Praktiker/innen (vgl. S. 26). Entsprechend emotional wird sein Schreibstil gegen Ende des Briefes: „Es ärgert mich aber auch gewaltig, mitzubekommen, dass Klient/innen darunter leiden müssen, wenn Sozialarbeiter/innen, mangels Wissen und Engagement, Hilfen nicht adäquat erschließen und geben können“ (S. 27). Der Brief schließt mit der Forderung nach einer theoretisch und empirisch fundierten Professionalität in Forschung, Lehre und Praxis.

Brief 3: Autorin Annette Börner

Die Suchttherapeutin und Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin Börner (Projektleitung betreutes Einzelwohnen Berlin-Friedrichshain, Stiftung SPI) eröffnet ihren Brief mit ernüchterndem Einschlag: „Auf Partys und Familienfeiern fragt mancher Sozialarbeiter sich, ob es nicht allein schon deshalb besser gewesen wäre, z.B. Medizin zu studieren, um nicht immer mitleidig belächelt oder unbehaglich betrachtet zu werden, wenn er von seinem Beruf berichtet“ (S. 31). Börner klagt zunächst an: Sie problematisiert die fehlende fachliche Autonomie bzw. die fehlende Identität Sozialer Arbeit (vgl. S. 32ff.), kritisiert die unzureichende (Selbst-)Reflexivität der Praktiker/innen (S. 36) und die daraus resultierende unkritische Übernahme fachfremder Themen und Konzepte (vgl. S. 33). Börner fordert von ihrer „Adressatin“ klare Maßstäbe für Professionalität und zeigt die Konsequenzen auf: „Wenn Sie in der Zukunft nicht versagen wollen, müssen Sie den Mut haben, sich von Ihren Versagern [den kritisierten Praktiker/innen, M.S.] zu trennen“ (S. 39). Ihren „Problemdiagnosen“ schließt Börner Überlegungen zur gesellschaftlichen Wirksamkeit Sozialer Arbeit an (vgl. S. 40ff.). Abschließend formuliert sie offene Fragen bezogen auf eine zukunftsfähige Positionierung Sozialer Arbeit.

Brief 4: Autor Jörg Meese

Meeses Brief beginnt mit einer Problematisierung von Ökonomisierung und Dienstleistungsorientierung Sozialer Arbeit. In vier Thesen fordert der Leiter der Stabsstelle Qualitätsmanagement bei der AWO Berlin eine „direkte Beteiligung an Zukunftsplanungen von Projekten“ auf Basis einer fachinternen Bewertung (S. 44f.), eine Konsolidierung von Projekten auf unterschiedlichen Qualitätsniveaus (S. 46), eine zumindest in Teilen projektunabhängige Ausgestaltung Sozialer Arbeit bei gleichzeitiger Definition von Qualitätsstandards (S. 46f.) sowie die Auflösung des Missverhältnisses zwischen den „Projekte[n] Konkurrenz und Kreativität“ (sic! S. 47). Letzteres expliziert Meese wie folgt: „Da Soziale Arbeit sich aber zum großen Teil aus Engagement, Kreativität und dem Glauben daran, ‚das Richtige‘ zu tun, speist, darf [sic!] Konkurrenz und Angst vor Verlust nicht zum alleinigen Motor von Veränderung werden“ (S. 48). Evaluation und Selbstevaluation „auf dem Weg hin zu einer evidenzbasierten Sozialen Arbeit“ (S. 49) sieht Meese als Schlüssel zur überfälligen Reflexion und Fachlichkeit: „Dies stärkt langfristig die Marke der Anbieter und damit Deine Marke“ (ebd.).

Brief 5: Autor Gabriel Falk

Der Musiker und Yogalehrer Falk reiht in seinem „Brief“ Reflexionen aneinander, die seine innere Verbundenheit mit der Sozialen Arbeit ausdrücken. Nachdem er auf zweieinhalb Seiten über Sinn und Gestalt eines „öffentlichen Briefes“ an „ein Abstraktum“ (S. 53) inklusive der damit verbundenen Schwierigkeiten sinniert hat, folgt eine Art Selbstkritik: „Du [die Soziale Arbeit, M.S.] lachst, laut und ausgiebig. Du lachst über unsere [die Herausgeber, M.S.] Dummheit, unsere Beschränkung“ (S. 55). Die folgenden Passagen wirken gleichsam ergeben: „Dumm nur, dass wir ohne dich nicht wären, dass dein stetiges Handeln uns hervorbringt und wir ohne dich nichts können. Also dulden wir dich, wie eine Missgeburt, die wir nicht früh genug haben kommen sehen“ (S. 56). Vor diesem Hintergrund sucht Falk nach einer angemessenen Bezeichnung für seine Adressatin. Angeführt werden Begriffe wie „Brahman, Jehova, (…) das Sein“, aber auch „meine Liebe“, „meine Wunderbare“, „du Schöne, du Unfassbare“ uvm. (vgl. S. 56f.). Einen möglichen Aufschrei der Leser/innenschaft antizipierend (vgl. S. 57) fährt er, dessen ungeachtet, fort mit philosophisch-existenzialistisch angehauchten Überlegungen zu Schönheit (sic! S. 54), zur Balance (S. 58ff.) zum Sein an sich (S. 59) und zum Wesen Sozialer Arbeit (S. 59f.). Falk schließt den Kreis und endet, wie begonnen: mit Reflexionen über Sinn und Zweck eines derartigen Briefes.

Brief 6: Autorin Susanne Fischer

Die Krankenschwester und Medizinstudentin Fischer verzichtet auf die Briefform. Sie möchte ihren kurzen Beitrag als „Erfahrungsbericht“ gelesen wissen (S. 63). Fischer bringt die Missstände und Ambivalenzen, die sich innerhalb des Gesundheitssystems ausgebildet haben (hier: basierend auf eigenen Erfahrungen im Kontext der stationären Altenpflege), anhand konkreter Praxisbeispiele auf den Punkt. Insbesondere die hochbelastenden Folgen für die Heimbewohner/innen, aber auch die Herausforderungen und Aufgaben des Pflegepersonals werden eindrücklich beschrieben.

Brief 7: Autor Sylvio Fuchs

Aufhänger des Briefes von Fuchs (Staatswissenschaftler, Sozialamt Friedrichshain Kreuzberg Berlin) sind die gravierenden Veränderungen, die mit der Ökonomisierung Sozialer Arbeit im Kontext des aktivierenden Sozialstaates („Agenda 2010“) verbunden sind. Anhand seiner eigenen Berufssozialisation skizziert er die ambivalenten Entwicklungen innerhalb Sozialer Arbeit. Dabei spart er in seiner oftmals sarkastisch gefärbten Bewertung nicht an (Selbst-)Vorwürfen: Die Praktiker/innen Sozialer Arbeit hätten neoliberale Konzepte und Methoden als – positiv gedeutete-„Innovationen“ begrüßt und im Gefolge der Dienstleistungsmentalität viel zu spät realisiert, „dass die sozialen Aspekte in (…) [der, M.S.] Arbeit keine Rolle mehr spielten.“(S. 71). Fuchs fordert zunächst, Soziale Arbeit müsse die strukturellen Ursachen von sozialen Problemen „benennen und im Auge behalten“ (S. 74). Anschließend plädiert er dafür, die neuen Strukturen (z.B. des [Fall-]Managements und des Selbstmarketings) und, ja, auch die Chancen des neoliberalen Mantras („Fördern-und-Fordern“) zu nutzen: „Daran [am Fördern und Fordern, M.S.] sollst du dich orientieren und Erfüllungsgehilfe dieser politischen Intension [sic!] sein“ (S. 78). Nach diesem Appell zum konstruktiven Gebrauch sozialstaatlicher Rahmensetzungen rät er allerdings: „Löse dich von sozialstaatlichen Vorgaben“ (S. 78), um gleich darauf ein abschließendes Plädoyer für eine solche Rahmensetzung im Sinne eines aktiven Sozialstaates zu halten, welcher „dabei (…) ja nicht zwangsläufig seine aktivierende Rolle verlieren“ müsse (S. 79).

Brief 8: Autor Thomas Seerig

Seerig (Vorsitzender des Landesfachausschusses Soziales, Familie & Jugend der Berliner FDP) reiht in seinem Brief unverkennbar (neo)liberale Parolen aneinander: „Daher ist in unserer Gesellschaft Armut ein seelischer und kein materieller Begriff bzw. eine Frage der individuellen Befähigung zur Budgetallokation“ (S. 86). Entsprechend fordert Seerig die Soziale Arbeit auf, „ein stabiles Gleichgewicht zwischen dem unvermeidlichen ‚Durchfüttern‘ der Faulen und dem gesellschaftlichen Netz für Hasardeure zu finden“ (S. 97). Dieser Logik folgend müsse Soziale Arbeit ihre Zuständigkeiten kritisch prüfen, denn: „Wer nicht einmal versucht, sich selbst zu helfen, dem ist nicht zu helfen“ (S. 98). Vor diesem Hintergrund erhalten die folgenden Passagen zur Notwendigkeit einer aktiven Bildungspolitik einen entsprechend schalen Beigeschmack, ebenso die abschließenden Wünsche nach einer gemeinsamen „Suche nach dem besten Weg (…) und [einem, M.S.] gemeinsame[n] Ziel einer besseren und gerechteren Welt“ (S. 100).

Zweiter Teil

Im zweiten Teil „Nachschau, kritische Würdigung und Kommentierung“ setzen sich zwei Autoren mit den „Briefen“ auseinander.

Kommentierung 1: Frank Bettinger

Bettinger (Professor für Sozialpädagogik an der EFH Darmstadt) greift in seinem Beitrag den bereits in den 1970er Jahren (vgl. Peters 1973) geäußerten Vorwurf einer Kontur- und Positionslosigkeit Sozialer Arbeit auf, der an Aktualität – dies bestätigten die „Briefe“- nichts eingebüßt habe (vgl. S. 103). Die mittels der „Briefe“ (implizit, explizit oder unwissentlich) zu Tage geförderten Leerstellen und Irritationen liest Bettinger als Spiegel gegenwärtiger Sozialer Arbeit, als Belege für „eine Konturlosigkeit, die fachfremde, alltagstheoretische Stellungnahmen und Funktionszuweisungen herauszufordern scheint“ (S. 103). Empirische Studien zur Professionalität der Fachkräfte zitierend (vgl. Thole/Küster-Schapfl 1997; Ackermann/Seeck 2000) erinnert Bettinger daran, dass sich deren „berufliche soziale Praxis primär über subjektive Orientierungen und den privaten Lebensstil“ ritualisier(t)e; dies erkläre den fehlenden professionellen Habitus und die hieraus resultierenden diffusen Handlungsorientierungen (S. 105). Für eine kritische Soziale Arbeit sei hingegen die Entwicklung eines wissenschaftlich fundierten Relevanzsystems unabdingbar. Es gehe darum, gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu analysieren, Bedingungen sozialer Ausschließungsprozesse zu identifizieren und nicht zuletzt die Verwobenheit Sozialer Arbeit in eben diese Prozesse selbstreflexiv in den Blick zu nehmen. Auf dieser Basis könne die dringend überfällige (fach-)politische Positionierung stattfinden (vgl. S. 112). Bettinger arbeitet Merkmale einer „autonomere[n], (…) selbstbestimmtere[n] und politische[n] Sozialen Arbeit“ (S. 109) heraus und leistet damit einen – dem Gesamtband ansonsten fehlenden – Beitrag zur Emanzipation und theoretischen Fundierung Sozialer Arbeit.

Kommentierung 2: Felix Tretter

Tretter (Professor für klinische Psychologie an der LMU München) greift in seiner kurzen Kommentierung einzelne Aussagen und Forderungen der „Briefe“-Autor/innen heraus und wertet sie als „stabilen Zukunftsauftrag, gewissermaßen Zielvereinbarungen“ (S. 128), den bzw. die einzulösen Soziale Arbeit nunmehr aufgefordert sei (vgl. ebd.). Anknüpfend an einzelne Gedankengänge der Autor/innen plädiert Tretter für einen „Konsens zu einem ‚biopsychosozialen‘ Störungsmodell“ (S. 125), der einen Ausgleich zwischen den v.a. in den 1960er /1970er Jahren vorherrschenden psychosozialen und den gegenwärtig verbreiteten biologistischen Erklärungsmodellen sozialer Probleme schaffen könne (vgl. ebd.). Hier sieht er Ansatzpunkte für eine eigenständig handelnde Soziale Arbeit.

Diskussion

Das im „Anhang“ von den Herausgebern formulierte Ziel, die in diesem Buch veröffentlichten „Worte und Gedanken [mögen, M.S.] die Welt verändern“ (S. 134), ist Orientierungsrahmen (für die Autor/innen) und Messlatte (für die Leser/innen) zugleich. Dieser Anspruch wird, das sei vorweg genommen, nicht erfüllt. Die Adressatin der Briefe – „die“ Soziale Arbeit – ist weder als „Einheit“ noch als Subjekt greifbar. Zu heterogen sind Disziplin und Profession, als dass dieses stilistische Konstrukt einen weiterführenden Zugang ermöglichen könnte. Dies problematisieren auch Herausgeber Falk (vgl. S. 53) und Autorin Börner (vgl. S. 40). Ungeachtet dessen wird dieser Widerspruch ausgeblendet: „Ich bin der Ansicht, dass es (…) Allgemeingültiges gibt, sodass ich Sie ruhig weiter als Ganzes ansprechen möchte“ (S. 40). Nicht nur, dass es gewöhnungsbedürftig ist, sich auf die persönliche Anredeweise einzulassen. Zudem verhindert eine derartige Homogenisierung die tiefenscharfe Analyse von Widersprüchen und Ambivalenzen innerhalb des Konstrukts „Soziale Arbeit“. Verantwortlichkeit und Handlungsmöglichkeiten werden suggeriert, ohne dass ein (handlungsfähiges) Subjekt greifbar wäre: nicht „die Soziale Arbeit“ kann und muss Adressatin von Kritik und Reflexion sein - vielmehr sind die die Soziale Arbeit konstituierenden (diskursiven) gesellschaftlichen Praktiken und Machtstrukturen in den Blick zu nehmen. Erst dann werden die Verwobenheit der Subjekte (und auch „der Sozialen Arbeit“) in konkrete Strukturen und Praktiken und (alternative) Handlungsmöglichkeiten analytisch wie praktisch greifbar. An derartigen Perspektivierungen und Anschlussstellen mangelt es den „Briefen“. Das mag dem meist persönlichen Schreibstil geschuldet sein; es ändert jedoch nichts daran, dass eben dieser dem selbst gesetzten Anspruch (s.o.) zuwider läuft.

Ein Lektorat scheint ausgeblieben zu sein – neben zahlreichen Rechtschreibfehlern wimmelt es in einzelnen Beiträgen von grammatikalischen Fehltritten, ungelenken Formulierungen sowie einem verwirrenden Gebrauch von Absätzen und Substantivierungen. Der Lesefluss wird an vielen Stellen erschwert, manche Passagen wirken gänzlich sinnentleert, der Beitrag eines Herausgebers driftet in weiten Teilen an der Thematik vorbei (vgl. S. 53ff.). Zwei Beispiele seien hier herausgegriffen: „Vor allem schafft das ehrenamtliche Engagement von Außenstehenden das notwendige gesellschaftliche und auch politische Klima, dessen wir für unsere Arbeit bedürfen; nicht nur als Zuwendungsempfänger. Die Staatsknete, die wir bekommen, bzw. die Steuern, die wir wegen Gemeinnützigkeit nicht zahlen, müssen sich in der öffentlichen Meinung täglich bewähren“ (S. 90). Oder: „Im Verlauf unserer wissenschaftlichen Tradition haben wir uns darauf geeinigt, die Position aus der wir heraus etwas über etwas Aussagen [sic!], soweit wie möglich auszudehnen und den verbleibenden Rest des Involviertseins versuchsweise rauszurechnen oder zu ignorieren. (Der verbleibende Rest ist der Unterschied zwischen der Theorie bzw. dem Laborvorgang und der Verfahrenstechnik)“ (S. 136). Abgesehen davon, dass ein Kollektiv („wir“) unterstellt, jedoch an keiner Stelle expliziert wird, muss die Frage erlaubt sein, was genau der Autor der Leserin damit mitteilen will. Diese Beispiele mögen rücksichtslos ihres Kontextes entrissen wirken – es ließen sich allerdings zahlreiche mehr dieser Art anführen. Kurz: Bei allem Respekt dem Stilmittel „Briefform“ gegenüber - das Lesen des Buches wird an vielen Stellen zur Last, manche Passagen verwirren mehr als dass sie Denkanstöße geben und es stellt sich die Frage, ob und wie Beiträge diskutiert werden können, denen es gänzlich an argumentativer Logik mangelt. So vermischen sich innerhalb einzelner Beiträge Alltagsdeutungen mit Theorieansätzen unterschiedlicher Disziplinen (vgl. S. 31ff.), es wird unreflektiert Bezug auf konträre (oder neoliberale, vgl. S. 90) Menschenbilder oder Konzepte genommen (vgl. S. 50f, S. 67ff., S. 81ff.), Problematisierungen, Analysen und die hieraus resultierenden Schlussfolgerungen widersprechen sich (vgl. S. 43ff.), historische Rückblicke werden skurril verzerrt (vgl. S. 90), oft bleiben Argumentationsgänge unscharf und Forderungen inhaltsleer. Damit bleibt der Band jedoch nicht nur hinter seinem eingangs formulierten Anspruch zurück; vielmehr reproduzieren die einzelnen Beiträge genau jene „Diagnose“, die von den Herausgebern selbst, aber auch in der kritischen Fachdebatte formuliert wird: Soziale Arbeit agiert weitgehend theorielos, ziellos und damit positionslos.

Fazit

Idee und Anliegen des Projektes „Briefe an die Soziale Arbeit“ können als originell und anspruchsvoll bezeichnet werden - die Realisierung hingegen ist gescheitert.

Zu empfehlen ist dieser Band all denjenigen, die sich mit dem derzeitigen „Zustand“ Sozialer Arbeit intensiv befassen. Hier liefern die „Briefe“ eindrückliche Belege für die Notwendigkeit, sich mit der Verwobenheit Sozialer Arbeit in gegenwärtige Transformationsprozesse und der Rolle sowie der Berufsidentität ihrer Praktiker/innen empirisch wie theoriesystematisch auseinanderzusetzen. Dass dies mehr als überfällig ist, augenscheinlich jedoch nicht in Briefform gelingt, wird offensichtlich.

Weniger zu empfehlen sind die „Briefe“ Studierenden oder Berufseinsteiger/innen. Aufgrund der – möglicherweise dem Stilmittel „Brief“ geschuldeten – unsystematischen und persönlichen Darstellungsform vermischen sich Alltagstheorien, Meinungen, Stereotype, unterschiedliche disziplinäre Kontexte und Theoriebezüge auf mehr verwirrende denn erhellende Art und Weise.

Literatur:

  • Ackermann, F./ Seeck, D. 2000: SozialpädagogInnen/SozialarbeiterInnen zwischen Studium und Beruf. Wissen und Können in der Sozialen Arbeit: Motivation, Fachlichkeit und berufliche Identität – eine empirische Annäherung, in: Rundbrief Gilde Soziale Arbeit, 1, S. 21-38.
  • Peters, H. 1973: Die politische Funktionslosigkeit der Sozialarbeit und die „pathologische“ Definition ihrer Adressaten, in: Otto, H.-U./ Schneider, S. (Hg.): Gesellschaftliche Perspektiven der Sozialarbeit, Band 1, Neuwied u.a., S. 151-164.
  • Thole, W. /Küster-Schapfl, E.-U. 1997: Sozialpädagogische Profis. Beruflicher Habitus, Wissen und Können von PädagogInnen in der außerschulischen Jugendarbeit. Opladen.

Rezensentin
Maren Schreier
M.A. (Social Work), Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin. Freiberuflerin im Wissenschaftsbereich, u.a. Lehre und Forschung an Hochschulen in Deutschland, am Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung e.V. sowie an der FHS St. Gallen/CH.
Homepage www.bisa-bremen.de
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Zitiervorschlag
Maren Schreier. Rezension vom 01.02.2011 zu: Gabriel Falk, Jörg Meese (Hrsg.): Briefe an die Soziale Arbeit. Ausgewählte Beiträge. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2010. ISBN 978-3-89918-183-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10022.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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